Das Christkind und der Kaiser: Überlegungen zum Bordesholmer Altar
Abstract
Thomas Sternberg vertritt in seinem Aufsatz Das Christkind von Bordesholm die These, dass die Christkindfigur, die sich im Tabernakel der Bordesholmer…
Full text
| 73 PAUL NAWROCKI Das Christkind und der Kaiser Überlegungen zum Bordesholmer Altar Das meistbeachtete mittelalterliche Retabel in Schleswig-Holstein ist ganz sicher das des Bordesholmer Altars von Hans Brüggemann, das sich seit 1666 im Schleswiger Dom befindet. Schon im 19. Jahrhundert fand es reiche kunsthistorische Beachtung. Nach der Monografie von Ingeborg Kähler 1981 sind neben einzelnen Aufsätzen vor allem ein von Uwe Albrecht, Hartmut Krohm und Gerhard Kaldewei 1996 anlässlich einer Ausstellung in der Kieler Landesbibliothek konzipierter Tagungsband zu nennen sowie die einschlägige Brüggemann-Monografie von Jan Friedrich Richter aus dem Jahre 2011.1 Zuletzt bot das 500-jährige Bestehen des Altarretabels 2021 den Anlass für eine Tagung und den anschließenden Tagungsband.2 Das Retabel bietet also immer noch Stoff für weitere Forschung. Zwei Probleme sollen hier einmal etwas genauer untersucht werden: die Bestückung des Tabernakels in der Predella und die Identifizierung der beiden großen Figuren, die den Altar auf Säulen begleiten (und derzeit links von ihm aufgestellt sind). Das Altartabernakel Während die bisherige Forschung sich darin einig war, dass das Tabernakel in der Predella ein Sakramentsschrein ist, welcher der Aufbewahrung der Eucharistie – wahrscheinlich in Gestalt einer Monstranz mit der geweihten Hostie – dienen sollte ( Abb. 1 ), hat jüngst der Theologe Thomas Sternberg eine völlig neue These aufgestellt, nach der sich dort von Anfang an die Christkindfigur befunden habe, die noch heute dort aufgestellt ist.3 Er sieht in dem vorspringenden, vergitterten Tabernakel deshalb keinen Sakramentsschrein zur Aufbewahrung der Hostie, sondern eher einen Reliquienschrein für das Bildwerk, obwohl diesem gar kein Reliquiencharakter zukommt. Er erwägt sogar, das Tabernakel könne eigens für die Christkindfigur geschaffen worden sein; diese soll die wichtige, sonst auf dem Retabel aber fehlende 1 Kähler 1981. – Albrecht et al. 1996. – Richter 2011. 2 Auge et al. 2023. – Vgl. dazu auch die Rezension in diesem Band. 3 Sternberg 2023. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2941-3362/p13
74 | Nordelbingen 90 Darstellung der Inkarnation, der Menschwerdung Christi, vertreten. Als Beleg für seine These weist Sternberg auf die zahlreichen Christkindfiguren – meistens aus flandrischer Produktion – die gerade um 1500 als Andachtsbilder sehr beliebt waren und, mit aufwändiger Bekleidung versehen, sich allgemeiner Verehrung erfreuten.4 Es stellt sich aber die Frage, ob sich die Aufstellung auch nur einer dieser Figuren in einem Altartabernakel zu Beginn des 16. Jahrhunderts irgendwo nachweisen lässt5 und warum Meister Brüggemann diese zentrale Stelle nicht mit einer von ihm selbst geschnitzten Christusfigur versehen hat, wie es Claus Berg bei seinem berühmten Altar in Odense tat. Das Alter der Figur – um 1500 und damit seine Entstehung wenige Jahre vor dem Bordesholmer Retabel – ist unbestritten. Aber dass sie für das Bordesholmer Tabernakel bestimmt gewesen sein soll, lässt sich daraus nicht schließen. Zwar war das »kleine Kindlein im vergüldeten Schrankwerk auf dem großen Altar« nach dem Zeugnis des Bordesholmer Küsters Martin Coronaeus 1637, also schon in Bordesholm, vorhanden.6 Aber damals, 116 Jahre nach dem Entstehen des Retabels, war aufgrund der Reformation 4 Vgl. Sternberg 2023, Abb. 1, 11–15. Das Schleswiger Exemplar erreicht mit 52 cm Höhe nicht einmal die halbe Höhe des Tabernakels (107 cm). 