Dialektische Methode
Abstract
Die dialektische Methode (DM) wird in der Antike noch als eine Gesprächsmethode verstanden, bei der die Gesprächsteilnehmer durch Äußerungen…
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25 https://doi.org/10.38071/2024-00979-3 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0 Dialektische Methode Connor Ohrt Abstract Die dialektische Methode (DM) wird in der Antike noch als eine Gesprächsmethode verstanden, bei der die Gesprächsteilnehmer durch Äußerungen gegensätzlicher Meinungen zu einer höheren Form der Erkenntnis gelangen. Seit der Aufklärung jedoch ist die DM ein Verfahren zur Aufdeckung von Gegensätzen innerhalb eines Gegenstandes oder Sachverhaltes; diese Aufdeckung mündet bei der DM der Kritischen Theorie in der Kritik an dem Untersuchungsgegenstand, insofern er sich in seine eigenen Widersprüche verstrickt. Einleitung Worum geht es bei der DM und was bedeutet Dialektik überhaupt? Der Begriff der Dialektik leitet sich ursprünglich aus dem Griechischen von /dialegein/ ab, was so viel wie unterreden oder überlegen bedeutet (Müller, 1974, 11). In einem Gespräch, einem Dialog, treffen verschiedene Standpunkte und Auffassungen aufeinander, sodass eine „Einheit von Gegensätzen“ (Platon, Phaidon, 60b-60c) entsteht. Im Gegensatz zu der dialogischen Methode sowie dem Sokratischen Dialog thematisiert die dialektische jedoch nicht die Form der Gesprächsführung, sondern die je gegensätzlichen In-
26 Connor Ohrt halte, die sie zu verbinden versucht.1 So legt Platon in seinem Phaidon Sokrates in den Mund, nachdem diesem seine Beinfesseln abgenommen wurden: Sokrates aber beugte, indem er sich aufrecht auf das Lager setzte, das Bein und rieb es mit der Hand, und während er es rieb, sagte er: Wie sonderbar, ihr Männer, scheint es doch mit dem zu sein, was die Menschen angenehm nennen! Wie seltsam verhält es sich zu dem, was als sein Gegenteil gilt, dem Unangenehmen, daß beide zugleich zwar nicht im Menschen sein wollen, wenn aber jemand dem einen nachjagt und es erwirbt, er fast immer gezwungen ist, auch das andere zu erwerben, als ob sie, die doch zwei sind, an einem Scheitelpunkt zusammengeknüpft wären. [...] Weil von der Fessel im Bein vorher Schmerz war, scheint nun nachfolgend das Angenehme zu kommen. (Platon, Phaidon, 60b-60c) Erst weil Sokrates zuvor im Bein Schmerz verspürt habe, kann er es nun bewusst als angenehm empfinden. Das Angenehme entsteht aus seinem Gegenteil. Es geht ihm dabei jedoch weniger um Empfindungen an sich als vielmehr um die Begriffe, die sie beschreiben, und diese sind längst nicht auf Empfindungen begrenzt. Die Menschen haben schon dialektisch gedacht, lange bevor der Ausdruck Konjunktur erhielt: „Seit sich der Mensch bewusst orientieren kann, weiß 1 Die Unterscheidung zwischen dialektischer und dialogischer Methode ist zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht deutlich. Platon bedient sich zur Darstellung des Problems des Streitgesprächs zwischen gegensätzlichen Positionen, wie es der dialogischen Methode zu eigen ist, thematisch geht es ihm jedoch um den Zusammenhang von Gegensätzen in der Begriffsbestimmung.
