Züge ohne Gott: Claus Harms über Bahnfahren und Wallfahren anno 1844
Abstract
Zwei große Ereignisse bewegten die Öffentlichkeit im Jahr 1844. Die Wallfahrt zum ›Heiligen Rock‹ erregte in ganz Deutschland Aufsehen: Das angebliche…
Full text
| 189 CARSTEN SCHOLZ Züge ohne Gott Claus Harms über Bahnfahren und Wallfahren anno 1844 Die »größte organisierte Massenbewegung des deutschen Vormärz«1 war keine politische, sondern eine kirchliche: Der katholische Bischof von Trier, Wilhelm Arnoldi, hatte im Jahr 1844 zu einer Pilgerfahrt zum ›Heiligen Rock‹ aufgerufen – dem Untergewand Christi, das unter dem Kreuz an einen römischen Soldaten verlost,2 der Legende nach im 4. Jahrhundert von der Kaiserin Helena nach Trier verbracht worden war und nun vom 18. August bis zum 6. Oktober3 als Reliquie im Dom ausgestellt wurde, um die gegen den Rationalismus gerichtete katholische Erneuerungsbewegung zu unterstützen. Der Erfolg war überwältigend: Rund eine »halbe Million« Pilger besuchte das Rock-Festival in Trier, das zugleich ein riesiges, wenn auch gespaltenes Medienecho hervorrief.4 Der katholische Priester Johannes Ronge richtete Anfang Oktober ein Offenes Sendschreiben an Arnoldi und warf ihm Geschäftemacherei, vor allem aber eine bewusste Täuschung der Gläubigen vor, nicht nur hinsichtlich der behaupteten Echtheit des Kleidungsstücks, sondern auch der ihr zugeschriebenen abergläubisch-magischen Kraft. Ronges Kritik gipfelte in dem Zuruf: »Denn wissen Sie nicht, – als Bischof müssen Sie es wissen, – daß der Stifter der christlichen Religion seinen Jüngern und Nachfolgern nicht seinen Rock, sondern seinen Geist hinterließ?«5 Während der Aufsässige noch im selben Jahr exkommuniziert wurde, rief er zur Gründung einer neuen »romfreien« Kirche auf; bald gründete sich um ihn die Bewegung des Deutschkatholizismus, die sich gemeinsam mit liberal-protestantischen ›Lichtfreunden‹ in die Tradition der Aufklärung stellte. Die Wogen der Erregung erreichten in Ausläufern auch das protestantische Schleswig-Holstein. Einerseits bot der revitalisierte Wallfahrtsund Reliquienkult der Katholiken eingedenk der Reformation den Anlass zu erneuter Abgrenzung. Andererseits standen sich auch hier orthodoxe ›Erweckung‹ und ›Rationalismus‹ in offener Gegnerschaft gegenüber, seit der Kieler Pastor Claus Harms 1 Schieder 1996, S. 15. 2 Vgl. Matthäus-Evangelium 27, Vers 35. – Johannes-Evangelium 19, Vers 23–24. 3 Siehe Schieder 1996, S. 16. – Dort auch das folgende Zitat. 4 »Es dürfte in Deutschland keine Zeitung gegeben haben, die nicht mehr oder weniger ausführlich über diese Wallfahrt und den darüber entbrannten Streit berichtet hätte. Noch bemerkenswerter ist, daß Vorbereitung, Verlauf und Ergebnis der Wallfahrt von einer Flut von Broschüren und Flugschriften begleitet wurde.«; Schieder 1996, S. 69. 5 Ronge, Johannes: Urtheil eines katholischen Priesters über den heiligen Rock zu Trier, zit. nach: Ronge 1845, S. 40 (Anm.). – Vgl. auch Schieder 1996, S. 70–75. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2941-3362/p18
190 | Nordelbingen 90 zum Reformationstag 1817 seine provokativen 95 theses6 über den Zustand der lutherischen Kirche verkündet hatte. Harms äußerte sich über die Trierer Wallfahrt anlässlich einer Predigt zum Reformationstag 1844, die er im Druck verbreiten ließ. Gleiches hatte er mit seinen Reformationspredigten in den Jahren von 1817 bis 1822 regelmäßig, dann aber erst wieder im Vorjahr 1843 getan.7 6 Harms 1817a. 7 Harms hatte die ersten sechs Predigten in drei Schriften zusammengefasst: Harms 1817b. – Harms 1820. – Harms 1823. – Harms 1843. – Keiner dieser Texte ist enthalten in Harms 1955. Abb. 1: Erstdruck der Glosse Die Bahnprobelustfahrt. Original im Besitz des Autors. Foto: Carsten Scholz.
C. Scholz: Züge ohne Gott | 191 Im Sommer 1844 bewegte in Schleswig-Holstein auch ein lokales Großereignis die Gemüter, das ebenfalls festlich begangen wurde und enorme mediale Resonanz erzeugte: der Bau und die Eröffnung der Eisenbahnstrecke zwischen Altona und Kiel – sie war »die erste des dänischen Gesamtstaates«,8 außerdem »die längste in einem Stück zusammenhängend eröffnete Bahn Deutschlands«. Hatten bereits ab dem Frühjahr 1843 die quer durch Holstein sich ziehenden Bauarbeiten »Aufmerksamkeit im Herzogtum erregt«9 – im Kieler Wochenblatt wurden sogar »Tagesund Halbjahreskarten für die Besichtigung angeboten« –, so erst recht die »ab Mitte Juli 1844«10 noch vor der eigentlichen Eröffnung durchgeführten öffentlichen Probefahrten. Diese dienten der »Materialprüfung«, insbesondere der aus England importierten Lokomotiven und des umfangreichen Fuhrparks von Personenund Güterwaggons, wie auch der Schulung von Lokführern und Heizern sowie des gesamten übrigen Bahnpersonals, seien es Streckenposten und Schrankenwärter, Schaffner oder Stationsvorsteher. Im Gegensatz zu den »rein technischen Erprobungen, bei denen Zuschauer schon aus Sicherheitsgründen unerwünscht waren, erschien es nun geradezu nötig, Publikum einzuladen, um unter realistischen Betriebsbedingungen zu arbeiten«. Darum gewährte man »allen Interessierten die kostenlose Mitfahrt auf den Zügen, – ein Angebot, das auf starke Resonanz stieß«, ja, es entstand, wie die Direktion der Eisenbahngesellschaft am 5. August berichtete, »ein so außerordentlicher Zudrang, daß diesem auf keine Weise gesteuert werden konnte, und auf dieses ließ es sich in hohem Grade befürchten, daß die Willkür an die Stelle fester Anordnungen […] treten würde«. Die Sensation, die diese Veranstaltung machte, war Claus Harms gleichfalls nicht entgangen. Bereits am Mittwoch, dem 24. Juli, veröffentlichte er im Kirchenund Schulblatt für die Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg einen Artikel über Die Bahnprobelustfahrt ( Abb. 1 ), die am Sonntag, dem 14. Juli,11 unter Beteiligung von zahllosen Honoratioren und Zaungästen stattgefunden hatte. Gab es für den Gottesmann eine innere Verbindung zwischen den zeitlich parallelen Großereignissen des Jahres 1844? ›Die Bahnprobelustfahrt‹ – kein harmloses Vergnügen Nahm schon die Überschrift mit der eigentümlichen Wortschöpfung die Verwandlung der dienstlichen Prüfin eine allgemeine Lustfahrt ins Visier, so zeigte sich Harms über deren enorme Publizität noch mehr als über das Ereignis selbst irritiert: »Was sie gethan haben, das beschreiben sie oder lassen es beschreiben im Altonaer Merkur, von da es in alle Blätter kommt und dann von Mund zu Mund vor alles, was Ohren hat im Lande und weiter«.12 Das »ungetrübt gebliebene heitre Fest, wie sie es nennen«, 8 Dieses und das folgende Zitat: Karich 1994, S. 194. – Von der Eisenbahnbegeisterung war natürlich ganz Deutschland erfasst: »Die Nachrichten über die Eisenbahn, ob gut oder schlecht, füllten die Zeitungen und sicherten ihr damit eine außerordentliche Präsenz im Bewußtsein der gebildeten Öffentlichkeit. Keine andere Neuerung der industriellen Revolution regte die Phantasie der Menschen so sehr an wie die Eisenbahn«; Weiss 1985, S. 52. 9 Dieses und das folgende Zitat: Karich 1994, S. 181. 10 Dieses und die folgenden Zitate: Karich 1994, S. 187. 11 Siehe Heggen 1988, S. 32. 12 Dieses und die folgenden Zitate: Harms 1844a, Sp. 201. – Die Bedeutung, die der kurze Text für Harms besaß, reichte über den ephemeren Anlass hinaus, denn er nahm ihn auch auf in den Band Vermischte Aufsätze und kleine Schriften, einige bisher noch nicht gedruckte, die Landwirthschaft, das publicistische und politische Leben, die Sprache, das Schulund Kirchenwesen betreffende, Kiel 1853, S. 289–294.