5 Die Verbreitung der von Sternberg (2023, bes. S. 145–146) erwähnten Christkindfiguren sagt nichts aus über ihren ursprünglichen Standort. Sie befinden sich überwiegend in Museen. Der berühmte »Bambino« in der römischen Kirche Santa Maria in Aracoeli steht in einer Nebenkapelle des Nordquerhauses. Der Hinweis auf Legenden, nach denen sich bei der Wandlung das Brot in ein Kind verwandelt habe (Sternberg 2023, S. 147) – vergleichbar mit der bekannten Gregorsmesse – dürfte eher das Tabernakel als Zentrum der Eucharistie bestätigen. 6 Richter 2011, S. 121. – Auge/Hillebrand 2019, Bd. 1, S. 231. – Sternberg 2023, S. 144. Die Formulierung bei Westphalen 1740, Sp. 601 (»pueruli simulacrum, quod in scrinio inaurato altari impositum erat«) könnte aber durchaus auf ein nachträgliches Einfügen des Bildwerks deuten. Abb. 1: Die Predella des Bordesholmer Altars. Foto: Paul Nawrocki, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 .
P. Nawrocki: Das Christkind und der Kaiser | 75 an den Altären vieles bereits verändert. Georg Habenicht beschreibt den schockartigen Vorgang, bei dem nach Luthers Ablasskritik »alle übrigen Frömmigkeitssektoren: die zahlreichen Wallfahrten, die wuchernde Reliquienfrömmigkeit, das monastische Leben, der hypertrophe Stiftermarkt« zusammenbrachen.7 1541 veranlasste König Christian III., der die Reformation in Dänemark durchgesetzt hatte, eine Visitation des Klosters und verlangte den Treueeid und die Abschaffung »altgläubiger Zeremonien«.8 Dazu gehörte sicher auch die Aufgabe des Fronleichnamsfestes, das von Luther abgelehnt wurde.9 Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges (1627) gab es auch in Bordesholm Zerstörungen und Plünderungen.10 Existierte ursprünglich einmal eine kostbare Monstranz, dann dürfte sie spätestens damals verschwunden sein. Das Kloster, das um 1320 nach Umsiedlung aus Neumünster entstand und der Jungfrau Maria geweiht war, verfügte im Mittelalter über zahlreiche Reliquien,11 die – in Verbindung mit dem Grab des Klostergründers Vicelin – viele Pilger anlockten. Dies wurde durch bischöfliche Ablässe und die Einführung eines besonderen Reliquienfestes (festum reliquiarum) gefördert. Wenn in diesem Zusammenhang berichtet wird, Reliquien seien auf dem Hochaltar ausgestellt gewesen,12 dann bezieht sich das offenbar auf den ursprünglichen Altar des 14. Jahrhunderts, der wahrscheinlich ein »Reliquienaltar« nach Art des noch bestehenden Cismarer Altars war. Von einer Monstranz ist keine Rede. Wenn aber Coronaeus später das einstige Fronleichnamsfest (festum corporis Christi) erwähnt, bei dem ein kostbares Kreuz vorangetragen wurde,13 dann ist dies ein deutlicher Hinweis auf die Fronleichnamsprozession, bei der ja der Leib Christi in der Gestalt der konsekrierten Hostie im Mittelpunkt stand. Wir wissen nicht, wann das Fest in Bordesholm eingeführt wurde und ob es sich bei dem erforderlichen Schaugefäß schon um eine Monstranz handelte. Verlockend ist aber der Gedanke, Herzog Friedrich könne bei der Stiftung des