Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide: Aus dem kirchlichen Leben Dithmarschens vor der Reformation
Abstract
Der Aufsatz befasst sich mit einem wenig bekannten Phänomen der Kirchen- und Frömmigkeitsgeschichte in Dithmarschen und ordnet es in die Dynamik…
Full text
| 45 ENNO BÜNZ Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide Aus dem kirchlichen Leben Dithmarschens vor der Reformation Martin Scherer gehört zu den wenigen Geistlichen Dithmarschens in vorreformatorischer Zeit, über den mehr als nur ein paar dürre Lebensdaten bekannt sind.1 Zu den Schriftquellen treten mehrere Bildzeugnisse, was noch bemerkenswerter ist. Sie laden zu näherer Betrachtung ein, auch wenn dies nicht das erste Mal geschieht. In den früheren Studien ging es allerdings vornehmlich um kunstgeschichtliche Fragen,2 kaum hingegen um die Stiftung eines Kreuzwegs mit Kapelle in Heide, die sowohl von der Ortsund Regionalgeschichte3 als auch von der überregionalen kirchenund frömmigkeitsgeschichtlichen Forschung nur am Rande wahrgenommen wurde.4 Trotz dürftiger Quellenlage lohnt es sich, näher hinzusehen. Nach meiner Untersuchung über die Gründung der Heider St. Jürgenskapelle zwischen 1432 und 14485 kann ich hiermit ein weiteres Kapitel Dithmarscher Kirchengeschichte vorlegen, das den spätmittelalterlichen Hauptort des Landes betrifft. 1 Dem Freund und Kollegen Dr. Hartmut Kühne (Berlin) danke ich für die kritische Lektüre des Manuskripts und manche Hinweise, meinem Lehrstuhlassistenten Dr. Alexander Sembdner (Leipzig) für die Bearbeitung Abbildungsvorlagen 6 und 11, dem Stadtarchiv Heide (Herr Jörn Kruse) für Recherchen und Abbildungsvorlagen zum Ziegelhof. Frau Charlott Hannig M. A. gilt mein herzlicher Dank für die umsichtige Bearbeitung und sorgfältige Redaktion meines Beitrags. Zu den Geistlichen vor der Reformation Bünz 2006c, S. 260–270. Ich bereite eine größere Darstellung der Kirchengeschichte Dithmarschens im Mittelalter und in der Reformationszeit vor, die eine Zusammenstellung aller namentlich bekannten Geistlichen enthalten wird. 2 Schlee 1930, S. 107–112. – Johnsen 1950, S. 46–48. – Kopischke 1982, S. 360–366. 3 Unergiebig sind in diesem Zusammenhang z. B. Prall 1901. – Marten 1935. – Arnold et al.1990. – Zum Heider Kreuzweg neuerdings Hansen 2018, S. 89–94. 4 Aufgrund der Erwähnung bei Haupt 1887, S. 78, wird der Heider Kreuzweg allerdings in der Überblicksdarstellung von Kneller 1908, S. 57 erwähnt, ebenso neuerdings von Kammel 2018b, S. 33 mit Anm. 87, hier allerdings der Verweis auf Haupt 1887 mit Zahlendreher (S. 87 statt 78). 5 Bünz 2006a. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2941-3362/p12
46 | Nordelbingen 90 Ein Geistlicher im spätmittelalterlichen Dithmarschen Dass Martin Scherer Kleriker war, geht schon aus der (verlorenen) Grabschrift in der Heider St. Jürgenskirche (Abb. 1) hervor. Der Büsumer Chronist Neocorus, der sie überliefert, wird sie im späten 16. Jahrhundert wohl noch gesehen oder von anderer Seite ihren Wortlaut erfahren haben. Jedenfalls berichtet Neocorus Ereignisse des Jahres 1515, darunter den Tod des Martin Scherer, der in der Heider Kirche begraben worden sei: »Herr Martin Scherer verstorben, begraben in der Kirche zu Heide, mit Inschrift« (»H[err] Marten Scherer mortuus, sepultus Heidae in templo, cum inscriptione«), worauf die folgende Inschrift verweist: »Biddet Got vor H(errn) Marten Scherer, dede nha dem hillighen Grave gewest A(nn)o Domini 1496 unnd ist gestorven in dem Jahre 1515«.6 Zwar überliefern auch spätere Chronisten diese In6 Neocorus 1827, hier Band 1, S. 542. Abb. 1: Die St. Jürgenskirche in Heide von Südwesten. Foto: Rainer Knäpper, veröffentlicht unter der Free Art License 1.3 via Wikimedia Commons .
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 47 schrift, doch haben sie wohl nicht mehr den Grabstein selbst gesehen, sondern nur aus Neocorus geschöpft. Anton Heimreich berichtet 1683 über Heide, dort sei 1515 Herr Martin Scherer gestorben, der laut »außweisung seines Epitaphii« 1496 »eine Reise zum heiligen Grabe hat gethan«, bietet also keine ergänzenden Informationen.7 Anton Vieth hingegen schreibt 1733 präziser von Scherers Grabschrift »oben an der Kirchen=Thür« bzw. »von der mittelsten Kirch=Thür (woselbst er einen ausgehauen Stein setzen lassen)«.8 Aufgrund der Erwähnung der »mittelste(n) Kirch-Thür« wurde dann ein Zusammenhang mit der spätgotischen Bilddarstellung hergestellt, die sich über dem Westportal der Heider Kirche befindet, dort mittlerweile allerdings durch eine Kopie ersetzt ist, während das stark verwitterte Epitaph nun in der Kirche verwahrt wird.9 Ganz abgesehen davon, dass es sich bei diesem Epitaph nicht um das des Martin Scherer handelt,10 ist dies auch nicht der Ort, an dem sich dessen Grabschrift befunden hat. Wie bereits Ernst Schlee aufgrund des Heider Kirchenstuhlbuchs von 1668–1737 gezeigt hat, wurde nicht das West-, sondern das Süderportal der Heider Kirche als »mittelste Tür« bezeichnet, »wo jetzt«, wie Schlee ausführt, »ein kleiner Fachwerkanbau steht. Die Errichtung dieses Anbaus ist der Grund für das Verschwinden der Tür und mit ihr des Scherer-Steins. Von ihm hat sich bisher keine Spur finden lassen«.11 Das Epitaph Scherers muss als verloren gelten. Der Kleriker Martin Scherer, auf dessen geistlichen Stand schon die zeitübliche Bezeichnung als »Herr«, lateinisch »dominus« verweist, hat also 1496 eine Wallfahrt ins Heilige Land unternommen, worauf noch näher einzugehen sein wird, und er ist 1515 verstorben. Aus dem Umstand, dass er in der Heider St. Jürgenskapelle beigesetzt wurde, ist zu schließen, dass er dort bepfründet war, also als Vikar oder Messpriester feste Einkünfte von einem Altar bezog und dafür eine bestimmte Zahl von Messen zu lesen hatte. Allerdings geben die spärlichen Heider Quellen darüber keine sichere Auskunft. Heide wurde erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zum Landesvorort Dithmarschens, und damit korrespondiert die kontinuierliche Aufwertung der St. Jürgenskapelle auf dem Markt, die 1438 erstmals genannt und deren Gründung 1448 von Papst Nikolaus V. bestätigt wurde.12 Am Ende des Mittelalters umfasste die Kapelle, die erst um 1550 zur Pfarrei erhoben wurde,13 fünf Benefizien, sogenannte Vikariestiftungen, wie sie in großer Zahl in den Dithmarscher Pfarrkirchen bestanden.14 Nach dem Kapitalienund Rentenbuch der Heider Kapelle von 1538 hatte der Kaplan als der wichtigste Geistliche an St. Jürgen die Vikarie Unserer Lieben Frau inne.15 Das Kapitalienund Rentenbuch ist so angelegt, dass im Anschluss an jede Vikarie die Beträge aufgelistet werden, die Teil des Stiftungsvermögens der Benefizien sind und die sich in der Hand verschiedener Personen befinden, vermutlich, weil sie eine bestimmte Summe entliehen haben und dafür einen Zins an die Vikarie entrichten. Hier erscheint nun auch der Geistliche Martin Scherer, der vom Benefizium 7 Heimreich 1683, S. 70. 8 Vieth 1733, S. 35–36. – Krüger 1999, der die Grabschrift S. 416–417. Nr. HDGE*1 verzeichnet, bezieht sich nur auf Vieth als Quelle. 9 Kunst-Topographie 1969, S. 460 mit Abb. 1227. 10 Darauf hat schon Haupt 1925, S. 507 hingewiesen. 11 Schlee 1930, S. 108. 12 Bünz 2006a, S. 599–604. 13 Bünz 2006a, S. 599–600. 14 Die Anzahl ergibt sich aus der Aufstellung in: Jensen 1934, S. 132, und in: Rolfs 1903, S. 308–316. Der Aufsatz von Kinder 1889 bietet nur z. T. ungenaue Auszüge der von Rolfs vollständig edierten Quelle. 15 Bei Rolfs 1903, S. 308 ist Inhaber »herr Johann Snicke kerkherr«, bei Jensen 1934, S. 132 wird »magister Johannes Snycke« als »possessor« der St. Jürgenskapelle genannt ohne ausdrückliche Erwähnung der Vikarie B.M.V. Über ihn ebd. S. 295–296.
