Einleitung
Abstract
Philosophisches Fragen ist ein Fragen nach der Geltung von Gründen. Um Geltungsfragen nicht der subjektiven Beliebigkeit zu überlassen, bedarf…
Full text
9 https://doi.org/10.38071/2024-00977-7 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0 Einleitung Es gibt nicht eine Methode der Philosophie, wohl aber gibt es Methoden, gleichsam verschiedene Therapien. - Ludwig Wittgenstein - In Zeiten von Krieg, Klimawandel, ökonomischer Unsicherheit oder individueller Identitätskrisen gewinnt philosophieren für das Denken und Handeln an Bedeutung – scheinbar. Im Alltag begegnet uns die Rede von philosophieren bisweilen floskelhaft, es wird darüber »philosophiert«, womit man den Abend verbringt oder welches Outfit geeigneter sei als ein anderes; man »philosophiert« bereits dann, wenn man seine Gefühle kundtut. Gleichwohl wir im Alltag das Wort philosophieren offenkundig häufig verwenden, bezeichnen wir damit gleichermaßen häufig nur Trivialitäten. Hingegen tun wir schon immer etwas für das Philosophieren viel Charakteristischeres, selbst dann, wenn uns das Wort Philosophie noch gar nicht bekannt ist: Wir fragen nach Gründen. Es geht in diesem Fragen nicht mehr um die Rechtfertigung, wieso man schon wieder zu spät zu einer Verabredung erscheint usw., sondern um Fragen nach der Geltung von Behauptungen. Geltungsfragen aber bedürfen zu ihrer Sicherung eines bestimmten Verfahrens – einer Methode – wenn sie nicht der subjektiven Beliebigkeit überlassen sein sollen. Methoden, verstanden als planmäßige Verfahren bezüglich der Frage, welche Mittel für die Erreichung eines
10 Einleitung bestimmten Zweckes erforderlich sind, helfen dabei, bedächtig und zusammenhängend Begründungen von Behauptungen (theoretische Sätze) und Rechtfertigungen von Handlungen (praktische Sätze) zu liefern. Methoden fallen aber nicht vom Himmel, sondern sind jeweils Ergebnisse aus einem regelgeleiteten Können; Fertigkeiten also, die sich relativ zu einem bestimmten Erkenntnisinteresse bewährt haben. Vor diesem Hintergrund wird auch deutlich, weshalb es sinnvoll ist, im Plural von Methoden anstatt von Methode, zu reden. Wenn man sein Denken und Handeln »disziplinieren« möchte, also nicht kopflos ins Blaue »philosophiert«, so ist es hilfreich, sich Klarheit über jeden gedanklichen Schritt zu verschaffen. In diesem Booklet haben wir versucht, verschiedene Zugangsweisen philosophischer Fragestellungen als Methoden zu beschreiben in einer Weise, die es auch Neulingen auf dem Gebiet erlaubt, folgen zu können – so die Hoffnung. Der Aufbau bildet nahezu die historische Entwicklung der einzelnen Denkstile ab. Connor Ohrt macht den Auftakt, indem er die philosophische Gesprächstechnik des Sokrates vorstellt. Das Sokratische Gespräch zeichnet sich durch gezieltes Fragen aus, das darauf abzielt, ein tieferes Verständnis über komplexe Begrifnichkeiten und Themen zu erlangen. Daran schließt Ohrt mit einem nächsten Aufsatz an, der sich der Dialektik widmet. Die ehemals als Gesprächsmethode verstandene Dialektik, hat sich seit der Aufklärung zu einem Verfahren zur Aufdeckung von Gegensätzen innerhalb eines Gegenstandes oder Sachverhaltes entwickelt. Diese mündet in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule in der Kritik an dem Untersuchungsgegenstand
Einleitung 11 selbst, insofern er sich in seine eigenen Widersprüche verstrickt. Samuel Thomsens essayistischer Text widmet sich der hermeneutischen Tradition und will zum Nachund Weiterdenken über die Grenzen und Möglichkeiten des menschlichen Verstehens anregen. Der historische Schwerpunkt liegt dabei auf der Traditionslinie von Schleiermacher bis Gadamer. Unausgesprochener Kern des Textes ist das Verstehen als Widmung. Mit Fynn-Merlin Rehding und Johannes Worreschk erreicht das Booklet das weitgefächerte Feld der Phänomenologie. In ihrem Beitrag versuchen die Autoren Grundbegriffe zu klären und dies in einer phänomenologischen Analyse des Leibes zu veranschaulichen. Sophie Ramlau gibt einen Einblick in eine zu Beginn des 20. Jhd. als hoffnungstragend erachtete Methode: Die logische Analyse der natürlichen Sprache. Die logische Analyse ist eine der zentralen Methoden der Analytischen Philosophie und lässt sich der Strömung der Philosophie der idealen Sprache zuordnen, deren übergeordnetes Ziel es ist, durch formale Sprachen der Logik die Mehrdeutigkeit der Sprache einzuschränken oder zu eliminieren. Im Fahrwasser des methodischen Konstruktivismus der Erlanger und Konstanzer Schule bewegt sich der Aufsatz Dialogischer Sprachaufbau von Stefan J. Jelonnek. Der methodische Sprachaufbau umfasst die Forderung, dass jeder Schritt bei der expliziten Entwicklung einer wissenschaftlichen Terminologie in einer Lehrund Lernsituation zwischen ‚Du‘ und ‚Ich‘ zur Verfügung gestellt wird.
12 Einleitung Hieran schließt Jelonnek mit einer Betrachtung des dekonstrukiven Fragens an. Dekonstruktion wird dort verstanden als eine Weise des Fragens, durch die vermeintlich eindeutige Weltbilder, politische Standpunkte oder wissenschaftliche Haltungen uvm. hinsichtlich ihrer Hintergrundannahmen, Paradoxien und Mehrdeutigkeiten in ihrem feststehenden Aufbau aus dem Gleichgewicht gebracht werden sollen. Den Abschluss macht Ohrt mit dem überdisziplinären Verfahren des Gedankenexperiments. Ein Gedankenexperiment ist eine besondere Form der Argumentation, bei der durch ein kontrafaktisches Szenario eine Situation erdacht wird, die zur Klärung von Begriffen und ihren Zusammenhängen beiträgt. Jeder Beitrag stand unter der Forderung, die jeweilige Methode möglichst exemplarisch, d. h. anhand von Beispielen, vorzustellen. Diese finden sich entweder inmitten der Texte oder am Ende. Gleichwohl wir uns auf ein einheitliches Layout verständigen konnten, zeugen die Texte nicht immer von demselben Stil – manche sind essayistisch, manche didaktisch, andere streng sachlich. Wir können keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Viel mehr wünschen wir uns, dass dieser Beitrag zum Weiterdenken anregt, sich mit den Schulen oder Strömungen auseinanderzusetzen. Zu guter Letzt wünschen wir Ihnen viel Erfolg in Ihrem Studium und eine anregende Lektüre.