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Die Phänomenologische Methode

Rehding, Fynn-Merlin,Worreschk, Johannes C.

Abstract

Phänomenologie ist der Oberbegriff für eine vielfach ausdiff erenzierte philosophische Strömung, die sich mit Erlebnissen von Erscheinungen befasst.…

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77 https://doi.org/10.38071/2024-00981-1 https://crativecommons.org/licenses/by-sa/4.0 Die Phänomenologische Methode Fynn-Merlin Rehding & Johannes C. Worreschk Abstract Phänomenologie ist der Oberbegriff für eine vielfach ausdifferenzierte philosophische Strömung, die sich mit Erlebnissen von Erscheinungen befasst. Phänomenologische Untersuchungen richten sich darauf, die den Erlebnissen von Erscheinungen zugrunde liegende Vernunft ans Licht zu bringen. Einleitung Was ist eigentlich Wasser? Eine Antwort auf diese Frage könnte lauten: Wasser ist der deutsche Begriff für eine chemische Verbindung, bestehend aus den Elementen Sauerstoff (O) und Wasserstoff (H), deren Summenformel H2O lautet. Eine an diese erste Bestimmung anschließende Beschreibung könnte ferner darauf verweisen, dass Wasser den flüssigen Aggregatzustand dieser chemischen Verbindung bezeichnet, oder aber, dass die molare Masse (M) dieser Verbindung 18,02 g·mol-1 beträgt. Derartige Ausführungen scheinen für eine vorläufige Definition freilich hinreichend zu sein, Edmund Husserl – dem Begründer der Phänomenologie – aber dürften sie vornehmlich als Ausdruck einer Krise anmuten, welche bedingt ist durch das objektivistische Wissenschaftsparadigma der positiven (Natur-)Wissenschaften. Ihm zufolge habe der wissenschaftliche Objektivismus, der seit der Renaissance als 78 Fynn-Merlin Rehding & Johannes C. Worreschk Leitgedanke wahrer Naturerkenntnis jegliche Vagheit und Relativität unserer leiblichen Erfahrung der Welt aus ihren Untersuchungen zu tilgen trachtet, gleichsam den grundlegenden Rahmen verschleiert, innerhalb dessen sich die Wissenschaften selbst bewegen (Husserl, 1962a, 142). Die wahre Natur von Wasser etwa erweist sich in diesem Bild als nichts anderes als die chemische Verbindung verschiedener Elemente – dass es sich hierbei aber ebenso um etwas handelt, das wir trinken, mit dem wir uns waschen etc., ist für die Wissenschaft belanglos. Die Krise also, die Husserl seinerzeit den Wissenschaften des 20. Jahrhunderts attestierte, äußert sich insofern in einem Bruch, der die wissenschaftliche Welt von der Welt des täglichen Lebens unüberbrückbar zu trennen droht (Husserl, 1962a, 129; Zahavi, 2009, 132). Vor dem Hintergrund dieser Problemstellung ist auch das phänomenologische Schlagwort ‚Zu den Sachen selbst!‘ zu verstehen. In ihm artikuliert sich eine wissenschaftskritische Haltung, die beansprucht, sich nicht in leeren Spekulationen zu verlieren, sondern in den eigenen Untersuchungen auf diejenige Welterfahrung zurückzukehren, die jeder wissenschaftlichen Begriffsfixierung vorausgeht (Zahavi, 2007, 38). Die Forderung der Phänomenologie besteht dabei jedoch nicht darin, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu nivellieren. Vielmehr ist ihr daran gelegen, jede theoretische Forderung, die den Anspruch auf Rechtmäßigkeit erhebt, direkt oder indirekt aus der menschlichen Welterfahrung heraus zu legitimieren (Husserl, 1962b, 300; Husserl, 1976, 44f.; Zahavi, 2009, 134). Phänomenologie versucht mithin daran zu erinnern, dass unser Wissen von der Welt – auch