192 | Nordelbingen 90 erfuhr bereits in seinem Verlauf einen wundersamen, von Station zu Station lawinenartig anschwellenden Zuspruch: Die nicht genauer benannten Teilnehmer hätten sich »gegen 10 Uhr Morgens auf dem Bahnhof in Altona eingefunden, sind 10¼ abgefahren, haben in Pinneberg und in Elmshorn sich noch Manche zugesellt, sind 1½ Uhr in Neumünster angekommen«;13 dort hatte die Festgemeinschaft Rast gemacht, hatte »gegessen, getrunken und getoastet« und war schließlich, »um 60 Personen von Kiel und Neumünster vermehrt« und nach »eingenommenem Mittagsmahl wieder nach Altona gefahren«, nicht ohne »der Direction den innigsten Dank für die Veranstaltung dieses Festes« darzubringen. Harms war gut informiert, wie ein Augenzeugenbericht aus Neumünster bestätigt: »Am 14. Juli, nachmittags 2 Uhr, kam der erste Zug hier an (Übungsfahrt). Es waren acht Waggons hinter der Lokomotive. Alles, was Beine hatte, zwei Meilen im Umkreis von Neumünster, hatte sich beim Bahnhof eingefunden. Mit Kanonendonner, Musik und Hurra wurde der Zug empfangen. 18 Flaggen waren aufgestellt. Von Altona kamen 200 Personen mit, die hier zu Mittag aßen. Nach Altona fuhren 60 Neumünsteraner mit und alle unentgeltlich. Um vier Uhr fuhr der Zug wieder ab«.14 Harms meinte, die Fahrenden hätten »durch ihren Aufzug und Zug«15 noch »mehrere hunderte, und wahrscheinlich eine noch größere Zahl als sie selber sind, […] in Altona und Neumünster die ganze Strecke Weges dazwischen«, und darüber hinaus »das gesammte, von ihnen gerühmte, Bahnpersonal, die Restaurateure an den Anhaltspuncten« sowie schließlich zahllose Neugierige an der gesamten Strecke dazu animiert, »diesem aufgefahrnen Schauspiele zuzusehen. Es geht sicher in die Tausende, welche die Theilnehmer an diesem Feste, wie sie es nennen, gewesen sind. Eine großartige Sabbathsentweihung«! Wir lesen richtig! Die kollektive ›Bahnprobelustfahrt‹, die an jenem Sommersonntag stattgefunden hat, gerät in der Schilderung des Kieler Oberkonsistorialrats zu einer blasphemischen Fahrt, vor dem Hintergrund der ihre Schatten vorauswerfenden Wallfahrt zum Heiligen Rock erscheint sie wie die Kontrafaktur eines Pilgerzugs in Form eines bloßen Hin und Her von Altona nach Neumünster und zurück. In doppeldeutigen Wendungen entlarvt Harms die leere Selbstreferenz von »Aufzug und Zug« als ein »aufgefahrne[s]« Schauspiel des Auffahrens, als eine ziellose ›Bewegung‹ um ihrer selbst willen, bei der die Teilnehmer »sich selbst uebeten«.16 Doch zum gotteslästerlichen Gegen-Sabbath wird der Ausflug, indem es just am Tag des Herrn geschieht, dass die »Gesellschaft den ganzen Tag […] an den Kirchen wie ein Vogel vorbeigeflogen ist«, zu einer Zeit, »während welcher die Christen sollen in ihren Gotteshäusern bei einander seyn zur Uebung ihrer Frömmigkeit«.17 Das massenhafte Versäumnis des Gottesdienstes durch die lustigen ›Zugvögel‹ provoziert umso mehr, als »dieses Fest der Sonntagsentheiligung, zur fröhlichen Botschaft an das ganze Land, wie sie meinen, als ein gefeiertes kund und zu wissen gethan wird«18 – in direkter Konkurrenz zur ›frohen Botschaft‹ der Bibel, wie Harms als religiöser Autor sofort wittert. Damit ist die hohle holsteinische Fortschrittsfeier ein vielleicht noch gefährlicheres Gegenprogramm zum Luthertum als der katholische Reliquienkult in Trier. An sich hatte Harms nichts gegen die Bahn. Im Gegenteil, erst im Jahr zuvor hatte er in sein Jugendund Volkslesebuch Gnomon einen Artikel über Eisenbahnen des an der Planung maßgeb13 Neumünster hatte »von Beginn an als Station auf der Hälfte der Linie besondere Bedeutung«, auch war hier der Bau des mehrere G ebäude umfassenden Bahnhofs bereits »am weitesten fortgeschritten auf der ganzen Bahn«; Karich 1994, S. 184. 14 Chronik des Bäckermeisters August Haß, zit. nach Heggen 1988, S. 32. 15 Dieses und die folgenden Zitate: Harms 1844a, Sp. 202. 16 Dieses und das folgende Zitat: Harms 1844a, Sp. 203. 17 Harms 1844a, Sp. 202. 18 Harms 1844a, Sp. 201.
C. Scholz: Züge ohne Gott | 193 lich beteiligten Kieler Bürgermeisters Schwen Hans Jensen19 eingerückt, der die Leser mit der neuen Technik vertraut machen wollte: »Eisenbahnen sind Wege, auf denen die Wagengleise mit Eisen belegt sind. Je härter und ebener der Körper, auf welchem die Wagenräder sich fortbewegen sollen, desto leichter sind diese in Bewegung zu setzen und zu erhalten. Daher zieht z. B. ein Pferd auf der Chaussee mehr als 4 Pferde in Sandwegen […] und eben so zieht auch wieder 1 Pferd auf einer Eisenbahn mehr als 6 Pferde auf der Chaussee. Eine solche Wirkung wird jedoch durch eiserne Wagengleise nur dann vollständig erreicht, wenn zugleich die Bahnlinie wagerecht (ohne Ansteigung) ist«.20 Aus Jensens Artikel sprach die Leidenschaft für Kraft und Geschwindigkeit: »Eine gewöhnliche Locomotive führt auf der Eisenbahn die Arbeit von mehr als 100 Pferden aus«,21 und »die Schnelligkeit mit welcher man auf Eisenbahnen mittelst Dampfmaschinen (Locomotiven) fährt, beträgt bei Personenbeförderung gewöhnlich 4 geographische Meilen die Stunde«; diese »ist schon dieselbige, wie die eines galoppirenden Pferdes (28 Fuß in der Secunde), während die gedachte größte Schnelligkeit der Locomotive (von 7-10 Meilen die Stunde) der Geschwindigkeit des Sturmes (56 Fuß in der Secunde) gleichkömmt«.22 Auch Harms lernte die neue Reisegeschwindigkeit später durchaus zu schätzen, besuchte ihn doch von seinen drei Kindern »der Sohn in Neumünster auf ¾ Stunden Eisenbahnnähe am öftesten«,23 und noch 1853, als dem erblindeten Greis das Reisen schwer fiel, kündigte er an, er werde im Sommer »in Kiel sein oder etwa in einer nur ¾stündigen Entfernung von Kiel, bei meinem Sohn in Neumünster«.24 Vorerst aber nahm er einen anderen Standpunkt ein: »Ich habe mich auf diesen kleinen, allerkleinsten Hügel des Itzehoer Kirchenund Schulblattes gestellt, um eine Rüge zu reden«.25 Allzu niedrig war ihm dieser Hügel, weil das von Harms selbst initiierte Periodikum gleichfalls erst 1844 das Licht der Welt erblickt hatte. Umso mehr wurmte ihn die mediale Breitenwirkung, die die Eisenbahnfreunde genossen, denn auch er hätte »lieber« gestanden »auf dem Berge des Altonaer Merkurs, eben auf den Höhen, wovon herab das ungetrübt gebliebene heitre Fest« bekannt gemacht worden war. Der in den Ebenen der Marsch und auf den Höhen des Donns aufgewachsene Dithmarscher Harms hatte ein feines Gefühl für Niveau-Unterschiede! Sein polemisches Rügemaal (Untertitel) gegen die Bahnprobelustfahrt beanspruchte vor allem theologisch einen höheren Standort – entsprechend der Verheißung Jesu im Matthäus-Evangelium: »Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein«.26 Und so wie »das Wort, sage ich mit einem Propheten, ward in meinem 19 Jensen gehörte 1842 zum Gründungsvorstand der »Altona-Kieler Eisenbahngesellschaft« und zeichnete privat zehn Aktien im Wert von je 100 Speciestaler; siehe Karich 1994, S. 170 bzw. 168. 20 Jensen 1843, S. 339. – Zum Gnomon vgl. zuletzt: Kraack 2016, S. 213–233. 21 Dieses und die folgenden Zitate: Jensen 1843, S. 340. 22 Karich berechnete, »daß später die fahrplanmäßige Durchschnittsgeschwindigkeit (ohne Berechnung der Aufenthalte) 41,4 km/h betrug. Sie reichte folglich sicher nicht an die bei den Probefahrten erreichten 80 km/h heran«; Karich 1994, S. 188, Anm. 153. 23 Claus Harms an Eduard Schuderoff, 30.12.1851, in: Zillen 1909, S. 399. 24 Claus Harms an Eduard Schuderoff, 6.7.1853, in: Zillen 1909, S. 405. 25 Dieses und die folgenden Zitate: Harms 1844a, Sp. 201. 26 Matthäus-Evangelium 5, Vers 14.