48 | Nordelbingen 90 Unserer Lieben Frau 5 Mark Lübisch als Kapital empfangen hatte. Der Eintrag lautet: »Her Marten Scherer t[enet?] vyff m(a)rk hovetstols, termyn up paschen. Hyr is nen breff upp, sunder wo de olden register der sulffen vicarie nawysen.«16 Die 5 Mark, die Scherer in Händen hat, sind Teil des Gesamtkapitals der Vikarie, das als »houetstol« bezeichnet wird, deshalb die Formulierung »5 Mark des Hauptstuhls (= des Kapitals der Vikarie)«.17 Das Heider Kapitalienund Rentenbuch verzeichnet zahlreiche Personen, die solche Teilsummen innehaben und die dafür einen jährlich Zins an die Vikarie bezahlen. Rechnet man die Einzelposten dieser Vikarie zusammen, ergibt sich ein Gesamtkapital von 287 Mark sowie weiteren Einkünften von 19 Mark und 1 Schilling.18 Die Gesamtausstattung der Vikarie wird höher gewesen sein, denn es dürfte kaum das ganze Stiftungskapitel an Einzelpersonen gegen Zins ausgeliehen gewesen sein. Im Falle Scherers, der zum Zeitpunkt der Aufzeichnung dieses Einkommensregisters 1538 gar nicht mehr lebte, wird angegeben, dass die Zinszahlung an Ostern fällig war. Wie hoch die Zinsbelastung war, wird hier wie bei vielen anderen Kapitalien nicht angegeben, vermutlich, weil der Zinssatz wie bei anderen Kreditgeschäften generell 5 % betrug. Über diese Einzelheiten lag, wie dem Heider Register zu entnehmen ist, im Falle Scherers keine Urkunde (»breff«) vor, sondern darüber existierte nur ein Eintrag im alten Kirchenregister, das aber nicht erhalten ist.19 Da Martin Scherer, wie erwähnt, bereits 1515 verstorben ist, dürfte die Zinszahlung mit seinem Tod erloschen sein, sofern es keine Erben gab, die weiter zahlten, worauf aber im Heider Register nichts hindeutet. Scherer selbst hatte das entliehene Kapital offenbar nicht zurückgezahlt. Dass Pfarrkirchen, Kapellen und selbst einzelne kirchliche Benefizien, wie hier am Beispiel der Heider Vikarie dargestellt, aufgrund ihres Pfründenvermögens respektive Stiftungskapitals als Kreditkassen dienten, entsprach im Spätmittelalter wie in der Frühen Neuzeit allgemeiner Praxis.20 Für die Vermögensverwaltung waren Kirchenoder Kapellenpfleger zuständig, die die Kapitalien gegen Zinszahlung ausliehen und damit das Pfründenvermögen mehrten. Aus dem Kirchspiel Wöhrden sind mehrere Handschriften überliefert, die diese Praxis für die vorund nachreformatorische Zeit belegen.21 Offenbar besaß Martin Scherer auch Grund und Boden im Kirchspiel Neuenkirchen, denn das Heider Memorienregister verzeichnet u. a. Renteneinkünfte für Memorien, die in der Heider Kirche aus dem Kirchspiel Neuenkirchen gestiftet worden waren, und bei der Lokalisierung eines Pfandgutes heißt es u. a. »H(err) Marten Scherer beosten«.22 Im Osten grenzte also Grundbesitz an, der ihm gehörte. Was bedeuten die Quellennachrichten nun für Martin Scherer? Sie bestätigen zumindest, was wir von der Grabschrift schon wissen, nämlich, dass er ein geistlicher Herr war. Aber wo er als Kleriker wirkte, verrät uns auch das Heider Kapitalienund Rentenbuch von 1538 nicht. Damals war er lange tot, so dass sich jede nähere Erläuterung zu seiner Person erübrigte, und was in den Heider »olden register« stand, die damals noch vorlagen, werden wir leider niemals erfahren. Vermutlich hatte 16 Rolfs 1903, S. 309. Leider erläutert Rolfs nicht, was das vielfach vorkommende abgekürzte t. (=tenet?) bedeutet. – Rolfs 1903, S. 303 und ihm folgend Schlee 1930, S. 107 meinen hingegen, er habe der Vikarie 5 Mark gestiftet. 17 »houetstol« = Kapital: Techen 1932, S. 229. – 5 Mark war in dieser Zeit das gewöhnliche Kapital, um eine Memorie (Jahrtagsstiftung) zu finanzieren, damit ein Priester zu bestimmten Terminen eine Messe für den Verstorbenen las: Rolfs 1903, S. 300. 18 Rolfs 1903, S. 312. 19 Im folgenden Eintrag geht es um 10 Mark Hauptsumme, »dar he undergegan is van wegen harders clawes Hans dar sulff was wanende, wo dat H(err) Marten Scherer sin Hant wyder mede brynget«, auch hier mit dem Verweis »in Sunte Jürgens boke angheteket«: Rolfs 1903, S. 309. Der Sinn der Passage über Martin Scherer bleibt unklar. 20 Bünz 2016. 21 Vgl. Bünz 2017b. 22 Rolfs 1903, S. 323.