Dialektische Methode 27 er um links und rechts und oben und unten und vorn und hinten. Und er weiß, dass es das eine nicht ohne das andere gibt, dass da ein Zusammenhang besteht, der unauflöslich ist“ (Kraft, 2015, 21). Ohne links kein rechts, ohne oben kein unten, ohne gut kein böse. Was die DM im Allgemeinen kennzeichnet, ist die Betrachtung von Gegensätzen und ihren Beziehungen zueinander unter den Kategorien des Seins und des Werdens (Prozess, Veränderung). Historisch betrachtet findet die DM in verschiedenen philosophischen Disziplinen Anwendung. Während Platons dialektische Philosophie der Metaphysik zuzuordnen ist, welche sich mit den Prinzipien und Ursachen des Seins befasst, findet sich die DM ebenfalls beispielsweise in Kierkegaards Religionsphilosophie (Kierkegaard, 2020) oder in den geschichtsbzw. sozialphilosophischen Untersuchungen von Hegel (1986) sowie Adorno und Horkheimer (2020), den bekanntesten Vertretern der Kritischen Theorie. 1. Ablauf In den folgenden Abschnitten soll daher zuerst ein historischer Überblick über die Entstehung und Transformation der Dialektik bis hin zur DM gegeben werden, wobei dieser ob der zahlreichen Varianten nur holzschnittartig erfolgen kann. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Zusammenhänge und Transformationen der Dialektik gelegt, die sich im historischen Prozess entwickelt haben, wobei die dialektische Methode der Kritischen Theorie den Fluchtpunkt darstellt. So geht dieser Aufsatz über Zeno und Heraklit zu
28 Connor Ohrt Platon und schließlich über Hegel zur Kritischen Theorie. Im Anschluss erfolgt eine beispielhafte Untersuchung sozialer Prozesse mit der DM der Kritischen Theorie am Beispiel sozialer Medien unter dem Gesichtspunkt der Demokratisierung. Da die Vertreter der Kritischen Theorie die DM als solche nie methodisch ausformuliert haben, handelt es sich dabei jedoch mehr um einen Vorschlag als um die DM der Kritischen Theorie schlechthin. 2. Zeno Aristoteles benennt Zeno (um 490 v. Chr.-um 430 v. Chr.) als den Erfinder der Dialektik. Zeno bediente sich eines indirekten Verfahrens, um Aussagen über das Seiende treffen zu können. Er arbeitete mithin insofern dialektisch, als er nachwies, dass man sich durch die seiner Aussage entgegengesetzten Annahmen in Widersprüche verwickle (Hartmann, 1963, 1), wobei er sich auch sophistischer Mittel bediente.2 Zenos Dialektik, hier noch nach Aristoteles als Methode des Gesprächs bzw. Argumentierens verstanden (Aristoteles, Rhetorik, Erstes Buch, 1354a-1355a), thematisiert jedoch bereits den später dominant werdenden Gegenstandsbereich der dialektischen Methode, die Kategorien des Seins und des Werdens; gemeint ist das Paradoxon von Achilles und der Schildkröte. Das besagte Paradoxon wird 2 Die Sophisten der Antike hätten sämtliche rhetorische Überredungskünste verwendet, um auch einen falschen Satz durchzusetzen, sofern er ihnen hilfreich war (u.a. Schopenhauer, 2014,16-19).
Dialektische Methode 29 folgendermaßen beschrieben3: Achill, der schnellste unter den Kriegern, sei bei einem Wettlauf der Gegner einer Schildkröte. Der Fairness halber gebe Achill der Schildkröte einen Vorsprung. Achill werde dann, trotz seiner Schnelligkeit, die Schildkröte niemals einholen; bevor er die Schildkröte erreichen könne, müsse er vorerst den Startpunkt der Schildkröte erreichen. In diesem Zeitraum aber habe die Schildkröte selbst eine (natürlich kleinere) Strecke zurückgelegt und sei bis zum nächsten Punkt gelaufen, den Achill wieder erreichen müsse, während die Schildkröte erneut den nächsten Punkt erreicht. Die Abstände würden zwar stets kleiner, könnten aber niemals kleiner-gleich Null sein, da während der Zeit, in der Achill den nächsten Punkt erreicht, die Schildkröte immer wieder zum nächstfolgenden Punkt rennen würde (Köhler, 2014, 26). Mit diesem sowie den anderen drei Paradoxa – die Dichotomie, der fliegende Pfeil, das Stadion (Köhler, 2014, 25) – will Zeno den indirekten Beweis dafür erbringen, dass das Sein unbeweglich und unveränderlich sei, da man sich mit den Annahmen von Bewegung und Veränderung in die genannten Widersprüche bzw. Paradoxien verstricken würde (Bockrath, 2014, 59). Was die Sinneswahrnehmung als Bewegung und Veränderung, sprich Werden, zu erkennen glaube, sei damit als Schein widerlegt (Tamboer, 1994, 12). 3 Zenos eigene Schriften sind verloren gegangen, sodass man nur über andere Philosophen wie Aristoteles (bspw. in dessen Physik) von Zenos Philosophie lesen kann.
