scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Klopstock-Vertonungen in Schleswig-Holstein um 1800: Zum 300. Geburtstag des Dichters

Lassen, Matthias

Abstract

Aus Anlass des 300. Geburtstags des Dichters Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803) werden die für Schleswig-Holstein bzw. schleswig-holsteinische…

Full text

| 159 MATTHIAS LASSEN Klopstock-Vertonungen in Schleswig-Holstein um 1800 Zum 300. Geburtstag des Dichters Singung des Liedes, du übertriffst auch die schönere Sprechung1 Vielleicht ist es etwas kühn, wenn wir den Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803) hier über den Titel in den Vordergrund stellen und im selben Atemzug des ersten Satzes eingestehen wollen, dass es im Folgenden nur um die musikalische Seite der zu betrachtenden Vertonungen und um einige Hintergründe (die Komponisten und ihre Beziehungen untereinander betreffend) gehen soll, kaum aber um die Texte und die Klopstock so wichtigen Fragen der Behandlung der Versstruktur in der musikalischen Umsetzung.2 Als Hommage an den Dichter möge der vorliegende Text dennoch gesehen werden, auch in der indirekten Form. Anlass zur Beschäftigung waren – mehr noch als der runde Geburtstag des Dichters – die Klopstockvertonungen des Lübeckers Karl von Schlözer (1780–1859), denen bisher – d. h. in den vergangenen gut zweihundert Jahren ihrer Existenz – eine genauere Betrachtung versagt geblieben ist. Auch Schlözers Vertonungen haben sozusagen runden Geburtstag: Sie feiern ihren 200. Geburtstag, genauer gesagt sind sie 1819–1821 komponiert, und sie sollten zu Klopstocks 100. Geburtstag am 2. Juli 1824 erscheinen, dies verzögerte sich allerdings bis Mai 1825 (vgl. dazu Schlözers Selbstzeugnisse weiter unten). Über Schlözer hinaus sollen weitere nördliche Komponisten zumindest kurz ins Blickfeld geraten dürfen, mit der Beschränkung allerdings auf schleswig-holsteinische Namen, denn durch Klopstocks Wohnsitz in Hamburg ist diese Stadt bereits in den Fokus entsprechender Darstellungen gerückt worden.3 Damit wäre das Thema umrissen, d. h. es liegt keine speziellere vergleichende Fragestellung zugrunde, zumal sowohl die vertonten Texte als auch die Musikbeispiele unterschiedlich genug sind – immerhin reicht die Bandbreite der Texte vom in Gesangund Choralbüchern verbreiteten Auferstehn, ja auferstehn! über bekannte und oft vertonte Gedichte wie Das Rosenband oder Die Sommernacht hin zu Auszügen aus dem Messias oder den Heldengesängen der verschiedenen Hermann-Texte, und der Zeithorizont der 1 Friedrich Gottlieb Klopstock, erste Zeile des Epigramms Frommer Wunsch, HKA A II 1982, S. 64 (Nr. 201 Frommer Wunsch). 2 Der Autor möchte sich in diese Richtung nicht weiter vorwagen, vielmehr aus dem Panorama unbekannterer Komponisten Ergänzungen zur Diskussion und zum Gesamtbild beitragen. 3 Vgl. Hottmann 2017. – Koch 2003. – Schwab 2001. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2941-3362/p17 160 | Nordelbingen 90 Vertonungen umspannt mehr als sechs Jahrzehnte. Es handelt sich insgesamt hier mehr um einen musikalischen Blumenstrauß anlässlich des Dichter-Geburtstages, um eine Blumenlese – so wäre die zeitgenössische Titelgebung, wie man sie bei Carl Friedrich Cramer, Johann Friedrich Reichardt und anderen finden kann –, und so suchen wir der Anschauungswelt der hier zu beschreibenden Zeit gerecht zu werden. Kunzen, Cramer und Klopstock Die Studie von Heinrich W. Schwab zu den Klopstockvertonungen Friedrich Ludwig Aemilius Kunzens (1761–1817) erschien zum 200. Todestag des Dichters 2003,4 wir nehmen sie hier zum 300. Geburtstag wieder auf. Kunzen ist auch deswegen ein passender Einstieg in das Gesamtthema, weil mit ihm gleich zu Beginn als wichtiger Vermittler Carl Friedrich Cramer (1752–1807) in Kiel berücksichtigt werden kann: Cramer war nicht nur mit Klopstock persönlich bekannt war und hat sich bekanntlich enthusiastisch für den Dichter in Publikationen eingesetzt,5 sondern war selbst wiederum mit zahlreichen Komponisten befreundet, so dass er als eigentlicher Motor einer schleswig-holsteinischen Klopstock-Rezeption im Musikalischen gelten kann. Ohne ihn hätte Kunzen wohl nicht Klopstock vertont, wären die Oden von Christian Gottlob Neefe nicht in Flensburg im Druck erschienen und hätte auch Peter Grönland wohl nicht seine weiter unten zu beschreibende Klopstock-Begeisterung entwickelt. Die folgenden bei Schwab beschriebenen, gedruckten Vertonungen Kunzens liegen alle im engen Veröffentlichungszeitraum 1783–1790, in Klammern ergänzen wir die Bezeichnungen des 2015 erschienenen Werkverzeichnisses:6 1) 1783 die Vorbereitung zum Tode für zwei Sopräne mit Klavierbegleitung in Cramers Blumenlese7 – dem Notenband zum Magazin der Musik – (A.VI.1), die auch in Partiturhandschrift für Sänger (2 S, T), Chor, Orchester und Orgel existiert (A.III.2), – 2) 1787 zwei Ausschnitte im Klavierauszug aus Hermann und die Fürsten in Cramers Flora (B.III.2 Bardengesang und Herminonens Tanz, auch als handschriftlicher Stimmensatz der Fassung für Soli, Chor und Orchester existierend), – 3) 1788 Teile aus Hermanns Schlacht im Flensburger/Leipziger Druck der Kortenschen Buchhandlung Weisen und Lyrische Gesänge (A.VI.20.47 Auf Moos’ am lustigen Bach, und A.VI.20.48 In deinen Thälern, Einsamkeit), – 4) 1789 in Kunzens Sammlung Zerstreute Kompositionen aus Hermanns Tod das Fischerlied und das Hirtenlied (B.III.4), – dann 5) 1790 der komplette Klavierauszug Hermann und die Fürsten als Polyhymnia VIII (B.III.2), sowie außerdem 1791 ein Wiederabdruck zweier Ausschnitte aus Hermanns Tod (B.III.4 Fischerlied) und Hermann und die Fürsten (B.III.2 Chor Folgt ihr, sie ist es) im Musikalischen Wochenblatt.8 Man kann also hier von einer biographisch auf eine frühe Schaffensphase begrenzten, aber intensiv-gründlichen Beschäftigung mit Klopstock sprechen. Bevor wir uns schwerpunktmäßig den später liegenden Schlözer-Vertonungen zuwenden, sind Kunzens Klopstock-Werke auch deshalb ein gutes Prälu4 Schwab 2003. 5 Vgl. Schmidt 2005. – Schwab 2005. 6 Wald-Fuhrmann 2015, S. 268–315 (Werkverzeichnis, erstellt von Michaela Kaufmann). 7 Den nur inoffiziellen Titel Blumenlese gab Cramer selbst seinen Musikbeilagen, vgl. Cramer 1783b, S. 817. 8 Vgl. die einzelnen Drucknachweise zu Kunzen im Literaturverzeichnis. M. Lassen: Klopstock-Vertonungenin Schleswig-Holstein um 1800 | 161 dium, weil sie auch für Kunzens eigenes Œuvre so etwas wie ein Präludium abgeben. Schwab beschreibt, wie Cramer in Kiel den jungen Jurastudenten Kunzen fördert und zur Veröffentlichung seiner Kompositionen anregt, und Cramer selbst beschreibt dies 1787 in der Vorrede zur Flora so: »ich maaße mir hierbey das Verdienst einiges Einflusses meiner Bitte auf seine ohnedem schon brennende Liebe für Klopstock an«,9 auch hatte Cramer seine Pläne zu Veröffentlichungen aller drei Hermann-Vertonungen von Kunzen im Brief an Klopstock mitgeteilt und dem Komponisten darin bescheinigt, er hätte an »kräftigem Ausdruck, Simplicität des Gesangs, und tieferem Gebrauche der Harmonie« gewonnen.10 Die Vorbereitung zum Tode ist zudem, so Schwab, »möglicherweise die erste Komposition Kunzens überhaupt, die im Druck erschienen ist«.11 Ab 1784 war Kunzen dann schon in Kopenhagen tätig, aber die Klopstock-Aktivitäten setzten sich fort, etwa im Salon der Dichterin Friederike Brun, wo Cramer bei seinem Kopenhagenbesuch Klopstock-Texte vorlas und eventuell auch – Schwab beschreibt eine Notenausgabe mit Eintragungen, die das nahelegt – Kunzen seine Musik zu Hermann und die Fürsten den Zuhörern vorstellte.12 Damit ist auch für Kopenhagen der Kreis angesprochen, in dem Cramer, Kunzen, wie auch Peter Grönland, J.A.P. Schulz, der Dichter Jens Baggesen und andere aktiv tätig waren. In den einzelnen Biographien der kulturellen Akteure dieser Zeit in Kiel wie in Kopenhagen findet man dieses produktive Netzwerk jeweils dargestellt. Nach 1790 hat Kunzen allerdings keine weiteren Klopstocktexte vertont, der vollständige Klavierauszug von Hermann und die Fürsten schließt somit diese Reihe, während die beiden anderen Zyklen Hermanns Schlacht und Hermanns Tod nicht vollständiger ausgearbeitet worden und nur die genannten knappen Auszüge gedruckt worden sind. Dass infolge der Auseinandersetzung um Kunzens Oper Holger Danske (1789), die eine heftige nationale Kontroverse wurde, die patriotische Emphase Klopstocks ohnehin kaum noch eine Würdigung in Dänemark finden konnte, erklärt zumindest teilweise die Tatsache, dass Kunzen nach diesen Ereignissen auch später nicht zu Klopstock-Texten zurückkehrte.13 Auch war der Inspirator Cramer seit seiner Amtsenthebung 1794 und dem Wegzug nach Paris als treibende Kraft nicht mehr in der Nähe wirksam. Zur Beschreibung der Musik verweisen wir auf Schwab, bieten aber die Vorbereitung zum Tode in besser lesbarer Form im Anhang 1 zum Musizieren an.14 Nur eine kleine Stelle aus Hermann und die Fürsten sei doch direkt musikalisch-analytisch ins Blickbzw. Gehörfeld gerückt wegen ihrer Auffälligkeit: Hier findet sich auf Seite 68 des Klavierauszugs von 1790 folgende harmonisch wie melodisch besonders dicht gestaltete Stelle (der ganze, nur 16 Takte umfassende Abschnitt, der mit Grazioso überschrieben ist, findet sich im Anhang 215). 