Altares auch die dem Tabernakel angemessene Monstranz gestiftet haben. Nach Coronaeus wurden die Reliquien jedenfalls später nur noch in zwei Schränken (scrinia) verwahrt.14 Der hiermit angedeutete Wandel entspricht der Entwicklung in der Gesamtkirche: Im Laufe des Mittelalters hatte sich die Lehre von der Transsubstantiation herausgebildet und seit dem 4. Laterankonzil (1215) eine allgemeine Geltung beansprucht. Danach fand durch die priesterlichen Wandlungsworte in der Messfeier eine dauerhafte Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi statt. Die leibliche Gegenwart Christi wurde zunächst eher sporadisch gefeiert. Das allgemeine Schauverlangen fand schon Ausdruck in der Elevation, der Erhebung der Hostie nach der Wandlung. 1264 wurde durch eine päpstliche Bulle für die Gesamtkirche das Fronleichnamsfest (festum corporis Christi) eingeführt. Es wurde üblich, konsekrierte Hostien in kostbaren Behältnissen, zunächst in geschlossenen, dann in durchsichtigen Gefäßen (Pyxiden) 7 Habenicht 2023, S. 171. 8 Auge/Hillebrand 2019, Bd.1, S. 195. – Bünz 2023, S. 42. 9 Fuchs 2006, S. 36. 10 Westphalen 1740, Sp. 605. 11 Auge/Hillebrand 2019, Bd. 1, S. 200, 234–235. 12 Westphalen 1740, Sp. 466 (1483): »plures venerandissimæ sanctorum atque sanctarum Reliquiæ in tabula summi altaris [...] sint expositae«. 13 Westphalen 1740, Sp. 600: »praetulerunt eam in festo corporis Christi«. 14 Auge/Hillebrand 2019, Bd. 1, S. 234. – Westphalen 1740, Sp. 600: »Duo scrinia reliquiis et rebus sacris repleta erant«. Sternbergs Abb. 10, vermittelt den Eindruck eines solchen Reliquienschranks. Aus dem Mittelalter erhalten sind Reliquienschränke in Løgumkloster und in Doberan.
76 | Nordelbingen 90 und schließlich in Monstranzen zur Anschauung, Verehrung und Anbetung in den Kirchen und auf Prozessionen zu präsentieren.15 Über ihre Aufstellungsorte in der Kirche gab es keine allgemeinen Vorschriften.16 Ins Chorgemäuer eingelassene, verschließbare Wandtabernakel, die nicht nur der Eucharistie, sondern auch zur Aufnahme kostbarer liturgischer Geräte und Reliquien dienen konnten, sind in Deutschland seit dem 12. Jahrhundert bekannt.17 Gegen Ende des Mittelalters entstanden besondere Sakramentsschränke und turmartige Sakramentshäuser. Soweit erhalten, sind ihre Türen bemalt und zeigen meistens auf der Innenseite Christus als Schmerzensmann. Immerhin weist die Tür des einstigen wandfesten Sakramentsschranks in Gettorf (um 1480) auf der Innenseite eine Darstellung der Marienkrönung auf, während auf der Außenseite (Abb. 2) zwei Engel mit einer prächtigen, gotischen Monstranz auf den einstigen Schrankinhalt verweisen.18 Monstranzen müssen also vor Brüggemann in Schleswig-Holstein bekannt gewesen sein. In der Kirche des Schleswiger Johannesklosters, der Petersdorfer Kirche auf Fehmarn, der Lübecker Marienkirche und im Doberaner Münster sind Sakramentstürme erhalten. Brüggemann selbst hat 15 Fuchs 2006, S. 17. – Browe 1967, S. 98–102. – Nußbaum 1979, S. 154–458. Die theologische Literatur geht kaum auf die Frage nach den Behältnissen ein. Es ist vielmehr immer wieder nur von der Eucharistie, vom Sakrament, vom Allerheiligsten, vom Sanctissimum die Rede. Dass sich seit ca. 1400 in Deutschland die dauernde Ausstellung der »unverhüllten Eucharistie« ausbreitete (Nussbaum 1979, S. 163, 393), lässt sich aber wohl kaum ohne die Annahme entsprechender Monstranzen erklären. Zwar gab es Widerstand gegen diese Praxis und ihre Auswüchse, so besonders durch den päpstlichen Legaten Nicolaus Cusanus, der aber weitgehend erfolglos war (Nussbaum ebd.) und nichts über die Verhältnisse in Bordesholm aussagt. Auf die Auswirkung der Reformation geht Sternberg (2023, S. 142–143) gar nicht ein . 