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Dekonstruktives Fragen als Methode

Jelonnek, Stefan J.

Abstract

Dekonstruktion ist eine bestimmte Weise des Fragens, durch die vermeintlich eindeutige Weltbilder, politische Standpunkte oder wissenschaftliche…

Full text

133 https://doi.org/10.38071/2024-00984-7 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0 Dekonstruktives Fragen als Methode Stefan J. Jelonnek Einleitung Was ist das Gegenteil von gut? Würden Sie sagen, schlecht? Wie ist es mit Geist? Lautet das Gegenteil Körper? Ob im Alltag, in der Philosophie, in Spezialwissenschaften oder der Politik, unser Denken ist häufig von begrifnichen Gegensätzen geprägt: Form – Inhalt, Natur – Kultur, Wahrheit – Falschheit, Geist – Materie, Mann – Frau, gerecht – ungerecht, arm – reich und viele mehr. Binäres Denken hat mitunter den Vorteil, dass Entscheidungen im Zweifelsfall nicht dadurch erschwert werden, dass wir vor unzähligen Möglichkeiten stehen: Eine Handlung ist gut oder schlecht, eine Aussage ist wahr oder falsch. Dieser vermeintliche Vorteil birgt jedoch die Gefahr, komplexe Zusammenhänge zu vereinfachen. Aber was ist das überhaupt, was wir tun, wenn wir etwa Aussagen als wahr oder als falsch bezeichnen? Diese Frage Abstract Dekonstruktion ist eine bestimmte Weise des Fragens, durch die vermeintlich eindeutige Weltbilder, politische Standpunkte oder wissenschaftliche Haltungen uvm. hinsichtlich ihrer Hintergrundannahmen, Paradoxien und Mehrdeutigkeiten in ihrem feststehenden Aufbau aus dem Gleichgewicht gebracht werden sollen. Dekonstruktives Fragen als Methode 134 trifft ins Herzstück sprachwissenschaftlicher/ -philosophischer Überlegungen, wie sie zu Beginn des 20. Jhd. verfolgt und durch den Genfer Strukturalisten de Saussure erstmals systematisiert worden sind (2001). Es handelt sich um die Frage nach der Beschaffenheit des Zeichenbegriffs. In Saussures Ausführungen über „[d]ie Natur des sprachlichen Zeichens“ (2001, 78) entwickelt er ein einschlägiges Modell, demzufolge ein Zeichen die Verbindung einer Vorstellung (Signifié) mit einem Lautbild (Signifiant) ist. Die Verbindung zwischen diesen beiden Seiten derselben ‚Medaille‘, dem Zeichen, sei beliebig (Derrida, 2001, 79f.): Nichts an dem Gegenstand, auf dem Sie gerade diesen Text hier lesen, sei es ein Tablett, ein PC oder das Booklet selbst, hat etwas an sich, das auf genau diese Zeichenfiguren ¹Tablettº, ¹PCº oder ¹Papierº hinweist. Binäre Gegensätze führen in der Philosophie, insbesondere der Metaphysik, eine unterschwellige Rangordnung (Hierarchie) zwischen den Gegensätzen mit sich: Der Geist etwa gelte als edler gegenüber dem Körper. In diesem Zusammenhang führte Derrida die Bezeichnungen des Ursprünglichen und des Nachgeordneten als Redemittel der Kritik solcher Hierarchien eingeführt (Derrida, 1986b). Die Metaphysik als diejenige Disziplin, die nach den Dingen hinter dem Körperlichen, einem letzten Grund, einem alles vorherbestimmenden Prinzips fragt, gründet auf jener Voraussetzung von Ursprünglichem (einem letzter Grund) und Nachgeordnetem (der Welt in der wir leben). Aus Sicht des französischen Philosophen Jaques Derrida, um den es fortführend gehen soll, liegt der Kern dieser Hierarchisierungen im Zeichenbegriff