9 Cramer 1787, S. XIV (Vorrede, datiert »Kiel, den 26. April 1787«). 10 Schwab 2003, S. 125. – HKA B VIII/1 1994, S. 71–72, Brief Cramer an Klopstock, datiert 20.4.1785. 11 Schwab 2003, S. 116–117. 12 Schwab 2003, S. 119. 13 Vgl. Schwab 2003, S. 138–141. 14 Vgl. Anhang 1: https://doi.org/10.38072/2941-3362/s1 . 15 Vgl. Anhang 2: https://doi.org/10.38072/2941-3362/s2 . 162 | Nordelbingen 90 { { { { O Som mer -mor -gen, -wie leuch test -du durch des Hai nes -grü ne - Nacht. O Som mer -mor -gen, -wie leuch test -du durch des Hai nes -grü ne - 4 Sanft, wie der Ge lieb -te, -dem die Braut die er sten -Waf fen -um krän -zet -hat! 8 6 C‹5D7 G7 C7 F lieb te, -dem die Braut die er sten -Waf fen -um krän -zet -hat! 13 6 8 6 8 6 8 6 8 6 8 6 8 6 8 6 8 6 8 &b Grazioso. [Klopstock; 7. Szene, KA 1790, S. 68] [aus: Hermann und die Fürsten] F.L.Ae. Kunzen &b ?b &b &b ?b &b 1234 &b ?b 1234 &b &b ?b œ Jœœ Jœjœjœjœœjœjœ Jœjœœjœœj œ œ Jœ œœœ œœ œœ œœ œœ œœœ œœ œ œ œœ œœ œœœ œœ œœœ œ ‰œ™œ™œ™œ™œ™œ™ œ‰ Œ œ Jœœ Jœjœjœjœœjœjœ Jœjœœjœœj œ œœ œœ œœ œœ œœ œœ œœœ œœ œœ œœ œœ œœœ œjœ œ œ œœ œœ œœœ œœ œœœ œ ˙™œ™œ™œ™œ™œ™œ™ œ™ jœrœrœrœ œ Jœœjœn œjœb œjœ™ jœrœœ œ œjœ‰ œ œœœ œœ œ bœœ œœ œ# œœ œœ œn œœœ <n>œ œb <n>œœ œœ™œœœ œœ™œ œ œ™œ œjœ‰ œœ Jœ™œ™œ™œ™œ™œœœ œ œ™œjœ œœœ œ œ Jœœjœn œjœb œjœ™œœœ œ œjœ‰ Œ œ œ bœœ œœ œ# œœ œœ œn œœœ <n>œ œb <n>œœ œœ™œœœ œœ™œ œ œ™œ œjœ™Œ œ™œ™œ™œ™œ™œœœ œ œ™œjœ™ œ™Œ Notenbeispiel 1: Kunzen, Hermann und die Fürsten, Klavierauszug S. 68, T. 8–12. Der vierfache Quintfall im Bass (a–d–g–c–f) wäre allein schon eine harmonische Besonderheit, wobei insbesondere schon der erste Akkord dieser Quintenstrecke – beschreibbar in seiner Struktur als c-moll oder a-vermindert mit Septime – einen deutlichen Farbumschwung bewirkt. Es lässt sich aber auch staunen über die Terzenreihung im Gesang: Vier Terzen hintereinander (klein–groß, sequenziert klein–groß) gleiten mit jeweils chromatisch nach unten geschobenem Startton (c–h–b–a) abwärts, eine seltsame, aber dennoch sanfte Häufung dieses Intervalls, die sich wohl nur sehr selten überhaupt so finden lässt – eingefügt in einen klaren, klassischen Viertaktrahmen, der von C-dur (T. 8) nach F-dur (T. 12) führt. Klopstock selbst hat, durch unermüdliche Vermittlung Cramers, die Vertonungen Kunzens gekannt und geschätzt, so wünschte er sich 1787 die Vertonung eines Textes »am liebsten durch Schulz, aber gewiß auch gern durch Kunzen«,16 und auch direkte Begegnungen mit Kunzen sind als sicher anzunehmen, aber konkret schwer fassbar.17 Wir wollen hier nach Betrachtung des musikalischen Ausschnittes noch einen brieflichen Ausspruch Julia Reventlows anfügen, der sich zwar auf Herminonens Tanz aus Hermann und die Fürsten (Textbeginn: Das Mädchen bringt des Haines Kranz) bezieht, aber das Musizieren der Kunzenschen Musik in Hamburg durch Juliane von Winthem beweist18 und vielleicht auch auf die oben musikalisierte Bekränzung des Geliebten passen möchte: »Sagen Sie Windeme entsetzlich viel schönes von mir – – Ich smachte nach den Accompagnement zu den Liede von Herminone wie sie Hermann den Kranz bringt«.19 Es handelt sich wie gesagt nicht um das oben analysierte Werk, aber das Lob des Accompagnement kann hier wohl auch wie analytisch gezeigt auf die Bekränzung in der Vorbereitung zum Tode übertragen werden. 16 Klopstock an Gräfin Auguste Bernstorff in Kopenhagen, Hamburg 14.12.1787, HKA B VIII/1 1994, S. 108–109. 17 Schwab 2003, S. 119. 18 Schwab 2003, S. 119. 19 Juliane Reventlow an Klopstock und Johanna Elisabeth von Winthem, Kopenhagen 18.12.1784, HKA B VIII/1 1994, S. 51. M. Lassen: Klopstock-Vertonungenin Schleswig-Holstein um 1800 | 163 Karl von Schlözer (1780–1859) – Acht Oden von Klopstock op. 9 (1819/1825) Der Sprung von Kunzen zu Schlözer ist groß: Weit liegt Schlözer zeitlich entfernt vom Kreis um Cramer, und als Schlözers Oden erscheinen, ist Kunzen bereits einige Jahre und Klopstock bereits seit über 20 Jahren tot. Schlözer versieht seine Acht Oden von Klopstock mit dem bekenntnishaften Untertitel In Musik gesetzt mit Begleitung des Pianoforte und den Verehrern dieses unsterblichen Dichters am 2ten July 1824 zugeeignet von K. von Schlözer in Lübeck. 9tes Werk. Der Gesangstücke 4tes Heft. Sie sind eine eigentümliche und interessante Sammlung: Zu jedem Lied notiert Schlözer das genaue Datum der Komposition, außerdem zu den meisten Texten (nicht zu Edone und Rosenband) nach Klopstockschem Vorbild das Betonungsschema – vorangestellt und auch über der Gesangsstimme – sowie weitere Informationen zu den Texten.20 Die Veröffentlichung im Mai 1825 berichtet Schlözer in dem von ihm selbst verfassten Textmanuskript zu seiner Musik, das sich im Lübecker Stadtarchiv befindet und im Folgenden in extenso zitiert wird, bevor die Lieder, vor allem Die Sommernacht, etwas genauer analysieren werden. Sein Manuskript hat Schlözer überschrieben mit Die Compositionen | von | Karl von Schlözer | von ihm geschrieben aufgesetzt 9 Mai 1826 | und mit späteren Zusätzen.21 Das Manuskript umfasst 18 unpaginierte Seiten sowie einen beiliegenden kleinen Zettel, die erste Seite bringt nur den Titel, der Text beginnt auf Seite 2 mit einer Vorbemerkung und unten auf der Seite mit dem weiteren (Unter-)Titel Meine musikalischen Versuche (wir zitieren im Folgenden aus diesem Manuskript mit Seitenzahlen). Die Klopstock-Oden op. 9 nehmen auffällig viel Raum im Selbstbericht zu den bisher erschienenen Kompositionen ein, was zum einen daran liegen wird, dass die Komposition zum Zeitpunkt der Niederschrift noch nicht allzu weit entfernt lag, zum anderen kann man auf eine besondere Wertschätzung Schlözers gerade dieser eigenen Komposition schließen. Breiten Raum nehmen in Schlözers Bericht zu op. 9 die Reaktionen kundiger Zeitgenossen ein, während er die Klopstock-Vertonungen von Reichardt, Zelter, Zumsteeg und Gluck nach eigener Aussage nicht gekannt habe: »Oevr: IX. Acht Oden von Klopstock sollten schon den 2ten July 1824 erscheinen, erschienen aber erst im May 1825. Schon 1819 fing ich mit der Composition dieser Oden an, bemerke jedoch, daß ich durchaus ohne irgend ein Vorbild dieß gewagt habe. Lange nachher kamen mir erst die Gluckschen in die Hände, die ganz verfehlten Neeffschen lernte ich aus Forkels Bibl. kennen, die Reichardtschen sind mir nie vorgekommen, ebensowenig die Zelterschen. Zumstegs mislungenen 2 Oden fielen mir auch erst nachdem alles fertig war in die Hände. Genug meine Bearbeitung ist ganz mein eigenes Werk, ohne alles Vorbild. Nach dem Jahre 1819 als die ersten 7 Oden fertig waren, theilte ich das Manuskript dem Bürgermeister Overbeck, der Klopstock (und Gluck) ebenso verehrte als ich, mit, unter den 3ten Decbr 1820 schrieb er mir darauf folgendes:«22 20 Vgl. Exemplar der Stadtbibliothek der Hansestadt Lübeck (Mus P 107 Ex 2): https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:gbv:48-1-4024744, sowie Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek München (4 Mus.pr. 66484): https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12bsb00107221-1. 21 Stadtarchiv der Hansestadt Lübeck, Bestand 05.5 Schlözer, Nr. 12 Künstlerische Tätigkeit, Kompositionen etc., darin: Die Compositionen | von | Karl von Schlözer | von ihm geschrieben aufgesetzt 9 Mai 1826 | und mit späteren Zusätzen [= Schlözer, Compositionen 1826]. 