16 Braun 1924, S. 587. 17 Nußbaum 1979, S. 399. 18 Im Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Schleswig (Inv. Nr. AB 18). Abb. 2: Tür eines festen Sakramentschrankes aus Gettorf, um 1480, Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Schleswig. Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Foto: Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Ulrich Schneider.
P. Nawrocki: Das Christkind und der Kaiser | 77 für die Stadtkirche in Husum einen mächtigen Sakramentsturm geschaffen, der nach dem Abbruch der Kirche (1807) zerfiel.19 Angesichts dieser Vielfalt überrascht es, dass man von der Möglichkeit, Sakramentstabernakel in die Predellen der spätgotischen Hauptaltäre einzubauen, anscheinend wenig Gebrauch gemacht hat. Tatsächlich sollen aber solche Altartabernakel im Spätmittelalter »im deutschsprachigen Raum gängig und keine Besonderheit des Bordesholmer Werkes« gewesen sein.20 Im protestantischen Norden sind jedoch gerade die Predellen meistens gar nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten und zeigen vornehmlich nachmittelalterliche Gemälde des Abendmahls oder Bibelverse. Ältestes erhaltenes deutsches Beispiel eines Altartabernakels ist wohl der Klarenaltar im Kölner Dom (nach 1350). Seine zentrale Nische ist mit einer hölzernen Tür verschlossen, auf der der hl. Martin gerade bei der Elevation der Hostie während der Wandlung dargestellt ist.21 Die vergitterten Predellengefache in Segeberg und Aarhus erinnern wohl noch an ältere Reliquienaltäre. Nischen in der Mitte der Predella – so in Kiel (Franziskaneraltar in der Nikolaikirche), Giekau und Nieblum auf Föhr – dürften Sakramentsschreine gewesen sein und werden i. A. auch so genannt. Das Bordesholmer Altartabernakel lässt sich hier einordnen. Durch seine hervortretende Position stellt es aber – abgesehen von seiner künstlerischen Qualität – etwas Besonderes dar. Eine vergitterte, aber verschließbare Türöffnung erlaubt den Blick ins Innere. Auf die Verschließbarkeit der Tabernakel wurde zur Vermeidung von Missbrauch und Diebstahl schon im Mittelalter gedrängt.22 Gerade der Tabernakelverschluss in Schleswig (auf der Rückseite durch eine verschließbare Klappe) dürfte ein Hinweis darauf sein, dass etwas besonders Kostbares zu schützen war. Insgesamt spricht nichts gegen die Annahme, dieser »heiligste Ort der Kirche«23 sei auch der Ort des Allerheiligsten gewesen. Darauf weisen auch die vier Darstellungen der Predella, die sich deutlich auf das Messopfer beziehen. Die Größe des Tabernakels, aber auch seine vergitterte Tür sprechen dafür, dass hier keine Hostienbehälter wie eine Pyxis oder ein Ziborium aufbewahrt wurden, sondern eine Monstranz. Das Tabernakel war demnach kein »Kommunionstabernakel«. Für die allgemeine Kommunion im Rahmen der Messfeier muss es Hostienbehälter gegeben haben, über die wir aber nichts Näheres wissen. Immerhin ist auf den Abendmahlsdarstellungen rechts und links des Bordesholmer Tabernakels jeweils ein rundes, dosenartiges Gefäß zu sehen, das vermutlich