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Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz

Knapp, Ulrich

Abstract

Das um 1210/11 gestiftete Benediktinerinnerkloster Preetz wurde 1307 von einem Brand heimgesucht, über dessen Ausmaß jedoch Unklarheit besteht.…

Full text

| 9 ULRICH KNAPP Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz Um 1210/11 stiftete Graf Albrecht II. von Orlamünde (nach 1182, † 1245) unter Mitwirkung des Lübecker Bischofs Berthold (amt. 1210–1230) ein Benediktinerinnenkloster, das zunächst an der Pfarrkirche von Preetz angesiedelt wurde.1 Im Zuge der Auseinandersetzung zwischen König Waldemar II. von Dänemark, der 1202 die Grafschaft Holstein erobert und Albrecht II. von Orlamünde mit der Grafschaft belehnt hatte, und dem römisch-deutschen Reich blieb die Klosterstiftung unsicher. Adolf IV. von Schauenburg bemühte sich, die Grafschaft Holstein für die Schauenburger zurückzuerlangen, während Waldemar II. den Ausbau der dänischen Vormachtstellung weiterbetrieb. Nach dessen Gefangennahme 1223 konnte Adolf IV. 1224 die nordelbischen Gebiete der Grafschaft zurückgewinnen. Albrecht II. von Orlamünde geriet in Gefangenschaft. Erst nach dem Verzicht Waldemars auf die Gebiete zwischen Eider und Elbe 1225 erlangte dieser wieder die Freiheit. Unverzüglich betrieb er jedoch die Annullierung seines Eids. Papst Honorius III. (amt. 1216–1227) löste am 26. Juni 1226 Waldemar II. von seinem Eid, der nun seinerseits Vorbereitungen traf, Holstein zurückzuerobern. In dieser Situation bestätigte der Schauenburger Adolf IV. am 29. September 1226 die Klosterstiftung und bezeichnete sie als eigenes Werk.2 Nach der Schlacht von Bornhöved (1227), die für König Waldemar II. von Dänemark und den von ihm eingesetzten Grafen von Holstein, Albrecht II. von Orlamünde, ungünstig verlaufen war, erfolgten weitere Bestätigungen der Klosterstiftung und ihrer Besitzungen: 1232 wurde die Bestätigung der Stiftung Adolfs IV. durch Kaiser Friedrich II. bestätigt. Als Zeugen werden die Erzbischöfe von Mainz, Salzburg und Magdeburg sowie weitere Bischöfe und geistliche wie weltliche Würdenträger genannt.3 In demselben Jahr wurde das Kloster durch Herzog Albrecht von Sachsen4 und Bischof Johannes I. von Lübeck (amt. 1230/31–1247) bestätigt.5 Die päpstliche Bestätigung des Klosters durch Papst Gregor IX. (amt. 1227–1241) datiert vom 26. August 1236.6 1 Klosterarchiv Preetz (im Folgenden KlA Preetz) I A a 4; VII A (Bocholtsches Register), S. 35–37. – Rosenplänter 2009, S. 33–40. – Prange 2014, S. 47, 56. – Hillebrand/Rosenplänter 2019, S. 342–345. – Die Datierung der Stiftung ergibt sich aus der Beteiligung des Lübecker Bischofs Berthold. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass die Planung zur Klosterstiftung bereits früher einsetzte. Aus der Datierung der vollzogenen Stiftung folgen die modifizierten Amtszeiten der frühen Klosterpröpste. 2 Jessien 1839, S. 197–199, Nr. VII. 3 Jessien 1839, S. 200, Nr. VIII. 4 Jessien 1839, S. 200–203, Nr. IX und S. 202–203, Nr. X. 5 Jessien 1839, S. 203–205, Nr. XI. 6 Jessien 1839, S. 206–207, Nr. XIV. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2941-3362/p11 10 | Nordelbingen 90 Das Kloster war zunächst wohl bei der Pfarrkirche von Preetz angesiedelt, deren Nutzung den Nonnen gestattet wurde, wurde in der Folgezeit aber wiederholt verlegt. Unter Propst Eppo (amt. 1220–ca. 1246) erfolgte die Verlegung nach Erpesvelde.7 1224 ist erstmals die Bezeichnung »in campo beate Mariae« für das Kloster belegt.8 1240 genehmigte Bischof Johannes I. von Lübeck (amt. 1230–1247) die Translozierung des Klosters nach Lutterbek.9 Unter dem dritten Propst, Fredericus (amt. 1245/46– 1250/51) wurde der Konvent wieder nach Preetz verlegt, wobei der genaue Ort unsicher bleibt. Erst unter Propst Luderus (amt. 1250/1251–1261/1262) ist das Kloster an seinem heutigen Standort gesichert. Propst Johannes (amt. 1261/1262–1275/76) legte nach den chronikalischen Aufzeichnungen den Grundstein zu der Klosterkirche,10 die unter dem aus dem Kloster Cismar stammenden Propst Konrad (amt. 1275/76–1285/86) erbaut worden sein soll.11 Ablassbriefe für Stiftungen zugunsten des Baus der Klosterkirche datieren vom 7. März 1268,12 vom Oktober 1269,13 vom 30. November 1278,14 und vom 25. März 1280.15 Vom 21. Januar 1286 datiert ein Vertrag zwischen Propst Conradus und Äbtissin Adelheidis (belegt 1286) über die Verteilung und Verwendung der Klostereinkünfte.16 Man wird davon ausgehen dürfen, dass zu diesem Zeitpunkt das Kloster in vollem Umfang funktionsfähig war, also uneingeschränkt nutzbare Konventgebäude einschließlich der Klosterkirche, ein Propstenhaus, ein Krankenhaus, ein Gästehaus und alle erforderlichen Wirtschaftsgebäude aufwies. In dem Vertrag wurde auch die Größe des Konvents erstmalig auf 70 Nonnen b egrenzt. Richard Haupt hatte aus der Eintragung im Bocholtschen Register und dem gleichlautenden Eintrag im Buch im Chore geschlossen, dass 1284 der heute bestehenden Bau vollendet war.17 Diether Rudloff verwies hingegen auf eine Brandnachricht aus dem Jahr 1307.18 Am 18. September gestattete Bischof Burchard von Serkem dem Kloster, vorübergehend mehr als die genannten 70 Nonnen aufzunehmen.19 Dies wird als Unterstützung des Klosters nach dem Brand interpretiert. Allerdings ergibt sich aus den Quellen weder, welche Gebäude durch den Brand beschädigt oder zerstört wurden, noch wie gravierend dieser Brand tatsächlich war. Auch gilt zu bedenken, dass wohl trotz der Brandschäden mehr als 70 Nonnen im Kloster untergebracht und versorgt werden konnten. Es mussten also nutzbare Gebäude in entsprechendem Umfang vorhanden gewesen sein. 7 Jessien 1839, S. 207–208, Nr. XVI. – Die Lokalisierung des Ortes Erpesvelde ist nicht gesichert. Zuletzt hierzu Hartwig 2021, S. 48–101. 8 KlA Preetz I A a 5 (a) und I A a 5 (b). – Jessien 1839, S. 195–196, Nr. V und S. 196–197, Nr. VI. 9 KlA Preetz VII A (Bocholtsches Register), S. 47–48. – Jessien 1839, S. 207–208, Nr. XVI. 10 KlA Preetz VII A (Bocholtsches Register), S. 15. 11 KlA Preetz VII A (Bocholtsches Register), S. 15. – Der Eintrag zu Propst Conradus gehört noch zum Grundbestand der Handschrift. Da auf S. 14 in der Liste der Lübecker Bischöfe der Eintrag zu Burchard von Serkem bereits nachträglich hinzugefügt wurde, vielleicht von demselben Schreiber, aber in leicht abweichender Schrift, dürften zumindest Teile der Handschrift bereits 1275/76 angelegt worden sein. Auf S. 1 der Handschrift befindet sich eine Datierung auf 1286 und die Nennung des Lübecker Bischofs Burchard. Die Liste der Päpste auf S. 9 endet jedoch mit Nikolaus III. (amt. 1277–1280). Die weiteren Namen, beginnend mit Martin IV. (amt. 1281–1285) wurden nachträglich hinzugefügt. Die Liste der Könige des römisch-deutschen Reichs schloss mit Rudolf von Habsburg. Dessen Amtszeit und die Namen der Könige/Kaiser bis Maximilian wurden von späterer Hand nachgetragen. 12 Hasse 1888, Nr. 374, S. 156–157 (Bischof Hermann von Schwerin). 13 Hasse 1888, Nr. 393, S. 166 (Bischof Ulrich von Ratzeburg). 14 Hasse 1888, Nr. 547, S. 218 (Bischof Burchard von Lübeck). 15 Hasse 1888, Nr. 570, S. 227 (Bischof Heinrich von Pomeranien). 16 KlA Preetz II A c 1. Jessien 1839, S. 219–223 Nr. XXXI, XXXII. – Hasse 1888, Nr. 686, S. 274–275. 17 Haupt 1888, S. 167. 18 Rudloff 1952, S. 13. 19 KlA II A c 2. – Jessien 1839, S. 227–228, Nr. XXXVIII. – Hasse 1896, Nr. 157, S. 84–85. U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 11 Abb. 1: Preetz, Klosterkirche. Blick auf die Nordwand des Chors. Foto 2022: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. 