194 | Nordelbingen 90 Herzen wie ein brennend Feuer«,27 so hätte es auch verdient, aus der Höhe »schneller und weiter gehört zu werden« als die rauchende und »lärmende Maschine sammt den neuen Wagen«28 der Eisenbahn, die auch topographisch den Weg des geringsten Widerstands durch die Niederungen nahm. Den in Jensens Beitrag erwähnten Umstand, dass die Bahn ihre volle Leistung nur in der Ebene und »ohne Ansteigung« erbringe,29 baute Harms in den metaphorisch-moralischen Vorwurf an einen ihm bekannten Mitfahrer ein: »Du aber hast dich auf eine ebne Bahn bringen lassen, die wahrlich nicht am Sonntag so heißen kann«.30 Am Tag des Herrn bot sich ihm das Schauspiel einer verkehrten Welt. Deren negative Vorzeichen erkennt Harms etwa am gesellschaftlichen Status der »Dampflustfahrer«:31 Denn es seien keineswegs Arbeiter gewesen, »die nach sechs in schwerer Arbeit zugebrachten Tagen sich ein Vergnügen haben machen wollen«, oder »Marschgänger, die sich zu ein paarhundert gesammelt und benutzen die eben postmäßig gehende Locomotive«,32 sondern »Männer, die mehrenteils den Wochentag eben so frei wie den Sonntag« und doch »soviel Geld in den Taschen haben, daß sie jeden Wagen von Altona nach Neumünster und von Neumünster nach Altona bezahlen können« – die unnütze Sonntagslustfahrt aber nahmen sie gratis in Anspruch. Dieses Verhalten stand in genauem Gegensatz auch zur demütigen Opferbereitschaft der katholischen Pilger, allermeist »Angehörige der sozialen Unterschicht«,33 die bereit waren, »ihren letzten Kreuzer nach Trier«34 zu bringen. Während sich das rheinische »Bürgertum von Bildung und Besitz«35 von den Wallfahrern peinlich fernhielt, war es bei den holsteinischen Bahnfahrern umgekehrt – gerade das musste beunruhigen. Es waren »Männer unter ihnen, welche in Würden und Amt stehen und eine besondere Verpflichtung haben, auf Gesetzmäßigkeit, Ordnung und gute Sitten ihres Orts zu sehen«.36 Stattdessen, klagte Harms, begingen sie »eine Riesen-Contravention gegen die Sonntagsverordnung. Ists denn keine Contravention des 8ten §., kein geräuschvolles Vergnügen? und des 9ten §., keine lärmende Uebung und Unternehmung?«37 Was sei es dagegen, »wenn der Bürger unter der Predigt zu seinem Milchbauern aufs Dorf fährt oder wenn der Torfbauer ein Fuder Torf Sonntags um 10 in die Stadt bringt!« – gängige Verstöße gegen die Sonntagsruhe, über die landauf, landab die Pastoren in ihren Visitationsberichten lamentierten.38 Ungeheuerlich ist auch die Teilnehmerzahl, »eine zu große, starke, als daß die Policei in Altona, in Elmshorn und in Neumünster sich hat widersetzen können, zu groß die Zahl, zu stark die Auctorität derer, die sich während der gottesdienstlichen Stunden mit Geräusch vergnügten«. 27 Nach Jeremia 20, Vers 9. – Dieses und das folgende Zitat: Harms 1844a, Sp. 201. 28 Harms 1844a, Sp. 203. 29 Dafür waren »bei Bordesholm tiefe Einschnitte in die Hügelketten notwendig«; Karich 1994, S. 174. 30 Harms 1844a, Sp. 203. 31 Dieses und die folgenden Zitate: Harms 1844a, Sp. 202. 32 Zu den auch »Monarchen« genannten Landarbeitern in wilhelminischer Zeit und weiterer Literatur vgl.: Scholz 2002, S. 70–91. 33 Schieder 1996, S. 21. 34 Schieder 1996, S. 19. 35 Schieder 1996, S. 25. 36 Harms 1844a, Sp. 202–203. 37 Dieses und die folgenden Zitate: Harms 1844a, Sp. 203. 38 Vgl. dazu: Scholz 2007, S. 110–113.
C. Scholz: Züge ohne Gott | 195 Ausgerechnet die zahlreich versammelten Autoritäten stellen die bürgerliche Ordnung auf den Kopf; sie stiften ein Chaos, gegen das die wenigen amtlichen Ordnungshüter machtlos sind. Auch dies stand zu Organisation und Ablauf der Trierer Wallfahrt – trotz deren noch ganz anderer Dimensionen – in diametralem Gegensatz. Bischof Arnoldi bürgte schon im Vorfeld dafür, dass »die religiöse Stimmung […] die sicherste Bürgschaft gegen alle Unordnung«39 sei; »Ruhe und Ordnung war denn auch die politische Signalmetapher, die geradezu stereotyp sowohl in den kirchlichen wie in den staatlichen Stellungnahmen zur Trierer Wallfahrt auftauchte«. Die Prozessionszüge waren »im voraus generalstabsmäßig festgelegt«,40 um einen »gleichmäßigen Zustrom der Pilger« zu bewirken. Auch verlangte man von den Teilnehmern die »vollkommenste Unterwerfung unter die betreffenden Anordnungen«, und manchem Beobachter fiel »die erstaunliche Ergebenheit der Pilger gegenüber den begleitenden Priestern«41 auf. Sie wurden »auf ein ritualisiertes Gruppenverhalten festgelegt, das sich an dem gewohnheitsmäßigen Erfahrungsbereich des kirchlichen Normalritus [...] orientierte«.42 Die perfekte Organisation der Trierer Prozessionszüge zu loben, konnte Harms nicht einfallen – dafür aber malte er den Altonaer Probezug als grelles Gegenbild gesellschaftlicher Unordnung aus. Doch seine Beunruhigung war letztlich religiös fundiert. Hätte die Bahn zwischen Sodom und Gomorrha verkehrt, unter den Reisenden wären nicht weniger Gerechte gewesen. Immerhin, »Einem unter ihnen traue ich es ganz bestimmt zu«,43 meinte Harms mit Blick auf seinen mitreisenden Bekannten, dass er durchaus einen »frommen Gedanken den Sonntag über« gehabt habe. Ihn selbst beeindruckten die Massen ohnehin nicht, denn »vor Gott dem Herrn sind sie keine Zahl und keine Auctorität«. Umso mehr kam damit sein Alleinstellungs-Merkmal als Prophet und Publizist zur Geltung: »Darnach meine Worte, eines Einzelnen ebenfalls, doch Namens, wie ich glaube, Aller, die Gott und seinen Tag lieb haben und können christliche Sitte wie Kirchengesetz nicht ungerügt so gröblich verhöhnen lassen«.44 Allein gegen alle – hatte Harms sich schon bei der Verteidigung seiner 95 theses in diese Rolle gefunden, so wurde sie im Alter zur Pose: Ein Jahr später veröffentlichte er, wieder im Kirchenund Schulblatt, eine Erklärung gegen ein Votum von 88 preußischen Theologen und Pädagogen gegen Auswüchse der Erweckungsbewegung, die er mit dem Untertitel Einer wider acht und achtzig versah. Inhaltlich verallgemeinerte er seine Fortschrittskritik dort zu der Formel: »Entwickelung ist Rationalismus, wenn er auch Hegelsche Philosophie heißet«45 – und übertrug damit das alte Kampfwort der Erweckungsbewegung auf die aktuelle Modernisierungsdebatte. Für die »industrielle Entwicklung«46 wie überhaupt für die »Dynamik des neuen Zeitalters«47 stand die Eisenbahn, speziell »die ›sich vom Ort bewegende‹ L okomotiv e« als neuartige Maschine, wie kein anderes Symbol. Doch bei der sich beschleunigenden Fahrt der bürgerlichen Gesellschaft in die Zukunft blieb Harms lieber allein auf seinem Hügel zurück. 39 Wilhelm Arnoldi an den Oberpräsidenten der preußischen Rheinprovinz, von Schaper, 19.4.1844, zit. nach Schieder 1996, S. 48. – Dort auch das folgende Zitat. 40 Dieses und die folgenden Zitate: Schieder 1996, S. 50. 41 Schieder 1996, S. 64. 42 Schieder 1996, S. 53. 43 Dieses und die folgenden Zitate: Harms 1844a, Sp. 203. – Gemeint ist evtl. Harms’ enger Freund, der Tabakfabrikant und Kaufmann Abraham Christian Brauer (1781–1868), der sich schon 1839 im Vorstand der Kieler »Gesellschaft zur Beförderung der Eisenbahnanlage« engagierte, vgl. Karich 1994, S. 162. – Der »Brauersche Speicher« lag in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. 44 Harms 1844a, Sp. 201. 45 Harms 1845, Sp. 403. 46 Weiss 1985, S. 50. 47 Dieses und das folgende Zitat: Weiss 1985, S. 52.