als Hostienbehälter diente.24 Angesichts der noch vorhandenen mittelalterlichen Altartabernakel, zu denen ja auch das Bordesholmer Tabernakel gehört, sind Sternbergs Behauptungen unverständlich, »die zentrale Aufstellung der Tabernakel auf dem Hauptaltar in der Hauptsichtachse der Kirche« sei ein nachreformatorisches Phänomen und »nördlich der Alpen setzte sich der Altartabernakel […] erst im 17. Jahrhundert durch«.25 Sie gehen auf Ralf van Bühren zurück, der im Gefolge der Gegenreformation »die optische Zentrierung des Kirchenraums auf den Hauptaltar mit Tabernakel […] in fast allen katholischen Sak19 Coronaeus nannte es »ciborium majus (Monstrantz) quod Husumi est« (Westphalen 1740, Sp. 598). In Dänemark gibt es noch zahlreiche Sakramentsschränke und -häuser. Sie werden in der Fachliteratur durchweg »Monstrantsskab« bzw. »Monstrantshus« genann t. 20 Evers 2023, S. 105. – Nußbaum (1979, S. 427–454) widmet ihnen ein eigenes Kapit el. Nach dem Lexikon für Theologie und Kirche (Freiburg 1964, Stichwort ›Tabernakel‹) wurde das Tabernakel als »Gehäuse zur Aufbewahrung der konsekrierten eucharist. Brotgestalt […] vom 14. Jh. an […] in das Retabel des Altares verlegt«. 21 Nußbaum 1979, S. 429. 22 Braun 1924, S. 587; Nußbaum1979, S. 365–376. 23 Sternberg 2023, S. 143. 24 So auch Kähler 1981, S. 62, 67. 25 Sternberg 2023, S. 141–142. Vgl. van Bühren 2014, S. 103.
78 | Nordelbingen 90 ralbauten vom 16. bis zum 19. Jahrhundert« feststellt,26 ohne aber die mittelalterlichen Vorläufer des neuzeitlichen Altartabernakels zu negieren. Das Bordesholmer Tabernakel ist nicht nur Teil der Predella, es gehört auch zur ungewöhnlich reich gestalteten Altarachse. In ihrem Zentrum steht die Kreuzigungsszene, die aber in Verbindung mit der Darstellung von Gott Vater und der (schwierig erkennbaren) Taube des Heiligen Geistes zugleich die Trinität abbilden soll. Die Weltgerichtsszene im Gesprenge kennt man sonst hauptsächlich von gotischen Portalen und Gewölbemalereien und dürfte bei Schnitzaltären in vergleichbarer Position kein zweites Mal vorkommen. Sie bildet in Verbindung mit den groß dargestellten, sündigen Ureltern ein Dreieck, das der Zeitspanne der menschlichen Existenz entspricht. In seinem Zentrum steht in einer eigenen kapellenartigen Nische die Madonna mit dem Kinde (Abb. 11), die Patronin der Kirche. Sie ist »mit der Sonne bekleidet, hatte den Mond unter ihren Füßen und trug auf dem Kopf eine Krone von zwölf Sternen« (Off 12,1). So erscheint sie also als Apokalyptisches Weib und vermittelt zugleich als Himmelskönigin zwischen dem Opfertod Christi und Christus im Jüngsten Gericht. Dass Engel das Blut Christi in Kelchen auffangen, weist auf eine direk te Verbindung mit der Eucharistie, d. h. mit dem Tabernakel. Den Gläubigen erwartet das Gericht, er kann aber auf die Gnade vertrauen, die ihm die Gegenwart Christi in der Eucharistie garantiert. Gerade das Weltgericht, die sündigen Menschen und das Tabernakel sind daher auch bei geschlossenen Altarflügeln immer sichtbar. Für die These, das Bordesholmer Altartabernakel sei einst eucharistisches Zentrum der Kirche gewesen, ließen sich zwar Hinweise und Argumente anführen, es fehlen aber unmittelbare schriftliche Belege. Das gilt aber in noch wesentlich höherem Maße für die These, hier sei von Anfang an die Christkindfigur aufgestellt gewesen, die sich heute noch dort