unser wissenschaftliches Wissen – einer Perspektive Die Phänomenologische Methode 79 lebendiger Erfahrung entspringt, ohne die die Wissenschaften selbst sinnlos wären (Merleau-Ponty, 1966, 4f.; Zahavi, 2007, 38). Was aber ist Phänomenologie? Zunächst bezeichnet Phänomenologie eine philosophische Strömung, die von Edmund Husserl Anfang des 20. Jahrhunderts begründet worden ist und sich seitdem zu dem Oberbegriff eines entmutigend weiten Feldes entwickelt hat. Die Phänomenologie des Fremden, die Lebensphänomenologie, die Strukturphänomenologie, die Tiefenphänomenologie, die Neue Phänomenologie und die Bildphänomenologie sind nur einige Beispiele des umfangreichen Katalogs an Ausprägungen, die gegenwärtig vorzufinden sind. Freilich ist hiermit allein die philosophische Seite angesprochen, der Blick auf andere Disziplinen offenbart weitere Abkömmlinge und Anschlussunternehmungen wie etwa die Rechtsphänomenologie, die psychopathologische Phänomenologie oder die Phänomenologische Erziehungswissenschaft. Was an dieser Aufzählung zum Ausdruck kommt, ist das besondere Maß der Offenheit, das der Phänomenologie für außerphilosophische Inhalte zugesprochen werden kann. Doch diese Offenheit sichert der Phänomenologie nicht nur eine gewisse Aktualität, sie lässt zugleich ersichtlich werden, dass mit ihr kein homogenes oder gar monolithisches Gebilde angesprochen ist (Zahavi, 2007, 7f., 36). Ihre mannigfachen Spielarten bedingen eine außerordentliche Schwierigkeit, die Phänomenologie auf ihr Wesen einzugrenzen. Nichtsdestotrotz lassen sich, etwa unter Bezug auf Merleau-Ponty, im mindesten vier verschiedene Aspekte beleuchten: Erstens ist die Phänomenologie in gewisser Hinsicht essentialistisch ausgerichtet. Ihr Augenmerk liegt nicht auf 80 Fynn-Merlin Rehding & Johannes C. Worreschk der rein empirischen Untersuchung verschiedener Phänomene, sondern auf der Enthüllung des Beständigen und Wesenhaften, durch welches sich der Bewusstseinsstrom, die Leiblichkeit, die Wahrnehmung usw. kennzeichnen. Zugleich bildet die faktische Existenz die Grundlage ihres Verständnisses des Menschen und der Welt. Sie erweist sich insofern nicht als ein bloßer Essentialismus, sondern auch als eine Philosophie der Faktizität (Merleau-Ponty, 1966, 3f.; Zahavi, 2007, 36). Zweitens versteht sich die Phänomenologie als Transzendentalphilosophie. Das bedeutet, sie richtet sich darauf, die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrungen zu reflektieren und die Annahmen unserer natürlichen, vortheoretischen Einstellung außer Geltung zu setzen, um sie auf diese Weise einer kritischen Untersuchung unterziehen zu können. Indes räumt sie gleichermaßen ein, dass jedwede Reflexion in einem vorgängigen Weltverhältnis verhaftet bleibt, womit die Hauptaufgabe der Philosophie in ihren Augen nicht mehr aber auch nicht weniger umfasst, als die Artikulation der vollen Bedeutung dieses unmittelbaren und direkten Weltkontaktes (Merleau-Ponty, 1966, 3f.; Zahavi, 2007, 36). Drittens erhebt die Phänomenologie den Anspruch Philosophie als strenge Wissenschaft zu verwirklichen. Um aber Raum, Zeit, Welt usw. als erlebte und gelebte Phänomene angemessen erfassen zu können, ist sie darauf bedacht, die menschliche Lebenswelt zu beschreiben (Merleau-Ponty, 1966, 3f.; Zahavi, 2007, 37). Die Phänomenologie betrachtet sich daher viertens als eine deskriptive Disziplin. Sie versucht also Erfahrungen in einer unmittelbaren Weise