30 Connor Ohrt 3. Heraklit Für Heraklit hingegen wird das Sein der Dinge, ihre Substanz, zu einer Nebensache. Stattdessen stellt er den Prozess, das Werden, ins Zentrum seines Denkens. Ihn interessieren die Fragen nach Kontinuität und Veränderung und nach der Koinzidenz der Gegensätze, die den Prozessen einer in steter Veränderung begriffenen Welt zugrunde liegen (Muss, 2017, 10). Das Eine, das ist, ist in sich selbst unterschieden und trägt seinen Gegensatz in sich (Good, 2017, 536). Der Schmerz in Sokrates Bein trüge, Heraklits Definition nach, das Angenehme bereits in sich und sei in einem steten Prozess begriffen, statt dass aus dem substanziellen Sein des Schmerzes das Sein des Angenehmen werde. „Das Eine in sich selber unterschiedne drückt die Differenz in sich selber aus. [...] In der Selbst-Differenz das Eine sehen, heißt Werden (und nicht Sein) sagen“ (Good, 2017, 538). Bei Heraklit geht es mithin bereits, anders als noch bei Zeno, bei dem die DM noch weitestgehend als Gesprächsmethode fungierte und für den das Sein unveränderlich ist, um eine dialektische Bewegung des Seienden, d.h. um eine stete Veränderung. Für Zeno gibt es noch keine dialektische Bewegung, da das Sein unveränderlich sei, bei Heraklit hingegen scheint sich das Sein in dem steten Fluss des Werdens zu verlieren.
Dialektische Methode 31 4. Platon Platon wendet sich, wie zu zeigen sein wird, entschieden gegen Heraklit. Beim Sokratischen Dialog4, der Methode, derer sich Platon für fast alle seiner philosophischen Werke bedient, erscheint die Dialektik aber vorerst als eine erkenntnistheoretische Gesprächsmethode, bei der „aus der Diskussion entgegengesetzter Meinungen“ (SchönwälderKuntze, 2015, 39) Wissen über einen Gegenstand ermöglicht werden soll. Durch die Negation der noch ungesicherten und ungeprüften Behauptungen der Gesprächsteilnehmer, zumeist seitens Sokrates, wird ein schrittweiser Verlauf hin zur Wahrheit angestrebt (Horster, 1994, 20). Der Beginn des Gesprächsverlaufs ähnelt insofern der Methode des indirekten Beweises bei Zeno, allerdings zielt der Sokratische Dialog auf eine positive Wahrheit im Sinne einer Begriffsdefinition ab, die sich nicht darauf ausruht, gegensätzliche Definitionen zu widerlegen. Insbesondere im Phaidon gewinnt die DM aber auch als metaphysische Analyse des Seins und des Werdens der Dinge im Sinne Heraklits an Relevanz: Laß uns überhaupt an allem, was nur eine Entstehung hat, sehen, ob alles auf folgende Weise entsteht, nicht anderswoher als jedes aus seinem Gegenteil, was nur ein solches hat; wie zum Beispiel das Schöne dem Hässlichen entgegengesetzt ist und das Gerechte dem Ungerechten und tausend anderes sich so verhält. (Platon, Phaidon, 70d-70e) 4 Eine genauere Darstellung des Sokratischen Dialogs findet sich in dem Aufsatz Der Sokratische Dialog dieses Bandes.
32 Connor Ohrt Aber worin unterscheidet sich diese Definition von der Heraklits? Tatsächlich wird Heraklits Lehre in Platons Dialog Kratylos von Sokrates, dem Philosophen und Schüler Heraklits Kratylos sowie dessen Freund Hermogenes diskutiert. Sokrates bezweifelt diese These Heraklits, dass alles in Bewegung und im Fluss sei, und zieht dafür in Manier des Sokratischen Dialogs die Schönheit als ein Beispiel heran, um zu zeigen, dass es sich mit den Dingen so nicht verhalten kann: Sokrates: Lass uns nun also dieses selbst betrachten, nicht ob ein Antlitz schön ist oder etwas dergleichen, und ob dies alles im Fluss zu sein scheint. Sondern mit Blick auf das Schöne selbst, sollen wir nicht sagen, dass es stets so beschaffen ist, wie es ist? Kratylos: Unausweichlich. Sokrates: Ist es nun möglich, es in richtiger Weise anzusprechen, wenn es stets entweicht, zuerst, dass es jenes ist, sodann, dass es von der und der Beschaffenheit ist, oder muss es nicht unausweichlich im selben Augenblick, wo wir sprechen, sofort zu etwas anderem werden, sich entziehen und nicht mehr dieselbe Beschaffenheit haben? Kratylos: Unausweichlich. Sokrates: Wie könnte nun das, was niemals in demselben Zustand ist, etwas sein? Ist es nämlich je in demselben Zustand, dann findet in dieser Zeit offenbar keinerlei Wechsel an ihm statt. Ist es aber stets in demselben Zustand und stets dasselbe, wie sollte dieses je umschlagen und sich bewegen, da es doch in keiner Weise aus seiner Form heraustritt? (Platon, Kratylos, 439c-e)