22 Schlözer, Compositionen 1826, S. 8. 164 | Nordelbingen 90 Für die Vertonungen von Neefe verweist er auf Forkels Musikalisch-kritische Bibliothek, in der schon 1778 eine Rezension der Klopstock-Oden von Neefe zu lesen gewesen war.23 Schlözer zitiert dann im Folgenden den Brief von Christian Adolph Overbeck an ihn, der auch im Original im selben Archivbestand erhalten ist. Wir werden daher den Brief aus dem Original wiedergeben und auf die Klopstock-Vertonungen von Overbeck später noch zurückkommen: »Ew. Hochwohlgebohren bitte ich recht sehr um Verzeihung wegen des langen Behaltens Ihrer Noten. Da Sie für die Klopst. Kompositionen den Grundsatz der Einheit im Mannichfaltigen, oder des Durchführens des Ganzen lediglich aus dem Thema, ablehnten; so veranlaßte mich dies, länger darüber nachzudenken, welchen eigentlichen Special=Charakter – auf welchen etwa jener Grundsatz nicht so ganz paßte – Sie dieser Gattung Ihrer geistreichen Kompositionen wohl hätten beilegen wollen. Und da will mir´s denn nun scheinen, als hätten Sie die Form: Accompagnement, untermischt mit Arioso, beabsichtigt. Irre ich hierin nicht; so mögte ich doch gleichwohl Ihrer näheren Prüfung anheim geben, ob nicht 1) die recitativischen Stellen hin und wieder, mit Vermeidung der häufigen Wiederholung Einer und Derselben Note, mehr Melodie, und 2) die Arioso=artigen Passagen jeder Ode, mehr Ähnlichkeit unter einander, erhalten könnten. Ich beziehe mich, wegen beider Bemerkungen, auf Grauns Tod Jesu, und ähnliche Werke. – Unter Wiederholung meines ergebensten Dankes für das gütige Geschenk, bitte ich Ew. Hochwohlgebohren, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochschäzung zu genehmigen. v. H. d. 3 Dec. 1820. CAOverbeck«24 Die von Overbeck angesprochenen Gestaltungsaspekte des Rezitativischen (mit ›Accompagnement‹) und der lyrischeren Gestaltung als ›Arioso‹ zusammen mit dem Bezug auf Graun verweisen auf die ältere Begriffswelt, die Overbeck hier anlegt, und in der er selbst in seiner schon weiter zurückliegenden Kompositionstätigkeit beheimatet war, der sich aber Schlözer kaum noch verpflichtet fühlen musste. Allerdings lassen sich die kritisierten bzw. angemerkten Punkte (längere Tonrepetitionsstrecken, Bevorzugung neuer melodischer Gestaltungen gegenüber »Ähnlichkeit unter einander«) in den Liedern durchaus finden (vgl. die Analyse der Sommernacht). Dass Overbeck hier das Rezitativische stark betont, obwohl es in den Schlözer-Liedern gar nicht so ausgedehnt vorkommt (vgl. Analyse), zeigt vielleicht einen größeren Respekt vor der Sprachstruktur, den die ältere Komponistengeneration eher ausgezeichnet haben mag als die jüngere. Anschließend erwähnt Schlözer, dass Johann Hermann Clasing (1779–1829) in Hamburg das Korrekturlesen übernommen hatte und erwähnt als weiteren Kontakt nach Hamburg die Komponistin Louise Reichardt (1779–1826) und ihre briefliche Reaktion zu seinen Oden-Kompositionen. Schlözer, Clasing und L. Reichardt kann man als ungefähr gleichaltrige, auch ästhetisch verwandte Komponistengeneration ansprechen, zudem wird damit auch Schlözers gute Vernetzung zu musikalischen Fachkollegen deutlich. Hier Schlözers Bericht: 23 Forkel 1778, S. 211–226. 24 Stadtarchiv Lübeck, 05.5 Schlözer, Nr. 12 Künstlerische Tätigkeit, Kompositionen etc., Brief Overbeck an Schlözer 3.12.1820. Dieser Brief hat vorweg und am Schluss je einen Satz mehr als Schlözer, Compositionen 1826, S. 8–9, zitiert, und ist hier vollständig mit originaler Interpunktion und Orthographie wiedergegeben. M. Lassen: Klopstock-Vertonungenin Schleswig-Holstein um 1800 | 165 »Allein ich änderte an meiner Arbeit im Wesentlichen nichts, sondern feilte nur immer daran. Nachdem Clasing die erste Correctur gemacht hatte, ließ ich mir die Bogen kommen und änderte den Schluß des Rosenbandes, nach 3/4 Tact; dieß war eine der letzten wesentlichen Veränderungen und darf ich glauben, daß sie der Ode sehr genützt hat; aber auch außerdem fand ich, wiewohl Clasing die Correctur schon gemacht hatte, noch manches zu ändern. Allein es sind doch noch manche Fehler stehengeblieben die ich in dem hierin befindl Ex: verbessert habe.«25 Schlözer spricht nachträgliche Fehlerverbesserungen an, möglicherweise handschriftliche, die sich allerdings in keinem der konsultierten Exemplare finden.26 Wir lassen hier den bei Schlözer dann wiedergegebenen Brief Louise Reichardts aus dem Original folgen, nur der letzte Satz und die Schlussformel fehlen im Schlözer-Manuskript: »Hambr: d 24t Apr: 1825. Ihre gütige Zuschrift ist mir die angenehmste Veranlassung Ihnen, meinen warmsten Dank für Ihr schönes Werk selbst darzubringen. Aber mehr als Dank und innige Theilnahme dürften Sie von bescheidenen Frauen nicht erwarten; von mir um so weniger, da ich schon seit mehreren Jahren27 so eingenommen bin, für diese Ihre lieblichen Schöpfungen, daß ich gar kein Urtheil darüber habe. Ich kann nicht einmahl sagen dies oder jenes gefällt mir vorzüglich, indem immer dasjenige womit ich eben beschäftigt bin mir das Schönste zu seyn scheint. Wenn es möglich wird declamt:28 u. Gesang so vollkommen zu vereinigen, so fühlt das Musikal: Ohr daß diese beyden eigentlich nie getrennt seyn sollten; giebt dann der gute Geist noch so wunderschöne Harmonien, so kann es nicht fehlen daß jedes gefühlvolle Herz davon ergriffen, ja hingerissen wird. Nehmen Sie diese aufrichtigen Zeilen so freundlich hin als ich sie gebe, es dankt Ihnen mit mir manche liebe Schülerin, deren einige Ihre köstlichen Oden gar schön vortragen. Mit der Bitte mich Ihrer verehrten Gemahlin zu empfehlen unterzeichne ich Hochachtungsvolle Ihre ergebene L: Reichardt«29 25 Schlözer, Compositionen 1826, S. 9–10 26 In der Stadtbibliothek der Hansestadt Lübeck gibt es zwei Exemplare, in denen zwar im Druck nachträgliche in den Stich eingefügte Ergänzungen (Notenköpfe etc.) sichtbar sind, aber keine handschriftlichen Eintragungen. 27 Schlözer, Compositionen 1826, S. 10, schiebt hier eine kurze Anmerkung ein: »(Anm: L. R. hatte das Mscrpt durch Clasing längst gehabt)«. 28 Schlözer, Compositionen 1826, S. 10, schreibt hier in Auflösung der Abkürzung »declamation«. 29 Stadtarchiv Lübeck, 05.5 Schlözer, Nr. 12 Künstlerische Tätigkeit, Kompositionen etc., Brief L. Reichardt an Schlözer 24.4.1825, der genauso beginnt, aber am Schluss noch einen Satz zusätzlich enthält plus Unterzeichnung, im Vergleich zu Schlözer, Compositionen 1826, S. 10–11. 166 | Nordelbingen 90 Eine grundsätzlich positive Rezension zu den Oden Schlözers war in der Allgemeinen musikalischen Zeitung 1826 erschienen, sie sei ihm am 9. Mai 1826 zu Gesicht gekommen, berichtet Schlözer und zitiert sie dann vollständig (hier wiedergegeben nach dem Druck der Zeitschrift): »Das Werk hat in gewissen Zugaben ein ungewöhnliches, man möchte sagen, diplomatisches Ansehn. Geweihet den Verehrern des Dichters »am 2ten Jul. 1824;« ein Motto aus Klopstock, womit man den Componisten necken könnte; zu jedem Stücke die Bemerkung, wann Hr. v. S. es componirte, (Tag und Jahr,) und aus bekannten Schriften über Kl., wann dieser es dichtete, nebst Cramers Nachweisungen über die Veranlassung u. dgl.; bey jeder Nummer, wo Kl. das Metrum angegeben, diess Schema wiederholt und dann sogar auch in der Singstimme über jeder Sylbe und ihrer Note das (–) und (v) angezeigt! als wenn das nicht in der Musik selbst liegen müsste u.s.w. Zu Kl.´s Oden, sehr wenige ausgenommen, Musik zu liefern, die auch als Musik wirklich interessire und nicht bloss trockne Declamation liefere: das ist schwer, weil diese Gedichte und unsere neuere Musik eigentlich nach entgegengesetzten Polen hinsteuern. Hr v. S. hat mit Einsicht und unverkennbarem Fleisse seine Musik den Gedichten im Ganzen und Einzelnen nahe angepasst, und doch auch eine Musik geliefert, die als Musik nicht ohne Interesse und zuweilen von wahrhaft schöner Wirkung ist. Man vergleiche z. B. No. 1., besonders S. 3. die Schlussstrophe in Moll; No. 3. S. 6. Edone. Wir zweifeln nicht, dass hiermit, wie mit nicht Wenigem in der Folge, selbst Kl. zufrieden gewesen wäre; und das will viel sagen, denn er war über die Musik zu seinen Gedichten überaus schwierig und krittlich bis zur Pedanterey. Auch die Wahl der Gedichte ist mit Einsicht getroffen; selbst das zeugt dafür, dass nur kurze ausgehoben sind, weil bey längeren, also behandelt, Monotonie kaum zu vermeiden seyn würde. So können wir diese Sammlung Verehrern Kl.