Nordelbingen 90.2024
Abstract
In Nordelbingen werden neue Forschungen zur Geschichte der Kunst, Kultur, Architektur, Literatur und Musik in Schleswig-Holstein im Open Access…
Full text
Nordelbingen Beiträge zur Geschichte der Kunst und Kultur, Literatur und Musik in Schleswig-Holstein Universitätsverlag Kiel Kiel University Publishing Kiel University Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Band 90
Nordelbingen Beiträge zur Geschichte der Kunst und Kultur, Literatur und Musik in Schleswig-Holstein Band 90
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliographische Daten sind über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Open Access Die Zeitschrift ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ . Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile der Zeitschrift von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können. Die elektronische Ausgabe der Zeitschrift ist auf dem Open-Access-Publikationsserver MACAU der Universitätsbibliothek Kiel ( https://macau.uni-kiel.de ) frei verfügbar: https://doi.org/10.38072/ 2941-3362/i90. 2024 Universitätsverlag Kiel | Kiel University Publishing Universitätsbibliothek Kiel Leibnizstr. 9 24118 Kiel Deutschland ver[email protected], www.universitaetsverlag.uni-kiel.de Umschlaggestaltung und Satz: Wiebke Buckow Druck und Bindung: CPI books GmbH, Ferdinand-Jühlke-Straße 7, 99095 Erfurt Titelbild: Decke aus einem Seidengewebe, 138 x 135 cm, Lampasgewebe: Iran, 16. Jahrhundert. Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Schleswig. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Inv. Nr. 1925/161. Foto (Ausschnitt): Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf. ISBN (Print): 978-3-910591-37-0 eISBN (PDF): 978-3-910591-36-3 NORDELBINGEN Beiträge zur Geschichte der Kunst und Kultur, Literatur und Musik in Schleswig-Holstein | 90.2024 ISSN: 0078-1037 eISSN: 2941-3362 [email protected]iel.de Herausgegeben von der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte dem Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein dem Museum für Kunst und Kulturgeschichte in der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek durch Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers , Kunsthistorisches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel [email protected] Prof. Dr. Kathrin Kirsch , Musikwissenschaftliches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel kirsc[email protected]iel.de Prof. Dr. Sonja Klimek , Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel [email protected]iel.de mit Unterstützung von Dr. Vivien Bienert, Kunsthistorisches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Rezensionen) Laura Dieterich B.A., Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Koordination) Charlott Hannig M.A., Kunsthistorisches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Redaktionsassistenz)
WISSENSCHAFTLICHER BEIRAT Prof. Dr. Ulf Bästlein, Universität für Musik und darstellende Kunst Graz Diana Härtrich M.A., Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein Olaf Irlenkäuser M.A., Literaturhaus Schleswig-Holstein Dr. Constanze Köster, Museumsförderung der Fielmann Group AG Dr. Uta Kuhl, Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf Prof. Dr. Martin Lätzel , Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Dr. Maike Manske, Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte Prof. Dr. Siegfried Oechsle, Musikwissenschaftliches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Friedrich Graf zu Rantzau, Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte Dr. Johannes Warda , Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte (IADK), Universität Bamberg GUTACHTERINNEN UND GUTACHTER Prof. Dr. Oliver Auge (Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) • Prof. Dr. Ulf Bästlein (Universität für Musik und darstellende Kunst Graz) • Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers (Kunsthistorisches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) • Dipl.-Ing. Jens Christian Holst (Bauforschung und Denkmalpflege, Hoisdorf/Stralsund) • Prof. Dr. Kathrin Kirsch (Musikwissenschaftliches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) • Dr. Matthias Kirsch (Musikwissenschaftliches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) • Dr. Constanze Köster (Museumsförderung der Fielmann Group AG) • Prof. Dr. Ulrich Kuder (Kunsthistorisches Institut, Christian-Albrechts-Universität z u Kiel) • Dr. Jochen Lingelbach (Kulturwissenschaftliche Fakultät, Universität Bayreuth) • Prof. Dr. Tim Lorentzen (Theologische Fakultät, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) • Prof. Dr. Dr. Dr. hc Johannes Schilling (Theologische Fakultät, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) • Prof. Dr. Bernd Sponheuer (Musikwissenschaftliches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
INHALT | BAND 90 ULRICH KNAPP Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz ........................................ 9 ENNO BÜNZ Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide ...... 45 Aus dem kirchlichen Leben Dithmarschens vor der Reformation PAUL NAWROCKI Das Christkind und der Kaiser ..................................................................... 73 Überlegungen zum Bordesholmer Altar ANNA JOLLY Fürstliche Geschenke ................................................................................... 89 Persische Seidengewebe aus Schloss Gottorf MATTHIAS KIRSCH Das Ballhaus in Kiel (1666–1841) – vom Sporthaus zum Kulturort ............. 123 Gestalt und Geschichte eines verlorenen Gebäudes BIRGER PETERSEN Johann Jacob Pagendarms Stimmbücher ................................................... 143 Ein Beitrag zur Lübecker Kirchenmusikgeschichte MATTHIAS LASSEN Klopstock-Vertonungen in Schleswig-Holstein um 1800 ............................ 159 Zum 300. Geburtstag des Dichters CARSTEN SCHOLZ Züge ohne Gott ........................................................................................... 189 Claus Harms über Bahnfahren und Wallfahren anno 1844
ANNE D. PEITER Die Watussi auf dem Wasser ...................................................................... 215 Überlegungen zu kultur-, fotografieund literaturgeschichtlichen Quellen eines Schiffsnamens und seiner ethnifizierenden Ausdeutung RAINER HERING Gesang und Gesellschaft zwischen den Meeren ........................................ 239 Quellen zur Musikgeschichte im Landesarchiv Schleswig-Holstein OLAF IRLENKÄUSER Schleswig-Holsteinische Literatur 2023 ...................................................... 257 Rezensionen ............................................................................................... 269
| 9 ULRICH KNAPP Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz Um 1210/11 stiftete Graf Albrecht II. von Orlamünde (nach 1182, † 1245) unter Mitwirkung des Lübecker Bischofs Berthold (amt. 1210–1230) ein Benediktinerinnenkloster, das zunächst an der Pfarrkirche von Preetz angesiedelt wurde.1 Im Zuge der Auseinandersetzung zwischen König Waldemar II. von Dänemark, der 1202 die Grafschaft Holstein erobert und Albrecht II. von Orlamünde mit der Grafschaft belehnt hatte, und dem römisch-deutschen Reich blieb die Klosterstiftung unsicher. Adolf IV. von Schauenburg bemühte sich, die Grafschaft Holstein für die Schauenburger zurückzuerlangen, während Waldemar II. den Ausbau der dänischen Vormachtstellung weiterbetrieb. Nach dessen Gefangennahme 1223 konnte Adolf IV. 1224 die nordelbischen Gebiete der Grafschaft zurückgewinnen. Albrecht II. von Orlamünde geriet in Gefangenschaft. Erst nach dem Verzicht Waldemars auf die Gebiete zwischen Eider und Elbe 1225 erlangte dieser wieder die Freiheit. Unverzüglich betrieb er jedoch die Annullierung seines Eids. Papst Honorius III. (amt. 1216–1227) löste am 26. Juni 1226 Waldemar II. von seinem Eid, der nun seinerseits Vorbereitungen traf, Holstein zurückzuerobern. In dieser Situation bestätigte der Schauenburger Adolf IV. am 29. September 1226 die Klosterstiftung und bezeichnete sie als eigenes Werk.2 Nach der Schlacht von Bornhöved (1227), die für König Waldemar II. von Dänemark und den von ihm eingesetzten Grafen von Holstein, Albrecht II. von Orlamünde, ungünstig verlaufen war, erfolgten weitere Bestätigungen der Klosterstiftung und ihrer Besitzungen: 1232 wurde die Bestätigung der Stiftung Adolfs IV. durch Kaiser Friedrich II. bestätigt. Als Zeugen werden die Erzbischöfe von Mainz, Salzburg und Magdeburg sowie weitere Bischöfe und geistliche wie weltliche Würdenträger genannt.3 In demselben Jahr wurde das Kloster durch Herzog Albrecht von Sachsen4 und Bischof Johannes I. von Lübeck (amt. 1230/31–1247) bestätigt.5 Die päpstliche Bestätigung des Klosters durch Papst Gregor IX. (amt. 1227–1241) datiert vom 26. August 1236.6 1 Klosterarchiv Preetz (im Folgenden KlA Preetz) I A a 4; VII A (Bocholtsches Register), S. 35–37. – Rosenplänter 2009, S. 33–40. – Prange 2014, S. 47, 56. – Hillebrand/Rosenplänter 2019, S. 342–345. – Die Datierung der Stiftung ergibt sich aus der Beteiligung des Lübecker Bischofs Berthold. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass die Planung zur Klosterstiftung bereits früher einsetzte. Aus der Datierung der vollzogenen Stiftung folgen die modifizierten Amtszeiten der frühen Klosterpröpste. 2 Jessien 1839, S. 197–199, Nr. VII. 3 Jessien 1839, S. 200, Nr. VIII. 4 Jessien 1839, S. 200–203, Nr. IX und S. 202–203, Nr. X. 5 Jessien 1839, S. 203–205, Nr. XI. 6 Jessien 1839, S. 206–207, Nr. XIV. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2941-3362/p11
16 | Nordelbingen 90 Bereits die älteste erhaltene Klosterrechnung37 aus dem Jahr 1389 enthält umfangreiche Einträge zu Baumaßnahmen, zumeist zum »slaphus«, also dem Dormitorium der Nonnen. Formulierungen wie »Item carpentorii 1 m per domo reformanda […] Item per tegulis deme dedit xv ß« verweisen auf weitere umfangreiche Arbeiten im Klosterbereich.38 Die Rechnungen listen zwar detailliert alle Ausgaben für Baumaterial und Handwerker auf, doch fehlt meist ein Hinweis auf die Gebäude, für die diese Aufwendungen getätigt wurden. Nur Ausgaben für die Klosterkirche und für das Konventgebäude werden häufiger konkretisiert.39 Der Kornspeicher wird wohl erstmals in der Klosterrechnung 1412/13 genannt. Damals wurde das Dach des Gebäudes bestiegen, d.h. kontrolliert, und repariert.40 Da es sich dabei um Wartungsund Reparaturarbeiten handelt, dürfte das Gebäude deutlich älter gewesen sein. Ebenfalls 1412/13 ist der Neubau eines Gasthauses belegt.41 Auch ein neuer Marstall wurde in diesem Jahr errichtet.42 Neben dem Marstall gab es einen Fohlenstall,43 einen Schafstall44 und einen Hühnerstall.45 In den Jahren 1471 und 1472 ist der Neubau eines weiteren Stalls dokumentiert.46 In den 1430er Jahren wird an einer Ziegelei innerhalb des Klosterbezirks gearbeitet: 1434 wird die Ziegelscheuer erbaut und der Brennofen repariert.47 Regelmäßig finden sich Wartungsarbeiten für das Backhaus und die Klosterküche(n). Auch ein Brauhaus wird genannt.48 Die regelmäßig beschafften neuen Mühlsteine können für die Klostermühle an der Schwentine oder für eine Mühle beim Backhaus bestimmt gewesen sein.49 Auch ein Fischerhaus ist im Kloster dokumentiert.50 Im heutigen Bestand gelten nach den Abbrüchen 1927 und dem Brand 1959 die älteren Wirtschaftsgebäude des Klosters als zerstört. Lediglich für Teile der sogenannten Langen Reihe wird noch eine Entstehung im ausgehenden Mittelalter in Erwägung gezogen.51 Das bis zum Umbau 1927 37 Die Klosterrechnungen (KlA Preetz, Bestand VIII A) werden auch als Propstenrechnungen bezeichnet, da sie in der Regel vom Klosterpropst geführt wurden. Vor Einführung der Reformation wurden diese Rechnungen zeitweise, etwa unter Priörin Anna von Buchwald (amt. 1484-1508) auch von den Priörinnen geführt. Diese Rechnungen sind im Archiv unter den Kloster- (Propsten-)rechnungen verzeichnet. Teilweise gibt es eine parallele Rechnungsführung von Propst und Priörin. Nach der Umwandlung in ein hochadeliges evangelisches Stift wurde die Kassenführung schärfer getrennt. Die Klosterrechnungen wurden nun ausschließlich vom Klosterpropst geführt, sind aber regelmäßig mit einer Approbation der jeweiligen Priörin versehen. Im 18. Jahrhundert wurden von den Klosterrechnungen jeweils zwei Exemplare angefertigt, von denen jeweils eines beim Klosterpropst und eines bei der Priörin verblieb. Die Rechnungsbeilagen verblieben wohl beim Klosterpropst bzw. beim Unterpropst. Die separaten Kirchenrechnungen (KlA Preetz, Bestand V E) wurden von der Priörin geführt. Sie sind erst ab 1723 als geschlossener Bestand überliefert. Ältere Fragmente weisen darauf hin, dass es bereits davor separate Kirchenrechnungen gab. Von diesen zu unterscheiden sind die Priörinnenrechnungen (KlA Preetz, Bestand VIII B), in denen die der Priörin zustehenden Einnahmen und deren Verwendung verzeichnet sind. Sie werden, beginnend mit 1540/42 im Archiv als eigener Bestand (VIII C) geführt. 38 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 1, fol. 4v. 39 Knapp 2024a, S. 200–206. 40 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 3, fol. 14v. 41 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 3, fol. 15r. 42 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 3, fol. 14v. 43 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 65, fol. 10r. 44 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 38-2, fol. 8r; Bd. 91, fol. 12r. 45 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 58, fol. 4r. 46 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 68-1, fol. 8v; Bd. 70-2, fol. 6v. 47 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 24, fol. 3r-3v, 4v (blau) bzw. 12v–12r, 11r (rot). 48 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 91a, fol. 11r. 49 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 111-7, fol. 8v; Bd. 80, fol. 14r. 50 KlA Preetz VIII A 1, Bd. 62-1, fol. 4v; Bd. 65, fol. 1or. 51 Stocks 2012, S. 60.
U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 17 als Kornhaus bezeichnete Gebäude Klosterhof 6 gilt als Neubau von 1585.52 Die Klosterrechnung 1584/85 nennt umfangreiche Ausgaben für die Maurer, die Verbesserungen am Kornhaus, am Pastorenhaus und an dem Haus am Damm vorgenommen haben. Der Wortlaut der Eintragungen legt nahe, dass es sich dabei um Umbauten und nicht um Neubauten gehandelt hat.53 1626 schließlich ist ausdrücklich von einem Neubau des Kornhauses die Rede.54 Der Komplex Klosterhof 4 und 5 Als älteste im Kern erhaltene Bauten auf dem Klosterhof gelten heute die beiden aneinander stoßenden Gebäude Klosterhof 4 und 5 ( Abb. 5 ).55 Die beiden Gebäude heben sich mit ihren hohen und steilen Dächern vom übrigen Gebäudebestand im Kloster ab. Das Dach von Klosterhof 4 besitzt zudem an der Westseite einen Walm, der das Gebäude besonders altertümlich erscheinen lässt. Die Fassaden beider Gebäude wurden wiederholt verändert, so dass sich an ihnen heute nur schwer ihr tatsächliches Alter ablesen lässt. Beide Gebäude haben ungefähr dieselbe Breite, sind aber leicht gegeneinander verschwenkt. Klosterhof 4 ist geringfügig nach Westen gedreht. An der Rückseite besitzen beide Gebäude Erweiterungen aus der Barockzeit. Klosterhof 5 ist zudem zumindest teilweise unterkellert, wobei die Untersuchungen hier nicht abgeschlossen sind. Die große Überraschung ergab sich bei der Begehung der Dachwerke der beiden Gebäude. Das Dachwerk von Klosterhof 5 ( Abb. 6 ) ist ein Sparrendach mit drei Kehlbalkenlagen und umfasst im Kernbestand acht Gebinde. Die Gebinde sind von Süd nach Nord durchgezählt; die Westseite ist zudem durch eine Seitenmarkierung ausgezeichnet. Die Gebinde 1 bis 5 haben ihre Bundseite auf der Südseite, die Gebinde 6 bis 8 auf der Nordseite. Die Kehlbalken sind mit Versatzblättern mit schräger Brust mit den Sparren verbunden.56 Die Sparren sind in die Deckenbalken eingezapft. Die Sparrenabstände sind mit 108 bis 140 cm relativ weit. Bohlenstarke Windrispen dienen der Längsaussteifung des Dachwerks. Die Windrispen sind mit geschmiedeten Eisennägeln aufgenagelt, wobei 52 Hirschfeld 1937, S. 166. – Stocks 2012, S. 61. 53 KlA Preetz VIII A 6 (unpaginiert). 54 KlA Preetz VIII A 10, Klosterrechnung 1625/26: »Nickel Mauermann von Schloßwieg, das er an dem newen Kornhause mit 2 Gesellen und einem Kalchschlager 20 tage gearbeitet, dem Meister des tageß 1 th., dem gesellen jeden 14 ß, unnd dem Kalchschlager 10 ß ist 67 th 8 ß […] Peter Mauermann vorgedachtes Kornhauß /: weilen der vorige darüber gestorben :/ von newem wiederumb verdungen, unnd demselben für daßelbige genzlich fertig zumachen, Zugesagt und bezahlt 220 th. […] Arnolt Müllern in Lübeck bezahlt 13 000 Pannen, so uf das newe Kornhauß kommen, iedes tausendt 20 th ist 260 th. […] Vor 16 000 Mauerstein zue dem Kornhause, dan auch vor 1500 Ahrstrack, wormit der Knechte Losament überlegt worden, jedes hundert 21 ß ist 229 th 11 ß. […] Vor Eichen breter uf dem newen Kornboden geben 587 th 6 ß 6 d.« 55 Die eindeutige Benennung der Gebäude ist insofern erschwert, als das südliche Gebäude (Klosterhof 4) im Bereich der beiden nördlichen Fensterachsen im 18. Jahrhundert umgebaut und mit einem eigenen Eingang versehen wurde, der heute mit der Hausnummer 5 versehen ist. Der Zugang zu dem nördlich anschließenden Gebäude ist unbezeichnet und erschließt zudem ein schmales giebelständiges Gebäude, das keinen eigenen Zugang vom Klosterhof aus besitzt. Die sich weiter nach Norden anschließende Gebäudegruppe trägt die Hausnummern 6a–c. Da die alte Klosterverwaltung unter Klosterhof 5 firmierte, wird im Folgenden die Bezeichnung Klosterhof 5 ausschließlich auf dieses Gebäude bezogen und der abgetrennte Teil von Klosterhof 4 unter dieser Bezeichnung geführt. Das schmale Gebäude nördlich von Klosterhof 5 gehört konstruktiv zu Klosterhof 6 und wurde wohl 1626 verändert. – Stocks 2012, S. 61. 56 Bei der Benennung der Konstruktionshölzer und der Holzverbindungen wurde die 2. Auflage von Vorindustrieller Holzbau […] Terminologie und Systematik, Heidelberg 2023, verwendet, da diese die bislang detaillierteste Ausdifferenzierung der unterschiedlichen Konstruktionsdetails aufweist. Lokale historische Bezeichnungen erweisen sich oft als Sammelbegriffe, die dann ausdifferenziert werden müssen. – Die hier angetroffene Blattform wird in der Literatur auch als Weichschwanzblatt oder einseitiges Schwalbenschwanzblatt mit Versatz bezeichnet. Die mögliche unterschiedliche Ausformung des Versatzes, gerade oder schräg, bleibt dabei in der Regel unberücksichtigt.
18 | Nordelbingen 90 diese ungewöhnlich ausgeformte Köpfe aufweisen. Der unterste Kehlbalken des Gebindes 8 wurde im Zuge eines späteren Umbaues etwas nach oben versetzt. Die Gebinde unmittelbar vor dem Nordund dem Südgiebel gehören nicht zum bauzeitlichen Dachwerk und wurden später hinzugefügt. Eine nachträglich eingefügte firsthohe Trennwand unterteilt heute den Dachraum. Die Abbundzeichen des Dachwerks bestehen aus Zählzeichen in Form von Strichen und einer Seitenmarkierung durch einen quer zu den Zählzeichen verlaufenden Strich ( Abb. 7 ). Diese Abbundzeichen und vor allem auch die Art der Seitenmarkierung entsprechen den Abbundzeichen an den Abbundeinheiten des Dachwerks über dem Mittelschiff der Klosterkirche. Hölzer der ersten und zweiten Abbundeinheit jenes Dachwerks sind dendrochronologisch auf 1325 +/- 5 datiert. Das Dachwerk über dem Mittelschiff und dem Chorjoch der Klosterkirche besteht aus einer Abfolge von sieben Abbundeinheiten. Mit Ausnahme der siebenjochigen ersten Abbundeinheit bestehen diese jeweils aus sechs Gebinden, von denen das erste und das sechste jeweils als Vollgebinde, die vier dazwischenliegenden als Leergebinde ausgebildet sind. Die Gebinde einer Abbundeinheit sind jeweils mit Zählzeichen, zumeist in Form von langen Strichen, im Einzelfall auch in Form von quadratischen Ausstichen, Kantenaushieben oder eingehauenen Winkeln, und mit Seitenmarkierungen versehen. Letzte erfolgen in der Regel durch einen zusätzlichen Querstrich, der rechtwinklig oder diagonal die Zählzeichen durchschneidet oder einseitig an diesen anliegt ( Abb. 8 ). Die Charakteristik der Abbundzeichen im Kirchendach und jenen im Dach von Klosterhof 5 ist nahezu identisch. Da auch die Ausbildung der Blätter bei den Kehlbalken, Versatzblätter mit schräger Brust, eng verwandt ist, liegt nahe, dass dieses Dachwerk ebenfalls aus der ersten Hälfte bis Mitte des 14. Jahrhunderts stammen kann.57 Derselben Bauphase wie das Dachwerk gehört der südliche Backsteingiebel 57 Vgl. Knapp 2024b (im Druck). Abb. 5: Preetz, Klosterhof 4 und 5, Ansicht von Süden. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten.
U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 19 (Abb. 9) an, der ursprünglich frei stand, d.h. seine Südseite bildete die Außenseite des Gebäudes Klosterhof 5. Der Giebel weist Fensteröffnungen mit segmentbogigem Sturz auf. In der unteren Ebene des Dachraums sind diese vergleichsweise breit, in der zweiten Ebene sind die Fenster deutlich schmaler. Unterhalb des Giebelmauerwerks kann man noch die Stürze von mindestens zwei Fenstern im Obergeschoss des zweigeschossigen Gebäudes erkennen. Da der mittlere Bereich des Giebels heute auf beiden Seiten durch später angebaute Kamine verdeckt wird, kann nicht ausgeschlossen werden, dass das Gebäude in den Vollgeschossen ursprünglich drei Fensterachsen an der Schmalseite aufgewiesen hat. Die Steine der gefasten äußeren Fenstergewände sind geschnitten und weisen auffallend glatte Oberflächen auf. ↑ Abb. 6: Preetz, Klosterhof 5, Blick in das Dachwerk. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. ↑↑ Abb. 7: Preetz, Klosterhof 5, Dachwerk. Abbundzeichen mit Seitenmarkierung. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. ↑ Abb. 8: Preetz, Klosterkirche, Dachwerk über dem Mittelschiff. Abbundzeichen mit Seitenmarkierung. Foto 2021: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. ↑↑ Abb. 9: Preetz, Klosterhof 5, Südgiebel, Ansicht von Norden. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten.
20 | Nordelbingen 90 Der Südgiebel von Klosterhof 5 stand vermutlich einige Zeit frei, da die Verfugung des Mauerwerks Reparaturen und Ergänzungen aufweist. An den Fensteröffnungen sind unterschiedliche Typen und Formen von Fensterstürzen zu beobachten. Zum Kernbestand zählen die beiden Öffnungen in der Giebelspitze mit ihren aufgemauerten Segmentbogenstürzen (Abb. 10). Als Widerlager für die Stürze dienen keilförmig zugerichtete Formsteine. Die Formsteine des Sturzes sind an der Schmalseite etwa zur Hälfte abgefast. Dieselben Formsteine wurden an den Gewänden im Wechsel mit Bindern, die entsprechend abgefaste Ecken aufweisen, versetzt. Nach dem Anbau von Klosterhof 4 wurden die Fenster von der Nordseite aus mit Abbruchmaterial, unter anderem von einem Kamin, zugesetzt. Die ↑ Abb. 10: Preetz, Klosterhof 5, Südgiebel, westlicher oberer Bereich, Ansicht von Süden. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. ↑ Abb. 11: Preetz, Klosterhof 5, Südgiebel, östlicher unterer Bereich, Ansicht von Süden. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten.
U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 21 Fugen zeigen einen hellen gipshaltigen Mörtel,58 der mit der Kelle glattgestrichen wurde. Die beiden Fenster in der unteren Nutzungsebene des Dachs sind unterschiedlich ausgeführt. Das westliche Fenster (Abb. 10) verfügt über einen segmentbogigen Sturz aus Formsteinen vergleichbar jenen an den beiden oberen Giebelfenstern. Eingeschobene Bretter steifen die Fensteröffnung in Höhe des Segmentbogenansatzes aus. Die Fensteröffnung selbst wurde zu einem späteren Zeitpunkt nach unten verlängert, um einen Durchgang zu dem Gebäude Klosterhof 4 zu schaffen. Dies dürfte vor der Errichtung der nördlichen Anbauten erfolgt sein. Später wurde die Öffnung in zwei Etappen wieder zugesetzt. Beim östlichen Fenster ( Abb. 11 ) ist die Fensteröffnung deutlich schmaler und der Sturz wurde aus Vollsteinen aufgesetzt. Unterhalb des gemauerten Sturzes ist ein hölzerner Sturz eingefügt. Der Raum zwischen den beiden Stürzen ist mit Backsteinen aufgefüllt. Der Fugenmörtel weist einen Kellenstrich auf. Das Fenster verfügt zudem über eine eingemörtelte hölzerne Sohlbank. Die beiden vom Dachboden des Gebäudes Klosterhof 4 aus teilweise sichtbaren gemauerten Stürze der Obergeschossfenster sind aus Vollsteinen aufgemauert (Abb. 12). Das weitere Giebelmauerwerk ist durch das heute anschließende Gebäude verdeckt. Die Westwand des Gebäudes besitzt bis heute eine spitzbogige Türrahmung und zwei segmentbogige Fensteröffnungen, die sich jedoch von 58 Bereits in der ältesten erhaltenen Rechnung, der Klosterrechnung von 1389 (KlA Preetz VIII A 1) sind Ausgaben für Segeberger Kalk (Gips) und Gotländer Kalk verzeichnet. Mörtelanalysen von Antje Rinne und Hendrik Visser liegen für den Torso des Konventgebäudes und den nördlichen Mittelschiffstrebepfeiler der Westfassade vor. An der Klosterkirche konnten reine Gipsmörtel, Gips-Kalk-Mörtel und reine Kalkmörtel festgestellt werden. – Ich danke der Verwaltung von Kloster Preetz für die Möglichkeit, die Mörtelgutachten einsehen zu dürfen. Abb. 12: Preetz, Klosterhof 5, Südgiebel, Ansicht von Süden, unmaßstäbliche Bildmontage. Fotos und Montage 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 13: Preetz, Klosterhof 5, Westwand. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten.
22 | Nordelbingen 90 der Gestaltung der Fenstergewände am Südgiebel unterscheiden und Umbauphasen zuzuordnen sind (Abb. 13). Bemerkenswerterweise ist das nur teilweise im Altbestand erhaltene Türgewände aus rauen Mauersteinen aufgemauert, so dass auch hier berechtige Zweifel an der Zugehörigkeit zum ursprünglichen Baubestand bestehen. An der Ostwand zeichnet sich über dem dritten Erdgeschossfenster (von Süden) der Ausbruch eines spitzbogigen Gewändes ab. Alle Fensterund Türöffnungen des Erdgeschosses stammen aus jüngerer Zeit. Auch die heutigen Obergeschossfenster sind nicht bauzeitlich. Das südlich anschließende Gebäude weist einen etwas niedrigeren Querschnitt auf, so dass der Südgiebel von Klosterhof 5 das Dach von Klosterhof 4 etwas überragt. Der Dachansatz ist an den Giebel von Klosterhof 5 angemörtelt ( Abb. 14 ). Oberhalb dieses Dachansatzes zeigt die Verfugung ↑ Abb. 14: Preetz, Klosterhof 5, Südgiebel. Ansatz des Daches von Klosterhof 4. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. ↑↑ Abb. 15: Preetz, Klosterhof 4, Blick in das Dachwerk. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. ↑ Abb. 16: Preetz, Klosterhof 4, Dachwerk. Abbundzeichen mit Seitenmarkierung. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. ↑↑ Abb. 17: Preetz, Klosterhof 4, Blick in den Walm. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten.
U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 23 des Backsteinmauerwerks deutliche Abwitterungsspuren. Der originale obere Abschluss des Giebels ist nicht erhalten . Das Gebäude Klosterhof 4 ist etwa so breit wie Klosterhof 5, aber leicht nach Südwesten verschwenkt. Seine Fassaden sind stark verändert. Der Südgiebel des Gebäudes ist komplett aus kleineren Backsteinen aufgemauert und entstammt einem Umbau. Der Dachraum ist heute durch eine jüngere Trennwand unterteilt. Auf dem Gebäude befindet sich ein Dachwerk, das ausweislich des Anschlusses an den Südgiebel von Klosterhof 5 als das bauzeitliche Dachwerk von Klosterhof 4 anzusprechen ist. Es handelt sich um ein Sparrendach mit drei Kehlbalkenlagen (Abb. 15). Die erste Kehlbalkenlage ist mit den Sparren verzapft; die zweite und dritte ist jeweils mit den Sparren verblattet. Die Sparren selbst sind in die Dachbalken eingezapft. Die Abbundzeichen an den Konstruktionshölzern des Dachwerks unterscheiden sich von jenen an Klosterhof 5. Von Norden beginnend sind die Gebinde mit römischen Ziffern durchgezählt. Die Seitenmarkierung befindet sich an der Ostseite. Sie erfolgt entweder durch eine andersartige Ausformung der Zählzeichen – Kästchen statt Striche – oder durch einen angehängten Schrägstrich (Abb. 16). Das letzte komplett erhaltene Gebinde trägt das Abbundzeichen »VIII«. Nach Süden hin endet das Dach mit einem Walm. Die Konstruktionshölzer des Walms sind wiederverwendet (Abb. 17). Zum überwiegenden Teil handelt es sich um ehemalige Sparren, an denen sich die Anbringung der Dachlatten noch deutlich abzeichnet. Man kann auch noch einzelne Abbundzeichen in Form römischer Ziffern erkennen.59 Die höchste lesbare Ziffer lautet »XVI«. Da die Form der Abbundzeichen jenen der Markierungen auf dem Dachwerkstorso von Klosterhof 4 entspricht und auch die Holzquerschnitte vergleichbar sind, liegt es nahe, dass der Walm aus Altholz von dem Gebäude abgezimmert wurde. Nimmt man die höchste erkennbare Zählmarke als vielleicht letztes Gebinde des Abbunds an, so gelangt man zu einem Dachwerk von mindestens sechzehn Gebinden, das bei der Zugrundelegung der Sparrenabstände an dem erhaltenen Teil des Dachwerks eine Länge von etwa 23,80 m aufgewiesen hätte.60 Aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist ein Lageplan von den Wirtschaftsgebäuden im südlichen Teil der Klosteranlage erhalten (Abb. 36). An das Kornhaus Klosterhof 6 schließen sich die Gebäude Klosterhof 5 und Klosterhof 4 an. Anhand der westlichen Anbauten kann der Nordabschluss von Klosterhof 4 mit hinreichender Sicherheit bestimmt werden. Fügt man nun in den Plan ein Gebäude mit der erschlossenen ursprünglichen Länge von Klosterhof 4 ein, so überdeckt sich dies mit dem dort dargestellten Gebäude, an das sich das ältere Pastorenhaus anschloss. Da dessen südlicher Abschluss auch die Südgrenze des heutigen barocken Pastorenhauses vorgibt, musste ein Teil von Klosterhof 4 abgebrochen werden, um 1795 den spätbarocken Neubau von Klosterhof 3 errichten zu können. Der Originalplan zu Klosterhof 3 hat sich im Preetzer Archiv erhalten.61 Der neu aufgemauerte Südgiebel vom Klosterhof 4 und der aus zweitverwendeten Hölzern abgezimmerte Walm des Gebäudes datieren damit in die Bauzeit des Pastorenhauses. 59 Bei der Objektbegehung war der Walm selbst nicht zugänglich. In der unteren Dachebene sind hier nachträglich Kammern eingebaut worden, so dass die Konstruktion in der ersten Nutzungsebene des Dachraums komplett verdeckt ist. 60 Vgl. Knapp 2024b (im Druck). 61 KlA Preetz, Planschrank. – KlA Preetz D III b: Berechnung der Zum Bau des neuen Kloster Prediger Haus in dem Jahre 1795 und 1796 verwandten Kosten.
24 | Nordelbingen 90 Der Nordgiebel des Gebäudes Klosterhof 5 Das Dachwerk von Klosterhof 5 stößt im Norden gegen einen Backsteingiebel (Abb. 18), der deutlich älter ist als das nach Süden anschließende Dachwerk. Im mittleren Bereich ist der Giebel durch einen breiten, vor den Giebel gemauerten Kamin verdeckt. Östlich des Kamins befindet sich ein jüngerer Türdurchbruch, über den der Dachraum heute zugänglich ist. Östlich des Türdurchbruchs gibt es eine größere Reparaturstelle (Abb. 19). In die dort verbauten Backsteine ist die Inschrift »Anno 1671« eingeritzt (Abb. 20).62 62 Die Klosterrechnung 1670/71 ist leider verschollen. Abb. 18: Preetz, Klosterhof 5, Nordgiebel, Ansicht von Süden, unmaßstäbliche Bildmontage. Fotos und Montage 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 19: Preetz, Klosterhof 5, Nordgiebel, Ansicht von Süden, Reparaturstelle mit Datierung 1671. Aufnahme: Ulrich Knapp 2024. Alle Rechte vorbehalten. Abb. 20: Preetz, Klosterhof 5, Nordgiebel. Reparaturinschrift von 1671. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten.
U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 25 Die Reparatur steht in einem Zusammenhang mit der Umgestaltung des südlichen Abschusses von Klosterhof 6, dem ehemaligen Kornhaus des Klosters. Im Dachraum sieht man noch den südlichen Abschluss eines neuzeitlichen Dachwerks mit Abbundzeichen in Form von Fähnchen und Strichen. Der zweiachsige, nach Osten ausgerichtete Risalit soll 1626 erbaut worden sein und verfügt über eine eigenständiges Dachwerk.63 Die Südseite dieser Giebelmauer ist stark reliefiert und mit Spitzbogen, Blendnischen, vertikalen Vorlagen und horizontalen Absätzen gegliedert (Abb. 21). Die aufwendige Gestaltung verweist darauf, dass diese Seite der Giebelmauer als Ansichtsseite geplant war. Die Nordseite der Giebelmauer weist eine glatte, ungegliederte Maueroberfläche auf und wurde wiederholt repariert. Die Mauer ist aus Backsteinen im Format 29 x 14 x 8,5–9 cm aufgemauert. Die Steine wurden aus Ton mit Mergeleinschlüssen geformt.64 Die verbauten Steine wurden bei sehr unterschiedlichen Temperaturen gebrannt. Als Versatzmörtel kann ein grauer Gipsmörtel beobachtet werden, wie er auch an den ältesten Teilen der Westwand der Klosterkirche verwendet wurde. Die Gliederung der Südseite erfolgt durch breite und schmale halbsteinige Vorlagen, wobei die Wandgestaltung dreischichtig aufgebaut ist. Die vorderste Schicht umfasst halbsteinige Vorlagen von der Breite eines halben Steins. In die Wandfelder sind jeweils paarweise angeordnete spitzbogig geschlossene Wandnischen eingetieft. Auch diese Nischen sind einen Halbstein tief, so dass die Gesamttiefe zwischen vorgesetzter Gliederung und Wandnische etwa eine Steinlänge beträgt. An der westliche Hälfte des Giebels sind drei Ebenen solcher Nischen ablesbar. Von der unteren Ebene sind nur die spitzbogigen Abschlüsse der Nischen kurz oberhalb des Dachbodens sichtbar. Darüber folgen in zwei Ebenen in voller Höhe erhaltene Nischen. Reste eines oberen Giebelabschlusses sind an keiner Stelle erkennbar. Nach dem Befund müsste der ursprüngliche Giebel deutlich höher als das heutige Mauerwerk gewesen sein. Östlich des Kamins sind unterhalb des heutigen Türdurchbruchs die Spitzen von zwei Blendnischen sichtbar. Nach Osten schließt sich eine halbsteinige Vorlage mit einer Breite von 1 ½ Mauersteinen an. Östlich und oberhalb dieser Vorlage ist nach dem Befund Mauerwerk aus jüngeren Bauphasen erhalten (Abb. 22). Alle Gliederungselemente wurden aus rauen Mauersteinen aufgesetzt. Die Nischen spiegeln die Nutzungsebenen der verlorenen Binnenkonstruktion des Gebäudes wider. 63 Stocks 2012, S. 61. – Nicht auszuschließen ist allerdings ein späterer Umbau. Das Dachwerk hinter dem nach Osten ausgerichteten Giebel dürfte aus dem 19. Jahrhundert stammen. In diese Zeit datiert auch das halbrunde Fenster im Ostgiebel. 64 Vgl. Strehl 2013, S. 78. Abb. 21: Preetz, Klosterhof 5, Nordgiebel, Ansicht von Süden, unterer westlicher Bereich. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten.
32 | Nordelbingen 90 siebenachsige Fassadengiebel verfügten die Gebäude Alfstraße 11 (Abb. 30)82 und Fischstraße 19.83 Weiter wären die seitlichen Westgiebel des Lübecker Heilig-Geist-Spitals zu nennen. Die ebenfalls zum Heilig-Geist-Spital gehörenden Häuser Koberg 10 und 11 wurden bis etwa 1289/90 errichtet.84 Das um 1300 erbaute Haus Mühlenstraße 37 (Abb. 31) verfügte über fünf ursprünglich spitzbogig geschlossene Wandfelder, die geschossweise spitzbogige Biforien aufwiesen.85 Die Grundstruktur dieses Giebels steht dem 1942 zerstörten Rückgiebel des Gebäudes Dr.-Julius-Leber-Str. 7 in Lübeck nahe.86 Im Typus ähnlich, aber mit dreiteiligen Gliederungen ist der Rückgiebel von Königstraße 25 gestaltet. Das Gebäude ist 1268 (d) datiert.87 Ähnlich waren die Rückgiebel von Königstraße 31,88 Breite 82 Foto Marburg mi06971g09. – Holst 2016, S. 468–469, Abb. 31 c, um 1280/90. Das Gebäude wurde 1942 zerstört. – BASt AA.01, S. 28–29. 83 Foto Marburg mi06974g12. – Holst 2016, S. 468–469, Abb. 31 d mit einer Datierung um 1280/90. Das Gebäude brannte 1942 aus. Der Giebel wurde abgebaut und 1953 am Gebäude Mengstraße 6 in veränderter Form wiederaufgebaut. – Vgl. Dehio Hamburg – Schleswig-Holstein, S. 621. 84 Foto Marburg mi 06977b04. – Dehio Hamburg – Schleswig-Holstein, S. 609–610. 85 Foto Marburg mi 06978g02. Die Hochblenden wurden später abgetragen und die spitzbogigen Abschlüsse der Wandfelder durch die neuen Giebelschrägen beschnitten. Das Gebäude wurde 1893 abgebrochen. – BASt AM.07, S. 14. 86 Foto Marburg mi06974a10. – BASt AD.02, S. 3: Rückgiebel gotisch. 87 Dehio Hamburg – Schleswig-Holstein, S. 616. – Lübecker Nachrichten vom 31. Juli 2018, https://www.ln-online.de/Lokales/ Luebeck/Freier-Blick-auf-den-Rueckgiebel-des-Haus-Eden (18.9.2024). 88 Foto Marburg mi06977d05. – Holst 2016, S. 444–445, Abb. 15 a. – Das Gebäude wurde um 1886 abgebrochen. Abb. 31: Lübeck, Mühlenstraße 37, Zustand vor Abbruch 1893. Reproduktion nach Struck 1908, S. 13. Abb. 32: Lübeck, Hundestraße 94, Straßenansicht. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten.