Dialektische Methode 33 Zwei Aspekte dieses Dialogausschnittes sind von besonderer Relevanz. Erstens die platonische, metaphysische Ideenlehre, die sich in diesem Fall mit der Idee der Schönheit, d.h. der Schönheit an sich, und nicht mit den Dingen befassen will, die Anteil an ihr haben. Zweitens und damit einhergehend die im Grunde sprachphilosophische Kritik an Heraklits Lehre: Wenn die Schönheit an sich im Fluss wäre, dann könne man sie nie erkennen und wäre mithin auch nicht in der Lage, etwas als schön zu bezeichnen (es „anzusprechen“). Dies bedeutet jedoch nicht, dass die konkreten Gegenstände und Sachverhalte in der Welt unveränderlich seien. Die Ideen haben nach Platon ein unveränderliches Sein, während die Dinge der Welt, die an den Ideen immer nur Anteil haben können,5 einem steten Wandel unterworfen sind: „Sondern durch Bewegung und Veränderung und Vermischung alles untereinander nur wird, wovon wir sagen, dass es ist, nicht richtig bezeichnend; denn niemals ist eigentlich irgend etwas, sondern immer nur wird es“ (Platon, Theaitetos, 152d). So kann auch Sokrates Bein zum Beginn des Phaidon erst schmerzen und sich daraufhin umso angenehmer anfühlen, während die Ideen des Schmerzes und des Angenehmen stets unveränderlich bleiben, sich definierend durch das, was sie nicht sind. Dialektik, für Platon die höchste Form wissenschaftlicher Erkenntnis, soll allerdings der Erkenntnis der Ideen mit den Mitteln der Vernunft dienen, nicht der Erkenntnis der sichtbaren Gegenstände der Welt (Ritsert, 2017, 25). Insofern scheint Platon in Bezug 5 So kann ein Gesicht z.B. als schön empfunden werden, es ist aber nie die Schönheit selbst, sondern hat, so Platon, immer nur Anteil an der Idee der Schönheit.
40 Connor Ohrt sam im sensibilisierten und emanzipierten Denken aufgehoben (also bewahrt).9 Die individuellen Handlungen Einzelner – wie in diesem Beispiel Hitler und seiner Gefolgschaft – können den notwendigen Fortschritt der Freiheit nach Hegel nicht aufhalten. Dies ist Hegels List der Vernunft: „Das Vernünftige realisiert sich auf versteckte Weise, nämlich unter dem Deckmantel der besonderen Interessen und Leidenschaften von Individuen“ (Ostritsch, 2020, 88).10 Im Endziel der dialektischen Bewegung nach Hegel gelange die nunmehr im Geiste freie Menschheit zum absoluten Wissen, das keinen weiteren Widerspruch enthielte, der aufzuheben wäre. Insofern handelt es sich bei Hegel um eine positive Dialektik (Kreis, 2017, 145f.), die im Gegensatz zur negativen auf eine Geschlossenheit des Systemganzen abzielt. 9 Dadurch wäre das antisemitische Denken auch in Hegels Philosophie alles andere als legitimiert. Es bleibt das Negative, Schlechte, das es in der dialektischen Bewegung durch eine Antithese zu überwinden gilt. 10 Die dialektische Bewegung ist für Hegel damit zugleich eine Theodizee, eine Erklärung und Rechtfertigung der Frage, wie ein guter Gott trotz all des Bösen in der Welt existieren kann: „Unsere Betrachtung ist insofern eine Theodizee, eine Rechtfertigung Gottes, welches Leibniz metaphysisch auf seine Weise in noch abstrakten, unbestimmten Kategorien versucht hat: das Übel in der Welt überhaupt, das Böse mit inbegriffen, sollte begriffen, der denkende Geist mit dem Negativen versöhnt werden; und es ist in der Weltgeschichte, dass die ganze Masse des konkreten Übels uns vor die Augen gelegt wird. [...] Die Aussöhnung kann nur durch die Erkenntnis des Aformativen erreicht werden, in welchem jenes Negative zu einem Untergeordneten und Überwundenen verschwindet“ (Hegel, 1955, 48).