selbst: Der Zeichenaus- 135 Stefan J. Jelonnek druck ist in Derridas Augen dem Zeicheninhalt übergeordnet. Dieser Vorrang des Ausdrucks gegenüber dem Inhalt verdeckt, dass ein Paar aus einem Ausdruck und (s)einem Inhalt zwar formal gesehen beides benötigt. Das Paar aus einem konkreten Ausdruck wie Baum und einem konkreten Inhalt wie GEWÄCHS MIT STAMM UND ENTWEDER BLATTWERK ODER NADELWERKsteht allerdings nicht unmittelbar fest. Die Kernaussage der von Derrida begründeten Dekonstruktion war daraufhin folgende: Jeder Sinn1 ist stets ein vorläufiger, in einem nahezu unendlichen Verweisungszusammenhang von Kontexten eingebetteter Sinn. Dabei meint Sinn „[a]lles, was dem Bewußtsein erscheint, alles, was für ein Bewußtsein im Allgemeinen bestimmt ist“ (Derrida, 1986a, 72). Sinn ist hiernach nur in der Vorstellung, nicht als Ding in der Wirklichkeit vorhanden (Derrida, 1986a, 73f.). Für Derrida bedeutet ‚Eindeutigkeit des Sinns‘ als Erscheinungsform im Sprachgebrauch eine Abgrenzung von anderem Sinn, der als Signifikat durch einen Signifikant ausgedrückt wird. Wie fortführend näher zu erläutern sein wird, gesteht Derrida dem Setzen von Eindeutigkeit ein ‚künstliches‘ Ausklammern denkbar unüberschaubarer anderer Signifikat-Signifikant-Paare (Zeichen) zu. Im Alltag erweckt unser Sprachgebrauch allerdings häufig den Eindruck, das Verhältnis zwischen Signifikat und Signifikant belaufe sich auf eins-zu-eins. Wer allerdings nach einer kurzen und stichhaltigen Erklärung Derridas Philosophie fragt, trifft bald auf eine ernüchternde Fülle an Erklärungsversuchen – davon kann 1 Soweit ich es überschauen kann, unterscheidet Derrida nicht streng zwischen Sinn und Bedeutung. Dekonstruktives Fragen als Methode 136 sich dieser Aufsatz nicht freisprechen. Derridas Selbstauskunft zufolge zeigt sich die Dekonstruktion ohnehin nie in Form einer Definition, sondern tritt im Vollzug Derridas Interpretationen einschlägiger Philosophen wie etwa Rousseau oder Husserl auf (Derrida, 1983; 1991; 2003). Nicht allein deshalb bedarf der Versuch einer Erklärung dieser eigenwilligen Philosophie mehr als dieser Beitrag je leisten könnte. Dessen ungeachtet liegt der Anspruch des Autors lediglich darin, einzelne Gesichtspunkte „dekonstruktive[n] Fragen[s]“ (Derrida, 1991, 17), die er als wichtig für das philosophische Handeln erachtet, aufzuzeigen. 1. Was ist Dekonstruktion? Dekonstruktion ist im weitesten Sinne eine sprachliche Analyse, in der ein vorgegebener Sinn (das, was gemeint ist) in Texten – und Text meint bei Derrida jede Form sprachlichen Ausdrucks – allmählich aufgelöst wird. In dieser Allgemeinheit will Derrida dekonstruktives Fragen auch verstanden wissen, denn es „betrifft die Grundlagen des Rechts, der Moral und der Politik“ (Derrida, 1991, 17). Gleichwohl ist damit nicht seinerseits der Anspruch auf Begründung von Eindeutigkeit verbunden: Dekonstruktion ist ein Versuch, hintergründige Annahmen und insbesondere begrifniche Widersprüche aufzudecken, die im gesprochenen oder geschriebenen Wort nur den Anschein von Alternativlosigkeit erwecken. Derrida beschreibt dies anhand des Ausdrucks Signatur: Ein Signifikat prägt Derrida zu- 137 Stefan J. Jelonnek folge gleich einer Unterschrift die Bedeutung des Signifikanten, dem es