zu beschreiben, so wie sie uns Die Phänomenologische Methode 81 gegeben sind. Sie interessiert sich weder für den psychologischen oder biologischen Ursprung der Erfahrungen, noch möchte sie diese als Ergebnis eines kausalen Gefüges erklären (Merleau-Ponty, 1966, 3f.; Zahi, 2007, 37). Die soeben genannten Aspekte veranschaulichen, dass die Phänomenologie als Oberbegriff stets ein Spannungsfeld beschreibt, dessen Heterogenität auch dadurch bedingt ist, dass nahezu alle späteren Phänomenolog*innen sich auf ihre je eigene Weise von Husserls ursprünglichem Programm distanziert haben. Dennoch kann ebenso festgestellt werden, dass die Phänomenologie weiterhin durch bestimmte Grundthemen und sich aus diesen ableitenden methodologischen Motiven verbunden ist – andernfalls wäre auch die Rede von einem Oberbegriff der Phänomenologie zunehmend fragwürdig. Ziel dieses Beitrages ist es nunmehr, in einem ersten Schritt verschiedene Grundthemen phänomenologischen Philosophierens zu erörtern, um von diesem Punkt aus einen Einblick in dessen methodologische Implikationen zu geben. In den nachstehenden Abschnitten (1.–3.) werden daher zunächst die Begriffe PHÄNOMEN, INTENTIONALITÄT und LEBENSWELT umrissen und daraufhin (4.) ihr Zusammenspiel im Rahmen des Verfahrens von EPOCHÉ und REDUKTION in ihren Grundzügen erläutert sowie (5.) mittels einer konkreten Analyse beispielhaft veranschaulicht. 1. Phänomen Das Wort Phänomenologie leitet sich von phainomenon (phainomai, erscheinen) und logos (Vernunft) ab. Mit dieser 82 Fynn-Merlin Rehding & Johannes C. Worreschk Etymologie ist zugleich das Ziel angegeben, welchem sich die unter diesem Begriff geführten Untersuchungen verpflichten: phänomenologische Untersuchungen betrachten Erlebnisse von Erscheinungen und das mit der Absicht, die diesen Erlebnissen zugrunde liegende Vernunft ans Licht zu bringen (Pivčević, 1972, 11). Eine derartige Kurzdefinition vermag zwar noch nichts darüber auszusagen, auf welche Weise eine solche Untersuchung durchzuführen ist, doch lässt sich an ihr gleichwohl erkennen, dass der Begriff des PHÄNOMENS – dasjenige, was in bestimmten Erlebnissen erscheint – nicht mit dem gleichzusetzen ist, was wir umgangssprachlich unter Phänomenen verstehen. Hier nämlich verwenden wir ihn gewöhnlich als Gegensatz zu anderen Begriffen, beispielsweise Phänomen vs. Wesen oder Phänomen vs. physische Wirklichkeit. Diesem alltäglichen Verständnis zufolge bildet das Phänomen etwas, das nur scheinbar ist, etwas, das überschritten werden muss, um die Wahrheit hinter der Erscheinung aufdecken zu können. Doch dies ist nicht der Phänomenbegriff mit dem die Phänomenologie arbeitet. Vielmehr beruft sie sich auf eine Konnotation dieses Begriffes, welche bis in die Antike zurückverfolgt werden kann (Heidegger, 1986, §7). Gemäß dieser Tradition erweist sich das PHÄNOMEN als die Manifestation der Sache selbst – als das also, was von sich selbst her erscheint (Zahavi, 2007, 13). In diesem Sinne versteht sich die Phänomenologie als eine philosophische Reflexion über die Weise, in der uns Gegenstände25 erscheinen, d.h. sich selbst zeigen (Zahavi, 2009, 57). 