Dialektische Methode 41 6. Adorno und Horkheimer: Die Kritische Theorie Dem Glauben an eine stetig fortschreitende Entwicklung der Freiheit in der Geschichte, für die die Schrecken und Ungerechtigkeiten der Welt nur notwendige Wegpunkte zur dialektisch sich entfaltenden, absoluten Freiheit seien, widersprechen die deutschen Philosophen Theodor W. Adorno (1903-1969) und Max Horkheimer (1895-1973) vehement. Die berühmten ersten Sätze der von ihnen gemeinsam verfassten Dialektik der Aufklärung lauten: „Seit je hat die Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“ (Adorno & Horkheimer, 2020, 9). Durch die Abwehr der positiven Dialektik Hegels gewinnen Adorno und Horkheimer ihre eigene Negative Dialektik (Kreis, 2017, 132). Die sich vor allem an Hegel, Karl Marx und Sigmund Freud orientierenden Philosophen übernehmen dabei Hegels dialektische Bewegung von These und Antithese, ohne sich auf den mit der Synthese verbundenen notwendigen Fortschrittsgedanken Hegels einlassen zu wollen. Die Widersprüche, die insbesondere in der Aufklärung zu finden seien, seien nicht synthetisch auflösbar und versöhnbar, und so verkehre sie sich in ein sich anbahnendes Unheil statt in die vollkommene Freiheit des absoluten Wissens. Damit verleugnen sie nicht den dialektischen Zusammenhang der geschichtlichen Entwicklung, dafür aber den Weltplan zum Besseren, den Hegel ihr prädiziert (Sandkaulen, 2006, 173).
42 Connor Ohrt Für die Dialektik der Aufklärung sind die Begriffe Aufklärung und Mythos zentral. Mythos meint hierbei nicht bloß so etwas wie altertümliche Erzählungen und Legenden, sondern vielmehr die spezifische Denkweise, die in ihnen zum Ausdruck kommt: Denn Mythologie hatte in ihren Gestalten die Essenz des Bestehenden: Kreislauf, Schicksal, Herrschaft der Welt als die Wahrheit zurückgespiegelt und der Hoffnung entsagt. In der Prägnanz des mythischen Bildes wie in der Klarheit der wissenschaftlichen Formel wird die Ewigkeit des Tatsächlichen bestätigt. (Adorno & Horkheimer, 2020, 33) Mythen wollen zwar „berichten, nennen, den Ursprung sagen“ (Adorno & Horkheimer, 2020, 14), sie werden aber aus einem Bericht zur Lehre. Es geht beim mythischen Denken mithin um ein solches, das durch irrationale Erklärungsstrukturen der Welt in Zwängen und der Unfreiheit des Einzelnen mündet. Als Zwänge dieser Art könnten z.B. die christlichen Gebote gelesen werden. Das christliche Denken weist ein System auf, das die Welt ganzheitlich zu erklären bestrebt ist und dadurch den Menschen in spezifische Zwänge verstrickt. So wird ihm eine Essenz, d.h. gleichsam eine Natur, zugesprochen, der er stets zu entsprechen hat. Die Aufklärung setzt dem die Vernunft, entgegen, mit der sie die Mythen zerstören und den Menschen „als Herren einzusetzen“ (Adorno & Horkheimer, 2020, 9) sucht, ihn also von den Zwängen befreien will, denen er im mythischen Denken ausgesetzt ist. Der dialektische Ansatz bei Adorno und Horkheimer besteht nun darin, die Widersprüche nicht nur im Mythos,
Dialektische Methode 43 sondern auch in der Aufklärung aufzudecken. Ganz im Sinne Hegels tragen beide Denkweisen ihren Widerspruch bereits in sich: „Wie die Mythen schon Aufklärung vollziehen, so verstrickt Aufklärung mit jedem ihrer Schritte tiefer sich in die Mythologie. Allen Stoff empfängt sie von den Mythen, um sie zu zerstören, und als Richtende gerät sie in den mythischen Bann“ (Adorno & Horkheimer, 2020, 18). In diesem Zitat zeigt sich auch bereits der zentrale Unterschied zu Hegel: Die Aufklärung ist mit Adorno und Horkheimer nicht als dialektische Aufhebung zu