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 49 Martin Scherer eine der fünf Vikarien der St. Jürgenskapelle inne, über deren Inhaber wir nur mehr als lückenhaft informiert sind. Das Kapitalienund Rentenbuch nennt die Inhaber 1538, aber diese Benefizien bestanden doch schon viel länger. In dieser Aufzeichnung begegnet allerdings an anderer Stelle nochmals der Familienname Scherer: »Hir na volgen de breue Iffte rente van der tide der vicariae de H(err) Johan Scherer tho geteket weren vnd eyn besitter«.23 Mit ähnlichem Wortlaut sind vorher die fünf auch anderweitig nachweisbaren Vikariestiftungen der Heider St. Jürgenskapelle aufgelistet worden, zuletzt die Vikarie des Reimer Hossick, und daran schließt sich unmittelbar der eben zitierte Eintrag an. Will man nicht noch eine sechste Vikariestiftung annehmen, worauf nichts hindeutet, war also vermutlich Johann Scherer in Nachfolge Reimer Hossicks Inhaber dieser fünften Vikarie. 1523 ist dieser Scherer übrigens auch als öffentlicher Notar belegt,24 übte also eine Funktion aus, die im späten Mittelalter für Kleriker typisch war.25 Johann Scherer wird man wohl als Verwandten des Martin Scherer anzusehen haben, womöglich sogar als seinen Sohn, was angesichts häufigen Verstoßes von Weltgeistlichen des ausgehenden Mittelalters gegen das Zölibatsgebot nicht ungewöhnlich wäre.26 Sowohl Martin als auch Johannes waren also mit Heide verbunden, ja höchstwahrscheinlich haben wir in ihnen zwei Repräsentanten einer Familie vor uns, die im Landesvorort Dithmarschens ansässig war. Jerusalempilger und Stifter des Heider Kreuzwegs Mit diesem dürftigen Befund müssten die Ausführungen enden, wenn uns Neocorus nicht an anderer Stelle seiner Chronik weitere Nachrichten über Martin Scherer präsentieren würde. Am Ende des Abschnitts über das Kirchspiel Heide heißt es: »H(err) Marten Scherer affgemeten van der Heider Kerkedore, dar he den utgehowen Steen baven setten laten, beth an de Thegelschune, wo witt van Jerusalem dat hillige Graff, unnd dar eine Capelle gebuwet, dar nun der Arbeider Hußlin steitt. Dar ock en grott Crutz gestaen, he ock einen finen Garden van Eken unnd anderen Bomen geplantet. Dieser H(err) Marten hefft ock tho Weddingstede einen Steen.«27 In moderner Übersetzung: »Herr Martin Scherer hat von der Heider Kirchentür, wo er oben den ausgehauenen Stein hat setzen lassen, bis zur Ziegelscheune, (die Entfernung) abgemessen, so weit, wie es von Jerusalem bis zum Heiligen Grab ist, und hat dort, wo nun das Arbeiterhaus steht, eine Kapelle errichtet. Dort stand auch ein großes Kreuz, und er pflanzte auch einen schönen Garten mit Eichen und anderen Bäumen. Dieser Herr Martin hat auch in Weddingstedt einen Gedenkstein.« Diese Angaben, die Anton Vieth übrigens in seiner Landesbeschreibung etwas wortreicher ausgeschmückt wiederholt,28 lenken den Blick auf die von Scherer gestifteten Bildwerke, eröffnen aber auch weitere Perspektiven auf das Frömmigkeitsleben vor der Reformation, über das wir für Dithmarschen bislang noch viel zu wenig wissen.29 23 Rolfs 1903, S. 318. 24 Rolfs 1922, S. 60, Nr. 29. 25 Bader 1984. 26 Priestersohn schon vermutet von Schlee 1930, S. 113, Anm. 9. – Weitere Beispiele nennt Rolfs 1903, S. 305. – Zum verbreiteten Problem der Priesterkinder vor der Reformation besonders Schmugge 1995, S. 345–350. 27 Neocorus 1827, S. 247. 28 Vieth 1733, S. 36. 29 Eine erste Zusammenschau bot Rolfs 1921. – Aufgrund neuerer Forschungen nun Bünz 2020c.
50 | Nordelbingen 90 Martin Scherer hatte, wie Neocorus an bereits zitierter Stelle erwähnt, 1496 eine Wallfahrt nach Jerusalem unternommen (»dede nha dem hillighen Grave gewest A(nn)o Domini 1496«). Obwohl im Laufe des späten Mittelalters auch in Deutschland zahlreiche regionale Wallfahrten entstanden, beispielsweise nach Wilsnack in der Prignitz,30 aber auch zu etlichen Orten in Schleswig-Holstein,31 haben die drei »großen Wallfahrten« (»peregrinationes maiores«) nach Rom, Santiago de Compostela und ins Heilige Land ihre Bedeutung behalten und sind auch von Dithmarschern aufgesucht worden.32 Die Pilgerreise nach Jerusalem war durch Entfernung und Reiseumstände besonders aufwendig und teuer, konnte man doch nur auf dem Seeweg über Venedig dorthin gelangen und war auf die von dort verkehrenden Galeeren angewiesen.33 So bildeten sich dann auch Reisegruppen, von deren Teilnehmern der eine oder andere sogar einen Pilgerbericht verfasst hat, dem zu entnehmen ist, wie die sechs bis acht Wochen dauernde Seereise verlief und wie der Besuch der Heiligen Stätten in und um Jerusalem vonstattenging. Für 1496, das Reisejahr Scherers, ist nur ein deutscher Pilgerbericht überliefert, den der Breslauer Patrizier Peter Rindfleisch geschrieben hat, der von Anfang April bis Ende Oktober unterwegs war.34 Neocorus entnahm der Grabschrift Scherers, dass dieser 1496 ins Heilige Land gepilgert war. Schon die präzise Jahresangabe spricht nicht dafür, dass Neocorus die Nachricht frei erfunden hätte. Allerdings ist grundsätzlich darauf hinzuweisen, dass es sich bei der von Geschichtsschreibern vielfach unterstellten Verbindung von Pilgerfahrt und Kreuzwegstiftung »eher um einen frühneuzeitlichen Erzähltopos als um ein historisch belegbares Phänomen zu handeln« scheint.35 Anders gewendet: In einer Zeit ausgeprägter Passionsfrömmigkeit, in der auch gedruckte Andachtsschriften über Kreuzwege greifbar waren36, bedurfte es nicht unbedingt des Impulses einer Pilgerfahrt nach Jerusalem, um einen Kreuzweg zu stiften. Aber der Zusammenhang von Pilgerfahrt und Kreuzwegstiftung ist nicht pauschal in Abrede zu stellen. Stationen im Heiligen Land waren Jaffa, Ramla, Jericho, Bethlehem und vor allem natürlich Jerusalem. Die dortigen Heiligen Stätten waren als Zeugnisse des Lebens, Leidens, Sterbens und der Auferstehung des Herrn selbstverständlich von allergrößter Bedeutung für die Wallfahrer. Wie Neocorus schreibt, hat Martin Scherer die Erinnerung an den Leidensweg Jesu in besonders nachdrücklicher Weise festgehalten, indem er die Via dolorosa vom Haus des Pilatus, in dem der Herr zum Tode verurteilt wurde, bis zum Berg Golgotha, wo er ans Kreuz geschlagen wurde, in Heide maßgenau abgemessen nachbauen ließ: »affgematen van der Heider Kerkedore, dar he den utgehowen steen baven setten laten, beth an de Thegelschune, wo witt van Jerusalem dat hillige Graff, unnd dar eine Capelle gebuwet«. Dort habe, so der Chronist weiter, »ock ein grott Crutz gestaen« und Scherer habe dort »ock einen finen Garden van Eeken unnd anderen Bomen geplantet«.37 Anton Vieth stützt sich auf diese Beschreibung, formuliert nur anders, indem er erwähnt, dass Scherer bei der Ziegelscheune »ein groß 30 Bünz 2006b. 31 Bünz 2020b. Zu den Wallfahrtsorten in Dithmarschen jüngst Hansen 2018. 32 Bünz 2005, S. 747–752. – Bünz 2011. 33 Röhricht 1900, S. 1–83 schildert, wie die Reisen organisiert waren und abliefen. Vgl. dazu auch: Kriss-Rettenbeck/Möhler 1984, S. 56–88, und Ganz-Blättler 2000. Die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Reisenden auf einund derselben Pilgerfahrt werden anschaulich herausgearbeitet von Esch 1994. 34 Paravicini/Halm 2000, S. 272–273, Nr. 110. – Auch Röhricht 1900, S.189 bietet zum Jahr 1496 keine weiteren Nachrichten über Pilgerreisen. 35 Kühne 2014, S. 55. 36 Ein Beispiel bei Kneller 1908, S. 209–212. 37 Neocorus 1827, S. 247.