12 | Nordelbingen 90 In seinem Testament vom 25. März 1327 stiftete der Ritter Otto von Pogwisch drei Mark seiner Schwester Elisabeth in Preetz und zehn Mark »ad edificium noui chori sanctimonialium in poreze«.20 Nach dieser Formulierung war die Summe für die Erstellung eines neuen Chorgestühls in der Klosterkirche bestimmt. Umfangreiche Teile dieses Chorgestühls sind bis heute am ursprünglichen Ort erhalten.21 Rudloff nahm daher an, dass zu diesem Zeitpunkt bereits wesentliche Teile der Klosterkirche benutzbar waren. In der Kirche selbst sah er einen kompletten Neubau nach dem Brand von 1307.22 Lediglich Teile einer nicht zum heutigen Bau passenden Wandgliederung interpretierte er als Relikt der alten Klosterkirche. Die dendrochronologische Datierung des Dachwerks über dem Mittelschiff der Klosterkirche auf 1325 +/- 5 scheint diese Datierung zu stützen.23 Rudloff rekonstruierte für die Klosterkirche drei parallel verlaufende Satteldächer: ein hohes Satteldach über dem Mittelschiff und zwei etwas niedrigere Satteldächer über den Seitenschiffen.24 Eine neue Untersuchung der Dachwerke der Klosterkirche erbrachte jedoch das Ergebnis, dass das 20 Hasse 1896, Nr. 611, S. 345–346. 21 Scheele 1923. Die Originale der Planbeilagen 2–15 befinden sich in der Plansammlung des LDSH in Kiel; Planbeilage 1 gilt als verschollen. – Urban 1950, S. 57–78. – Knapp 2023, S. 134–144. – Seliger 2024. 22 Rudloff 1952, S. 23–24, 74. 23 Bedal 1977, S. 113 f. 24 Rudloff 1952, S. 63–65, 100–102. – Bereits Haupt 1888, S. 166 hatte angenommen, dass für die Seitenschiffe eigenständige Dachwerke geplant waren. Abb. 2: Preetz, Klosterkirche. Baufuge zwischen Chor und Langhaus. Befund an der Nordseite. Foto 2023: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 3: Preetz, Klosterkirche. Mehrfarbige Formsteine am Nordfenster des Chorjoches. Foto 2023: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 13 heutige einheitliche Satteldach über der Staffelhalle der Klosterkirche der ursprünglichen Gestalt des Daches entspricht.25 Zwar sind die meisten Auflanger zu unterschiedlichen Zeiten repariert oder ersetzt worden, doch haben sich tatsächliche mehrere dieser Hölzer aus der Bauzeit des Dachwerks erhalten. Sie tragen dieselben Abbundzeichen wie die entsprechenden Gebinde des Mittelschiffdachwerks. Für letzteres wurde ein einheitliches Auflager geschaffen, das die unterschiedlichen Bauhöhen des darunterliegenden Mauerwerks ausgleicht. Daraus folgt, dass das Mauerwerk unterhalb des Dachauflagers im Bereich der Mittelschiffwände aus unterschiedlichen Bauphasen stammt, wobei über deren genaues Alter zunächst nicht viel gesagt werden kann. Allerdings gibt es am Chor ( Abb. 1 ) Indizien für eine deutliche Erhöhung der Mauerkrone. Das tiefer liegende ältere Mauerwerk zeigt bis heute die Ansätze für eine Westwand des Chors. Bei diesem älteren Chormauerwerk wurden Backsteine verbaut, die aus einem Lehm mit deutlichen Mergeleinschlüssen hergestellt wurden. Die Formsteine und die gefasten Steine weisen geschnittene Sichtflächen auf, deren glatten Oberflächen sich deutlich von den einfachen Mauersteinen abheben ( Abb. 3 ). Für die Erhöhung des Chors wurden ausschließlich Steine mit rot brennendem Scherben verwendet. Weitere Spuren einer früheren Planungsphase, wenn nicht des Vorgängerbaus, haben sich im Bereich der Westfassade des Mittelschiffs erhalten: Im Erdgeschoss befinden sich zwei große spitzbogig geschlossene Nischen mit Okuli. Letztere sind heute vermauert. An der Außenseite wurde das Mauerwerk im 19. Jahrhundert teils mit alten wiederverwendeten Steinen, teils mit kleineren neuen Steinen verkleidet. An den Ansätzen zu den Mittelschiffwänden zeigen sich unter dem Dach noch die Ansätze zu einer älteren Planung für das Mittelschiff. An der Südseite ist der Befund fast bis in Höhe der Mauerwerkserhöhung im Zuge der Ausführung des Dachwerks erhalten. Der erhaltene Ansatz für die südliche Mittelschiffswand zeigt eine Reduzierung der Mauerstärke, die auf ein zunächst geplantes basilikales Langhaus hinweisen kann. Die Befunde legen nahe, dass sich zumindest im Chor der Klosterkirche Reste des Baus aus der Zeit vor dem großen Neubau, also aus den Jahren vor 1307 erhalten haben. In diesem Zusammenhang ist eine große Seelgerätund Güterstiftung des Grafen Johann II. von Holstein (amt. 1263–1316, † 1321) vom 2. Februar 1306 von besonderer Bedeutung.26 Nach der Stiftung war Elisabeth, die Mutter des Stifters, im Chor der Klosterkirche bestattet. Die Stiftung sollte dem Andenken an die Mutter des Stifters († vermutlich 1292), seine Vorfahren, seine Gemahlin und alle seine Nachkommen dienen. Der Gesamtkontext legt nahe, dass hier das Fundament für eine herrschaftlich gräfliche Grablege gelegt werden sollte. Nach dem Tod der beiden möglichen Erben und Nachfolger sowie der Absetzung Graf Johanns II. im Jahr 1316 dürfte dieses Projekt weitgehend zum Erliegen gekommen sein und erst nach dem Tod des Grafen ist eine Fortführung der Bauarbeiten an der Klosterkirche – nun mit neuen Vorzeichen – vorstellbar. In diesem Zusammenhang dürften die Aufrichtung des in weiten Teilen erhaltenen Dachwerks ( Abb. 4 ) und die Stiftung zu dem Chorgestühl zu sehen sein. Damit kann ein vollständiger Neubau der Klosterkirche nach dem überlieferten Brand 1307 mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Nach dem Befund hat sich im heutigen Chor der Kirche noch jener des Vorgängerbaus erhalten und auch im Bereich der Westfassade bleiben Spuren eines älteren Baus oder einer älteren Planung greifbar. Von der ehemaligen Klausur des Klosters ist nach den Abbrüchen von 1845 heute nur noch ein nach Entwürfen von Friedrich Nikolaus Rohlf Scherneckau umgestalteter Torso erhalten,27 in dem jetzt das Klosterarchiv, die Predigerbibliothek und der Konventsaal untergebracht sind. Das Klausur25 Knapp 2023, S. 114–123. 26 Hasse 1896, Nr. 415, S. 61–62. 27 Reimers 2021, S. 6, 12–50. – Knapp 2024a, S. 183–186. 14 | Nordelbingen 90 gebäude lag nördlich der Klosterkirche und war von dieser im zweiten und sechsten Joch (von Westen gezählt) zugänglich. Der queroblonge Kreuzgang lag einige Stufen tiefer als die Klosterkirche. Der bis 1845 stehende Baukörper war in seiner zuletzt bestehenden Form seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in mehreren Bauetappen errichtet worden. An der Nordostecke des Kreuzganggeviertes lag das zwischen 1437 und 1458 erbauten Refektorium,28 dessen Reste sich im heutigen Archivraum und der Trese erhalten haben. Bereits im 16. Jahrhundert erfolgte ein grundlegender Umbau, in dessen Verlauf der ehemalige Klausurnordflügel 1587 ein neues Dachwerk erhielt,29 von dem bis heute 16 Gebinde in situ erhalten sind. Beim Einbau der Predigerbibliothek wurden vier Kreuzrippengewölbe des spätgotischen Baus ausgebrochen; weitere Gewölbe fielen ab 1845 dem Einbau des heutigen Konventsaals und des neuen Treppenhauses zum Obergeschoss zum Opfer. Quellen zu den Wirtschaftsbauten Während es zur Klosterkirche einige, wenn auch wenige Quellen aus dem 13. und frühen 14. Jahrhundert gibt, bleiben die Nachrichten zu den Wirtschaftsbauten des Klosters eher vage. In der Stiftungsurkund e des Grafen Adolf IV. heißt es zu dem gestifteten Ort Preetz, dass »[…] et eandem villam, […] cum omni utilitate sua, cum molendino adjacente ac omnibus terminis er app enditiis ejusdem 28 Knapp 2024a, S. 201–202. 