verstehen, als eine höhere Form der Erkenntnis aus dem Widersprechen des Mythischen, sondern sie selbst fällt zurück in das Mythische, als dessen Gegensatz sie entstand. Mythos trägt bereits Aufklärung in sich und Aufklärung stets das Mythische, in das sie zurückfallen kann. Dem stetigen Fortschreiten von Hegels Dialektik wird damit die Möglichkeit des Absteigens, des Zurückfallens, in und durch die Dialektik gegenübergestellt. Inwiefern Mythen bereits Aufklärung vollziehen, wird im berühmt gewordenen Kapitel Odysseus oder Mythos und Aufklärung in der Dialektik der Aufklärung beschrieben, wichtiger für die Analyse moderner Prozesse und damit auch für diese Arbeit ist jedoch, inwiefern die Aufklärung ins Mythische zurückfällt. Unter diesem Aspekt ist die Dialektik der Kritischen Theorie (KT) wesentlich Kritik, Unterminierung des als selbstverständlich Geltenden ohne die Setzung einer neuen Wahrheit als ein rein emanzipatorisches Vorhaben (Fröhlich, 1992, 15, 29ff.; Kreis, 2017, 133):
44 Connor Ohrt „Philosophie schöpft, was irgend sie noch legitimiert, aus einem Negativen“ (Adorno 2018, 62).11 So kritisieren die beiden Philosophen an dem mit der Aufklärung sich herausbildenden Industriezeitalter, dass das Individuum in neue Zwänge verstrickt werde. Der Primat der Vernunft in der Aufklärung untergrabe die freie Entfaltung des Individuums nicht zuletzt im Bereich seiner triebhaften Bedürfnisse, „denn die unreflektierte Herrschaft der Vernunft, die des Ichs über das Es, ist identisch mit dem repressiven Prinzip, das die Psychoanalyse, deren Kritik vorm Realitätsprinzip des Ichs verstummt, in dessen unbewusstes Walten verschob“ (Adorno 2018, 269). An dieser Stelle wird die Orientierung der KT an der Psychoanalyse Freuds deutlich. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud unterteilt das Bewusstsein 1. in eine kulturell erlernte Gewissensinstanz, das Über-Ich, 2. In eine Instanz für das (vernunftgeleitete) Bewusstsein, das entscheidungstreffende Ich, und 3. in die Instanz des Unbewussten, in dem die triebhaften Bedürfnisse verankert sind, das Es (Freud 1978, 180f.). Das Realitätsprinzip ist ein Teil der bewussten Steuerung des Ich, das die aufkommenden Wünsche des Es im Sinne der vorherrschenden gesellschaftlichen Normen umwandelt oder unterbindet (Freud, 2010, 21). Adorno will mit der zitierten Aussage also aufzeigen, dass die reine Herrschaft der Vernunft der Aufklärung die individuellen Bedürfnisse auf ähnliche Weise wie der Mythos unterbin11 Dies unterscheidet auch die sogenannte Kritische Theorie von der Traditionellen Theorie. Während Letztere gesellschaftliche Phänomene beschreibt und aus sich selbst heraus erklärt, erhebt Erstere ausschließlich gesellschaftskritischen Anspruch (Fröhlich, 1992, 20f.).
Dialektische Methode 45 det, sodass die Aufklärung eben nicht in einer Form absoluter Freiheit mündet, sondern sich in neue Zwänge verkehrt. Dabei ist die „Unterdrückung der vitalen Instinkte“ (Adorno & Horkheimer, 2020, 144) für die Philosophen der KT durchaus ein Zeichen der Freiheit und Individuation. Es sind vielmehr die absolute Herrschaft der Vernunft der Aufklärung und der Zwang, die diese auf das Individuum ausübt, die die Freiheit über die Triebe in den Zwang der Vernunft verkehren. Erneut zeigt sich, dass ein Prozess seine Widersprüche bereits beinhaltet und sich stets in sein Gegenteil verkehren kann, das er zu überwinden trachtete. Der zweite Orientierungspunkt ist die Philosophie von Karl Marx. Hierbei geht es der KT vor allem darum, dass sich der Mensch dadurch von sich selbst