U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 33 Straße 7189 und der Vordergiebel des bereits 1837 abgebrochenen Gebäudes Dr.-Julius-Leber-Straße 8 (früher Johannisstr.).90 Die letztgenannten Beispiele belegen, dass Giebelgestaltungen mit schlanken eingetieften Wandfeldern mit mehrteiligen Öffnungen oder Nischen in mehreren Ebenen um 1300 bereits auf eine längere Tradition zurückblicken konnten. Von den genannten Beispielen unterscheidet sich die hier rekonstruierte Preetzer Fassade jedoch in der Dimensionierung der Vorlagen: Halbsteinbreite Vorlagen zwischen den seitlichen Wandfeldern und deutlich breitere Vorlagen seitlich des mittleren Wandfeldes. Die lübischen Beispiele verfügen in der Regel über deutlich breitere Vorlagen ohne eine Hierarchisierung. Eine Ausnahme scheint hier das Gebäude Hundestraße 90 zu bilden, bei dem ebenfalls halbsteinige Vorlagen die Wandfelder trennen. Die Vorlagen verfügen jedoch über einen halbkreisförmigen Querschnitt. Die aus normalen Mauersteinen gebildeten Vorlagen des Preetzer Giebels bilden hier eine weitere Vereinfachung. Die Wandfelder verfügen wie in Preetz über gekoppelte spitzbogige Nischen oder Fensteröffnungen, die im Zuge späterer Umbauten geschlossen wurden. Die Fassade des Lohgerberhauses wird noch in das späte 13. Jahrhundert datiert.91 Das Gebäude zählt zu den einfachen Handwerkerhäusern und man wird hier wohl mit einer höheren Verlustrate rechnen müssen.92 Auch hinsichtlich der unterschiedlich breiten Vorlagen gibt es in Lübeck Vergleichsbeispiele. So besitzt auch das 1284 (d) datierte Gebäude Hundestr. 94 bei den original erhaltenen Staffeln ebenfalls breite Vorlagen seitlich des mittleren Wandfelds und schmale Vorlagen zwischen den seitlichen Wandfeldern ( Abb. 32 ). Der Unterschied in der Vorlagenbreite ist jedoch nicht so ausgeprägt wie an dem Gebäude in Preetz. Schmale Vorlagen finden sich an Fassaden in den Hansestädten Stralsund und Greifswald, doch unterscheiden sich diese Bauten in ihrer Grundstruktur von dem Preetzer Giebel: Meist handelt es sich um eine dichte Folge gleichartiger Vorlagen, vergleichbar einem hochgotischen Harfengiebel, die schmale Wandfelder voneinander trennen und in der Regel oben abgetreppt enden. Als einfache Form wäre hier die Giebelgestaltung des Hofgebäudes Schillstraße 37 in Stralsund zu nennen, das 1286 (d) datiert ist.93 Zwar sind hier die Vorlagen ebenfalls nur einen Halbstein breit, doch handelt es sich um eine gleichförmige Abfolge von spitzbogigen Wandfeldern, die lediglich einer Nische oder einem Fenster Raum bieten. In deutlich größerem Maßstab gilt dies auch für den Rückgiebel des um 1300/1320 errichteten Gebäudes Mühlenstraße 1 in Stralsund.94 Auch die 1874 zerstörten Seitengiebel des Stralsunder Fährtors zeigten zwar schmale Vorlagen, waren in ihrer engachsigen Grundstruktur dem Preetzer Giebel aber nicht vergleichbar.95 Auch an Lübecker Rückgiebeln gab es vergleichbare Gestaltungen mit schmalen Wandfeldern, die nur von schmalen Vorlagen getrennt werden. Holst wies hier auf einen entsprechenden Befund am Rückgiebel der Mengstraße 58 in Lübeck hin, der um 1290/1300 datiert wird.96 89 Holst 2016, S. 444–445, Abb. 15 b. – Das Gebäude wurde 1903 abgebrochen. 90 Holst 2016, S. 444–445, Abb. 15 c. 91 Dehio Hamburg/Schleswig-Holstein, S. 606. – Die Datierung nicht unwidersprochen. Bei einem Umbau wurden die seitlichen Hochblenden erhöht und die mittlere Zinne aufgesetzt. Das Dachwerk ist auf 1490 (d) datiert. Nach einem Brand 2001 wurde das Gebäude 2003/04 wiederhergestellt und dabei die vermauerten Öffnungen wieder sichtbar gemacht. – BASt AH.14, S. 48–49. 92 Nach den historischen Aufnahmen verfügte auch das 1903 abgebrochene alte Werkhaus an St. Marien über einen Giebel mit sehr schmalen Vorlagen zwischen den spitzbogigen Wandfeldern. 93 Holst 2016, S. 459. 94 Holst 2016, S. 474. – In keiner Weise vergleichbar ist der Vordergiebel mit seinen pfeilergerahmten zweiachsigen Wandfeldern. 95 Holst 2004, S. 137 und Abb. 10. 96 Holst 2004, S. 137.
34 | Nordelbingen 90 Resümierend kann man festhalten, dass die Gestaltung des Preetzer Giebels deutlich lübische Elemente aufgreift, mit den halbsteinbreiten Vorlagen zwischen den seitlichen Wandfeldern aber eine deutliche Reduktionsform zeigt, die sich deutlich von den halbsteinbreiten engmaschigen gitterartigen Giebelgestaltungen in Stralsund, Chorin oder an zahlreichen mecklenburgschen und pommerschen Kirchen unterscheidet. Da auch im Falle der Klosterkirche mit dem inneren Wandaufriss der Mittelschiffwestwand ein deutliches lübisches Architekturzitat greifbar ist, liegt eine entsprechende Prägung auch bei den weiteren Gebäuden des Klosters nahe. Der untere Bereich der inneren Westwand der Klosterkirche zitiert die Wandgestaltung der Hallenplanung von St. Marien in Lübeck aus dem späten 13. Jahrhundert.97 Bereits Rudloff wies auf die Parallelen bei den Dienstquerschnitten der ersten Preetzer Planung zu den Dienstquerschnitten der Hallenplanung der Lübecker Marienkirche hin.98 Einen Hinweis auf die Datierung des Giebels liefert das Baumaterial: Es wurden großformatige Backsteine verbaut, für die ein mit Mergelknollen durchsetzter Lehm verwendet wurde. Dieses Baumaterial findet man in Preetz auch an den ältesten Bauteilen des Chors und den älteren Wandbereichen der Westwand. Sowohl an dem fragmentarisch erhaltenen älteren Giebel zwischen Klosterhof 5 und Klosterhof 6 als auch an den genannten Bauteilen der Klosterkirche wurde grauer Gipsmörtel als Versatzmörtel verwendet. Bei dem Wiederaufbau der Klosterkirche bis zur Aufrichtung des Kirchendachwerks 1325 +/- 5 wurden ausschließlich Backsteine aus einheitlich rot brennendem Lehm verwendet. Dies legt den Schluss nahe, dass der hier vorgestellte Giebel ebenfalls aus der Zeit vor 1307 stammt. Ein weiteres Indiz ist der unter Propst Conrad Bocholt (amt. 1284/86–1286+/vor 1296) mit der Priörin Adelheidis (dokumentiert 1286) am 21. Januar 1286 geschlossene Vertrag über die Verteilung der Einkünfte des Klosters.99 Dieser setzt eine voll funktionsfähige Klosterökonomie voraus und legt nahe, dass auch die entsprechenden Gebäude schon fertig waren oder zumindest im Bau waren. Propst Conrad Bocholt selbst entstammte wohl einer lübischen Ratsfamilie.100 Die Befunde im Bereich des Gebäudes Klosterhof 6 Das Gebäude Klosterhof 6 ( Abb. 33 ) weist einen sehr heterogenen Bestand auf und wurde 1927 grundlegend umgebaut. Aus den Plänen des Kieler Architekten August Witt ergibt sich, dass im Obergeschoss und im Dachgeschoss der Innenausbau komplett verändert wurde. Das Dachwerk, ein Sparrendach mit zwei Kehlbalkenlagen und einem einfachen stehenden Stuhl in der unteren Dachebene blieb mit Ausnahme des Bereichs mit der großen Doppelgaube unangetastet. Im Kellergeschoss sind wenige ältere Wände unterschiedlicher Stärke dokumentiert. Nur eine etwas mächtigere Wand, die die drei nördlichen Achsen abtrennt, kann älter sein. 97 Ellger/Kolbe 1951, S. 17–19. – Ellger 1991, S. 550. 98 Rudloff 1952, S. 80. – Knapp 2023, S. 172–175. – Priewe 2024, S. 229–230. 99 KlA Preetz VII A, S. 58–60. Die Abschrift folgt unmittelbar auf die Abschriften der Stiftungsurkunden und der diesbezüglichen bischöflichen Bestätigungen. Der Text selbst ist wohl von dem Schreiber des Kernbestands der Handschrift geschrieben, die engere Schreibweise legt aber nahe, dass es sich um einen zeitgenössischen Nachtrag handelt. – SHRU 5, S. 686-687. 100 Vgl. Lutterbeck 2004, S. 206–210, Nr. 28–34. Konrad Bocholt ist unter den Kindern bzw. Geschwistern der von Lutterbeck aufgeführten Ratsmitglieder allerdings nicht genannt.
U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 35 Das Kornhaus gilt als Neubau von 1585.101 1626 soll der südlichste Teil umgestaltet worden sein.102 Nach einem Eintrag in der Propstenrechnung 1584/85 sollen im Sommer 1584 Bauarbeiten am Pastorenhaus und am Kornhaus erfolgt sein.103 1626 erhielt der Zimmermann Clawes Köhler 300 M »Für das newe Kornhauß Zubawen«. Die Maurerarbeiten wurden von dem während der Bauarbeiten verstorbenen Maurer Nickel von Schloßwieg (67 M 8 ß) und dem Maurer Peter (220 M) ausgeführt. Für das Mauerwerk wurden 16.000 Mauersteine benötigt und für das Dach wurden 13.000 »Pannen« von Arnolt Müller in Lübeck und weitere 3.135 von Christoff Pütker bezogen. Dem Schreiner Hans Langen wurden 26 M 4 ß »für Thüren und Fenster uf dem Kornhause« bezahlt.104 Das erhaltene Dachwerk des Kornhauses, das mit Abbundzeichen in Gestalt von Fähnchen gezeichnet ist, dürfte mit dem 1626 aufgeschlagenen Dachwerk identisch sein. Die Zahl der bezogenen Dachpfannen wäre ausreichend für eine komplette Eindeckung von Klosterhof 6. In den Jahren 1684/86 sind weitere Ausgaben für die Ausbesserung der Kornböden überliefert.105 Seine heutige Gestalt dürfte der südliche Abschluss des Kornhauses jedoch erst im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert erhalten haben.106 1927 wurden in dem mittleren Teil des ehemaligen Korn101 Hirschfeld 1937, S. 166 erwähnt Backsteine mit der eingeritzten Datierung »1585« und den Initialen »D.B.«. Die beiden Steine mit den vor dem Brand eingeschnittenen Inschriften sind heute mittig unterhalb des Doppelerkers in das Mauerwerk eingelassen. Das umgebende Mauerwerk gehört der Umgestaltung von 1927 an, so dass sie an dieser Stelle nicht im originalen Verband verbaut sind. – Nach Haupt 1926, S. 87 waren die beiden Steine über einer Kellertüre eingebaut. Die Initialen D.B. stehen für den Klosterpropst Dietrich Blome (amt. 1584–1590). 102 Hirschfeld 1937, S. 166. – Stocks 2012, S. 61. – Rudloff 1952, S. 33 geht von einem vollständigen Neubau des Kornhauses im Jahr 1626 aus. 103 KlA Preetz, VIII A 6, Propstenrechnung 1584/85 (unpaginiert). – Die Propstenrechnung 1583/84 ist nur fragmentarisch überliefert. Die Teile mit den Bauausgaben sind nicht erhalten. 104 KlA Preetz VIII A 10, Propstenrechnung 1625/26 (unpaginiert). 105 KlA Preetz, Propstenrechnung 1684/85 (unpaginiert) und 1685/86 (unpaginiert). 106 Für die heutige Gestaltung musste das Dachwerk von 1626 teilweise umgebaut werden. Abb. 33: Preetz, Klosterhof 6, Ansicht von Nordost. Foto 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten.
36 | Nordelbingen 90 hauses zwei Wohnungen eingebaut. Dabei wurden alle Wandöffnungen überarbeitet. Der nördliche Teil mit fünf Fenster-/Türachsen war bereits zu einem früheren Zeitpunkt umgebaut worden und beherbergte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kutscherwohnung. Ältere Mauersubstanz, also Bausubstanz aus der Zeit vor 1584, ist nur an der Westmauer offen einsehbar (Abb. 34). Es handelt sich dabei um einzelne Mauerbereiche zwischen den aus unterschiedlichen Zeiten datierenden Eingriffen bei den Türund Fensteröffnungen. Die hier aufgrund des abfallenden Geländes zweigeschossige Mauer weist teilweise bis zur Traufe großformatige Mauersteine aus rot und gelb brennendem Scherben auf. Die Nordwestecke des Gebäudes und der westliche Teil der Nordwand sowie der Nordgiebel wurden ebenfalls komplett erneuert. Im östlichen Teil der Nordwand sind noch Teile mit älterem Baumaterial erhalten. Die Westwand des Gebäudes schließt an die erhaltene Nordwestecke des mittelalterlichen Giebels an. Aufgrund des nach dem ersten Anschein bis zu der erneuerten Nordwestecke von Klosterhof 6 durchlaufenden Feldsteinfundaments wäre es nicht ausgeschlossen, dass die gesamte Nordwand des Gebäudes noch auf dem Fundament aus dem 13. Jahrhundert ruht. Zur Rekonstruktion der Klosteranlage vor dem Brand von 1307 Wiederholt wurde versucht, die mittelalterliche Klosteranlage des Benediktinerinnenklosters zu rekonstruieren. Dabei konzentrierte man sich vor allem auf die ab 1845 sukzessive in großen Teilen abgebrochene Konventanlage. Frühe Rekonstruktionen, vermutlich von Joseph Eduard Mose angefertigt, scheinen zwischenzeitlich wieder in Vergessenheit geraten zu sein.107 Auf den Überlegungen von Richard Haupt basiert eine zweite jüngere Gruppe von Rekonstruktionsversuchen, die schließlich auch Eingang in das Kunstdenkmälerinventar gefunden haben108 und bis in jüngste Zeit in der Literatur zitiert bzw. abgebildet werden.109 1925/26 arbeitete Richard Haupt an einem Ma107 Vgl. dazu Knapp 2023, S. 28–30 – Knapp 2024a. – Richard Haupt (Haupt 1926, S. 32b) vermutete Scherneckau als Urheber der Zeichnungen. Da dieser aber den Altbestand noch aus eigener Anschauung kannte, ist wenig wahrscheinlich, dass er sich bei der Anfertigung der Zeichnungen an Aussagen von Zeitzeugen orientieren musste. Da der Urheber der Zeichnungen sich explizit auf solche beruft und das Gebäude nicht aus eigener Anschauung kannte und die Beschriftung jener der Bestandsaufnahmen von der Klosterkirche entsprechen, spricht viel für eine Zuschreibung an Mose, der 1856 erstmals nachweislich für das Kloster tätig war. 108 Haupt 1925, S. 614, Abb. 820 bb. 109 So zuletzt bei Rosenplänter 2009, S. 109. – Stocks 2012, S. 27. – Zu den Rekonstruktionszeichnungen Knapp 2023, Kat. Nr. 4.5–4.7. – Knapp 2024a, S. 186–195. Abb. 34: Preetz, Klosterhof 6, Westwand, unmaßstäbliche Bildmontage. Aufnahmen und Montage 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten.
U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 37 nuskript zu einer Monographie über Kloster Preetz. In diesem Zusammenhang wurden ihm auch die Zeichnungen der frühen Rekonstruktion des Konventbaus zugänglich. Diese Rekonstruktionen beziehen sich jeweils auf den baulichen Zustand in der Zeit um 1500. Hinsichtlich der Wirtschaftsgebäude äußerte sich Haupt eher allgemein, wobei zu berücksichtigen ist, dass er die im frühen 20. Jahrhundert abgebrochenen Gebäude und die 1959 abgebrannten Wirtschaftsbauten noch aus eigener Anschauung kannte. Auf den Überlegungen von Haupt basiert eine Rekonstruktion der Gesamtanlage von Diether Rudloff (Abb. 35). Das Original befindet sich in der Plansammlung des LDSH. In überarbeiteter Form fand diese Rekonstruktion Eingang in die Literatur.110 Für die Wirtschaftsbauten im Süden des Klosterareals verwendete Rudloff den bereits wiederholt genannten Lageplan aus dem 18. Jahrhundert im Klosterarchiv. Die verschiedenen Stallgebäude datierten dabei aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Die Gebäude der sogenannten Langen Reihe setzte er in Bezug zu dem für 1474 genannten Bau eines Priesterhauses. In dem erwähnten Lageplan werden sie als »Korn boden nebst Wohn-Gebäuden« bezeichnet. Nur der südliche, etwa quadratische Kopfbau ist als »Pastorenhaus« separat ausgewiesen. Die Zeichnung zeigt auch den Vorgängerbau des Propstenhauses sowie zahlreiche kleinere Nebengebäude, bei denen es sich um die archivalisch überlieferten Backhäuser, Scheunen und Schuppen sowie Abortanlagen handeln kann. Abweichungen zu Rudloffs Rekonstruktion gibt es bei der Anordnung der großen Stallgebäude. Die Katasterpläne aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestätigen dabei die Angaben auf dem Lage110 Stocks 2012, S. 51 und hintere Umschlagseite. Abb. 35: LDSH: Kloster Preetz, Rekonstruktion des mittelalterlichen Bestands von Diether Rudloff, wohl 1953. Foto 2024: Ulrich Knapp mit frdl. Genehmigung des LDSH. Alle Rechte vorbehalten.
38 | Nordelbingen 90 plan aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Abb. 36).111 Die Lage des 1494 genannten Siechenhauses und des 1495 erwähnten Langen Hauses bleiben hypothetisch, wobei es Indizien dafür gibt, dass der als »dat lange hus« bezeichnete Baukörper ein Teil des Konventgebäudes war.112 Da sich im Boden westlich des erhaltenen Fragments Reste eines Fußbodens finden, dürfte sich der erhaltene Flügel weiter nach Norden erstreckt haben – vielleicht bis zu dem als »curie« bezeichneten Propstenhaus.113 Mit den Befunden im Bereich der Gebäude Klosterhof 4 bis 6 lassen sich jetzt sichere Angaben zu den Wirtschaftsbauten machen. Mit dem Giebel zwischen den Gebäuden Klosterhof 5 und Klosterhof 6 wird der Südgiebel eines sich nach Norden erstreckenden eingeschossigen, zumindest teilweise unterkellerten Gebäudes fassbar. Nach der Dimensionierung des Giebelfragments dürfte das zugehörige Gebäude eine Breite von mindestens 13,30 m besessen haben. Die Westwand des Bauwerks hat sich in Resten in der heutigen Westwand von Klosterhof 6 erhalten. Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass dieses Gebäude eine Länge von fast 50 m und eine Breite von etwa 13,30 m aufgewiesen haben kann. Aufgrund des hohen Lagerraums wäre eine Nutzung als Kornspeicher naheliegend. Auch die diesbezügliche Nutzung des Gebäudes bis in das 20. Jahrhundert bestätigt dies. Der Gebäudetyp dürfte dabei weitgehend dem allerdings etwas größeren Wirtschaftsgebäude im Zisterzienserkloster Doberan entsprochen haben. Richard Haupt konnte aufgrund der für ihn noch sichtbaren topographischen Merkmale und den erhaltenen alten Lageplänen des Klosters mindestens zwei Kanäle erschließen, die das Klostergelände 111 Die Datierung ergibt sich aus der Darstellung der erst 1767 errichteten großen Klosterscheune. 112 Knapp 2024a, S. 201. 113 Der Hinweis auf den heute verdeckten Backsteinboden wird Christian Stocks/Preetz verdankt. Abb. 36: Klosterarchiv Preetz, Lageplan der Wirtschaftsbauten des Klosters Preetz, wohl Mitte 18. Jahrhundert. Foto 2022: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten.
U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 39 von Süd nach Nord durchschnitten haben.114 Seine Überlegungen flossen in die Rekonstruktion von Diether Rudloff ein. Rudloff ging jedoch von einer Ausleitung des Wassers nahe des Zusammenflusses von Alter Schwentine (Postau) und Schwentine aus, von wo aus sich die beiden Kanäle getrennt hätten.115 Die Kartierung der Schwentine zwischen Preetz und Rastorf aus dem Jahr 1847, die Katasterpläne aus dem 19. Jahrhundert, ein darauf basierender Plan der Wasserkanäle sowie der Lageplan der Wirtschaftsbauten aus dem 19. Jahrhundert legen indes eine andere Trassierung der Klosterkanäle nahe. Ausweislich der Bestandsaufnahme der Schwentine gab es oberhalb der an der Alten Schwentine (Postau) gelegenen Fleckenund Klostermühle, die 1868 durch einen den Wasserlauf überspannenden Neubau ersetzt wurden, eine Ausleitung, die die sich nach Norden anschließende Pferdetränke mit Wasser versorgte. Über diese Ausleitung wurde auch der westliche Klosterkanal mit Wasser versorgt. Nach dem Lageplan aus dem 18. Jahrhundert floss das Wasser von der Viehtränke aus bei der großen Scheune zunächst nach Nordwest ab. Dieser westliche Kanal verlief dann westlich eines mit »Kuh-Hauß« bezeichneten Gebäudes116 und weiter westlich der Bebauung Klosterhof 3 bis 6 nach Norden durch das Kloster und mündete schließlich in den Kanal an der Nordgrenze des Klosters. Dieser Kanal verlief damit unterhalb des hier rekonstruierten großen Kornhauses aus dem 13. Jahrhundert (Abb. 37). Naheliegend wäre, wenn die mittelalterliche Klostermühle an diesem Kanal lag. Dabei ist ein Standort südlich des Kornhauses wahrscheinlich. Bei den späteren Umbauten wurden an mehreren Stellen Aborte über diesem Kanal errichtet. Dies dürfte eine Verlegung der Mühle, vielleicht bereits an den späteren Standort beim Viehhaus, voraussetzen.117 Ein östlicher Kanal verlief östlich von Kirche und Konventgebäude. Allerdings lag die Trasse an anderer Stelle als von Rudloff vermutet: Nach dem Lageplan aus dem 18. Jahrhundert gab es an der Nordspitze der Tränke eine zweite Ausleitung, die östlich an dem 1927 abgebrochenen Kuhhaus und dem nördlich davon gelegenen Pferdestall entlangführte. Die weitere Trassierung kann aus der Parzellierung abgeleitet werden. Der Kanal dürfte südöstlich am heutigen Priörinnenhaus und dann östlich an Kirche und Konventbau nach Norden geführt worden sein. Im Jahr 1800 ist an der Westgrenze der Parzelle Klosterhof 21 ein offener Wasserlauf dokumentiert, der als »Kleine Schwentine« bezeichnet wird. Der Zugang zu dem Grundstück erfolgte über eine Brücke.118 Naheliegend ist, dass es sich bei diesem Wasserlauf um den östlichen Klosterkanal handelte. Nach der Topographie müsste der Kanal dann zwischen Klosterhof 14 und 15 an der Ostseite und Klosterhof 13 an der Westseite verlaufen, um schließlich in die Schwentine zu münden. Eine offene Frage ist, wo sich die Latrinenanlagen des Klosters befunden haben. Der hier erschlossene Verlauf des östlichen Kanals legt eine Positionierung der Latrinenanlage für die Nonnen nordöstlich des Konventgebäudes nahe, etwa unterhalb des Gebäudes Klosterhof 18. Hinsichtlich der vor 1307 bestehenden Klosteranlage bleibt die Frage nach Lage und Größe von Klosterkirche und Konvent. Für Haupt stand außer Frage, dass die bestehende Kirche mit dem bis 1286 vollendeten Bau identisch ist. Für Rudloff wurde dieser aber erst nach dem Brand von 1307 begonnen. Das bis zum Abbruch im 19. Jahrhundert bestehende Konventgebäude sei in mehreren Abschnitten im Lauf des 15. Jahrhunderts erbaut worden. Nach der aktuellen Untersuchung wurden 114 Haupt 1926, S. 36 (zur Latrine für die Nonnen), 75–77 (zu dem westlichen Klosterkanal). 115 LDSH, Plansammlung. – Dies ist auch auf den Lageplänen bei Stocks 2012, S. 51 und hintere Umschlagklappe so übernommen. 116 Das Gebäude wird später als »Bedientenstall« bezeichnet, der nach Hirschfeld 1937, S.167 im Jahr 1758 erbaut wurde. 117 Haupt 1926, S. 88. Im 19. Jahrhundert brannte diese Mühle ab und 1868 wurde dann eine neue Mühle direkt an der Postau errichtet. Dieses Mühlengebäude ist auf den Katasterplänen des 19. Jahrhunderts dargestellt. 118 KlA Preetz II B 4.
40 | Nordelbingen 90 unter dem Dachwerk von 1325 +/- 5 Bauteile aus unterschiedlicher Zeit zu einem einheitlichen Bau zusammengefasst. Im heutigen Chor hat sich zu großen Teilen der Chor des 13. Jahrhunderts erhalten. Da sich auch im Westen des Gebäudes Reste eines älteren Gebäudes bzw. einer älteren Planung erhalten haben, darf man vermuten, dass die Klosterkirche des späten 13. Jahrhunderts bereits die Grundfläche der heutigen Kirche überbaut hat. Die Details dieses Baus bleiben indes offen. Die Kirche erhebt sich am höchsten Punkt des Klosterareals. Der Konventbau dürfte sich damals bereits nördlich der Kirche befunden haben, da das Gelände südlich zu steil in Richtung Schwentine abfiel. Zur Größe der Konventanlage sind bislang keine belastbaren Befunde bekannt. Die Größe der Klosterkirche und die möglichen Dimensionen des Kornhauses aus dem späten 13. Jahrhundert legen Abb. 37: Kloster Preetz, Rekonstruktion des mittelalterlichen Bestands. Grau markiert ist der Baubestand Ende des 19. Jahrhunderts. Jüngere Bauten/Abbrüche sind nicht berücksichtigt. Bearbeitungsstand September 2024. Rekonstruktion und Zeichnung 2024: Ulrich Knapp. Alle Rechte vorbehalten.
U. Knapp: Spuren früher Wirtschaftsbauten in Kloster Preetz | 41 nahe, dass auch die 1307 vorhandene Konventanlage kaum kleiner war als die im 15. Jahrhundert sukzessive erneuerte Anlage. Im Falle des Kornhauses kann, wenn die hier vorgetragene Interpretation des Befundes am Nordgiebel von Klosterhof 5 zutrifft, von einer Nutzungskontinuität bis in das frühe 20. Jahrhundert gesprochen werden. Unter diesem Gesichtspunkt wären die weiteren Wirtschaftsgebäude im Süden des Klosterareals zu suchen. Die hier dokumentierten Bauten waren allerdings alle deutlich jünger. Zwar legen die Eintragungen in den Klosterrechnungen zahlreiche Neubauten bei den Ställen und Scheunen sowie der Mühle nahe, doch scheinen diese Bauten alle in nachreformatorischer Zeit durch Neubauten ersetzt worden zu sein. Die große, 1959 abgebrannte Scheune, war an den Durchfahrtstoren inschriftlich 1767 datiert.119 Das 1927 abgebrochene Kuhhaus wurde von Hirschfeld mit einer Baunachricht von 1704 in Verbindung gebracht.120 Die Zierformen des Giebelfachwerks und die Reste der Zierausfachungen verweisen hingegen eher auf das 16. Jahrhundert. Schon Hirschfeld verwies auf die Parallelen zur Nordfassade des Thienenhauses, Klosterhof 11, interpretierte dies jedoch als Hinweis auf die Traditionsgebundenheit der lokalen Zimmermeister. Vergleichbare Zierformen zeigt eine Scheune in Brodau (um 1592 d, Erweiterungen 1621/22 d und 18. Jahrhundert), deren Kernbau zusammen mit dem Herrenhaus unter Paul von Rantzau (1554–nach 1610) erbaut wurde.121 Da das Kerngebäude von Klosterhof 11 (1592 d)122 gleichzeitig mit dem Scheunenbau auf Brodau entstand, liegt nahe, auch den Giebel des 1927 abgebrochenen Kuhhauses in diese Zeit zu setzen.123 Die Baunachrichten können sich auf eine Erweiterung oder auf einen der weiteren bis in das 19. Jahrhundert erhaltenen Stallbauten beziehen.124 Die Lage der weiteren Wirtschaftsbauten, wie beispielsweise der zumindest seit dem 15. Jahrhundert belegten Ziegelei, bleibt mangels entsprechender archäologischer Beobachtungen offen. Bei den frühen Klosterbauten wären sicher noch ein Gebäude für den Klosterpropst, den Priester, für die Kranken und vor allem auch für die Gäste des Klosters sowie die jeweiligen Nebengebäude anzunehmen. Für das Propstenhaus, 1334 als curia erstmals genannt, wird ähnlich wie für das Konventgebäude eine Nutzungskontinuität angenommen. Die Lage von Krankenhaus und Gästehaus bleiben ohne archäologische Prospektion ebenfalls unsicher. Alleine das Geländerelief legt nahe, dass diese Bauten im Bereich der hochwassersicheren Bereiche des Klosterareals lagen. Dabei ist auch mit einer entsprechenden Nutzung des Bereichs südlich der Klosterkirche zu rechnen. Hier wären Nutzungen mit Publikumsverkehr, also vor allem das Gästehaus und vielleicht auch das Gebäude für den Priester zu vermuten. Der Befund am Nordgiebel von Klosterhof 5 und die sich daraus ergebenden Dimensionen des Vorgängergebäudes von Klosterhof 6 weisen eindrücklich darauf hin, dass hier in erheblichem Umfang mit Spuren der älteren Bebauung im Boden zu rechnen ist. Die erschlossene Gestalt des Südgiebels des gotischen Kornspeichers verweist auf die städtische Architektur in Lübeck; die überlieferten Teile der Klosterkirche des 13. Jahrhunderts zeigen eine 119 KlA Preetz III D c: Beylagen zu der Rechnung wegen der in Anno 1767 alhier auf dem Closter neu erbaueten Scheune. – Eine Bauaufnahme des Gebäudes befindet sich in der Plansammlung des LDSH. 120 Hirschfeld 1937, S. 166. 121 Haupt 1925, S. 568–570. – Dehio Hamburg – Schleswig-Holstein 2009, S. 822–823. 122 Schulze 1991, S. 264-284. 123 Auch Haupt 1925, S. 570 setzt den Giebel des Kuhhauses in diese Zeit. Die von ihm als weiteres Beispiel genannte Scheune auf Gut Hagen von 1626 ist inzwischen abgebrochen worden. 124 Der Lageplan der Wirtschaftsbauten des Klosters aus dem 18. Jahrhundert verzeichnet allein drei als »Kuh-Hauß« bezeichnete Gebäude.
48 | Nordelbingen 90 Unserer Lieben Frau 5 Mark Lübisch als Kapital empfangen hatte. Der Eintrag lautet: »Her Marten Scherer t[enet?] vyff m(a)rk hovetstols, termyn up paschen. Hyr is nen breff upp, sunder wo de olden register der sulffen vicarie nawysen.«16 Die 5 Mark, die Scherer in Händen hat, sind Teil des Gesamtkapitals der Vikarie, das als »houetstol« bezeichnet wird, deshalb die Formulierung »5 Mark des Hauptstuhls (= des Kapitals der Vikarie)«.17 Das Heider Kapitalienund Rentenbuch verzeichnet zahlreiche Personen, die solche Teilsummen innehaben und die dafür einen jährlich Zins an die Vikarie bezahlen. Rechnet man die Einzelposten dieser Vikarie zusammen, ergibt sich ein Gesamtkapital von 287 Mark sowie weiteren Einkünften von 19 Mark und 1 Schilling.18 Die Gesamtausstattung der Vikarie wird höher gewesen sein, denn es dürfte kaum das ganze Stiftungskapitel an Einzelpersonen gegen Zins ausgeliehen gewesen sein. Im Falle Scherers, der zum Zeitpunkt der Aufzeichnung dieses Einkommensregisters 1538 gar nicht mehr lebte, wird angegeben, dass die Zinszahlung an Ostern fällig war. Wie hoch die Zinsbelastung war, wird hier wie bei vielen anderen Kapitalien nicht angegeben, vermutlich, weil der Zinssatz wie bei anderen Kreditgeschäften generell 5 % betrug. Über diese Einzelheiten lag, wie dem Heider Register zu entnehmen ist, im Falle Scherers keine Urkunde (»breff«) vor, sondern darüber existierte nur ein Eintrag im alten Kirchenregister, das aber nicht erhalten ist.19 Da Martin Scherer, wie erwähnt, bereits 1515 verstorben ist, dürfte die Zinszahlung mit seinem Tod erloschen sein, sofern es keine Erben gab, die weiter zahlten, worauf aber im Heider Register nichts hindeutet. Scherer selbst hatte das entliehene Kapital offenbar nicht zurückgezahlt. Dass Pfarrkirchen, Kapellen und selbst einzelne kirchliche Benefizien, wie hier am Beispiel der Heider Vikarie dargestellt, aufgrund ihres Pfründenvermögens respektive Stiftungskapitals als Kreditkassen dienten, entsprach im Spätmittelalter wie in der Frühen Neuzeit allgemeiner Praxis.20 Für die Vermögensverwaltung waren Kirchenoder Kapellenpfleger zuständig, die die Kapitalien gegen Zinszahlung ausliehen und damit das Pfründenvermögen mehrten. Aus dem Kirchspiel Wöhrden sind mehrere Handschriften überliefert, die diese Praxis für die vorund nachreformatorische Zeit belegen.21 Offenbar besaß Martin Scherer auch Grund und Boden im Kirchspiel Neuenkirchen, denn das Heider Memorienregister verzeichnet u. a. Renteneinkünfte für Memorien, die in der Heider Kirche aus dem Kirchspiel Neuenkirchen gestiftet worden waren, und bei der Lokalisierung eines Pfandgutes heißt es u. a. »H(err) Marten Scherer beosten«.22 Im Osten grenzte also Grundbesitz an, der ihm gehörte. Was bedeuten die Quellennachrichten nun für Martin Scherer? Sie bestätigen zumindest, was wir von der Grabschrift schon wissen, nämlich, dass er ein geistlicher Herr war. Aber wo er als Kleriker wirkte, verrät uns auch das Heider Kapitalienund Rentenbuch von 1538 nicht. Damals war er lange tot, so dass sich jede nähere Erläuterung zu seiner Person erübrigte, und was in den Heider »olden register« stand, die damals noch vorlagen, werden wir leider niemals erfahren. Vermutlich hatte 16 Rolfs 1903, S. 309. Leider erläutert Rolfs nicht, was das vielfach vorkommende abgekürzte t. (=tenet?) bedeutet. – Rolfs 1903, S. 303 und ihm folgend Schlee 1930, S. 107 meinen hingegen, er habe der Vikarie 5 Mark gestiftet. 17 »houetstol« = Kapital: Techen 1932, S. 229. – 5 Mark war in dieser Zeit das gewöhnliche Kapital, um eine Memorie (Jahrtagsstiftung) zu finanzieren, damit ein Priester zu bestimmten Terminen eine Messe für den Verstorbenen las: Rolfs 1903, S. 300. 18 Rolfs 1903, S. 312. 19 Im folgenden Eintrag geht es um 10 Mark Hauptsumme, »dar he undergegan is van wegen harders clawes Hans dar sulff was wanende, wo dat H(err) Marten Scherer sin Hant wyder mede brynget«, auch hier mit dem Verweis »in Sunte Jürgens boke angheteket«: Rolfs 1903, S. 309. Der Sinn der Passage über Martin Scherer bleibt unklar. 20 Bünz 2016. 21 Vgl. Bünz 2017b. 22 Rolfs 1903, S. 323.
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 49 Martin Scherer eine der fünf Vikarien der St. Jürgenskapelle inne, über deren Inhaber wir nur mehr als lückenhaft informiert sind. Das Kapitalienund Rentenbuch nennt die Inhaber 1538, aber diese Benefizien bestanden doch schon viel länger. In dieser Aufzeichnung begegnet allerdings an anderer Stelle nochmals der Familienname Scherer: »Hir na volgen de breue Iffte rente van der tide der vicariae de H(err) Johan Scherer tho geteket weren vnd eyn besitter«.23 Mit ähnlichem Wortlaut sind vorher die fünf auch anderweitig nachweisbaren Vikariestiftungen der Heider St. Jürgenskapelle aufgelistet worden, zuletzt die Vikarie des Reimer Hossick, und daran schließt sich unmittelbar der eben zitierte Eintrag an. Will man nicht noch eine sechste Vikariestiftung annehmen, worauf nichts hindeutet, war also vermutlich Johann Scherer in Nachfolge Reimer Hossicks Inhaber dieser fünften Vikarie. 1523 ist dieser Scherer übrigens auch als öffentlicher Notar belegt,24 übte also eine Funktion aus, die im späten Mittelalter für Kleriker typisch war.25 Johann Scherer wird man wohl als Verwandten des Martin Scherer anzusehen haben, womöglich sogar als seinen Sohn, was angesichts häufigen Verstoßes von Weltgeistlichen des ausgehenden Mittelalters gegen das Zölibatsgebot nicht ungewöhnlich wäre.26 Sowohl Martin als auch Johannes waren also mit Heide verbunden, ja höchstwahrscheinlich haben wir in ihnen zwei Repräsentanten einer Familie vor uns, die im Landesvorort Dithmarschens ansässig war. Jerusalempilger und Stifter des Heider Kreuzwegs Mit diesem dürftigen Befund müssten die Ausführungen enden, wenn uns Neocorus nicht an anderer Stelle seiner Chronik weitere Nachrichten über Martin Scherer präsentieren würde. Am Ende des Abschnitts über das Kirchspiel Heide heißt es: »H(err) Marten Scherer affgemeten van der Heider Kerkedore, dar he den utgehowen Steen baven setten laten, beth an de Thegelschune, wo witt van Jerusalem dat hillige Graff, unnd dar eine Capelle gebuwet, dar nun der Arbeider Hußlin steitt. Dar ock en grott Crutz gestaen, he ock einen finen Garden van Eken unnd anderen Bomen geplantet. Dieser H(err) Marten hefft ock tho Weddingstede einen Steen.«27 In moderner Übersetzung: »Herr Martin Scherer hat von der Heider Kirchentür, wo er oben den ausgehauenen Stein hat setzen lassen, bis zur Ziegelscheune, (die Entfernung) abgemessen, so weit, wie es von Jerusalem bis zum Heiligen Grab ist, und hat dort, wo nun das Arbeiterhaus steht, eine Kapelle errichtet. Dort stand auch ein großes Kreuz, und er pflanzte auch einen schönen Garten mit Eichen und anderen Bäumen. Dieser Herr Martin hat auch in Weddingstedt einen Gedenkstein.« Diese Angaben, die Anton Vieth übrigens in seiner Landesbeschreibung etwas wortreicher ausgeschmückt wiederholt,28 lenken den Blick auf die von Scherer gestifteten Bildwerke, eröffnen aber auch weitere Perspektiven auf das Frömmigkeitsleben vor der Reformation, über das wir für Dithmarschen bislang noch viel zu wenig wissen.29 23 Rolfs 1903, S. 318. 24 Rolfs 1922, S. 60, Nr. 29. 25 Bader 1984. 26 Priestersohn schon vermutet von Schlee 1930, S. 113, Anm. 9. – Weitere Beispiele nennt Rolfs 1903, S. 305. – Zum verbreiteten Problem der Priesterkinder vor der Reformation besonders Schmugge 1995, S. 345–350. 27 Neocorus 1827, S. 247. 28 Vieth 1733, S. 36. 29 Eine erste Zusammenschau bot Rolfs 1921. – Aufgrund neuerer Forschungen nun Bünz 2020c.