25 Unter Gegenstand muss in diesem Kontext nicht allein Reales, wie etwa ein Kugelschreiber, sondern ebenso Ideales, wie etwa die Zahl 8, verstanden werden. Die Phänomenologische Methode 83 2. Intentionalität Um nun aber die Weise des Erscheinens der Gegenstände untersuchen zu können, ist es notwendig, sich unseren Verstehensstrukturen zuzuwenden, da diese überhaupt erst die Möglichkeitsbedingungen des Erscheinens von Gegenständen bilden. Hierher erhält auch das zuvor angesprochene Verständnis der Phänomenologie als Untersuchung von Erlebnissen von Erscheinungen seinen Sinn. Alles, was erscheint, erscheint in bestimmten Erlebnissen, und zwar immer als etwas für jemanden – es gibt kein un-erlebtes Erscheinen (Pivčević, 1972, 11; Zahavi, 2007, 17). Wenn wir also die Weise des Erscheinens von Gegenständen untersuchen wollen und insofern nach den prinzipiellen Bedingungen der Erkenntnis, der Wahrheit, des Sinns, der Bedeutung, der Begründung etc. fragen, kommen wir nach Ansicht der Phänomenologie nicht umhin, die Erste-Person-Perspektive in unsere Untersuchung miteinzubeziehen (Zahavi, 2007, 17). Dies wiederum bedeutet, sich mit der Wesensart der INTENTIONALITÄT zu beschäftigen. Mit INTENTIONALITÄT ist zunächst das grundsätzliche Gerichtet-sein der Erste-Person-Perspektive angesprochen (Pivčević, 1972, 59), welches sich, in seiner Beziehung zu einem Gegenstand, durch seine Leiblichkeit, seine Zeitlichkeit, seine Historizität, aber auch durch seine soziale und gesellschaftliche Verankerung auszeichnet (Zahavi, 2007, 17) und als solche das Erlebnis der Erscheinung eines Gegenstandes in seiner spezifischen Weise konstituiert (Husserl, 1984, 169). Der leitende Gedanke in diesem Zusammenhang ist folgender: Wenn wir verstehen wollen, wie physische Objekte, mathematische Modelle, chemische 84 Fynn-Merlin Rehding & Johannes C. Worreschk Prozesse, soziale Verhältnisse oder kulturelle Produkte als das erscheinen können, was sie sind, und zwar mit der Bedeutung, die sie für uns haben, dann müssen wir die Vorstellungs-, Perzeptions-, Urteilsund Wertakte thematisieren, auf die diese Erscheinungen bezogen sind (Husserl, 1984, 425–426). Die Phänomenologie bringt uns insofern nicht allein die Gegebenheit des Erscheinens von Gegenständen zu Bewusstsein, sondern ebenso deren subjektives Korrelat – die Art der INTENTIONALITÄT, die im Erlebnis des Gegenstandes am Werk ist (Zahavi, 2007, 18). Wenn wir erscheinende Gegenstände untersuchen, zeigen wir uns mithin auch selbst als diejenigen, denen der Gegenstand erscheint. Das Thema phänomenologischer Analysen ist damit jedoch nicht ein weltloses Subjekt, genauso wenig bilden sie den Versuch, eine bewusstseinsunabhängige Welt zu beschrieben, vielmehr rücken sie das Verhältnis zwischen Subjekt und Welt in den Blickpunkt ihrer Betrachtung. Phänomenologische Analysen machen auf den Umstand aufmerksam, dass weder von dem subjektiven Bewusstsein noch von der Welt sinnvoll gesprochen werden kann, wenn ihr jeweiliges Korrelat außer Acht gelassen wird. Wer von seiner Wahrnehmung, seinem Denken, seinem Urteil, seiner Vorstellungskraft, seinem Zweifel, seiner Erwartung oder seiner Erinnerung sprechen möchte, kann dies nicht tun ohne auch das Wahrgenommene, das Bezweifelte, das Beurteilte usw. zu berücksichtigen (Zahavi, 2007, 41). So wird das Subjekt allein durch sein Verhältnis zur Welt verständlich, wie auch der Welt nur Sinn gegeben werden kann, insofern sie einem Subjekt erscheint und von diesem verstanden wird (Zahavi, 2007, 20). Dies ist auch der Die Phänomenologische Methode 85 Hintergrund vor dem Husserl erklären kann, dass die Wirklichkeit nicht etwas bloß Vorhandenes ist, das gänzlich unabhängig von jedem Erfahrungskontext existiert (Husserl, 1976, 120). Das mag nach einem philosophischen Idealismus klingen, doch diese These soll vornehmlich die Ablehnung eines Objektivismus zum Ausdruck bringen, der behauptet, dass ein Verständnis der Wirklichkeit, der Welt und der Wahrheit allein durch den Ausschluss von Subjektivität zu erreichen sei (Merleau-Ponty, 1966, 489). 