zugeordnet wird (Derrida 1991, 17). Derrida beschreibt dies folgendermaßen: Wenn die Wörter und die Begriffe nur in differentiellen Verkettungen sinnvoll werden, so kann man seine Sprache und die Wahl der Ausdrücke nur innerhalb einer Topik und im Rahmen einer historischen Strategie rechtfertigen. (Derrida, 1983, 122) Der Sinn sprachlicher Zeichen wird in seiner Verwendung demnach nur innerhalb eines bestimmten Bedeutungs-Systems etwa über ethische oder epistemische Vorstellungen geltend gemacht. Derrida benennt solche Vorstellungen als Topik. Er kritisiert damit den ontologischen Anspruch von Bedeutungen. Derrida fasst Bedeutungen als historisch gewachsene und allmählich verfestigte Zeichen auf. Sie sind seines Erachtens gemacht, nicht gegeben. Bedeutung, betont Dreisholtkamp nun, erhält ein Zeichen aber erst dadurch, dass es etwas Anderes als sich selbst bezeichnet (Derrida, 1999, 160). Die Bedingung der Möglichkeit dessen beruht darauf, dass sprachliche Zeichen beliebig (arbiträr) sind (de Saussure, 2001, 79). Hieraus folgt für das dekonstruktive Fragen eine entscheidende These: Der vermutete Ursprung einer Bedeutung beruht auf der Annahme, dass Bedeutungen etwas ansich-Seiendes sind. Das Gegenteil ist nach Derrida aber der Fall: Nicht die Sprache findet Bedeutungen in einer sprachunabhängigen Welt vor, sondern konstituiert die Bedeutung ‚der Welt‘ durch Signaturen. Vertikale Hierarchiegefälle wie Logos º Schrift, Autor º Werk, Welt º Diskurs, Langue º Parole werden kraft jener These auf eine horizontale Achse verlagert, auf der Signifikate nicht mehr Signifikanten ‚beherrschen‘, sondern Signifikanten beliebig – spielerisch – Dekonstruktives Fragen als Methode 138 ausgetauscht werden können. In der Literaturwissenschaft führte das mitunter dazu, dass die ‚Herrschaft des Autors‘ über den Textsinn ersetzt wird durch die bedeutungsherstellende Interpretation der Leserschaft (Barthes, 2000). Dekonstruktives Fragen, so kann nun näher gesagt werden, meint ein In-Frage-Stellen der eindeutigen Beziehung von Signifikat und Signifikant. Es versucht das, was von einer Theorie explizit ausgeschlossen wird (Hintergrundannahmen), als konstituierenden Kern eben dieser Theorie auszuweisen (Schönwälder-Kuntze, 2020, 156). Nichtsichtbare Einschränkungen durch Sinnkonstruktionen werden dabei freigelegt und die Mehrdeutigkeit eines Wortes, eines Satzes oder einer Geste aufgezeigt (SchönwälderKuntze, 2020, 154ff.). Mit welchen Handlungen das ausgeübt wird, erläutert Derrida (1991, 42ff.) anhand zweier Ansätze. 1. Einen begründenden Ansatz, der nicht-historisch arbeitet und darum bemüht ist, Widersprüche aufzudecken. 2. Einen anamnetisch-genealogischer Ansatz, der historisch arbeitet und um eine sorgfältige, detaillierte Interpretation von Texten bemüht ist. Der erste Ansatz zielt auf den Nachweis, dass ein nachgeordnetes Gegensatzglied als Bestandteil im vermeintlich ursprünglichen Gegensatzglied enthalten ist. Es geht hierbei darum, eine vermeintliche Hierarchie von Bedeutungen aufzudecken und aufzulösen. Der zweite Ansatz versucht eine über lange Zeit hinweg entstandenen Signifikat-SignifikantVerfestigung und deren Intertextualität aufzudecken. Ich nenne nur jeweils ein Beispiel: Eine philosophisch markanter Gegensatz ist der von Sprechen und Schweigen. 