entfremde, dass er sich im kapitalistischen Industriezeitalter selbst als Ware erfahre. Der Arbeiter sei eine Ware, die er verkauft, da er nicht für das Produkt selbst bezahlt wird, sondern für seine Arbeitskraft (Marx, 2008, 125f.). Adorno und Horkheimer gehen sogar noch weiter, indem sie sagen, dass die Arbeit nicht bloß entfremdet sei, sondern das ganze System der Produktion als Zweck gesetzt werde. So wird das freie, autonome Leben zu einem Überleben, basierend auf der Notwendigkeit des Arbeitens: „Nach Ansicht der formalisierten Vernunft ist eine Tätigkeit nur dann vernünftig, wenn sie einem anderen Zweck dient, zum Beispiel der Gesundheit oder der Entspannung, die hilft, die Arbeitskraft wieder aufzufrischen“ (Horkheimer, 1991, 56). Durch die Vernunft werden so Mittel und Zwecke verkehrt. Der Mensch empfindet sich und seine Handlungen nicht weiter als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zwecke der Produktion. Insofern
46 Connor Ohrt schaffen die Aufklärung und insbesondere das Industriezeitalter des 20. Jahrhunderts neue Zwänge, anstatt sie zu unterminieren. „Was Freiheit produzierte, schlägt in Unfreiheit um“(Adorno, 2018, 259). 7. Die DM nach Adorno und Horkheimer Einen eindeutigen formalen Plan für die DM gibt es auch bei Adorno und Horkheimer nicht. Das Projekt der KT kann mit seinem emanzipatorischen Anspruch kein neues System setzen; die widerspruchsvollen Gegenstände, die es zu analysieren gilt, sperren sich „gegen jeglichen Versuch einer einstimmigen Deutung“ (Adorno, 2018, 148), weshalb Philosophie als solche sich in ihrem Fortgang „aus der Reibung mit dem, woran sie sich misst“ (Adorno, 2018, 44) zu erneuern habe. Dennoch soll im Folgenden ein Versuch unternommen werden, aus den vorhandenen Analysen einen methodischen Ablauf zu konstruieren, der dann an einem Beispiel angewendet wird. 1. Auswahl eines Untersuchungsgegenstandes In Frage kommt hier potentiell jedes kulturell geschaffene Phänomen, dem ein Zweck zugeschrieben wird. So könnte man z.B. die kontemporären feministischen Bewegungen, den Russland-Ukraine Krieg, die Entwicklung der republikanischen Partei in den USA, die Entwicklungen der
Dialektische Methode 47 sozialen Medien wie TikTok oder aber auch den zunehmenden Wirtschaftszweig von Bio-Produkten untersuchen. Das Feld der Anwendungsmöglichkeiten der DM ist sehr groß.12 2. Heraushebung des zu untersuchenden Elements (Israel, 1979, 121) In diesem Schritt wird das zu untersuchende Element herausgehoben. Bei feministischen Bewegungen könnte es das Ziel der Emanzipation sein, beim Verkauf von Bio-Produkten das Ziel der Nachhaltigkeit. Wichtig ist es hierbei zu beachten, dass die meisten Phänomene mehrschichtig sind und sich nicht auf ein Element (d.h. einen Zweck) begrenzen lassen. Auch die Aufklärung ist mehr als die Befreiung des Menschen von Zwängen, aber dieses Element hat die KT zur Analyse und Kritik herausgehoben. 3. Die Suche nach dem Gegenteil oder Widerspruch (Israel, 1979, 121) Nun muss das Gegenteil bzw. der Widerspruch des herausgehobenen Elements per Negation gefunden werden. Z.B. könnte als das Gegenteil der Emanzipation die Unterdrückung bzw. der Zwang genannt werden, so wie es auch schon in der KT der Fall ist. Das ursprüngliche Element und sein Widerspruch haben nur in Beziehung zueinander Sinn (Israel, 1979, 121): Ohne Zwang keine Emanzipation, ohne blinden Konsum keine Nachhaltigkeit. Hierin zeigt sich be12 Adorno und Horkheimer selbst hatten eine Vorliebe für das Kino und analysierten die dort dargestellten Filme (Adorno & Horkheimer, 2018, 134).