3. Lebenswelt Die bereits in der Einleitung erwähnte ablehnende Haltung der Phänomenologie gegenüber dem Ideal eines wissenschaftlichen Objektivismus kann gleichsam als Rehabilitierungsversuch der LEBENSWELT verstanden werden. Unter LEBENSWELT ist in diesem Zusammenhang zunächst diejenige Welt zu fassen, die wir im Alltag ganz selbstverständlich voraussetzen (Zahavi, 2007, 31). Sie ist die Welt in der wir leben, der Ort an dem uns Erfahrungen konkret, sinnlich und anschaulich gegeben sind. Warum aber, so ließe sich fragen, bedarf die Lebenswelt einer Rehabilitierung? Mit Husserl gesprochen wäre diese Frage dadurch zu beantworten, dass die LEBENSWELT die Sinngrundlage und insofern den unhintergehbaren Ausgangspunkt jeder wissenschaftlichen Erkenntnis darstellt (Husserl, 1962a, 129, 142), als solche aber in der Praxis wissenschaftlicher Objektivierung zunehmend vergessen, verwischt oder verdrängt zu werden droht (Husserl, 1973c, 381; Husserl, 1952, 207). Die Wissen- 92 Fynn-Merlin Rehding & Johannes C. Worreschk 162) erscheinen, in der Ersten-Person-Perspektive ist er jedoch durch eine Sonderstellung charakterisiert: anders als zu allen anderen Körpern verhalten wir uns zu unserem eigenen nicht wie zu einem Ding; wir erleben und durchleben ihn insofern wir immer schon durch ihn leben (Alloa & Depraz 2019, 11). Dies ist es auch, dass den Körper aus der Ersten-Person-Perspektive des Subjektes zu mehr als nur einem Körper macht, er ist der lebendig erfahrene Leib und damit „eine grundverschiedene Art der Erfahrung als alle anderen Körper sie für mich haben“ (Husserl, 1993, 615). Zugleich ist der Leib dadurch gekennzeichnet, in jeder Erfahrung als absoluter Nullpunkt gegenwärtig zu sein. Er ist das indexikalische „Hier“, auf das jeder erfahrene Gegenstand ausgerichtet ist. Dies ist der Grund aus dem Husserl behaupten kann, dass jede Welterfahrung durch unsere Leiblichkeit vermittelt und ermöglicht ist (Husserl, 1962a, 220; Husserl, 1952, 159; Husserl, 1962b, 392). Der Leib, als die lebendige Erfahrung der Ersten-Person-Perspektive, bildet das Zentrum, um das herum sich die Welt für das Subjekt entfaltet und auf das jede Erfahrung stets bezogen bleibt (Husserl, 1966, 298; Zahavi, 2007, 60). Er ist unser Standund Ausgangspunkt und genau deshalb lässt er sich als solcher auch nicht ohne den durch ihn bedingten Weltbezug erkunden. Wenn es in der phänomenologischen Analyse nunmehr darum geht, die eigenen naiven metaphysischen Einstellungen zu suspendieren und auf das transzendentale Fundament der natürlichen Sphäre zurückzuführen, so bedeutet das in diesem Zusammenhang zunächst nichts anderes, als den Leib in seiner primären Erscheinungsform zu betrach- Die Phänomenologische Methode 93 ten. Hier aber stellt sich die philosophische Herausforderung, denn der Leib ist – als Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt – stets auf eine so grundlegende und durchgreifende Weise anwesend, dass es eines Bruches, einer Grenzsituation bedarf, um ihn ausdrücklich zu bemerken. Im Alltag kann dies etwa durch Krankheit, Erschöpfung oder anderweitige