29 Schulze 1995, S. 202. Abb. 4: Preetz, Klosterkirche. Dachwerk über dem Mittelschiff mit Blick nach Westen. Foto 2021: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 15 villae, areis videlicet, pratis, paschuis, silvis, cultis ac incultis, usibus sanctimonialium […]« übergeben werde. Auch bei den dem Kloster übertragenen Dörfen und Weilern werden die Mühlen, und die Plätze, an denen Mühlen gebaut werden können, explicit genannt. Daraus folgt, dass es bereits 1226 in Preetz eine Mühle gab, die dem Kloster übertragen wurde.30 Der Standort dieser Mühle kann nur vermutet werden. Die mittelalterlichen Wirtschaftsbauten des Klosters gelten als vollständig verloren. Andererseits bedingte ein Konvent von 70 Nonnen, bzw. nach 1307 von eventuell deutlich mehr Nonnen, eine Klosterökonomie in entsprechendem Umfang. Da die Abgaben der Klosteruntertanen in beträchtlichem Umfang in Naturalien bestanden, mussten entsprechende Gebäude zu deren Lagerung vorgehalten werden. Zudem waren Gebäude für den Klosterpropst, Priester und Vikare,31 Gäste des Klosters, zumindest eine Mühle, Ställe für Reitund Nutztiere sowie weitere Ökonomiegebäude erforderlich. In den spätmittelalterlichen Klosterrechnungen finden sich regelmäßig Ausgaben für den Bau und die Unterhaltung solcher Gebäude, ohne dass daraus detaillierte Angaben zu deren Lage und Gestalt zu gewinnen wären. Alleine eine mögliche Nutzungskontinuität vermag Hinweise auf die grobe Lokalisierung bestimmter Gebäudetypen, wie der Klostermühle, den Ställen oder den Kornspeicher liefern. So lag der ab 1868 errichtete Neubau der Klostermühle bis zu seinem Abbruch 1974 an der Südwestspitze des Klosterareals an der Ausleitung eines Klosterkanals aus der Postau.32 Den Zustand vor dem Neubau mit zwei separaten Mühlengebäuden, der Fleckenmühle südlich und der Klostermühle nördlich der Postau, zeigt eine Bestandsaufnahme der Schwentine zwischen Preetz und Rastorf aus dem Jahr 1847, die detailliert die Stellfalle an der Ausleitung und die Verbindung zur Viehtränke dokumentiert.33 Zumindest seit dem späten 15. Jahrhundert sind Stallgebäude und Scheunen für Heu im Süden des Klosterbereichs belegt. Das Gebäude Klosterhof 6 an der Westseite des großen Klosterhofs wird bis zum Umbau 1927 als Kornhaus oder als Kornboden bezeichnet.34 Das 1795/96 erbaute Predigerhaus (Klosterhof 3)35 hatte einen Vorgänger an derselben Stelle, jedoch auf deutlich kleinerem Grundriss. Die alte ›curia‹ stand ungefähr an der Stelle des heutigen Propstenhauses und ist in einem Grundriss aus der Mitte des 18. Jahrhunderts überliefert.36 30 Vgl. hierzu auch Stocks 2017, S. 20–23. 31 KlA Preetz, VII A (Bocholtsches Register), S. 17. – KlA Preetz, VII B (Buch im Chore), fol. 150r. – KlA Preetz, VIII A 1, Bd. 68, fol. 14v. – KlA Preetz, VIII A 1, Bd. 69B, fol. 6v, 13v. – KlA Preetz, VIII A 1, Bd. 70B, fol. 14r. – Vgl. Jessien 1839, S. 385 u. 398. – Rosenplänter 2009, S. 108. 32 Bei der auf den Katasterplänen dargestellten Mühle handelt es sich um einen Neubau aus der Mitte des 19. Jahrhunderts (Pläne aus den Jahren 1855 und 1856). Der Vorgängerbau von 1813 ersetzte eine 1812 abgebrannte Mühle (KlA Preetz III D b, Bau Kosten Rechnung über die Wiederaufbauung der Preetzer Kloster Korn und Graupen Mühle), die 1773 von Grund auf neu errichtet worden war (KlA Preetz II B 4). Die mittelalterliche Mühle dürfte schon aus Gründen des Schutzes bei Hochwasser an einem aus dem Gewässer ausgeleiteten Kanal gelegen haben. – Auf einem Lageplan der klösterlichen Wirtschaftsbauten ist das Gewässer als »Schwentien« bezeichnet. Der gezeichnete Teil dürfte dabei mit der auf den Katasterplänen des 19. Jahrhunderts verzeichneten Wasserfläche der Viehtränke identisch sein. – Zu den neuzeitlichen Mühlen: Karstens 1990, S. 134-139. 33 KlA Preetz, Plansammlung 180 B. – Aus der gleichen Zeit stammt ein Gemälde von Friedrich Ernst Wolperding (1815-1888), das die beiden Mühlen bei winterlichem Wetter zeigt. 34 Der Umbau erfolgte nach Plänen des Architekten August Witt. Die Planungen reichen bis 1926 zurück. – KlA Preetz III D a, Bauetat 1927 mit Beilagen. 35 KlA Preetz III D b, Berechnung der zum Bau des neuen Kloster Prediger Hauses in den Jahre 1795 und 1796 verwandten Kosten samt Beilagen. Der zugehörige Plan mit Grundrissen. Längsschnitt und Ansichten befindet im Planschrank des KlA Preetz. – Siehe dazu auch Knapp 2025 (im Druck). 36 KlA Preetz, Planschrank. – Knapp 2024a, S. 192. 16 | Nordelbingen 90 Bereits die älteste erhaltene Klosterrechnung37 aus dem Jahr 1389 enthält umfangreiche Einträge zu Baumaßnahmen, zumeist zum »slaphus«, also dem Dormitorium der Nonnen. Formulierungen wie »Item carpentorii 1 m per domo reformanda […] Item per tegulis deme dedit xv ß« verweisen auf weitere umfangreiche Arbeiten im Klosterbereich.38 Die Rechnungen listen zwar detailliert alle Ausgaben für Baumaterial und Handwerker auf, doch fehlt meist ein Hinweis auf die Gebäude, für die diese Aufwendungen getätigt wurden. Nur Ausgaben für die Klosterkirche und für das Konventgebäude werden häufiger konkretisiert.39 Der Kornspeicher wird wohl erstmals in der Klosterrechnung 1412/13 genannt. Damals wurde das Dach des Gebäudes bestiegen, d.h. kontrolliert, und repariert.40 Da es sich dabei um Wartungsund Reparaturarbeiten handelt, dürfte das Gebäude deutlich älter gewesen sein. Ebenfalls 1412/13 ist der Neubau eines Gasthauses belegt.41 Auch ein neuer Marstall wurde in diesem Jahr errichtet.42 Neben dem Marstall gab es einen Fohlenstall,43 einen Schafstall44 und einen Hühnerstall.45 In den Jahren 1471 und 1472 ist der Neubau eines weiteren Stalls dokumentiert.46 In den 1430er Jahren wird an einer Ziegelei innerhalb des Klosterbezirks gearbeitet: 1434 wird die Ziegelscheuer erbaut und der Brennofen repariert.47 Regelmäßig finden sich Wartungsarbeiten für das Backhaus und die Klosterküche(n). Auch ein Brauhaus wird genannt.48 Die regelmäßig beschafften neuen Mühlsteine können für die Klostermühle an der Schwentine oder für eine Mühle beim Backhaus bestimmt gewesen sein.49 Auch ein Fischerhaus ist im Kloster dokumentiert.50 Im heutigen Bestand gelten nach den Abbrüchen 1927 und dem Brand 1959 die älteren Wirtschaftsgebäude des Klosters als zerstört. Lediglich für Teile der sogenannten Langen Reihe wird noch eine Entstehung im ausgehenden Mittelalter in Erwägung gezogen.51 Das bis zum Umbau 1927 37 Die Klosterrechnungen (KlA Preetz, Bestand VIII A) werden auch als Propstenrechnungen bezeichnet, da sie in der Regel vom Klosterpropst geführt wurden. Vor Einführung der Reformation wurden diese Rechnungen zeitweise, etwa unter Priörin Anna von Buchwald (amt. 1484-1508) auch von den Priörinnen geführt. Diese Rechnungen sind im Archiv unter den Kloster- (Propsten-)rechnungen verzeichnet. Teilweise gibt es eine parallele Rechnungsführung von Propst und Priörin. Nach der Umwandlung in ein hochadeliges evangelisches Stift wurde die Kassenführung schärfer getrennt. Die Klosterrechnungen wurden nun ausschließlich vom Klosterpropst geführt, sind aber regelmäßig mit einer Approbation der jeweiligen Priörin versehen. Im 18. Jahrhundert wurden von den Klosterrechnungen jeweils zwei Exemplare angefertigt, von denen jeweils eines beim Klosterpropst und eines bei der Priörin verblieb. Die Rechnungsbeilagen verblieben wohl beim Klosterpropst bzw. beim Unterpropst. Die separaten Kirchenrechnungen (KlA Preetz, Bestand V E) wurden von der Priörin geführt. Sie sind erst ab 1723 als geschlossener Bestand überliefert. Ältere Fragmente weisen darauf hin, dass es bereits davor separate Kirchenrechnungen gab. Von diesen zu unterscheiden sind die Priörinnenrechnungen (KlA Preetz, Bestand VIII B), in denen die der Priörin zustehenden Einnahmen und deren Verwendung verzeichnet sind. Sie werden, beginnend mit 1540/42 im Archiv als eigener Bestand (VIII C) geführt. 