139 Stefan J. Jelonnek Das Schweigen ist nach Westerkamp ein bewusstes Nichtssagen-wollen und unterscheidet sich dadurch vom Lautlosen oder der Stille (Westerkamp, 2020, 113). Das Schweigen setzt aber ein Sprechen-können voraus, da es sonst den ihm anheimfallenden Willensakt entbehrt (Westerkamp, 2020, 109). Begrifnich ist das Sprechen im Schweigen somit als Bestandteil enthalten. Ein anderer Fall ist die Interpretation des Adjektivs toll. Ende des 18. Jhd. schreibt Nietzsche einen Essay mit dem Titel Der tolle Mensch (2015, 166f.). Toll meint hier so viel wie wahnsinnig. Wir verwenden das Wort heute noch; allerdings im Sinne von schön oder erfreulich. Diese Bedeutungsverschiebung ist bei der Interpretation Nietzsches Textes zu berücksichtigen, um die Pointe zu verstehen. Jene Intertextualität, der Verweis auf Anderes, bildet die Grundlage der Kritik dekonstruktiven Fragens und findet ihren systematischen Ort in dem, was Derrida différance nennt. 2. Differánce – Ein Netz unendlicher Verweisungszusammenhänge Différance steht dafür, dass es weder allgemeine noch ewige Signifikate von Signifikanten gibt. Auf der Wortebene (Lexik) lassen sich vor diesem Hintergrund zwei Wortbedeutungen (Semantik) von différance unterscheiden (Derrida, 1999, 33, 42f., 48): 1. différance als Unterscheidbarkeit im Sinne von Differenz, der Abweichungen von Zeichen zueinander, die ein Zeichensystem aus sich heraus konstituiert. Dekonstruktives Fragen als Methode 140 2. différance als Aufschub im Sinne von différrer, also einer raum-zeitlichen Aufschiebung von Bedeutung Derrida (1999, 40) erklärt: Jeder Begriff ist seinem Gesetz nach in eine Kette oder in ein System eingeschrieben, worin er durch das systematische Spiel von Differenzen auf den anderen, auf die anderen Begriffe verweist. Ein solches Spiel, die différance, ist nicht einfach ein Begriff, sondern die Möglichkeit der Begrifnichkeit, des Begriffsprozesses und -systems überhaupt. Der Verweiszusammenhang von Zeichen auf weitere Zeichen innerhalb des Sprachsystems (Langue) ist bereits angemerkt worden. Im Folgenden sei dieser Gedanke etwas weiter ausgeführt. Sprachliche Zeichen gelten als Träger von Sinn nur in einem bestimmten System. Einem System, welches diese aufgrund syntaktischer Regeln als Zeichen ausweist. Das Zeichensystem europäischer Sprachen etwa, enthält 26 Buchstaben, deren Verschiedenheit nur dadurch zustande kommt, dass sie deutlich (distinkt) und verschieden (disjunkt) sind: ¹aº ist genau deshalb der Buchstabe ¹aº, weil er nicht ¹bº,…,¹zº ist. Wer ein bestimmtes Zeichensystem verwendet, hat allenfalls hingenommen, sich an den vereinbarten Gebrauch dessen Zeichen zu halten (Konventionalität) (de Saussure, 2001, 80). Einen Gegenstand, der mit dem Wort Tisch bezeichnet wurde, nennen wir im Deutschen weiterhin Tisch und nicht etwa Teppich (Bichsel, 1995). Doch damit wird eine Schwierigkeit eingekauft, denn gerade weil sprachliche Zeichen arbiträr sind und konventionell verwendet werden, ist es nicht ausgeschlossen, dass 141 Stefan J. Jelonnek innerhalb einer Sprachgemeinschaft allmählich neue, alternative ‚Vorstellungen‘ bezüglich eines Signifikats auftreten (Assoziativität) (de Saussure, 2001, 147f.). Im