196 | Nordelbingen 90 Mit dem expliziten Hinweis auf den einen Gerechten unter den Bahnfahrern deutet Harms dennoch an, dass er seine Sache durchaus nicht verloren gibt: »Es fehlt nicht, so kenne ich Dich, Du hast ein Widerstreben empfunden und froh bist Du nicht unter den Frohen gewesen«.48 Überhaupt wolle er nicht behaupten, dass diese »sämmtlich keinen frommen Gedanken den Sonntag über gehabt hätten«, und gesteht ihnen zu: »Was noch eine Spur von Respect für den Sonntag vermuthen lässet ist die Verschweigung, daß sie an einem Sonntag es gethan haben«.49 Was noch eine Spur von pastoraler Milde bei Harms vermuten lässt, ist der spielerisch-ironische Unterton seiner Glosse: »Die Axen einiger Wagen haben sich erhitzt, o wäre es einigen Passagiers warm, heiß ums Herz und Gewissen geworden, daß sie auf einem der Anhaltspuncte vor die lustige Schaar gesprungen wären und überlaut gerufen hätten, auf einen Kirchthurm zeigend: Meine Herren, was thun wir!«50 Auch scheinen die Lustfahrer durch »das wirklich abscheuliche Wetter«, das ein Berichterstatter beklagte, genug gestraft, nimmt man es als Zeichen von oben. Entsprechend wettert Harms assonanzenreich: »Mann, das Wetter hat Gott geschickt, und auf den Canzeln ist Gott dafür gedankt worden, für den Segen mit dem Regen. Hurrahs, wie man geschrieen hat, sind keine Hallelujahs und sind keine Hosiannas«. Sogar halb abergläubische Einstellungen nimmt er auf: »O wie habe ich mich auch in Betreff der Bahnfahrer über das regnichte Wetter gefreuet, denn nun können sie doch nicht sagen, was sie sonst leicht hätten sagen können: der Himmel (so sprechen Solche) hat sein Wohlgefallen an unserm Thun durch seine Heiterkeit ausgesprochen«. Die Freude am Ausmalen, die augenzwinkernden Wortund Gedankenspiele – die Bahnfahrer als Zug-Vögel, der Herr im Himmel als Wettergott, Regen und Segen, Hurrahs und Hallelujahs, – machen das Harmssche Rügemaal durchaus auch zu einer amüsanten Lektüre; sie überführen die fremde Freude am Fahren in die eigene Lust am Schreiben. Harms, der hatte »sagen hören, die fertige Bahn solle mit einer religiösen Feier eröffnet werden«,51 war sich allerdings darüber im Klaren, dass er »nach dieser Rüge auch nicht aufs Weiteste mehr erwarten« könne, als Redner dazu eingeladen zu werden. Darum nahm er die wichtigsten Punkte seiner ungehaltenen Einweihungsrede vorweg: »Nicht daß ich die Anlegung der Eisenbahn und ihren Gebrauch für sündlich hielte und eher ein Fluch als ein Segen für sie bereit läge bei mir, nein, ich erwarte für Altona und für Kiel, für die Bahnhofsörter und für das ganze Land Gutes von ihr«. Aber – und nun folgte eine Breitseite gegen den Geist der Zeit – »aber sie weihen, als wenn sie unter die Heiligthümer des Landes gezogen würde, nein das erkläre ich für unstatthaft. Halten wir 48 Dieses und das folgende Zitat: Harms 1844a, Sp. 203. 49 Harms 1844a, Sp. 204. 50 Dieses und die folgenden Zitate: Harms 1844a, Sp. 203. 51 Dieses und die folgenden Zitate: Harms 1844a, Sp. 204.
C. Scholz: Züge ohne Gott | 197 n ur unsre Heiligthümer, die es sind, heiliger!« Dies können allein das Haus und das Wort Gottes sein. Doch benutzt Harms hier mit dem mehrfach wiederholten »Heiligthümer« für Bahn und »Bahnhofsörter« ein Reizwort, das auf katholische Objektverehrung und Pilgerkultur verweist, die mit der anstehenden Wallfahrt zum Heiligen Rock in Trier soeben fröhliche Urständ feierten. Umso absurder, wenn im erzprotestantischen Holstein stattdessen die Eisenbahn und ihre Bahnhöfe »unter die Heiligthümer des Landes gezogen« werden sollten. Dann würde systematisch »auf ihren Schienen dein Tag geschändet und an ihren Höfen deine Ehre gekränkt und dein Volk, was du im Lande hast, in seinem Heiligthum verhöhnet«. Und wenn Harms mit Blick auf den Einweihungsakt überhaupt in Frage stellt, ob »ein protestantischer Prediger sich finden wird, der es thut, wir haben indeß auch ja katholische«, dann wird seine Stoßrichtung vollends klar. Mit dem für Evangelische wie Eisenbahner in Schleswig-Holstein befremdlichen Hinweis zieht er die Einweihung der Bahn direkt mit hinein in die konfessionelle Auseinandersetzung, die wenig später in seiner Predigt zum Reformationstag laut wird. Die eigentliche Einweihung der Christian VIII. Ostseebahn fand nicht an einem Sonntag, sondern am Mittwoch, dem 18. September 1844, dem Geburtstag des dänischen Königs, statt. Sie wurde »ähnlich enthusiastisch«52 gefeiert wie die erste Probefahrt, nun aber ganz zeremoniell. Ein Geistlicher als Redner war nicht geladen, dafür nahm der Statthalter der Herzogtümer, Prinz Friedrich von Augustenburg, an dem Eröffnungsakt mit zahllosen geladenen Gästen teil; »anschließend fuhr die Festgesellschaft in einem Zug, bestehend aus der Lok Dania und 20 Waggons in Richtung Kiel ab«;53 zwei weitere Sonderzüge standen bereit. »Die Bahnhöfe auf der Strecke und sogar die Bahnwärterhäuschen waren dekoriert, und der Bahndamm war auf weiten Strecken von Neugierigen gesäumt«. Nachmittags fuhr der Zug zurück nach Altona, »wo sich das Feiern hauptsächlich im Rainvilleschen Garten, also in unmittelbarer Nachbarschaft des Bahnhofes, fortsetzte«.54 Eine 52 Karich 1994, S. 190. 53 Dieses und das folgende Zitat: Karich 1994, S. 189. – Aus Neumünster berichtete Haß: »Morgens um 10 Uhr kamen zwei feierlich geschmückte Züge, einer mit 20 und einer mit 16 Wagen, hier an«; zit. nach Heggen 1988, S. 32. 54 Karich 1994, S. 190. Abb. 2: Ankunft des Altona – Kieler Eisenbahn Zuges in Altona. Lithographie, um 1845. Original im Besitz des Autors. Foto: Carsten Scholz.