38 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 1, fol. 4v. 39 Knapp 2024a, S. 200–206. 40 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 3, fol. 14v. 41 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 3, fol. 15r. 42 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 3, fol. 14v. 43 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 65, fol. 10r. 44 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 38-2, fol. 8r; Bd. 91, fol. 12r. 45 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 58, fol. 4r. 46 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 68-1, fol. 8v; Bd. 70-2, fol. 6v. 47 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 24, fol. 3r-3v, 4v (blau) bzw. 12v–12r, 11r (rot). 48 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 91a, fol. 11r. 49 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 111-7, fol. 8v; Bd. 80, fol. 14r. 50 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 62-1, fol. 4v; Bd. 65, fol. 1or. 51 Stocks 2012, S. 60. U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 17 als Kornhaus bezeichnete Gebäude Klosterhof 6 gilt als Neubau von 1585.52 Die Klosterrechnung 1584/85 nennt umfangreiche Ausgaben für die Maurer, die Verbesserungen am Kornhaus, am Pastorenhaus und an dem Haus am Damm vorgenommen haben. Der Wortlaut der Eintragungen legt nahe, dass es sich dabei um Umbauten und nicht um Neubauten gehandelt hat.53 1626 schließlich ist ausdrücklich von einem Neubau des Kornhauses die Rede.54 Der Komplex Klosterhof 4 und 5 Als älteste im Kern erhaltene Bauten auf dem Klosterhof gelten heute die beiden aneinander stoßenden Gebäude Klosterhof 4 und 5 ( Abb. 5 ).55 Die beiden Gebäude heben sich mit ihren hohen und steilen Dächern vom übrigen Gebäudebestand im Kloster ab. Das Dach von Klosterhof 4 besitzt zudem an der Westseite einen Walm, der das Gebäude besonders altertümlich erscheinen lässt. Die Fassaden beider Gebäude wurden wiederholt verändert, so dass sich an ihnen heute nur schwer ihr tatsächliches Alter ablesen lässt. Beide Gebäude haben ungefähr dieselbe Breite, sind aber leicht gegeneinander verschwenkt. Klosterhof 4 ist geringfügig nach Westen gedreht. An der Rückseite besitzen beide Gebäude Erweiterungen aus der Barockzeit. Klosterhof 5 ist zudem zumindest teilweise unterkellert, wobei die Untersuchungen hier nicht abgeschlossen sind. Die große Überraschung ergab sich bei der Begehung der Dachwerke der beiden Gebäude. Das Dachwerk von Klosterhof 5 ( Abb. 6 ) ist ein Sparrendach mit drei Kehlbalkenlagen und umfasst im Kernbestand acht Gebinde. Die Gebinde sind von Süd nach Nord durchgezählt; die Westseite ist zudem durch eine Seitenmarkierung ausgezeichnet. Die Gebinde 1 bis 5 haben ihre Bundseite auf der Südseite, die Gebinde 6 bis 8 auf der Nordseite. Die Kehlbalken sind mit Versatzblättern mit schräger Brust mit den Sparren verbunden.56 Die Sparren sind in die Deckenbalken eingezapft. Die Sparrenabstände sind mit 108 bis 140 cm relativ weit. Bohlenstarke Windrispen dienen der Längsaussteifung des Dachwerks. Die Windrispen sind mit geschmiedeten Eisennägeln aufgenagelt, wobei 52 Hirschfeld 1937, S. 166. – Stocks 2012, S. 61. 53 KlA Preetz VIII A 6 (unpaginiert). 54 KlA Preetz VIII A 10, Klosterrechnung 1625/26: »Nickel Mauermann von Schloßwieg, das er an dem newen Kornhause mit 2 Gesellen und einem Kalchschlager 20 tage gearbeitet, dem Meister des tageß 1 th., dem gesellen jeden 14 ß, unnd dem Kalchschlager 10 ß ist 67 th 8 ß […] Peter Mauermann vorgedachtes Kornhauß /: weilen der vorige darüber gestorben :/ von newem wiederumb verdungen, unnd demselben für daßelbige genzlich fertig zumachen, Zugesagt und bezahlt 220 th. […] Arnolt Müllern in Lübeck bezahlt 13 000 Pannen, so uf das newe Kornhauß kommen, iedes tausendt 20 th ist 260 th. […] Vor 16 000 Mauerstein zue dem Kornhause, dan auch vor 1500 Ahrstrack, wormit der Knechte Losament überlegt worden, jedes hundert 21 ß ist 229 th 11 ß. […] Vor Eichen breter uf dem newen Kornboden geben 587 th 6 ß 6 d.« 55 Die eindeutige Benennung der Gebäude ist insofern erschwert, als das südliche Gebäude (Klosterhof 4) im Bereich der beiden nördlichen Fensterachsen im 18. Jahrhundert umgebaut und mit einem eigenen Eingang versehen wurde, der heute mit der Hausnummer 5 versehen ist. Der Zugang zu dem nördlich anschließenden Gebäude ist unbezeichnet und erschließt zudem ein schmales giebelständiges Gebäude, das keinen eigenen Zugang vom Klosterhof aus besitzt. Die sich weiter nach Norden anschließende Gebäudegruppe trägt die Hausnummern 6a–c. Da die alte Klosterverwaltung unter Klosterhof 5 firmierte, wird im Folgenden die Bezeichnung Klosterhof 5 ausschließlich auf dieses Gebäude bezogen und der abgetrennte Teil von Klosterhof 4 unter dieser Bezeichnung geführt. Das schmale Gebäude nördlich von Klosterhof 5 gehört konstruktiv zu Klosterhof 6 und wurde wohl 1626 verändert. – Stocks 2012, S. 61. 56 Bei der Benennung der Konstruktionshölzer und der Holzverbindungen wurde die 2. Auflage von Vorindustrieller Holzbau […] Terminologie und Systematik, Heidelberg 2023, verwendet, da diese die bislang detaillierteste Ausdifferenzierung der unterschiedlichen Konstruktionsdetails aufweist. Lokale historische Bezeichnungen erweisen sich oft als Sammelbegriffe, die dann ausdifferenziert werden müssen. – Die hier angetroffene Blattform wird in der Literatur auch als Weichschwanzblatt oder einseitiges Schwalbenschwanzblatt mit Versatz bezeichnet. Die mögliche unterschiedliche Ausformung des Versatzes, gerade oder schräg, bleibt dabei in der Regel unberücksichtigt. 24 | Nordelbingen 90 Der Nordgiebel des Gebäudes Klosterhof 5 Das Dachwerk von Klosterhof 5 stößt im Norden gegen einen Backsteingiebel (Abb. 18), der deutlich älter ist als das nach Süden anschließende Dachwerk. Im mittleren Bereich ist der Giebel durch einen breiten, vor den Giebel gemauerten Kamin verdeckt. Östlich des Kamins befindet sich ein jüngerer Türdurchbruch, über den der Dachraum heute zugänglich ist. Östlich des Türdurchbruchs gibt es eine größere Reparaturstelle (Abb. 19). In die dort verbauten Backsteine ist die Inschrift »Anno 1671« eingeritzt (Abb. 20).62 62 Die Klosterrechnung 1670/71 ist leider verschollen. Abb. 18: Preetz, Klosterhof 5, Nordgiebel, Ansicht von Süden, unmaßstäbliche Bildmontage. Fotos und Montage 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 19: Preetz, Klosterhof 5, Nordgiebel, Ansicht von Süden, Reparaturstelle mit Datierung 1671. Aufnahme: Ulrich Knapp 2024. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 20: Preetz, Klosterhof 5, Nordgiebel. Reparaturinschrift von 1671. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 25 Die Reparatur steht in einem Zusammenhang mit der Umgestaltung des südlichen Abschusses von Klosterhof 6, dem ehemaligen Kornhaus des Klosters. Im Dachraum sieht man noch den südlichen Abschluss eines neuzeitlichen Dachwerks mit Abbundzeichen in Form von Fähnchen und Strichen. Der zweiachsige, nach Osten ausgerichtete Risalit soll 1626 erbaut worden sein und verfügt über eine eigenständiges Dachwerk.63 Die Südseite dieser Giebelmauer ist stark reliefiert und mit Spitzbogen, Blendnischen, vertikalen Vorlagen und horizontalen Absätzen gegliedert (Abb. 21). Die aufwendige Gestaltung verweist darauf, dass diese Seite der Giebelmauer als Ansichtsseite geplant war. Die Nordseite der Giebelmauer weist eine glatte, ungegliederte Maueroberfläche auf und wurde wiederholt repariert. Die Mauer ist aus Backsteinen im Format 29 x 14 x 8,5–9 cm aufgemauert. Die Steine wurden aus Ton mit Mergeleinschlüssen geformt.64 Die verbauten Steine wurden bei sehr unterschiedlichen Temperaturen gebrannt. Als Versatzmörtel kann ein grauer Gipsmörtel beobachtet werden, wie er auch an den ältesten Teilen der Westwand der Klosterkirche verwendet wurde. Die Gliederung der Südseite erfolgt durch breite und schmale halbsteinige Vorlagen, wobei die Wandgestaltung dreischichtig aufgebaut ist. Die vorderste Schicht umfasst halbsteinige Vorlagen von der Breite eines halben Steins. In die Wandfelder sind jeweils paarweise angeordnete spitzbogig geschlossene Wandnischen eingetieft. Auch diese Nischen sind einen Halbstein tief, so dass die Gesamttiefe zwischen vorgesetzter Gliederung und Wandnische etwa eine Steinlänge beträgt. An der westliche Hälfte des Giebels sind drei Ebenen solcher Nischen ablesbar. Von der unteren Ebene sind nur die spitzbogigen Abschlüsse der Nischen kurz oberhalb des Dachbodens sichtbar. Darüber folgen in zwei Ebenen in voller Höhe erhaltene Nischen. Reste eines oberen Giebelabschlusses sind an keiner Stelle erkennbar. Nach dem Befund müsste der ursprüngliche Giebel deutlich höher als das heutige Mauerwerk gewesen sein. Östlich des Kamins sind unterhalb des heutigen Türdurchbruchs die Spitzen von zwei Blendnischen sichtbar. Nach Osten schließt sich eine halbsteinige Vorlage mit einer Breite von 1 ½ Mauersteinen an. Östlich und oberhalb dieser Vorlage ist nach dem Befund Mauerwerk aus jüngeren Bauphasen erhalten (Abb. 22). Alle Gliederungselemente wurden aus rauen Mauersteinen aufgesetzt. Die Nischen spiegeln die Nutzungsebenen der verlorenen Binnenkonstruktion des Gebäudes wider. 63 Stocks 2012, S. 61. – Nicht auszuschließen ist allerdings ein späterer Umbau. Das Dachwerk hinter dem nach Osten ausgerichteten Giebel dürfte aus dem 19. Jahrhundert stammen. In diese Zeit datiert auch das halbrunde Fenster im Ostgiebel. 64 Vgl. Strehl 2013, S. 78. Abb. 21: Preetz, Klosterhof 5, Nordgiebel, Ansicht von Süden, unterer westlicher Bereich. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. 26 | Nordelbingen 90 Nach dem angetroffenen Befund wäre Giebelgestaltung mit breiteren Vorlagen seitlich des mittleren Wandfeldes und halbsteinigen Vorlagen zwischen den äußeren Wandfeldern möglich. Im Detail bleiben allerdings viele Fragen offen, insbesondere der Belichtung und des oberen Abschlusses der Wandfelder. Die Traufe des zugehörigen Dachs lag fast eine Nutzungseben unterhalb der heutigen Traufe von Klosterhof 5. Dies würde bedeuten, dass dieser Giebel zu einem eingeschossigen Gebäude gehörte, dessen Traufhöhe ungefähr jener des heutigen Gebäudes Klosterhof 6 entsprach. Das mittlere Wandfeld kann durch die breite Vorlage bestimmt werden. Damit liegt auch die Mittelachse bzw. Firstlinie des Gebäudes fest. Sie liegt um einiges östlich des heutigen Firstes von Klosterhof 5. Die Schauseite des Giebels besaß nach dem erhaltenen Befund mindestens fünf, aufgrund seiner größeren Breite vielleicht auch sieben Wandfelder ( Abb. 23 ). Nicht zu klären war bislang, ob sich die Fassadengliederung bis ins Erdgeschoss fortgesetzt hat oder nur auf den Giebel beschränkt war. Zur Gesamthöhe des Giebels und zur ursprünglichen Breite gibt es im Dachbereich keine sicheren Indizien. Reste der Giebelmauer finden sich im Keller des westlichen Anbaus von Klosterhof 5a bzw. Klosterhof 6. Der westliche Abschluss von Klosterhof 6 wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts umgestaltet. Im 18. Jahrhundert wurde im Grenzbereich der Gebäude Klosterhof 5 und 6 ein westAbb. 22: Preetz, Klosterhof 5, Nordgiebel, Ansicht von Süden. Baubestandsplan, Bearbeitungsstand August 2024. Fotos, Bildmontage und Interpretation 2024: Ulrich Kapp. Alle Rechte vorbehalten. U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 27 licher Anbau angefügt,65 an dem im 19. Jahrhundert erhebliche Reparaturen durchgeführt wurden.66 Im südwestlichen Raum des Untergeschosses dieses Anbaus wurde eine Küche eingebaut, wobei der Rauchfang des Herdes an einen massiven Mauerklotz aus großformatigen Bausteinen anschließt ( Abb. 24 ). Dieser bildet die Südwestecke von Klosterhof 6 oder eines Vorgängergebäudes. Diese Gebäudekante liegt etwa 3 m westlich der Westwand von Klosterhof 5. Sie gibt auch die Flucht der Westwand des heutigen Gebäudes Klosterhof 6 vor. Die Mauer weist Spuren zahlreicher Veränderungen auf und konnte bislang nicht abschließend untersucht werden. Ein weiteres Fragment der Giebelmauer ist vom südöstlichen Kellerraum von Klosterhof 6 sichtbar ( Abb. 25 ). Das Mauerfragment bricht kurz vor der heutigen Verbindungstüre zum Erdgeschoss von Klosterhof 5 ab. Das Mauerwerk besteht aus großformatigen Backsteinen im Format 29 x 14 x 8,5 cm. Die Backsteine wurden bei sehr unterschiedlichen Temperaturen gebrannt. Neben überbrannten Stücken wurden auch schwach gebrannte Steine verbaut. Für die Steine wurde ein mergelhaltiger Ton verwendet, so dass einzelne Steine gelb gebrannte Einsprengsel aufweisen. Als Versatzmörtel wurde ein grauer Gipsmörtel ver65 Die Datierung der Erweiterung folgt aus den Abbundzeichen an dem Anbau. Die Auswertung der Archivalien ist noch im Gang. 66 Ausweislich der Abbundzeichen an den Reparaturhölzern. Aus dieser Zeit auch Spuren des Umbaus, insbesondere der Kücheneinbau an der Südwestecke des Anbaus und der dort erhaltene Fußboden aus sechseckigen Bodensteinen mit einer Dicke von ca. 8 cm. Vergleichbare Bodensteine aus gelb brennendem Ton befinden sich im Gebäude Klosterhof 22. Ähnliche Bodensteine aus rot und aus gelb brennendem Scherben sind in der Baumaterialsammlung des LDSH vorhanden. Abb. 23: Preetz, Klosterhof 5, Nordgiebel, Ansicht von Süden. Vorläufige Rekonstruktion der Außenansicht des Südgiebels des Vorgängerbaus von Klosterhof 6. Die erhaltenen und frei sichtbaren Bereiche sind farbig hervorgehoben. Bearbeitungsstand August 2024. Rekonstruktion und Zeichnung 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. 28 | Nordelbingen 90 wendet, wie er auch an den unteren Bereichen der Westfassade der Klosterkirche anzutreffen ist.67 Bei späteren Reparaturen wurden weiße Mörtel benutzt. Im südwestlichen Kellereckraum von Klosterhof 6 ist eine weitere Teilfläche der Innenseite der erschlossenen Giebelwand erhalten. An einer Ausbruchstelle des deutlich jüngeren Wandputzes ist der Ansatz einer rundbogigen Wandöffnung sichtbar, bei der es sich um einen bauzeitlichen Zugang zu dem Gebäude handeln dürfte (Abb. 26). Als Versatzmörtel ist hier ebenfalls ein grauer Gipsmörtel zu beobachten, wie er auch am Mauerwerk des Giebelfragments und an dem Fragment im südöstlichen Kellerraum zu sehen ist. Die östliche Abbruchkante der Mauer im Kellerbereich entspricht ungefähr der östlichen Abbruchkante im Dachbereich. Mit der Südwestecke des Gebäudes und der erschlossenen Mittelachse kann die ungefähre Breite des Gebäudes erschlossen werden. Demnach verlief die Ostmauer des Gebäudes etwa 3,20 m östlich der Ostwand des heutigen Baus von Klosterhof 6. Das eingeschossige Gebäude mit seinem hohen Dach entspricht dem Bautypus, den man von zisterziensischen Grangien und den Kornspeichern der großen norddeutschen Klöster kennt. Die Längenerstreckung ist bislang offen, kann aber bis zur Nordwand von Klosterhof 6 gereicht haben. Die Westmauer von Klosterhof 6 enthält Teile mittelalterlicher Substanz, doch steht eine eingehende Untersuchung der Bausubstanz 67 Knapp 2023, S. 104-106. Abb. 24: Preetz, Klosterhof 6, westlicher Anbau, Blick auf die Südwestecke des gotischen Vorgängerbaus des Kornhauses. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 26: Preetz, Klosterhof 6, südwestlicher Keller. Ansatz einer rundbogigen Öffnung in der älteren Südwand. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 25: Preetz, Klosterhof 6, südöstlicher Keller, Blick auf das Fragment der älteren Südwand. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 29 noch aus. Bei der Größe des Klosters kann nicht ausgeschlossen werden, dass das dem Giebel zugehörige Gebäude dieselbe Längenerstreckung wie das bis heute bestehende Gebäude Klosterhof 6 und damit eine Länge von etwa 50 m aufwies (Abb. 27). Einen Hinweis auf die Datierung des Gebäudes liefert das Baumaterial. Für die großformatigen Steine wurde Ton mit Mergeleinlagerungen verwendet, die beim Brand eine gelbe Färbung annehmen. Solche Steine finden sich in Preetz an den älteren Partien des Chors der Klosterkirche, die nach den Untersuchungen des Verfassers noch aus dem 13. Jahrhundert stammen. Für die jüngeren Teile der Klosterkirche, d.h. für die im frühen 14. Jahrhundert ausgeführten Bereiche, wurden ausschließlich Mauersteine aus homogen rot brennendem Scherben verwendet. Dies legt den Schluss nahe, dass der fragmentarisch erhaltene Giebel zwischen den Gebäuden Klosterhof 5 und Klosterhof 6 zu einem Baukörper gehört, der vor dem Klosterbrand von 1307 errichtet worden ist. Möglicherweise wurde dieser bei dem für das Jahr 1307 überlieferten Brand beschädigt oder teilweise zerstört. Die Befunde im Dachbereich erlauben auch eine grobe Rekonstruktion des Erscheinungsbilds des Gebäudes. Es verfügte an der Giebelseite über eine Gliederung mit mindestens fünf, vielleicht auch sieben flachen Wandfeldern, die ihrerseits mit spitzbogigen Blendnischen versehen waren.68 Die Wandfelder können bis in Traufhöhe oder bis zum Erdgeschoss heruntergereicht haben. Für die Wandfelder kann ebenfalls ein spitzbogiger Abschluss angenommen werden. Als Muster für die Bogenkrümmung kann hier der Ansatz für den spitzbogigen Abschluss im mittleren Wandfeld dienen. Für die oberen Abschlüsse der Wandfelder bietet sich ein horizontaler Abschluss an, so dass ein Giebel mit Hochblenden entsteht. Damit ergäbe sich eine Fassadengestaltung, wie sie ähnlich auch an Lübecker Hausfassaden des späten 13. und frühen 14. Jahrhunderts anzutreffen ist. Der Verzicht auf Formsteine dürfte der Nutzung als Wirtschaftsgebäude geschuldet sein. In den Wandfeldern befanden sich gekoppelte Blendnischen. Möglicherweise war im Bereich der spitzbogigen Abschlüsse der Wandfelder nur eine Blendnische angebracht, vergleichbar dem Rückgiebel des Gebäudes Dr.-Julius68 Die mögliche Variante mit sieben Feldern ergibt sich aus der Breite des Baukörpers. Abb. 27: Preetz, Klosterhof 5 und 6. Lokalisierung der beobachteten Reste des älteren Vorgängerbaus und Rekonstruktion der möglichen Dimensionen dieses Bauwerks. Rekonstruktion und Zeichnung 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. Klosterhof 5 Klosterhof 6 30 | Nordelbingen 90 Leber-Straße 7 in Lübeck.69 Nahe der Südwestecke des Gebäudes befand sich an der Südwand ein rundbogiger Zugang zu dem Gebäude. Das anhand der Kämpferhöhe zu erschließende Bodenniveau lag mindestens ein Meter unter dem Bodenniveau des heutigen Kellergeschosses. Der tiefliegende Zugang kann auch auf eine Zugänglichkeit des Gebäudes auf zwei Ebenen hinweisen.70 Das Baumaterial, die aus Ton mit Mergeleinlagerungen geformten Backsteine, war im späten 13. Jahrhundert im Lübecker Raum sehr beliebt. Jens Christian Holst gab zu bedenken, dass man dieses Material gezielt verwendet hat, um den Eindruck von Marmor zu erzielen.71 Allerdings stellt sich dieser Effekt vor allem bei den geschnittenen bzw. nachgeschnittenen Formsteinen ein, bei denen 69 Foto Marburg mi06974a10. – Das Gebäude wurde 1942 zerstört. Das Gebäude wird in der Regel über den straßenseitigen Giebel aus dem 15./16. Jahrhundert datiert. 70 Ein Klärung dieser Fragen wäre über archäologische Untersuchungen südlich von Klosterhof 5 und Klosterhof 6 zu erwarten. 71 Holst 2007, S. 125. ← Abb. 28: Lübeck, Fischstraße 33, Zustand um 1900. Reproduktion nach Struck 1908, S. 11. ↑ Abb. 29: Lübeck, Hundestraße 90, Straßenansicht. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 31 die Mergelanteile verschliffen werden, so dass marmorierte Oberflächen entstehen. Auch am Chor der Klosterkirche in Preetz kann man diesen Effekt sehr gut beobachten.72 Bedenkt man zudem, dass es vor allem in der Frühphase des Klosters sehr enge Beziehungen zur Lübecker Bürgerschaft gab73 und Bischof Berthold sich explizit als Mitstifter des Klosters bezeichnete,74 so liegt nahe, dass die im 13. Jahrhundert errichteten Bauten stark von der zeitgenössischen Architektur in Lübeck beeinflusst waren. Hier wäre etwa auf den Giebel des Hauses Fischstraße 33 (Abb. 28),75 den abgebrochenen Rückgiebel von Königstraße 41,76 den straßenseitigen Giebeln von Hundestr. 90 ( Abb. 29 ),77 Hundestr. 92,78 Hundestr. 94 (1284 d),79 und Königstraße 3080 zu verweisen. Auch bei kleineren Bauten, wie der dreiachsigen Fassade von Krähenstraße 12 findet sich eine entsprechende Gestaltung.81 Über 72 Knapp 2023, S. 102–104. 73 Rosenplänter 2009, S. 192–196. 74 Rosenplänter 2009, S. 39–40. 75 Foto Marburg mi06975b13. – Das Gebäude ist zerstört. – BASt AF.03, S. 16–17. 76 Foto Marburg mi06977d09. – Das Gebäude wurde 1906 zugunsten eines Neubaus abgebrochen. – Vgl. Holst 2016, S. 445. – BASt AK.10, S. 17–18. 77 Foto Marburg mi06976f08. – Dehio Hamburg – Schleswig-Holstein, S. 606: Spätes 13. Jahrhundert. 78 Foto Marburg mi06976f09. – Das Gebäude wurde nach 1945 abgebrochen und durch einen kopierenden Neubau ersetzt: BASt AH.14, S. 49–50. 79 Holst 2016, S. 468–469, Abb. 31 b: 1284 (d). – BASt AH.14, S. 50–52: Dachwerk 1285 (d). 80 Foto Marburg mi6977d02. – Dehio Hamburg – Schleswig-Holstein, S. 616–617: Ende 13. Jahrhundert. – Holst 2016, S. 468– 469, Abb. 31 a mit Datierung um 1280–1300. – BASt AK.10, S. 9–12. 81 Foto Marburg mi06977g07 und mi06977g08. Das Gebäude wurde 1942 zerstört. – BASt AK.13, S. 6. Abb. 30: Lübeck, Alfstraße 11, Zustand um 1900. Reproduktion nach Struck 1908, S. 17. 32 | Nordelbingen 90 siebenachsige Fassadengiebel verfügten die Gebäude Alfstraße 11 (Abb. 30)82 und Fischstraße 19.83 Weiter wären die seitlichen Westgiebel des Lübecker Heilig-Geist-Spitals zu nennen. Die ebenfalls zum Heilig-Geist-Spital gehörenden Häuser Koberg 10 und 11 wurden bis etwa 1289/90 errichtet.84 Das um 1300 erbaute Haus Mühlenstraße 37 (Abb. 31) verfügte über fünf ursprünglich spitzbogig geschlossene Wandfelder, die geschossweise spitzbogige Biforien aufwiesen.85 Die Grundstruktur dieses Giebels steht dem 1942 zerstörten Rückgiebel des Gebäudes Dr.-Julius-Leber-Str. 7 in Lübeck nahe.86 Im Typus ähnlich, aber mit dreiteiligen Gliederungen ist der Rückgiebel von Königstraße 25 gestaltet. Das Gebäude ist 1268 (d) datiert.87 Ähnlich waren die Rückgiebel von Königstraße 31,88 Breite 82 Foto Marburg mi06971g09. – Holst 2016, S. 468–469, Abb. 31 c, um 1280/90. Das Gebäude wurde 1942 zerstört. – BASt AA.01, S. 28–29. 