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 51 Creutz auffrichten« und eine Kapelle bauen, daneben auch »einen Garten von vielen Bäumen« anlegen ließ.38 Dass von dieser Anlage zu Viethens Zeiten noch etwas erhalten war (seine Dithmarscher Landesbeschreibung erschien 1733), ist wenig wahrscheinlich. Allgemein kann man feststellen, dass in Nordelbien, auch in Dithmarschen, zahlreiche Kapellen, also Gotteshäuser ohne Pfarrstatus, nach der Reformation abgerissen worden sind.39 Nachbauten des Heiligen Grabes, das sich inmitten der Jerusalemer Grabeskirche befindet, gibt es in Europa schon seit dem Hochmittelalter. Berühmt sind die Nachbildungen von ca. 1166 in Eichstätt (heute in der Kapuzinerkirche) und von 1504 in Görlitz, die beide das tatsächliche Aussehen der Grabanlage recht genau wiedergeben.40 In vielen spätmittelalterlichen Kirchen gab es auch Heilige Gräber, die zwar nicht den Anspruch erhoben, das Grab Christi abzubilden, aber den Gläubigen die Grablegung während der Karwoche als Andachtsbild vor Augen stellte.41 Anschaulichkeit, die zum ›Mitleiden‹ (›compassio‹) anregen sollte, und Nachvollziehbarkeit (›imitatio‹) des Heilsgeschehens waren wichtige Elemente spätmittelalterlichen Frömmigkeitslebens, wie an einer Vielzahl von Bilddarstellungen, handelnden Bildwerken, Prozessionen und geistlichen Spielen des späten Mittelalters ablesbar ist.42 Ob Martin Scherer das Heilige Grab in der erwähnten Kapelle nachbauen ließ, wissen wir nicht. Nach den Angaben des Neocorus scheint es ihm auf etwas anderes angekommen zu sein. Scherer ließ nämlich vom Südportal der Heider St. Jürgenskirche aus, wo sich später sein Grabstein befand, die Entfernung »von Jerusalem«, man wird präzisieren dürfen: vom Haus des Pilatus als dem Ausgangspunkt der Via dolorosa bis zum Grab Jesu (»Hilligen Graff«) genau abmessen und am Endpunkt des Leidensweges eine Kapelle errichten. Diese Kapelle lag bereits außerhalb der Ortschaft, denn im Heider Kapitalienund Rentenbuch von 1538 wird ein Acker lokalisiert »bi des Hilligen cruces capellen beosten der Heide«, also östlich von Heide gelegen.43 Neocorus gibt nur an, der Weg habe »bis zur Ziegelscheune« (»beth an de Thegelschune«) gereicht, wo die Kapelle errichtet wurde, die aber damals schon nicht mehr stand, denn der Chronist fügt aktualisierend hinzu: »dar nun der Arbeider Hußlin steitt«,44 wobei wohl an ein Gebäude für die in der Ziegelscheune tätigen Arbeiter zu denken ist. Auch die älteste Ansicht Heides von Daniel Frese aus dem Jahr 1596 ( Abb. 2 ) zeigt östlich des Ortes keine Kapelle (mehr).45 Sie wird damals also schon nicht mehr gestanden haben. 1538, wenige Jahre nach Einführung der Reformation, war die Heilig-Kreuz-Kapelle hingegen noch vorhanden. In Bezug auf den Leidensweg Christi waren die Lage der Kapelle östlich von Heide, also in Richtung Jerusalem, und 38 Vieth 1733, S. 36. 39 Eine Gesamtübersicht fehlt. Beispielsweise gab es im Kirchspiel Wöhrden Kapellen in Büttel (St. Peter) und in Wennemannswisch, siehe Hansen 1923, S. 15. Die vorreformatorischen Kapellen in Heide, St. Annen, Schlichting und Windbergen blieben hingegen erhalten, weil sie später zu Pfarrkirchen wurden, siehe Bünz 2006c, S. 251–252. 40 Reinle 1988, S. 228–230. – Krüger 2000, S. 188–197. – Zu Görlitz siehe auch unten bei Anm. 47. 41 Reinle 1988, S. 230–234. – Kroesen 2001. - Bünz 2023b. 42 Siehe die zahlreichen Beispiele in: Kühne et al. 2013, und bei Bünz 2023b, zur ›compassio‹ und ›imitatio‹ am Beispiel der Kreuzwege auch Kammel 2018b, S. 28–31. Zur christuszentrierten Frömmigkeit vor der Reformation grundlegend Hamm 2011, zu den innovativen Zügen der dynamischen Frömmigkeit vor der Reformation nun grundlegend Hamm 2024. 43 Rolfs 1903, S. 315. 44 Neocorus 1827, S. 247. – Schon Schlee 1930, S. 110, Anm. 13 vermutet, dass die Kapelle damals nicht mehr stand. – Arnold 1990 fragt ausdrücklich »was stand in der Regentenzeit?« (S. 22–23), erwähnt die Kapelle aber nicht. 45 Der Kupferstich Freses in Georg Braun / Frans Hogenberg, Civitates orbis terrarum (1596), als Faksimileausgabe: Braun/ Hogenberg 2017. Vgl. auch Klose/Martius 1961–1962, Band 1, S. 215 und Band 2, S. 238 Abb. 2.