befindet. Es besteht weiterer Forschungsbedarf. Augustus oder Salomon? Das zweite strittige Thema sind die beiden das Retabel erweiternden Säulenfiguren ( Abb. 3 ). Sternberg identifiziert sie mit Kaiser Augustus und der Tiburtinischen Sibylle, eine Vorstellung, die auf August Sach zurückgeht und die später besonders von Horst Appuhn vertreten wurde.27 Sie beriefen sich auf mittelalterliche Legenden, die besonders in der Legenda Aurea des Jacopo de Voragine (um 1264) große Verbreitung fanden.28 Danach vernahm Augustus auf seine Frage an die Götter, wer nach ihm das Reich regieren sollte, eine Stimme, die ihm die Geburt Christi ankündigte. Der Kaiser soll daraufhin »dem Sohn des lebendigen Gottes« einen Altar gestiftet haben. Bekannter ist die Szene, in der Augustus die Sibylle gefragt haben soll, ob es jemals einen Menschen geben werde, der größer sei als er. Als Antwort erlebte er am Tage der Geburt Christi die Vision der »allerschönsten Jungfrau« mit einem Kind auf dem Schoß in einem goldenen Kreis über dem »Altar des Himmels« (ara coeli) und wird aufgefordert, es anzubeten.29 26 Van Bühren 2014, S. 99. 27 Sach 1895, S. 55–57. – Appuhn 1987 [1983], S. 30. 28 Benz 1997 [1917/1921], S. 53–54. 29 Die Szenen sollen sich auf dem römischen Kapitol abgespielt haben, wo später die Kirche Santa Maria in Ara Coeli entstand. Zur Erinnerung beherbergt sie in einer Nebenkapelle des nördlichen Seitenschiffs eine Christkindfigur, den »Bambino«.
P. Nawrocki: Das Christkind und der Kaiser | 79 Sach und Appuhn sahen also in der Bordesholmer Strahlenmadonna ( Abb. 11 ) in Verbindung mit den beiden Säulenfiguren (Abb. 3) eine Darstellung dieser Ara-Coeli-Szene. Zur Untermaurung dieser These konnten sie bereits auf die zahlreichen zeitgenössischen Darstellungen der Ara-CoeliSzene verweisen, so auf das Middelburger Altarbild von Rogier van der Weyden ( Abb. 6 ), das sich in Berlin befindet, und auf Henrik Douvermans Altäre in Kalkar ( Abb. 7 ) und Xanten.30 Es war wohl der Schleswiger Hauptpastor Wilhelm Meyer, der 1933 erstmals Bedenken äußerte: Er sah zwischen den Säulenfiguren und der Strahlenmadonna »so vielerlei, nämlich die bunte, gestaltenreiche Darstellung der Leidensgeschichte, dass der Beschauer eigentlich nicht auf den Gedanken kommen kann, dass der Augustus nur zum Madonnenbild in Beziehung gesetzt werden soll und mit ihm eine Einheit bildet«.31 1949 erinnerte Meyer an eine These, die sein im Krieg gefallener Sohn schon 1931 formuliert habe: Bei den beiden Säulenfiguren handele es sich um König Salomon und die Königin von Saba, die »vielfach unter die Sibyllen gezählt« werde; sie, die »vom Ende der Erde kam, um Salomons Weisheit zu hören«, werde am Gericht auftreten und dieses Geschlecht verdammen (Lk 11,31). Trotz dieses Hinweises auf das Jüngste Gericht, das im Gesprenge des Bordesholmer Retabels immer zu sehen ist, glaubte Meyer nicht, dass dies »der gewöhnliche Beschauer herausgelesen haben würde«.32 Fritz Fuglsang versuchte, die beiden Deutungen miteinander zu verbin30 Sach 1895, S. 50. – Appuhn 1987 [1983], S. 30. 31 Meyer 1933. Er sah in den Säulenfiguren König David und eine Sibylle, die in ihren Weissagungen »Zeuge für den jüngsten Tag und den Untergang der Welt« seien. Dazu: Nawrocki 2017, S. 13–14. 32 Meyer 1949. Abb. 3: Die beiden Säulenfiguren in der Aufstellung vor 2021. Aus: Kähler 1981, Tafel 86.