50 | Nordelbingen 90 Martin Scherer hatte, wie Neocorus an bereits zitierter Stelle erwähnt, 1496 eine Wallfahrt nach Jerusalem unternommen (»dede nha dem hillighen Grave gewest A(nn)o Domini 1496«). Obwohl im Laufe des späten Mittelalters auch in Deutschland zahlreiche regionale Wallfahrten entstanden, beispielsweise nach Wilsnack in der Prignitz,30 aber auch zu etlichen Orten in Schleswig-Holstein,31 haben die drei »großen Wallfahrten« (»peregrinationes maiores«) nach Rom, Santiago de Compostela und ins Heilige Land ihre Bedeutung behalten und sind auch von Dithmarschern aufgesucht worden.32 Die Pilgerreise nach Jerusalem war durch Entfernung und Reiseumstände besonders aufwendig und teuer, konnte man doch nur auf dem Seeweg über Venedig dorthin gelangen und war auf die von dort verkehrenden Galeeren angewiesen.33 So bildeten sich dann auch Reisegruppen, von deren Teilnehmern der eine oder andere sogar einen Pilgerbericht verfasst hat, dem zu entnehmen ist, wie die sechs bis acht Wochen dauernde Seereise verlief und wie der Besuch der Heiligen Stätten in und um Jerusalem vonstattenging. Für 1496, das Reisejahr Scherers, ist nur ein deutscher Pilgerbericht überliefert, den der Breslauer Patrizier Peter Rindfleisch geschrieben hat, der von Anfang April bis Ende Oktober unterwegs war.34 Neocorus entnahm der Grabschrift Scherers, dass dieser 1496 ins Heilige Land gepilgert war. Schon die präzise Jahresangabe spricht nicht dafür, dass Neocorus die Nachricht frei erfunden hätte. Allerdings ist grundsätzlich darauf hinzuweisen, dass es sich bei der von Geschichtsschreibern vielfach unterstellten Verbindung von Pilgerfahrt und Kreuzwegstiftung »eher um einen frühneuzeitlichen Erzähltopos als um ein historisch belegbares Phänomen zu handeln« scheint.35 Anders gewendet: In einer Zeit ausgeprägter Passionsfrömmigkeit, in der auch gedruckte Andachtsschriften über Kreuzwege greifbar waren36, bedurfte es nicht unbedingt des Impulses einer Pilgerfahrt nach Jerusalem, um einen Kreuzweg zu stiften. Aber der Zusammenhang von Pilgerfahrt und Kreuzwegstiftung ist nicht pauschal in Abrede zu stellen. Stationen im Heiligen Land waren Jaffa, Ramla, Jericho, Bethlehem und vor allem natürlich Jerusalem. Die dortigen Heiligen Stätten waren als Zeugnisse des Lebens, Leidens, Sterbens und der Auferstehung des Herrn selbstverständlich von allergrößter Bedeutung für die Wallfahrer. Wie Neocorus schreibt, hat Martin Scherer die Erinnerung an den Leidensweg Jesu in besonders nachdrücklicher Weise festgehalten, indem er die Via dolorosa vom Haus des Pilatus, in dem der Herr zum Tode verurteilt wurde, bis zum Berg Golgotha, wo er ans Kreuz geschlagen wurde, in Heide maßgenau abgemessen nachbauen ließ: »affgematen van der Heider Kerkedore, dar he den utgehowen steen baven setten laten, beth an de Thegelschune, wo witt van Jerusalem dat hillige Graff, unnd dar eine Capelle gebuwet«. Dort habe, so der Chronist weiter, »ock ein grott Crutz gestaen« und Scherer habe dort »ock einen finen Garden van Eeken unnd anderen Bomen geplantet«.37 Anton Vieth stützt sich auf diese Beschreibung, formuliert nur anders, indem er erwähnt, dass Scherer bei der Ziegelscheune »ein groß 30 Bünz 2006b. 31 Bünz 2020b. Zu den Wallfahrtsorten in Dithmarschen jüngst Hansen 2018. 32 Bünz 2005, S. 747–752. – Bünz 2011. 33 Röhricht 1900, S. 1–83 schildert, wie die Reisen organisiert waren und abliefen. Vgl. dazu auch: Kriss-Rettenbeck/Möhler 1984, S. 56–88, und Ganz-Blättler 2000. Die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Reisenden auf einund derselben Pilgerfahrt werden anschaulich herausgearbeitet von Esch 1994. 34 Paravicini/Halm 2000, S. 272–273, Nr. 110. – Auch Röhricht 1900, S.189 bietet zum Jahr 1496 keine weiteren Nachrichten über Pilgerreisen. 35 Kühne 2014, S. 55. 36 Ein Beispiel bei Kneller 1908, S. 209–212. 37 Neocorus 1827, S. 247.
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 51 Creutz auffrichten« und eine Kapelle bauen, daneben auch »einen Garten von vielen Bäumen« anlegen ließ.38 Dass von dieser Anlage zu Viethens Zeiten noch etwas erhalten war (seine Dithmarscher Landesbeschreibung erschien 1733), ist wenig wahrscheinlich. Allgemein kann man feststellen, dass in Nordelbien, auch in Dithmarschen, zahlreiche Kapellen, also Gotteshäuser ohne Pfarrstatus, nach der Reformation abgerissen worden sind.39 Nachbauten des Heiligen Grabes, das sich inmitten der Jerusalemer Grabeskirche befindet, gibt es in Europa schon seit dem Hochmittelalter. Berühmt sind die Nachbildungen von ca. 1166 in Eichstätt (heute in der Kapuzinerkirche) und von 1504 in Görlitz, die beide das tatsächliche Aussehen der Grabanlage recht genau wiedergeben.40 In vielen spätmittelalterlichen Kirchen gab es auch Heilige Gräber, die zwar nicht den Anspruch erhoben, das Grab Christi abzubilden, aber den Gläubigen die Grablegung während der Karwoche als Andachtsbild vor Augen stellte.41 Anschaulichkeit, die zum ›Mitleiden‹ (›compassio‹) anregen sollte, und Nachvollziehbarkeit (›imitatio‹) des Heilsgeschehens waren wichtige Elemente spätmittelalterlichen Frömmigkeitslebens, wie an einer Vielzahl von Bilddarstellungen, handelnden Bildwerken, Prozessionen und geistlichen Spielen des späten Mittelalters ablesbar ist.42 Ob Martin Scherer das Heilige Grab in der erwähnten Kapelle nachbauen ließ, wissen wir nicht. Nach den Angaben des Neocorus scheint es ihm auf etwas anderes angekommen zu sein. Scherer ließ nämlich vom Südportal der Heider St. Jürgenskirche aus, wo sich später sein Grabstein befand, die Entfernung »von Jerusalem«, man wird präzisieren dürfen: vom Haus des Pilatus als dem Ausgangspunkt der Via dolorosa bis zum Grab Jesu (»Hilligen Graff«) genau abmessen und am Endpunkt des Leidensweges eine Kapelle errichten. Diese Kapelle lag bereits außerhalb der Ortschaft, denn im Heider Kapitalienund Rentenbuch von 1538 wird ein Acker lokalisiert »bi des Hilligen cruces capellen beosten der Heide«, also östlich von Heide gelegen.43 Neocorus gibt nur an, der Weg habe »bis zur Ziegelscheune« (»beth an de Thegelschune«) gereicht, wo die Kapelle errichtet wurde, die aber damals schon nicht mehr stand, denn der Chronist fügt aktualisierend hinzu: »dar nun der Arbeider Hußlin steitt«,44 wobei wohl an ein Gebäude für die in der Ziegelscheune tätigen Arbeiter zu denken ist. Auch die älteste Ansicht Heides von Daniel Frese aus dem Jahr 1596 ( Abb. 2 ) zeigt östlich des Ortes keine Kapelle (mehr).45 Sie wird damals also schon nicht mehr gestanden haben. 1538, wenige Jahre nach Einführung der Reformation, war die Heilig-Kreuz-Kapelle hingegen noch vorhanden. In Bezug auf den Leidensweg Christi waren die Lage der Kapelle östlich von Heide, also in Richtung Jerusalem, und 38 Vieth 1733, S. 36. 39 Eine Gesamtübersicht fehlt. Beispielsweise gab es im Kirchspiel Wöhrden Kapellen in Büttel (St. Peter) und in Wennemannswisch, siehe Hansen 1923, S. 15. Die vorreformatorischen Kapellen in Heide, St. Annen, Schlichting und Windbergen blieben hingegen erhalten, weil sie später zu Pfarrkirchen wurden, siehe Bünz 2006c, S. 251–252. 40 Reinle 1988, S. 228–230. – Krüger 2000, S. 188–197. – Zu Görlitz siehe auch unten bei Anm. 47. 41 Reinle 1988, S. 230–234. – Kroesen 2001. - Bünz 2023b. 42 Siehe die zahlreichen Beispiele in: Kühne et al. 2013, und bei Bünz 2023b, zur ›compassio‹ und ›imitatio‹ am Beispiel der Kreuzwege auch Kammel 2018b, S. 28–31. Zur christuszentrierten Frömmigkeit vor der Reformation grundlegend Hamm 2011, zu den innovativen Zügen der dynamischen Frömmigkeit vor der Reformation nun grundlegend Hamm 2024. 43 Rolfs 1903, S. 315. 44 Neocorus 1827, S. 247. – Schon Schlee 1930, S. 110, Anm. 13 vermutet, dass die Kapelle damals nicht mehr stand. – Arnold 1990 fragt ausdrücklich »was stand in der Regentenzeit?« (S. 22–23), erwähnt die Kapelle aber nicht. 45 Der Kupferstich Freses in Georg Braun / Frans Hogenberg, Civitates orbis terrarum (1596), als Faksimileausgabe: Braun/ Hogenberg 2017. Vgl. auch Klose/Martius 1961–1962, Band 1, S. 215 und Band 2, S. 238 Abb. 2.
52 | Nordelbingen 90 ihr Kreuz-Patrozinium naheliegend.46 In Görlitz (Oberlausitz) stiftete ein Bürger Anfang des 16. Jahrhunderts, also fast gleichzeitig mit Scherer in Heide, eine Heilig-Kreuz-Kapelle, nahebei ein Salbhäuschen, in dem der vom Kreuz genommene Leib Christi vor der Grablegung gesalbt wurde,47 wie es die Evangelien überliefern, und in einigem Abstand das Heilige Grab selbst (Abb. 3).48 Ob Scherer auch ein Heiliges Grab und andere damit zusammenhängende Andachtsstätten errichten ließ, ist unbekannt. Auszuschließen ist es nicht, denn die Erwähnung eines von Scherer angelegten Gartens mit Bäumen neben der Kapelle, in dem ein nicht nur durch Neocorus bezeugtes »grott Crutz« stand, mag darauf hindeuten, dass hier eine kleine Sakraltopographie geschaffen wurde, wie sie auf dem ausgedehnten Areal des Görlitzer Heiligen Grabes bis heute erhalten ist. Das große Kreuz neben der Kapelle mag als Teil eines Kalvarienbergs zu verstehen sein, wie er vielerorts gestiftet wurde, beispielsweise 1501 in Wesel.49 Gerade am Niederrhein und in Westfalen waren im späten Mittelalter freistehende Kreuzigungsgruppen und Kalvarienberge sehr verbreitet.50 Bei der Heider Kapelle befand sich zudem ein Garten, der auf den Garten Gethsemane am Ölberg als einen zentralen Ort der Leidensgeschichte Jesu verweist. In Süd-und Mitteldeutschland wurden deshalb seit dem 15. Jahrhundert vor allem auf den Friedhöfen lebensgroße Ölberggruppen aufgestellt.51 46 Haupt 1927, S. 316 eine Auflistung der Kreuz-Patrozinien, darunter auch die Kapelle in Heide. 47 Zum Salbstein Krüger 1990, S. 200–201. 48 Kneller 1908, S. 28–33. – Kramer 1957, S. 110–111. – Anders/Winzeler 2005. 49 Die Stiftung ist durch Schriftquellen gut dokumentiert, die Kalvarienberggruppe zudem in Dinslaken erhalten, siehe Prieur et al. 1998. 50 Fabian 1986. 51 Bünz 2023a. Abb. 2: Die älteste Ansicht Heides von Daniel Frese aus dem Jahr 1596. Kupferstich im Städteatlas von Georg Braun und Franz Hohenberg, Civitates orbis terrarum. Aus: Habich et al. 1980, Buchvorsatz.
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 53 Worauf es nicht nur Scherer, sondern vielen Stiftern von Kreuzwegen um 1500 in jedem Fall ankam, war, die präzise Distanz der Via dolorosa als tatsächlich »vermessenen Weg« nachzuzeichnen und damit für den Gläubigen den Leidensweg Christi Schritt für Schritt nachvollziehbar zu machen,52 indem er seinen Weg bei der St. Jürgenskapelle begann und bei der Heilig-KreuzKapelle außerhalb des Ortes beendete. Dass auch die Kirche in Weddingstedt bzw. der dort von Martin Scherer angebrachte Bildnisstein Teil dieses Kreuzweges war, ist ein Missverständnis, das nicht auf die Beschreibung des Neocorus, sondern auf die Erwähnung des Kreuzweges durch Richard Haupt zurückgeht, gleichwohl in der Literatur wiederholt aufgenommen wurde.53 Die Lokalisierung der Heilig-Kreuz-Kapelle bereitet keine großen Schwierigkeiten, obwohl sie seit mehr als 400 Jahren verschwunden ist. Dem Kapitalienund Rentenbuch der Heider Kirche verdanken wir die Angabe, dass die Kirche östlich und außerhalb der Ortschaft lag. Neocorus erwähnt, die Kapelle habe dort gelegen, wo zu seiner Zeit das Arbeiterhäuschen stand, das offen52 Dazu Kammel 2018b, S. 22–23. 53 Dazu unten bei Anm. 99. Abb. 3: Nachbau des Heiligen Grabes in Görlitz, Anfang 16. Jahrhundert. Foto: Enno Bünz.
54 | Nordelbingen 90 kundig mit der Ziegelscheune (»Thegelschune«) zusammenhing. Der älteste Grundriss von Heide, der Johannes Mejer zu verdanken ist, weist (bei aller Fragwürdigkeit im Einzel nen) östlich von Heide und nördlich von Lütkenheide den Ziegelhoff (»Tegelhoff«) aus (Abb. 4).54 Auf dem ersten präzisen Plan des Fleckens Heide, den der Major J. C. Randahl 1756 gezeichnet hat ( Abb. 5, Süden ist oben), ist dieser Ziegeleibetrieb im Osten des Fleckens außerhalb der geschlossenen Bebauung zu lokalisieren.55 Der Abgleich mit dem modernen Stadtplan zeigt, dass in diesem Bereich noch heute der von Süden nach Norden verlaufende Ziegelhofweg liegt und sich westlich davon bzw. nördlich der Hamburger Straße, in die der Ziegelhofweg einmündet, der Ziegelhofteich befindet ( Abb. 6 ). In diesem Bereich wird man folglich die Heilig-Kreuz-Kapelle zu lokalisieren haben. Die Entfernung von der St. Jürgenskapelle bis zum Ziegelhofweg bzw. zum Ziegelhofteich beträgt 1,4 km . 54 Danckwerth 1652, doppelseitige Karte Norderdithmarschens zwischen S. 300/301 mit Stadtgrundriss Heides, dieser abgebildet in: Klose/Martius 1961–1962, Band 1, S. 215 und Band 2, S. 238, Abb. 4a, auch in: Heide 1980, Tafel mit Abb. 4 nach S. 44, und bei Hansen 2018, S. 90. – Die Karten in Danckwerths Landesbeschreibung stammen alle von Johannes Mejer, wie auf dem Titelblatt angegeben wird. 55 Landesarchiv Schleswig, Abt. 402, B III Nr. 5, abgebildet in: Klose/Martius 1961–1962, Band 1, S. 215 und Band 2, S. 239, Abb. 6, und in: Habich et al.1980, Tafel mit Abb. 6 vor S. 45 (nur Ausschnitt), der hier relevante Gesamtplan auf dem Buchnachsatz, dort die Ziegelei wohl ganz am linken Rand (also im Osten, der Plan ist gesüdet) im Bereich des rechtwinkligen Gebäudekomplexes außerhalb der geschlossenen Bebauung des Fleckens. Abb. 4: Ältester Plan von Heide, gezeichnet von Johannes Mejer. Aus: Caspar Danckwerth, Newe Landesbeschreibung der zwei Herzogthümer Schleswich und Holstein von 1652, Tafel zwischen S. 300 und S. 301. Gemeinfrei. Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Sign. gr.2" So 6751.
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 55 Abb. 5: Plan des Fleckens Heide, gezeichnet von dem Major J. C. Randahl 1756. Landesarchiv Schleswig, Abt. 402, B III Nr. 5. Stadtarchiv Heide. Abb. 6: Heide, eingetragen der Weg von der St. Jürgenskapelle zur Heilig-Grab-Kapelle. Moderner Katasterplan. ( Osten)
56 | Nordelbingen 90 Der genaue Standort der Kreuzkapelle lässt sich bislang nicht lokalisieren, wird aber dort zu suchen sein, wo sich im 20. Jahrhundert das Ausflugslokal Zum Ziegelhof befand (Abb. 7). War die Distanz von der St. Jürgenskapelle zur Heilig-Kreuz-Kapelle als Kreuzweg ausgestaltet, wie es von anderen Orten her bekannt ist? Da Neocorus noch ein Jahrhundert nach der Stiftung dieses Kreuzwegs zu berichten wusste, dass dieser der von Scherer in Jerusalem (angeblich) festgestellten Distanz entsprach, ist zu vermuten, dass der Heider Kreuzweg mit Bildern und vor allem Inschriften versehen war, die diese heilsgeschichtliche Dimension – hier in eine topographische Dimension umgesetzt – zu erkennen gaben. Woher hätte er sonst über die Intentionen Martin Scherers informiert gewesen sein sollen? Sicher ist dies allerdings nicht, da es keine Überreste gibt. Kreuzwege im 15. Jahrhundert Obwohl die Pilgerfahrt nach Jerusalem eine alte Tradition ist, kam es erst im ausgehenden Mittelalter zur Anlage von Kreuzwegen, die es den Gläubigen ermöglichen sollten, den Leidensweg Christi nachzuvollziehen. Grundlegend für das Thema sind noch immer die älteren Darstellungen von Karl Alois Kneller über Kreuzwegandachten (1908) und von Ernst Kramer über Kreuzweg und Kalvarienberg (1957),56 doch sind in den letzten Jahrzehnten etliche weiterführende Fallstudien aus kunstund frömmigkeitsgeschichtlicher Sicht erschienen, die zu einer neuerlichen Synthese einla56 Kneller 1908. – Kramer 1957. – Vgl. auch Hollerweger/Rüdiger 1997, aus kunstgeschichtlicher Sicht Damveck 1970, und N. N., Artikel ›Kreuzweg‹ 2004. Abb. 7: Heide, Ausflugslokal Zum Ziegelhof, der mutmaßliche Standort der einstigen Kreuzkapelle. Aufnahme von 1902(?). Stadtarchiv Heide.
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 57 den.57 Die Anfänge der Kreuzwege reichen im deutschsprachigen Raum bis in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts zurück. Das Erlebnis der Heiligen Stätten in Jerusalem, vor allem der Via dolorosa und des Heiligen Grabes, durch Jerusalempilger war dafür der entscheidende Impuls. »Im deutschen Sprachgebiet entwickelten sich die Nachbildungen unter dem Einfluß der sieben Horen des Stundengebetes und der sieben Stationskirchen Roms vom bloßen Anfangsund Endpunkt (Haus des Pilatus und Golgota) zu den sieben Fällen und den sieben Gängen«.58 Die sieben Fälle markieren den Weg Jesu zum Kreuz und wurden für die Gläubigen nachvollziehbar schon im 15. Jahrhundert durch Kreuzwegstationen mit Bilddarstellungen markiert.59 Die Ausweitung der Kreuzwege und der Kreuzwegsandacht auf 14 Stationen ist eine jüngere, erst nachmittelalterliche Entwicklung. Auch die sieben Kreuzwegstationen bzw. sieben Fußfälle Jesu waren im Spätmittelalter jedoch nicht von vornherein gegeben. Vielmehr begnügte man sich zunächst mit zwei Stationen (Haus des Pilatus, Berg Golgatha) und legte Wert darauf, dass die Distanz der tatsächlichen Entfernung in Jerusalem entsprach.60 Nach diesem einfachen Modell scheint auch der Kreuzweg in Heide errichtet worden zu sein. Übrigens hat auch der Breslauer Bürger Peter Rindfleisch, der wie Scherer 1496 nach Jerusalem pilgerte, nach seiner Rückkehr vor dem Nikolaustor der Stadt Breslau drei Kreuze errichtet, die den Abstand zwischen dem Pilatushaus und dem Kalvarienberg markierten.61 Als ältestes Zeugnis für diese einfache Form des Kreuzweges mit Anfangsund Endstation sowie »wahrer Länge« wird der Kreuzweg in Lübeck in Anspruch genommen (Abb. 8).62 Er geht auf eine letztwillige Verfügung des Ratsherrn Heinrich Constin (gest. 1482) zurück, die erst 1493 umgesetzt wurde.63 Da heute nur noch die Anfangsstation an der Nordseite der St. Jakobikirche (eine Bildtafel mit der Inschrift »Hir beginnet de crucedracht Christi buten dem borchdare tho Jherusalem« und der Darstellung von Christus vor Pilatus, der sich die Hände wäscht)64 und die Endstation auf dem Jerusalemsberg vor dem Burgtor nördlich der Stadt erhalten sind, ist es wohl zu dem Missverständnis gekommen, der Lübecker Kreuzweg habe nur diese beiden Stationen gehabt. Tatsächlich führte der Kreuzweg aber zunächst von der Nordseite der Jakobikirche zum Kanzleigebäude des Rathauses, wo eine zweite Tafel angebracht war, die – abweichend von der Leidensgeschichte in den Evangelien – darstellte, wie Joseph (welcher?)65 das Kreuz Christi trägt. Von dort wurde wohl die »wahre Länge« des letzten Weges Jesu gemessen, der durch das Burgtor vor die Stadt führte, wo vier weitere Kreuzstationen passiert wurden. Unmittelbar vor dem Burgtor zeigte die vierte Kreuzwegstation, wie Simon von Cyrene Jesus das Kreuz tragen hilft. Die vierte bis sechste Kreuzwegstation zeigte, »wie der Heiland der Legende nach zum ersten, zweiten und 57 Einzelstudien werden im Folgenden genannt. Den jüngsten Überblick bietet Kammel 2018b. Für den mitteldeutschen Raum sei verwiesen auf Kühne 2014 und Kühne 2013. 58 Hollerweger/Rüdiger 1997, Sp. 466. 59 Zender 1964. 60 Kneller 1908, S. 56. 61 Kneller 1908, S. 57. – Kammel 2018b, S. 33. 62 Hollerweger/Rüdiger 1997, Sp. 467 mit der Angabe, der Lübecker Kreuzweg sei von 1468, was aber ebenso wenig zutrifft wie die Behauptung, es gäbe nur zwei Stationen. – Kammel 2018b, S. 32. 63 Baltzer et al. 1928, S. 623–627, mit quellenfundierter Darstellung. Die kleine Schrift von Bäumer/Schophuis 2008 bietet nichts Neues, enthält aber einige moderne Photographien der Kreuzwegreste. 64 Baltzer et al. 1928, S. 624. 65 Hier dürfte an Joseph von Arimathäa zu denken sein, denn er kommt in allen vier Evangelien als Mitglied des Hohen Rats in der Leidensgeschichte vor, weil er Jesus begraben hat.
64 | Nordelbingen 90 zu erklären sein, dass er an der dortigen Pfarrkirche bepfründet war. Angesichts der herausgehobenen Platzierung seines Gedenksteins liegt die Annahme nahe, er sei Pfarrer bzw. Pfarrstellvertreter in Weddingstedt gewesen. Allerdings kennen wir die Reihenfolge der Pfarrer nur ganz lückenhaft. Im hier interessierenden Zeitraum war Magister Heinrich Vasmer von 1508 bis ca. 1540 Inhaber der Pfarrei.94 Dieser war aber lediglich der Hamburger Domvikar, der die Pfarrstelle als Pfarrherr (»rector ecclesie«) nominell innehatte, sich vor Ort aber durch einen Vizepleban vertreten ließ.95 Diese Stellvertretungspraxis war nicht nur in Dithmarschen vor der Reformation die Regel.96 Deshalb ist es gut möglich, dass Martin Scherer in der Zeit um 1500 als Pfarrstellvertreter in Weddingstedt gewirkt und zu seinem Gedächtnis die Bildtafel über dem Kirchenportal anbringen ließ. Das gut überlieferte Beispiel des Vizeplebans Andreas Brus in Büsum zeigt, dass diese Pfarrstellvertreter als die eigentlichen Pfarrer vor Ort wahrgenommen und geschätzt wurden.97 Da in der Weddingstedter Kirche zudem zwei Vikariestiftungen bestanden,98 wäre es grundsätzlich auch möglich, dass Scherer eines dieser Benefizien innehatte, doch ist es wenig wahrscheinlich, dass einem einfachen Messpriester gestattet wurde, direkt über dem Kirchenportal einen Gedenkstein anzubringen. Erst Anton Vieth hat das Gedenkbild Martin Scherers in Weddingstedt in einen weitreichenden Sinnzusammenhang gestellt, indem er diesen mit der Heider Stiftung in Verbindung bringt: »Von dem Richt=Haus Pilati bis an den Berg Golgatha setzt er die Distantz von der Heyder=Kirche bis an die Weddingstedter Kirche, allwo er oben an der Thür ebenfalls einen ausgehauen Stein setzen lassen«.99 Aber dass der Kreuzweg die Kirchen in Heide und in Weddingstedt verbunden hätte, um damit ein Rundweg zu bilden, ist nicht mit der Darstellung von Neocorus, die Vieth offenbar missverstanden hat, in Deckung zu bringen und auch praktisch nicht nachvollziehbar.100 Die Entfernung beträgt 5 km, übersteigt also bei weitem alles, was als Distanz von anderen Kreuzwegen der Zeit bekannt ist. Anzumerken wäre auch, dass ein als Rundweg angelegter Kreuzweg ganz singulär wäre. Unzutreffend ist es zudem, im Zusammenhang der beiden Bilddarstellungen in Heide und Weddingstedt von »Kalvarienberg« zu sprechen, denn die dargestellte Auferstehung hat nichts mit dem Kalvarienberg als dem Ort er Kreuzigung zu tun.101 Ein Detail soll aber nicht unerwähnt bleiben: In der Weddingstedter Pfarrkirche gab es eine Vikarie Hl. Kreuz, nach dem Register der Hamburger Dompropstei von ca. 1540 »de presentatione laicorum«,102 aber es lässt sich nicht erweisen, dass dies eine Stiftung Martin Scherers gewesen wäre und sich das Präsentationsrecht der Vikarie in der Hand seiner Verwandtschaft befand. Ein Zusammenhang der Vikariestiftung mit dem 94 Lorenzen-Schmidt 2011, S. 261. 95 Siehe die Liste der Domherren und –vikare bei Lorenzen-Schmidt 2011, S. 156 (Hinricus Vasmari 1508–1544) und die Nennungen bei Jensen 1958a, S. 347 und S. 355. – Jensen 1958b, S. 13. – Vonderlage 1924 verzeichnet ihn nicht, nennt S. 127 aber Konrad Vaßmer 1484/86, der wohl ein Verwandter war. 96 Für Dithmarschen Bünz 2006c, S. 261–265. – Grundsätzlich Bünz 2023c. 97 Bünz 2005, S. 730–735. 98 Jensen 1934, S. 132. 99 Vieth 1733, S. 36. 100 Rolfs 1903, S. 303 verwirrt die Dinge, indem er meint, die Steine in Weddingstedt und Heide dienten dazu, »die Entfernung des Richthauses des Pilatus von dem Berge Golgatha anzugeben«, und die Kreuzkapelle in Heide habe den Zweck gehabt, »die Entfernung von Jerusalem bis zum heiligen Grabe anzudeuten«. So irrig auch Kneller 1908, S. 57 nach dem Kunstdenkmälerinventar von Haupt 1887, S. 78 (»ferner bezeichnete er die Entfernung von Heide wie von Golgatha zu Pilatus’ Haus durch den Stein an der Weddingstedter Kirche«), ähnlich Haupt 1926, S. 507. Dieser Ansicht folgen jüngst auch Kammel 2018b, S. 33, und ausführlicher Hansen 2018, hier bes. S. 91. 101 Kritisch schon Schlee 1930, S. 107. 102 Jensen 1934, S. 132.
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 65 Jerusalempilger ist schon deshalb nicht zwingend, weil das Hl. Kreuz-Patrozinium auch in anderen Dithmarscher Kirchen vorkam.103 In Heide hat sich allerdings noch ein weiteres Bildwerk erhalten, das mit der Stiftung Martin Scherers zusammenhängt. Es handelt sich um ein Eichenholzrelief im Format 148 x 89 cm (Abb. 12), das ikonographisch der allerdings künstlerisch sehr viel einfacheren Steintafel in Weddingstedt nahesteht.104 Das geschnitzte Relief ist in einen Holzrahmen eingefügt und weist im oberen Bereich gotisches Gesprenge und Gewölbeansätze auf, was für die gleichzeitige Entstehung von Gehäuse und Relief spricht. Das Bildprogramm erstreckt sich über drei Ebenen. Im Vordergrund dominiert die Auferstehung Christi. Die Darstellung des Auferstandenen mit der Rechten, die zum Segensgestus erhoben ist, dem Sarkophag unter seinen Füßen und den schlafenden Grabwächtern folgt vertrauten ikonographischen Mustern. Die Auferstehungsszene ähnelt der auf dem erwähnten Tympanon in Weddingstedt. Vom Betracher gesehen unten rechts kniet in Gebetshaltung eine Person, die durch das heute verlorene, auf dem Wappenschild aufgemalt gewesene Wappen sicher als Martin Scherer zu identifizieren ist ( Abb. 13 ). Im Hintergrund der Bildtafel sieht man die Silhouette der Stadt Jerusalem, aus deren Tor zwei kaum erkennbare Personen heraustreten. Der Weg führt zum Garten Gethsemane, der durch einen Flechtzaun abgegrenzt wird und in dem Jesus vor seiner Festnahme betet (Ölbergszene). Im Mittelfeld der Tafel sieht man ganz links unter einem Felsüberhang Christus, der sich Adam und Eva zuwendet (Limbusszene). Rechts sind die drei Marien auf dem Weg zum Grab Christi dargestellt. Das Holzrelief ist heute ungefasst, doch hat der Heider Küster, wie Ernst Schlee ermittelt hat, erst 1860 im Auftrag des Kirchenvorstands die Übermalung beseitigt.105 Dabei ging auch die geschnitzte Heraldik auf dem Wappenschild verloren, bis auf einen kleinen Rest, denn »der Bogen der Schafschere (ist) an der entsprechenden Stelle wie in Weddingstedt« erhalten,106 mit anderen Worten: auch dieses Wappen verweist auf den Stifter Martin Scherer! Die ikonographischen Parallelen zwischen dem Weddingstedter Bildstein und dem Heider Holzrelief können deshalb wenig überraschen, und Schlee meint sogar: »Die Übereinstimmung im Motivischen – ganz abgesehen von der Identität des Stifters – erlaubt es, für beide Reliefs denselben Meister anzunehmen«.107 Ob dieses qualitätvolle Holzrelief, »eines der ausgeprägtesten Zeugnisse spätmittelalterlicher Schnitzkunst an der Westküste Schleswig-Holsteins«,108 ehemals als Altartafel oder als Epitaph diente , ist nicht mehr festzustellen.109 Kopischke plädiert aufgrund einiger Detailbeobachtungen für ein Epitaph.110 Möglicherweise handelt es sich um das einzige erhaltene Ausstattungsstück der von 103 Laut Jensen 1934, S. 129–133 gab es Kreuzaltäre in Marne, Barlt, Meldorf, Büsum, Neuenkirchen und Albersdorf. Bei Haupt 1927, S. 316 erscheinen diese Belege nicht, da ihm diese Quelle unbekannt war. Verwiesen sei auch auf die Heilig-Kreuz-Kapelle in Windbergen, siehe oben Anm. 86. 104 Schlee 1930, S. 108–112 mit Abb. S. 110. – Kunst-Topographie 1969, S. 461 mit Abbildung. – Kopischke 1982, S. 361–364 mit ausführlicher Beschreibung. – Das Holzrelief befand sich lange Zeit in der Heider Friedhofskapelle (sog. Zütphenkapelle), wird nun aber in der St. Jürgenskirche verwahrt. – Bünz 2020a. 105 Schlee 1930, S. 108–109. – Hierzu auch Kopischke 1982, S. 360. 106 Schlee 1930, S. 109. 107 Schlee 1930, S. 110, mit ausführlicher Begründung der stilistischen Parallelen. 108 Kopischke 1982, S. 360. 109 Schlee 1930, S. 109. 110 Kopischke 1982, S. 360 und S. 364.
66 | Nordelbingen 90 Abb. 12: Relief des Auferstehenden, zu dessen Füßen rechts unten der Geistliche Martin Scherer in Gebetshaltung, Eichenholz, St. Jürgen in Heide. Foto: Hartmut Kühne.
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 67 Scherer gestifteten Heilig-Kreuz-Kapelle, die am Ende des Kreuzwegs stand und in der deshalb die Darstellung der Auferstehung durchaus folgerichtig gewesen wäre. Dem steht allerdings die Auffassung Kopischkes entgegen, es habe sich bei dem Holzrelief um das Epitaph Martin Scherers gehandelt. Die Diskussion dieses an der schleswig-holsteinischen Westküste außergewöhnlichen Kunstwerkes ist also noch nicht abgeschlossen.111 Wenn man von der Epitaphfunktion des Reliefs ausgeht, dürfte es bald nach dem Tod Scherers (1515) geschaffen worden sein. Trotz einer insgesamt recht dürftigen Überlieferung hat es sich gelohnt, dem Leben des Geistlichen Martin Scherer und seinen Stiftungen nachzugehen, die in zwei erhaltenen Kunstwerken bis heute noch greifbar sind. Über den Lebensweg Martin Scherers ist nur wenig bekannt. Er war als Geistlicher sicherlich in Heide bepfründet, das auch als sein Heimatort anzusehen ist, er dürfte aber auch mit der Pfarrkirche in Weddingstedt verbunden gewesen sein. Sein dortiges Stifterbild über dem Kirchenportal spricht dafür, dass er dort als Pfarrstellvertreter (Vizepleban) gewirkt hat. 1496 unternahm Scherer eine Pilgerfahrt nach Jerusalem, die tiefe Eindrücke bei ihm hinterlassen haben muss, denn danach stiftete er in Heide einen Kreuzweg, der von der St. Jürgenskapelle im Ort bis zu einer von ihm errichteten Heilig-Kreuz-Kapelle östlich von Heide führte. Diese Stiftung entspricht der auf Christus zentrierten Frömmigkeit des ausgehenden Mittelalters. Zwar ist nicht bekannt, wann genau Scherer den Heider Kreuzweg errichten ließ, doch dürfte er durch den 1493 in Lübeck erbauten Kreuzweg angeregt worden sein. Die Stiftung Scherers zeigt, dass zeitgenössische Frömmigkeitsimpulse auch in Dithmarschen aufgegriffen wurden und zur Stiftung eines Kreuzwegs in Heide führte. Sowohl das 111 Die Bearbeitung des Corpus der mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei 2009–2019 wird nicht fortgesetzt und deshalb Dithmarschen nicht mehr erfasst. Abb. 13: Martin Scherer in Gebetshaltung mit Wappenschild. Ausschnitt aus dem Relief des Auferstehenden in St. Jürgen zu Heide. Foto: Hartmut Kühne.
68 | Nordelbingen 90 steinerne Stifterbild in Weddingstedt als auch die hölzerne Bildtafel in Heide zeigen den Auferstandenen, der von Martin Scherer – auf beiden Tafeln kniend als Orant dargestellt – demütig verehrt wird. 1515 ist der fromme Mann gestorben und in der St. Jürgenskapelle in Heide beigesetzt worden. Martin Scherer griff mit seiner Kreuzwegstiftung innovative Tendenzen der Frömmigkeit im Jahrhundert vor der Reformation auf, die bis heute viel zu wenig bekannt sind. Einzelstudien wie die vorliegende tragen dazu bei, die Neuansätze des Glaubenslebens um 1500 besser zu verstehen. Die Frömmigkeit des ausgehenden Mittelalters war auf Christus ausgerichtet, dessen Leiden und Erlösungswerk den Gläubigen durch eine Vielzahl von Bildwerken nachvollziehbar vor Augen geführt wurde. Diesem Zweck diente auch die Errichtung von Kreuzwegen, die nördlich der Elbe durch die Zeugnisse in Lübeck und in Heide anschaulich dokumentiert ist. Ungeachtet einer reichen und vielfältigen Forschung zur Christentumsgeschichte der Vorreformation werden immer wieder Stereotypen von einer bloß leistungsorientierten, oberflächlichen und veräußerlichten Frömmigkeit bemüht, um die praxis pietatis des ausgehenden Mittelalters zu beschreiben und von der Reformation abzugrenzen. Die innovativen Züge der Frömmigkeit um 1500 liegen aber auch darin, dass die Gläubigen durch Kreuzwege und andere Bildwerke dazu angeleitet wurden, die Passion Christi nachzuvollziehen, zu begreifen und zu verinnerlichen. Dies war eine Glaubenshaltung, die von der Reformation nicht überwunden, sondern aufgegriffen und weiter entfaltet wurde. Abstract This essay deals with a little-known phenomenon in the history of the church and piety in Dithmarschen and places it in the dynamic of praxis pietatis in the century before the Reformation. The focus is on the market town of Heide, which became the political centre of the peasant republic of Dithmarschen in the second half of the 15th century. There, the clergyman Martin Scherer, who had undertaken a pilgrimage to Jerusalem in 1496, founded a Way of the Cross that led from St Jürgen’s Church in Heide to a chapel to the east of the town. Although nothing has survived of this foundation of the Way of the Cross, the few sources available allow us to categorise the foundation. It was probably directly modelled on the Way of the Cross which was erected in Lübeck at the end of the 1480s and of which several Stations of the Cross have survived. The early Stations of the Cross, which were established in German-speaking countries in the second half of the 15th century, initially comprised only two stations. However, following the example of the Seven Falls of Jesus on the way to the cross, Stations of the Cross with seven stations were also erected, such as in Lübeck, Nuremberg or Bamberg, which made the Passion of Christ comprehensible with their pictorial programme. This concrete vividness was further enhanced by the fact that the Stations of the Cross were measured by their founders according to the distance of Jesus’ Way of Sorrows in Jerusalem, as is also documented for Heide. Martin Scherer will have walked the Via dolorosa in Jerusalem, and so he was later able to base his Way of the Cross in Heide on an authentic, if not necessarily precise, measurement. Scherer is one of the few clergymen of the late Middle Ages in Dithmarschen of whom one can form a picture. A stone relief on the church in Weddingstedt and a wooden relief in St Jürgen’s Chapel in Heide show the clergyman, who died in 1515, kneeling in prayer before the resurrection of Christ. At least the high-quality carving in Heide, perhaps commissioned as an epitaph, could be connected to the Stations of the Cross in Heide donated by Scherer.