Mittelhochdeutschen (1050–1350) beispielsweise war das Nomen vrouwe weiblichen Personen von hohem sozialen Rang vorbehalten, wohingegen es im Neuhochdeutschen (ab 1650) eine Bedeutungserweiterung erfuhr, sodass wir heute in der Regel alle Personen mit weiblichem Sexus mit Frau bezeichnen.2 Mit Verweis auf das zweiseitige Zeichenmodell de Saussures wird Derridas Gedanke der différance klarer: Das Wort Teppich verweist eben nicht auf die besondere Lautfolge [ˈtɛpɪç], sondern einen aus Fasern bestehenden, geometrisch geformten Gegenstand mit oder ohne Fransen, den wir auf Fußböden auszubreiten pflegen. Kein Begriff, so könnte gefolgert werden, ist demzufolge er selbst (Derrida, 1986, 115). Die genannten Umstände veranlassen Derrida nun dazu, die Handlung des Bezeichnens als einen unabschließbaren Vorgang zu interpretieren. Denn insofern ein sprachliches Zeichen etwas Anderes ist, als es selbst, ist die Herstellung von Sinn nicht mehr an das empirische Zeichen gebunden, sondern vielmehr als Glied eines Netzwerkes aus Sinnmöglichkeiten, die abhängig sind von den Zeichenbenutzerinnen und Benutzern (Dreisholtkamp, 1999, 160). Différance ist, um es an dieser Stelle deutlicher zu sagen, jedoch selbst nicht empirisch-gegenständlich vorhanden (Derrida, 1999, 34). Différance kann aber als die Bedingung 2 Mir sind die Kontroversen diesbezüglich zumindest in ihren Grundzügen bekannt. Ich habe daher die Präposition mit anstelle von als verwendet, um nicht den Eindruck von ‚Identitätsstiftung‘ zu schüren. Dekonstruktives Fragen als Methode 148 angenommen, welche Gesichtspunkte werden ausgeklammert? Textkomposition prüfen Welche Adjektive, Verben und Substantive werden zu welchen Darstellungszwecken, zugunsten welcher Erzählperspektive verwendet? Ein bekannter philosophischer Essay von P. Bieri (2012) trägt den Titel: Wie wäre es gebildet zu sein? Durch den Irrealis (Konjunktiv II) wird der Eindruck erweckt, dass die Eigenschaft gebildet-sein bisher niemandem, denn diese Allgemeinheit wird durch das expletive es ausgedrückt, zugesprochen werden könne. Der Autor verfährt dabei mit einem ganz bestimmten Bildungsbegriff, der dazu führt, dass er diese Frage überhaupt in dieser Form stellt. Ändert man aber die Bedeutung in einen anderen Bildungsbegriff, so kommt man gegebenenfalls dazu, von einer „rasche[n] Bildung“ (Nietzsche, 2012, 184) als einer zwar bestehenden, aber unvollständigen zu reden. Zum Weiterdenken: Suchen Sie in diesem Aufsatz auffällige Moduswechsel (Indikativ, Konjunktiv). Welche Funktion haben diese für die Aussagekraft? Schlagen Sie in einem Philosophischen Wörterbuch das Wort ‚Hypostase‘ nach und überlegen sich, welchen Unterschied ein Nominalstil gegenüber dem Gebrauch von Adjektiven und Verben zur Beschreibung von Sachverhalten macht. 