´s, die seine Oden nicht bloss lesen, sondern auch singen wollen, aus Ueberzeugung empfehlen, und brauchen Kleinigkeiten – wie, dass die Melodie, das Rosenband, S. 10., zu nahe an eine weit frühere, von Reichardt oder Zelter erinnert; dass bey aller Genauigkeit in der rhetorischen30 Declamation, die musikalische hin und wieder noch nachgebessert werden könnte, z. B. S. 12, wo der »Mond« durch den Sprung einer Quinte in der Melodie zu sehr hervorgehoben wird – wir brauchen, sagen wir, dergleichen Kleinigkeiten nicht aufzustechen. Stich und Papier sind gut.«31 Die Rezension konzediert also die unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten der Poesie und der Musik als entgegengesetzte Pole, es klingt aber eher danach, dass beide zu ihrem Recht kommen dürften, zumindest aber dass Klopstock selbst »zufrieden gewesen wäre«, während Forkel 1778 noch deutlich strenger von fast »unübersteiglichen Schwierigkeiten« der Vertonung geschrieben hatte, die Klopstock den Komponisten bereite.32 Im Anschluss berichtet Schlözer dann noch von zwei Reaktionen von Georg Poelchau (1773–1836) und von Christian August Clodius (1772–1836), die wir in stark geraffter Form vorstellen wollen: Poelchau, der in Riga Schüler von Georg Michael Telemann gewesen war, hatte aus Berlin an Schlözer am 21. Februar 1827 geschrieben, dass er die Klopstock-Oden »zu 30 Schlözer, Compositionen 1826, S. 12, schreibt hier »Theoretischen« statt »rhetorischen«. 31 Allgemeine musikalische Zeitung 1826, Sp. 219–220. – Vgl. Schlözer, Compositionen 1826, S. 11–13. 32 Forkel 1778, S. 211. M. Lassen: Klopstock-Vertonungenin Schleswig-Holstein um 1800 | 167 den besten zähle, die mir als einen gewiß aufmerksamen Beobachter der Musik Literatur seit 30 Jahren bekannt geworden sind«33 – und führt ähnlich wie die oben zitierte Rezension der AmZ auch den Dichter mit ins Feld: »Um kurz zu sein Klopstocken, den ich gekannt zu haben mir die seeligste Erinnerung gewehrt, würde Ihr Streben entzückt haben«.34 Der Leipziger Professor Clodius, der 1821 ein Werk über Klopstocks Nachlass veröffentlicht hatte,35 behandelt in seinem sehr ausführlichen Brief vom 25. Dezember 1825 an Schlözer, der sich auch im Original im Bestand Schlözer findet,36 viele Aspekte auch der Gedichtstruktur. Wir greifen hier aus diesem Brief nur einen kurzen Ausschnitt mit Bezug auf die musikalischen Gegebenheiten heraus, zitieren aber vorher aus der Anrede des Briefes, die Schlözer in seinem Text gar nicht mitzitiert hat, die aber die gemeinsame Begeisterung für den Dichter zeigt, sie lautet: »mein dreymal freundlich gegrüßter, hochverehrter Bruder in Klopstock«37. Schlözer gibt dann im Folgenden aus dem Brief u. a. folgendes konkret zu den Liedern wieder: » Soll ich Ihnen nun meine Dilettanten Ansicht mittheilen, so hat auf mich Ihr Schlummer und das Rosenband den tiefsten und zugleich heitersten Eindruck gemacht. Sie scheinen mir vortrefflich declamirt. Der Schluß von dem ersten Gedicht S. 5. besonders das lispelt38 hat mich in den dritten Himmel versetzt, und ähnlicher Weise das Elysium S. 11. Ueber die Sommernacht S. 12 hab ich Ihnen schon einst in Lübeck meine Freude zu erkennen gegeben. Doch scheint mir in dem ganzen Gedicht etwas grausames39, wenigstens grauendes, eine durch Größe gemilderte ängstliche Trauer zu liegen, [...]. In Edone hat mich am meisten der Schluß erheben können, der sehr glücklich einfällt.«40 Schlözer fügt seiner langen Briefwiedergabe noch ein Zitat von Johann Friedrich Reichardt aus dem Jahre 1774 an, das ihm offensichtlich viel bedeutete, denn es liegt auch als separates Blatt sinnigerweise dem Brief der Tochter Louise Reichardt bei, und es findet sich außerdem als Eintragung von Schlözers Hand in demjenigen Oden-Exemplar der Lübecker Stadtbibliothek,41 das als Geschenk dem Sohn Overbecks gewidmet ist, dem mit Schlözer etwa gleichaltrigen Juristen Christian Gerhard Overbeck (1784–1846) – im Folgenden zitiert nach Reichardts Druckausgabe: »denn gleich widersinnig ist es,42 von dem Poeten zu verlangen, daß er eine Ode von vielen Strophen ganz in einer Empfindung schreiben soll, daß die Zeilen jeder Strophe, einzeln gegen einander, Worte von eben der Bedeutung, eben der Qualität der Sylben, 33 Schlözer, Compositionen 1826, S. 13. 34 Schlözer, Compositionen 1826, S. 13. 35 Clodius 1821. 36 Stadtarchiv Lübeck, 05.5 Schlözer, Nr. 12 Künstlerische Tätigkeit, Kompositionen etc., Brief Clodius an Schlözer 25.12.1825. – Vgl. Schlözer, Compositionen 1826, S. 13–16. 37 Stadtarchiv Lübeck, 05.5 Schlözer, Nr. 12 Künstlerische Tätigkeit, Kompositionen etc., Brief Clodius an Schlözer 25.12.1825. 38 Schlözer, Compositionen 1826, S. 15, schreibt hier »das Lispeln«. 39 So in Schlözers Lesart, im Originalbrief eher als »grausendes« oder verschrieben als »grausendel« zu lesen. 40 Stadtarchiv Lübeck, 05.5 Schlözer, Nr. 12 Künstlerische Tätigkeit, Kompositionen etc., Brief Clodius an Schlözer 25.12.1825, S. 3 des Briefes. – Vgl. Schlözer, Compositionen 1826, S. 15–16. 41 Schlözer 1825, Exemplar der Stadtbibliothek der Hansestadt Lübeck, Sign. Mus. p 107 ex. 2: https://nbn-resolving.org/ urn:nbn:de:gbv:48-1-4024744 . 42 Schlözer, Compositionen 1826, S. 16, wandelt den Textanfang um: »Es ist gleich widersinnig, [...]«. 174 | Nordelbingen 90 gewesen, da ausgerechnet dieser so bekannt gewordene Text in der Klopstockschen Odensammlung vom Drucker vergessen worden war und sich nur im Inhaltsverzeichnis unter dem Titel Cidli befand, nicht aber im Textteil.53 Außerdem, so vermutet Zühlke, sei diese Vertonung wohl die früheste durchkomponierte Vertonung eines Klopstock-Textes überhaupt.54 Eine Analyse der musikalischen Struktur in Bezug auf die Versstruktur bietet Zühlke ebenfalls,55 so dass hier auf weitere Analyse verzichtet und auf den angehängten Notentext verwiesen sei – zur besseren Lesbarkeit in modernen Schlüsseln.56 Zur Biographie sei aber angemerkt, dass er sich auf die Organistenstelle in Altona 1757 bzw. 1759 in Konkurrenz zu Johann Christoph Friedrich Bach – dem ›Bückeburger Bach‹ – beworben hatte und sich in der Bewerbung als Telemann-Schüler ausgewiesen hatte.57 Er bekam die Stelle zwar nicht, sondern sein Mitbewerber Endter, blieb aber offenbar zunächst weiterhin in Altona, so dass die beiden Liederdrucke von 1760 und 1762 Altona als Druckort angeben. Nachdem er sich auf die Organistenstelle der Rendsburger Christkirche erfolgreich beworben hatte, erschien dort 1766 eine Sammlung mit sechs Klaviersonaten im Druck. Karl Friedrichs erwähnt Rosenbaum kurz in seinem Artikel zu den Kirchenmusikern an der Christkirche in Rendsburg-Neuwerk, allerdings ohne Nennung seiner Kompositionen.58 Es scheint ansonsten keine ausführlichere biographische Würdigung dieses Komponisten zu geben.59 Christian Gottlob Neefe (1748–1798) ist natürlich kein schleswig-holsteinischer Komponist, allerdings rechtfertigt der Druck seiner Klopstock-Oden in Flensburg (1776) und die enge Verbindung zu Cramer eine kurze Berücksichtigung. Schlözer hielt die Neefeschen Oden wie bereits zitiert für verfehlt, ein Urteil, dem wir uns nicht anschließen wollen, und das wohl zum Teil verständlich wird aus dem großen zeitlichen Abstand fast eines halben Jahrhunderts zwischen den beiden Sammlungen Schlözers und Neefes. Neefe hatte seine Sammlung durch Vermittlung Cramers 1776 in Flensburg und Leipzig drucken lassen bei Korte, dort erschien auch 1779 die zweite Auflage, während eine dritte, stark veränderte Auflage 1785 in Neuwied erschien.60 Auch Die Sommernacht ist hier vertont, die wir zur besseren Lesbarkeit als Anhang beigeben.61 Die Auflagen eins und zwei haben den Sopranschlüssel, die dritte hat den Violinschlüssel, ist aber dennoch vom Druckbild her nicht unbedingt leichter lesbar.62 Neefes Oden, sowie der Kontakt zu Cramer und auch direkt zu Klopstock, sind in der Literatur bereits beschrieben worden,63 Die Sommernacht auch separat analysiert bei Zühlke.64 Wir verzichten daher auf weitere Betrachtungen zur Musik, erwähnen aber noch die auffälligerweise sehr kleine Gruppe der drei nördlichen Subskribenten der Erstauflage von 1776: Neben C.F. Cramer und Heinrich Wilhelm von Gerstenberg ist es noch die Demoiselle 53 Zühlke 2017, S. 324. 