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72 | Nordelbingen 90 und Topographien des Leidens Christi in Mittelalter und Früher Neuzeit, hg. v. Hans Aurenhammer und Daniela Bohde (Vestigia Bibliae 32–33), Bern u. a. 2015, S. 83–116. Stolz, Georg: Art. ›Kreuzwegstationen‹, in: Stadtlexikon Nürnberg, hg. v. Michael Diefenbacher und Rudolf Endres in Zusammenarbeit mit Ruth Bach-Damaskinos u. a., Nürnberg 1999, S. 588. Stoob, Heinz: Hansehaupt und Bauernstaat. Dithmarschen und Lübeck im Mittelalter, in: Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde 38 (1958), S. 5–24. Techen, Friedrich: Urkundenbuch der Stadt Lübeck. Wortund Sachregister zu Band 1–11 (1139 - 1470), Lübeck 1932. Thiessen, Wilhelm: Wappen und Siegel aus Dithmarschen, Heide 1964. Vieth, Anton: Beschreibung und Geschichte des Landes Dithmarschen, oder Geographische, Politische und Historische Nachricht vom bemeldten Lande, Hamburg 1733. Vonderlage, Bernhard: Das hamburgische Domkapitel in seiner persönlichen Zusammensetzung bis zur Einführung der Reformation, Phil. Diss. (masch.), Hamburg 1924. Wegmann, Susanne: Der Kreuzweg von Adam Kraft in Nürnberg. Ein Abbild Jerusalems in der Heimat, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 84 (1997), S. 93–118. Wolpert, Wolfgang: Fünfhundert Jahre Kreuzweg in Ediger an der Mosel. Inquisitor Heinrich Institoris als Initiator, in: Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein-MoselSaar, hg. v. Elisabeth Biesel, Gunther Franz und Franz Irsigler (Trierer Hexenprozesse. Quellen und Darstellungen 1), Trier 1995, S. 19–34. Zender, Matthias: Spätmittelalterliche Frömmigkeit und Volksbrauch. Das Beten der sieben Fußfälle im Rheinland, in: Festschrift Josef Quint, hg. v. Hugo Moser, Rudolf Schützeichel und Karl Stackmann, Bonn 1964, S. 291–303, wieder abgedruckt in: Ders.: Gestalt und Wandel. Aufsätze zur rheinisch-westfälischen Volkskunde und Kulturraumforschung, hg. v. H. L. Cox und G. Wiegelmann, Bonn 1977, S. 247–257. Zittlau, Reiner: Heiliggrabkapelle und Kreuzweg. Eine Bauaufgabe in Nürnberg um 1500 (Nürnberger Werkstüc ke zur Stadtund Landesgeschichte 49), Nürnberg 1992. Autor Prof. Dr. Enno Bünz Inhaber des Lehrstuhls für Sächsische und Vergleichende Landesgeschichte an der Universität Leipzig, im Nebenamt Direktor des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde in Dresden. Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind die Mittelalterliche Geschichte, die Reformationsgeschichte und die Vergleichende Landesgeschichte. Einen Schwerpunkt bilden dabei die Kirchenund Frömmigkeitsgeschichte des späten Mittelalters. Der Verfasser bereitet u. a. eine Christentumsgeschichte Dithmarschens vom 8. bis 16. Jahrhundert vor. E-Mail: [email protected] Open Access Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons. org/licenses/by-sa/4.0 . Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Artikels von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.
| 73 PAUL NAWROCKI Das Christkind und der Kaiser Überlegungen zum Bordesholmer Altar Das meistbeachtete mittelalterliche Retabel in Schleswig-Holstein ist ganz sicher das des Bordesholmer Altars von Hans Brüggemann, das sich seit 1666 im Schleswiger Dom befindet. Schon im 19. Jahrhundert fand es reiche kunsthistorische Beachtung. Nach der Monografie von Ingeborg Kähler 1981 sind neben einzelnen Aufsätzen vor allem ein von Uwe Albrecht, Hartmut Krohm und Gerhard Kaldewei 1996 anlässlich einer Ausstellung in der Kieler Landesbibliothek konzipierter Tagungsband zu nennen sowie die einschlägige Brüggemann-Monografie von Jan Friedrich Richter aus dem Jahre 2011.1 Zuletzt bot das 500-jährige Bestehen des Altarretabels 2021 den Anlass für eine Tagung und den anschließenden Tagungsband.2 Das Retabel bietet also immer noch Stoff für weitere Forschung. Zwei Probleme sollen hier einmal etwas genauer untersucht werden: die Bestückung des Tabernakels in der Predella und die Identifizierung der beiden großen Figuren, die den Altar auf Säulen begleiten (und derzeit links von ihm aufgestellt sind). Das Altartabernakel Während die bisherige Forschung sich darin einig war, dass das Tabernakel in der Predella ein Sakramentsschrein ist, welcher der Aufbewahrung der Eucharistie – wahrscheinlich in Gestalt einer Monstranz mit der geweihten Hostie – dienen sollte ( Abb. 1 ), hat jüngst der Theologe Thomas Sternberg eine völlig neue These aufgestellt, nach der sich dort von Anfang an die Christkindfigur befunden habe, die noch heute dort aufgestellt ist.3 Er sieht in dem vorspringenden, vergitterten Tabernakel deshalb keinen Sakramentsschrein zur Aufbewahrung der Hostie, sondern eher einen Reliquienschrein für das Bildwerk, obwohl diesem gar kein Reliquiencharakter zukommt. Er erwägt sogar, das Tabernakel könne eigens für die Christkindfigur geschaffen worden sein; diese soll die wichtige, sonst auf dem Retabel aber fehlende 1 Kähler 1981. – Albrecht et al. 1996. – Richter 2011. 2 Auge et al. 2023. – Vgl. dazu auch die Rezension in diesem Band. 3 Sternberg 2023. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2941-3362/p13
80 | Nordelbingen 90 Abb. 4: Augustus und die Sibylle in einem Heilsspiegel, um 1400. Aus: Appuhn 1981, S. 23. Abb. 5: Augustus und die Sibylle an einem Heilsspiegel, um 1460. Aus: Sternberg 2023, S. 139. ← Abb. 6: Rogier van der Weyen, linker Flügel des BladelinTriptychons aus Middelburg, 1445–1448. Gemäldegalerie Berlin. ↑ Abb. 7: Henrik Douverman: Augustus und die Sibylle am Siebenschmerzen-Marien-Altar, 1518–1522. Aus: Nawrocki 2017, S. 10.
P. Nawrocki: Das Christkind und der Kaiser | 81 den.33 Ingeborg Kähler fand, die Salomonversion würde »grundsätzlich in das Gesamtkonzept der Altarikonographie durchaus hineinpassen«, blieb aber doch angesichts der »Bildtradition« bei der Augustusversion.34 1996 griff Kerstin Krupcke die Salomonversion wieder auf.35 Sie wies auf die Ungereimtheiten der Augustusversion hin, auch auf die mächtige Turbankrone, die doch eher zu einem orientalischen Herrscher passe. Vor allem bezog sie die Literatur zur mittelalterlichen Kreuzholzlegende und besonders die Sibyllenweissagungen mit ein, die Aussagen zum gesamten mittelalterlichen Weltverständnis enthalten:36 zur Schöpfungsgeschichte, zur Passion Christi, zum Heiligen Römischen Reich und ausdrücklich auch zum Jüngsten Gericht. Dass auch der Niedergang des Judentums prophezeit wird, erklärt nach Krupcke die passive Haltung des Mannes, in dem sie König Salomon sieht, der – im Gegensatz zu Augustus – »den kommenden Christus nicht als Höherstehenden anerkennt«.37 Dies künstlerisch auszudrücken, ist natürlich schwieriger als die Vision des Augustus darzustellen. Immerhin erscheinen beide Szenen in der Schedelschen Weltchronik (1493): die Vision des Augustus, verbunden mit dem Bericht der Legenda Aurea (Abb. 9), und die »Sibilla saba«, die »Salomon Rex« besucht (Abb. 10). Die Königin von Saba wird dort als Prophetin bezeichnet, die wegen ihrer Weissagung »vom Holtz des heiligen Kreutzes und von zerstörung der Juden« eine Sibilla genannt wird . Es fällt auf, dass Sternberg auf diese Überlegungen überhaupt nicht eingeht, sondern »für die alte, geläufige Interpretation als Augustus und Sibylla Tiburtina« eintritt.38 Aus den zahlreichen Darstellungen der Ara-Coeli-Szene, die sich seit dem 14. Jahrhundert verfolgen lassen, schließt er, sie sei um 1500 »literarisch und bildnerisch so allgemein bekannt und vertraut, dass ein gebildeter Be33 Fuglsang/Erhardt 1959, S. 9–10. 34 Kähler 1981, S. 87. 35 Krupcke 1996 mit Hinweisen auf Mante 1931 und Neske 1985. 36 Vgl. die Zusammenfassung bei Neske 1985, S. 3–4. 37 Krupcke 1996, S. 194. 38 Sternberg 2023, S. 138. Abb. 8: Lettnerbogen in der Pfarrkirche von Siersdorf, um 1520–1530. Aus: Richter 2011, S. 29.
82 | Nordelbingen 90 trachter vor 500 Jahren diese Szene sofort als Weissagung der Geburt Jesu an Augustus durch die Sibylle identifiziert hat. Eine andere Deutung hätte eines Titels oder deutlicher Hinweise bedurft«.39 Einmal abgesehen davon, dass Brüggemann nirgends verdeutlichende Titel verwendet hat, fragt es sich aber, ob der »gebildete Betrachter« auch beim Anblick des Bordesholmer Retabels und seiner beiden Nebenfiguren sofort zu dieser Identifikation kommen konnte. Tatsächlich sprechen gerade die erwähnten Darstellungen, die Sternbergs These stützen sollen, gegen eine Identifizierung der Säulenfiguren mit der Ara-Coeli-Szene. Bei diesen Darstellungen ist der Bezug zwischen den drei Personen immer deutlich sichtbar: Die Sibylle steht entweder vor dem thronenden Augustus und weist auf die Madonnenvision (Abb. 4 und 5), oder sie steht hinter dem betend knienden Kaiser, der inzwischen seine Krone abgelegt hat, und schaut mit ihm gemeinsam dorthin (Abb. 6 und 7). 39 Sternberg 2023, S. 140. Abb. 9: Augustus (Octavian) und die Sibylle aus der Schedelschen Weltchronik, 1493, mit dem Bericht aus der Legenda Aurea. Aus: Füssel 2018, Blatt 93v. Abb. 10: ›Salomon Rex‹ und ›Sibilla saba‹ aus der Schedelschen Weltchronik, 1493. Aus: Füssel 2018, Blatt 46v.
P. Nawrocki: Das Christkind und der Kaiser | 83 Auch wo die Figuren auf verschiedenen Seiten stehen, wie im Falle des Siersdorfer Lettnerbogens (Abb. 8), ist die Gemeinsamkeit des Visionserlebnisses deutlich erkennbar.40 Beim Bordesholmer Altar ist all dies nicht der Fall. »Augustus« (Abb. 3) wirkt passiv. Er zeigt nicht die Ergriffenheit, die auf den erwähnten Darstellungen durchaus erkennbar ist. Er blickt gar nicht zur Madonna, er kniet nicht betend nieder, und natürlich legt er seine große Turbankrone auch nicht ab.41 Vor allem: Die beiden Säulenfiguren lassen nicht den unmittelbaren Zusammenhang mit der Strahlenmadonna erkennen, zumal sie ursprünglich in einiger Entfernung aufgestellt waren42 und die Madonna bei geschlossenem Retabel gar nicht zu sehen war. Letzteres war für Jan Friedrich Richter ein Argument für die Annahme, die männliche Säulenfigur sei als König Salomon zu deuten.43 Sternberg sieht hier ebenfalls »ein gewichtiges Argument«,44 mit dem er sich aber gar nicht auseinandersetzt. Erst die Übernahme der Augustuslegende gibt Sternberg die Möglichkeit, den Kaiser als vorbildlichen Herrscher und Friedensfürsten herauszustellen, in dem sich Herzog Friedrich »gespiegelt sehen wollte«:45 Wie jener habe er einen Altar errichtet und wie er (der Garant der pax romana) habe er Friedenswahrung betrieben.46 Zwar passt die Erinnerung an den römischen Friedenskaiser gut zum Geist der Renaissance, und es lassen sich durchaus einschlägige Quellen dazu anführen,47 doch dürfte es keine zeitgenössischen Quellen geben, die Sternbergs Hypothese über Friedrichs Selbsteinschätzung bestätigen können. Sieht man in den beiden Säulenfiguren den jüdischen König Salomon und die prophezeiende Sibylle, dann ändert sich ihre Perspektive. Sie bezieht sich nicht mehr auf ein bestimmtes Ereignis, etwa die Erscheinung der Strahlenmadonna oder eine fragwürdige Christkindfigur, sondern auf die Gesamtheit der christlichen Heilsgeschichte, von der jedoch das Retabel nur die Passionszeit zeigt. Es handelt sich hier aber um einen Flügelaltar, was erstaunlicherweise bei den bisherigen Erörterungen kaum eine Rolle spielte. Schon für die bestehenden Flügelrückseiten muss ein Gemäldeprogramm existiert haben, und auch die beiden zusätzlichen Flügel, die heute im nördlichen Dom-Nebenchor stehen, können nicht ohne die Absicht einer Bemalung entstanden sein. Über die vorgesehenen Fassungen wissen wir nichts, und es lässt sich trefflich darüber spekulieren. Ist es aber zu gewagt, eine Bebilderung anzunehmen, die gerade die angeblich fehlende Inkarnation, die Geschichte um die Geburt Christi, zeigen sollte? Neben der geschnitzten Passionsund Osteransicht hätte es eine gemalte Weihnachtsansicht gegeben. Ein zusätzliches »Christkind« im Tabernakel hätte keinen Sinn. 40 Vgl. die Abbildungen bei Richter (2011, Abb. 8, 10, 11), Nawrocki (2017, Abb. 2–4), Sternberg (2023, Abb. 3–6) und Karrenbrock (2023, Abb. 5, 6, 8, 9). 41 Diese Krone, die durch ihre aus dem Turban herausragenden Spitzen an die Strahlenkronen spätantiker Kaiser erinnert, könnte für die Augustusversion sprechen, weil auf einer frühen Darstellung der Ara-Coeli-Szene (Abb. 4) Augustus eine solche Krone trägt. Aber sie erscheint auch auf einer Grafik von Altdorfer (1519), die König Salomons Götzendiens (1.Kön. 11, 1-12) zeigt (vgl. Nawrocki 2017, Abb. 7), und Kähler (1981, S. 86) vermutete darin eine »wertfreie Kennzeichnung des Heidentums«. 42 So nach Abb. 13, die höchstwahrscheinlich auch den einstigen Verhältnissen in Bordesholm entspricht. 43 Richter 2011, S. 27. Später (Richter 2019) ist nur noch von Salomon die Rede. 44 Sternberg 2023, S. 141. 45 Sternberg 2023, S. 141 u. 147. 46 Sternberg (2023, S. 140–141) erinnert an seine Neutralitätspolitik Dänemark gegenüber und bezeichnet ihn gar als »neuen Friedenskaiser« (S. 147). Vgl. dagegen Richter (2011, S. 26), der mit Bezug auf dänische Untersuchungen Friedrichs machtpolitisches Kalkül betont. 47 Vgl. etwa Kähler 1981, S. 86–87.
84 | Nordelbingen 90 Zur Position der Säulenfiguren Die älteste bekannte Abbildung des Schleswiger Domchores (1819, Abb. 13) zeigt die beiden Säulenfiguren, dem Altar in relativ großem Abstand zugewandt und allseitig recht gut zu sehen, vor den östlichen Abschlusswangen des Chorgestühls, und dem entsprach wahrscheinlich auch ihre einstige Position in Bordesholm. Ihre immer wieder erwähnten »vertauschten Positionen« kamen zustande, als man sie nach dem Abbruch des Schleswiger Lettners (1847) zur frontalen Ansicht neben den Altar stellte. Die nötige Drehung bewirkte, dass die Sibylle nun vom Altar weg in den Chor zeigte (Abb. 3 und 12 ).48 Wenn neuerdings vermutet oder gar behauptet wird, die Säulenfiguren hätten in Bordesholm circa zwanzig Meter vor dem Altar, d. h. vor dem Chorzugang gestanden,49 so ließe sich das noch mit der Salomonversion vereinbaren, aber kaum schlüssig begründen. Es widerspricht vor allem dem Coronaeus-Bericht von 1637. Danach sollen die Figuren ein von Brüggemann »konterfeites« Ehepaar darstellen, das den Altar besichtigte; die Frau soll ihrem Mann dabei »mit ihren Fingern« 48 Die Säulenfiguren wurden im Rahmen der großem Domrestaurierung 2018–21 entfernt, stehen links neben dem Altar und sind noch nicht wieder auf ihren Säulen aufgestellt. 49 Nawrocki 2018, S. 126, besonders, aber ohne Begründung: Richter 2019, S. 36–37. Abb. 11: Die Strahlenmadonna. Aus: Auge et al. 2023, Tafel 2.
P. Nawrocki: Das Christkind und der Kaiser | 85 Abb. 12: Der Bordesholmer Altar mit den Säulenfiguren vor 2021. Aus: Kähler 1981, Umschlagsbild.
86 | Nordelbingen 90 die Bilder gezeigt haben.50 Coronaeus hätte dies sicher nicht schreiben können, wenn die Figuren tatsächlich zwanzig Meter entfernt gestanden hätten. Auf dem Bild von 1819 weist die Frau aber gar nicht auf den Altar, sondern auf den Mann, und es stellt sich daher die Frage, ob den beiden Handwerkern, die 1666 mit dem Transport und Aufbau des Altares in Schleswig betraut waren, nicht tatsächlich eine Verwechslung unterlaufen ist. Die Sybillensäule links vom Retabel aufzustellen, dürfte dem Coronaeus-Bericht wohl am besten entsprechen. 50 Vgl. Albrecht 1996, S. 27 (Faksimile) und Richter 2011, S. 120. Dass es sich nach Coronaeus um König Christian II. und seine Frau Isabella, die Schwester Kaiser Karls V., gehandelt haben soll, wurde schon von August Sach (1895, S. 55–57) und neuerdings von Richter (2011, S. 26) widerlegt und berührt nicht unsere Problematik. Dagegen ist es bemerkenswert, dass in der lateinischen Fassung (Westphalen 1740, Sp. 598) nicht von »Fingern«, sondern nur von einem Finger die Rede ist (»figuras digito commonstrante«), vielleicht ein Hinweis darauf, dass Sauermanns Restaurierung 1883/84 mit ihrem deutlichen Fingergestus korrekt war. Abb. 13: Blick in den Schleswiger Domchor 1819, nach einem verschollenen Gemälde von Jes Bundsen. Aus: Richter 2011, S. 31.
P. Nawrocki: Das Christkind und der Kaiser | 87 Insgesamt zeigt sich, dass zentrale Aspekte des Bordesholmer Altares noch nicht abschließend geklärt sind. Wissenschaft lebt von Thesen und deren Diskussion, auch von gegenteiligen Argumenten. Dessen sollte man sich immer bewusst sein, wenn auf einem dünnen Quellenbefund und gerade bei exzeptionellen Werken wie diesem Retabel Lösungen vorgeschlagen werden. Die Forschung ist also nicht abgeschlossen und geht immer weiter. Abstract In his essay The Christ Child of Bordesholm, Thomas Sternberg argues that the Christ Child figure, which is located in the tabernacle of the Bordesholm Predella, was originally placed there as a symbol of the depiction of the incarnation of Christ that is otherwise missing on the reredos. This interpretation should be rejected as evidenced by the importance of the Feast of Corpus Christi in Bordesholm and the numerous late medieval sacrament cabinets. The production of Christ figures was popular and widespread around 1500. However, there is no evidence of their placement in sacramental tabernacles. In his interpretation of the two column figures that accompany the altar, Thomas Sternberg refers to the hypothesis that this is the famous scene from The Golden Legend, in which the Tiburtine Sibyl announced the birth of Christ to the Emporer Augustus. This is intended to justify the otherwise unsubstantiated assumption that Augustus, as Prince of Peace and altar founder, had an exemplary effect on Fredrick. Recent research rejects the Augustus version for good reasons. Sternberg does not acknowledge the more comprehensive interpretation that the prophesying Sibyl wants to bring the Christian worldview closer to King Solomon . Literatur Albrecht, Uwe: Hans Brüggemann – ein Hofkünstler? Fragen zur Biographie des Meisters des Bordesholmer Retabels, in: Albrecht et al. 1996, Berlin 1996, S. 23–30. Albrecht, Uwe/Kaldewei, Gerhard/Krohm, Hartmut/Lemaitre, Uta/Lins, Ursula (Hg.): Der Bordesholmer Altar des Hans Brüggemann. Werk und Wirkung, Berlin 1996. Appuhn, Horst: Heilsspiegel. Die Bilder des mittelalterlichen Erbauungsbuches »Speculum humanae salvationis«, Dortmund 1981. Appuhn, Horst: Der Bordesholmer Altar und die anderen Werke von Hans Brüggemann, Königstein 21987 [1983]. Auge, Oliver/Hillebrand, Katja (Hg.): Klosterbuch Schleswig-Holstein und Hamburg, 2 Bde., Regensburg 2019. Auge, Oliver/Köster, Constanze/Kuhl, Uta/Sadowsky, Thorsten (Hg): Der Bordesholmer Altar des Hans Brüggemann. Tagungsband zur interdisziplinären Tagung zum 500-jährigen Bestehen des Bordesholmer Altarretabels von Hans Brüggemann, 23. bis 25. September 2021, Schloss Gottorf und St. Petri-Dom zu Schleswig. Petersberg 2023. Benz, Richard (Übers.): Die Legenda aurea des Jacobus de Voragine, Darmstadt 121997 [1917/1921]. Braun, Joseph: Der christliche Altar in seiner geschichtlichen Entwicklung, Bd. 2, München 1924. Browe, Peter: Die Verehrung der Eucharistie im Mittelalter, Freiburg 1967. Bünz, Enno: Das Augustinerchorherrenstift in Bordesholm und die Windesheimer Reform, in: Auge et al. 2023, S. 32–45. Ellger, Dietrich: Die Kunstdenkmäler der Stadt Schleswig, Bd. 2: Der Dom und der ehemalige Dombezirk, München/ Berlin 1966. Evers, Luca: »Nam et nos corpus ipsius facti sumus« – Die Predella des Bordesholmer Retabels und die zeitgenössische Sakramentenlehre, in: Auge et al. 2023, S. 105–119. Fuchs, Guido: Fronleichnam – Ein Fest in Bewegung, Regensburg 2006. Fuglsang, Fritz/Ehrhardt, Alfred: Der Bordesholmeer Altar des Hans Brüggemann, Schleswig/Preetz 1959.
88 | Nordelbingen 90 Füssel, Stephan (Hg.): Hartmann Schedel, Weltchronik 1493, Köln 2018. Habenicht, Georg: Der Bordesholmer Altar als Investitionsruine, in: Auge et al. 2023, S. 166–187. Kähler, Ingeborg: Der Bordesholmer Altar – Zeichen einer Krise, Kiel 1981. Karrenbrock, Reinhard: Hans Brüggemann und die Niederrheinlande, in: Auge et al. 2023, S. 151–165. Krupcke, Kerstin: Augustus oder Salomon? Zu den Säulenfiguren vor dem Bordesholmer Retabel, in: Albrecht et al. 1996, S. 191–196. Mante, Axel: Die mittelalterlichen Versionen der Sibyllenweissagung, Lund 1931. Meyer, Wilhelm W.: Die ältesten Bewunderer des Brüggemann’schen Altares, in: Schleswiger Nachrichten 7.2.1933. Meyer, Wihelm. W.: Die Nebenfiguren des Brüggemannschen Altares, in: Schleswiger Nachrichten 7.12.1949. Müller, Andreas: Die Augustinische Theologie und das Bordesholmer Altarretabel, in: Auge et al. 2023, S. 82–103. Nawrocki, Paul: Rätselhafte Säulenfiguren. Die Nebenfiguren des Bordesholmer Altars im Urteil der Zeiten, in: Nordelbingen 86 (2017), S. 7–20. Nawrocki, Paul: Die rätselhaften Nebenfiguren des Bordesholmer Altares. Eine Nachlese, in: Beiträge zur Schleswiger Stadtgeschichte 63 (2018), S. 119–131. Neske, Ingeborg: die spätmittelalterliche deutsche Sibyllenweissagung, Göppingen 1985. Nußbaum, Otto: Die Aufbewahrung der Eucharistie, Bonn 1979. Richter, Jan Friedrich: Hans Brüggemann, Berlin 2011. Richter, Jan Friedrich: Der Bordesholmer Altar (1521) und die anderen Werke von Hans Brüggemann, Königstein 2019. Sach, August: Hans Brüggemann und seine Werke. Ein Beitrag zur Kunstgeschichte Schleswig-Holsteins, Schleswig ²1895. Sternberg, Thomas: Das Christkind von Bordesholm, in: Auge et al. 2023, S. 134–149. van Bühren, Ralf: Kirchenbau in Renaissance und Barock. Liturgiereformen und ihre Folgen für Raumordnung, liturgische Disposition und Bildausstattung nach dem Trienter Konzil, in: Operation am lebenden Objekt, Roms Liturgiereformen von Trient bis zum Vaticanum II, hg. v. Stefan Heid, Berlin 2014, S. 93–119. Westphalen, Ernst Joachim von: Monumenta Inedita Rerum Germanicarum Prӕcipue Cimbricarum et Megapolensium, Bd. 2., Leipzig 1740. Autor Dr. Paul Nawrocki Langjähriger Oberstudienrat (Geschichte und Geographie) an der Domschule in Schleswig. Nach der Pensionierung Studium der Kunstgeschichte und Promotion an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Publikationen besonders zur mittelalterlichen Architekturgeschichte Dänemarks und Schleswig-Holsteins. E-Mail: [email protected] Open Access Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons. org/licenses/by-sa/4.0 . Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Artikels von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.
| 89 ANNA JOLLY Fürstliche Geschenke Persische Seidengewebe aus Schloss Gottorf In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges bemühte sich Herzog Friedrich III. von Schleswig-HolsteinGottorf (reg. 1616–1659) um die Aufnahme von Handelsbeziehungen zwischen seinem Herzogtum und dem Reich der Safawiden-Dynastie, welches damals etwas größer als der heutige Iran war. Im Jahr 1635 rekrutierte Friedrich III. eine Delegation von 94 Männern für eine Gesandtschaft an den Hof des persischen Schahs Ṣafī I. (reg. 1629–1642) in Isfahan.1 Sie sollten zwischen Schleswig-Holstein und Persien ein Handelsabkommen für den Import iranischer Rohseide – Hauptexportgut des persischen Reiches – via Russland und die Ostsee nach Nordeuropa vereinbaren. Im Gegenzug bot Herzog Friedrich III. dem Schah ein Bündnis gegen das Osmanische Reich an, mit dem Iran seit dem 16. Jahrhundert in kriegerischen Auseinandersetzungen um die Kontrolle der Gebiete an der gemeinsamen Grenze stand. Eine vorangegangene Delegation an den russischen Hof hatte mit Zar Michail Fjodorowitsch (reg. 1613–1645) bereits ein Abkommen über eine zehnjährige Zollbefreiung des Transithandels durch russisches Gebiet und entlang der Wolga gegen eine jährliche Gebühr vereinbart. Die daran anschließende Gesandtschaft nach Isfahan wurde vom Diplomaten Philipp Crusius (1597–1676) und dem Hamburger Kaufmann Otto Brüggemann (1600–1640) geleitet. Der Universalgelehrte Adam Olearius (1599–1671) begleitete die Delegation als Berater und Sekretär und verfasste später einen ausführlichen Bericht über ihre abenteuerliche Reise.2 Weitere Delegierte kamen aus verschiedenen nordeuropäischen Gebieten. Sie reisten per Schiff von Travemünde über die Ostsee nach Narva, von dort auf dem Landweg nach Moskau, dann wieder mit dem Schiff die Wolga hinauf und über das Kaspische Meer nach Derbent und von dort auf dem Landweg über Qazvin und Kashan nach Isfahan, wo sie schließlich am 3. August 1637 ankamen. Die Reise dauerte fast zwei Jahre. Während ihres fünfmonatigen Aufenthalts am persischen Hof gelang es den Gesandten jedoch nicht, eine Einigung mit dem Schah zu erzielen. So mussten sie im Dezember 1637 wieder abreisen, ohne ihre Mission erfüllt zu haben. 1 Zur Geschichte der schleswig-holsteinischen Gesandtschaft nach Isfahan vgl. Lohmeier 1971, S. 9–28. – Matthee 1999, S. 141–142. – Kuhl 2017, S. 14–16. – Khodaee 2017. 2 Vgl. Olearius 1647. – Olearius 1656. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2941-3362/p14
96 | Nordelbingen 90 Kombination der anderen Farben variiert von einem zum nächsten Streifen. Dadurch unterscheiden sich die Farben des ansonsten in gleicher Form wiederholten Pflanzenmotivs innerhalb der Breite der Gewebebahn. Während die Farben der hellblauen, himmelblauen, grünen und gelben Florkettfäden noch frisch erscheinen, sind die ehemals rosafarbenen und orangefarbenen Florkettfäden zu einem cremebzw. beigefarbenen Ton verblasst. Ihre ursprünglichen Farben sind in den von den Fransen bedeckten Randpartien noch zu erkennen. Beide Bezüge sind ringsherum mit gewebten Fransenborten aus farbigen Seidenund vergoldeten Metallfäden verziert (Abb. 6).23 Zwei kleinere Teilstücke des gleichen Samtgewebes haben sich in Kopenhagen an zwei langen Lambrequins einer ehemaligen Bettdekoration erhalten ( Abb. 7a – b ).24 Die Farben des Samtflors sind dort jedoch stärker verblasst als in den in Schleswig erhaltenen Teilstücken des gleichen Gewebes. 23 Die gewebten Fransenborten, welche an den Stuhlbezügen im Museum in Schloss Gottorf (Inv. Nr. 1924/4–5 u. Inv. Nr. 1924/6–7) sowie an den in der Royal Danish Collection in Kopenhagen bewahrten Lambrequins (Inv. Nr. 31 Rulle 3 h, i) angebracht sind, bestehen aus farbigen Seidenund vergoldeten Metallfäden, die als Kettund Schussfäden verarbeitet sind. Sie passen farblich perfekt zu den sie schmückenden Samtgeweben und dürften daher gezielt für diese Verwendung ausgewählt, wenn nicht gar eigens dafür hergestellt worden sein. 24 Kopenhagen, Royal Danish Collection, Inv. Nr. 31 Rulle 3 h, i; vgl. Bier 1995, S. 51–53, S. 83, Tab. VII. Abb. 5: Musterrapport des Samtgewebes vom Sitzbezug Inv. Nr. 1924/7. Ausschnitt aus Abb. 4a. Abb. 6: Fransenborte am Sitzbezug Inv. Nr. 1924/7. Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Schleswig. Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Foto: Anna Jolly, 2023.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 97 Auf der Unterseite des mit blauem Leinenstoff gefütterten Sitzbezugs ist ein schmaler Papierzettel angebracht, auf dem in Tinte »Hertzog Christians Gemach« notiert ist (Abb. 8). Diese Beschriftung erlaubt es, den vormals mit diesem Gewebe bezogenen Stuhl im Inventar der Mobilien aus dem Jahr 1695 in Herzog Christians Schlafkammer zu lokalisieren.25 Dort sind zwei Lehnund zwei Tafelstühle »mit persianischen Zeugen überzügen daran Gold und seidene Fräntzen« erwähnt.26 In den früheren Inventaren von 1663 und 1666 werden in diesem Schlafgemach noch keine Stühle erwähnt, stattdessen wurden dort damals Bettvorhänge, ein Betthimmel, eine Bettdecke sowie mehrere Tischdecken aus persischen Stoffen verzeichnet (siehe oben, S. 92).27 Das zweite Paar der im Museum für Kunst und Kulturgeschichte auf Schloss Gottorf erhaltenen Stuhlbezüge ist aus einem mehrfarbigen Samtgewebe gearbeitet, dessen Muster grüne Zypressen an einem kleinen Teich und umgeben von bunten Blütenranken zeigt (Abb. 9a, 9b und Abb. 10a, 10b).28 Auch dieses Samtgewebe weist einen seidenen Flor und feine Metallstreifen im Grund auf, mit dem Unterschied, dass die eingewebten Metalllahne in diesem Fall silberfarben sind (siehe die Gewebeanalyse im Anhang 2). Wie im oben beschriebenen Samtgewebe wurden auch hier die Florkettfäden auf dem Webstuhl in dreifarbigen vertikalen Streifen angeordnet. Die Gewebebreite und die Musterkomposition mit jeweils höhenversetzt wiederholten Motiven entsprechen ebenfalls dem Samtgewebe des anderen Stuhlbezugs, und der webtechnische Musterrapport erscheint auch hier drei Mal innerhalb der Gewebebreite. Der Sitzbezug ist mit einem blassrosafarbenen Leinenstoff gefüttert. Der Überzug der Rückenlehne ist hingegen aus zwei zusammengesetzten Abschnitten eines gemusterten Seidengewebes mit kleinen Tierund Blumenmotiven gearbeitet ( Abb. 11 ). Die Rückenlehne und die ausgesparten Ecken des Sitzbezugs sind auf der Vorderseite mit gewebten Fransenborten aus gelben und weißen Seidenfäden verziert ( Abb. 12 ). Leider ist auf der Rückseite des Sitzbezugs kein Hinweis auf seinen ehemaligen 25 Mogens Bencard vermutete bereits diesen Zusammenhang; vgl. Bencard 1995, S. 67, 69, u. S. 75, Anm. 28. 26 LASH, Abt. 7, Nr. 196, unter Nr. 9. 27 LASH, Abt. 7, Nr. 194 u. Nr. 195, jeweils unter Nr. 7. 28 Die auf den Fotos der Vorderseite des Sitzbezugs sichtbaren horizontalen schwarzen Linien sind oberflächliche Verschmutzungen. ↑ Abb. 7a: Lambrequin einer ehemaligen Bettdekoration (Ausschnitt), Schleswig, um 1640. Oberstoff: Gemustertes Samtgewebe, Iran, erstes Drittel 17. Jahrhundert. Kopenhagen, The Royal Danish Collection, Schloss Rosenborg, Inv. Nr. 31 Rulle 3 h. Foto: The Royal Danish Collection, Berit Møller. ← Abb. 7b: Samtgewebe am rechten Rand des Lambrequins, Ausschnitt aus Abb. 7a. The Royal Danish Collection, Schloss Rosenborg, Inv. Nr. 31 Rulle 3 h. Foto: The Royal Danish Collection, Berit Møller.
98 | Nordelbingen 90 Abb. 8: Aufgeklebter Papierzettel auf dem Leinenfutter des Sitzbezugs Inv. Nr. 1924/7 in Abb. 4b. Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Schleswig. Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Foto: Anna Jolly, 2023. Abb. 9 a–b: Bezug der Rückenlehne eines Stuhls, Schleswig, um 1640, 38 x 68 cm. Oberstoff aus gemustertem Samtgewebe, Futterstoff aus gemustertem Taftgewebe, Iran, erstes Drittel 17. Jahrhundert. Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Schleswig. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Inv. Nr. 1924/4, Vorderund Rückseite. Foto: Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf. Abb. 10 a–b: Sitzbezug eines Stuhls, Schleswig, um 1640, 58 x 75 cm. Oberstoff aus gemustertem Samtgewebe, Iran, erstes Drittel 17. Jahrhundert. Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Schleswig. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Inv. Nr. 1924/5: Vorderund Rückseite. Foto: Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 99 Standort im Schloss erhalten. Das Inventar der Mobilien von 1695 verzeichnet jedoch in der sogenannten »Braut oder Königs Cammer« zwei Stühle mit »doppelten Überzügen von grünen Persianischen Zeug, mit Silbern Grundt«.29 Im Inventar von 1666 werden in der »Schlaffcammer nebst dem Königl. Gemach« zudem »6 Stühle von Gold und Silbern Stück, mit weisem Grund« verzeichnet.30 Vielleicht stammt das noch erhaltene Paar Stuhlbezüge also aus einem dieser Gemächer. Das als Königliches Gemach bezeichnete Zimmer zählte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ebenfalls zu den Gäste-Appartements im zweiten Obergeschoss.31 Von dem Samtgewebe mit versetzt angeordneten Zypressen und ehemals silbernem Grund ist in Dänemark kein weiteres Teilstück erhalten. Auch in anderen Sammlungen konnte bisher kein identisches Gewebe identifiziert werden. Das Muster ähnelt jedoch jenem eines von Samtbordüren gerahmten Behangs, der sich heute in der Rüstkammer des Kreml Museums in Moskau befindet.32 Das Motiv der Zypresse an einem Teich wird dort durch einen ähnlichen Blütenstrauch gerahmt und durch einzelne Vögel und chinesische Wolkenmotive ergänzt. Aufgrund der nahezu identischen webtechnischen und materiellen Eigenschaften der beiden im späten 17. Jahrhundert zu Stuhlbezügen verarbeiteten Seidensamte ist anzunehmen, dass sie in derselben Gegend, eventuell sogar in derselben Manufaktur entstanden sind. Ihre Gewebemuster ent sprechen dem Stil persischer Seidensamte des frühen 17. Jahrhunderts. Die sich durch eine komplexe Webstruktur u nd kostbare Materialien auszeichnenden Luxusgewebe könnten im Auftrag des persischen Schahs in einer höfischen oder vom Hof beauftragten Manufaktur hergestellt worden sein. Sie gehörten vermutlich zu den in der Flugschrift von 1639 an erster und zweiter Stelle genannten »güldenen und silbernen Stücken«.33 29 LASH, Abt. 7, Nr. 196, unter Nr. 50. 30 LASH, Abt. 7, Nr. 195, unter Nr. 3. 31 Vgl. Wiesinger 2015, S. 114. 32 Moskau, Kreml, Rüstkammer; vgl. Pope/Ackerman 1938–39, Bd. 5, S. 2106 u. Bd. 7, Taf. 1057. – Vishnevskaya 2007, S. 32–33, Kat. Nr. 5. 33 Relation 1639, S. 5. Abb. 11: Gemustertes Seidengewebe, Iran, erstes Drittel 17. Jahrhundert, Ausschnitt aus Abb. 9b. Abb. 12: Fransenborte am Sitzbezug Inv. Nr. 1924/5. Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Schleswig. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Foto: Anna Jolly, 2023.