80 | Nordelbingen 90 Abb. 4: Augustus und die Sibylle in einem Heilsspiegel, um 1400. Aus: Appuhn 1981, S. 23. Abb. 5: Augustus und die Sibylle an einem Heilsspiegel, um 1460. Aus: Sternberg 2023, S. 139. ← Abb. 6: Rogier van der Weyen, linker Flügel des BladelinTriptychons aus Middelburg, 1445–1448. Gemäldegalerie Berlin. ↑ Abb. 7: Henrik Douverman: Augustus und die Sibylle am Siebenschmerzen-Marien-Altar, 1518–1522. Aus: Nawrocki 2017, S. 10.
P. Nawrocki: Das Christkind und der Kaiser | 81 den.33 Ingeborg Kähler fand, die Salomonversion würde »grundsätzlich in das Gesamtkonzept der Altarikonographie durchaus hineinpassen«, blieb aber doch angesichts der »Bildtradition« bei der Augustusversion.34 1996 griff Kerstin Krupcke die Salomonversion wieder auf.35 Sie wies auf die Ungereimtheiten der Augustusversion hin, auch auf die mächtige Turbankrone, die doch eher zu einem orientalischen Herrscher passe. Vor allem bezog sie die Literatur zur mittelalterlichen Kreuzholzlegende und besonders die Sibyllenweissagungen mit ein, die Aussagen zum gesamten mittelalterlichen Weltverständnis enthalten:36 zur Schöpfungsgeschichte, zur Passion Christi, zum Heiligen Römischen Reich und ausdrücklich auch zum Jüngsten Gericht. Dass auch der Niedergang des Judentums prophezeit wird, erklärt nach Krupcke die passive Haltung des Mannes, in dem sie König Salomon sieht, der – im Gegensatz zu Augustus – »den kommenden Christus nicht als Höherstehenden anerkennt«.37 Dies künstlerisch auszudrücken, ist natürlich schwieriger als die Vision des Augustus darzustellen. Immerhin erscheinen beide Szenen in der Schedelschen Weltchronik (1493): die Vision des Augustus, verbunden mit dem Bericht der Legenda Aurea (Abb. 9), und die »Sibilla saba«, die »Salomon Rex« besucht (Abb. 10). Die Königin von Saba wird dort als Prophetin bezeichnet, die wegen ihrer Weissagung »vom Holtz des heiligen Kreutzes und von zerstörung der Juden« eine Sibilla genannt wird . Es fällt auf, dass Sternberg auf diese Überlegungen überhaupt nicht eingeht, sondern »für die alte, geläufige Interpretation als Augustus und Sibylla Tiburtina« eintritt.38 Aus den zahlreichen Darstellungen der Ara-Coeli-Szene, die sich seit dem 14. Jahrhundert verfolgen lassen, schließt er, sie sei um 1500 »literarisch und bildnerisch so allgemein bekannt und vertraut, dass ein gebildeter Be33 Fuglsang/Erhardt 1959, S. 9–10. 34 Kähler 1981, S. 87. 35 Krupcke 1996 mit Hinweisen auf Mante 1931 und Neske 1985. 36 Vgl. die Zusammenfassung bei Neske 1985, S. 3–4. 37 Krupcke 1996, S. 194. 38 Sternberg 2023, S. 138. Abb. 8: Lettnerbogen in der Pfarrkirche von Siersdorf, um 1520–1530. Aus: Richter 2011, S. 29.