52 | Nordelbingen 90 ihr Kreuz-Patrozinium naheliegend.46 In Görlitz (Oberlausitz) stiftete ein Bürger Anfang des 16. Jahrhunderts, also fast gleichzeitig mit Scherer in Heide, eine Heilig-Kreuz-Kapelle, nahebei ein Salbhäuschen, in dem der vom Kreuz genommene Leib Christi vor der Grablegung gesalbt wurde,47 wie es die Evangelien überliefern, und in einigem Abstand das Heilige Grab selbst (Abb. 3).48 Ob Scherer auch ein Heiliges Grab und andere damit zusammenhängende Andachtsstätten errichten ließ, ist unbekannt. Auszuschließen ist es nicht, denn die Erwähnung eines von Scherer angelegten Gartens mit Bäumen neben der Kapelle, in dem ein nicht nur durch Neocorus bezeugtes »grott Crutz« stand, mag darauf hindeuten, dass hier eine kleine Sakraltopographie geschaffen wurde, wie sie auf dem ausgedehnten Areal des Görlitzer Heiligen Grabes bis heute erhalten ist. Das große Kreuz neben der Kapelle mag als Teil eines Kalvarienbergs zu verstehen sein, wie er vielerorts gestiftet wurde, beispielsweise 1501 in Wesel.49 Gerade am Niederrhein und in Westfalen waren im späten Mittelalter freistehende Kreuzigungsgruppen und Kalvarienberge sehr verbreitet.50 Bei der Heider Kapelle befand sich zudem ein Garten, der auf den Garten Gethsemane am Ölberg als einen zentralen Ort der Leidensgeschichte Jesu verweist. In Süd-und Mitteldeutschland wurden deshalb seit dem 15. Jahrhundert vor allem auf den Friedhöfen lebensgroße Ölberggruppen aufgestellt.51 46 Haupt 1927, S. 316 eine Auflistung der Kreuz-Patrozinien, darunter auch die Kapelle in Heide. 47 Zum Salbstein Krüger 1990, S. 200–201. 48 Kneller 1908, S. 28–33. – Kramer 1957, S. 110–111. – Anders/Winzeler 2005. 49 Die Stiftung ist durch Schriftquellen gut dokumentiert, die Kalvarienberggruppe zudem in Dinslaken erhalten, siehe Prieur et al. 1998. 50 Fabian 1986. 51 Bünz 2023a. Abb. 2: Die älteste Ansicht Heides von Daniel Frese aus dem Jahr 1596. Kupferstich im Städteatlas von Georg Braun und Franz Hohenberg, Civitates orbis terrarum. Aus: Habich et al. 1980, Buchvorsatz.
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 53 Worauf es nicht nur Scherer, sondern vielen Stiftern von Kreuzwegen um 1500 in jedem Fall ankam, war, die präzise Distanz der Via dolorosa als tatsächlich »vermessenen Weg« nachzuzeichnen und damit für den Gläubigen den Leidensweg Christi Schritt für Schritt nachvollziehbar zu machen,52 indem er seinen Weg bei der St. Jürgenskapelle begann und bei der Heilig-KreuzKapelle außerhalb des Ortes beendete. Dass auch die Kirche in Weddingstedt bzw. der dort von Martin Scherer angebrachte Bildnisstein Teil dieses Kreuzweges war, ist ein Missverständnis, das nicht auf die Beschreibung des Neocorus, sondern auf die Erwähnung des Kreuzweges durch Richard Haupt zurückgeht, gleichwohl in der Literatur wiederholt aufgenommen wurde.53 Die Lokalisierung der Heilig-Kreuz-Kapelle bereitet keine großen Schwierigkeiten, obwohl sie seit mehr als 400 Jahren verschwunden ist. Dem Kapitalienund Rentenbuch der Heider Kirche verdanken wir die Angabe, dass die Kirche östlich und außerhalb der Ortschaft lag. Neocorus erwähnt, die Kapelle habe dort gelegen, wo zu seiner Zeit das Arbeiterhäuschen stand, das offen52 Dazu Kammel 2018b, S. 22–23. 53 Dazu unten bei Anm. 99. Abb. 3: Nachbau des Heiligen Grabes in Görlitz, Anfang 16. Jahrhundert. Foto: Enno Bünz.
60 | Nordelbingen 90 Abb. 9: Nürnberg, Johannisfriedhof. Vorletzte Station (Grablegung) des Kreuzwegs von Adam Kraft, Ende der 1480er Jahre. Foto: Enno Bünz.
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 61 Volkach am Main (bei Würzburg) von 152178 erhalten geblieben,79 doch müssen sie hier nicht näher vorgestellt werden, da die Zahl der Stationen und das Bildprogramm in dieser Zeit ohnehin noch nicht verbindlich ausgeprägt war. Entscheidend dürfte vielmehr gewesen sein, dass die Kreuzwege mit ihren Stationen, Bildern und Erläuterungen den Gläubigen den Leidensweg des Herrn nahebrachten und die vielen Gläubigen, die keine Möglichkeit hatten, nach Jerusalem zu pilgern, zuhause die Heiligen Stätten anschaulich nachvollziehen konnten. Darüber hinaus wird bei der Festlegung der Kreuzwegstationen (im 15. Jahrhundert zumeist sieben, erst in der Neuzeit 14) auch das im Spätmittelalter verbreitete Prinzip der ›gezählten Frömmigkeit‹ eine Rolle gespielt haben. Dabei war freilich nicht an ein teilnahmsloses Abzählen der Andachtsstätten gedacht, sondern ganz im Gegenteil diente das Zählen als Medium, um Frömmigkeitsleistungen zu verinnerlichen.80 Ob der Kreuzweg in Heide allerdings nur aus der Anfangsund Endstation bestand oder bereits mehrere Kreuzwegstationen am Weg umfasste, ist nicht überliefert. Im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts war die Einrichtung von Kreuzwegen mit mehreren Stationen allerdings schon sehr verbreitet.81 Überreste des Heider Kreuzwegs, der nach Einführung der Reformation abgerissen wurde, haben sich nicht erhalten. Beeindruckend ist aber, dass der Kreuzweg nach der Pilgerfahrt Martin Scherers 1496 eingerichtet wurde (durch das Todesjahr Scherers 1515 ergibt sich allerdings ein recht weiter Spielraum für die Realisierung des Vorhabens), vermutlich angeregt durch das wenige Jahre ältere Vorbild des Kreuzwegs in Lübeck. Angesichts der engen Verbindung Dithmarschens nach Lübeck erscheint dies plausibel.82 Ob die Besucher des Heider Kreuzwegs auch durch Ablässe angelockt wurden, wie dies andernorts der Fall war,83 kann nur vermutet werden. Wie die Umschau gezeigt hat, wurden Kreuzwege um 1500 aber auch andernorts errichtet, weil sie der zeitgemäßen Frömmigkeit entsprachen, die auf den leidenden Christus zentriert und auf Anschaulichkeit und Nachvollziehbarkeit ausgerichtet war, wie schon betont wurde.84 Angesichts der vielfältigen Außenbeziehungen der Bauernrepublik und des intensiven Frömmigkeitslebens der Dithmarscher um 1500 kann dieser Befund letztlich gar nicht überraschen.85 Um das Bild der Entstehungsumstände des Heider Kreuzwegs abzurunden, ist schließlich auch darauf hinzuweisen, das im späten 15. Jahrhundert im Kirchspiel Meldorf nach dem Fund einer Bronzefigur des Gekreuzigten in Windbergen eine Wallfahrt zum Heiligen Kreuz aufgekommen war, deren Existenz für 1495 gesichert ist.86 78 Drei Kreuzwegstationen sind noch erhalten. Der Weg führte vom Rathaus (Haus des Pilatus) zur außerhalb der Stadt gelegenen Bergkirche. Siehe Kramer 1957, S. 133–134. – Muth 2005, S. 3–4. – Abbildungen der Tafeln und Transkriptionen der Inschriften in: Karlinger 1913, S. 271–272. – Kammel 2018b, S. 55–56. 79 Die Entstehungslegende des Kreuzwegs in Ahrweiler reicht zwar bis 1440 zurück, doch scheint er tatsächlich erst um 1500 entstanden zu sein: Kneller 1908, S. 76–77. – Kramer 1957, S. 97–98. – Kammel 2018b, S. 32. – Kreuzweg am Kalvarienberg Ahrweiler: www.aw-wiki.de/index.php/Kreuzweg_am_Kalvarienberg_Ahrweiler (15.10.2024), mit Bildern aller Kreuzwegstationen. Die älteste erhaltene Kreuzwegstation entstand 1542. 80 Angenendt 1997, S. 584. 81 Kammel 2018b, S. 33. 82 Stoob 1958. 83 Kneller 1908, S. 204–205 (Trier). – Kühne 2013, S. 66–69 (Ölschwitz bei Leipzig). – Wolpert 1995, S. 26–27 (Ediger). 84 Siehe oben Anm. 42. 85 Siehe die weiterführenden Hinweise oben Anm. 29. 86 Rolfs 1922, S. 20–25 Nr. 12. – Bünz/Nissen 2015, S. 125–126. – Hansen 2018, S. 72–75. – Bünz 2020c, S. 137–138.