100 | Nordelbingen 90 Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gelangten die samtenen Stuhlbezüge nach Schloss Glücksburg. Das dänische Königshaus nutzte das damals in seinem Besitz stehende Schloss als Sommerresidenz. Friedrich VII. Karl Christian, König von Dänemark und Herzog von Holstein (reg. 1848– 1863), ließ in den 1850er Jahren zahlreiche kostbare Möbelstücke und Dekorationen aus Schloss Gottorf nach Glücksburg transferieren. Ein im Jahr 1857 durch den Schlosskastellan Speerschneider erstelltes Verzeichnis über die auf dem Schlosse Glücksburg befindlichen von Gottorf erhaltenen Inventarien Gegenstände vermerkt zahlreiche Textilien, darunter etliche Stuhlbezüge, zum Beispiel »6 Stuhlbezüge von bunt geblümtem Plüsch« und »4 Stuhlsitz & 4 Rücklehn-Überzüge, weiß Atlaß mit Sammetblumen« sowie »4 d’ [dito] & 4 d’ [dito] Überzüge, weißer Seide mit Tannenbäumen«.34 Möglicherweise waren dem Kastellan Zypressen nicht bekannt, so dass er die Motive als Tannenbäume bezeichnete. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befanden sich die aus Schloss Gottorf stammenden Stuhlbezüge noch im Besitz der herzoglichen Linie Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Im Jahr 1924 gelangten zwei der Stuhlbezüge im Auftrag Herzog Friedrich Ferdinands von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg (1891–1965) zunächst als Leihgaben an das Schleswig-Holsteinische Landesmuseum; später wurden sie dem Museum als Geschenke überlassen.35 In einem späteren Inventar der persischen Stoffe in Schloss Glücksburg aus dem Jahr 1976 werden insgesamt drei zweiteilige Stuhlbezüge, jeweils bestehend aus einem Bezug für die Rückenlehne und den Sitz, aus »Samtbrokat mit Lebensbaum- (Zypressen) motiv grün, gelb, braun auf hellem Untergrund mit Fransenbesatz« aufgeführt.36 Dasselbe Inventar enthält auch eine Beschreibung von drei einzelnen Bezügen (eine Rückenlehne und zwei Sitze). Die Rücklehne bestand aus: »Samtbrokat mit Blumenmotiven und Ranken grün, gelb, hellblau auf ockerfarbenem Untergrund, Fransenbesatz. Der Bezug ist mit blauem Stoff in Leinenbindung gefüttert. Rückseite des Bezugs der Rückenlehn hellgelbe Seide«.37 Zu einem der beiden Sitzbezüge vermerkt das Inventar, dass sich darauf ein »auf die Rückseite aufgeklebter weißer Zettel […] Cammer« befand.38 Die Aufschrift des Zettels wurde nicht vollständig transkribiert, doch die Identifikation mit dem heute im Museum in Schloss Gottorf bewahrten Stuhlbezug mit dem rückseitig angebrachten Verweis auf seine Herkunft aus »Hertzog Christians Schlaf Cammer« (siehe Abb. 8) scheint eindeutig. Diese beiden Stuhlbezüge befanden sich gemäß einer Notiz am Schluss des Inventars von 1976 damals bereits als Leihgaben im schleswig-holsteinischen Landesmuseum auf Schloss Gottorf.39 34 Schloss Glücksburg, Archiv, Akte 331: Nr. 14/1a, 1b: »Verzeichnis über die auf dem Schlosse Glücksburg befindlichen von Gottorf erhaltenen Inventarien Gegenstände«, s. unter ›M. Decken, Umhänge‹. Ich bin der Stiftung Schloss Glücksburg und ihrer Archivarin Daniela Kohagen sehr dankbar, dass ich die in ihrem Besitz stehenden Archivalien im Sommer 2023 einsehen durfte. 35 Schleswig, Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf, Inv. Nrn. 1924/4–5 u. 1924/6–7. 36 Schloss Glücksburg, Archiv, Akte 356: Nr. 14, 14d: Inventar: Persische Stoffe, S. 4–5, Nr. 6 a–f. 37 Schloss Glücksburg, Archiv, Akte 356: Nr. 14, 14d: Inventar: Persische Stoffe, S. 4, Nr. 5 a. 38 Schloss Glücksburg, Archiv, Akte 356: Nr. 14, 14d: Inventar: Persische Stoffe, S. 4, Nr. 5 c. 39 Schloss Glücksburg, Archiv, Akte 356: Nr. 14, 14d: Inventar: Persische Stoffe, S. 6. Der Verbleib der anderen im Inventar von 1976 aufgelisteten Stoffbahnen und Stuhlbezüge aus persischen Seidengeweben konnte im Rahmen dieser Studie nicht geklärt werden.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 101 Ein persisches Seidengewebe mit figürlichem Muster Ein weiteres heute im Museum für Kunst und Kulturgeschichte auf Schloss Gottorf bewahrtes persisches Seidengewebe ( Abb. 13 ) dürfte ebenfalls im Jahr 1639 nach Schleswig-Holstein gekommen sein, wenngleich sein Weg dorthin weniger gut dokumentiert ist. Später gelangte das Seidengewebe in das nordwestlich von Hamburg gelegene Kloster Uetersen. Dieses im 13. Jahrhundert gegründete Zisterzienserinnenkloster wurde während der Reformation durch die Schleswig-Holsteinische Ritterschaft in ein Adeliges Damenstift umgewandelt. Mitte der 1920er Jahre benötigte das Kloster Geld für eine Gebäudesanierung und beschloss deshalb, einzelne seiner Kunstobjekte zu verkaufen.40 Das damals bereits aus mehreren Abschnitten zu einer annähernd quadratischen Decke zusammengesetzte Seidengewebe wurde 1925–26 zusammen mit weiteren Kunstwerken an das Thaulow-Museum in Kiel verkauft.41 Die Bestände des Thaulow-Museums, das nach seinen Anfängen als Museum des Kieler Kunstsammlers Gustav Ferdinand Thaulow von 1920 bis 1944 als erstes Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum diente, wurden 1928/29 in einem Aufsatz von Museumsdirektor Ernst Sauermann vorgestellt, darunter auch das persische Seidengewebe aus dem Kloster Uetersen.42 Die während des Zweiten Weltkriegs ausgelagerten Bestände des Thaulow-Museums wurden nach dem Krieg in das neu eingerichtete Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte auf Schloss Gottorf überführt, wo sich das persische Seidengewebe bis heute befindet.43 Wenige Jahre nach dem Erwerb des Textils lieh das Museum es bereits an eine große internationale Ausstellung persischer Kunst in London aus.44 Die Ausstellung fand 1931 in der Royal Academy of Arts unter dem Patronat König Georgs V. von England und Reza Schah Pahlavi von Iran statt. Sie war durch den amerikanischen Iranforscher Arthur Upham Pope als umfassender Überblick über das persische Kunstschaffen vom Achämeniden-Reich des späten 6. Jahrhunderts vor Christus bis ins 19. Jahrhundert nach Christus konzipiert worden und zeigte über 2.000 Leihgaben von Kunstwerken aus Museen und Privatsammlungen aus mehr als 20 Ländern.45 Arthur Upham Pope und seine Ehefrau Phyllis Ackerman nahmen das Gottorfer Seidengewebe anschließend mit einer Schwarz-Weiß-Abbildung auch in ihr mehrbändiges Standardwerk zur persischen Kunst A Survey of Persian Art from Prehistoric Times to the Present auf.46 In den folgenden Jahrzehnten wurde das Textil in verschiedenen Ausstellungen gezeigt und in den sie begleitenden Katalogen kommentiert, wobei die Bedeutung seiner figürlichen Darstellung jedoch lange Zeit unerkannt blieb.47 Die Textilhistorikerin Mary Anderson McWilliams entschlüsselte erstmals die Ikonographie des Gewebemusters.48 40 Vgl. Lühning 2003, S. 28–29. Für den Hinweis auf diese Publikation danke ich Frau Elsa Plath-Langheinrich, Kloster Uetersen, sehr herzlich. 41 Vgl. Lühning 2003, S. 28–31. 42 Vgl. Sauermann 1928/29, S. 42, Kat. Nr. 61, S. 105 (Abb.). 43 Schleswig, Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf, Inv. Nr. 1925/161. 44 Vgl. Kat. London 1931, S. 222, Kat. Nr. 395. Auf der Rückseite des oben rechts eingesetzten Gewebefragments (siehe unten, S. 104) ist eine aufgeklebte Papieretikette der Londoner Ausstellung von 1931 erhalten. 45 Vgl. Arnold T. Wilson, ›Introductory Note‹ und ›Index of Lenders‹, in: Kat. London 1931, S. XI–XV und S. 341–346. 46 Vgl. Pope/Ackerman 1938–39, Bd. 5, S. 2079 u. Bd. 7, Taf. 1009. Diese umfangreiche Publikation hätte ursprünglich zur Ausstellung in London 1931 erscheinen sollen. 47 Vgl. Kat. Paris 1961/62, Kat. Nr. 1126. – Kat. Essen 1962, Kat. Nr. 607. – Spielmann/Drees 1997, Bd. 3, S. 290, Kat. Nr. 133. In dem von Ernst Sauermann herausgegebenen Überblick zu den Beständen des Thaulow-Museums wird das Muster als »Märchendarstellung« bezeichnet; vgl. Sauermann 1928/29, S. 42, Kat. Nr. 61. 48 Vgl. McWilliams 1987, S. 6 u. 8 (Abb.).
102 | Nordelbingen 90 In einem 1987 erschienenen Aufsatz reihte sie das Gewebe in eine Gruppe safawidischer Lampasgewebe des 16. Jahrhunderts ein und brachte ihre Darstellungen mit den von Schah Thamasp I. (reg. 1524–1576) geführten Feldzügen gegen Georgien in Verbindung. In Unkenntnis des damaligen Aufbewahrungsortes des Originals reproduzierte McWilliams in ihrem Aufsatz die zuvor von Arthur Upham Pope und Phyllis Ackerman publizierte Schwarz-Weiß-Abbildung. Die Safawiden fielen zwischen 1540 und 1553 in die georgischen Königreiche Kachetien und Kartlien ein und nahmen dort mehrere tausend Gefangene. Bei den Überfällen auf die kartlischen Städte Tiflis und Gori im Jahr 1553 wurden besonders viele Personen gefangen genommen, darunter auch adlige Familien mit Frauen und Kindern. Die christlichen Einwohner Georgiens wurden von den safawidischen Invasoren als sündige Ungläubige betrachtet und deshalb in einem als Abb. 13: Decke aus einem Seidengewebe, 138 x 135 cm, Lampasgewebe: Iran, 16. Jahrhundert. Stiftung SchleswigHolsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Schleswig. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Inv. Nr. 1925/161. Foto: Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 103 heilig propagierten Krieg getötet oder in den Iran deportiert.49 Persische Manufakturen stellten in der Folgezeit Seidengewebe her, deren Muster safawidische Soldaten mit georgischen Gefangenen zeigen. Sie waren dazu bestimmt, die Legende von der Überlegenheit des Persischen Reichs gegenüber anderen Völkern zu verbreiten. In ihrer Funktion als Gewandoder Dekorationsstoffe verliehen solche Luxusgewebe den darin eingewebten Darstellungen eine größere Sichtbarkeit als Werke anderer Kunstgattungen wie zum Beispiel höfische Malereien, die nur einem kleinen Kreis privilegierter Personen zugänglich waren.50 Gemäß der von Mary McWilliams vorgebrachten Interpretation zeigt die Darstellung des in Schloss Gottorf erhaltenen Seidengewebes eine Szene mit zwei gefangenen georgischen Damen, die von einem Soldaten vor einen am Boden sitzenden safawidischen Prinzen geführt werden. Die Begegnung findet in einem Garten mit Bäumen und Fischteichen statt. Die reichen goldfarbenen Gewänder und die langen Ohrbehänge der Gefangenen lassen sie als Damen der Oberschicht erkennen; ihre charakteristischen Kopfbedeckungen weisen sie als Georgierinnen aus (Abb. 14). An je einem ihrer hinter dem Rücken verschränkten Arme ist eine dünne Schnur befestigt, an der sie von dem Soldaten geführt werden. Die webtechnische Struktur des Seidengewebes mit einem durch die Hauptkette und den Grundschuss gebildeten Atlasgrund und darüber liegenden Musterschüssen, die durch eine separate Bindekette abgebunden werden, entspricht den sogenannten Lampasgeweben. Ungewöhnlich ist die symmetrische Musterkomposition mit einem webtechnischen Rapport, der entlang einer vertikalen Mittelachse gespiegelt ist (Abb. 15). Die meisten persischen Lampasgewebe weisen asymmetrische Muster mit einem ein oder zwei Mal in der Breite der Gewebebahn wiederholten Musterrapport auf. Die Struktur des durch seine vielen verschiedenfarbigen Musterschüsse recht dicken und robusten Seidenstoffes ist hingegen typisch für safawidische Lampasgewebe des späten 16. Jahrhunderts (siehe die Gewebeanalyse im Anhang 2). Neben den lancierten, das heißt von einer Webkante zur anderen verlaufenden, farbigen Seidenfäden enthält das Gewebe zusätzlich broschierte, das heißt nur stellenweise eingetragene, vergoldete Metallfäden. Letztere wurden zum Beispiel in den Gewändern der Damen sowie in den Pfauen und den Fischen im Teich eingesetzt. Mit diesen materialtechnischen Eigenschaften gleicht es einem weiteren Lampasgewebe, das 1639 nach Schleswig-Holstein kam, später jedoch von den Dänen nach Kopenhagen gebracht wurde und 49 Vgl. McWilliams 1987, S. 13–14. 50 Vgl. McWilliams 1987, S. 15. Abb. 14: Detail der an Schnüren geführten Frauenfiguren des Lampasgewebes Inv. Nr. 1925/161, Ausschnitt aus Abb. 13.
104 | Nordelbingen 90 heute zur Sammlung der Dänischen Krone zählt ( Abb. 16 ).51 Die beiden Gewebe sind in ihrer webtechnischen Struktur identisch, sie unterscheiden sich lediglich in der Farbe der Seidenfäden, die für die Hauptkette und den Grundschuss verwendet wurden. Im Schleswiger Gewebe sind sie beide grün und in dem in Kopenhagen bewahrten Gewebe beide schwarz. Ursprünglich dürfte es sich bei dem heute in Form einer Decke in Schleswig erhaltenen Textil um eine mindestens drei Meter lange Gewebebahn gehandelt haben. Später wurde die Gewebebahn zu einer Decke verarbeitet; dazu wurde sie horizontal in zwei Teile zerschnitten und die Webkanten wurden entfernt. Eine der Hälften wurde dann noch einmal längs durch die Mitte zerschnitten und die daraus resultierenden Streifen links und rechts an die in der Mitte platzierte komplette Gewebebahn angesetzt. Dabei wurden die einzelnen Abschnitte entlang ihrer seitlichen Kanten auf versetzter Höhe so aneinandergefügt, dass die Figuren entlang der Nähte nicht gespiegelt direkt nebeneinanderstehen. Das Gewebemuster setzt sich so scheinbar nahtlos über die Breite der Decke fort. Die obere linke und rechte Ecke der Decke wurden in einer Rundung ausgeschnitten, möglicherweise um ihre Form dem Möbelstück, auf dem sie zu liegen kam – denkbar wäre ein Bett mit Pfosten am Kopfende – anzupassen. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden die Fehlstellen in den oberen Ecken mit kleinen Abschnitten des gleichen Stoffes wieder geschlossen, wobei die Fragmente in diesem Fall ohne Rücksicht auf die Richtung des Gewebemusters eingesetzt wurden. Sämtliche heutigen Nähte der Decke wurden mit einer Nähmaschine, also frühestens im 19. Jahrhundert, ausgeführt. Lampasgewebe mit figürlichen Darstellungen und farbigem Atlasgrund wurden im persischen Reich überwiegend im 16. Jahrhundert hergestellt. In späteren Jahrhunderten wurden andere Web51 Kopenhagen, Royal Danish Collection, Inv. Nr. 31 Rulle 3 n, o (2 Gewebebahnen); vgl. Boisen 1971, S. 129, Abb. 5. – Jensen 1987, Abb. 31, S. 112, Kat. Nr. 233. Abb. 15: Musterrapport des Lampasgewebes Inv. Nr. 1925/161, Ausschnitt aus Abb. 13.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 105 strukturen – insbesondere sogenannte Schuss-Kompositbindungen – bevorzugt. Das Lampasgewebe mit grünem Atlasgrund und einer Darstellung von georgischen Gefangenen wie auch das webtechnisch identische, heute in Dänemark bewahrte Lampasgewebe mit schwarzem Atlasgrund (Abb. 16) dürften demgemäß bereits im späten 16. Jahrhundert und damit einige Jahrzehnte vor der Reise der persischen Gesandtschaft nach Schleswig hergestellt worden sein. Es mag zunächst verwundern, dass zu den Geschenken der persischen Gesandtschaft auch solche Seidengewebe zählten, die damals bereits mindestens 40 Jahre alt waren. Denkbar ist, dass Schah Ṣafī I. von der Größe der nach Isfahan gereisten schleswig-holsteinischen Gesandtschaft und deren ehrgeizigen – wenngleich letztlich unerreichten – Zielen, beeindruckt war. Vermutlich konnte er die geopolitische Bedeutung des schleswig-holsteinischen Hofs nicht recht einschätzen. Der persischen Tradition folgend, gab er seinen auf einen Gegenbesuch nach Schleswig geschickten Gesandten daher möglichst viele kostbare Geschenke mit. Gemusterte Seidengewebe zählten damals zu den wertvollsten Produkten, die im Iran hergestellt wurden. Doch ihre Herstellung nahm mehrere Monate in Anspruch. Daher musste Schah Ṣafī I. offensichtlich auch auf die in seiner fürstlichen Schatzkammer aus der Zeit seines Vorgängers Schah Abbās I. (reg. 1587–1629) erhaltenen Luxusgewebe zurückgreifen. Unter Schah Abbās I. entstanden im Auftrag des fürstlichen Hofs besonders aufwendig gemusterte und mit kostbaren Materialien gewebte Seidenstoffe. Dazu zählten neben Samtgeweben mit Goldund Silbergrund auch figürliche Lampasgewebe. Der ursprüngliche Empfänger und die frühere Verwendung des Seidengewebes sind nicht belegt. Mit seinem glatten Atlasgrund könnte es zu jenen dem Herzog geschenkten Gewebebahnen gehört haben, die im Bericht der ›Neuen Zeitung‹ von 1639 als »gläntzend Seidenzeug, dem Atlas gleich« bzw. als »allerhand Farben mit sonderlichem Muster Seidenzeug sehr gläntzend« beschrieAbb. 16: Lampasgewebe mit schwarzem Atlasgrund und figürlichem Muster, 267 x 72 cm, Iran, 16. Jahrhundert, Ausschnitt. The Royal Danish Collection, Schloss Rosenborg, Inv. Nr. 31 Rulle 3 n. Foto: The Royal Danish Collection, Berit Møller.
112 | Nordelbingen 90 stiegen, ward Er alsbald durch den Herrn Marschalck auff den Fürstlichen Saal geführet,80 da ihme dann Ihre Fürstl. Gn. neben dem Hertzog Albrecht von Sachsen Lauenburg81 sehr freundlich empfangen haben. Nach gehaltener Audientz, und wie der Legatus sein Gewerbe abgelegt welches sich mit den Ceremonien wol über ein Stund verzogen, ist Er zur öffentlichen Tafel begleitet, da Er dann sich zimlich lustig und frölich so wol in Geberden als Gespräch bezeuget, welches doch alles durch einen Interpreten oder Dolmetscher [S. 4] geschehen müssen: Derowegen dann I. Fürstl. Gn. einen Griechen, so mit ihnen Persianisch und Türckisch reden kunte, bey sich stehend hatten: Ingleichem hatte der Persianisch Gesandter auch einen Dolmetscher bei sich, der auff Teutsch reden und alles auslegen kunte, was die eigentliche Meinung der Discursen. Es wurden die Zeit über in 30 Gesundtheiten getruncken, und dann allemal ein Schuß aus den Canonen gethan. Der Gesandte aber tranck weder den Spanischen noch Rheinischen Wein, entschuldigte sich höflich, wie ihme der Spanische gar zu süß, und der Rheinische wegen des Magens nicht wol bekäme, weil sie auch ohne das keinen Wein in Persien ihres Gesetzes halber trincken, als ward ihm ein ander Geträncke von Rheinischen Brandwein mit Muscaten, Ingwer und Zucker, abgezogener köstlicher Extract gemachet, daß Er wol ein halb Stübichen82 davon die Zeit über genossen, bis gegen 5 Uhr, da Er alsdann seinen Abschied genommen, Ist wider von obgedachten Fürstl. Personen bis an die Thür der Stiegen über den Saal begleitet worden, in die Kutsche gesessen, und haben ihn die von der Ritterschafft bis in sein Losament wider begleitet, daß alles sehr frölich anzusehen gewesen. Den 12. Augusti ward der Russische Gesandte von Ih. Fürstl. Gn. auch zur Audientz gebeten welcher zwar eben auff dieselbe Art, wie der Persianische gen Hof auffgeholet ward, aber wolte sich in keiner andern Gelegenheit sehen lassen, sondern ritte auff seinem eigenen Schimmel und wol ausgeputzten Türckischen Roß, führete zugleich mit die Praesenten vor seine eigene Person, und ließ einen grossen Brieff an I. F. Gn. voran tragen, und ward dabei geführet ein schön Russisch Pferd, mit einer stattlichen Decke, wie dann auch der Zeug mit dem Zaum und Hauptgestelle, mit seinen subtilen Golde gar artlich beschlagen war, ließ daneben einen grossen Köcher voller schöner Pfeilen mit einem starcken wolgemachten Bogen nachtragen.83 Item 2 Zimmer köstliche Zobeln und andere Rariteten des Orts. Nach gehaltener Audientz ward Er auch zur Fürstl. Tafel geführet, da dann ebenmässig viel Gesundheiten getruncken, und allemal die Canonen zimlich stark geladen und gelöset wurden, deme mit Trincken sehr viel zugesetzet ward: Wie Er sich nun zimlich Truncken befand, und Abschied von I. F. Gn. nemen wollte, ward ihme ein sehr köstlicher Wagen mit sechs Pferden, und dabei ein schönes muthiges Fürstlich Pferd vorgezogen, drauff Er saß, aber weil Er des Türckischen abgerichteten Pferdes Gemüt, und dessen, wie es nach dieser Art abgerichtet war, nicht gewohnet, begunte Er das Pferd zu Pickieren, und in deme ers nach seiner Art zu hart angriffe, stürtzete das Pferd mit ihme über einen Hauffen auff das Pflaster, Wie ihme nun das Pferd auff dem lincken Schenckel lage, und eine starcke Stimme von sich gab, lieffen die Adelspersonen 80 Da sich keine Grundrisse des Gottorfer Schlosses aus dem 17. Jahrhundert erhalten haben (vgl. Wiesinger 2015, S. 113), konnte nicht abschließend geklärt werden, über welchen Treppenturm der persische Gesandte geführt wurde und in welchem Saal die Audienz stattfand. Es ist jedoch möglich, dass die Audienz im damals ›Grüner Saal‹ oder ›Kirchsaal‹ und heute ›Hirschsaal‹ genannten Saal stattfand. Dieser war nach dem Tanzsaal der zweitgrößte Saal des Schlosses; vgl. Wiesinger 2015, S. 125–126. Hier empfing Herzog Friedrich III. im Jahr 1654 auch eine schwedische Gesandtschaft; vgl. Olearius 1663, S. 311. Für diese Hinweise danke ich Anja Wiesinger sehr herzlich. 81 Gemeint ist hier vermutlich Herzog August von Sachsen-Lauenburg (1577–1656), Ehemann von Elisabeth Sophie (1599– 1627), Schwester Herzogs Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf, und damit ein Schwager des Herzogs. 82 Altes deutsches Hohlmaß für Flüssigkeiten; vgl. Grimm 1854–1960, Bd. 20, Sp. 155. In Hamburg enthielt ein Stübchen 360 cl; vgl. Chelius 1830, S. 178. 83 Bei dem russischen Gesandten handelte es sich um Aleksey Savvich Romanchukov; vgl. Shorokhov et al. 2018.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 113 alsbald Hauffenweis zu, grieffen das Pferd an, und rücktens ihm vom Leibe, daß Er wider auff die Bein kam, nichts weniger, erhub Er sich wider auffs Roß gegen der vom Adel Willen, und tummelte damit den Hof hinunter über die lange Brücke bis in sein Losament, dahin ihn auch der gantz Fürstliche Comitat mit guter Sorgfalt begleiteten: Ward auch des folgenden Tags fleissig besuchet, und geschahe ihm viel gute Auffwartunge. [S. 5] Den 14. Augusti hat der Persianische Gesandte zur Oblation seiner Praesenten, so Er bei sich hatte, gegen I. F. Gn. sich erbotten, dazu Er 306 Personen dieselbe ordentlich zu tragen begehret, wie dann hiezu die Bürger aus Schleswig auffgeboten und gebraucht worden, daß es darogestalt nacheinander praesentiret und getragen ist:84 Erstlichen 9 schöne Persianische und Türckische Pferde, darunter 2 Braune, die andern meist grau gesprinckelt, gleichsam als Silberfarb, alle mit sonderlichem Tafft, theils mit Silber gestickten Decken überhenget, darunter ein Fuchs, so dem Türckischen Kayser im Streit abgenommen, und also über die Massen schnell im Lauffen sein solle, daß einer einen Hasen damit erjagen, und zugleich mit erstechen oder todtschlagen kann, wie auch unter diesen Pferden etliche sein sollen, davon der Schecke über 1000 Ducaten werth: jedes Pferd ward von 2 Personen geführet. 89 Starcke güldene und silberne Stücke Lacken.85 18 Sonderliche Dito kleiner Stücke, davon jedes seine eigene Farbe und Blumen. 3 Über die Massen herrliche Tischteppichte, an welchen jeden 2 Personen trugen. 39 Stücke von allerhand Farben Seidenzeug, fast gleich als Taffet.86 28 Stück allerhand Farben gläntzend Seidenzeug, dem Atlas gleich.87 47 Stücke allerhand Farben mit sonderlichem Muster Seidenzeug sehr gläntzend. 16 Stücke weiß Seiden Flor klar wie Schiertuch.88 9 Stück breit Cathun subtil Leinwand.89 19 Schöne allerhand Farben Persianische Bogen. 84 Die hier aufgeführte Liste der persischen Geschenke ist wesentlich detaillierter als jene, die Olearius in seinem Reisebericht von 1647 bzw. 1656 sowie in seiner Chronik von 1663 aufführte; vgl. Olearius 1647, S. 539. – Olearius 1656, S. 763. – Olearius 1663, S. 251. Alle diese Berichte stimmen jedoch in der genannten Anzahl von 306 bzw. 300 Schleswiger Bürgern überein, die zur feierlichen Präsentation der Geschenke aufgeboten wurden. Besonders eindrücklich ist die Liste der bei dieser Zeremonie überreichten kostbaren Textilien, die Dutzende Gewebebahnen von seidenen Samtgeweben sowie etliche Gewebebahnen glatter Seidengewebe umfasst. 85 Bei den an erster Stelle genannten goldenen und silbernen Geweben handelt es sich vermutlich um die zum Teil in Kopenhagen erhaltenen Samtgewebe mit lancierten und broschierten Metallfäden im Grund (siehe oben, S. 93-94). Sie zählen zu den kostbarsten Textilien, die im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert in Persien hergestellt wurden. Der Begriff ›Stück‹ bezeichnet eine Gewebebahn. Olearius berichtet, dass die Weber in Kashan, das für die Herstellung reicher Samtgewebe bekannt war, »güldene Stücke« in Längen von bis zu zehn oder zwölf Ellen (ca. 6–7 Meter) webten; vgl. Olearius 1656, S. 601. 86 Vermutlich hatte der damals verwendete Begriff ›Taft‹ dieselbe Bedeutung wie heute. Es handelt sich dabei um ein seidenes, leinwandbindiges Gewebe. 87 Bei den als ›Atlas‹ bezeichneten Geweben könnte es sich um Atlasgewebe im heutigen Sinn des Wortes, d.h. Seidengewebe mit flottierenden Kettfäden, die dem Gewebe eine glatte, glänzende Oberfläche verleihen, oder auch um gemusterte Lampasgewebe mit Atlasgrund gehandelt haben. Zur webtechnischen Definition der heute in der Textilforschung gebräuchlichen Gewebebezeichnungen siehe das CIETA-Vokabular der Textiltechniken: CIETA (Centre International d’Etude des Textiles), Vokabular der Textiltechniken: https://cieta.fr/wp-content/uploads/2018/09/vokabular_deutsch_2018-1.pdf (15.10.2024). 88 Gemäß Grimm 1854–1960, Bd. 9 (1899), Sp. 29, war ›Schiertuch‹ ein durchsichtiges, lose gewebtes Tuch. Eventuell handelte es sich hier um indische Musselin-Gewebe. 89 ›Cathun‹ bezeichnet leinwandbindige Baumwollgewebe. Reservebedruckte Baumwollstoffe wurden im 17. Jahrhundert in Indien und Persien auch für den Export hergestellt.
114 | Nordelbingen 90 2 Paar Kanische Decke oder Tapeten, daran 16 Personen getragen.90 2 Decken da an jeder sechs Personen zu tragen hatten. 4 Satteldecken, von Atlas mit Gold und Silber eingewircket, sehr köstlich. 11 Stücke bund Indianisch Zeug zu Hembden und Camisolen, Und unterschiedliche Köcher mit Pfeilen, etc. Nach Ablegung der Praesenten, seind die Pferde alsbald in Ihr. F. Gn. Stall gezogen worden, und seynd die Persianer, so die Praesenten gelieffert und dabei gewesen bis umb 5 Uhr zur Tafel geblieben und auffgehalten worden. Den 15. Augusti umb 9 Uhr schickte der Persianische Gesandte Ihr. F. Gn. zum Früstücke 8 Speisen, so auff ihre Art gekochet und zugericht waren. Sonst tragen die Persianer alle Bünde auff ihren Häuptern, die sie nicht abnemen, sondern nach ihrer Art mit der Hand daran, wie auch auff die Brust, und wans hoch sein soll, auff den Mund weisen: haben auch unterm Kin keine Bärte, seind alle gelblich unt erm Gesichte, tragen gar schlechte [S. 6] Schuh, auff Polnische Art, ihr Gewehr ist ein kurtzer Säbel, theils führen auch ein klein blankes Beil, etc. Es starb neulich ein Persianer allhier, welchen sie auff ihre Art mit vielen Murmeln anfänglich sehr beklagten, wuschen ihn darnach rein ab, und begruben ihn mit vielen sonderlichen Ceremonien an einem Hügel in gute Erde, und bemachten das Grab oben mit Leimen, so sie wol zutratten. Es seind auch Ihr. Fürstl. Gn. von ihrem Legaten dem Herrn Brüggemannen sechs grosse Indianische Schafe, vier köstliche Pferde und zwo Persianische junge Dienstmägde, ein von 11 und die ander von 9 Jahren mitgebracht worden. Die Persianische Bette aber seind nur Decken von Cathun-Leinwand, und von Baumwolle durchgenähete Madrassen. Das gemeine Gesindlein hat solche Röcke und Kleider, welche sie Tag und Nacht anbehalten, darauff sie sich auch mit niderlegen, Schlaffen, Wachen und Wandeln, ist alles ein Kleid, achten der Hoffart nit, sondern ist ihnen alles gleich.91 Translatio literarum Regis Persarum Schach Saffi ad Principem Muscovitarum in idioma Germanicum.92 Dem grossem und gerechten Herrn, von vieler Kriegesmacht, billich gleich den Sterne am Himel, billich gleich dem Herrn Cassan Feru, in Majestät und Rittermässigkeit, billich dem Könige Alexandro in Ruhm, billich Firiduno dem Könige, der seinem Feind ein Schrecken und Furcht gewesen, billich Tehchum Schachasrowo dem Könige, dem hohen, Durchleuchtigen Tzaren zur Tertschi, Cassan, Moschow, Astraron, und aller Reussen einem Herrn und Herrschern, über alle Herrn einem Herrn, gleich wie die Sonne in ihrer Klarheit am Himmel, dem grossen Herrn und weisen Tzaren. Der HErr gebe, daß alles dein Thun, durch Gott den HErrn vollzogen werden in Guten, auff dasselbe ist unser Werck dieses, Nachdem Er, wegen Liebe und Brüderlicher Freundschafft, an uns gesendet seinen Post, ein gute und vorneme Person, Alexee Romantokow, daß Wir Schach Saffi unsere Majestät wegen deiner, du grosser Herr, Liebe und Brüderlicher Freundschafft, die Hollsteinischen 90 Die Bedeutung des Adjektivs ›Kanisch‹ ist unklar. Eventuell bezieht es sich auf den Ort Kanesch bzw. Kanis im Osmanischen Reich. 91 Die in den letzten drei Absätzen festgehaltenen unzusammenhängenden Beobachtungen zu den Sitten und Kleidern der persischen Besucher erscheinen wie eine frühe Form der Rubrik ›Vermischtes‹. 92 Das vom persischen Gesandten an Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf überreichte Kreditiv, welches dem Herzog an der Audienz am 11. August 1639 überreicht wurde, hatte weitgehend den gleichen Inhalt wie das hier übersetzte Schreiben an den russischen Zaren. Schah Ṣafī I bezeugte darin in ausschweifenden Worten in einem hochstilisierten höfischen Stil lediglich seine freundschaftliche Verbundenheit mit den fernen Herrschern, ohne sich auf irgendwelche verbindlichen Aussagen einzulassen; siehe dazu auch Jolly/Mühlemann 2023, S. 63.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 115 Gesandten Philippus Crusius, und Otto Brüggemann, nebenst Mitgeferten, welche abgesandt sein von den Hollsteinischen Fürsten Friederichen, an Uns Schachen [S. 7] Saffi, unsere Majestät wegen der Kauff-Handlung, und den Persianischen Gang, wollen befehlen, sie auß Persien wider zurück zu lassen, in deines grossen Herren, unsers Bruders Herrschafft auff Tertschi und Astraron, auff welche Städte sie für diesen gereiset. So habe ich Schach Saffi unser Majestät, wegen deines grossen Herrn Liebe und Brüderlicher Freundschafft, auf deines grossen Herrn Begehren, selbige Holsteinische Gesandten Philippus Crusius, und Otto Brüggemann, nebenst Mitgeferten abgelassen aus Persien, wider zurücke, auff vorige deiner Tzaar Majestät Städte, auf Tertschi und auff Astraron, und deinen als unsers Bruders Post Alexeo Romontzokow haben wir begnädiget, und mit unser Begnädigung abgelassen zu dir unsern Brudern dem grossen Herrn, und wil hinfürter mit euch grossen Herrn, in Liebe, Brüderlicher Freundschafft und Einigkeit vest verbleiben, mehr dann vor diesem, gleichwie die vorigen Schachen mit den vorigen Muscowittischen grossen Herren, in Liebe und freundlicher Gesandtschafft gewesen. Und gebe der Barmherzige GOtt euch grossen Herren, auff Zaarischen Hoheit Erleuchtung, und allzeit mit glücklicher Gesundheit zu verbleiben auff viel Jahr, und daß zwischen uns beyder Herrn die Freundschafft und Liebe durch Beschickung offt und viele vermehret werde. Auf der andern Seiten des Brieffes in dem Siegel ist geschrieben, Schach Saffi Gottes Knecht.93 Translatio aliarum ejusdem ad eundem, Inscriptio ut supra, Salutatio ut supra, Es hat gesandt an uns grossen Herren, an Schachen Saffi unsere Majestät, in Liebe und Freundschafft, umb Abredung wegen der Persianischen Kauff-Handlung, der Holsteinische Fürst Friderich seinen Gesandten Philippus Crusius, und Otto Brüggeman [S. 8] nebenst Mitgeferten, unnd haben wir Schach Saffi unsere Majestät dieselbe Holsteinische Gesandten Philippus Crusius, und Otto Brügeman nebenst Mitgeferten begnadet mit unser Begnädigung, und sie abgelassen wider zurück, nacher Holsteinische Lande, a uch mit ihnen zugleich gesandt, zu dem Holst. Fürsten Friderich, wegen Liebe und Brüderlicher Freundschafft, wie auch wegen Abredung der Persianischen Handlung, unsere Gesandten von guten Leuten eine vornehme und näheste Person Imo Culi Sultan nebst Mitgeferten, So wo llest du grosser Herr unnd unser Bruder wegen Liebe und Brüderlicher Freundschafft von wegen meinen Begehren, diesen meinen Gesandten Imon Culi Sultan nebst Mitgeferten mit dem Holst. Gesandten, befehlen, durch deiner grossen Herrschafft nach dem Holst. Lande, zu den Fürsten Friederich, und wenn dieser mein Gesandter Imon Culi Sultan nebst Mitgeferten wird widerkommen aus dem Holst. Lande, so wolltest du grosser Herr unnd unser Bruder, wegen unserer Freundschafft und Liebe, gleicher Gestalt diesen meinen Gesandten Imon Culi Sultan nebst Mitgeferten, zu uns in Persien, befehlen abzulassen, ohne Auffenthaltung auff dieselbe Städte, auff welche Städte sie vor diesem sind abgelassen worden, unnd will hinfürter, etc. Ut supra in Valedictione & Subscriptione. 93 Der Herzog Friedrich III. überreichte Brief des persischen Schahs Ṣafī I weist auf der Rückseite einen Siegelstempel mit der gleichen Inschrift auf.
116 | Nordelbingen 90 Anhang 2: Webtechnische Analysen Die hier aufgeführten Gewebeanalysen und webtechnischen Begriffe folgen den Vorgaben des Centre International d’Étude des Textiles Anciens (CIETA).94 Inv. Nr. 1924/6 und 1924/7: Oberstoff Gemusterter Kettsamt, siebenfarbig, geschnitten, lanciert, broschiert Kette Verhältnis: 5 Hauptkettfäden zu 1 Florketteinheit Material: Hauptkette: Seide, Z-Drehung, cremefarben Florkette: Seide, ohne erkennbare Drehung, schwarz, cremefarben (ehemals rosa), beige (ehemals orange), gelb, grün, hellblau, himmelblau, alle doppelt Stufung: 1 Florketteinheit mit je drei verschiedenfarbigen Florkettfäden Dichte: 60 Hauptkettfäden und 12 Florketteinheiten/cm Schuss Schussfolge: 4 Grundschuss-Einträge, 1 Lancierschuss-Eintrag, 1 Schnittrute (exakte Reihenfolge nicht erkennbar) Material: Grundschuss: Baumwolle, cremefarben Lancierschuss: vergoldeter Silberlahn, dünn (einzeln abgebunden) Broschierschuss: Silberlahn um cremefarbene Seidenseele, S-Montage Stufung: 1 Passée Dichte: ca. 14 Passées/cm (schwer zu erkennen) Gewebeaufbau Grund: 5-bindiger Kettatlas über 2 Grundschusseinträge mit Fortschreitungszahl 3 aus Hauptkette und Grundschuss, 4 Grundschuss-Einträge in einer Passée Flor: Jeweils 3 verschiedenfarbige Florkettfäden (einer davon immer schwarz) in wechselnder Farbzusammenstellung bilden eine Florketteinheit; insgesamt sind 7 Farben erkennbar. Die Florkettfäden binden über den 2. Grundschusseintrag nach der Schnittrute. Der Lancierschuss wird abgebunden durch jeden 2. Hauptkettfaden in Köper 1/4 Z-Grat (à liage repris) Webkanten: erhalten, jedoch schwer zugänglich Webtechnischer Musterrapport: H. 43–44 cm; B. 11,5 cm Webbreite: 69 cm 94 Vgl. CIETA Vokabular der Textiltechniken: https://cieta.fr/wp-content/uploads/2018/09/vokabular_deutsch_2018-1. pdf. (15.10.2024).