88 | Nordelbingen 90 Füssel, Stephan (Hg.): Hartmann Schedel, Weltchronik 1493, Köln 2018. Habenicht, Georg: Der Bordesholmer Altar als Investitionsruine, in: Auge et al. 2023, S. 166–187. Kähler, Ingeborg: Der Bordesholmer Altar – Zeichen einer Krise, Kiel 1981. Karrenbrock, Reinhard: Hans Brüggemann und die Niederrheinlande, in: Auge et al. 2023, S. 151–165. Krupcke, Kerstin: Augustus oder Salomon? Zu den Säulenfiguren vor dem Bordesholmer Retabel, in: Albrecht et al. 1996, S. 191–196. Mante, Axel: Die mittelalterlichen Versionen der Sibyllenweissagung, Lund 1931. Meyer, Wilhelm W.: Die ältesten Bewunderer des Brüggemann’schen Altares, in: Schleswiger Nachrichten 7.2.1933. Meyer, Wihelm. W.: Die Nebenfiguren des Brüggemannschen Altares, in: Schleswiger Nachrichten 7.12.1949. Müller, Andreas: Die Augustinische Theologie und das Bordesholmer Altarretabel, in: Auge et al. 2023, S. 82–103. Nawrocki, Paul: Rätselhafte Säulenfiguren. Die Nebenfiguren des Bordesholmer Altars im Urteil der Zeiten, in: Nordelbingen 86 (2017), S. 7–20. Nawrocki, Paul: Die rätselhaften Nebenfiguren des Bordesholmer Altares. Eine Nachlese, in: Beiträge zur Schleswiger Stadtgeschichte 63 (2018), S. 119–131. Neske, Ingeborg: die spätmittelalterliche deutsche Sibyllenweissagung, Göppingen 1985. Nußbaum, Otto: Die Aufbewahrung der Eucharistie, Bonn 1979. Richter, Jan Friedrich: Hans Brüggemann, Berlin 2011. Richter, Jan Friedrich: Der Bordesholmer Altar (1521) und die anderen Werke von Hans Brüggemann, Königstein 2019. Sach, August: Hans Brüggemann und seine Werke. Ein Beitrag zur Kunstgeschichte Schleswig-Holsteins, Schleswig ²1895. Sternberg, Thomas: Das Christkind von Bordesholm, in: Auge et al. 2023, S. 134–149. van Bühren, Ralf: Kirchenbau in Renaissance und Barock. Liturgiereformen und ihre Folgen für Raumordnung, liturgische Disposition und Bildausstattung nach dem Trienter Konzil, in: Operation am lebenden Objekt, Roms Liturgiereformen von Trient bis zum Vaticanum II, hg. v. Stefan Heid, Berlin 2014, S. 93–119. Westphalen, Ernst Joachim von: Monumenta Inedita Rerum Germanicarum Prӕcipue Cimbricarum et Megapolensium, Bd. 2., Leipzig 1740. Autor Dr. Paul Nawrocki Langjähriger Oberstudienrat (Geschichte und Geographie) an der Domschule in Schleswig. Nach der Pensionierung Studium der Kunstgeschichte und Promotion an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Publikationen besonders zur mittelalterlichen Architekturgeschichte Dänemarks und Schleswig-Holsteins. E-Mail: [email protected] Open Access Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons. org/licenses/by-sa/4.0 . Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Artikels von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.