Zwei Stifterbilder Martin Scherers Neocorus überliefert noch ein weiteres Detail über Martin Scherer: »Dieser H(err) Marten hefft ock tho Weddingstede einen Steen« (Abb. 10). Dieser ist – anders als der Grabstein Scherers in Heide – noch erhalten, sehr wahrscheinlich sogar in situ über dem Süderportal der Kirche.87 Es handelt sich um ein in Stein gehauenes Relief des Auferstehenden, zu dessen Füßen rechts unten der geistliche Stifter in Gebetshaltung kniet (Abb. 11).88 Dass es sich bei dem Dargestellten um Martin Scherer handelt, ist eindeutig. Unter dem Bildfeld steht auf einem Schriftband in eingehauenen Minuskeln die Inschrift »biddet godt vor her marten«, die die gesamte Breite der Granittafel einnimmt, so dass kein Platz für den Zunamen, geschweige denn für die Angabe geistlicher Ämter oder Pfründen blieb. Dass es sich um Martin Scherer handelt, verdeutlicht der vor ihm platzierte Wappenschild mit dem redenden Wappen, denn es zeigt in der Mitte eine große Schere, wie man sie für den Gewandschnitt, aber auch für die Schafschur verwendete, links daneben ein gleichschenkeliges Kreuz, rechts drei senkrecht aneinandergereihte Wolfsangeln.89 Der auferstehende Christus, der mit einem Bein noch im Sarkophag steht, hat die Rechte zum Segensgruß erhoben, während er in der Linken eine lange Stange hält, an der eine Fahne mit 87 Zitat Neocorus 1827, S. 247. – Schlee 1930, S. 108–109. – Johnsen 1950, S. 47. – Kopischke 1982, S. 365–366. 88 Kunst-Topographie 1969, S. 480, doch ohne Abbildung; hier als Material Granit angegeben. Zitat Neocorus 1827, S-. 247. – Schlee 1930, S. 108–109 mit Umzeichnung; hier als Material Sandstein genannt. 89 Thiessen 1964, S. 172–173 mit Umzeichnung des Wappens und Transkription der Inschrift. Die Inschrift auch bereits von Schlee 1930, S. 108 wiedergegeben. Abb. 10: Die Kirche St. Andreas in Weddingstedt. Foto: Enno Bünz.
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 63 Kreuz befestigt ist. Hinter ihm ist einer der Grabwächter erkennbar. Die Funktion dieses Steins, der an herausgehobener Stelle über dem Hauptportal der Weddingstedter Pfarrkirche angebracht wurde, ist unklar. In der Kunst-Topographie Schleswig-Holstein wird er unter den Epitaphien verzeichnet und als Votivbild bezeichnet.90 Angesichts der inschriftlichen Aufforderung des Betrachters zum Gebet wäre wohl die Bezeichnung als Gedenkstein am angemessensten, mit der sich Martin Scherer der Fürbitte der die Weddingstedter Kirche betretenden Gläubigen versichern wollte. Bereits Wilhelm Johnsen hat darüber gerätselt, »wie Martin Scherer dazu kam, ›zusätzlich‹ in Weddingstedt sein Epitaph anbringen zu lassen« und mit Blick auf seine Dithmarscher Herkunft vermutet »vielleicht war er Weddingstedter Kind«.91 In Anbetracht seines Grabes und seiner Kreuzwegund Kapellenstiftung möchte man allerdings doch eher annehmen, dass Scherer aus Heide stammte, ebenso wie übrigens der spätere Diakon Johann Scherer, der 1538 bis 1559 in Heide bezeugt ist.92 Zu erwähnen ist auch, dass sich im Januar 1510 an der Universität Rostock »Martinus Scherer de Heida Theomartius« immatrikuliert,93 bei dem es sich wohl um einen gleichnamigen Verwandten, nicht aber um den Geistlichen Martin Scherer selbst handeln wird, der ansonsten – wie bei Geistlichen üblich – als »dominus« tituliert worden wäre. Die Beziehung Scherers nach Weddingstedt könnte auch damit 90 Kunst-Topographie 1969, S. 480. – Auch Kopischke 1982, S. 366 meint, »daß das Epitaph kurz nach dem Tode des Martin Scherer als Votivbild gestiftet wurde«, reflektiert aber beide Begriffe nicht. 91 Johnsen 1950, S. 46. 92 Johnsen 1950, S. 46. – Rolfs 1903, S. 299. 93 Hofmeister 1891, S. 41, Zeile 38. Abb. 11: Kirche in Weddingstedt, Gedenkstein für Martin Scherer über dem Südportal. Landesamt für Denkmalpflege, Kiel.