149 Stefan J. Jelonnek Herausstellen ‚fester‘ und ‚beweglicher‘ Bedeutungen Texte sind aufgrund ihres Formats endlich. Die Abgeschlossenheit eines Textet täuscht aber über die Unabgeschlossenheit des fortwährenden Nachsinnens, der andauernden Herstellung von Bedeutung hinweg. So wurde in diesem Aufsatz etwa ein Beispiel bezüglich des Wortes „Gewalt“ angeführt. Dass weitere begrifniche Differenzierungen und kontextuelle Einordnungen nicht nur möglich, sondern faktisch auch durchgeführt worden sind, lässt diese Textpassage aus. Zum Weiterdenken: Achten Sie bei ihren zukünftigen, aber ganz besonders den nächsten Seminartexten darauf, ob und wenn ja auf welche Weise Fachbegriffe verwendet werden. Was würde mit dem Textsinn geschehen, wenn Sie eines dieser Fachtermini, beispielsweise den Terminus ‚Vernunft‘ oder ‚Gerechtigkeit‘ auf eine andere Ihnen vielleicht bekannte Weise interpretieren? Mehrdeutigkeiten suchen Besonders interessant ist, ob eine Mehrdeutigkeit von Wörtern aufgrund unpräziser Verwendung herausgestellt werden kann. In diesem Aufsatz wurde auf Nietzsche aufmerksam gemacht, der das Wort toll verwendet. Dieses Wort ist mehrdeutig (ambig), wie gezeigt worden ist. Zum Weiterdenken: Lesen Sie den Text „Der tolle Mensch“ von Nietzsche und interpretieren Sie ihn mit beiden hier zur Verfügung gestellten Bedeutungen. Bleibt der Sinn der gleiche? Sind die Lesarten vereinbar? Welche Konsequenz hat das Ergebnis Ihrer Untersuchung für die Aussagestärke des Textes? Dekonstruktives Fragen als Methode 150 Widersprüche kennzeichnen Manche Texte können sogleich mehrere Dinge bedeuten. Das kann unter Umständen ein gezieltes literarisches Mittel sein. Es kann aber auch ein rhetorisches Mittel sein, etwa in der politischen Debatte, um sich möglichst viele „Auswege“ im Falle von Einwänden offen zu halten. Zum Weiterdenken: Schauen Sie sich die angemerkte Ausgabe der Sendung „hart, aber fair“ an (Hintergrundannahmen prüfen)und überlegen sich in diesem Zusammenhang, ob die Gäste der Sendung widersprüchlich argumentieren. Zweiwertigkeit überwinden Ein prominentes Anliegen dekonstruktionistischen Fragens besteht im Aufbrechen sog. Binärer Strukturen. In der Einleitung dieses Aufsatzes wurden eine Reihe solcher Paare vorgeführt. Eine Dekonstruktion solcher Paare sucht nach weiteren Bedeutungen, die ggf. fließend sind zwischen den polarkonträren Wörtern, etwa wahr und falsch – in der Logik etwa wurde die sog. Fuzzy-Logik entwickelt, die den Grad an Wahrheit oder Falschheit untersucht. Zum Weiterdenken: Setzen Sie sich mit dem Problem des Wahrheitsbegriffs in der klassischen Logik aus Sicht der konstruktiven Logik auseinander. Lesen Sie dazu von Carl Friedrich Gethmann (2015): Wahrheit und Beweisbarkeit. (Genauere Literaturangabe im Literaturverzeichnis!) 151 Stefan J. Jelonnek Selbstverständlichkeiten freilegen Obwohl sich der hier vorliegende Text darum bemüht hat, ‚klar und einfach‘ geschrieben zu sein, wurden Termini herangezogen, Verhältnisse dargestellt und Bereiche Derridas Werk erörtert. Die dadurch hergestellte Selbstverständlichkeit sollte jedoch nicht für ‚fest‘ einfach hingenommen werden. Durch die Auswahl der Termini, ihrer Erklärungen sowie der gegebenen Beispiele durch den Text wurden Einschränkungen vorgenommen, die sich gegebenenfalls auf das Textverständnis auswirken. Zum Weiterdenken: Nehmen Sie sich einer Ihrer Seminartexte und stellen Sie die Perspektive, die der Text einnimmt, heraus. Werden Beispiele gegeben, wenn ja wo und welcher Art? Werden Gegensätze aufgemacht, wenn ja, wie werden die einzelnen Teile je dargestellt? Ergebnisse sichern Dekonstruktion versucht nicht, »die« Wahrheit für sich in Anspruch zu nehmen. Sie verfolgt lediglich den Zweck der Überprüfung vermeintlich fester Erkenntnisse. Ergebnisse werden also am elegantesten so gesichert, dass man die anderen möglichen Sinnbestimmungen und Perspektiven als Alternativen darstellt und beschreibt. 