54 Zühlke 2017, S. 81 (Anm. 18). 55 Zühlke 2017, S. 80–82, Notenanhang des Liedes S. 327–329 (Faksimile). 56 Vgl. Anhang 4: https://doi.org/10.38072/2941-3362/s4 . 57 Vgl. Wiermann 1998. 58 Friedrichs 1965, S. 38. 59 Vgl. Zühlke 2017, S. 463, mit Hinweis auf: Neubacher 2001, S. 309. 60 Neefe 1776. – Neefe 1785. 61 Vgl. Anhang 5: https://doi.org/10.38072/2941-3362/s5 . 62 Vgl. Neefe 1776, S. 14–15. – Neefe 1785, S. 37–39. 63 Möller 1999. – Schwab 2003, S. 138. – Cramer 1783a, S. 381 und S. 383. 64 Zühlke 2017, S. 229–234. M. Lassen: Klopstock-Vertonungenin Schleswig-Holstein um 1800 | 175 Croll in Lübeck, die eindeutig identifizierbar ist als Salome Magdalena Croll (1750–1789), die 1777 den Juristen Georg Friedrich Buchholz (1750–1805) heiratete, der mit Johann Andreas und Carl Friedrich Cramer, C.A. Overbeck und Johann Heinrich Voß bekannt bzw. befreundet und auch selbst durchaus musikinteressiert war.65 Da erst der Vater der Demoiselle Croll nach Lübeck gekommen war und sich als Kaufmann hier niederließ, ist die Familie überschaubar genug, dass Verwechslungen ausgeschlossen werden können.66 Neefe hatte wohl sonst keine direkten Kontakte nach Schleswig-Holstein, auch Abel Seyler, bei dessen Theatertruppe Neefe als Kapellmeister wirkte, und der just 1781 – als Neefe den Hoforganistenposten in Bonn übernahm – ans landgräfliche Hoftheater in Schleswig wechselte, ist als wirksamer Kontakt nicht erkennbar, zumal nicht für die Zeit um 1776. Bei Christian Adolph Overbeck (1755–1821), dem Juristen, erfolgreichen Dichter, Diplomaten in Paris und Petersburg in napoleonischer Zeit, Kaufmann und dann Bürgermeister in Lübeck, liegt die kompositorische Tätigkeit eher im Schatten der übrigen Lebensfelder. Seine 1781 gedruckte Sammlung Lieder und Gesänge mit Claviermelodien als Versuche eines Liebhabers67 wurde im Magazin der Musik von Cramer selbst als seinem Freund besprochen und so quasi an zugänglicher Stelle ins musikhistorische Gedächtnis eingeschrieben.68 Die Sammlung ist stark durch Klopstock geprägt, von den 46 Liednummern sind 20 auf Klopstocktexte komponiert, die 30 von insgesamt 60 Seiten Notenund Strophentext füllen. Cramer bespricht die Lieder in knapper, aber emphatischer Weise, konzediert auch Schwächen der Lieder, etwa einen weit in die Höhe gehenden Ambitus. Auffällig ist in der Sammlung das Fehlen der meistvertonten Klopstocktexte und die Häufung von Gesängen aus dem Messias. Die ersten zwölf Nummern sind Triumphgesänge aus dem Messias, etwa [Nr. 6] Liebe des Sohns, an dem Cramer lobt: »Der Climax in der Stelle: Tag der erwacht, in das Meer ec. wie vortreflich!«69. Es hat bereits Bernhard Engelke auf die Schwächen der Cramerschen Kritik ausführlich hingewiesen und dabei auch analytische Bemerkungen zu den OverbeckLiedern gemacht.70 Zühlke bietet ebenfalls zwei Analysen zu Overbeck an: zur Vertonung des Textes Auf Moos’, am luftigen Bach aus Hermanns Schlacht,71 den schon Kunzen vertont hatte, sowie der Vertonung von Mana, Mana! er nahm das Schwert aus Hermann und die Fürsten.72 Auf den Kontakt zu Schlözer ist bereits oben hingewiesen worden, Schlözer hatte ja selbst davon berichtet, wie Overbeck auf seine eigenen Oden-Vertonungen brieflich reagiert hatte. Durch den Kontakt zu Cramer und auch durch die Mitwirkung seit 1776 am Hamburger Musenalmanach von Voss, wo viele seiner Texte erschienen waren, auch dadurch, dass seine Gedichte vielfach von J.A.P. Schulz vertont worden waren, ist er diesem vor 1800 aktiven Kreise zumindest zeitweise zuzurechnen – eine Zugehörigkeit, die für Schlözer schon nicht mehr gegeben sein konnte. 65 Stübbe 2010. – Vgl. HKA B VII/2 1982, S. 381. – Sowie: HKA B VII/3 1982, S. 925. 66 Sie ist die Ururgroßtante von Thomas Mann, ihre Nichte Catharina Elisabeth Marty, geb. Croll ist dessen Urgroßmutter. 67 Overbeck 1781, vgl. Exemplar der Stadtbibliothek der Hansestadt Lübeck: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:gbv:48-1-1997652 . 68 Cramer 1783a, S. 93–94. 69 Cramer 1783a, S. 98. 70 Engelke 1930/31, S. 349–351 (zu Overbeck). 71 Zühlke 2017, S. 280–281 (vgl. dort auch zu Kunzen: S. 281–282). 72 Zühlke 2017, S. 286–288. 176 | Nordelbingen 90 Peter Grönland – Wir und Sie (1791) Die Klopstockvertonung Wir und Sie aus der Sammlung Melodieen zu Liedern mit und ohne Begleitung des Claviers zu singen, gedruckt Kopenhagen und Leipzig bey Christian Gottlob Proft, 1791,73 wollen wir etwas ausführlicher betrachten, und es ist sinnvoll eine Begründung vorwegzuliefern, um als Autor hier Peter Grönland guten Gewissens benennen zu können: Die Sammlung ist anonym veröffentlicht, umfasst 21 Liedvertonungen, und wird in Katalogen und Verzeichnissen Peter Grönland zugeschrieben, so bei Dan Fog74 – ohne dass hier oder anderswo eine Diskussion dieser mehrfach übernommenen Zuschreibung zu finden ist und die Sammlung manchmal sogar Kunzen zugeschrieben wird.75 Tatsächlich lässt sich für einige Lieder Peter Grönland (1761–1825) als Komponist nachweisen, weil diese Lieder auch in der 1796 gedruckten, umfangreichen Sammlung Melodien zu den [sic!] gesellschaftlichen Liederbuche mit eindeutiger Autorenkennzeichnung wiederabgedruckt worden sind.76 Umgekehrt sind die 1791 veröffentlichten Melodieen nicht in den zugänglichen Sammlungen anderer Komponisten, die in Kopenhagen in Frage kämen, zu finden. Wir gehen deshalb hier auch davon aus, dass Peter Grönland der Autor nicht nur der später unter seinem Namen wiederveröffentlichten, sondern auch der nicht wiederveröffentlichten Vertonung des Klopstock-Textes Wir und Sie ist, die die zwanzigste und damit vorletzte Komposition in der genannten Sammlung ist. Eine Rezension zu den Melodieen war erschienen in der Musikalischen Monathsschrift im September 1792, die im anonymen Autor der Melodieen einen »denkenden und kritisch genauen Kunstkenner« zu erkennen meint und in der kurzen Rezension die Bedeutung der Begleitung anspricht: »Ohne die Clavierbegleitung möchten aber wohl die meisten Lieder nicht ohne grossen Verlust zu singen seyn.«77 Damit ist das Schulzsche Liedideal der ohne Begleitung selbständig lebensfähigen Melodie angesprochen und eigentlich als Kritikpunkt geäußert, der allerdings die später in der Grönlandschen Liedästhetik wichtige Entwicklung hin zu einer harmonisch reichen Klavierbegleitung vorwegnimmt. Schärfere Kritik musste Grönland 1797 in der Neuen Allgemeinen Deutschen Bibliothek für seine genannte umfangreiche Sammlung Melodien zu dem gesellschaftlichen Liederbuch einstecken: »[...] daß man glauben muß, er könne weder Noten schreiben, noch einzelne Tacte richtig abmessen, viel weniger singen und Melodien componiren«.78 Grönland mag auch früher schon ähnliche Kritik zu seinen Liedern gehört haben, so dass er möglicherweise deshalb 1791 aus Bescheidenheit oder Vorsicht die Melodieen anonym herausgab. Die Liedkunst dieses Komponisten im Nebenberuf zeigt tatsächlich qualitative Unterschiede im Vergleich einiger früher Veröffentlichungen bis in die 1790er Jahre mit den ausgereifteren späteren Sammlungen, d. h. der Goethe-Lieder und der 1813 komponierten Tieckschen Magelone, die eine deutlich weiterentwickelte Ästhetik repräsentieren können. Oder, um noch einen Schritt weiter zu gehen: Grönland gehört zum Kopenhagener Kreis um Schulz und Kunzen und teilt deren Ästhetik, ist aber später insbesondere in der harmonischen Ausgestaltung durchaus eigene Wege gegangen. Betrachtet man nach diesen Vorklärungen die Vertonung Wir und Sie (siehe Anhang 6), so erscheint sie zwar schlicht in den Mitteln, aber interessant durch ihre Länge und die variative Form: 73 [Grönland] 1791. – Vgl. Anhang 6: https://doi.org/10.38072/2941-3362/s6 . 74 Fog 1979, S. 40. – Vgl. Koch 2003, S. 58. – Zühlke 2017, S. 410 und S. 450. 75 So im Katalogeintrag zum Exemplar der Staatsbibliothek zu Berlin, Sign. 55 Depos SA 1860. 76 Grönland 1796. 77 Kunzen/Reichardt 1793, S. 82 (= Musikalische Monathsschrift, Drittes Stück, September 1792). 