64 | Nordelbingen 90 zu erklären sein, dass er an der dortigen Pfarrkirche bepfründet war. Angesichts der herausgehobenen Platzierung seines Gedenksteins liegt die Annahme nahe, er sei Pfarrer bzw. Pfarrstellvertreter in Weddingstedt gewesen. Allerdings kennen wir die Reihenfolge der Pfarrer nur ganz lückenhaft. Im hier interessierenden Zeitraum war Magister Heinrich Vasmer von 1508 bis ca. 1540 Inhaber der Pfarrei.94 Dieser war aber lediglich der Hamburger Domvikar, der die Pfarrstelle als Pfarrherr (»rector ecclesie«) nominell innehatte, sich vor Ort aber durch einen Vizepleban vertreten ließ.95 Diese Stellvertretungspraxis war nicht nur in Dithmarschen vor der Reformation die Regel.96 Deshalb ist es gut möglich, dass Martin Scherer in der Zeit um 1500 als Pfarrstellvertreter in Weddingstedt gewirkt und zu seinem Gedächtnis die Bildtafel über dem Kirchenportal anbringen ließ. Das gut überlieferte Beispiel des Vizeplebans Andreas Brus in Büsum zeigt, dass diese Pfarrstellvertreter als die eigentlichen Pfarrer vor Ort wahrgenommen und geschätzt wurden.97 Da in der Weddingstedter Kirche zudem zwei Vikariestiftungen bestanden,98 wäre es grundsätzlich auch möglich, dass Scherer eines dieser Benefizien innehatte, doch ist es wenig wahrscheinlich, dass einem einfachen Messpriester gestattet wurde, direkt über dem Kirchenportal einen Gedenkstein anzubringen. Erst Anton Vieth hat das Gedenkbild Martin Scherers in Weddingstedt in einen weitreichenden Sinnzusammenhang gestellt, indem er diesen mit der Heider Stiftung in Verbindung bringt: »Von dem Richt=Haus Pilati bis an den Berg Golgatha setzt er die Distantz von der Heyder=Kirche bis an die Weddingstedter Kirche, allwo er oben an der Thür ebenfalls einen ausgehauen Stein setzen lassen«.99 Aber dass der Kreuzweg die Kirchen in Heide und in Weddingstedt verbunden hätte, um damit ein Rundweg zu bilden, ist nicht mit der Darstellung von Neocorus, die Vieth offenbar missverstanden hat, in Deckung zu bringen und auch praktisch nicht nachvollziehbar.100 Die Entfernung beträgt 5 km, übersteigt also bei weitem alles, was als Distanz von anderen Kreuzwegen der Zeit bekannt ist. Anzumerken wäre auch, dass ein als Rundweg angelegter Kreuzweg ganz singulär wäre. Unzutreffend ist es zudem, im Zusammenhang der beiden Bilddarstellungen in Heide und Weddingstedt von »Kalvarienberg« zu sprechen, denn die dargestellte Auferstehung hat nichts mit dem Kalvarienberg als dem Ort er Kreuzigung zu tun.101 Ein Detail soll aber nicht unerwähnt bleiben: In der Weddingstedter Pfarrkirche gab es eine Vikarie Hl. Kreuz, nach dem Register der Hamburger Dompropstei von ca. 1540 »de presentatione laicorum«,102 aber es lässt sich nicht erweisen, dass dies eine Stiftung Martin Scherers gewesen wäre und sich das Präsentationsrecht der Vikarie in der Hand seiner Verwandtschaft befand. Ein Zusammenhang der Vikariestiftung mit dem 94 Lorenzen-Schmidt 2011, S. 261. 95 Siehe die Liste der Domherren und –vikare bei Lorenzen-Schmidt 2011, S. 156 (Hinricus Vasmari 1508–1544) und die Nennungen bei Jensen 1958a, S. 347 und S. 355. – Jensen 1958b, S. 13. – Vonderlage 1924 verzeichnet ihn nicht, nennt S. 127 aber Konrad Vaßmer 1484/86, der wohl ein Verwandter war. 96 Für Dithmarschen Bünz 2006c, S. 261–265. – Grundsätzlich Bünz 2023c. 97 Bünz 2005, S. 730–735. 98 Jensen 1934, S. 132. 99 Vieth 1733, S. 36. 100 Rolfs 1903, S. 303 verwirrt die Dinge, indem er meint, die Steine in Weddingstedt und Heide dienten dazu, »die Entfernung des Richthauses des Pilatus von dem Berge Golgatha anzugeben«, und die Kreuzkapelle in Heide habe den Zweck gehabt, »die Entfernung von Jerusalem bis zum heiligen Grabe anzudeuten«. So irrig auch Kneller 1908, S. 57 nach dem Kunstdenkmälerinventar von Haupt 1887, S. 78 (»ferner bezeichnete er die Entfernung von Heide wie von Golgatha zu Pilatus’ Haus durch den Stein an der Weddingstedter Kirche«), ähnlich Haupt 1926, S. 507. Dieser Ansicht folgen jüngst auch Kammel 2018b, S. 33, und ausführlicher Hansen 2018, hier bes. S. 91. 101 Kritisch schon Schlee 1930, S. 107. 102 Jensen 1934, S. 132.
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 65 Jerusalempilger ist schon deshalb nicht zwingend, weil das Hl. Kreuz-Patrozinium auch in anderen Dithmarscher Kirchen vorkam.103 In Heide hat sich allerdings noch ein weiteres Bildwerk erhalten, das mit der Stiftung Martin Scherers zusammenhängt. Es handelt sich um ein Eichenholzrelief im Format 148 x 89 cm (Abb. 12), das ikonographisch der allerdings künstlerisch sehr viel einfacheren Steintafel in Weddingstedt nahesteht.104 Das geschnitzte Relief ist in einen Holzrahmen eingefügt und weist im oberen Bereich gotisches Gesprenge und Gewölbeansätze auf, was für die gleichzeitige Entstehung von Gehäuse und Relief spricht. Das Bildprogramm erstreckt sich über drei Ebenen. Im Vordergrund dominiert die Auferstehung Christi. Die Darstellung des Auferstandenen mit der Rechten, die zum Segensgestus erhoben ist, dem Sarkophag unter seinen Füßen und den schlafenden Grabwächtern folgt vertrauten ikonographischen Mustern. Die Auferstehungsszene ähnelt der auf dem erwähnten Tympanon in Weddingstedt. Vom Betracher gesehen unten rechts kniet in Gebetshaltung eine Person, die durch das heute verlorene, auf dem Wappenschild aufgemalt gewesene Wappen sicher als Martin Scherer zu identifizieren ist ( Abb. 13 ). Im Hintergrund der Bildtafel sieht man die Silhouette der Stadt Jerusalem, aus deren Tor zwei kaum erkennbare Personen heraustreten. Der Weg führt zum Garten Gethsemane, der durch einen Flechtzaun abgegrenzt wird und in dem Jesus vor seiner Festnahme betet (Ölbergszene). Im Mittelfeld der Tafel sieht man ganz links unter einem Felsüberhang Christus, der sich Adam und Eva zuwendet (Limbusszene). Rechts sind die drei Marien auf dem Weg zum Grab Christi dargestellt. Das Holzrelief ist heute ungefasst, doch hat der Heider Küster, wie Ernst Schlee ermittelt hat, erst 1860 im Auftrag des Kirchenvorstands die Übermalung beseitigt.105 Dabei ging auch die geschnitzte Heraldik auf dem Wappenschild verloren, bis auf einen kleinen Rest, denn »der Bogen der Schafschere (ist) an der entsprechenden Stelle wie in Weddingstedt« erhalten,106 mit anderen Worten: auch dieses Wappen verweist auf den Stifter Martin Scherer! Die ikonographischen Parallelen zwischen dem Weddingstedter Bildstein und dem Heider Holzrelief können deshalb wenig überraschen, und Schlee meint sogar: »Die Übereinstimmung im Motivischen – ganz abgesehen von der Identität des Stifters – erlaubt es, für beide Reliefs denselben Meister anzunehmen«.107 Ob dieses qualitätvolle Holzrelief, »eines der ausgeprägtesten Zeugnisse spätmittelalterlicher Schnitzkunst an der Westküste Schleswig-Holsteins«,108 ehemals als Altartafel oder als Epitaph diente , ist nicht mehr festzustellen.109 Kopischke plädiert aufgrund einiger Detailbeobachtungen für ein Epitaph.110 Möglicherweise handelt es sich um das einzige erhaltene Ausstattungsstück der von 103 Laut Jensen 1934, S. 129–133 gab es Kreuzaltäre in Marne, Barlt, Meldorf, Büsum, Neuenkirchen und Albersdorf. Bei Haupt 1927, S. 316 erscheinen diese Belege nicht, da ihm diese Quelle unbekannt war. Verwiesen sei auch auf die Heilig-Kreuz-Kapelle in Windbergen, siehe oben Anm. 86. 104 Schlee 1930, S. 108–112 mit Abb. S. 110. – Kunst-Topographie 1969, S. 461 mit Abbildung. – Kopischke 1982, S. 361–364 mit ausführlicher Beschreibung. – Das Holzrelief befand sich lange Zeit in der Heider Friedhofskapelle (sog. Zütphenkapelle), wird nun aber in der St. Jürgenskirche verwahrt. – Bünz 2020a. 105 Schlee 1930, S. 108–109. – Hierzu auch Kopischke 1982, S. 360. 106 Schlee 1930, S. 109. 107 Schlee 1930, S. 110, mit ausführlicher Begründung der stilistischen Parallelen. 108 Kopischke 1982, S. 360. 109 Schlee 1930, S. 109. 110 Kopischke 1982, S. 360 und S. 364.