204 | Nordelbingen 90 haben neben dem«.69 Und mit dieser Gewissheit im Rücken stellt er die kühne Forderung auf: »Alle Katholiken sollen noch lutherisch oder evangelisch werden, denn unser Bekenntniß ist besser!«70 Dem aktuell einen Gerechten unter den bahnfahrenden Protestanten stellt Harms nun alle, auch die wallfahrenden Katholiken, als zukünftig gerettete Christgläubige gegenüber. Doch selbst wenn sich dies einmal erfüllt haben sollte, »das Annehmen kann nicht zu oft, und kann nimmer völlig geschehen«, darum bleibt die Kirche »eine fortwährend und bis an die Ewigkeit arbeitende, eine arbeitende und 3) eine kämpfende«.71 Und damit wendet sich Harms erneut nach innen, an die Adresse der Lustigen und Lauen in der lutherischen Kirche, die »Rationalisten«72 und neuerdings die Fortschrittsoptimisten – mit einer ›paradoxen Intervention‹: »Unsere Zeiten sind doch recht friedlich? Das sind sie leider, weil sie das Wort nicht so behalten haben, wie es einmal angenommen und bekennet worden«. Die Folgen liegen für Harms auf der Hand: »Den Christus nicht erleuchtet hat, der ist gegen alle Religionen gleichgültig, nur die er sich selber macht, ist ihm die liebste. Dahin kommt’s, wenn man das Wort nicht behält, nicht rein behält, nicht vollständig behält«.73 Aber »Ansichten, Auffassungsweisen, Richtungen sind als verdächtig notirt und ihrer mehrere sind erkannt als wahre Abfälle vom Christenthum«, so wie kürzlich die Gottesund Selbstvergessenheit der von Harms harsch gerügten Teilnehmer an der Bahnprobelustfahrt. Wie eine Rechtfertigung liest sich nun die Frage: »Stoß ich an mit solchem Wort? Verletz’ ich jemanden? Das hab’ ich nicht gemieden Anno 17, das werde ich noch weniger 27 Jahre später, Anno 44, scheuen, wenn Amt und Wahrheit mich auf solche Aeußerungen führen, wie sie es heute thun. Welches Maßes der lutherische Glaube aufgegeben wird, des Maßes läßt der Kampf nach, allein der Friede ist ein mehr als nur bedenkliches Zeichen«.74 Wenn Harms der Friede ein schlechtes Zeichen war, konnte er es als gutes nehmen, dass seine Polemik auf Widerspruch traf – obschon das Echo in keiner Weise an den legendären Thesenstreit von 1817 heranreichte. Der in Glückstadt ansässige katholische Pfarrer Franksmann nahm den Fehdehandschuh auf, indem er in einer Beleuchtung des Ronge’schen Schreibens an den Hochwürdigen Herrn Bischof Arnoldi zu Trier auch die Nachschrift des Herrn Dr. Harms über den heil. Rock aufgriff – freilich nur, um dem geborenen Müllersohn zu bescheinigen, dass er »mit vielen Worten – Nichts gesagt hat. Es geht ihm, wie jenem Manne, der gegen gewaltige Riesen zu kämpfen glaubte, und es waren – Windmühlen«.75 Dessen Zahlenspiele konterte er mit dem Hinweis, dass sich zur katholischen Kirche »zweidrittel der ganzen christlichen Welt, und auch innerhalb Deutschlands Grenzen mehrere Millionen bekennen«;76 mit Blick auf die Anhänger Ronges hingegen wollte es ihm »scheinen, daß an ihnen das Sprichwort wahr wird: die schlechtesten Katholiken sind die besten Protestanten«.77 Dafür führte er wiederum Harms als Zeugen an, wohl in Anspielung auf dessen Aufruf an die ›Vernünftigen in dieser Kirche‹, wonach angeblich »Alle, welche gegen den heil. Rock und die Verehrung desselben 69 Harms 1844b, S. 10. 70 Harms 1844b, S. 4. 71 Dieses und das folgende Zitat: Harms 1844b, S. 11. – Hervorhebung im Original. 72 Dieses und das folgende Zitat: Harms 1844b, S. 12. 73 Dieses und das folgende Zitat: Harms 1844b, S. 13. 74 Harms 1844b, S. 12. 75 Franksmann 1845, S. 11. 76 Franksmann 1845, S. 46. 77 Dieses und die folgenden Zitate: Franksmann 1845, S. 47.
C. Scholz: Züge ohne Gott | 205 ihre Stimme erhoben haben […] sich als gute Protestanten bewährt« hätten. Zudem widersprach Franksmann Harms darin, dass es bei den Lutheranern keine Reliquien-Verehrung gebe. In der »Praxis« seien sehr wohl »Luthers Bibel, seine Uhr, seine Katheder, sein Ehebett [...] als Heiligthümer [!] verehrt worden«. Darum aber »möge man uns Katholiken doch auch erlauben, wenigstens die Reliquien von unserm göttlichen Herrn und Erlöser zu verehren, und uns nicht mit dem Kothe der Schmähung deshalb zu überschütten. Wir halten Christum für heiliger und verehrungswürdiger, als Sie – Protestanten! – Ihren Luther halten dürfen«.78 Harms betrachtete diesen Herausforderer wohl nicht als ebenbürtig; er sparte sich jede Reaktion. Stattdessen antwortete ein Anonymus, möglicherweise Christian August Heinrich Decker, Pastor in Klein Wesenberg und eifriger Mitarbeiter des Kirchenund Schulblatts, in der Ausgabe vom 5. März 1845 auf Franksmann, der sich »als entschiedener Feind wider uns und unsere Kirche«79 erwiesen habe. Sein differenziertes Referat führte zu der unmissverständlichen Aussage, »daß die katholische Unterscheidung von Anbetung und Verehrung mit Anrufung […] völlig unhaltbar sei«,80 denn wenn die katholische Kirche »auch mahnt, man solle bei Anrufung der Hülfe der Heiligen im Gedanken halten, daß durch ihre Vermittelung Gottes Hülfe und Macht gewonnen werde, so erlaubt sie doch nicht nur, geradezu zu beten […], sondern führt das Volk dazu an«, und damit »zu wirklicher Vergötterung von Menschen, Gebeinen und Bildern«. Auf der anderen Seite sah der Autor durchaus eine Annäherung der Konfessionen an ihren liberalen Rändern und diese wiederum als eine Gelegenheit, »die evangelische Wahrheit Denen unter den Unsrigen ins Licht zu stellen, welche früher für geistliche und kirchliche Dinge wenig Ohr hatten, jetzt aber mit regem Interesse hinsehen auf Ronge’s und die ihm verwandte Bestrebungen in der katholischen Kirche«.81 Damit klang eine gewisse Differenz zu Harms an. Ob der bürgerlich-liberal gesinnte Autor heimlich sogar über Franksmanns Vergleich des blinden Kieler Propstes mit dem »Ritter Don Quixote«82 schmunzeln musste, den er unnötigerweise expressis verbis wiederholte? War in der Franksmann-Rezension in der Auseinandersetzung der Konfessionen ein umgänglicherer Ton bereits angestimmt, so wurde dieser in Deckers Besprechung der Harmschen Reformationspredigt im Kirchenund Schulblatt vom 9. April 1845 unüberhörbar. Die Predigt falle »in eine Zeit tiefer kirchlicher Bewegungen«,83 unter Katholiken, den »Schaaren des Rationalismus«, wie auch »in der lutherischen Kirche«. Dem Doyen Claus Harms scheint Decker dabei einen entrückten Standpunkt über den Parteien zuzubilligen: »Loben würde hier am unrechten Orte sein; wer einen solchen Namen hat, bei dem findet das gebührende Lob sich von selbst«. Doch damit wird der ›Alte vom Berge‹ auch ein Stück weit weggelobt. Dem Streit um die Trierer Wallfahrt widmet Decker genau einen Satz: »Der Anhang über den Rock ist unübertrefflich«.84 Doch dann schreitet er zu einer im Ton moderaten, aber grundsätzlichen Kritik an Harms fort. 78 Franksmann 1845, S. 48. 79 [Anonym] 1845, Sp. 89. 80 Dieses und die folgenden Zitate: [Anonym] 1845, Sp. 91–92. – Vgl. auch die ähnliche Argumentation bei Schieder 1996, S. 60–61. 81 [Anonym] 1845, Sp. 93. 82 [Anonym] 1845, Sp. 90. 83 Dieses und die folgenden Zitate: Decker 1845, Sp. 158. 84 Decker 1845, Sp. 159.