78 [Anonym, »Ja«] 1797, S. 240–243, Zitat S. 241. M. Lassen: Klopstock-Vertonungenin Schleswig-Holstein um 1800 | 177 Die dreizehn kurzen, nur dreizeiligen Strophen des Klopstocktextes werden in zwölf musikalischen Abschnitten komponiert, Strophe elf und zwölf, die im Gedicht mit einem Komma verbunden sind, werden zu einem doppelt so langen Abschnitt verbunden. Die Abschnitte sind fast alle sechs Takte lang oder besser gesagt kurz, nur Abschnitt vier hat sieben Takte und der vorletzte Abschnitt ist der zwölftaktige. Der eröffnende Sechstakter ist sehr ausgewogen und harmonisch geschlossen gestaltet, der in die Hauptfunktionen G, C und D eingeschobene A-Moll-Klang (T. 21) und die angedeutete eingeschobene Doppeldominante A (T. 52) sind feine Erweiterungen dieser Schlichtheit: { { { { { Was that dir, Thor, dein Va ter -land? -Dein spott´ ich, glüht dein Herz dir nicht bey sei nes -Na mens -Schall. Sie sind sehr reich! und sind sehr stolz! Wir sind nicht reich! undsind nicht stolz! Das hebt uns ü ber - Sie! Wir sind ge recht! -dassind sie nicht! Hoch stehn sie! träu men´s -hö her -noch! Wir eh ren -fremd Ver 12 dienst! Sie ha ben -ho hen -Ge ni -us! -Wir ha ben -Ge ni -us -wie Sie! Das macht uns ih nen - 18 gleich! Sie drin gen -in die Wis sen -schaft -bis in ihr tief stes -Mark hin ein! -Wir thun´s und tha then´s - 24 c c &# P. Grönland (?) [Druck "Melodieen ..." 1791] (Klopstock) Wir und Sie. ?# &# ?# &# ?# ?# &# ?# œœœ˙ œ™œjœ™ ˙ ˙œjœ œ‰œ Jœ™œœŒœjœjœ™œœœœœ™œjœ œ œœ œ œ˙ ˙ ˙Œ Œ˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙˙ ˙œ œ œ œ œ œœ œ œ˙ ˙ ˙œ œ œœ œ œ˙ ˙ ˙œœ# œœ˙Œ œœœœ œ™ ™œ Jœœ œ œœ œŒœ œr œ J œr œjœ‰œjœ™œœœ‰œ J˙ œjœ™œœœ œ œœœ œj Œ Œ œ œœ œ œŒ Œ œ œœ œ Œ œ ˙™œœœ Œœ ˙™œœœ Œ˙œœ ˙ ˙Œœœœœ œ‰œ Jœœ œ œ™ ™ ™œœ œ‰œ JœœœŒœjœjœ™œœœŒœœ Jœ Jœ™œœj ˙Œ Œ Œ œ œœ œ œŒ Œ œ œœ œ œ œ œ œœ œ œ˙ ˙ ˙œ œ œœ œ œœ œ Œ œ œœ œœ œœ ˙˙ Œœœœœ™œ J œ œœœ œœœ œŒœœ Jœjœ™œœœ œ œ œ‰œ œ œjœ œ œœœœœ œœ œœj ˙ ˙Œ Œ Œ œ œ˙ ˙ ˙˙ ˙œ œ Œ ‰ œ™ œœœ˙ ˙œœœ œ ‰ œjœœ œœ œœ ˙Œœœ™œjœ œ œ™œœ™œœ‰œ Jœœœ™ œ œ™ ™œjœ œ œ Jœœ œœœœ# œ œ‰œjœ œ œœn œœœœ œœ œ œ J ˙ ˙Œ Œ Ó Œ œ œ˙ ˙ ˙œ œ œœ œ˙ ˙œ™ ˙œjœ œœ œœ œ ‰ œjœ™œjœ œœ œ œ Notenbeispiel 8: Grönland, Wir und Sie, T. 1–6. Diese eröffnende Taktgruppe kehrt am Schluss des Liedes als letzte Gruppe wieder, nur im vorletzten Takt verändert, sonst musikalisch identisch. Die weiteren Variationen der Melodik und Begleitung in den anderen Abschnitten sind nicht besonders auffällig, am ehesten die Häufung von punktierten Begleitrhythmen im sechsten und von fließenderen Sechszehntelketten im siebten Abschnitt. Auffälliger ist die Minore-Variation des neunten Abschnitts (T. 49–54), in g-Moll und mit akzentuierten punktierten Akkorden der Begleitung »in der finstern Schlacht«. Diese längere, variierte Gesamtform ist bei Grönland durchaus selten im Frühwerk zu finden und daher ein interessanter Fall, das typische Almanachlied in strenger, platzsparender Strophigkeit ist sonst die fast ausschließlich vorkommende Liedform auch in seinen Sammlungen dieser Zeit. Die Form hier trifft sich also mit der ähnlichen – aber noch um einiges aufwendigeren – Form der zu Beginn angesprochenen Vorbereitung zum Tode von Kunzen. Allerdings war Grönland zum Zeitpunkt der Komposition nicht mehr in Kiel, sondern bereits in Kopenhagen ansässig. Er hatte 1782 bis 1785 in Kiel studiert und war auch noch danach Cramers Mitarbeiter für das Magazin der Musik.79 Er schrieb diverse Beiträge für das Magazin, ging aber 1787 als Kopist an die Deutsche Kanzlei in Kopenhagen, was Cramer in seinem Tagebuch am 9. Februar 1787 bitter beklagt: »Grüß Gronland herzlich und dank ihm für seinen Brief. Ich schreibe ihm nicht; nicht weil ich eigentlich böse auf ihn bin, sondern weil ich traure, so oft ich an ihn denke, und die unheilbare Wunde die mir sein Weggehn von Kiel schlägt, nicht durch Schreiben vollends aufreißen mag. [...] Ich habe schon so manche Hofnung zu m. Erben zerrinnen gesehn, daß ich endlich wohl Geduld kann gelernt haben.«80 79 Vgl. Cramer 1786: Hier gibt es zahlreiche mit »Gld.« gekennzeichneten Rezensionen auch noch im letzten Band II.2 (1787), S. 1214–1216, S. 1285–1286, S. 1288–1300, S. 1316–1322. 80 Vgl. Carl Friedrich Cramer, Tagebuchblätter 1783–1797, Universitätsbibliothek Kiel, Nachlass Carl Friedrich Cramer, Sign. SH 406 J, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:gbv:8:2-1221583 , fol. 25–25v (9.2.1787). 178 | Nordelbingen 90 Wenn Cramer in Kopenhagen war, trafen sich beide in den Kopenhagener Musenzirkeln und standen auch sonst in brieflichem Kontakt. Möglicherweise war Grönland erst durch die enge Zusammenarbeit mit Cramer ein Kenner und auch Sammler der Klopstockschen Werke geworden: »Cramer war freundschaftlich mit Grönland verbunden und schätzte ihn als einen der verständigsten Leser seiner Werke sowie als Verehrer Klopstocks, von dessen Schriften Grönland eine bemerkenswert umfangreiche Sammlung besaß.«81 Auch der später noch in Bezug auf Paulsen zu zitierende Brief an Gerstenberg 1796 hat dazu eine Schlussbemerkung, die die Klopstock-Zuneigung mit der zeittypischen Emphase ausdrückt: » – Hennings schreibt, daß Göschen eine vollständige Ausgabe des Klopstok veranstaltet: ist das wirklich wahr? O das wäre herrlich, über alle Maaßen! – Leben Sie wohl! Tausend umarmt von Copenh. 1796. Oct.18. Ihrem ergebensten Grönland«82 Dabei ist umgekehrt wiederum erstaunlich, dass es in Grönlands Gesamtwerk dann offenbar bei nur der einen hier vorgestellten Klopstock-Vertonung geblieben ist, d. h. es hat wohl entweder die Distanz zu Cramer, oder der nationaldänische Einfluss in Kopenhagen ähnlich wie bei Kunzen eine weitere Beschäftigung in diese Richtung nicht befördert. Carl Friedrich Ferdinand Paulsen – Cydli (1786) Der Flensburger Marienorganist Carl Friedrich Ferdinand Paulsen (1763–1843) ist biographisch ausführlich beschrieben in Detlefsens Musikgeschichte für Flensburg.83 Als Sohn des Amtsvorgängers und Liedkomponisten Peter Paulsen bewarb er sich interessanterweise aus Flensburg auf die Altonaer Organistenstelle nach dem Tod des dortigen Amtsinhabers Endter 1793.84 Endter war wie oben erwähnt zu Beginn seiner Amtszeit 1759 erfolgreicher Bewerber gegenüber Rosenbaum gewesen, der wiederum in der Literatur als Liedkomponist mit Peter Paulsen vereint erscheint.85 C.F.F. Paulsens Lieder und Klavierstücke haben sich nur in sehr wenigen Druckexemplaren und sehr verstreut in Berlin, London und Brüssel erhalten, die einzige identifizierbare Klopstockvertonung ist Cydli (Text: Das Rosenband) in den Klavierund Singestücken, gedruckt wie schon die Neefesche Sammlung bei der Korteschen Buchhandlung in Flensburg/Leipzig.86 Die Sammlung wird meist datiert auf 1794, was im Folgenden bezweifelt werden muss, da sich eine Rezension von J.A.P. Schulz bereits 1786 findet. In die Vertonungs-Übersichten bei Zühlke und Koch ist die verborgenere Paulsen-Vertonung 81 HKA B VIII/2 1999, S. 739 (Kommentar des Herausgebers Helmut Riege). 82 Königliche Bibliothek Kopenhagen, Nyere Brevsamling, Dansk, VI Grönland, Nr. 250 (datiert Christiansholm 1796, Octbr – Copenh. 1796. Oct. 18). 83 Detlefsen 1961, S. 125–137. 84 LASH Abt. 65.2, Nr. 3785 (Organistenakte Hauptkirche Altona), Schreiben zu den Bewerbern vom 23.8.1793. – Vgl. Neubacher 2001, S. 307 (zu Endter). 85 Hottmann 2010. 86 Paulsen [1786]. M. Lassen: Klopstock-Vertonungenin Schleswig-Holstein um 1800 | 179 nicht aufgenommen worden.87 Das Lied ist 2017 in einer modernen Edition wiederveröffentlicht worden, wir stellen sie in überarbeiteter Fassung ebenfalls in den Anhang.88 Es ist zwar nicht unmöglich, aber vielleicht nicht ganz einfach, sich für die Lieder Paulsens zu begeistern, zumal angesichts der knappen und heftigen Kritik des Druckes der Klavierund Singestücke von J.A.P. Schulz: »Klavierund Singestücke von C.F.F. Paulsen, Organist an der St. Marienkirche in Flensburg. Flensburg und Leipzig, in Kortens Buchhandlung. Ohne Jahreszahl. 4 Bogen Querfolio. | Menuetten, englische Tänze, ein paar längere Stücke, eine Arie mit Veränderungen, und 3 Lieder, alles ganz erbärmlich, machen das ganze Werk aus. Wie konnte Hr. P. sich doch einfallen lassen, Klopstocks Cydli in Musik zu setzen?«89 – ein doch ziemlich vernichtendes Diktum. Schulz war allerdings derjenige, der sich der Vertonung von Klopstock-Texten trotz direkten Drängens durch den Dichter mit dem bekannt gewordenen Ausspruch entzogen hatte: »Componiren soll ich das? Das ist schon Musik.