Schmerzen geschehen, die dazu führen, dass wir uns in unserer vertrauten Interaktion mit der Welt gestört fühlen. Die phänomenologische Analyse kann auf dergleichen selbstredend nicht abstellen, sie bedarf hingegen eines bewussten Wandels in der eigenen Einstellung, anhand dessen zuvor unreflektiert für selbstverständlich Gehaltenes der Betrachtung zugänglich gemacht wird. Wie sieht das konkret aus? Ich sitze lesend am Tisch und möchte eine Notiz machen. Ich nehme den Stift, der links neben mir in Griffweite liegt. Rechts von mir sehe ich durch das Fenster einen Baum, dessen Blätter sich leicht im Wind bewegen. In dieser Situation kann ich gar nicht anders als den Stift links von mir und den Baum rechts von mir, in einiger Distanz, wahrzunehmen. Der Stift ist in Griffweite, der Baum nicht. Wo sich Stift und Baum im Raum befinden weiß ich zuallererst in Relation dazu, wo ich mich befinde. Wenn ich nun den Stift in die Hand nehme, dann habe ich eine Operation durchgeführt, die mir nur durch genau dieses Wissen möglich ist. Ich weiß, wo der Stift sich im Verhältnis zu meiner Hand befindet. Meine Wahrnehmung ist auf den Stift gerichtet. Ich gucke aber nicht etwa von oben auf die Situation und sehe Stift und mich selbst gleichermaßen nebeneinander. Nein, ich sehe den Stift aus meiner Perspektive. Das bedeutet auch, dass ich nicht erst den Aufenthaltsort meiner Hand im Raum berechnen muss. Natürlich 94 Fynn-Merlin Rehding & Johannes C. Worreschk kann ich mich als Körper im Raum visualisieren – der Punkt ist aber, dass eine solche Vorstellung immer Nachrang hat. Ursprünglich ist nur meine Erste-Person-Perspektive auf den Stift in der mein Leib der räumliche Nullpunkt meiner Erfahrung ist. Mein Leib ist immer das Zentrum des Weltausschnittes, den ich gerade wahrnehme. Dass ich meinen Leib durch die Welt bewege und dabei stets der Mittelpunkt des von mir wahrgenommenen Raums bleibe, bedeutet eine leibliche Subjektivität, aus der ich nicht herauskann. Der Leib ist damit in Merleau-Pontys Worten nicht nur »im Mittelpunkt der Welt« in meinem Durchgang durch sie, sondern auch ihr Angelpunkt (Merleau-Ponty, 1966, 106). Aber diese Überlegungen lassen sich unter Berücksichtigung der engen Verknüpfung von Wahrnehmung und Handlung noch radikalisieren – wenn wir uns klar machen, dass Erfahrung eben nicht bloß passive Rezeption, sondern gleichermaßen aktive Untersuchung in sich schließt (Zahavi, 2007, 58). Entsprechend betont Husserl die Bedeutung, die Bewegung für unsere Erfahrung des Raumes und der räumlichen Gegenstände spielt (Husserl, 1966, 299). Seine These lautet dabei, dass unsere Erfahrung von Gegenständen von einer spezifischen Art des leiblichen Selbstbewusstseins begleitet ist – einem mitfungierten jedoch unthematisierten Erlebens der Position und Bewegung des Eigenlebens (Zahavi, 2007, 59). Wir können uns vorstellen, was passiert, wenn ich mich nun nach draußen zum Baum bewege. Ich kann die Borke abtasten und ihre Struktur erfühlen. Fahre ich so mit der Hand über den Baum, dann nehme ich das Rauhe seiner zerfurchten Oberfläche über meine Finger wahr. Wie sich der Baum für mich anfühlt, ist gewissermaßen nichts anderes Die Phänomenologische Methode 95 als wie sich meine Finger bei dieser Berührung anfühlen. Die plastische Beschaffenheit der Borke und die Bewegungsempfindung, die ich in meiner Hand spüre, sind zwei Seiten einund derselben Medaille. Und dies gilt nicht nur für