48 Connor Ohrt reits die Dialektik der Elemente: Die Emanzipation beinhaltet den Zwang bereits, insofern sie ihn als das Element benötigt, das sie nicht ist und zu überwinden trachtet. 4. Analyse des Untersuchungsgegenstandes in seiner Prozesshaftigkeit anhand des Elementes und seines Gegenteils In diesem Schritt liegt der wesentliche Unterschied zur Dialektik Hegels. Während bei dieser mit der Synthese die Negation selbst negiert wird, wodurch das Element durch sein Gegenteil zu einer höheren Form der Erkenntnis aufgehoben wird, untersucht die DM der KT, ob und inwieweit das Element im Begriff ist, sich in sein Gegenteil zu verkehren. Mit Hegel wäre also bspw. die Emanzipation des Feminismus eine höhere Form der Erkenntnis, die erst durch ihr Gegenteil, die Unterdrückung der Frauen (bzw. der Mannigfaltigkeit der gender) möglich wäre, mit Adorno und Horkheimer bliebe zu untersuchen, ob die bzw. eine feministische Bewegung mit konkreter Zielsetzung neue Herrschaftsstrukturen hervorruft, anstatt sie subversiv zu unterminieren. Ein Beispiel: In ihrem bekannten und kontroversen Essay Die potente Frau behauptet Flaßpöhler (2018), der Hashtag-Feminismus und insbesondere die Me-too-Bewegung verfolge das Ziel, die Frau vom Patriarchat zu befreien, wiederhole dabei aber patriarchale Denkmuster und postuliere ein Bild der schwachen, hilfsbedürftigen Frau. 5. Kritik des Bestehenden Die Analyse der DM mündet in der Kritik der bestehenden Umstände. So kritisiert Flaßpöhler die erneute Konstitution eines passiven Frauenbildes und stellt dem ihr Kon-
Dialektische Methode 49 zept der potenten Frau gegenüber. Die Kritik ist selbstverständlich nur dann möglich, wenn im vorigen Schritt eine Verkehrung ins Gegenteil des zu untersuchenden Elements herausgestellt wurde. Eine feministische Bewegung, die ihre tatsächlichen Ziele erreicht, ist aus Sicht der DM nicht zu kritisieren. 8. Analyse mittels der DM am Beispiel der sozialen Medien 1. Als Untersuchungsgegenstand werden die sozialen Medien, ausgewählt. Es handelt sich hierbei um ein vielschichtiges und hochrelevantes kulturelles Phänomen. 2. Aufgrund der Komplexität der sozialen Medien muss sich auf ein Element beschränkt werden. Das zu untersuchende Element ist die Demokratisierung qua sozialer Medien.13 Die Demokratisierung steht in direktem Zusammenhang mit den Analyseelementen der KT: Demokratie, die Herrschaft des Volkes, ist nur dann möglich, wenn die Einzelnen ein gewisses Maß an Freiheit, Selbstbestimmung und Mündigkeit besitzen. Tatsächliche politische Teilhabe wiederum bedarf der Identifikation des Individuums mit der Gemeinschaft im Sinne eines Gemeinwillens (Taylor, 2001, 17). Wir benötigen „eine gemeinsame Sicht auf die Welt, in der wir zusammenleben. Wir müssen mit den Bedürfnissen und 13 Auch dies ist im Grunde bereits ein zu komplexes Element, um es erschöpfend in einer beispielhaften Analyse und Kritik mittels der DM zu durchleuchten. Es sei daher darauf hingewiesen, dass es sich lediglich um eine Skizzierung handelt.
56 Connor Ohrt osten-331/238933/der-arabische-fruehling-und-seinefolgen/. Ritsert, J. (2017). Summa Dialectica. Ein Lehrbuch zur Dialektik. Beltz Juventa. Sadaqi, D. (2020). 10 Jahre arabischer Frühling. Was von den Revolutionen bleibt. Deutschlandfunk Kultur. Abgerufen am 02.02.2024. https://www.deutschlandfunkkultur.de/10-jahre-arabischer-fruehling-was-von-den-revolutionen-100.html. Sandkaulen, B. (2006). Modell 2: Weltgeist und Naturgeschichte. Exkurs zu Hegel. Adornos Geschichtsphilosophie mit und gegen Hegel. In A. Honneth & Chr. Menke (Hrsg.), Theodor W. Adorno. Negative Dialektik, Klassiker Auslegen (Bd. 28, 169-188). Akademie. Schaar, P. (2015). Das digitale Wir. Unser Weg in die transparente Gesellschaft. Körber-Stiftung. Schopenhauer, A. (2014). Die Kunst, recht zu behalten (6. Aufl.). Reclam. Schönwälder-Kuntze, T. (2015). Philosophische Methoden zur Einführung. Junius. Tamboer, J. W. J. (2001). Philosophie der Bewegungswissenschaften. Afra. Taylor, Ch. (2001). Wie viel Gemeinschaft braucht Demokratie? Aufsätze zur politischen Philosophie. Suhrkamp. Wegerhoff, T. (2008). Hegels Dialektik. Eine Theorie der positionalen Differenz. Vandenhoeck & Ruprecht.