«90 Dies bezog sich offenbar auf die Vertonung von Oden im Allgemeinen und relativiert die strenge Kritik tatsächlich etwas, denn andere Vertonungen des Rosenbandes hätte Schulz eventuell ebenfalls nicht gutgeheißen – wenn denn nicht Schulz’ Ablehnung der Odenvertonung auch noch andere Gründe gehabt haben mochte. Paulsen bemüht sich durchaus um geschmeidige Melodieführung, so dass wir dem Lied eine gewisse Qualität ablauschen können: { { { { {  Im Früh lings -schat -ten -fand ich sie; da band ich sie mit Ro sen -bän -dern. -  fühlt es nicht, und schlum mer -te. - pp 7  Ich Mit mehr Nachdruck. sa he -sie. Mein Le ben -hiengmit die sem Blick an ih rem -Le ben. -Ich fühlt´ es 12  wohl,und wußt´ es nicht, ich fühlt´ es wohl,und wußt´ es nicht. Doch lis pelt´ -ich ihr 20  sprachlos zu, und rausch te -mit den Ro sen -bän -dern: -da wach te -sie vom 29 2 4 2 4 &#Sanft. mm (Klopstock) Cydli. C.F.F. Paulsen (1763-1843) [Klavierund Singestücke, Flensburg/Leipzig 1794] ?# &#T ?# &# ?# &# ?# ∑ ∑ &# ?# ∑ œ Jœœœœœ Jœ Jœœ œ œœ‰Œ œj‰ œœœœœjœ# œœn œœœœ# œœœœœ Rœœœœœœj œ J œ Jœœœœœœœœœœœœœœœœœœœ™œ Jœ œ œ# œœœ J œœœœœœœœœœœœœœ œ œ Œ ‰ œ Jœœœœœœœœ œ œ œ ‰ œjœœœ‰œ Jœœœœœœœœœœœœ œr œœœœ œr œœœœœœœ œœ œ œœœœ œ‰œ Jœœœ‰œ Jœœœœœœœœœ™‰ Œ ‰ œ J œœœœœœœœœœœ‰œjœœœœœœœœœœœœœœœ‰œjœœœœœœœœ œœœœœœœœœŒ Œ ‰œ Jœœœœœœœœœœœj‰ œœœœœ‰ œ Jœœœœœœœœœœœœœœœœ˙ ˙œ‰œ Jœ œ œœ œ œ œœœœœœ œ œr œ œ œ œœœ Œ ‰ œ Jœœœœœœœœœœœœœœœœ˙œ Œ ˙˙ Notenbeispiel 9: Paulsen, Cydli, T. 1–6. Zur Datierung des Druckes ist nun der Zweifel anzufügen, dass die Angabe 1794 sich nur als Bleistiftdatierung im Berliner Druckexemplar findet,91 weitere Indizien zu einer solch späten Datierung aber nicht erkennbar sind. Alle Angaben zum Druck, die sich 1786 in der Rezension finden, entsprechen dem Berliner Exemplar, und es ist eher unwahrscheinlich, dass die Sammlung mehrere Auflagen erfahren haben sollte, so dass– eine zügige rezensierende Berücksichtigung im Cramer-SchulzKreis voraussetzend – vom Druckjahr 1786 auszugehen ist. Damit liegt Paulsens Druck einige Jahre dichter an Neefes Sammlung, die ja im selben Verlag 1776 erschienen war, aber Das Rosenband nicht beinhaltet hatte. 87 Zühlke 2017, S. 421–461. – Koch 2003, S. 51–58. 88 Lassen 2017, S. 74–75. – Vgl. Anhang 7: https://doi.org/10.38072/2941-3362/s7 . 89 Schulz 1786, S. 427, unterzeichnet nur mit dem Kürzel »Atr.«. – Zur Auflösung des Autorenkürzels vgl. Parthey 1973 (1842), S. 26–27. – Sowie: Schütz 2007, S. 312. 90 Koch 2003, S. 48. 91 Paulsen [1786]. – Vgl. Druckexemplar der Staatsbibliothek zu Berlin, Sign. DMS 232065, mit besagtem Bleistiftvermerk, Onlinezugang: http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001D9D700000000 . 180 | Nordelbingen 90 Ein Brief Peter Grönlands kann noch weiteres Licht auf Paulsens Verknüpfung mit dem Cramer-Kreis werfen: Grönland antwortet Gerstenberg am 18. Oktober 1796 auf dessen Vorstoß, sich für eine Übersiedelung Paulsens nach Kopenhagen umzuhören, indem Grönland hier deutlich abrät, denn es gäbe in Kopenhagen für Paulsen keine sicheren Aussichten. Ob Schulz und Grönland sich in Kopenhagen dazu beraten hatten, bleibt natürlich Spekulation (die Rezension liegt schon zehn Jahre zurück, Grönland wird sie aber damals gelesen haben!), dennoch wird zusätzlich zum bekannteren Netzwerk Grönland– Gerstenberg–Schulz noch die Verbindung Gerstenberg–Paulsen deutlich, die möglicherweise in Altona zustande gekommen war. Es ist dies derselbe Brief, der oben bereits zitiert wurde, in dem Grönland am Schluss seine Begeisterung über die neue Klopstock-Ausgabe von Göschen kundgetan hatte.92 Am 9. April 1803 bringt das Flensburgsche Wochenblatt einen ausführlichen Nachruf auf Klopstock, dazu wenige Seiten später die Anzeige einer Aufführung der Frühlingsfeyer von Paulsen.93 Diesem Hinweis musste natürlich nachgegangen werden, es handelt sich aber hier um einen Text des Flensburgers Andreas Peter Andresen, nicht um den sicherlich auch in Flensburg damals bekannten Klopstock-Text. Der Andresen-Text ist als Libretto deutlich geschmeidiger zur Vertonung geeignet als der KlopstockText, könnte aber natürlich trotzdem im Gedenken an den Dichter verfasst worden sein. Schon 1797 hatte Paulsen im Textheft seiner Hymne zur Feyer des Geburtstages unsers guten Königs eine Klopstock-Strophe als Motto vorangestellt, auch wenn das Libretto dann nicht aus Klopstockschen Versen bestand.94 Sollte Paulsen sich die Schulzsche Kritik doch so sehr zu Herzen genommen haben, dass er die Vertonung Klopstockscher Texte dann in der Folgezeit tatsächlich vermieden hatte? Das Choralbuch von Paulsen (1820): Auferstehn, ja auferstehn wirst du Auf Choralbücher hier einzugehen, ist eigentlich nicht sinnvoll, denn auch wenn der Klopstocksche Text Auferstehn, ja auferstehn wirst du Eingang in die Gesangbücher gefunden hatte und damit rezeptionsgeschichtlich wichtig ist in seiner enormen Verbreitung, so ist es andererseits kaum angemessen, von einer ›Klopstock-Vertonung‹ zu sprechen, wenn in einem vollständigen Choralbuch selbstverständlich auch der Klopstock-Choral mitverarbeitet wird, eine besondere Wertschätzung also darüber nicht abgelesen werden kann, da der Textekanon ja vorgegeben ist. Für Schleswig-Holstein und die Schlözer-Zeit gilt dies etwa für das Choralbuch von 1817 bzw. 1832 des Kielers Georg Christian Apel (1775–1841), Apel bietet neben der bekannten auch eine eigene Melodie zum Klopstock-Choral an (Nr. 16b).95 Doch auch wenn Apel mit C.F. Cramer direkt verwandt war, weil er mit Cramers Kieler Nichte Meta verheiratet war, so kam er doch erst 1804 nach Schleswig-Holstein, als Cramer bereits in Paris (und Klopstock gestorben) war. Auch wenn auf Choräle im Allgemeinen hier nicht eingegangen werden soll, wollen wir dennoch die Gelegenheit nutzen, das handschriftliche Choralbuch von C.F.F. Paulsen wohl erstmals vorzustellen: Diese Handschrift befindet sich in Privatbesitz und es sind keinerlei Nachweise dafür zu finden. Das handgeschriebene Buch im Querformat in den Maßen ca. 20 x 15,5 cm, ist in Leder eingebunden und trägt vorn auf dem Leder in goldgeprägten Lettern den Titel C.F.F. Paulsen‘s | Choral=Buch | FLENSBURG | 1820, innen auf der ersten Seite nach dem Vorsatzblatt als weiteren handschriftlichen 92 Königliche Bibliothek Kopenhagen, Nyere Brevsamling, Dansk, VI Grönland, Nr. 250 (Christiansholm 1796, Octbr – Copenh. 1796. Oct. 18.). 93 Flensburgsches Wochenblat für Jederman, 9.4.1803, S. 329–332 und S. 336. 94 Paulsen 1797, S. 1. 95 Apel 1832, S. 11: Choralsätze Nr.16a (Satz von Apel) und 16b (Melodie und Satz von Apel). M. Lassen: Klopstock-Vertonungenin Schleswig-Holstein um 1800 | 181 Titel mit Widmung: Choral=Buch | für | Heinrich Nommensen. | Flensburg, den 17ten October | 1820, danach sechs unpaginierte Seiten Titelregister, danach auf den paginierten Seiten 1–144 die Choräle. Es folgen hier ohne Leerseiten 142 durchnummerierte Choralsätze, meist je eine Seite lang, manchmal zwei Choräle pro Seite, allerdings in einem Fall als einziger Choral die No. 114 alle Strophen variierend gesetzt über neun Seiten (pag. 118–126). Die Choralsätze sind meist zweistimmig in zwei Systemen gesetzt mit Singstimme im Sopranschlüssel ohne Text oben und bezifferter BassStimme im unteren System, manche Choräle sind oben in Akkorden gesetzt, auch Oktaven in der Bass-Stimme kommen vor. Zwei Chorsätze sind enthalten zum Klopstocktext, No. 116 (pag. 128) mit Bezifferung, ohne Text, und die hier abgebildete No. 124 (pag. 136) ohne Bezifferung, mit Text: Auf er -stehn, -ja auf er -stehn -wirst du mein Staub nach kur zer -Ruh; un - sterb lichs -Le ben -wird der dich schuf dir ge ben. -fro lok -ket -Gott! 5 c c &bbbUU CFF Paulsen [Choralbuch, p. 136] No. 124. Melodie Auferstehn, ja Auferstehn pp oder: Jesus Christus unser Heiland pp ?bbbu u &bbb n U U U ?bbbu u u œ œ œœ œ œœœ œ œœ œ œœ œ œœ œ œœ œœ œœ œœ œ œœ œ œœ œ œ œ œœœ œ œœœ œœ œ œ œœœœœœœœ œ œœ œœœœœœœœ œ œ œœ œ œ˙ œœœ œœ œœ œœ œœœ œœn œ œ˙œ œœ œ nœ œœ œ œœ œ œœ œ˙ ˙ œœ<b>˙Ó œ œ œ œœb œ œœ œœ œœœ œ œœœ œœœ˙ ˙œ œœ œœ œœ œ˙ ˙Ó Notenbeispiel 10: Paulsen, Choralbuch-Manuskript. Es hat also Paulsen hier in höherem Alter und längere Zeit nach Klopstocks Tod doch noch einmal einen Text des Dichters in Musik gesetzt, wenn auch nur in diese schlichte, auch harmonisch nicht spektakuläre Choralform. Der Text hat auch in opulentere Chorsätze Eingang gefunden und erklang sogar – in der Graunschen Vertonung – 1803 zur Begräbnisfeier des Dichters in Ottensen und wurde bekanntlich auch von Gustav Mahler in der zweiten Sinfonie (1894) verwandt. Dieser Text begegnet uns im Folgenden wieder. Chorsätze von G.M. Telemann (1809) – J. Sörensen (1810) – G.C.F. Lobedanz (1810) Die durchkomponierte Choralvertonung Auferstehn, ja, auferstehn wirst du von Georg Michael Telemann (1748–1831) ist in Riga 1809 gedruckt worden, und sei der erste in Riga gedruckte Choral überhaupt, wie eine Notiz im Druckexemplar und auch der Nekrolog G.M. Telemanns melden.96 Mit 96 Telemann 1809. – Neuer Nekrolog der Deutschen 1831, S. 210–212. 