83 Foto Marburg mi06974g12. – Holst 2016, S. 468–469, Abb. 31 d mit einer Datierung um 1280/90. Das Gebäude brannte 1942 aus. Der Giebel wurde abgebaut und 1953 am Gebäude Mengstraße 6 in veränderter Form wiederaufgebaut. – Vgl. Dehio Hamburg – Schleswig-Holstein, S. 621. 84 Foto Marburg mi 06977b04. – Dehio Hamburg – Schleswig-Holstein, S. 609–610. 85 Foto Marburg mi 06978g02. Die Hochblenden wurden später abgetragen und die spitzbogigen Abschlüsse der Wandfelder durch die neuen Giebelschrägen beschnitten. Das Gebäude wurde 1893 abgebrochen. – BASt AM.07, S. 14. 86 Foto Marburg mi06974a10. – BASt AD.02, S. 3: Rückgiebel gotisch. 87 Dehio Hamburg – Schleswig-Holstein, S. 616. – Lübecker Nachrichten vom 31. Juli 2018, https://www.ln-online.de/Lokales/ Luebeck/Freier-Blick-auf-den-Rueckgiebel-des-Haus-Eden (18.9.2024). 88 Foto Marburg mi06977d05. – Holst 2016, S. 444–445, Abb. 15 a. – Das Gebäude wurde um 1886 abgebrochen. Abb. 31: Lübeck, Mühlenstraße 37, Zustand vor Abbruch 1893. Reproduktion nach Struck 1908, S. 13. Abb. 32: Lübeck, Hundestraße 94, Straßenansicht. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 33 Straße 7189 und der Vordergiebel des bereits 1837 abgebrochenen Gebäudes Dr.-Julius-Leber-Straße 8 (früher Johannisstr.).90 Die letztgenannten Beispiele belegen, dass Giebelgestaltungen mit schlanken eingetieften Wandfeldern mit mehrteiligen Öffnungen oder Nischen in mehreren Ebenen um 1300 bereits auf eine längere Tradition zurückblicken konnten. Von den genannten Beispielen unterscheidet sich die hier rekonstruierte Preetzer Fassade jedoch in der Dimensionierung der Vorlagen: Halbsteinbreite Vorlagen zwischen den seitlichen Wandfeldern und deutlich breitere Vorlagen seitlich des mittleren Wandfeldes. Die lübischen Beispiele verfügen in der Regel über deutlich breitere Vorlagen ohne eine Hierarchisierung. Eine Ausnahme scheint hier das Gebäude Hundestraße 90 zu bilden, bei dem ebenfalls halbsteinige Vorlagen die Wandfelder trennen. Die Vorlagen verfügen jedoch über einen halbkreisförmigen Querschnitt. Die aus normalen Mauersteinen gebildeten Vorlagen des Preetzer Giebels bilden hier eine weitere Vereinfachung. Die Wandfelder verfügen wie in Preetz über gekoppelte spitzbogige Nischen oder Fensteröffnungen, die im Zuge späterer Umbauten geschlossen wurden. Die Fassade des Lohgerberhauses wird noch in das späte 13. Jahrhundert datiert.91 Das Gebäude zählt zu den einfachen Handwerkerhäusern und man wird hier wohl mit einer höheren Verlustrate rechnen müssen.92 Auch hinsichtlich der unterschiedlich breiten Vorlagen gibt es in Lübeck Vergleichsbeispiele. So besitzt auch das 1284 (d) datierte Gebäude Hundestr. 94 bei den original erhaltenen Staffeln ebenfalls breite Vorlagen seitlich des mittleren Wandfelds und schmale Vorlagen zwischen den seitlichen Wandfeldern ( Abb. 32 ). Der Unterschied in der Vorlagenbreite ist jedoch nicht so ausgeprägt wie an dem Gebäude in Preetz. Schmale Vorlagen finden sich an Fassaden in den Hansestädten Stralsund und Greifswald, doch unterscheiden sich diese Bauten in ihrer Grundstruktur von dem Preetzer Giebel: Meist handelt es sich um eine dichte Folge gleichartiger Vorlagen, vergleichbar einem hochgotischen Harfengiebel, die schmale Wandfelder voneinander trennen und in der Regel oben abgetreppt enden. Als einfache Form wäre hier die Giebelgestaltung des Hofgebäudes Schillstraße 37 in Stralsund zu nennen, das 1286 (d) datiert ist.93 Zwar sind hier die Vorlagen ebenfalls nur einen Halbstein breit, doch handelt es sich um eine gleichförmige Abfolge von spitzbogigen Wandfeldern, die lediglich einer Nische oder einem Fenster Raum bieten. In deutlich größerem Maßstab gilt dies auch für den Rückgiebel des um 1300/1320 errichteten Gebäudes Mühlenstraße 1 in Stralsund.94 Auch die 1874 zerstörten Seitengiebel des Stralsunder Fährtors zeigten zwar schmale Vorlagen, waren in ihrer engachsigen Grundstruktur dem Preetzer Giebel aber nicht vergleichbar.95 Auch an Lübecker Rückgiebeln gab es vergleichbare Gestaltungen mit schmalen Wandfeldern, die nur von schmalen Vorlagen getrennt werden. Holst wies hier auf einen entsprechenden Befund am Rückgiebel der Mengstraße 58 in Lübeck hin, der um 1290/1300 datiert wird.96 89 Holst 2016, S. 444–445, Abb. 15 b. – Das Gebäude wurde 1903 abgebrochen. 90 Holst 2016, S. 444–445, Abb. 15 c. 91 Dehio Hamburg/Schleswig-Holstein, S. 606. – Die Datierung nicht unwidersprochen. Bei einem Umbau wurden die seitlichen Hochblenden erhöht und die mittlere Zinne aufgesetzt. Das Dachwerk ist auf 1490 (d) datiert. Nach einem Brand 2001 wurde das Gebäude 2003/04 wiederhergestellt und dabei die vermauerten Öffnungen wieder sichtbar gemacht. – BASt AH.14, S. 48–49. 92 Nach den historischen Aufnahmen verfügte auch das 1903 abgebrochene alte Werkhaus an St. Marien über einen Giebel mit sehr schmalen Vorlagen zwischen den spitzbogigen Wandfeldern. 93 Holst 2016, S. 459. 94 Holst 2016, S. 474. – In keiner Weise vergleichbar ist der Vordergiebel mit seinen pfeilergerahmten zweiachsigen Wandfeldern. 95 Holst 2004, S. 137 und Abb. 10. 96 Holst 2004, S. 137. 40 | Nordelbingen 90 unter dem Dachwerk von 1325 +/- 5 Bauteile aus unterschiedlicher Zeit zu einem einheitlichen Bau zusammengefasst. Im heutigen Chor hat sich zu großen Teilen der Chor des 13. Jahrhunderts erhalten. Da sich auch im Westen des Gebäudes Reste eines älteren Gebäudes bzw. einer älteren Planung erhalten haben, darf man vermuten, dass die Klosterkirche des späten 13. Jahrhunderts bereits die Grundfläche der heutigen Kirche überbaut hat. Die Details dieses Baus bleiben indes offen. Die Kirche erhebt sich am höchsten Punkt des Klosterareals. Der Konventbau dürfte sich damals bereits nördlich der Kirche befunden haben, da das Gelände südlich zu steil in Richtung Schwentine abfiel. Zur Größe der Konventanlage sind bislang keine belastbaren Befunde bekannt. Die Größe der Klosterkirche und die möglichen Dimensionen des Kornhauses aus dem späten 13. Jahrhundert legen Abb. 37: Kloster Preetz, Rekonstruktion des mittelalterlichen Bestands. Grau markiert ist der Baubestand Ende des 19. Jahrhunderts. Jüngere Bauten/Abbrüche sind nicht berücksichtigt. Bearbeitungsstand September 2024. Rekonstruktion und Zeichnung 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 41 nahe, dass auch die 1307 vorhandene Konventanlage kaum kleiner war als die im 15. Jahrhundert sukzessive erneuerte Anlage. Im Falle des Kornhauses kann, wenn die hier vorgetragene Interpretation des Befundes am Nordgiebel von Klosterhof 5 zutrifft, von einer Nutzungskontinuität bis in das frühe 20. Jahrhundert gesprochen werden. Unter diesem Gesichtspunkt wären die weiteren Wirtschaftsgebäude im Süden des Klosterareals zu suchen. Die hier dokumentierten Bauten waren allerdings alle deutlich jünger. Zwar legen die Eintragungen in den Klosterrechnungen zahlreiche Neubauten bei den Ställen und Scheunen sowie der Mühle nahe, doch scheinen diese Bauten alle in nachreformatorischer Zeit durch Neubauten ersetzt worden zu sein. Die große, 1959 abgebrannte Scheune, war an den Durchfahrtstoren inschriftlich 1767 datiert.119 Das 1927 abgebrochene Kuhhaus wurde von Hirschfeld mit einer Baunachricht von 1704 in Verbindung gebracht.120 Die Zierformen des Giebelfachwerks und die Reste der Zierausfachungen