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 117 Inv. Nr. 1924/4 und 1924/5: Oberstoff Gemusterter Kettsamt, sechsfarbig, geschnitten, lanciert Kette Verhältnis: 5 Hauptkettfäden zu 1 Florketteinheit Material: Hauptkette: Seide, Z-Drehung, weiss Florkette: Seide, ohne erkennbare Drehung, schwarz, grün, gelb, grau, beige, braun, alle doppelt Stufung: 1 Florketteinheit mit je drei verschiedenfarbigen Florkettfäden (jeweils einer davon schwarz) in wechselnder Farbzusammenstellung Dichte: ca. 60 Hauptkettfäden und 12 Florketteinheiten/cm (schwer zu erkennen) Schuss Schussfolge: 4 Grundschuss-Einträge, 1 Lancierschuss-Eintrag, 1 Schnittrute (exakte Reihenfolge nicht erkennbar) Material: Grundschuss: Baumwolle, weiss Lancierschuss: Silberlahn, dünn Stufung: 2 Passées Dichte: ca. 12–14 Passées/cm (schwer zu erkennen) Gewebeaufbau Grund: 5-bindiger Kettatlas über 2 Grundschusseinträge mit Fortschreitungszahl 3 aus Hauptkette und Grundschuss, 4 Grundschuss-Eintr äge in einer Passée Flor: Jeweils 3 verschiedenfarbige Florkettfäden (einer davon immer schwarz) in wechselnder Farbzusammenstellung bilden eine Florketteinheit; insgesamt sind 6 Farben erkennbar. Die Florkettfäden binden über den 2. Grundschusseintrag nach der Schnittrute. Der Lancierschuss wird abgebunden durch jeden 2. Hauptkettfaden in Köper 1/4 Z-Grat (à liage repris) Webkanten: nicht zugänglich Webtechnischer Musterrapport: H. 40–41 cm; B. 11–11,5 cm Webbreite: ca. 69 cm Inv. Nr. 1924/4: rückseitig angebrachtes Gewebe Leinwandbindiges Gewebe mit zwei Lancierschüssen, broschiert Kette Material: Seide, ohne erkennbare Drehung, weiss Stufung: 1 Kettfaden Dichte: c. 60 Kettfäden/cm Schuss Schussfolge: 1 Grundschuss, 1 Lancierschuss I, 1 Liseréschuss II, 1 Broschierschuss Material: Grundschuss: Seide, ohne erkennbare Drehung, weiss Lancierschuss I: Seide, ohne erkennbare Drehung, grün Lancierschuss II: Silberlahn, dünn
118 | Nordelbingen 90 Broschierschuss: Seide, ohne erkennbare Drehung, blau, braun, rosa, ocker, weiss, rot Stufung: 2 Passées Dichte: 24 Passées/cm Gewebeaufbau Grund: Leinwandbindung aus Kette und Grundschuss Lancier-Effekt I: Effekt von Lancierschuss I, abgebunden durch jeden 3. Kettfaden in Köper 1/3 Z-Grat auf der Vorderseite (à liage repris). Darunter setzt sich die Leinwandbindung des Grundes fort. Lancier-Effekt II: Effekt von Lancierschuss II, mit jeder 2. Passée eingetragen, abgebunden durch jeden 5. Kettfaden (masse) auf der Vorderseite (à liage repris). Darunter setzt sich die Leinwandbindung des Grundes fort. Der Lancierschuss II wendet zu Beginn der Webkante nach dem 2. Kettfaden. Broschier-Effekt: Effekt des Broschierschusses, abgebunden durch jeden 3. Kettfaden in Köper 1/3 Z-Grat auf der Vorderseite (à liage repris). Darunter setzt sich die Leinwandbindung des Grundes fort. Webkante (an einer Seite erhalten): Leinwandbindung même pas über Grundund Lancierschuss I. Webtechnischer Musterrapport: H. 21 cm; B. 6,5 cm Webbreite (nicht ermittelbar): mind. 52 cm Inv. Nr. 1925/161 Lampasgewebe mit fünfbindigem Atlasgrund, 5 Lancierschüsse, von denen einer nur streifenweise eingewebt wird (latté und interrompu), broschiert Kette Verhältnis: 5 Hauptkettfäden zu 1 Bindekettfaden Material: Hauptkette: Seide, schwache Z-Drehung, grün Bindekette: Seide, schwache S-Drehung, beige (ehemals lachsrosa) Stufung: 5–7 Hauptkettfäden Dichte: ca. 90 Hauptkettfäden/cm, ca. 18 Bindekettfäden/cm Schuss Schussfolge: 1 Grundschusseintrag, 1 Lancierschuss I, 1 Lancierschuss II, 1 Lancierschuss III, 1 Lancierschuss IV, 1 Lancierschuss V (latté und interrompu), 1 Broschierschuss Material: Grundschuss: Seide, ohne erkennbare Drehung, hellgrün Lancierschuss I: Seide, ohne erkennbare Drehung, dunkelbraun Lancierschuss II: Seide, ohne erkennbare Drehung, orange Lancierschuss III: Seide, ohne erkennbare Drehung, rosa Lancierschuss IV: Seide, ohne erkennbare Drehung, weiss Lancierschuss V: Seide, ohne erkennbare Drehung, gelb, hellblau (latté und interrompu) Broschierschuss: Seide, ohne erkennbare Drehung, vergoldeter Silberlahn um Seidenseele (leichte ZDrehung, gelb), Montage S; mit trame d’accompagnage: Seide, leichte S-Drehung, gelb, dünn, doppelt Stufung: 1 Passée Dichte: 24–26 Passées/cm
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 119 Gewebeaufbau Grund: 5-bindiger Kettatlas mit Fortschreitungszahl 2 aus Hauptkette und Grundschuss. Darunter liegen die Lancierschüsse I–V, abgebunden durch die Bindekette. Die Bindekette arbeitet in Köper 1/3 Z-Grat über den Grundschuss und über die Lancierschüsse par passée. Lancé-Effekt: Effekt der Lancierschüsse I, II, III, IV oder V, abgebunden durch die Bindekette in Köper 1/3 Z-Grat auf der Vorderseite. Darunter setzt sich der Atlas des Grundes aus Hauptkette und Grundschuss fort. Die Bindekette arbeitet gleichzeitig über den Grundschuss und die auf der Rückseite verbliebenen Lancierschüsse par passée. Broché-Effekt: Effekt des Broschierschusses (mit trame d’accompagnage), abgebunden durch die Bindekette in Köper 1/3 Z-Grat auf der Vorderseite. Darunter setzt sich der Atlas des Grundes aus Hauptkette und Grundschuss fort. Die Bindekette arbeitet gleichzeitig über den Grundschuss und die auf der Rückseite verbliebenen Lancierschüsse par passée. Webkanten: nicht erhalten Webtechnischer Musterrapport: H. 47–53,5 cm; B. 35,5 cm Webbreite (ohne Webkanten): ca. 71 cm Abstract In August 1639, a Persian embassy arrived at the court of Duke Frederick III of Schleswig-Holstein-Gottorf. The delegation from Isfahan brought numerous gifts with them, including over 200 precious textiles, which were presented to the duke in a festive ceremony. This is documented by a pamphlet circulated in the same year as well as by Adam Olearius’ travelogues of 1647 and 1656. The patterned velvets and other silk fabrics were later made into bed curtains and canopies, tablecloths, and chair covers to be used as interior decorations in the ducal residence. Inventories of the palace’s furnishings from the seventeenth century bear witness to the use of the textiles in the princely apartments. After Gottorf Castle was taken over by the Danish royal household, some of the historic Persian textiles were transferred to Copenhagen, where they were used as wall hangings in Rosenborg Palace during the nineteenth century. A smaller group of Persian textiles, however, remained in Schleswig-Holstein and is today kept in the Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf. This paper describes the history of these Persian silk fabrics based on the surviving textual sources and offers an evaluation of their iconographic, stylistic, and material qualities. A transcription of the pamphlet from 1639 as well as technical analyses of the Persian silk weavings that are preserved in Gottorf Castle are also included. Literatur Andresen, Ludwig/Stephan, Walter: Beiträge zur Geschichte der Gottorfer Hofund Staatsverwaltung von 1544–1659, 2 Bde., Kiel 1928. Auge, Oliver/Kuhl, Uta/Ocker, Jan (Hg.): Fürstinnen in Schleswig-Holstein. Handlungsspielräume im Spannungsfeld zwischen Dy nastie, Familie und Individuum (Regionalgeschichte heute 1), Kiel 2024, https://doi. org/10.38072/2943-5331/v1 . Baller, Susann/Pesek, Michael/Schilling, Ruth/Stolpe, Ines (Hg.): Die Ankunft des Anderen, Frankfurt am Main 2008.
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128 | Nordelbingen 90 Aufführungen gelten als die frühesten belegbaren Operndarbietungen in Kiel.19 Auch wenn die zweifellos wichtige Frage nach den tatsächlich gegebenen Stücken zurzeit nicht geklärt ist, so lassen sich Aussagen zum genaueren Ablauf beider Saisons machen.20 Hier kann die Untersuchung durch Wolfgang von Gersdorff über zeitgenössische Zeitungsmeldungen ergänzt werden.21 Die erste Saison der Hamburgenses in Kiel fiel auf den Umschlag von 1696 und bedurfte einiger Vorbereitungen. Offenbar war eine Vorhut des Hamburger Opernbetriebs schon im Dezember 1695 nach Kiel gereist:22 » Kiel wurden nähere Zubereitungen zu denen in unserm Praeludio ernanten Opern gemacht / und kahmen eben von der Nieder-Elbe noch einige mit schönen Machines und andern Zubehöre beladene Wagen an / worüber sich die edlen Musen-Söhne nicht wenige erfreueten / weil sie verhofften ihre anhero bey der Anatomie in grosser frequence erwiesene patience / so dann in etwas wieder zu erleichtern / [...]« Die Gastspiele der Hamburger Oper waren sicherlich nicht mit irgendeiner Aufführungsserie beliebiger Komödiantentruppen zu vergleichen. In Kiel trat nun mit der Gänsemarktoper eine Kompagnie auf, die in Hamburg ein eigenes Haus bespielte und dort durchaus üppige Produktionen lieferte. Bis auf weiteres erinnert aber (neben den einschlägigen Bemerkungen Johann Matthesons in dessen Ehrenpforte 1740 und im Musicalischen Patrioten von 1728) nur noch diese Zeitungsmeldung an den getriebenen Aufwand. Auch die Rolle der Herrscherfamilie bei den Gastspielen der Hamburgenses 1696 und 1697 ist mit der Erteilung des entsprechenden Privilegs durch Christian Albrecht wohl nicht vollständig beschrieben. Die Zeitungen berichteten beispielsweise für die Saison 1697 von einer besonderen Vorstellung (wahrscheinlich am Samstag, den 20. Januar 1697) in folgender Weise: »Kiel vom 21. Januari. Gestern wahren I.Hochfl.Dhl. unser Hertzog nebst Ih.Dhl. dem ErbPrintzen von Wolfenbüttel und Ih.Hochfl Dhl. Printz Christian nebst I. Hoheiten in der Opern /alwo eine absonderliche Opera vor I. Hochfl.Dhl. präsentiret wurde / da bey jede Machine Ih.Dhl. des Hertzogen Wapen und Nahme zu sehen / auch in der Mitten ein runder Schild herunter gelassen wurde / worauf mit Buchstaben diese Wörter: Vivat Fridericus Dux Holsatiae, stunden.«23 19 Christian Albrecht gewährte dem Hamburger Unternehmen dafür ein am 4. Juli 1694 ausgestelltes, zunächst auf vier Jahre begrenztes Privileg. Vgl. Gersdorff 1912, S. 115–116. Gersdorff vermutet, erste Operndarbietungen könnten schon im Sommer 1694 in Kiel stattgefunden haben, was wohl auf der Formulierung, wonach die Opern im Umschlag 1696 »fortgesetzet« werden sollten, beruht; Kiel, StA, Nr. 532/538, Schreiben des Rats an Herzog Friedrich IV. Vielleicht hatte man nach Christian Albrechts Tod am dritten Weihnachtstag 1694 aber auch nur das anschließende Trauerjahr 1695, in dessen Umschlag die ersten Gastspiele eigentlich hätten stattfinden sollen, als Unterbrechung der Vorbereitungen empfunden und sah (was der Sache nach auch zutraf) die tatsächlichen ersten Gastspiele 1696 eben als Fortsetzung eines bereits begonnenen Unternehmens an. 20 Vgl. auch Kirsch 2024. 21 Vgl. Gersdorff 1912, S. 115–122. 22 Relation aus dem Parnasso, No. 101 vom 17. Dezember 1695. Zu weiteren Zeitungsmeldungen in dieser Sache vgl. Kirsch 2024. 23 Reichspostreuter, N. 15 vom 26. Januar 1697.
M. Kirsch: Das Ballhaus in Kiel (1666–1841) – vom Sporthaus zum Kulturort | 129 Die hier beschriebenen panegyrischen Zutaten sind am besten zusammenzudenken mit einem konkreten finanziellen Engagement des Landesherrn selbst für diese Gastspiele.24 In den Kieler Aufführungen der Gänsemarktoper lag für das Ballhaus ein kulturelles Potenzial, das nur hypothetisch erfasst werden kann. Auffällig sind die Bemühungen des Hauses Gottorf um diesen Kulturort, der 1671 als Theaterort konzessioniert worden war und 1694 abermals durch die zunächst auf vier Jahre begrenzte Privilegierung des Hamburger Opernunternehmens fast wie eine Hofoper auf Zeit anmutet; ein Unternehmen also, das vielleicht mit dem Braunschweiger Theater am Hagenmarkt vergleichbar ist.25 Von der Dramaturgie her höfisch-zeremoniell dominiert, stand das Braunschweiger Unternehmen nicht nur dem Hof, sondern – genau wie in Kiel – auch einem zahlenden bürgerlichen Publikum offen. Die dadurch gegebene adlig-bürgerliche Mischfinanzierung eröffnete die Möglichkeit einer befristeten Hochkultur, mit der ein einzelner Träger (Hof oder Bürgerschaft) allein finanziell überfordert gewesen wäre. Für das Kieler Ballhaus aber konnten solche Pläne, sollten sie tatsächlich bestanden haben, auch wegen kriegerischer Zeiten nicht verwirklicht werden. Baumaßnahmen für eine stärkere Ausrichtung auf (repräsentatives) Theater wären dann wohl – wie in Braunschweig – notwendig und gut zu rechtfertigen gewesen. Ein dauerhafter Umbau des Kieler Ballhauses zum Theater wurde aber erst gut sechs Jahrzehnte später vorgenommen, nachdem Besitzer und Betreiber des Kieler Ballhauses gewechselt hatten. Philipp Fischer wiederum, Sohn des Ballhaus-Erbauers Detlev Hans Fischer, war zum Zeitpunkt der Gänsemarkt-Gastspiele offenbar erst wenige Jahre Besitzer des Ballhauses, nach einer längeren Phase rechtlicher Unsicherheiten Anfang der 1690er Jahre. Erst 1706 werden Baumaßnahmen auf dem Ballhausgrundstück greifbar,26 die der jüngere Fischer vornehmen ließ und über die sofort Streit mit den Nachbarn entstand. Der eigentliche Saal scheint von diesen Bautätigkeiten allerdings nicht betroffen gewesen zu sein, vielmehr erweiterte Fischer nun offenbar das Platzangebot für den Gasthofbetrieb und ließ eine neue Wasserversorgung anlegen. Dokumente für derartige Veränderungen sind nicht besonders zahlreich, und das meiste lässt sich nur indirekt aus Zeitungsmeldungen ablesen, die den Ist-Zustand nach 1743 (dem mutmaßlichen Todesjahr Philipp Fischers) beschreiben und im Zusammenhang mit dem konkursmäßigen Verkauf des Ballhauses stehen. Fast zehn Jahre, in denen von 1743 an nach einem Käufer gesucht wurde, hielt die Unsicherheit des Ballhaus-Betriebs an.27 Bemerkenswert ist die Auflistung der Konkursmasse, die mit den nachgelassenen Weinfässern Fischers beginnt und die den eigentlichen Grundbesitz mit seinen Gebäuden erst nachgeordnet auflistet. Als endlich im Jahr 1753 eine Käuferin, Maria Brigitta Hagedorn, gefunden war, scheint – wie aus dem Kaufprotokoll vom 16. Oktober 1753 hervorgeht – bereits erheblicher Renovierungsbedarf bestanden zu haben.28 Die überlieferten Verkaufsanzeigen machen aber deutlich, dass der Saalbau selbst gegenüber dem bauzeitlichen Zustand wohl kaum verändert war: 24 Zuwendungen von der Herzogmutter Friederike Amalie dagegen, die seit Ende März 1696 ihren Witwensitz auf dem Kieler Schloss hatte und die häufig – auch noch im aktuellen Stadtmarketing der Landeshauptstadt Kiel – als Förderin genannt wird, sind zurzeit nicht belegbar. Vgl. https://www.kiel.de/de/bildung_wissenschaft/stadtarchiv/erinnerungstage.php?id=80 (3.7.2024). 25 Vgl. Chrysander 1863, S. 185. 26 LASH, Abt. 7, Nr. 2086. 27 Vom 31. Dezember 1743 bis zum 28. Dezember 1751 lassen sich für das Kieler Ballhaus insgesamt 17 Verkaufsanzeigen in norddeutschen Zeitungen nachweisen. Sie alle können über das Zeitungsportal der Deutschen Digitalen Bibliothek leicht ermittelt werden. Vgl. https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper (2.9.2024). 28 Kiel, StA, Nr. 15868. Eine Betriebsaufnahme (gezeichnet mit dem Datum 29. Oktober 1753) wird schließlich im Hamburger Relations-Courier vom 2. November 1753 angezeigt. Neben dem Beherbergungsund Schankbetrieb werden dort weiterhin Ballund Billardspiel als Leistungen des Hauses erwähnt. Für notwendige Instandsetzungen hatten offenbar die nicht einmal zwei Wochen seit Vertragsunterzeichnung ausgereicht.
130 | Nordelbingen 90 Lediglich Breite und Länge des darunterliegenden Kellers werden nun genauer angegeben (offenbar gerundet auf 50 x 100 Fuß, drei Gewölbebögen umfassend), im Übrigen aber war selbst der Boden im Saal (»gefliest«) wohl noch immer der sportbedingt gemusterte bauzeitliche.29 Von einer eventuellen mobilen hauseigenen Bühne, die mitveräußert worden sein könnte, ist dagegen nirgends die Rede. Wie sich zeigen sollte, konnte nun aber auch die neue Besitzerin Maria Brigitta Hagedorn nicht sofort das Geschäftsmodell ändern und dem Weinhandel eine andere dauerhaft gewinnbringende Nutzung zur Seite stellen. Noch fast zehn Jahre bis zum Beginn des Umbaus (vielleicht erst nach dem Umschlag 1764) vergingen im Ballhaus offenbar ohne eine wesentliche Nutzungsänderung. 1764 – Vom Ballhaus zum Theaterbau mit Festräumen Schon in der älteren Literatur wird ohne nähere Eingrenzung (oder Angabe der Belege) vom Jahr 1764 als ›Umbau-Saison‹ ausgegangen.30 Der lange Vorlauf aber, den dieser Umbau hatte, lässt sich teilweise durch erhaltene Dokumente rekonstruieren, die auch ein sehr ergiebiges Schriftstück einschließen: Maria Brigitta Hagedorn, die im Jahr 1761 schon über sieben Jahre lang Besitzerin und Betreiberin des Kieler Ballhauses war, wandte sich damals mit einem ausführlichen Brief direkt an den russischen Großherzog Karl Peter Ulrich (1762 für kurze Zeit Zar Peter III.), den Landesherrn und »Gottorfer auf dem Zarenthron«: »[...] Durchlauchtigster Großfürst und Hertzog! Es gehet mir offtmahls nahe, daß ich Eigenthümerin einer so unbrauchbahren Stelle seyn muß, und daß ich meinem Triebe nicht folgen kann, dieselbe zum Besten des gemeinen Wesens anzuwenden. Diesem würde auf alleweise damit gedienet seyn, wenn ich dieses nichts, als den Namen eines Ballhauses führende Gebäude zu einem Opern und Comoedien=hause aptiren, und oben darüber einen Redouten und Assemblée-Saal anlegte. Ich würde dieserhalben keine kosten scheuen, und gerne zur Ausführung dieses Plans fremde Gelder auffnehmen, wenn derselbe das Glück hätte, Ew. Kayserl. Hoheit höchsten Beyfall zu erlangen und Allerhöchstdieselben geruhen wollten, die dem Ballhaus gnädigst verliehenen Privilegien, ungeachtet dieser damit vorzunehmenden Veränderung dabey noch ferner zu lassen. [...]«31 Der Zündstoff der hier beschriebenen Nutzungsänderung lag darin, dass Christian Albrecht sein Privileg vom Juni 1665 an eine beständige, womöglich »immerwährende« Ausrichtung auf das Ballspiel geknüpft hatte. Der neue Plan nun sollte das Ballspiel (zumindest in herkömmlicher Form) aber für immer Geschichte werden lassen. Hier bedurfte es also einiger argumentativer Volten und einer gewissen Überzeugungskraft. Die Ausführungen Maria Brigitta Hagedorns weisen kulturgeschichtlich als eine Art Wendepunkt über den Einzelfall des Kieler Ballhauses hinaus: Hier kommen fast alle 29 Vgl. dazu (Kellergröße) Hamburger Relations-Courier vom 31. Dezember 1743, S. 6 und (gefliester Boden) Staatsund gelehrte Zeitung des Hamburger unpartheyischen Correspondenten vom 6. Dezember 1748. Ballhäuser wiesen oft farblich wechselnde Boden-Fliesen auf, die für den Spielverlauf Jeu de Paume von Bedeutung war. 30 Vgl. dazu bereits Gersdorff 1912, S. XVII–XIX, dort auch eine erste knappe Darstellung des Briefs der Ballhausbetreiberin an den russischen Großherzog und Landesherrn. 31 LASH, Abt. 8.2, Nr. 963.
M. Kirsch: Das Ballhaus in Kiel (1666–1841) – vom Sporthaus zum Kulturort | 131 Aspekte zur Sprache, die eine Ausdifferenzierung des stadtbürgerlichen Kulturbetriebs mit mehreren Akteuren und seiner kommerziellen Einbettung im mittleren 18. Jahrhundert ausmachten. Wegen seiner erheblichen Bedeutung ist der Brief diesem Beitrag im Anhang vollständig beigegeben. Da zurzeit keine Bilder vom Ballhaus nachweisbar sind, ist die Vorstellungskraft besonders gefordert, will man die mutmaßliche Bausituation erfassen, die durch den Umbau insgesamt hergestellt werden sollte:32 Hagedorn schreibt der Sache nach von einer Aufstockung des Ballhauses, bei der ein größerer Festsaal über dem alten Ballspielsaal eingerichtet werden sollte. Auch als Theatersaal benötigte aber der ebenerdige Sport-Raum noch eine gewisse Höhe,33 denn hier gab es oberhalb der Logen eine Galerie für Zuschauer: Diese Galerie erwähnen mehrere spätere Schriftquellen,34 genauso wie den Hinweis auf eine (einzige) steile Treppe für die vertikale Erschließung des Baus. Die wiederum musste letztlich zwei weitere Ebenen (vom Erdgeschoss aus gerechnet), nämlich Galerie und den darüberliegenden Festsaal erreichen, ist also sinnvoll nur als gewendete Anlage eventuell mit Absätzen zu denken. Bis auf weiteres fehlen hier aber genauere Beschreibungen. Bescheidenheit, wenn nicht Dürftigkeit waren vermutlich das bestimmende Merkmal auch nach dem Umbau. Hinweise auf repräsentative Elemente oder Bauschmuck sind bisher nicht bekannt geworden, allenfalls wäre die Formulierung einer späteren Verkaufsanzeige zu nennen,35 in der ein »sehr großer gewölbter Concertsaal« über dem Theater genannt wird: Statt eines offenen Dachstuhls (dies war sicher die Situation des alten Ballhauses) oder einer flachen Decke hatte man den Festsaal also vielleicht mit einer hölzernen Tonne überwölbt. Welche Vorgeschichte hatte der Plan Maria Brigitta Hagedorns? Ihre eigene Darstellung muss ergänzt werden, denn die Hagedorns hatten sich – erhaltenen Dokumenten zufolge – tatsächlich nicht allein auf die überkommenen Einnahmequellen des Ballhauses (den Weinhandel nebst Schankbetrieb und Vermietungen für Veranstaltungen) beschränkt. Über den Jahreswechsel 1758/59 war das Kieler Ballhaus deshalb auch Heulager für russische Truppen, die im Zusammenhang mit dem Siebenjährigen Krieg von Kiel nach Ostpreußen verschifft werden sollten. Das massenweise Einlagern feuchten Heus rief nun wegen der Brandgefahr die besorgten Nachbarn der Schuhmacherstraße auf den Plan,36 und während des Umschlags 1759 (wohl zwischen dem 10. und 13. Januar) kam es dann auch tatsächlich zu einem Feuer im Ballhaus, das allerdings noch rechtzeitig gelöscht werden konnte. Das Ballhaus entging damals offenbar nur knapp der Einäscherung, und die Ausbreitung des Brandes in die Stadt konnte verhindert werden. Fest steht also: Die Hagedorns nahmen echte Risiken auf sich, um auf welche Weise auch immer Profit aus ihrem Anwesen zu ziehen. Die überkommenen Geschäftsfelder (Beherbergungs-, Kulturund Schankbetrieb) reichten offenbar nicht aus, um das Ballhaus rentabel zu betreiben . Unterschiedliche Dokumente, darunter viele Zeitungsmeldungen, illustrieren die Nutzung des Kieler Ballhauses ab den 1770er Jahren weiter. Durch das Aufkommen lokaler Zeitungen (ab Juni 1776 32 Der Umbau kann erst nach dem 3. August 1763 begonnen worden sein, denn mit diesem Datum wurden die Umbaupläne durch den Großherzog genehmigt. Kiel, StA, Nr. 532/538. 33 Die konkre te Gestalt theaterspezifischer Ausbauten im Ballhaus ist zurzeit nicht näher zu ermitteln. Im Theatersaal gab es aber nach dem Umbau eine »Versenkung«, die in der Art eines Orchestergrabens für Musiker genutzt wurde. Vgl. Bahnson 1972, S. 261. 34 Vgl. dazu etwa das in Anm. 40 angeführte Gildeprotokoll von 1806. 35 Altonaischer Mercurius vom 10. März 1825. 36 In einem erhaltenen Brief der Nachbarschaft wird der zu befürchtende Kamineffekt beschrieben, der im Ballhaus als einem »oben offenen Bau« bei ausbrechendem Feuer eintreten könne. Dieses Detail macht wahrscheinlich, dass es im Ballhaus-Saal mindestens bis zum Umbau 1764 keine Heizmöglichkeiten gab, vielleicht war aber ein Verschluss der offenen Wandzone direkt unterhalb des Dachstuhls, etwa durch bewegliche Verschalungen aus Holz, reversibel möglich. LASH, Abt. 8.2., Nr. 963.
132 | Nordelbingen 90 erschienen die Kielischen Gemeinnützigen Nachrichten) setzt zunächst eine dichte Folge von Meldungen ein, die Concerte im Ballhaus ankündigen. Das Ballhaus wurde damals zum zentralen Ort von Liebhaberkonzerten in Kiel, eine Nutzung, die mit Unterbrechungen auch über das Jahr 1800 hinaus nachweisbar ist.37 Keine ausdrückliche Liebhaberunternehmung, aber wahrscheinlich von Amateuren mitgetragen war die Aufführung von Antonio Salieris Oper Armida am 19. Januar 1783 , in einer von Carl Friedrich Cramer angefertigten deutschsprachigen Fassung und unter der Leitung des späteren Kopenhagener Hofkapellmeisters Friedrich Ludwig Aemilius Kunzen: » Concert. Morgen den 19ten Januar wird im Ballhause auf dem aufgeschrobenen Parterre des Schauspielhauses eine tragische Oper, die Armida, als ein Concert aufgeführt werden. [...]«38 Hier ist es vor allem die Formulierung vom »aufgeschrobenen Parkett«, die ein wesentliches Baumerkmal des Kieler Ballhauses dokumentiert: Das Ballhaus verfügte offenbar mit einem höhenverstellbaren Parkett über einen Bodenhebemechanismus, wie er für Zuschauerräume mehrerer Theaterbauten dieser Zeit belegbar ist.39 In Kiel machte vermutlich dieser Mechanismus die Nutzung des ungeteilten Innenraums möglich, indem man den Zuschauerraum auf Bühnenhöhe brachte . Viele Theater konnten auf diese Weise beispielsweise als große Festsäle genutzt werden, was auch an anderer Stelle (Jahrzehnte später) noch einmal für das Kieler Ballhaus belegt ist:40 »Actum Kiel, den 25. Juli 1806 Heute war der gewöhnliche Speiseund Tanztag der Gilde, aber festlicher wie jemals. Für diesmal war dazu das hiesige Schauspielhaus gemietet. In demselben war das Parterre in die Höhe geschroben und von oben bis unten der Länge nach ein Galatisch gedeckt.« Das hier beschriebene Gildefest wurde wegen der Anwesenheit Kronprinz Frederiks VI. ausführlich beschrieben. Wie bei der Armida-Aufführung von 1783 war auch hier gesteigerter Platzbedarf wohl der Grund, das Parkett anzuheben und damit auch den Bühnenraum niveaugleich zu nutzen. Die bautypischen Wandöffnungen (der »oben offene Bau«) des Kieler Ballhauses dürften mit dem Umbau zum Theater und der Aufstockung wahrscheinlich geschlossen worden sein. Dennoch war der Theatersaal selbst offenbar auch nach dem Umbau nicht heizbar. Nachvollziehbar wird dies aus einer Zeitungsmeldung über geplante Konzerte zweier Reisevirtuosen: Die Gebrüder Böck aus Regensburg kündigten ein Zusatzkonzert im Ballhaus an und bemerkten, dass ihre Darbietungen »[...] nicht zu unserm Vortheile, sondern zur Beförderung der vortrefflichen Absichten der verehrungswürdigsten unter allen menschlichen Gesellschaften, des Freymäurer=Ordens: daher auch solches nicht, wie die beyden vorhergegangenen 37 Vgl. Pfannkuch 1978, S. 175–199. 38 Kielische Gemeinnützige Nachrichten, 3. Stück 1783 vom, 18.1.1783 , S. 16. 39 Bekannt sind solche Parkett-Hebevorrichtungen etwa von Hoftheatern in Bonn und München, aber auch von anderen Theaterbauten in Breslau, Königsberg, Braunschweig und Berlin. Ich danke Herrn Johannes Behr von der Forschungsstelle der BrahmsGesamtausgabe in Kiel herzlich für die entsprechenden Hinweise. 40 Vgl. Geckeler 2012, S. 108.
M. Kirsch: Das Ballhaus in Kiel (1666–1841) – vom Sporthaus zum Kulturort | 133 in dem hiesigen öffentlichen Schauspielhause, sondern auf dem dazu ungleich bequemern und durch Einhitzen hinlänglich gewärmten Versammlungsaale der hiesigen Freymäurer Loge im Ballhause, wird gegeben werden.«41 Hier wird sozusagen nebenher mitgeteilt, dass auch die Kieler Freimaurer-Loge Louise zur gekrönten Freundschaft (gegründet 1776) ihre Versammlungen in einem der (heizbaren) Räume des Obergeschosses verrichtete, bevor diese Loge im folgenden Jahr (1785) ein eigenes Lokal in der Brunswik bezog.42 Schließlich wird das Ballhaus endgültig als Beherbergungsbetrieb ab dem Jahr 1782 greifbar, weil die Kielischen Gemeinnützigen Nachrichten vom 12. Stück dieses Jahrgangs an in jeder Ausgabe »Angekommene Fremde und ihr Logis« aufführten. Vom Ballhaus ist hier ganz regelmäßig die Rede, manchmal durch den Zusatz »bei Hagedorn« ergänzt.43 Mit dem Umbau des Ballhauses zum Theater kommt die Ausbaugeschichte des Gebäudes zu einem gewiss en Abschluss. Weitere größere Umbauten danach sind bisher nicht bekannt geworden,44 und der Zustand des nunmehr für eine Theaternutzung favorisierten Baus mit einem großen und zwei kleinen Festräumen im aufgestockten Obergeschoss blieb offenbar bis zum Abriss im Frühjahr 1841 weitgehend unverändert. 1841 – Der Neubau des Stadttheaters Die Vorgänge um den Neubau des Stadttheaters waren zeitlich bislang schwierig einzuordnen. Wirklich fest stand dabei nur das Eröffnungsdatum mit dem 5. Dezember 1841. Wann der Bau aber tatsächlich begonnen wurde, lässt sich erneut nur aus einer Zeitungsmeldung abschätzen: »[...] Unser altes Schauspielhaus wird jetzt abgebrochen, um ein neues, geräumigeres und geschmackvolleres an dessen Stelle wieder aufzubauen. Noch im nächsten Sommer soll der Bau vollendet werden. Vorgestern [am 11. März?] wurde die letzte Vorstellung im alten Hause gegeben [...].«45 Damit wird der Zeitpunkt Mitte März des Jahres 1841 für den Beginn der Abrissarbeiten ziemlich wahrscheinlich. Am 26. März meldet die gleiche Zeitung ergänzend einen Zustand, der vermuten lässt, dass die Abrissarbeiten vielleicht schon beendet waren: 41 Kielische Gemeinnützige Nachrichten, 4. Stück 1784, 24.1.1784, S. 15 u. 16. 42 Zu den Freimaurern in Kiel sowie zu den Orten ihrer Zusammenkünfte vgl. o. A. 1876, S. 5–6. Dort wird das Ballhaus allerdings nicht ausdrücklich erwähnt. Die Zusammenkünfte der Freimaurer schließen das Ballhaus gewissermaßen an die intellektuellgehobene Sphäre des zeitgenössischen Kiel an. Auch der »Ballmeister« Hagedorn war Bruder der Kieler Loge. 43 Die Auswertung dieser Rubrik dürfte auf zahlreiche anschlussfähige ›Bewegungsdaten‹ führen, die – zusammen mit entsprechenden Daten aus anderen Zeitungen – in vielleicht nicht allzu ferner Zukunft digital verfügbar gemacht neue Erkenntnis bringen. 44 Ein Hinweis, dass das Ballhaus »vor 2 Jahren [i. e. 1823] inwendig neu dekorirt« worden sei, findet sich in einer Verkaufsanzeige im Altonaischen Mercurius vom 10. März 1825. Zwar erschienen in der Folgezeit, vor allem als Vorlauf auf den letzten Verkauf Ende 1840, noch zahlreiche weitere Verkaufsund Pachtanzeigen, die aber sämtlich keine zusätzlichen Informationen zu einem eventuell veränderten Zustand des Saalbaus mehr bringen. 45 Altonaer Mercur, Zeitung und Intelligenzblatt für die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg 20. März 1841. Diese Meldung wird dort mit Bezug auf die »Hnn. Ztg« vom 13. März referiert.
134 | Nordelbingen 90 »Kiel, vom 25. März. Da der wahrhaft nothgedrungene Neubau unsers alten Schauspielhauses, welcher augenblicklich noch den künftigen Ereignissen angehört, jedoch im Laufe dieses Jahres vollführt werden wird, Gegenstand der Erwähnung dieses Blattes wurde, so verdient es bemerkt zu werden, daß das an der Stelle des bereits abgebrochenen alten aufzuführende neue Schauspielhaus nicht blos eine Zierde unserer Stadt im Aeußeren werden, sondern auch in seiner inneren Einrichtung die Ansprüche der Theaterfreunde befriedigen wird. [...] Wenn gleich der nicht wohl zu erweiternde Platz des alten Gebäudes eine Beschränkung auf die früheren Dimensionen gebietet, so wird doch nach dem (hauptsächlich von dem hiesigen Architecten Spetzler herrührende) Bauplan der vorhandene Raum so benutzt, daß das neue Schauspielhaus 8 bis 900 Zuschauer fassen kann.«46 Wann auch immer der Neubau begann, das neue Stadttheater dürfte ein ›schneller‹ Bau gewesen sein, der schon deshalb in seinem Umfang nicht überschätzt werden sollte: Welche Fläche aber das neugebaute ›Stadttheater‹ (das schon 1907/08 wieder abgerissen wurde) wirklich hatte, kann vielleicht nur mit genauem Blick auf den zeitnah aktuellen Baukörperbestand geklärt werden.47 Dabei zeigt sich, dass die Wendung, man habe das neue Stadttheater »auf etwas erweitertem Areal« erbaut,48 recht gut mit der Darstellung auf der im Ausschnitt wiedergegebenen Thalbitzer-Karte von 1851/53 zusammenpasst (Abb. 1, oberer Bildrand: Westen): Hier erscheint der Baukörper des Theaters an der Südwestecke etwas abgefast, was vermuten lässt, dass dort auf bestehende (und unverzichtbare) Gebäude Rücksicht genommen werden musste. Keineswegs wurde das gesamte verfügbare Grundstück neu überbaut. Stattdessen hatte man wohl nur den eigentlichen Saalbau neu errichtet, während die übrigen Gebäude 46 Altonaer Mercur: Zeitung und Intelligenzblatt für die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg vom 26. März 1841. 47 Ein einschlägiger Bestand an Bauakten zum Stadttheater (Kiel, StA, Nr. 20453, »Bauliche Unterhaltung des alten Stadttheaters«) wird heute mit dem Vermerk »Akte fehlt« gelistet. 48 Vgl. Junge 1928, S. 40. Abb. 1: Ausschnitt aus der Karte Wilhelm Thalbitzers von 1851/53 (rechts die Schuhmacherstraße). Kiel, StA, Nr. 3328. Abb. 2: Lageplan-Rekonstruktion nach dem Thalbitzer-Plan (Abb. 1), Angaben zu Baudaten und Bezeichnung der Baukörper nach dem Brandkataster . Kiel, StA, Nr. 1441–1443.
M. Kirsch: Das Ballhaus in Kiel (1666–1841) – vom Sporthaus zum Kulturort | 135 des Grundstücks soweit wie möglich erhalten blieben. Die proportional ziemlich genaue Wiedergabe der Bausituation auf der Thalbitzer-Karte gibt einen Eindruck davon und ermöglicht folgende Lageplan-Rekonstruktion ( Abb. 2 ). In letzter Konsequenz könnte dies auch heißen, dass bis 1907 noch weit mehr alte Bausubstanz des Ballhauses auf dem Grundstück erhalten blieb, als spätere Beschreibungen es bisher nahelegten.49 Wesentlich waren also der Neubau des Saals und eine straßenseitig die Baukörper beider Grundstücke übergreifende klassizistisch gestaltete Fassade (Abb. 3): Eine besonders spannende Frage in dieser Hinsicht ist, ob man auch den alten Gewölbekeller erhielt, der ja mit großer Wahrscheinlichkeit noch auf das Ahlefeldtsche Haus zurückging. Für die Fortexistenz des Kellers, auf den in der Fassadenansicht ein Schriftzug über dem Kellerhals auf der linken Seite hinweist (Abb. 3), sprechen auch die folgenden Bemerkungen aus den Memoiren von Lotte Hegewisch:50 49 Die Darstellungen bei Gersdorff, Junge und Danielsen legten ihrem Fokus allein auf den Theaterbau und diskutieren deshalb den Zustand der gesamten Liegenschaft mit allen dortigen Baukörpern nicht. 50 Hegewisch 1902, S. 111. Abb. 3: Die Fassade des Stadttheater-Baus von 1841, links der Kellerhals mit Schriftzug. Aus: Danielsen 1961, S. 205. Danielsen bringt keinen spezifischen Nachweis dieser Abbildung, deren genaue Herkunft nicht ermittelt werden konnte.
136 | Nordelbingen 90 »Dann ward [im Jahr 1841] das Theater gebaut, leider auf dieselbe Stelle, wo die alte baufällige Bude gestanden, in der engen Schumacherstraße, ohne Luft und Licht und mit nur einem Ausund Eingang, kein Hofraum und im Keller war und blieb ein Spritlager; aber außerhalb der Stadtgrenze [also jenseits des Altstadthügels] hätte kein Kieler es sich einfallen noch gefallen lassen.« Die Reaktionen auf das neue Stadttheater waren dennoch fast durchweg positiv, jedenfalls erkannte man die gelungene Gestaltung bereits in den ersten Zeitungsberichten an, die das Kieler Publikum auf die Eröffnung des neuen Baus vorbereiteten.51 Die Bezeichnung »Ballhaus« aber blieb auch in der Folgezeit stadtweit für das gesamte Areal in der Schuhmacherstraße geläufig. Zeitgenössische Adressbücher etwa verwenden die ergänzende Angabe »im Ballhaus« auch später noch für die Wohnadresse Schuhmacherstraße 28.52 Ausblick – Gegenstandssicherung mit Hilfe der Zeitungsforschung Das Beispiel des Ballhauses zeigt, dass kulturrelevante Kontexte besser erkundet werden können, wenn gerade bei »älteren« Themen über die Durchsicht der Bauarchive hinaus auch die zeitgenössischen Periodika wie Tagespresse, Intelligenzblätter und Fachzeitschriften einbezogen werden. Archivalische Dokumente reichen oft nicht aus; vor allem dann nicht, wenn wesentliche Teile (wie im Fall des Kieler Ballhauses und des Stadttheaters von 1841 die jeweiligen Bauakten) verschollen sind. Dabei fällt insgesamt auf, dass gerade Zeitungsmeldungen ergiebige Quellen sein können, aber leider (zum Beispiel von der Musikwissenschaft) nur selten in der eigentlich gebotenen Weise rezipiert werden. Vom Aufkommen der ersten Zeitungen an sollte aber gelten: Jegliche einschlägige Meldung in solchen wie auch immer ausgerichteten Periodika muss mindestens zur Kenntnis genommen, wenn nicht am besten gleich einer genauen Prüfung unterzogen werden. Auch im Fall des Kieler Ballhauses zeigt sich, dass auf diese Weise relevante Daten zu ermitteln sind. Es ist vor allem die Nutzungsgeschichte dieses Gebäudes, die durch Zeitungsmeldungen rekonstruierbar wird. Für eine umfassende Untersuchung historischer Zeitungsbestände im Norden (aus dem Gebiet der Herzogtümer und teilweise auch der angrenzenden Freien Reichsstädte) mit zeitgemäßen Mitteln fehlen aber bislang noch nahezu alle Voraussetzungen.53 Sinnvoll und notwendig ist deshalb ein Web-Portal, das nach bereits existierenden Vorbildern auch die historischen Zeitungen des Nordens recherchierbar macht. Die Digitalisierung und eine anschließende Volltexterfassung der häufig verstreut überlieferten Zeitungsbände dürfte historisch arbeitenden Fächern und allen in landeskundlichen Dingen historisch interessierten Personen zu einem außerordentlich sinnvollen und weitreichenden Hilfsmittel verhelfen. Ein solches Vorhaben ist zweifellos keine Kleinigkeit und verlangt (neben der fachkundigen Ausgestaltung) ein anhaltendes Engagement möglichst vieler Interessierter. Zeitungsinhalte sind Speicher historischen Alltagswissens und ihre systematische Erfassung entspricht damit einem 51 Hinweise auf Einrichtung und Schmuck des neuen Theaterbaus finden sich im Correspondenz-Blatt (Kieler Wochen-Blatt), vom 20. November und 4. Dezember 1841. 52 Belege dafür bringen zahlreiche Kieler Adressbücher dieser Zeit. Vgl. Volbehr 1881, S. 175. Er bemerkte dazu 1881: »indes blieb der alte Name [das ›Ballhaus‹] bis in die Gegenwart«. 53 Die langwierige Durchsicht von Mikrofilmen kann sicherlich nicht mehr als zeitgemäß gelten.