5. Schlussbemerkung Das dekonstruktives Fragen hat für sprachphilosophische Überlegungen insbesondere deshalb einen Reiz, weil es nach der Beständigkeit von sprachlichen Zeichenüberhaupt Dekonstruktives Fragen als Methode 152 fragt. Da uns Sprache täglich und nicht bloß in der Universität begegnet, lässt sich dieses Erfragen nach anderen Sinnbestimmungen und Blickwinkeln sehr gut in unseren täglichen Blick hineinnehmen. Die Idee dieses Aufsatzes bestand darin, wesentliche Merkmale dekonstruktiven Fragens zu erörtern und abschließend als beispielhafte Handlungsschritte für eine Dekonstruktion vorzuschlagen, damit Sie, als Studentin oder Student, ein technisches Hilfsmittel haben, um nicht bloß philosophische Texte kritisch zu lesen, sondern auch ihren Alltag, das Verhalten Ihrer Mitmenschen und auch Ihr eigenes nicht als selbstverständlich hinnehmen. Literatur Barthes, R. (2000). Der Tod des Autors. In F. Jannidis, G. Lauer, M. Martínez & S. Winko (Hrsg.), Texte zur Theorie der Autorschaft (185-193). Reclam. Bichsel, P. (1995). Ein Tisch ist ein Tisch. Suhrkamp. Bieri, P. (2012). Wie wäre es gebildet zu sein? In H. Hastedt (Hrsg.), Was ist Bildung? Eine Textanthologie (1. Aufl., 228-240). Reclam. Derrida, J. (1983). Grammatologie (1. Aufl.). Suhrkamp. Derrida, J. (1986b). Semiologie und Grammatologie. Gespräch mit Julia Kristeva. In P. Engelmann (Hrsg.), Jaques Derrida: Positionen. Gespräche mit Henri Ronse, Julia Kristeva, Jean-Louis Houdebine und Guy Scarpetta (52-82). Böhlau. Derrida, J. (1986c). Positionen. Gespräch mit Jean-Louis Houdebine und Guy Scarpetta. In P. Engelmann (Hrsg.), 153 Stefan J. Jelonnek Jaques Derrida: Positionen. Gespräche mit Henri Ronse, Julia Kristeva, Jean-Louis Houdebine und Guy Scarpetta (83-184). Böhlau. Derrida, J. (1991). Der „mythische Grund der Autorität“. Suhrkamp. Derrida, J. (1999). Die Différance. In P. Engelmann (Hrsg.), Jaques Derrida: Randgänge der Philosophie (31-56). Passagen Verlag. Derrida, J. (2003). Die Stimme und das Phänomen. Suhrkamp. Derrida, J. (2018). Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen. In U. Wirth (Hrsg.), Kulturwissenschaft (1. Aufl., 229250). Suhrkamp. De Saussure, F. (2020). Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft (A. Riedlinger Hrsg.). De Gruyter. Engelmann, P. (2013). Dekonstruktion: Jaques Derridas semiotische Wende der Philosophie. Passagen Verlag. Gethmann, C. F. (2015). Wahrheit und Beweisbarkeit: Die philosophische Bedeutung von Intuitionismus und Konstruktivismus in der Logik. In J. Mittelstraß Jürgen & C. von Bülow (Hrsg.), Dialogische Logik (13–28). Mentis. Kimmerle, H. (1992). Derrida zur Einführung. Junius. Nietzsche, F. (2013). Die fröhliche Wissenschaft: Wir Fruchtlosen. Meiner. Nietzsche, F. (2012): Verfall der Bildung. In H. Hastedt (Hrsg.), Was ist Bildung? Eine Textanthologie (183–192). Suhrkamp. Schönwälder-Kuntze, T. (2020): Dekonstruktives Fragen, In: T. Schönwälder-Kuntze (Hrsg.), Philosophische Methoden zur Einführung (152-174). Junius. von Zima, P. (1994): Die Dekonstruktion. UTB.