verweisen hingegen eher auf das 16. Jahrhundert. Schon Hirschfeld verwies auf die Parallelen zur Nordfassade des Thienenhauses, Klosterhof 11, interpretierte dies jedoch als Hinweis auf die Traditionsgebundenheit der lokalen Zimmermeister. Vergleichbare Zierformen zeigt eine Scheune in Brodau (um 1592 d, Erweiterungen 1621/22 d und 18. Jahrhundert), deren Kernbau zusammen mit dem Herrenhaus unter Paul von Rantzau (1554–nach 1610) erbaut wurde.121 Da das Kerngebäude von Klosterhof 11 (1592 d)122 gleichzeitig mit dem Scheunenbau auf Brodau entstand, liegt nahe, auch den Giebel des 1927 abgebrochenen Kuhhauses in diese Zeit zu setzen.123 Die Baunachrichten können sich auf eine Erweiterung oder auf einen der weiteren bis in das 19. Jahrhundert erhaltenen Stallbauten beziehen.124 Die Lage der weiteren Wirtschaftsbauten, wie beispielsweise der zumindest seit dem 15. Jahrhundert belegten Ziegelei, bleibt mangels entsprechender archäologischer Beobachtungen offen. Bei den frühen Klosterbauten wären sicher noch ein Gebäude für den Klosterpropst, den Priester, für die Kranken und vor allem auch für die Gäste des Klosters sowie die jeweiligen Nebengebäude anzunehmen. Für das Propstenhaus, 1334 als curia erstmals genannt, wird ähnlich wie für das Konventgebäude eine Nutzungskontinuität angenommen. Die Lage von Krankenhaus und Gästehaus bleiben ohne archäologische Prospektion ebenfalls unsicher. Alleine das Geländerelief legt nahe, dass diese Bauten im Bereich der hochwassersicheren Bereiche des Klosterareals lagen. Dabei ist auch mit einer entsprechenden Nutzung des Bereichs südlich der Klosterkirche zu rechnen. Hier wären Nutzungen mit Publikumsverkehr, also vor allem das Gästehaus und vielleicht auch das Gebäude für den Priester zu vermuten. Der Befund am Nordgiebel von Klosterhof 5 und die sich daraus ergebenden Dimensionen des Vorgängergebäudes von Klosterhof 6 weisen eindrücklich darauf hin, dass hier in erheblichem Umfang mit Spuren der älteren Bebauung im Boden zu rechnen ist. Die erschlossene Gestalt des Südgiebels des gotischen Kornspeichers verweist auf die städtische Architektur in Lübeck; die überlieferten Teile der Klosterkirche des 13. Jahrhunderts zeigen eine 119 KlA Preetz III D c: Beylagen zu der Rechnung wegen der in Anno 1767 alhier auf dem Closter neu erbaueten Scheune. – Eine Bauaufnahme des Gebäudes befindet sich in der Plansammlung des LDSH. 120 Hirschfeld 1937, S. 166. 121 Haupt 1925, S. 568–570. – Dehio Hamburg – Schleswig-Holstein 2009, S. 822–823. 122 Schulze 1991, S. 264-284. 123 Auch Haupt 1925, S. 570 setzt den Giebel des Kuhhauses in diese Zeit. Die von ihm als weiteres Beispiel genannte Scheune auf Gut Hagen von 1626 ist inzwischen abgebrochen worden. 124 Der Lageplan der Wirtschaftsbauten des Klosters aus dem 18. Jahrhundert verzeichnet allein drei als »Kuh-Hauß« bezeichnete Gebäude. 42 | Nordelbingen 90 enge Abhängigkeit von St. Marien in Lübeck. Beide Befunde unterstreichen die engen Beziehungen zwischen dem Benediktinerinnenkloster und der nahe gelegenen Hansestadt. Rosenplänter konnte aufzeigen, dass im 13./14. Jahrhundert zahlreiche Nonnen Lübecker Ratsfamilien entstammten. Mit Propst Conradus (amt. 1275/76–1285/86), der dem Konvent von Cismar angehörte, waren ebenfalls enge Beziehungen nach Lübeck gegeben, da der Konvent zunächst in der Hansestadt ansässig war und erst kurz vor 1231 nach Cismar verlegt wurde.125 Sein Nachfolger, Propst Conradus Bocholt (amt. 1285/86–vor 1296) entstammte einer Lübecker Ratsfamilie.126 Bislang ungeklärt ist das Verhältnis zu dem späteren Lübecker Bischof Heinrich von Bokholt (amt. 1317–1341), der von 1285 bis 1294 Domherr in Lübeck war.127 Die neuen Baubefunde an dem früheren Kornspeicher unterstreichen die engen Beziehungen zwischen dem Benediktinerinnenkloster Preetz und der Hansestadt Lübeck. Die Dimensionen der baulichen Anlagen, sowohl der Klosterkirche als auch des Kornspeichers sind ein beredtes Zeugnis für die Bedeutung des Klosters in den Jahrzehnten um 1300.128 Abstract The Benedictine monastery of Preetz, founded around 1210/11, was devastated by a fire in 1307, although the extent of the fire is unclear. In older literature, the monastery church was considered to be a building from the second half of the 13th century. Diether Rudloff considered the building to be a new construction from the period after 1307. A reworking of the building history of the monastery church revealed that substance from the second half of the 13th century had been preserved in the choir and in the west of the church. Nothing was previously known about the associated convent and farm buildings. An examination of the monastery courtyards 4 to 6 revealed that a roof structure from the first half of the 14th century had survived in the building of the monastery courtyard 5 and a fragment of a roof structure from the 15th century had survived above the building of the monastery courtyard 4. Between monastery courtyard 5 and 6 is the rest of a gable from a much older building, whose elaborately designed façade faces south. The gable can be reconstructed as a gable with raised panels, which is closely related to contemporary bourgeois buildings in Lübeck. According to the building finds, the associated building was significantly wider than today’s building of the monastery courtyard 6 and was probably used as a granary. With a length of almost 50 metres, the building was similar in size to the monastery church. The findings published here for the first time and the building finds at the monastery church emphasise the close relationship with Lübeck in a special way. 125 Grabkowsky et al. 2019, S. 252–253. 126 Lutterbeck 2002, Nr. 28-34. – Rosenplänter 2009, S. 462. – Jäschke 2020, S. 153–154. 127 Prange 2014, S. 65–66. 128 Der vorliegende Beitrag geht auf eine Befundbeobachtung bei der Vorbereitung für die diesjährige Tagung ›Kloster Preetz von der Reformation bis 1800‹ zurück, die im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojekts des Adeligen Klosters Preetz und der Christian-Albrechts-Universität Kiel veranstaltet wurde und erweitert die auf der letztjährigen Tagung – Beuckers/ Auge 2024 – vorgetragenen Beobachtungen des Verfassers zu den mittelalterlichen Konventsbauten. Der Verfasser schuldet dem Vorstand des Adeligen Klosters Preetz, Priörin Erika von Bülow und Propst Detlef von Bülow, Dank für die großzügigen Arbeitsmöglichkeiten im Kloster und im Archiv. Die Befundbeobachtungen wären nicht möglich gewesen, wenn nicht die derzeitigen Bewohner der behandelten Gebäude dem Verfasser großzügig Zugang zu den Räumen gewährt hätten. Christian Stocks war ein bewährter Diskussionspartner. Wertvolle Anregungen verdankt der Verfasser Jens Christian Holst/Hoisdorf. U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 43 Literatur BASt: Bauund Architekturgeschichte, Stadtentwicklung in Lübeck. Konzipiert und bearbeitet von Hans Meyer, Archiv der Hansestadt Lübeck, https://bekanntmachungen.luebeck.de/dokumente/d/694/inline (18.9.2024). Bedal, Konrad: Ländliche Ständerbauten des 15. bis 17. Jahrhunderts in Holstein und im südlichen Schleswig (Studien zur Volkskunde und Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins 1), Neumünster 1977. Beuckers, Klaus Gereon/Auge, Oliver (Hg.): Kloster Preetz im Mittelalter. Beiträge zu Geschichte, Kunstund Musikgeschichte (Forschungen zu Kloster und Stift Preetz 3), Kiel 2024. 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