M. Kirsch: Das Ballhaus in Kiel (1666–1841) – vom Sporthaus zum Kulturort | 137 allgemeinen Bürger-Interesse, das eine zumindest teilweise Finanzierung durch die öffentliche Hand rechtfertigt. Mehrere Projekte mit vergleichbaren Aufgaben sind in der Vergangenheit schon mit großem Erfolg angegangen worden.54 Auch den nördlichen Teilen Deutschlands stünde ein entsprechendes Repositorium, das sich gut modular und in mehreren Schritten verwirklichen lässt, wohl an. Anhang 1. Brief (undatiert, nach dem 20. August 1666) Detlev Hans Fischers an den »Regierungs-Präsidenten« zu Gottorf (Hofkanzler Johann Adolph Kielmann von Kielmannsegg), Landesarchiv Schleswig-Holstein, Abt. 7, Nr. 2086) »[...] Alß nun für erst ich sothanes privilegum und freiheit von allen contributiones und beschwerden auff das erbauende Wohn: und Ballhauß erhalten, so haben darauff Bürgermeister und Rath zum Kiehl mir einige alte und Zerfallene heuser Zu Kauffe angeboten, und Zeigen laßen, welche ich zu dem ballhause gebrauchen konnte, auch mit ihnen darumb auff 600Rthlr. gehandelt, also, daß sie vermöge ihres Kaufbriefes, ein altes gantz verfallenes und in der Schumacherstraße Zunegst frau Annen bey Alefelden belegenes Hauß, sampt daran liegenden wüsten platze, dan auch, das darnegst folgendes so genantes Helmstorfer, am Sehl: bürgermeisters Heinrich Holsten Erben hauß stoßendes und gar baufelliges, Zu erwehntem Wohn: und ballhause in optima forma und von allen schulden frei verkaufft, welche häuser dan also bewandt, daß bürgermeister und Rath von dem Alefeldischen hause das dach und giebel selber herunter nehmen lassen, und die materialien an der Universität gebrauchet, der platz dabey ist in die 30 jahr wüste gelegen, in dem Helmstorffischen hause, so itzt mein wohnhauß, hat hiebevor ein fuhrmann gewohnet, welcher dabey wurde einen keller gleich contribuiret, ist dero gestald verfallen gewesen, daß mich bürgermeister und Rath die schultern, oder windfedern am giebel, darmit sie den vorbeigehenden keinen Schaden zufügen möchten, herunter nehmen lassen müssen, Auff den platz des Alefeldischen hauses und den wüsten platz habe ich ein außführliches wohl: und auffgebautes Ballhauß mit meinen großen spesen erbauet, wie der augenschein Zu tage leget, bei welchem ballhause dan noch ein kleiner platz zwischen den Mauern ungefehr bey 7. fuß, Zu erbauung einer frottirstube, übergeblieben, von welchen allen Ew:Hochfl:Dhl. Herr Ambtman und Herr CammerRath, welcher den augenschein darbey eingenommen, und mehrem berichten werden. Weiln aber ich Zu erbauung des Balhauses die vollkommene lenge nicht gehabt, habe ich Herrn Burgermeister und Rath auff den augenschein erbeten, da haben dieselbe freiwillig bewilliget, daß ich forn nach der gaßen an einer ecken Zwei fuße nehmen möchte, da sie dann das fundament, und wie ich weiter verfahren würde, in augenschein mit genommen, und in allem mit mir friedlich gewesen, habe aber nach langer Zeit vernehmen müßen, daß sie den 27. Marty. dieses Jahres bei unserem gnädigsten fürsten und Herrn sich wieder mich wegen des wein: und bierschenkens, wie auch abstellung der Contribution beschwert, und 54 Zu nennen ist hier für ältere Periodika mit landeskundlichem Bezug etwa das Zeitungsportal der Staatsund Universitätsbibliothek Bremen, dass allerdings für die Herzogtümer neben Hamburger Blättern nur einige weitere aus Altona erschließt; https://brema.suub.uni-bremen.de/hist_zeit/ (2.9.2024). Auch das Deutsche Zeitungsportal (ein Teil der Deutschen Digitalen Bibliothek), das für diesen Beitrag ebenfalls ausgiebig genutzt wurde stellt eine Fülle durchsuchbarer Zeitungsjahrgänge bereit; https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper (2.9.2024).
144 | Nordelbingen 90 Im Schatten Buxtehudes: Johann Jacob Pagendarm Trotz der theologischen Prominenz der Söhne dieses Lübecker Kantors, Hermann Heinrich (1674– 1749) und Johann Gerhard (1681–1754) fehlt der Name Pagendarm in Wolf-Dieter Hauschilds schon über vierzig Jahre alten, gleichwohl nach wie vor maßgeblichen (weil nicht ersetzten) Kirchengeschichte Lübecks.3 Das ist nicht weiter verwunderlich, zumal das vornehmliche Interesse der protestantischen Kirchengeschichte als universitärer Disziplin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in erster Linie auf der Reformationsgeschichte einerseits und auf der jüngeren Historie andererseits lag. Stärker irritiert der Umstand, dass eine erheblich jüngere Publikation, die die Besonderheiten der Kirchenmusik Lübecks herausstellen will, sich auf eine Darstellung der Organisten beschränkt und nicht nur die Kantoren der Hauptkirche St. Marien bis in die Gegenwart unberücksichtigt lässt.4 Johann Jacob Pagendarm wurde am 6. Dezember 1646 als Sohn des Kaufmanns Heinrich Pagendarm und dessen Frau Anna geb. Fürstenau in Herford in Westfalen geboren und hatte nach dem Schulbesuch (u.a. an der Andreasschule in Hildesheim und des Gymnasiums in Magdeburg) in Helmstedt und in Wittenberg studiert – ein Universitätsstudium der Theologie war Vorbedingung für die spätere Tätigkeit Pagendarms als Kantor und zugleich Lehrer an einer Lateinschule – und zum Michaelisfest 1670 das Kantorat in Osnabrück angetreten.5 Mit dem Dienstantritt in Lübeck im August 16796 wurde er Nachfolger von Samuel Franck (1633–1679) und unmittelbarer Mitarbeiter von Dieterich Buxtehude, der seit 1668 als Organist und Werkmeister an St. Marien amtierte (und wie Franck eine Tochter seines Amtsvorgängers Franz Tunder geheiratet hatte).7 Pagendarm starb am 13. Januar 1706; seine Tochter Regina Catharina (1688–1762) heiratete am 8. November 1706 seinen Nachfolger Heinrich (Hinrich) Sivers (1674–1736).8 Der schlechte Ruf, der Pagendarm durch die Jahrhunderte anhaftete, ist letztlich dem Lübecker Kantor Caspar Rüetz zu verdanken. Er schreibt 1753 in seiner zweiten Polemik zur Musik seiner Gegenwart über die Musiksammlung seiner Vorgänger: »Ich habe einen grossen Vorrath an Kirchenstücken von meinem seel: Schwiegervater Sivers und Schwieger-Großvater Pagendarm geerbet. Von des letztern seinen hinterlaßnen Sachen habe kein eintziges Stück, von des ersteren Sachen, nur einige wenige gebrauchen können. Sie zeugen von dem grossen Fleisse und der Arbeitsamkeit dieser redlichen Männer. Alles was diese Männer mit saurer Mühe und Arbeit zusammen geschrieben, oder mit vielen Kosten gesammlet und abschreiben lassen, hat nicht den geringsten Wehrt mehr, ob gleich kein geringes Capital darinnen steckt. Es ist diese Menge musicalischer Papiere von vielen Jahren her wohl bey nahe biß auf die Hälffte geschmoltzen, indem ein gar vieles dem Ofen zu Theil, und 3 Vgl. Hauschild 1981; auch der Name Diet(e)rich Buxtehude findet sich nur ein einziges Mal (S. 347–349). 4 Vgl. 4 Viertel. o. J., vor allem S. 18–19; als Ausnahme erscheint nur der aktuelle Organist von St. Marien Johannes Unger, der zugleich den Dienst des Kantors (und seit 2023 zugleich des Kirchenmusikers am Dom zu Lübeck) versieht. 5 Vgl. Stahl 1952, S. 50. 6 Laut Gerber am 28. August, vgl. Gerber 1792, Sp. 58. 7 Vgl. Snyder 2007, S. 120; die Berufungsurkunde Pagendarms (D–LÜsa, 1.1–4 Altes Senatsarchiv Ecclesiastica, Schulsachen Vol. 1 Fasz. 2) ist bei Stahl 1952, S. 193 wiedergegeben. 8 Jöcher 1751 (Sp. 1178–1179) nennt »sieben Söhne und eben so viel Töchter«.
B. Petersen: Johann Jacob Pagendarms Stimmbücher | 145 an statt der Spähne gebraucht worden, vieles zum häuslichen Gebrauch angewandt, und vieles an solche Leute, die zu ihren Geschäfften allerley Maculatur und Papiere gebrauchen, dahin gegeben worden. […] Ich prophezeye meinen Musicalien nach mir kein besseres Schicksal, und bin auch damit zufrieden.; weil ich nicht besser bin denn meine Väter.«9 Die Vernichtung, der Rüetz die Werke seiner Vorgänger demnach zugeführt hat, versteht Christian Bunners als »Verhältnisbestimmung von kirchenmusikalischer Gegenwart und Tradition«10 – und empfindet es nur als konsequent, dass Rüetz auch eigene Werke nicht von den von ihm beschriebenen Alterungsund daraus folgenden »Makulierungsaktionen« ausgenommen (und vermutlich auch in der Marienkirche verwahrte Buxtehude-Manuskripte verfeuert) hat.11 Unter anderem die Eingriffe Rüetz’ sorgten dafür, dass gegenwärtig nur ein einziges anderes musikalisches Werk von Pagendarm überliefert ist: Seine Vertonung von Psalm 37,5: Befiehl dem Herrn deine Wege – verwahrt in der Sherard Collection der Bodleian Library – orientiert sich am modernen venezianischen Stil.12 Darüber hinaus hat Pagendarm einen Nachdruck der Cantiones sacrae initiiert, der das Repertoire der liturgischen Sätze im Gottesdienst an St. Marien versammelte.13 Ort und Funktion der Stimmbücher Eine maßgebliche Quelle zur Frage der Lübecker Liturgie – und damit verbunden zur Funktion der Stimmbücher Pagendarms – ist das erste amtliche Lübeckische Gesang-Buch von 1703:14 Dieses wurde als erstes amtliches Gesangbuch der Hansestadt Lübeck nach intensiven Verhandlungen mit dem Geistlichen Ministerium verordnet – ein offizielles Gesangbuch, das ausdrücklich »den überkommenen Liedbestand bewahren und die auch in Lübeck spürbare Flut neuer, nicht-orthodoxer Lieder eindämmen« sollte.15 Dieses Gesangbuch war verbunden mit einem Gebetbuch, dem wiederum eine Kurtze Anweisung / wie künfftig hin der Gottes-Dienst in denen Lübeckischen Kirchen wird anzustellen seyn angefügt war – keine Reform der liturgischen oder kirchenmusikalischen Praxis, sondern deren Vereinheitlichung, vor allem aber eine Abgrenzung gegenüber der Frömmigkeitsbewegung der Reformorthodoxie und dem Pietismus. Sie bildet die Liturgie vermutlich für die gesam9 Rüetz 1753, S. 112–113. 10 Bunners 2011, S. 214. 11 Vgl. Bunners 2011, S. 215, bzw. Snyder 2007, S. 357. 12 GB–Ob Mus. Sch. C. 43; zur Provenienz vgl. Wollny 1993, S. 83–85 und Snyder 1994, S. 233–234. 13 Gerber 1792, Sp. 59, nennt die »Cantiones sacras, quas coetus lubecensis scholasticus sub horarum intervallis canere consuevit«; darüber hinaus weist er auf eine historisch-geographische Publikation hin (Gründliche Nachrichten von den meisten Völkern des alten Deutschlandes) sowie auf das numismatische Interesse Pagendarms. – Vgl. auch Stahl 1952, S. 64. 14 Die älteste auffindbare Auflage befindet sich in der Forschungsbibliothek Gotha (Sign.: Cant. spir. 8° 00020): Lübeckisches Gesang=Buch, Nebst Anfügung eines Gebeth=Buchs, Auff Verordnung Eines Hoch=Edlen Hochweisen Raths, Von einem Ehrwürdigen MINISTERIO Ausgegeben, Lübeck 1704, das älteste in der Stadtbibliothek Lübeck überlieferte, später inhaltlich unverändert nachgedruckte Exemplar ist von 1729 (Sign.: Lub. 8° 7407). – Vgl. Heering 2007, S. 49, außerdem Kadelbach 1995, S. 28–30; Schnoor 2011, S. 169–170 sowie Heering 2014, S. 115–120. 15 Heering 2017, S. 17, bzw. Kadelbach 2017b, S. 39–40; mit der Publikation von 1703 nicht zu verwechseln ist das Lübeckisch=V ollständige Gesangbuch von 1698. – Vgl. Kadelbach 2017, S. 40–53; dagegen Karstädt et al. 2022 mit der Verbindung der Stimmbücher mit dem Gesangbuch von 1698/99.
146 | Nordelbingen 90 te Lübecker Amtszeit Pagendarms wie auch Buxtehudes ab und wurde 1754 nahezu unverändert in das Lübecki sche Kirchenhandbuch aufgenommen (Abb. 1).16 Die liturgischen Hinweise für St. Marien in der Kurtzen Anweisung stimmen weitgehend mit den Angaben in einem entsprechenden Druck von 1645 überein.17 Demnach war in den liturgisch geprägten Gottesdiensten – also zur Vesper, zum Hauptund Nachmittagsgottesdienst sowie bei den Frühgottesdiensten am Dienstag und Donnerstag – die Mitwirkung des Chors konstitutiv, der aus Schülern des nahegelegenen Katharineums bestand und vom Kantor (als Mitglied des Lehrkörpers) geleitet wurde.18 Der Chor trug allerdings nur vom Lettner aus die liturgischen Elemente vor und führte – meist einstimmig – den Gemeindegesang an; allein die Festtagsgottesdienste (und die damit verbundenen Vespern am Vortag) wurden mit dem Chorus symphoniacus reicher ausgestattet: durch Mehrstimmigkeit in der Liturgie, vor allem aber durch Motetten oder vokal-instrumentale Kompositionen vor oder nach der Predigt, den sogenannten ›Organistenmusiken‹. Bei Werken mit Instrumen16 Vgl. Heering 2007. – Zur Provenienz des Lübeckischen Gesang-Buchs vgl. Heering 2021, S. 115–116. 17 Vgl. Heering 2007 bzw. Jannasch 1928, S. 174. 18 Vgl. dazu Stahl 1931, S. 88–89, bzw. Heering 2007, S. 51. Abb. 1: Lübeckisches Gesang-Buch, Ausgabe Lübeck 1729. Stadtbibliothek Lübeck, D-LÜh, Lub. 8° 7408.
B. Petersen: Johann Jacob Pagendarms Stimmbücher | 147 talbegleitung wirkten bis zu elf Ratsmusiker mit; die Marienkirche hatte das Privileg mehrstimmiger Figuralmusik an allen Festtagen, während in den anderen vier Hauptkirchen der Stadt nur viermal im Jahr in einem festen Turnus figural musiziert wurde.19 Die Liturgie des Hauptgottesdiensts an St. Marien wies eine Reihe von festen Elementen auf, die im Sinn eines Ordinariums als Gemeindelieder zum regelhaften Ablauf gehörten, so das Eingangslied Komm, heiliger Geist, erfüll die Herzen und das darauffolgende »Symbolum Athanasii« als deutsches Te Deum: Herr Gott, dich loben wir; das Gloria in excelsis Deo als Allein Gott in der Höh sei Ehr folgt dem Kyrie, das Lied »im Hingang nach der Cantzel« war regulär entweder Nun bitten wir den heiligen Geist, Herr Jesu Christ dich zu uns wend oder Liebster Jesu, wir sind hier. Nach Kanzelund Altardienst sang die Gemeinde als Credo Wir glauben all an einen Gott, am Ende – nach dem Segen – das Lied Sei Lob und Ehr mit hohem Preis oder einen anderen kurzen »Lob-Psalm«. Zur Austeilung sah die Gottesdienstordnung »Unter der Communion« »Communion-, Lobund Danckals auch PaßionsLieder« vor, außerdem wurde der Ablauf an Festtagen und zu besonderen Zeiten des Kirchenjahrs ergänzt und vor allem kirchenmusikalisch aufwändiger ausgestaltet; die Besonderheiten der Lübecker Liturgie – die insbesondere auf die von Hermann Bonnus geprägte Praxis zurückgeht – haben Jürgen Heering und Ada Kadelbach ausführlich erörtert.20 Die Aufteilung der Musik auf die unterschiedlichen, am lutherischen Gottesdienst beteiligten Gruppen – deren Zusammenstellung in Lübeck durchaus auf altkirchliche Traditionen verwies –21 ist an dieser Stelle von Belang. Die Gemeinde sang das deutsche Tedeum, das deutsche Gloria und das Glaubenslied, außerdem die ausgewählten Gesangbuchlieder – an bestimmten Positionen mehrere hintereinander (zum Beispiel während der Abendmahlsausteilung im Hauptgottesdienst).22 Dass die Gemeinde die Lieder aus dem protestantischen Kernbestand des 16. Jahrhunderts auswendig gesungen hat, lässt sich ohne weiteres auch an den Gesangbüchern der Zeit erkennen, die ohne Angaben von Noten auskamen. Die mit dem letzten Jahrhundertdrittel hinzukommenden neuen Lieder wurden in der Regel Lübecker Privatdrucken entnommen; welche Lieder gesungen werden sollten, war in der Regel am Orgelvorspiel zu erkennen. Erst die Erweiterungen des Liedrepertoires sowie die Verwendung von Lehnmelodien führten unter anderem an St. Marien nach der Einführung des offiziellen Gesangbuchs von 1703 zu der Verwendung von Nummerntafeln.23 Der Gemeindegesang wurde vom Schülerchor des Katharineums angeführt, der an regulären Sonntagen einstimmig (»choraliter«) sang; die Mitwirkung des Organisten beschränkte sich in den sonnund festtäglichen Hauptund Nachmittagsgottesdiensten und in den Vespern insbesondere auf die Liedvorspiele. Die Lieder selbst wurden traditionell alternatim gesungen – bei liturgischen Gesängen im Wechsel von Chor und Orgel, bei Gemeindeliedern im Wechsel von Gemeinde und Orgel.24 Alternatim-Praxis ist an den Lübecker Hauptkirchen seit dem 15. Jahrhundert nachweisbar.25 Der Kantor benutzte dafür »handschriftliche und gedruckte Kantionale und vierstimmige Choralbücher«.26 19 Vgl. Stahl 1952, S. 26. 20 Vgl. Heering 2017, S. 20–21, bzw. Heering 2014, S. 117–120, sowie Kadelbach 2017a. 21 Zu diesem Kontext vgl. Roth 2020, besonders S. 57–185. 22 Vgl. Heering 2017, S. 23. 23 Vgl. Heering 2017, S. 23–24, bzw. Snyder 2007, S. 509–510. 24 Vgl. Heering 2017, S. 24. 25 Vgl. Snyder 2007, S. 127–128. – Zur Musik »auf dem Chor« und »auf der Orgel« vgl. Edler 1982, S. 51–62. 26 Vgl. Stahl 1952, S. 64, bzw. Heering 2017, S. 25.
148 | Nordelbingen 90 Der Schülerchor hat dabei ganz offensichtlich auch in Lübeck die rein homophone Tradition des Choralsatzes gepflegt: den vierstimmigen Kantionalsatz mit der Choralmelodie im Sopran. Informationen für die Aufführungspraxis der Zeit ergeben sich aus dem Umstand, dass Pagendarms Vorgänger Samuel Franck 1664 ein Orgelpositiv mit fünf Registern für den Lettner anschaffte – »zu behueff der jetzigen ahrt der Music«.27 Als erste Publikation hatte Lucas Osiander (›der Ältere‹, 1534–1604) in seiner Sammlung Fünfftzig Geistliche Lieder und Psalmen von 1586 diesen Typus präsentiert, der nicht für die Gemeinde, sondern den Chor gedacht war; fortgesetzt wurde diese Tradition im mitteldeutschen Raum von Komponisten wie Johann Crüger (1598–1662), der mit den Geistlichen Kirchen-Melodien (1649) vierstimmige Kantionalsätze kompiliert und dann in seiner Sammlung Praxis pietatis melica ab 1647 – dem am weitesten verbreiteten Gesangbuch der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts –28 allerdings nur Sopranund bezifferte Generalbass-Stimme lieferte, eine Praxis, die sich zumal in Norddeutschland noch bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts halten sollte. Neben Crüger waren für den norddeutschen Raum die Sammlungen Johann Rists (1607–1667) von Belang: Anders als Osiander oder Crüger kompilierte Rist eigene, also neue Gedichte, die von Persönlichkeiten wie Michael Jakobi, Johann Schop oder Andreas Hammerschmidt vertont wurden; von Dieterich Buxtehude stammt die Musik zu O Gottes Stadt, o güldnes Licht BuxWV 87. Das Ziel der Sammlungen Rists war aber auch ein grundlegend anderes als die Sammlungen Osianders oder Crügers – nämlich die heimische Andacht, nicht der öffentliche (Fest-) Gottesdienst.29 Zur Beschaffenheit von Pagendarms Sätzen Johann Jacob Pagendarm erhielt im Jahr 1705 für die von ihm komponierte Sammlung 60 Mark lübsch; für die Eintragung der fehlenden Texte in die Stimmbücher wurden zwei »Aritmetici« gesondert vergütet – bemerkenswerterweise mit 150 Mark.30 Als Kantor bezog Pagendarm ein Jahreseinkommen von 80 Mark – wobei er sein Haupteinkommen als Lehrer des Katharineums einwarb, zuständig für den Lateinund Religionsunterricht der Tertia und Sekunda sowie für den Musikunterricht der gesamten Schule, an der er nach dem Rektor und dem Subrektor an dritter Stelle rangierte; dieses Salär betrug jährlich 330 Mark (und freie Unterkunft).31 Tatsächlich kamen Freunde und Gönner seinem Haushalt durch eine regelmäßige Sammlung zu Hilfe, die jeweils zwischen 120 und 283 Mark ergab.32 Die Ergänzung um 60 Mark dürfte dem vielfachen Familienvater – der zumal seine in Rostock und Wittenberg studierenden Söhne unterstützte – gut zupass gekommen sein. Die beiden »Aritmetici« sind identifizierbar als Christian Partike und Walter Möllrath, dem Eintrag des Werkmeisters Dieterich Buxtehude im Wochenbuch der Marienkirche folgend: 27 Vgl. Stahl 1926, S. 20. 28 Vgl. Snyder 2007, S. 185, bzw. grundlegend Bunners 2012. 29 Vgl. grundlegend Steiger 2007. 30 Vgl. Snyder 2007, S. 117. 31 Vgl. Snyder 2007, S. 120. 32 Vgl. Stahl 1952, S. 51
B. Petersen: Johann Jacob Pagendarms Stimmbücher | 149 »Sonnabend, wie die Herren Vorsteher am negst verwichenen Montagem aufm Werckhause bey abgelegter Kirchen Rechnung zusammen wahren, haben dieselbe ggl. Consentiret, dem Cantori Pagendarm, für die Melodeyen derer 303 zusammen synd, in denn 4. neugemachten Gesangbüchern con canto, Alto, Tenor et Basso, ohne die Texte ein Zuschreiben pro Labore zu geben 60/–/– Noch Christian Partike et Walter Möllrath, beiden Aritmetici, für den Text unter denn 303: Gesängen in quadruplo zu legen, laut Quittung zahlet 150/–/–«33 Über den Gebrauch dieser Bände berichtet Wilhelm Stahl in seiner Musikgeschichte Lübecks: »Die dicken, in Pergament gebundenen Bücher konnten wegen ihrer Schwere und ihres unhandlichen Formats von den einzelnen Sängern nicht ohne Ermüdung gehalten werden. Sie lagen altem Brauch gemäß auf einem vierseitigen Pult, um das sich der nicht zahlreich besetzte Chor herumstellte. Noten und Werte mußten so groß und deutlich geschrieben sein, daß sie von allen Sängern abgelesen werden konnten.«34 Kerala Snyder wies darauf hin, dass die Zählung im Lübeckischen Gesang-Buch von 1703 fast genau derjenigen in den Stimmbüchern entspricht, allerdings fehlen 22 Nummern – und zwar ausgerechnet die der bekanntesten, liturgisch relevanten Lieder wie Allein Gott in der Höh sei Ehr oder 33 D–LÜsa, 6.1–1 St. Marien: Wochenbuch 1705–1711, fol. 18. 34 Stahl 1952, S. 104. Abb. 2: D–LÜsa, 6.1–1 St. Marien 107, S. [1]r: Nun komm der Heiden Heiland (Diskant).
150 | Nordelbingen 90 Wir glauben all an einen Gott. Sie leitet daraus einen Schlüssel für die Verflechtung von Gesangbuch und Stimmbüchern beziehungsweise Gemeindeund Chorgesang ab;35 es ist anzunehmen, dass für diese Interventionen weiterhin das für den Schülerchor bestimmte Gesangbuch Der Catechismus Gesangsweise sampt den gebräuchlichen Geistlichen Liedern und Psalmen benutzt wurde.36 Gleich der erste mehrstimmige Satz, den Pagendarm zum Leitlied für den Advent am Beginn seiner Sammlung produziert hat, weist die Charaktereigenschaften der Sätze etwa Johann Crügers auf, so hinsichtlich der Kadenzbildung, aber auch im Akkordrepertoire, so in der Beschränkung auf wenige Sextakkorde oder im nahezu vollständigen Verzicht auf Vierklänge: Die Ergänzung des dreistimmigen Satzes ist – orientiert an entsprechenden Vorlagenkompositionen der einschlägigen Sammlungen – verhältnismäßig einfach, zumal es für den bereits bestehenden Satzverband in der Regel keine Alternativlösung für die Bass-Stimme gibt: Wie schön leucht’ uns der Morgenstern stimmt in seiner Melodiegestalt mit der Fassung der Erstausgabe von 1599 überein, nicht aber mit der Textfassung (die auch in der Erstausgabe Philipp Nicolais Wie schön leuchtet der Morgenstern betitelt war).37 Die hier niedergelegte Textgestalt wiederum entspricht der des Lübeckischen Gesang-Buchs; eine Textkonkordanz mit der Fassung in den Stimmbüchern mit der Nummer 275 (mit dem Hinweis »In bekannter Melodey.«)38 erweist die Übereinstimmung des Texts bis in die orthographischen Besonderheiten hinein – in einigen Fällen sogar bis in die Interpunktion: Auffällig ist etwa der fehlende Punkt am Ende der Abschrift von Vers 1 im Diskant sowie der Übernahme der auffälligen Minuskeln im Alt und zum Teil auch im Tenor. 35 Snyder 2007, S. 117; Snyder beruft sich auf die zum Zeitpunkt der deutschen Fassung (2007) früheste erreichbare Auflage des Lübeckischen Gesang-Buchs von 1729 (Stadtbibliothek Lübeck, D-LÜh, Lub. 8° 7408). 36 Verschollener Erstdruck vermutlich 1651, Nachdruck 1660; vgl. Heering 2021, S. 96: Das einzige Exemplar der Bibliothek der Hansestadt Lübeck ist seit der Auslagerung im Zweiten Weltkrieg verschollen; vgl. Stahl 1952, S. 47–48. 37 Im FrewdenSpiegel deß ewigen Lebens […], Frankfurt 1599; zur Frage der Textfassung vgl. Stalmann 2002 und Kurzke 2003. 38 Lübeckisches Gesang-Buch Nr. 275, S. 646–649. Notenbeispiel 1: Johann Jacob Pagendarm, Nun komm der Heiden Heiland. D–LÜsa, 6.1–1 St. Marien 107–109, Nr. 1.
B. Petersen: Johann Jacob Pagendarms Stimmbücher | 151 Dabei ist an diesem Satz unter anderem die Ausgestaltung der Kadenzen auffällig. So ist es zum Beispiel nicht möglich, die Kadenzen des Stollens unter Einbeziehung einer Terz im Schlussklang zu gestalten – der Terzton fehlt in allen drei vorhandenen Stimmen und kann jeweils auch nicht in die fehlende Bass-Stimme integriert werden. Außerdem vermeidet Pagendarm in vier von fünf Schlusswendungen den Einsatz einer dreiteiligen clausula formalis als Standardformulierung, die er in der ersten Kadenz Takt 4/5 noch gewählt hatte: Notenbeispiel 2: D–LÜsa, 6.1–1 St. Marien 107, S. [178]r: untere Hälfte Wie schön leucht’ uns der Morgenstern, Stollen (Diskant). Notenbeispiel 3: Johann Jacob Pagendarm, Wie schön leucht’ uns der Morgenstern. D–LÜsa, 6.1–1 St. Marien 107–109, Nr. 275.
152 | Nordelbingen 90 Grundsätzlich erscheint der Satz bemerkenswert simpel angesichts der »Pauken-Harmonien«39 – die allerdings angesichts der erhaltenen satztechnischen Umgebung weitgehend alternativlos sind, höchstens geringfügig ornamentiert werden könnten; dieser Befund gilt auch etwa im Vergleich zu den homophonen Abschnitten in Michael Praetorius’ Version in der Sammlung Polyhymnia Caduceatrix & Panegyrica von 1619 – mithin über 90 Jahre älter als der Chorsatz Pagendarms. Schließlich lohnt als weitere Kostprobe der Blick auf Pagendarms Version zu Nun ruhen alle Wälder: Bemerkenswert ist die Transposition des Lieds, das sonst in der Regel traditionell im 6. Modus auf f steht, nach g.40 Am Ende des dreistimmigen Stimmverbands fällt die Oktavparallele zwischen Diskant und Tenor in Takt 27 auf, die Pagendarm über die None a–h‘ in Takt 28 fortführt. Der offenkundige Satzfehler erklärt sich am ehesten als Notationsfehler, denn die einzige mögliche Ergänzung einer Fundamentstimme erweist eine einfache Lösung (bzw. Verlagerung des Problems zu der weniger gewichtigen Antiparallele c–g, T. 27/28): Ungewöhnlich bleibt die Schlussformulierung, der eine leittönige Wirkung abgeht – vergleichbar den Bildungen in Wie schön leucht’ uns der Morgenstern, hier aber erweitert auf die Penultima; eine Diskantklausel für den Schluss ist nur über ein erneutes Aufgreifen der Kadenzformulierung aus Takt 4/5 bzw. 9/10 möglich, dann aber unter Verzicht auf einen charakteristischen Quintfall im Bass. 39 Vgl. Telemann 1730, S. 183: »Es ist von verschiedenen begehret worden, ich mögte die Bässe durchgehends also verfassen, daß sie sich durch fremde und gesuchte Tone wälzten, ich habe es aber für dißmal lieber beym Natürlichen bewenden lassen, jedennoch auch eben nicht die Pauken-Harmonie gebrauchen, wollen«. 40 Die Erstveröffentlichung mit dem Text Paul Gerhardts in der fünften Auflage von Crügers Praxis pietatis melica (1653) steht auf f (S. 33, vgl. S. 861); die Versetzung nach g findet sich auch bei Speer 1692 (Nr. 156) und ist seit dem 18. Jahrhundert sehr verbreitet. Ich danke Matthias Kirsch (Kiel) für seinen Hinweis. Notenbeispiel 4: Johann Jacob Pagendarm, Wie schön leucht’ uns der Morgenstern – spekulative Ergänzung der fehlenden Bass-Stimme (Textfassung: Lübeckisches Gesang-Buch, Nr. 275).
B. Petersen: Johann Jacob Pagendarms Stimmbücher | 153 Aussagen über die Beschaffenheit der Choralsätze Pagendarms müssen spekulativ bleiben – auch und nicht zuletzt in dem Versuch, für die unmittelbare Arbeitsumgebung eines Komponisten vom Rang Dieterich Buxtehudes mehr Kontext offenlegen zu können, zumal Pagendarms Sammlung so spät in Buxtehudes Amtszeit erschienen ist, dass sie ihm nicht als Quelle für seine Choralbearbeitungen gedient haben kann. Wahrscheinlicher als Quelle für Buxtehude ist eine Sammlung, die aus der Zeit von Samuel Franck (also vor 1679) stammte und nur als Diskant-Stimmbuch erhalten ist: In diesem im Vergleich zu Pagendarms Choralbuch und vor allem zum Lübeckischen Gesang-Buch weit weniger umfangreichen Choralbuch mit nur 110 Liedern entsprechen die Choralmelodien weitgehend denjenigen, die auch Buxtehude für seine Choralbearbeitungen herangezogen hat.41 Gleichwohl ist für eine liturgische und damit funktionale Kontextualisierung der geistlichen und Orgelmusik Dieterich Buxtehudes eine Erschließung dieses Repertoires wichtig – vor allem angesichts der besonderen Rolle, die die Hansestadt Lübeck als Schmelztiegel noch im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert spielte. Gerade die von Kerala J. Snyder beobachteten Abweichungen in den von Buxtehude verwendeten Choralmelodien, die in einigen Fällen weniger den Lübecker Vorlagen entsprechen und damit auch nicht den im Choralbuch Pagendarms vertretenen Melodien, sondern vielmehr dänischen Vorlagen des 16. Jahrhunderts,42 die Buxtehude zweifellos vertraut 41 Snyder 2007, S. 118 bzw. das Verzeichnis in Anhang 6 (S. 529–532); das Stimmbuch aus der Zeit Francks kehrte 1998 aus Armenien zurück: D–LÜsa, 6.1–1 St. Marien 106. – Näheres vgl. Snyder 2006. 42 Snyder 2007, S. 297–298; Snyder verweist unter anderem auf Wär Gott nicht mit uns diese Zeit BuxWV 222, dessen Melodie weniger dem Lübeckischen Gesang-Buch von 1703 entspricht als vielmehr dem Dänischen Gesangbuch von 1569, und auf das Te Deum BuxWV 218 (Snyder 2007, S. 301–302). Notenbeispiel 5: Johann Jacob Pagendarm, Nun ruhen alle Wälder. D–LÜsa, 6.1–1 St. Marien 107–109, Nr. 294.