das Abtasten von Gegenständen in Griffreichweite. Auch, wenn ich etwas beobachte, ist mein Erleben zuallererst ein Erleben meiner Kopfund Augenbewegungen. Meine Wahrnehmung der Welt ist insofern nicht nur durch meine räumliche Position, sondern auch durch meine Bewegungen und Handlungen konstituiert. Was dieses kleine Gedankenexperiment veranschaulicht, ist streng genommen nichts Geringeres als der Kern dessen, was Husserl EPOCHÉ nennt. Indem wir von dem unthematisierten und vor-reflexiven Erleben abrücken und beispielsweise damit beginnen, die Bedeutung der Bewegung unseres Leibes für unsere Erfahrung der Wirklichkeit zu betrachten, verändern wir unsere Einstellung und öffnen unseren Blick für das grundlegende Verhältnis zwischen Subjektivität und Welt, deren nähere Beschreibung letzten Endes nicht anderes ist als die Durchführung einer REDUKTION. Zugegeben, die Ausführungen des letzten Kapitels haben das Pferd gewissermaßen von hinten aufgespannt. Denn die kontextualisierenden Bemerkungen zur Bedeutung des Leibes für die Phänomenologie, welche unserem Gedankenspiel vorangegangen sind, wären im Unterfangen einer wahrhaftigen phänomenologischen Analyse nicht als der Ausgangspunkt, sondern als das Ergebnis der ausführlichen Beschreibung des Verhältnisses von Leib und Welt zu denken. Obwohl die hier skizzierte phänomenologische Analyse zu Darstellungszwecken in ihrer üblichen Reihenfolge umgekehrt worden ist, hoffen die Autoren, einen geeigneten 96 Fynn-Merlin Rehding & Johannes C. Worreschk Eindruck sowohl des Verfahrens wie auch der Zielperspektive phänomenologischen Philosophierens vermittelt zu haben. Literatur Heidegger, M. (1986). Sein und Zeit. Niemeyer. Husserl, E. (1952). Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie, Zweites Buch: Phänomenologische Untersuchungen zur Konstitution, Husserliana 4. Martinus Nijhoff. Husserl, E. (1959). Erste Philosophie (1923/24), Zweiter Teil: Theorie der phänomenologischen Reduktion, Husserliana 8. Martinus Nijhoff. Husserl, E. (1962a). Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie, Husserliana 6. Martinus Nijhoff. Husserl, E. (1962b). Phänomenologische Psychologie: Vorlesungen Sommersemester 1925, Husserliana 9. Martinus Nijhoff. Husserl, E. (1973a). Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge, Husserliana 1. Martinus Nijhoff. Husserl, E. (1973b). Zur Phänomenologie der Intersubjektivität. Texte aus dem Nachlass. Erster Teil: 1905–1920, Husserliana 13. Martinus Nijhoff. Husserl, E. (1973c). Zur Phänomenologie der Intersubjektivität, Texte aus dem Nachlass, Dritter Teil: 1929–1935, Husserliana 15. Martinus Nijhoff. Die Phänomenologische Methode 97 Husserl, E. (1976). Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie, Erstes Buch: Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie, Husserliana 3, 1–2.Martinus Nijhoff. Husserl, E. (1984). Logische Untersuchungen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis, (Bd. 1) Husserliana 19, 1–2. Martinus Nijhoff. Husserl, E. (1993). Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie, Ergänzungsband: Texte aus dem Nachlass 1934–1937, Husserliana 29. Kluwer Academic Publishers. Merleau-Ponty, M. (1966). Phänomenologie der Wahrnehmung. De Gruyter. Pivčević, E. (1972). Von Husserl zu Sartre: Auf den Spuren der Phänomenologie. List. Zahavi, D. (2007). Phänomenologie für Einsteiger. UTB. Zahavi, D. (2009). Husserls Phänomenologie. Mohr Siebeck.