66 | Nordelbingen 90 Abb. 12: Relief des Auferstehenden, zu dessen Füßen rechts unten der Geistliche Martin Scherer in Gebetshaltung, Eichenholz, St. Jürgen in Heide. Foto: Hartmut Kühne.
E. Bünz: Der Geistliche Martin Scherer und die Stiftung des Kreuzwegs in Heide | 67 Scherer gestifteten Heilig-Kreuz-Kapelle, die am Ende des Kreuzwegs stand und in der deshalb die Darstellung der Auferstehung durchaus folgerichtig gewesen wäre. Dem steht allerdings die Auffassung Kopischkes entgegen, es habe sich bei dem Holzrelief um das Epitaph Martin Scherers gehandelt. Die Diskussion dieses an der schleswig-holsteinischen Westküste außergewöhnlichen Kunstwerkes ist also noch nicht abgeschlossen.111 Wenn man von der Epitaphfunktion des Reliefs ausgeht, dürfte es bald nach dem Tod Scherers (1515) geschaffen worden sein. Trotz einer insgesamt recht dürftigen Überlieferung hat es sich gelohnt, dem Leben des Geistlichen Martin Scherer und seinen Stiftungen nachzugehen, die in zwei erhaltenen Kunstwerken bis heute noch greifbar sind. Über den Lebensweg Martin Scherers ist nur wenig bekannt. Er war als Geistlicher sicherlich in Heide bepfründet, das auch als sein Heimatort anzusehen ist, er dürfte aber auch mit der Pfarrkirche in Weddingstedt verbunden gewesen sein. Sein dortiges Stifterbild über dem Kirchenportal spricht dafür, dass er dort als Pfarrstellvertreter (Vizepleban) gewirkt hat. 1496 unternahm Scherer eine Pilgerfahrt nach Jerusalem, die tiefe Eindrücke bei ihm hinterlassen haben muss, denn danach stiftete er in Heide einen Kreuzweg, der von der St. Jürgenskapelle im Ort bis zu einer von ihm errichteten Heilig-Kreuz-Kapelle östlich von Heide führte. Diese Stiftung entspricht der auf Christus zentrierten Frömmigkeit des ausgehenden Mittelalters. Zwar ist nicht bekannt, wann genau Scherer den Heider Kreuzweg errichten ließ, doch dürfte er durch den 1493 in Lübeck erbauten Kreuzweg angeregt worden sein. Die Stiftung Scherers zeigt, dass zeitgenössische Frömmigkeitsimpulse auch in Dithmarschen aufgegriffen wurden und zur Stiftung eines Kreuzwegs in Heide führte. Sowohl das 111 Die Bearbeitung des Corpus der mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei 2009–2019 wird nicht fortgesetzt und deshalb Dithmarschen nicht mehr erfasst. Abb. 13: Martin Scherer in Gebetshaltung mit Wappenschild. Ausschnitt aus dem Relief des Auferstehenden in St. Jürgen zu Heide. Foto: Hartmut Kühne.
68 | Nordelbingen 90 steinerne Stifterbild in Weddingstedt als auch die hölzerne Bildtafel in Heide zeigen den Auferstandenen, der von Martin Scherer – auf beiden Tafeln kniend als Orant dargestellt – demütig verehrt wird. 1515 ist der fromme Mann gestorben und in der St. Jürgenskapelle in Heide beigesetzt worden. Martin Scherer griff mit seiner Kreuzwegstiftung innovative Tendenzen der Frömmigkeit im Jahrhundert vor der Reformation auf, die bis heute viel zu wenig bekannt sind. Einzelstudien wie die vorliegende tragen dazu bei, die Neuansätze des Glaubenslebens um 1500 besser zu verstehen. Die Frömmigkeit des ausgehenden Mittelalters war auf Christus ausgerichtet, dessen Leiden und Erlösungswerk den Gläubigen durch eine Vielzahl von Bildwerken nachvollziehbar vor Augen geführt wurde. Diesem Zweck diente auch die Errichtung von Kreuzwegen, die nördlich der Elbe durch die Zeugnisse in Lübeck und in Heide anschaulich dokumentiert ist. Ungeachtet einer reichen und vielfältigen Forschung zur Christentumsgeschichte der Vorreformation werden immer wieder Stereotypen von einer bloß leistungsorientierten, oberflächlichen und veräußerlichten Frömmigkeit bemüht, um die praxis pietatis des ausgehenden Mittelalters zu beschreiben und von der Reformation abzugrenzen. Die innovativen Züge der Frömmigkeit um 1500 liegen aber auch darin, dass die Gläubigen durch Kreuzwege und andere Bildwerke dazu angeleitet wurden, die Passion Christi nachzuvollziehen, zu begreifen und zu verinnerlichen. Dies war eine Glaubenshaltung, die von der Reformation nicht überwunden, sondern aufgegriffen und weiter entfaltet wurde. Abstract This essay deals with a little-known phenomenon in the history of the church and piety in Dithmarschen and places it in the dynamic of praxis pietatis in the century before the Reformation. The focus is on the market town of Heide, which became the political centre of the peasant republic of Dithmarschen in the second half of the 15th century. There, the clergyman Martin Scherer, who had undertaken a pilgrimage to Jerusalem in 1496, founded a Way of the Cross that led from St Jürgen’s Church in Heide to a chapel to the east of the town. Although nothing has survived of this foundation of the Way of the Cross, the few sources available allow us to categorise the foundation. It was probably directly modelled on the Way of the Cross which was erected in Lübeck at the end of the 1480s and of which several Stations of the Cross have survived. The early Stations of the Cross, which were established in German-speaking countries in the second half of the 15th century, initially comprised only two stations. However, following the example of the Seven Falls of Jesus on the way to the cross, Stations of the Cross with seven stations were also erected, such as in Lübeck, Nuremberg or Bamberg, which made the Passion of Christ comprehensible with their pictorial programme. This concrete vividness was further enhanced by the fact that the Stations of the Cross were measured by their founders according to the distance of Jesus’ Way of Sorrows in Jerusalem, as is also documented for Heide. Martin Scherer will have walked the Via dolorosa in Jerusalem, and so he was later able to base his Way of the Cross in Heide on an authentic, if not necessarily precise, measurement. Scherer is one of the few clergymen of the late Middle Ages in Dithmarschen of whom one can form a picture. A stone relief on the church in Weddingstedt and a wooden relief in St Jürgen’s Chapel in Heide show the clergyman, who died in 1515, kneeling in prayer before the resurrection of Christ. At least the high-quality carving in Heide, perhaps commissioned as an epitaph, could be connected to the Stations of the Cross in Heide donated by Scherer.
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