206 | Nordelbingen 90 Zunächst greift er die auftrumpfenden Zahlenspiele wieder auf. Harms spreche »zu getrost von den 70 Millionen Seelen, deren doch wohl kaum die Hälfte, um nicht wenig zu nennen, den Vätern Dank wissen, daß sie von den katholischen Verzauberungen und Irrthühmern frei worden, nun in der Wahrheit gehen. Solche Befassungen in das Leben der Gemeinschaft ließen wir, deucht mich, gern der katholischen Kirche«.85 Dann kommt es noch dicker: Denn Decker will Harms keineswegs nachsprechen »Alle Katholikenen sollen noch lutherisch oder evangelisch werden, denn unser Bekenntniß ist besser […], wissen wir doch wohl, daß auch ihr Bekenntniß, entkleidet von den umringenden Irrthümern, einen Kern birgt, der bleiben soll und wird, weil er auch eine Gestalt der Wahrheit ist«.86 Mit der Absage an Harms’ reformatorischen Kampf-Geist verbindet sich eine sehr modern anmutende Toleranz und Akzeptanz. Auch der Vorwurf, die katholische Kirche »suchet Meister und Mittler mehr denn Jesum Christ«,87 wird relativiert, da »diese gegenwärtige Zeit wol Anlaß gab, das einmal weniger zu beachten da offenbar ist, wie sehr in jener Kirche sich Gottes Wort hat Bahn gebrochen und Jesus Christ hat gefunden«, und anzuerkennen, dass »eine große Schaar in jener Kirche so gut lutherisch ist, wie Luther je gewesen ist«. Aber, so Deckers direkte Kritik an Harms, »das ist nicht geschehen im dritten Theil, wo die lutherische Kirche als eine kämpfende dargestellt wird, die nicht ausgekämpft hat, bis die ganze Menschheit christlich-lutherisch ist? […] Denn das eben will uns eine einseitige Betrachtung dünken, nach Weise vergangener Zeit die eine vorhandene Kirchenreform als die absolute hinzustellen«. Was Decker weitgehend ausblendete, war die Harmssche Kritik an den eigenen Glaubensgenossen, wenn er behauptete, es werde »nur Acht genommen auf den Gegensatz gegen die katholische Kirche«. Seine Aussage relativierte er implizit in seiner versöhnlichen Schlussbemerkung: »Von ganzer Seele aber freuen wir uns des Zeugnisses gegen die, welche unter uns den lutherischen Glauben aufgeben, ob es auch in seiner Allgemeinheit etwas scharf klingt; das ist ein Teil des Kampfes unserer Kirche« – damit befand er sich inhaltlich auf einer Linie mit dem Autor der Bahnprobelustfahrt, wenngleich er auch hier versuchte, den Gegensatz zu nivellieren. Orthodoxe Originalität – historische Ironie In einem biographischen Artikel über Claus Harms heißt es: »Als Prediger, häufig packend durch seine Originalität, natürlich in Gedanken und Ausdruck, suchte er das Wort Gottes in die Hörer ›hineinzupredigen‹«.88 Ähnliches gilt für seine Publizistik. Schon die 95 theses von 1817 sollten »durch ihre paradox-übertreibenden Formulierungen provozieren«89 und »die theologischen Positionen in extremer Sicht gegenüberstellen, um eine Entscheidung gegen den Rationalismus herbeizuzwingen«. Doch ausgerechnet der von Harms verehrte Friedrich Schleiermacher hatte das Manifest als unreife Effekthascherei abgetan: »Diese Thesen mit ihrem Hinund Herfahren über gemeinsame Gebrechen und locale, über nahes und fernes, über dem Verfasser bekanntes und unbekanntes, mit ihren halb85 Decker 1845, Sp. 158. 86 Decker 1845, Sp. 158–159. 87 Dieses und die folgenden Zitate: Decker 1845, Sp. 159. – Hervorhebungen im Original. 88 Göbell 1966, S. 686. 89 Dieses und das folgende Zitat: Wintzer 1965, S. 129.
C. Scholz: Züge ohne Gott | 207 wahren Orakelsprüchen und ihren die Mühe nicht lohnenden Räthseln, mit ihrem bunten aus verschiedenen Manieren gemischten Stil, mit ihrem Haschen nach Schimmer und Wiz haben auf mich gar wenig Eindruck gemacht«.90 Mit Blick auf Predigt und Theologie von Claus Harms allgemein resümierte Friedrich Wintzer: »Alle Versuche einer streng typisierenden theologiegeschichtlichen Einordnung müssen darum bei ihm scheitern; denn in der Harms’schen Predigt und Theologie vereinigen sich Originalität und Substanzreichtum in seltenem Maße«.91 Diese Qualitäten lassen sich auch für die beiden polemischen Texte von 1844, Die Bahnprobelustfahrt und die Predigt über Unsere lutherische Kirche samt Nachwort geltend machen. Seinen rhetorischen Strategien blieb Harms treu: »Das hab’ ich nicht gemieden Anno 17, das werde ich noch weniger 27 Jahre später, Anno 44, scheuen«. Doch nun wirkte er völlig gelassen, wenn er seinem alten Freund Eduard Schuderoff am 4. Advent behaglich über die literarische Produktion des Jahres mitteilte: »Wenn es freie Stunden gibt, so hat man mit der Kirche im Allgemeinen und mit der Kirche des Landes zu tun, auch die Schriftstellerei unterbleibt nicht ganz«.92 Das war leicht untertrieben, denn schon stilistisch ist beiden Texten die ungebrochene »Lust am Text« (Roland Barthes) abzulesen. Doch mittlerweile beherrschte Harms souverän neben dem lauten Ton auch die leise Andeutung. Überraschend ist der Befund subtiler Verbindungen zwischen so unterschiedlichen Textsorten wie Glosse und Predigt und so weit auseinanderliegenden Themen wie Bahnfahren und Wallfahren. Dennoch bleibt ein zwiespältiger Eindruck, insofern sich Originalität und Kreativität bei Harms immer auch mit autoritärem Gestus und Prinzipienreiterei verbinden. Aus einer psychoanalytischen Perspektive attestierte Peter Koller ihm einen inneren Zwiespalt, in dem dieser als Theologe sein »rationalistisches Ich«93 als ursprüngliche, »aus sich selbst sich entfaltende Energie«, als ein »Selbsttun in höchst lebendiger, interessierter Absicht« unterdrücken müsse. Dabei erscheine »die Gegenmächtigkeit der Orthodoxie sehr plastisch als effektive Repression«,94 die sich der Macht »der staatlichen Instanzen« wie der kirchlichen »Hierarchie« bediene. Sie zeige sich häufig auch als »scherzhaft-spöttische Abwertung [...], ja deutlich als ›witzige‹ Repression«,95 insbesondere »gegenüber früheren Lebensstadien oder gegenüber andersdenkenden Personen«.96 – Das wäre demnach der Berg, von dem Harms auf die Umgebung ›herabschaute‹ bzw. herunterpredigte, und zugleich der Grund, aus dem eine jüngere Generation von Theologen und Fortschrittsfreunden sich von ihm distanzierte. Zu fragen wäre allerdings, ob in diesem Gefälle nicht eine tiefere, sozialpsychologische Differenz zum Ausdruck kommt: Harms’ Originalität blieb normativ orientiert auf Orthodoxie und Tradition, unterschied unfehlbar zwischen ›richtig‹ und ›verkehrt‹ – von den modernen Widersprüchen und Ironien einer dynamisierten Geschichte konnte er sich noch kaum eine Vorstellung machen. In seiner Reformationspredigt von 1844 wagte er ein Gedankenspiel: »Wir wohnen fern von der falschen Predigt und von dem falschen Prunk der katholischen Kirche, o möchten wir noch weiter von ihr entfernt wohnen! Sie rückt nach, hat ja selbst in unserer Stadt eine Kirche bekommen, darin sie Gottesdienst hält nach ihrer Weise, und was wissen wir, der Menschen Gedanken laufen son90 Schleiermacher 1818, S. 5. – Siehe auch Schleiermacher 1990, S. 23. 91 Wintzer 1965, S. 137. 92 Claus Harms an Eduard Schuderoff, 24.12.1844, in: Zillen 1909, S. 375. 93 Dieses und die folgenden Zitate: Koller 1976, S. 150. 94 Dieses und die folgenden Zitate: Koller 1976, S. 152. 95 Koller 1976, S. 153. 96 Koller 1976, S. 152.