182 | Nordelbingen 90 diesem späten Veröffentlichungsdatum verliert sich natürlich der Schleswig-Holstein-Bezug, denn Telemann war zwar in Plön geboren und hier und in Ahrensbök aufgewachsen, wo der Vater Andreas Telemann als Pastor beschäftigt war,97 war aber bereits 1755 zum berühmten Großvater nach Hamburg gekommen, hatte später in Kiel studiert (1770–1772) und war dann seit 1775 als Kantor und Musikdirektor in Riga tätig. Telemann bot seinen Choral auch mit beziffertem Bass an, und außerdem in opulenterer Setzweise: »Auch für 4 Singstimmen und Orchester-Begleitung hat der Verfasser diesen Choral ausgearbeitet, womit er ebenfalls aufzuwarten bereit ist«.98 Eine Abschrift aus dem Besitz seines Schülers Georg Poelchau (1773–1836) existiert davon – ohne Instrumentalstimmen – und gibt als Besetzung an: Chor, 2 Hörner, Flöte, Klarinette, Oboe, 2 Violinen, Viola, Violoncello oder Fagott und Orgel.99 Im Rigaer Druck sind Text und Orgelsatz getrennt abgedruckt, die Textverteilung ist aber eindeutig gegeben, zudem war bereits 2017 dieser Choral mit dem Text in gemeinsamen Notensatz gebracht, so dass auch dieser Choral als Anhang mitpräsentiert werden kann.100 Außerdem hat G.M. Telemann auch die Klopstocksche Ode Sink ich einst in jenen Schlummer in Musik gesetzt bzw. bearbeitet unter dem vollständigen Titel Ode von Klopstock, (Über Schlaf u. Tod,) für Klavier=Begleitung in Musik gesetzt von einem Dilettanten; u. mit anderer Instrumental=Begleitung, 3 dem Sopran beygefügten Singstimmen, wie auch mit Vor= u. Nachspiel, u. ein paar nöthigen Veränderungen des Basses, versehen von Georg Michael Telemann, Cantore in Riga. 1801.101 Diese Komposition, die offenbar eine Bearbeitung eines Klavierliedes von ungenannter Hand ist, befindet sich in einer Handschrift in Berlin aus dem früheren Besitz von Poelchau.102 Über Johannes Sörensen (1767–1831) schreibt Gerber, er wäre »ein merkwürdiges und vielleicht das einzige Beyspiel in diesem Lexikon von der Gewandtheit eines practicirenden Arztes im Fugensatze«.103 Zur Biographie:104 In Glückstadt geboren, kam Sörensen als Schüler in die Herrnhuther Gemeinden Christiansfeld bei Hadersleben, Niesky (dort ist bis 1785 Friedrich Schleiermacher sein Mitschüler) und Barby und hat damit in den verschiedenen Herrnhuther Zentren auch das reiche musikalische Leben der Brüdergemeinde kennengelernt. Für seine Ästhetik ist das zentral: Seine Kompositionen sind immer auf die Gemeindemitglieder zugeschnitten, die allerdings durch tägliches Singen und vielfältige musikalische Betätigung sehr gut ausgebildet waren. Die Lieder wirken oft choralähnlich, subtil im Textumgang, und trotz teils großen Umfangs durchaus eingängig bei zurückhaltender Begleitung. 1791 kam Sörensen zum Studium nach Kiel, von der Theologie wechselte er bald zur ›Arzneiwissenschaft‹ und ging hierzu zeitweise nach Kopenhagen. Ob er dort direkt Unterricht bei J.A.P. Schulz hatte (s. u.), ist weder nachweisbar noch auszuschließen, der Einfluss auf sein eigenes Komponieren ist jedenfalls deutlich erkennbar. Nach dem Studienabschluss 1794 war er in Flensburg als Mediziner mit eigener Praxis tätig und wechselte 1796 nach Glückstadt. Im Juni 1797 trat er dann eine Stelle in Ebersdorf (Thüringen) an und kam danach nicht mehr in den 97 Vgl. dazu Rübcke 2005, S. 141–142. 98 Telemann 1809 (Vorwort). 99 Staatsbibliothek zu Berlin, Sign. Mus.ms. 21696/11, (RISM: https://opac.rism.info/search?id=452513063&View=rism), Instrumentalstimmen sind nicht erhalten. 100 Lassen 2017, S. 119–120. – Vgl. Anhang 8: https://doi.org/10.38072/2941-3362/s8 . 101 HKA A III/2 2013, S. 250 und S. 671. 102 Staatsbibliothek zu Ber lin, Sign. Mus.ms.autogr. Telemann, G.M.6., (RISM: https://opac.rism.info/search?id=1001012009&View=rism), diese Vertonung ist nicht konsultiert worden. 103 Gerber 1814, Sp. 215. 104 Scobel 2008 (diese ausführliche Arbeit ist leider online nicht mehr verfügbar, wurde aber 2016 ausgewertet). M. Lassen: Klopstock-Vertonungenin Schleswig-Holstein um 1800 | 183 Norden zurück. Die weiteren Stationen seiner ärztlichen Tätigkeit: 1816 Übersiedelung nach Schlesien, 1829 Umzug nach Neuwied, wo er die letzten zwei Jahre pensioniert verbrachte und 1831 starb. Über 200 Kompositionen sind nachweisbar, alles Vokalkompositionen, meistens Klavierlieder, aber auch Mehrstimmiges (auch mit Orchesterbegleitung), 156 Kompositionen sind gedruckt nachweisbar. Goethe kommt als Textdichter gar nicht vor, denn bei den Herrnhuthern gab es eine ganz allgemeine Abneigung gegen ihn (was wohl auf Gegenseitigkeit beruhte), dagegen ist Novalis als ein stärker religiöser Dichter bevorzugt verwendet – und so findet auch Klopstocks religiöse Emphase bei Sörensen natürlicherweise ihren Platz.105 Schilling (1840) schreibt über Sörensens Musik folgendes, woraus sich auch ein Schülerverhältnis zu Schulz etwas uneindeutig ablesen ließe, weitere Nachweise hierzu existieren aber offenbar nicht: »Worin er aber eine besondere Geschicklichkeit besaßt, ist die Behandlung der Texte, und hier gerade tritt auch die Schule Schulz´s am unverkennbarsten hervor. Wenige Liedercomponisten haben in dieser Hinsicht so viel Glück gehabt als Sörensen. Seine Melodien sind nicht musikalische Umkleidungen der Worte, sondern der Text selbst erscheint hier gleichsam als eine Melodie. Nirgends etwas Gesuchtes oder Gekünsteltes«.106 Sörensen selbst spricht 1811 in sehr poetisch-wesenhafter Weise von einer Wirkung des Textes, der sich mit der Musik zu einem neuen gemeinsamen Wesen verbinden könne, und dieses neue Wesen solle – so Sörensen – vom Menschen »mit anziehender Zuneigung umfasst, und als etwas Wohlgefälliges und Wohlthuendes, als ein Wesen seiner Art, liebgewonnen werden«.107 Sörensens Fürbitte, für Sterbende ist gedruckt erschienen 1810 in Rudolstadt für vier Stimmen mit Klavierbegleitung.108 Über 178 Takte wird der Text abwechselnd in freieren Teilen (T. 130 etwa bezeichnenderweise genannt »mit verstärktem Vortrage«) und »choralmäßig« vorgetragen, die Klavierbegleitung ist nur in Pausentakten und Übergängen selbständig notiert und spielt ansonsten den Singstimmensatz mit, alles insgesamt nur in zwei Systemen notiert. Wir verzichten hier auf eine nähere Analyse und verweisen auf das in modernen Schlüsseln doch gut lesbare Digitalisat des Rudolstädter Druckes. Hier führt der Klopstocksche Text also zu einer durchkomponierten Form, während ansonsten Sörensens Werk vor allem aus Strophenliedern besteht – ähnlich wie es sich also auch bei Peter Grönland verhielt. Georg Carl Friedrich Lobedanz (1778–1825) war Kanzleisekretär und Archivar beim Obergericht in Gottorf, also Verwaltungsbeamter, als solcher starb er 1825, wie das Kirchenbuch berichtet: »Er ist todt gefunden worden im Archivzimmer des Obergerichts«.109 Eine genauere und positive Schilderung von Lobedanz’ Lebensund Ausbildungsverlauf gibt Gustav Schilling (1840)110 und erwähnt u. a. ein Heilig für Chor, Orgel und Orchester für den Schleswiger Dom (1809, nicht erhalten), Klopstocks Auferstehungsgesang für vierstimmigen Chor, »ein Werk, das seinen Namen ohnstreitig in die Reihe unserer gediegensten Kirchencomponisten setzt«, so Schilling, der anschließend noch die Klavierstücke von Lo105 Ob weitere Klopstock-Vertonungen bei Sörensen existieren, können wir leider aufgrund der fehlenden Zugänglichkeit der Arbeit von Scobel 2008 nicht sagen. 106 Schilling 1838, S. 429. 107 Sörensen 1811 (Vorwort), [S. 1]. 108 Sörensen 1810, S. 11–15. 109 Kirchenkreisarchiv Schleswig-Flensburg, Kirchenbuch Schleswig St. Michaelis, Sterbeeintrag 1825, Nr. 16. 110 Schilling 1841, S. 429.