| 257 OLAF IRLENKÄUSER Schleswig-Holsteinische Literatur 2023 Der Aufsatz stellt fast 50 Werke der schöngeistigen Literatur Schleswig-Holsteins, die im Jahr 2023 in deutschsprachigen Verlagen erschienen sind, in Kurzrezensionen vor. Die Übersicht ist so vollständig wie möglich. Für das Jahr 2023 gilt es 49 Novitäten schleswig-holsteinischer Literatur anzuzeigen. Als eine solche wird bewertet (vgl. Nordelbingen 89.2024, S. 209), wenn Autor*innen in Schleswig-Holstein entweder geboren wurden oder länger gelebt haben oder wenn ihre Werke in besonderem Maße dort zur Wirkung kommen. Hinzu kommen zwölf Nachträge aus 2022, diese sind mit der Jahreszahl markiert. Es sind neue Werke anzuzeigen von bekannten Autor*innen wie Paul Brodowsky, Heiner Egge oder Tilmann Spreckelsen. Jüngere schleswig-holsteinische Autor*innen haben neue Werke vorgelegt wie Florian Knöppler, Max Richard Leßmann oder Anne Müller. Es erschienen neue Stücke beispielsweise von Caren Jeß oder Svealena Kutschke. Ferner ist eine Reihe Debütwerke erschienen, darunter Bücher von Dara Brexendorf, Michael Lange oder Selina Seemann. Auch moderne Klassiker sind mit Neuausgaben und wissenschaftlichen Editionen vertreten, darunter James Krüss, Siegfried Lenz oder Peter Rühmkorf. Im Jugendbuch gilt es neue Werke u.a. von Kirsten Boie, Antonia Michaelis und Arne Rautenberg anzuzeigen. Prosa, Lyrik, Drama Der Sänger, Podcaster und Dichter Max Richard Leßmann (*1991 in Paderborn), der seine Jugend in Kiel und Husum verbrachte, legt 2023 seinen ersten Roman vor. In Sylter Welle erzählt er von den Urlauben seiner Jugend auf Sylt. Jeden Sommer verbringt der Junge einige Wochen bei seinen Großeltern auf dem Campingplatz. Mit viel Lokalkolorit (Nord-Ostsee-Bahn, Kupferkanne, Strandmuschel und natürlich das titelgebende Freizeitbad im Ort) erzählt Leßmann die schwere Familiengeschichte flott und beherzt. Der Debütroman Die Stärkste unter ihnen von Selina Seemann (*1993 in Flensburg) behandelt das moderne Thema des Grooming. Die Heldin Milena, Anfang 20, ist dabei, sich zu verlieben. Doch dann tauchen aus ihrer tief verschütteten Erinnerung Bilder auf, die sie verstören. Selina Seemann, die groß geworden ist im von ganz direkter Sprache geprägten Poetry Slam-Milieu, hat einen verstörenden Roman geschrieben über toxische, wenn nicht schlimmere Beziehungen und darüber, was mit den Seelen von Menschen langfristig geschehen kann, wenn sie in jungen Jahren missbraucht werden. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2941-3362/p21
258 | Nordelbingen 90 Einen kleinen Band mit der Erzählung Restwärme hat die Kieler Autorin Dara Brexendorf (*1991 in Kiel) publiziert. Brexendorf studierte Literarisches Schreiben und Lektorieren am Literaturinstitut Hildesheim, ist Mitherausgeberin des Kieler Literaturmagazins Der Schnipsel und Mitbetreiberin des Podcasts Literarisch solidarisch. Erste Texte erschienen in den Zeitschriften BELLA triste, Das Narr oder Landpartie. Die vorliegende Erzählung veröffentlichte sie auch in der Anthologie NEUE PROSA in der Edition Literaturhaus. Restwärme thematisiert das Verschwinden eines Ökotops für einen Industriebau und was dieser Verlust mit dem Leben der Menschen in der Nachbarschaft macht (Lärm, Emissionen, Veränderung der Lebensgewohnheiten). Erschienen ist der kleine Nature Writing-Band in der ›grünen Reihe‹ des Verlages. »Der Deich wird brechen« – so beginnt Michael Lange (*1972) seinen dystopischen Roman Koogland. Er spielt im Jahr 2029 in Dithmarschen. Eine eingeschworene Gemeinschaft stellt hier in einer untergehenden Welt ihre eigenen Regeln auf. Während der Corona-Zeit recherchierte Lange, der zuvor als Drehbuchautor für die TV-Serie Lindenstraße gearbeitet hatte, eine Weile in Marne und den Kögen für seinen Roman um die »Bauernrepublik Koogland«. Im Jahr 2021 hatte Florian Knöppler aus Altenmoor (*1966) seinen Debütroman Kronsnest vorgelegt. Knöppler studierte Romanistik, Germanistik und Philosophie in Bonn und Bologna, im Anschluss war er als Redakteur für Radio und TV tätig. Er lebt in der schleswig-holsteinischen Elbmarsch. Für Kronsnest war er sehr gelobt worden, u.a. vom NDR: »Ein faszinierendes Sittengemälde des bäuerlichen Lebens im Schleswig-Holstein der Zeit zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg.« Habichtland (2022), sein zweiter Roman, setzt diese Zeit fort: 1941 leben die Helden zurückgezogen in der Elbmarsch, sie wollen sich aus der Politik heraushalten. Doch das ist alles andere als einfach. Ein Roman mit viel Zeitund Lokalkolorit aus dem ländlichen Schleswig-Holstein, mit einer dichten Atmosphäre und einer eine besonders starke Intensivität bildenden großen Nähe zu den Figuren. 2023 erschien sein dritter Roman, Südfall. Hier nimmt sich Knöppler die historische Figur der »Halliggräfin« Diana von Reventlow-Criminil (1863–1953) vor und webt den Abschuss eines britischen Kampfpiloten während des Zweiten Weltkriegs und dessen – fiktive – Flucht von Südfall über Dänemark bis heim nach England in eine Romanhandlung. Von Heiner Egge (*1949 in Heide) erschienen 2023 gleich zwei Bücher – die Erzählsammlung Meeresgeschichten und der Roman Eine gute Schwimmerin. Ein großer Teil der Erzählungen spielt in Schleswig-Holstein, darunter Blauort in Meldorf oder Sturmflutkino auf Hallig Hooge. Der Roman Eine gute Schwimmerin thematisiert den Tod einer Gorch-Fock-Kadettin (historischer Fall) mit dem fiktiven Namen Marie Kramer. In dem Roman überlebt die Marinesoldatin den Sturz über Bord, schwimmt lange und taucht ein in ein anderes, gänzlich neues Leben. Egge komponiert hier – mit vielen norddeutschen und maritimen Anklängen – eine Verbindung von Meer, Wüste und Himmel, drei wichtigen Elementen seines umfangreichen Oeuvres. Mit Väter legt der Autor Paul Brodowsky (*1980 in Kiel) sein Romandebüt vor. Brodowsky ist bisher hervorgetreten durch kleinere Prosawerke, durch Herausgaben sowie v.a. durch Theaterstücke. Diese wurden u.a. in Berlin und in Freiburg uraufgeführt. Er lehrt heute Dramentechnik an der Universität der Künste in Berlin. In Väter entwirft der Autor einen Drei-Generationen-Plot: Der Erzähler, mit Namen Paul Brodowsky, berichtet von der Beziehung zu seinem Vater (einem Anhänger der NS-Ideologie) und zu seinem eigenen (gewaltfrei erzogenen) Sohn. Er selbst ist prototypischer Vertreter der »Lastenfahrrad-Väter«-Generation. Gerrit Bekker (*1943 in Hamburg) feierte im Oktober 2023 seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass erschien erstmals ein Band, der alle Gedichte Bekkers versammelte, inklusive etlicher hier
O. Irlenkäuser: Schleswig-Holsteinische Literatur 2023 | 259 erstmals publizierter Texte. Bekker studierte von 1965 bis 1968 an der Muthesius-Fachhochschule in Kiel, zog 1962 nach Rendsburg und 1996 nach Lindewitt. Sein erster Gedichtband, Wachsflügels Furcht (1982), brachte ihm gleich den Hebbel-Preis. Er wurde zwar von der Kritik gut beachtet, ein großer Durchbruch beim Publikum gelang jedoch nicht. Dieses neue Buch fasst das lyrische Werk Bekkers zusammen und bewahrt es gleichzeitig. »Damit steht dieser Band neben den Romanen und den Erzählungen und dem reichen malerischen Werk, das Gerrit Bekker in einem langen Leben geschaffen hat«, schreibt der Herausgeber und Freund Arnulf Conradi in seinem Vorwort. Die Eckernförder Rechtsanwältin und Autorin Anna Lena Stapelfeldt (*1991) schreibt in ihrem ersten Roman Manchmal denkt man, es sei Liebe (2022) über Glück und Unglück in der Ehe, über Manipulation und Unterdrückung, vor allem aber über Freiheit und Selbstbestimmung von Frauen. »Wir sprachen über die nächste Nummer des Vademecums, als er mir sagte, dass er etwas über eine Kleinstadt in Schleswig-Holstein gelesen hatte, das seine Neugier geweckt hätte.« Der Autor William Boehart (*1947 in Vermont/USA), der beruflich lange als Archivar im Herzogtum Lauenburg tätig war, nennt seine Roman Der Klang der blauen Gitarre ein »Bekenntnis«. Er erwähnt die Bekenntnisse von Augustinus von Hippo oder von Jean-Jacques Rousseau, doch sein Bekenntnis »soll keine Beichte sein, keine Bitte um Absolution. Ich erwarte keine Vergebung. Von wem auch? Und wofür?« Sein Ich-Erzähler ist gleichalt wie der Autor, hat die gleichen Lebensstationen, nur einen anderen Namen. Ein großer Teil des Romans spielt in Schleswig-Holstein, als Beispiel sei angeführt: »Etwas nördlich von Hamburg an der Bahnlinie nach Neumünster liegt die Kleinstadt K. Ein typischer Ort im ländlichen Schleswig-Holstein, ruhig, bemüht gepflegt, die Einwohnerschaft eher verschlossen. Es war keine attraktive Stadt.« (S. 137) Der Roman selbst ist insgesamt handlungsarm, erinnert nicht wenig an Henry David Thoreaus Walden und endet: »Am Ende habe ich auch über mich geschrieben, schreiben müssen, über mein Leben, und im Laufe des Jahres erkannt, dass es noch nicht vorbei ist. So schreibe ich den (vorläufigen) Schluss meiner Erzählung im Präsens« (S. 387). In relativ hohem Alter legt K. J. Sartor (*1941) seinen ersten Roman vor: Irish Blues oder Das fremde Kind. Hier wird eine entscheidende Phase des 40-jährigen Helden erzählt, dessen Frau mit dem Samen eines fremden Mannes schwanger wird. Alexander zieht sich in den Nordwesten Irlands zurück, um sein Leben zu überdenken. Dabei taucht er tiefer in die Wirklichkeit ein, als ihm anfangs lieb ist. Der Autor lebt in Hamburg und Lübeck. Klaus Rave (*1950 in Eckernförde) kennt man in Schleswig-Holstein vorwiegend als langjährigen Vorstand der Investitionsbank S-H, als Vorsitzenden des S-H Kunstvereins oder als Vorstand der Kulturstiftung des Landes S-H. Mit Der Hammer legt Rave sein Romandebüt vor. Genauer gesagt handelt es sich um einen Kriminalroman, der in der internationalen Kunstszene stattfindet. Zwischen den europäischen Metropolen der Kunst, in denen der Roman spielt (London, Berlin, Riga), blitzt auch immer wieder Schleswig-Holstein hervor: »Immer wenn ich diese großen blauen Kräne sehe, weiß ich, dass ich in Kiel bin.« (S. 151) Ebenfalls im Verlag Rote Katze, betrieben vom ehemaligen Lübecker Bürgermeister Bernd Saxe, ist der Roman Kopflos der in Lübeck lebenden Autorin Charlotte Kerner (*1950 in Speyer) erschienen. Lange Jahre war sie als Journalistin tätig, bevor sie sich dem literarischen Schreiben zuwandte. 1987 erhielt sie für die Biografie von Lise Meitner den Deutschen Jugendliteraturpreis. Sie hat einige Sachbücher geschrieben, Kopflos ist ihr Debütroman. Er spielt im Jahr 2067, 100 Jahre nach der ersten erfolgreichen Herztransplantation, und thematisiert eine erste erfolgreiche »Kopftransplantation« und stellt die Frage, was einen Menschen ausmacht: Der Körper? Das Gehirn? Und wie reagiert die Umgebung? Ein interessantes Gedankenexperiment über die Möglichkeiten und die Grenzen von Medizin.
260 | Nordelbingen 90 Michael Augustin (*1953 in Lübeck) studierte in Kiel und Dublin Anglistik und Volkskunde. 1977 erhielt er den Hebbel-Preis, 1978 gründete er in Kiel das erste Literaturtelefon Deutschlands – das heute noch betrieben wird – und seit 1979 ist er Rundfunkredakteur und Autor bei Radio Bremen. Von Augustin liegen zahlreiche Bücher vor, u.a. Der Chinese aus Stockelsdorf (2005). Sein neuer Band Immer was zu knabbern versammelt eine kompakte Auswahl seiner neuesten und bekanntesten Gedichte und der für ihn typischen Miniaturen aus über 30 Jahren, anlässlich seines 70. Geburtstags. Eine Miniatur als Kostprobe: »Einhaus. Auf dem Weg nach Ratzeburg fahren wir durch einen Ort namens Einhaus, der aber, für jeden sichtbar, mindestens zwei, wenn nicht sogar erheblich mehr Häuser umfasst. ›Man darf nicht alles glauben, was geschrieben steht‹, sagt mein Vater.« (S. 65) Im vergangenen Jahr haben wir an dieser Stelle den Roman Klaus muss raus der Elmshorner Autorin Maiken Brathe (*1970) angezeigt. In diesem Berichtsjahr hat Brathe nachgelegt und den Roman Tünde weiß alles wiederum im auf Frauenliteratur fokussierten Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach am Taunus) veröffentlicht. Der Roman erzählt leichtherzig und lebensfroh vom weiblichen Leben auf dem Dorf: Tünde hat sich von ihrer Partnerin getrennt und lebt bei ihrer Tante Hedi. Es geht drunter und drüber in diesem Dorf voller Frauen, und am Ende geht es natürlich noch um »Modern Love«. Inselhochzeit im kleinen Friesencafé ist der dritte Band in Janne Mommsens (d.i. Volkmar Nebe, * 1960 in Kiel) Friesencafé-Reihe. Im letzten Band (vgl. Nordelbingen 89.2023) konnte die Heldin eine Liebesbeziehung retten und eine eigene beginnen, in diesem greift die Handlung aus bis Montauk auf Long Island/USA. Die Beziehungen zwischen Föhr und Amerika waren schon in der Geschichte stark, nun erreichen sie auch die (Unterhaltungs-)Literatur. Am Ende geht alles gut aus: Oma Anita heiratet ihren Nachbarn, Julia und der Bürgermeister Finn-Ole leben »auch ohne Trauschein gut« und die Geschichten gehen weiter… Anne Müller (*1963 in Flensburg) hatte große Erfolge mit ihren Schlei-Romanen Sommer in Super8 (2018) und Zwei Wochen im Juni (2020). In Wer braucht schon Wunder kehrt sie an die Schlei zurück, in den Sommer 1983. Der Roman erzählt die Geschichte von Lika, die, mit gerade bestandenem Abitur, ihren letzten Sommer in der Heimat verbringt, bevor sie in die große weite Welt zieht. Ein schöner Lesestoff für ›Boomer‹, mit viel Atmosphäre rund um 99 Luftballons, NatoDoppelbeschluss, Vamos a la playa und einem gerüttelt Maß norddeutschen Lokalkolorits. Reimer Boy Eilers (*1948 in Wedel) hat seine neuesten Gedichte versammelt in de m Band Der Schweinswal ist von Menschengröße. Hier wird das Reisen thematisiert, das Gendern, die CoronaPandemie, Hamburg und »Ein schleswig-holsteinischer Janmaat«. Gedichte mit Gehalt. Die Dichterin Anja Ross (*1963 in Kiel) legt in fischkind ihren ersten Lyrikband vor. Zuvor war sie vorwiegend mit wissenschaftlicher Literatur hervorgetreten. Ross spielt in ihrer Lyrik mit mythischen Meeresbewohnerinnen – Undinen, Medusen, Nymphen –, und auch der Titel spricht. Schleswig-Holstein spielt keine kleine Rolle in diesen Gedichten, u.a. erkennbar an Totentanz (in St. Marien, Lübeck) oder Kieler Förde. Der Blick der Dichterin aber geht insgesamt weit über das Heimatliche hinaus. Ein kleiner Anmerkungsapparat mit wertvollen Hinweisen zu Quellen, Einflüssen oder biographischen Hintergründen sowie ein kenntnisreiches Nachwort von Kerstin Hensel ergänzen den Band. Doris Runge (*1943 in Carlow) beging 2023 ihren 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass gibt Heinrich Detering einen Band mit gesammelten Gedichten heraus, von liebe viel. Enthalten sind Gedichte aus elf Bänden zwischen 1985 und 2022, darunter auch café niederegger, die mönche von c. oder das meer.
O. Irlenkäuser: Schleswig-Holsteinische Literatur 2023 | 261 Das Werk von Siegfried Lenz (*1926 in Lyck/Ostpreußen, gest. 2014 in Hamburg) wird seit einigen Jahren in der Hamburger Werkausgabe in 25 Bänden neu gesammelt, zudem werden die einzelnen Bände mit einem großen erläuternden Kommentar versehen. Der im Berichtszeitraum vorgelegt Band 16 Novellen enthält die zwischen 1960 und 2009 erschienenen Texte Das Feuerschiff, Ein Kriegsende, Schweigeminute und Landesbühne – und spannt also einen weiten Bogen um das erzählerische Werk Lenz’. Der Herausgeber Heinrich Detering versieht den Band mit einem umfangreichen Kommentar, der beispielsweise erwähnt, dass Lenz Das Feuerschiff 1958/59 im dänischen Lebøllykke auf Alsen verfasste, der hier Lenz’ Äußerungen zum Feuerschiff auf der Fl ensburger Förde bringt, und der Änderungen des Autors in der Korrekturphase der späten Novelle Schweigeminute, die sich im Deutschen Literaturarchiv befinden, hier genauso beiträgt wie zu allen Texten einen lehrreichen Stellenkommentar. Nach dem 2022 veröffentlichten ersten Band der Oevelgönner Ausgabe Peter Rühmkorfs (*1929 in Dortmund, gest. 2008 in Roseburg im Herzogtum Lauenburg), der Band I/12 – Essays und Monographien 4. Literaturkritik (1953–1962) –, erschien 2023 der zweite Band, startend mit frühen Essays: Sämtliche Werke Bd. I/9: Essays und Monographien 1. Schriften zur Poetik (1953–1967). Dieser Band wurde herausgegeben vom Kieler Germanisten Hans-Edwin Friedrich unter Mitarbeit von David Röhe und Sina Röpke. Der Band enthält vom frühen Über die Künstler und die anderen, erschienen in der Zeitschrift Zwischen den Kriegen im Januar 1953, bis zur großen Schrift Über das Volksvermögen, publiziert bei Rowohlt als Buch 1969. Hier finden sich vielerlei Bedenkenswertes, etwa, wenn Rühmkorf in Lyrik auf dem Markt von dieser Bedeutung als einem »schwarzen Schimmel« schreibt oder wenn er festhält: »Realiter darf sich doch jeder noch praktizierende Poet als lebender Leichnam einer aussterbenden Gattung fühlen« (S. 155). Der »akribische, nie aufgesetzte Apparat« (FAZ) trägt viel zum Lesegewinn bei. Margarete Böhme (*1867 in Husum, gest. 1939 in Hamburg) veröffentlichte 1905 ihren großen Erfolgsroman: Tagebuch einer Verlorenen. Dieses Werk wurde 2021 neu aufgelegt. Im gleichen Verlag erschienen weitere Bände von ihr, im Berichtszeitraum der weniger bekannte Roman Millionenrausch (erstveröffentlicht 1919). Hier kommt eine junge Frau aus Husum nach Berlin und erlebt, wie die Welt des Handwerks gegen den Industrialismus untergeht. Böhme thematisiert die Probleme des Kapitalismus ebenso wie die Zeitumstände in Kriegsund Nachkriegszeit. Husum spielt auch eine Rolle im fünften Band der Krimi-Reihe Theodor Storm ermittelt von Tillman Spreckelsen (*1967 in Kronberg im Taunus). Dieses Mal spielen Storms Verlobte Constanze Esmarch und sein Schreiber Clausen eine Rolle in diesem Fall um einen historischen Geheimbund auf Eiderstedt. Der Band Kuckuckslichtnelken von Sarah Kirsch (*1935 in Limlingerode/Harz, gest. 2013 in Heide) erschien in der Erstauflage bereits 2006. Der Steidl Verlag, zu dem Kirsch damals gewechselt war, macht diesen Band nun wieder lieferbar und ergänzt ihn durch zarte, stilvolle farbige Zeichnungen von Siegfried Klapper. Kirsch schrieb hier ihre Prosa-Autobiographie, die nun wieder zu haben ist. Im Berichtszeitraum erschien ein zweites Buch von Sarah Kirsch, dies eine Erstveröffentlichung: Der Sohn Moritz Kirsch veröffentlicht, versehen mit Anmerkungen von Frank Trende, das Tagebuch aus dem Jahr 1990 – Der Sommer fängt doch so an! Zu der Zeit lebte sie schon einige Jahre in Tielenhemme an der Eider. Im vergangenen Jahr hatte sie sich noch für die gesamtdeutschen Ereignisse interessiert, nun sind ihr die Schafe und ihre Katzen wichtiger. Sie stellt das Private und Politische nebeneinander: »Nebel dampft aus der Eider. Wenig über 0 Grad, die Amsel tut ihr Bestes. Gorbatschow droht nun mit Bürgerkrieg und Blutvergießen.« (S. 25/26)
262 | Nordelbingen 90 Am 30. April 2023 wurde das Stück Dem Marder die Taube von Caren Jeß (*1985 in Eckernförde) am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt, unter der Regie von Stephan Kimmig. Zwischen zwei Frauen entwickelt sich eine vorsichtige Freundschaft. Jeß entwickelt in ihrem Stück Kontraste zwischen Kultur und Kulturfolgern, zwischen Trivialem und Tiefsinn, zwischen Sprache und der Musik der Elmshorner Punkband »Your Toothbrush« – die Jeß extra für dieses Stück erfunden hat. Svealena Kutschke (*1977 in Lübeck) erhielt 2022 den Hebbel-Preis für ihren Roman Gewittertiere (2021). Ihr erstes Theaterstück zu unseren füßen, das gold, aus dem boden wurde 2019 zu den Autorentagen am Deutschen Theater Berlin eingeladen. Ihr Stück No shame in hope wurde am 26. Oktober 2023 am Theater Offenbach aufgeführt, unter der Regie von Magdalena Schönfeld. Das Stück handelt von drei Frauen, mehr oder weniger am Ende ihres Lebens, gerade entlassen aus einer Klinik. Nun sitzen sie an einem Imbiss, an einer verregneten Ampelkreuzung, in einer verregneten Vorstadt, oder ist es doch die Ostsee? »Eigentlich können sie jetzt nach Hause. Aber vielleicht vorher noch kurz ein Brathähnchen? Bevor man sich ganz allein in diese ewig leicht betrunkene BRD wagt?« (S. 249). Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass (*1927 in Danzig, gest. 2015 in Lübeck) hat viele Jahre in der Nähe von Ratzeburg gelebt und gearbeitet. Wenige Schritte von seinem Wohnhaus entfernt stand seine Werkstatt. Hier waren Bücherregale, das Stehpult, seine Schreibmaschine, die Werkbank untergebracht. Nach seinem Tod blieb dies alles an seinem Platz. Der Berliner Fotograf Hans Grunert (*1969) bietet Einblicke in eine Wunderkammer der kleinen Dinge, aus und mit denen Grass große Kunst machte. Grunerts Bilder entdecken diese Dinge neu, ergänzt wird der Band durch einen Text von Heinrich Detering. Kirsten Boie (*1950 in Hamburg) hat über 100 Kinderund Jugendbücher geschrieben und ist nach wie vor überaus produktiv. An dieser Stelle ist ein besonderes Buch von ihr anzuzeigen : Aufruf zum Größenwahn. Es enthält ihre Rede zum Weltfrauentag 2020 beim Senatsempfang im Hamburger Rathaus, und damit ist auch schon angedeutet, worum es geht: Es ist ein Rückblick, eine Bestandsaufnahme und ein Plädoyer für mehr Gerechtigkeit. Sie erzählt von ihrem Weg als Frau und von den Widerständen, die sie überwinden musste. Das kleine Buch ist ein Aufruf, mit Mut und Selbstbewusstsein überkommene Rollenstrukturen zu verändern und auch die eigenen Rollenbilder immer wieder zu überdenken. Plattdeutsch, Friesisch Ein kleines plattdeutsches Kinderbuch hat Ove Thomsen (*1989 in Flensburg) mit Regen in’n Kopp geschrieben. Es geht um den Ameisenbär Gunnelt, der Hausmeister ist im Regenwald und furchtbar viel zu tun hat. Zum Glück findet er den Weg zum Affen Doktor Willi, und auch zum Glück hat er eine Mitbewohnerin, Guschi, das Gürteltier. Der Grafikdesigner Melf Petersen steuerte die Bilder bei. Ove Thomsen ist gebürtig aus Nordfriesland und eigentlich Musiker. Dies ist sein erstes Kinderbuch, dazu ist eine Musikversion erschienen. Für Regen in’n Kopp erhielt Thomsen 2023 den Preis ›Plattdeutsches Buch des Jahres‹. Antje K. Arfsten, die Frisistin und Lektorin am Nordfriisk Instituut in Bredstedt, hat im dortigen Verlag eine Erzählsammlung herausgegeben, die entstanden ist aus einem Schreibwettbewerb. Lätj et hood ai hinge (Lass den Kopf nicht hängen) ist sie betitelt und enthält auf 95 Seiten insgesamt
O. Irlenkäuser: Schleswig-Holsteinische Literatur 2023 | 263 35 Texte – von Erwachsenen wie von Schülern. Den Schreibwettbewerb gewonnen hat die Schülerin Anni Christiansen von Föhr. Der Klappentext verheißt über das Buch: »Literarische Kleinode in nordfriesischen Dialekten, die von Abschiednehmen und Neuanfang, Krieg und Klimawandel handeln oder einfach der Aufmunterung dienen.« Da ich selbst des Friesischen nicht mächtig bin und Hinweise zu den Autor*innen fehlen, sei hier lediglich der Hinweis auf die Publikation erlaubt. 2023 fand zum 35. Mal der vom NDR Landesfunkhaus Schleswig-Holstein veranstaltete plattdeutsche Schreibwettbewerb ›Vertell doch mal‹ statt. Unterstützer sind seit Langem Radio Bremen und das Ohnsorg-Theater in Hamburg. Dieses Buch versammelt »26 plattdeutsche Geschichten« zum Titelthema ›Tohuus‹. Insgesamt, so ist im Vorwort zu lesen, haben sich 1.300 Autor*innen aus allen deutschen Bundesländern sowie aus dem Ausland an dem Wettbewerb beteiligt. Unter den Beiträgern finden sich die pensionierte Husumer Lehrerin Kirsten Abeling, der Dithmarscher Schriftsteller Heiner Egge oder der aus dem baden-württembergischen Dossenheim stammende Randolf Eilenberger, der hier seinen ersten plattdeutschen Text überhaupt schrieb. Einen plattdeutschen Kriminalroman hat Jörg Rönnau (*1961 in Plön) mit Grulich Fund (2022) geschrieben. Genauer gesagt einen plattdeutschen historischen Kriminalroman, mit Theodor Storm und Klaus Groth in den Hauptrollen. Rönnau, von Beruf eigentlich Krankenpfleger, lässt die beiden Husumer Heimatdichter und Hobbydetektive in Lebensgefahr geraten, bis sie den Fall lösen können – natürlich. Kinderund Jugendliteratur Im Jahr 2026 wäre der große schleswig-holsteinische Jugendbuchautor James Krüss 100 Jahre alt geworden. Natürlich bereiten die Verlage dieses große Jubiläum umfassend vor, in diese Arbeiten gehören auch die vier Nachauflagen von Krüss’ Hummerklippen-Büchern. Erschienen in der Reihenfolge Leuchtturm – Sommer – Gäste und Weihnachten wurden die Bücher 2023 neu aufgelegt und neu illustriert. Im Leuchtturm, den Krüss mit knapp 30 Jahren schrieb, ist das spielerische Element seiner späteren Werke noch nicht so ausgeprägt, aber schon angelegt. Die Reihe kommt sehr ansprechend daher. Die Illustrationen von Maja Bohn aus Berlin, die ganzseitige Tafeln und Vignetten geschaffen hat, zeigen den Sinn für den mitunter grotesken Unterton mancher Passagen. Mit den Worten »Ein Märchen von der Hoffnung auf Frieden unter den Menschen« kündigt der Verlag Der Hoffnungsvogel, das neue Buch von Kirsten Boie (*1950 in Hamburg) an. Es geht hier um den Königssohn Jabu, der sich seiner Verantwortung stellt, sich bei der Suche nach dem Hoffnungsvogel auf eine abenteuerliche Reise begeben muss und in deren Verlauf über sich hinauswächst. Das Buch ist ausgestaltet mit Illustrationen von Katrin Engelking, die schon mehrere Bücher von Kirsten Boie und Paul Maar illustriert hat sowie den Astrid-Lindgren-Büchern eine zeitgemäße Illustration geschaffen hat. Ein neues Kinderbuch hat die in der Nähe von Kappeln an der Schlei lebende Autorin Mareike Krügel (*1977 in Kiel) geschrieben: Die Heldin in Almuth und der Hühnersommer will später zur Feuerwehr und »Retterin« werden. Doch zuerst muss sie das Huhn Ingeborg vor dem Hahn retten. Selbstverständlich lernt Almuth in ihrem Urlaub auf dem Land jede Menge neue Freunde kennen und nebenbei noch viel über Couscous, Bio, Diversität und Migration. Ein stimmungsvolles Kinderbuch über Freundschaft, Entdecken und scheinbar unbeschwerte Kindheitsmuster.
264 | Nordelbingen 90 Das Buch Mut ist was Gutes von Arne Rautenberg (*1967 in Kiel) kombiniert Gedichte mit Illustrationen des bekannten Kinderbuch-Künstlers Wolf Erlbruch (1948–2022). Schon das Cover zeigt ein Schwein, das beim mutigen Sprung ins Wasser sowohl Angst als auch Freude empfindet – zwei Gefühle, die zum Mut dazugehören. Arne Rautenberg hat diese wunderschönen Bilder »auf das Schönste« (FAZ) mit Text ergänzt. Beispielsweise: »all diese albernen ängste! / jeder kann fliegen lernen – denkste!« Rautenberg legte 2023 ebenfalls das Buch Dieser Tag ist mein Freund vor, »Gedichte für die guten Minuten«. Diese sehr abwechslungsreichen Gedichte wecken, wie viele Bücher dieses Autors, die Lust am Klang, an Rhythmus und an verrückten Ideen. Dazu passen die Bildvignetten von Nadia Budde sehr gut, sie setzen Objekte wie Subjekte der Gedichte auf weißem Grund ins Bild. Seit 2009 schreibt Alice Pantermüller (*1969 in Flensburg) Kinderund Jugendbücher. Sie gewann damals einen Schreibwettbewerb, der mit einer Buchveröffentlichung verbunden war. Seit rund 25 Jahren hat Pantermüller zahlreiche Bücher publiziert, darunter die bekannte Mein Lotta-Leben-Serie, die Superhelden oder die neueste Florentine Blix-Serie. Diese neue Serie spielt in Flensburg, der Heimatstadt der Autorin: »Hallo. Oder auch Moin, wie man in Flensburg sagt, wo ich lebe.« Thema des ersten Bandes Tatort der Kuscheltiere ist ein verschwundenes Kind, und auch das deutsch-dänische Verhältnis in Flensburg spielt eine Rolle, da der Verschwundene nur Dänisch spricht. Im zweiten Band, Geheimakte Flaschenpost, wird am Strand eine Flaschenpost angespült, und die Segel-AG des Fördegymnasiums macht sich auf die Suche. Die Bände wurden aufwändig von Daniela Kohl illustriert, die auch bereits die Mein Lotta-Leben-Bände bearbeitet hat. Aus dieser Serie wurden der Band Alles Bingo mit Flamingo (2022) und Alles Tschaka mit Alpaka! (2022) verfilmt, »Alpaka«-Buch und Film spielen während einer Woche Schullandheim auf Amrum. Der 19. Band der ›Lotta‹-Reihe mit dem Titel Hier taucht der Papagei ist ebenso aufwändig illustriert (von Daniela Kohl) wie die übrigen Bände und eignet sich auch daher gut für wenig geübte Leser*innen. Lotta hat ein neues Hobby – Skateboardfahren. Die Kieler Schauspielerin Dayan Kodua (*1980 in Ghana) war früher einmal Cheerleaderin bei der Football-Mannschaft Kiel Baltic Hurricanes, 2011 war sie die erste schwarze ›Miss Schleswig-Holstein‹. Sie wuchs in Kiel-Gaarden auf, man kennt sie aus Filmen wie Die Pfefferkörner, Tod in Mombasa oder dem Tatort. Im Jahr 2021 veröffentlichte sie in ihrem eigenen Verlag ihr erstes Buch Odo und der Beginn einer großen Reise. Das Kinderbuch Wenn meine Haare sprechen könnten (2022) thematisiert die Bedeutung, andere Haare zu haben als die Mehrheit. Am Ende hat die Heldin Mut gefasst, zu sagen, wenn ihr etwas nicht gefällt. Ergänzt wird das von Nicole Gebel aus Bordesholm illustrierte Kinderbuch von weiterführenden Informationen zu »Braids« und »Cornrows« sowie einigen Frisuren aus dem Band wie »Bantu Knots« oder »Sisterlocks«. Ein Buch für andere Perspektiven auf die Welt. Die Bilderflut der modernen Welt lässt das Können von Sprache immer mehr in den Hintergrund treten. Kinder wissen noch intuitiv, dass Sprache ein wunderbarer Spielplatz ist. Der Autor Uwe-Michael Gutzschahn und der Kieler Illustrator Jens Rassmus (*1967 in Kiel) nehmen sich das bekannte Nonsens-Gedicht Dunkel war’s, der Mond schien helle vor und lassen mehrere Könner des Faches (darunter Paul Maar) weitere Strophen erfinden. Antonia Michaelis (*1979 in Kiel) ist eine produktive Kinderbuchautorin. Aus ihrer Feder stammen rund 50 Kinderund Jugendbücher, die sie seit 2002 veröffentlicht hat. Dazu zählen u.a. die Serien Kreuzberg 007, Ammerlo oder Ella Fuchs. Michaelis ist in jungen Jahren viel gereist, u.a. nach Indien, Italien, Griechenland, die Türkei. Diese Eindrücke finden sich in ihren Büchern vielfach wieder. In Weil wir träumten (2022) reist die Heldin Emma nach Madagaskar und kann hier ihre schwere Krankheit fast vergessen. Als sie die Einheimische Fy kennenlernt, lernt sie mehr über
O. Irlenkäuser: Schleswig-Holsteinische Literatur 2023 | 265 Armut, Ge walt und weitere Schattenseiten des Paradieses. Der Roman Scheißglitzertage spielt im Jahr 2022 auf Usedom, wo Michaelis heute lebt. Die 17-jährige Hauptfigur kennt die Plattenbauten in Wolgast aus eigener Erfahrung und jobbt als Eisverkäufer für die vielen Touristen, die die Insel jeden Sommer bevölkern. Als er die ukrainische Ulja trifft, die vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen ist, verändert sich seine Perspektive. Der Roman Die Bucht des blauen Oktopus spielt in Griechenland. Die 11-jährige Heldin, die hier ihren Urlaub verbringt, lernt den einheimischen Jorgos kennen, und gemeinsam suchen sie einen Schatz im Meer, das vermutlich die eigentliche Hauptrolle im Roman spielt. »Ich hörte das Meer. Das Rauschen seiner stetig an den Strand schlagenden Brandung. Und ich dachte einen klaren Gedanken: Ich muss ins Wasser« (S. 289). Daraus entwickelt sich eine magische Geschichte, in der ein uralter blauer Oktopus eine zentrale Rolle einnimmt. Ebenfalls im Meer spielt Michaelis’ Roman Minik. Aufbruch ins weite Meer (2022) in der Loewe-Reihe Das geheime Leben der Tiere. Der Seehund Minik schwimmt aus der Ostsee in die Nordsee, und zwar gemeinsam mit seinem Freund, dem Buckelwal Lottazwei. Ein »umweltpädagogischer« Roman mit Illustrationen von Verena Körting, die u.a. Kirsten Boies Sommerby-Serie illustriert hat. In dieser Serie erschienen weiterhin Minik. Der Ruf der Arktis (2022), Abenteuer im Korallenriff und Ein Seehund findet nach Hause. Die Autorin Yvonne Struck (*1976 in Lübeck) schreibt ausweislich eines Interviews »realistische Jugendbücher, das heißt, meine Bücher sollen das Leben der Jugendlichen abbilden« (Verlagshomepage). Ihr neues Buch Ich, die Jungs und die Sache mit dem Coolsein (2022) ist der vierte Band einer Teens-Serie, Zielgruppe sind Kinder ab 12 Jahren. In diesem Band dreht sich alles um erste Erfahrungen mit der Liebe, den ersten Kuss, und die Verwirrung der Gefühle. Eine humorvolle junge Lektüre. Der Billabongkönig ist das erste Jugendbuch des in Ratzeburg lebenden Autors Matthias Kröner (*1977 in Nürnberg). Er war bisher vorwiegend als Verfasser von Reiseführern tätig. Für seinen Billabongkönig (2022) wurde Kröner für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, außerdem stand das Buch auf der Shortlist der Stiftung Buchkunst für ›Die schönsten deutschen Bücher‹. In Australien ist ein Billabong eine natürliche Wasserstelle, und gewohnheitsgemäß sind die größten Krokodile deren ›Herrscher‹. Eine lehrreiche Geschichte über Gemeinschaft, Moral und ein gutes Leben. Die Illustrationen von Mina Braun tragen viel zum Lesevergnügen bei. Die Kinderbuchautorin Harriet Grundmann (*1969 in Berlin) wuchs in Büsum auf. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher. 2023 erschien Ich muss los, sagte der Bär. Es geht darum, den Grund für die Reiselust zu finden. Das Fazit lautet, das sei an dieser Stelle verraten: »Das ist ganz einfach. Ich bin weit gegangen, um einen Ort zu finden, von dem aus ich gut zurückblicken kann.« Abstract This essay presents almost 50 works of Schleswig-Holstein literature published by German-language publishers in 2023 in brief reviews. In addition there are 12 as dating from 2022. The overview is intended to be as complete as possi ble. Today, Schleswig-Holstein literature is usually understood to mean that authors are born in Schleswig-Holstein or they have lived or worked in Schleswig-Holstein for a certain period of time or that their works have an impact in literary life in Schleswig-Holstein. The essay is intended as an overview of the literary landscape of Schleswig-Holstein and its anchoring in the German literary scene.
272 | Nordelbingen 90 (Magnussen, Kraack), die Ordensnetzwerke und -besonderheiten (Bünz, Muschiol) sowie die religionsgeschichtlichen und theologischen Rahmenbedingungen (Lorentzen, Müller, Evers) präsentiert und schließlich umfassend die Werkmonografie des Retabels betrachtet. In diesem zweiten Teil wird personenzentriert (Karrenbrock, Richter), historisch (Habenicht, Hillebrand, Wenderholm), bildwissenschaftlich (Evers, Weissert, Heitel, Kock) sowie kulturhistorisch (Lemaitre, Sternberg) argumentiert. Einführend verortet Oliver Auge den Stifter des Retabels, Herzog Friedrich I. von Schleswig und Holstein, als Hauptakteur innerhalb der kirchlichen und politischen Entstehungsbedingungen des Werks am Vorabend der Reformation in den Herzogtümern, die für seine Etablierung im südwestlichen Ostseeraum und den Erfolg der Klosterund Kirchenreform relevant waren. Enno Bünz und Gisela Muschiol befassen sich mit der Blütezeit des Augustiner-Chorherrenstifts in Bordesholm sowie mit den durch die Windesheimer Kongregation geförderten Impulsen der Devotio moderna. Stefan Magnussen analysiert die Verortung des Augustiner-Chorherrenstifts im Kontext einer übergeordneten Stiftungsund Memorialpraxis des Herzogpaares Friedrich I. und Anna von Brandenburg. Dabei hebt er hervor, dass das Flügelretabel von Brüggemann zwar einen Höhepunkt darstellt, die Stifter jedoch neben Bordesholm auch die St. Jürgenkapelle im St. Petri-Dom in Schleswig, die Zisterzienserkirche von Løgumkloster oder Klöster in Schleswig, Kiel und Tønder berücksichtigten. Tim Lorentzen widmet sich der frömmigkeitstheologischen Grundlage des Bildprogramms des Retabels, welche die Augustiner-Chorherren schon vor der Devotio moderna vertraten. Andreas Müller zeigt, dass Einzelszenen auf eine Interpretation aus Perspektive einer augustinischen Theologie konzipiert worden sind. Luca Evers schlägt vor der Folie der zeitgenössischen Sakramentenlehre vor, die vierte Mahlsdarstellung in der Predella als eine Darstellung von Augustinus während der Spendung des Sakraments zu lesen. Detlev Kraack widmet seinen Beitrag einer umfassenden Darstellung des letzten katholischen Bischofs von Schleswig, Gottschalk von Ahlefeldt (1475–1541), der dem Herzog als Kanzler nahestand und möglicherweise auch das inhaltliche Konzept des Bildprogramms des Retabels verantwortete. Thomas Sternberg argumentiert anhand von Quellenüberlieferungen, ikonografischen Vergleichen und heilsgeschichtlicher Bedürfnisse, dass die Figur des Christuskindes konzeptuell in der vergitterten Mittelnische der Predella gestanden haben muss. Der folgende kunsthistorische Teil ist nicht ohne den 25 Jahre älteren Tagungsband Der Bordesholmer Altar des Hans Brüggemann. Werk und Wirkung, 1996 von Uwe Albrecht, Gerhard Kaldewei, Hartmut Krohm, Uta Lemaitre und Ursula Lins herausgegeben, zu denken. Anlass waren damals neben dem 475-jährigen Jubiläum seiner Fertigstellung neue kunsttechnologische Untersuchungsergebnisse von Ursula Lins und Uta Lemaitre, die erstmals Erkenntnisse zum Werkprozess und den verwendeten Materialien boten. Durch diese Grundlagenforschung erhielt die ›Brüggemann-Forschung‹ in der Folge einen deutlichen Aufschwung. Als neue Einsichten lassen sich nun im neuen Band u.a. folgende Aspekte finden: Für die Rekonstruktion des unteren Schreinbereichs des sog. Goschhof-Retabels, das als Frühwerk Brüggemanns gilt, schlägt Constanze Köster nun einen Arbor Annae an der Fehlstelle um den Baum mit dem Christuskind in Analogie zum Motiv einer Wurzel Jesse vor. Thekla-Christine Kock führt ferner das in Nordeuropa häufig anzutreffende Motiv der Seelengeleiter ein, das in der ikonografischen Kombination mit dem Jüngsten Gericht ein Alleinstellungsmerkmal ist und nicht auf die (auch in diesem Band) vielfach zitierten Beispiele aus der Druckgrafik zurückgeht. Das breite Interesse an Reproduktionen des Retabels seit dem 19. Jahrhundert ist zwar bekannt, doch kann Iris Wenderholm durch die Rezeptionsgeschichte seinen Weg in den Kanon der Kunstgeschichte nachzeichnen. Insgesamt wird deutlich, dass eine erneute umfassende, multiperspektivische Auseinandersetzung mit dem Bordesholmer Altarretabel im Schleswiger Dom zu neuen Erkenntnissen führen kann. Die kontextuellen Rahmenbedingungen wie die kirchenpolitische Situation am Vorabend der Reformation, die Rolle des Stifters und die des Aufstellungsortes in der Augustiner-Chorherrenstiftskirche stehen in direkter Verbindung zur Gestaltung des monumentalen Ausstattungsstücks. Ferner wird deutlich, dass die kunsthistorischen Hauptfragen zu diesem Werk auch 2021 weiterhin kontrovers diskutiert wurden: Die Identifizierung der beiden Säulenfiguren sowie die Rolle der Monochromie respektive der Holzsichtigkeit. Auf dieser Tagung sprachen viele Argumente für eine Identifikation der Säulenfiguren als Augustus und der Tiburtinischen Sibylle (Lins, Sternberg, Karrenbrock) sowie für eine von Anfang an geplante Holzsichtigkeit. Es bleibt also abzuwarten, ob sich 2046 zur 525-jährigen Fertigstellung des größten Retabels in Schleswig-Holstein und dem 380-jährigen Jubiläum am Standort im Schleswiger Dom erneut eine Initiative finden wird, die an die Tradition der bisherigen Tagungen anschließt und die Forschung fortsetzt. Zu wünschen wäre es. Julia Trinkert Institut für Kunstgeschichte der Heinrich-HeineUniversität Düsseldorf
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