208 | Nordelbingen 90 derbar, ob nicht n och einmal diese unsere Kirche, da wir das Reformationsfest halten, uns werde streitig gemacht, so wie auch die Klosterkirche, als ein ehemaliger katholischer Besitz, und die lauen Lutheraner lassen sie sich nehmen, zufrieden, wenn sie nur die kleine Jürgenskirche behalten dürfen bis weiter«.97 Die mittelalterliche St. Jürgen-Kapelle (Abb. 6) lag südlich außerhalb der Stadt am Eingang des nach ihr benannten Friedhofs, dessen Erweiterung Harms im Jahr 1837 eingeweiht hatte. »An der Grenze des alten Kirchhofes und des neuen«98 hatte er sich sein eigenes Grab ausgesucht; hier bestattete er 1849 seine Frau Magdalena, der er 1855 nachfolgte. Der posthumen Neuausgabe seiner Vermischten Aufsätze99 – auch wieder mit demjenigen über die Bahnprobelustfahrt – steht eine getönte Lithographie voran (Abb. 7), die den Friedhof in weitem Überblick zeigt: Während der linke Bildrand die Reihe der Alleebäume an der Straße Sophienblatt anschneidet, schweift der Blick in weitem Bogen über das Gräberfeld und die ferne Stadt nach Nordosten zur Kieler Förde und zur Hörn. Auf der höchsten Stelle des langgestreckten Hügelrückens erhebt sich im Vordergrund die leuchtend weiße Stele des Harmsgrabes, die Kapelle größtenteils überdeckend. Ein ideales ›Pilgerziel‹! Nicht ganz ohne Anlass hatte schon der katholische Priester Franksmann in seiner Verteidigung der Rock-Wallfahrt die Kritik an der protestantischen Luther-Verehrung süffisant bis 97 Harms 1844b, S. 4. 98 Stoltenberg 1910, S. 122. 99 Harms 1858. Abb. 6: Blick auf die alte St. Jürgen-Kapelle mit dahinterliegendem Friedhof nach Süden, rechts die Straße Sophienblatt. Ansichtskarte, um 1900. Original im Besitz des Autors. Foto: Carsten Scholz.
C. Scholz: Züge ohne Gott | 209 zu Harms verlängert, »den Einige den zweiten Luther nennen«.100 Was auf der romantischen Friedhofsansicht indes nicht zu sehen ist, sind die Gleise der rechts unterhalb des Hügels durch die Niederung an der Hörn verlaufenden Altonaer-Kieler Eisenbahnlinie, der insbesondere der »lange Anstieg von 1 : 162 südlich des geplanten Kieler Bahnhofs […] noch ein Problem«101 bereitete. Von seinem selbstgewählten Platz auf der Höhe aus scheint Harms die Bahnreisenden für immer ignorieren zu können. »Doch nicht lange in solche Zukünfte hineingesehen«,102 hatte der Reformationsprediger von 1844 sein Gedankenspiel über den etwaigen Verlust der Kieler Kirchen an die Katholiken abgebrochen. Besser so: Denn die späteren Entwicklungen muten demgegenüber wie eine unvorhersehbare Ironie der Geschichte an. – »Ein eigenartiges Bild ist es, welches dem Reisenden bei seiner Einfahrt in den Kieler Bahnhof entgegentritt. In seltsamem Gegensatz zu dem Bahnhof und seiner Unruhe liegt drüben von hohen Bäumen umgeben der alte St. Jürgensfriedhof«,103 hieß es in einer Beschreibung von 1910, bereits mit nostalgischem Unterton. Sechs Jahre zuvor war die St. Jürgen-Kirche zwar neu erbaut worden, doch war der Hauptbahnhof mit seinem monumentalen Neubau von 1895–99 unmittelbar an sie und den dahinterliegenden Friedhof herangerückt ( Abb. 8 ). 100 Franksmann 1845, S. 4. – Als »zweiter Luther« wurde auch Ronge dargestellt; vgl. Kessemeier/Beer 1985, Kat.-Nr. 79, S. 188. 101 Karich 1994, S. 174. Zu Standort und Baubeginn des ersten Kieler Bahnhofs im Sommer 1844 vgl. S. 185. 102 Harms 1844b, S. 4. 103 Stoltenberg 1910, S. 105. Abb. 7: Dr. Claus Harms Denkmal in Kiel auf dem St. Jürgen-Friedhof mit Blick nach Norden, links Baumallee am Sophienblatt. Lithographie von Adolf Burmester, 1858. Original im Besitz des Autors. Foto: Carsten Scholz.
210 | Nordelbingen 90 Eingeklemmt zwischen Schienensträngen und Sophienblatt als Hauptverkehrsachsen wurde das Gräberfeld seit 1909 nicht mehr belegt, verfiel allmählich und wurde 1954 mitsamt der im Krieg beschädigten Kirche für die Verbreiterung des Sophienblatts und einen Großparkplatz eingeebnet; die Gebeine von Claus Harms wurden auf den Südfriedhof umgebettet. Wenigstens St. Jürgenskirche und -kirchhof hatte der Kieler Propst in seiner pessimistischen Vorstellung für die »Zukünfte« bewahrt sehen wollen. Was er am wenigsten erwartet hatte, war eingetreten: Nicht dem katholischen Heiligen-, sondern dem modernen Mobilitäts-Kult wurde dieser Ort geopfert – sein Grabmal auf dem Hügel kam dabei buchstäblich unter die Räder. »Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes verkündigt haben«,104 war darauf zu lesen. Matthias Heesch bescheinigte »Harms’ Eintreten gegen den Fortschrittsoptimismus seiner Zeit«,105 es habe, »auch aus der seitherigen geschichtlichen Erfahrung heraus, Argumente für sich, die nicht ohne weiteres abzuweisen sind«. In einer erneut von starken Umbrüchen geprägten Zeit könnte das Gedenken an Claus Harms zum Jubiläum seines 250. Geburtstags im Jahr 2028 Interessanteres hervorbringen als Pilgerzüge und Sonntagsreden. 104 Stoltenberg 1910, S. 123. 105 Dieses und das folgende Zitat: Heesch 2008, S. 159. Abb. 8: Der 1899 eröffnete neue Hauptbahnhof, rechts im Hintergrund die 1904 neuerbaute St. Jürgen-Kirche nach Süden. Ansichtskarte, um 1935. Original im Besitz des Autors. Foto: Carsten Scholz.
C. Scholz: Züge ohne Gott | 211 Abstract Two major events moved the public in 1844. The pilgrimage to the ›Holy Robe‹ caused a stir throughout Germany: Christ’s alleged undergarment was presented as a relic in Trier Cathedral in order to strengthen the Catholic renewal movement directed against rationalism. In Protestant Schleswig-Holstein, the theologian Claus Harms fought against rationalism, which was increasingly expressed in enthusiasm for progress and technology: On Sunday, July 14, 1844, a test drive of the ›Altona-Kiel Railway‹, the first in the Danish state, took place. Hundreds of people took part in the test drive and there were thousands of spectators. Harms commented on the pilgrimage in a printed Reformation sermon and the train journey in a magazine commentary. Not without satirical originality, he castigated the former as a relapse into superstitious idolatry, the latter as a desecration of Sunday and indirectly also as the veneration of a new ›sanctuary‹. However, by warning more urgently about a Catholic rollback than about the dangers of progressive thinking for piety, he misread the historical dynamics. Contrary to what he predicted, the Protestants were not pushed by the Catholics from Kiel’s main church, St. Nikolai, to the small St. Jürgen church; rather, St. Jürgen, along with the associated cemetery and Harms’ grave of honor, fell victim to the growing railway and road traffic, an irony of history, which in today’s time of upheaval can also encourage us to look again at Claus Harms on the occasion of his 250th birth anniversary in 2028. Literatur [Anonym]: [Rez:] Franksmann, katholischer Prediger zu Glückstadt, wider Ronge, in: Kirchenund Schulblatt für die Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg 2, No. 10, Itzehoe 1845, Sp. 89–93. Decker, A[ugust]: Uebersicht sc. [Darin: Rez: Harms: Unsere lutherische Kirche], in: Kirchenund Schulblatt für die Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg 2, No. 14, Itzehoe 1845, Sp. 156 und 158–159. Franksmann, C. F. B.: Beleuchtung des Ronge’schen Schreibens an den Hochwürdigen Herrn Bischof Arnoldi zu Trier, nebst einigen Bemerkungen über Zeitungscribenten, Dankadressen und die Nachschrift des Herrn Dr. Harms über den heil. Rock – in seiner Reformationspredigt, Kiel 1845. Göbell, Walter: [Art.:] Harms, Claus, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 7, Berlin 1966. Harms, Claus: Das sind die 95 theses oder Streitsätze Dr. Luthers, theuren Andenkens. Zum besonderen Abdruck besorgt und mit anderen 95 Sätzen als mit einer Uebersetzung aus Ao. 1517 in 1817 begleitet, Kiel 1817. [= Harms 1817a] Harms, Claus: Zwey Reformationspredigten, gehalten am dritten Säcular-Jubelfeste, im Jahre 1817, Kiel 1817. [= Harms 1817b] Harms, Claus: Zwey Reformationspredigten, gehalten an den jährlichen Reformationsfesten 1818 und 1819, Schleswig und Kiel 1820. Harms, Claus: Drei Reformationspredigten, gehalten an den jährlichen Reformationsfesten 1820, 1821, 1822, Altona 1823. Harms, [Claus]: Was die lutherische Kirche thut, wenn sie das Wort des Herrn zu Simon Petrus Luc. 22, 31-32 gesprochen als ein zu ihr gesprochenes Wort höret: eine Reformationspredigt, 1843 gehalten, Kiel 1843. Harms, [Claus]: Die Bahnprobelustfahrt, welche sie angestellt und gemacht haben am sechsten Sonntag nach Trinitatis dieses Jahres, da die Kirche das Evangelium hat: Es sei denn eure Gerechtigkeit besser u. s. w. Ein Rügemaal, in: Kirchenund Schulblatt für die Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg 1, No. 26, Itzehoe 1844, Sp. 201–204. [= Harms 1844a] Harms, [Claus]: Unsere lutherische Kirche, in demjenigen Licht angesehen, welches aus Joh. 17, 6-8 auf sie fällt. Eine Reformationspredigt von Dr. Claus Harms in Kiel 1844 gehalten. Mit einem Nachwort über den heiligen Rock, Kiel 1844. [= Harms 1844b] Harms, [Claus]: Eine Erklärung über die von mehrern Berlinern im vorigen Monat gegebene, durch den Altonaer Merkur Nr. 203 bei uns bekannt gewordene Erklärung. Einer wider acht und achtzig, in: Kirchenund Schulblatt für die Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg 2, No. 37, Itzehoe 1845, Sp. 401–403. Harms, Claus: Vermischte Aufsätze und kleine Schriften, einige bisher noch nicht gedruckte, die Landwirthschaft,
212 | Nordelbingen 90 das publicistische und politische Leben, die Sprache, das Schulund Kirchenwesen betreffende, Kiel 1853. Harms, Claus: Vermischte Aufsätze und kleine Schriften, einige bisher noch nicht gedruckte, die Landwirthschaft, das publicistische und politische Leben, die Sprache, das Schulund Kirchenwesen betreffende. Zweite, mit der Ansicht des Harms’schen Denkmals vermehrten Ausgabe, Kiel 1858. Harms, Claus: Ausgewählte Schriften und Predigten, bearb. v. G[ottfried] E[rnst] Hoffmann, Johann Schmidt, Fernando Wassner und Lorenz Hein, hg. v. Peter Meinhold, 2 Bde., Flensburg 1955. Heesch, Matthias: Ein Konservativer in Zeiten der Revolution. Claus Harms’ theologische Publizistik als kritischer Kommentar zur frühen säkularen Moderne, in: Christliche Existenz in einer überwiegend nicht-christlichen Umgebung. Situationsbeschreibung, Initiativen und Perspektiven für die Zukunft, hg. v. Andrea König (Glaube und Denken, Sonderband), Frankfurt am Main 2008, S. 141–160. Heggen, Alfred: »Um 10 Uhr kamen zwei festlich/feierlich geschmückte Züge (...)«, in: Industriekultur in Neumünster. Das »Manchester Holsteins« im 19. Jahrhundert, hg. v. Alfred Heggen und Klaus Tidow, Neumünster 1988, S. 31–36. Jensen, [Schwen Hans]: Eisenbahnen, in: Schleswig-Holsteinischer Gnomon, ein allgemeines Lesebuch insonderheit für die Schuljugend, hg. v. Claus Harms, Königliche Schulbuchhandlung, Kiel 1843, S. 339–341. Karich, Christoph: Die Altona-Kieler Eisenbahn. Planung – Bau – Eröffnung, in: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 62 (1994), S. 149–194 Koller, Peter: Todestrieb im Protestantismus. Eigentümlichkeiten protestantischen Lebens, analysiert an PfarrerAutobiographien (Ludwig Karl Moeller, Albert Schweitzer, Claus Harms). Mit einer Reflexion über psychoanalytische Denkstruktur, Zürich 1976. Kraack, Detlev: Kanonisches Wissen, ethisch-moralische Besserung und Erbauung für die Jugend und das gemeine Volk. Der »Schleswig-Holsteinische Gnomon« des Theologen und Pädagogen Claus Harms (1778–1855), in: Aufgeklärte Lebenswelten, hg. v. Ole Fischer (Studien zur Wirtschaftsund Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins 54), Stuttgart 2016, S. 213–233. Luther, Martin: Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 30/III, Weimar 1910. Parent, Thomas: »Der Heilige Rock zu Trier und die Lästerer desselben«, zur Trier-Wallfahrt, in: 1844. Ein Jahr in seiner Zeit, Ausst. Kat. Westfälisches Landesmuseum für Kunstund Kulturgeschichte Münster, bearb. v. Siegfried Kessemeier und Wilfried Beer, Münster 1985, S. 83–92. Ronge, Johannes: Rechtfertigung, 4. unveränderte Aufl., Jena 1845. Schieder, Wolfgang: Religion und Revolution. Die Trierer Wallfahrt von 1844, Vierow bei Greifswald 1996. Schleiermacher, F[riedrich]: An Herrn Oberhofprediger D. Ammon über seine Prüfung der Harmsischen Säze, Berlin 1818. Schleiermacher, Friedrich: Kritische Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 10: Theologisch-dogmatische Abhandlungen und Gelegenheitspredigten, hg. v. Hans F. Traulsen, Berlin und New York 1990. Scholz, Carsten: »Entschwundene Romantik«? Zur Wahrnehmung der »Monarchen« in Schleswig-Holstein, in: Kieler Blätter zur Volkskunde 34 (2002), S. 70–91. Scholz, Carsten: »… daß noch immer hier in Wesselburen keine Sonntags-Polizey zu finden ist«. Ein Sittenbild aus dem frühen 19. Jahrhundert, in: Dithmarschen. Landeskunde – Kultur – Natur 4 (2007), S. 110–113. Stoltenberg, G[ustav]: Der St. Jürgensfriedhof zu Kiel. [Teil I und] II, in: Die Heimat. Monatsschrift des Vereins zur Pflege der Naturund Landeskunde in Schleswig-Holstein, Hamburg, Lübeck und dem Fürstentum Lübeck, XX. Jg., Kiel 1910, Nr. 5 [und] 6, S. 105–112 und S. 121–128. Weiss, Burghard: Naturwissenschaftliche Erkenntnis und technische Innovation, in: 1844. Ein Jahr in seiner Zeit, Ausst. Kat. Westfälisches Landesmuseum für Kunstund Kulturgeschichte Münster, bearb. v. Siegfried Kessemeier und Wilfried Beer, Münster 1985. Wintzer, Friedrich: Claus Harms – Predigt und Theologie. (Schriften des Vereins für schleswig-holsteinische Kirchengeschichte, Reihe I, 21 = Diss. Göttingen 1963), Flensburg 1965. Zillen, Heinrich (Hg.): Claus Harms’ Leben in Briefen, meist von ihm selber (Schriften des Vereins für Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte, 1. Reihe, 4), Kiel 1909. Autor Dr. Carsten Scholz Wissenschaftlicher Antiquar am Antiquariat Bibermühle in Stein am Rhein (Schweiz). Veröffentlichungen zur Literatur-, Mentalitäts-, Kulturund Buchgeschichte. E-Mail: c.scholz.st[email protected]
C. Scholz: Züge ohne Gott | 213 Open Access Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons. org/licenses/by-sa/4.0 . Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Artikels von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.