Die hermeneutische Tradition
Abstract
Die Auseinandersetzung mit dem Verstehen führt zur philosophischen Hermeneutik, wie sie von Hans-Georg Gadamer definiert wurde. Der Beitrag beleuchtet…
Full text
57 https://doi.org/10.38071/2024-00980-5 https://crativecommons.org/licenses/by-sa/4.0 Die hermeneutische Tradition Samuel Thomsen „Alles, was menschlich ist, sollen wir uns gesagt sein lassen.“ (GADAMER) Einleitung Als Arthur Schopenhauer 1819 sein frühes Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung veröffentlichte, enthielt es eine Vorrede, in der der Philosoph, der Menschen grundsätzlich wenig zutraute, ihnen klarzumachen versuchte, dass sie besser Abstand davon nähmen, sein Buch zu lesen. Er stellte Forderungen auf, „[w]ie dieses Buch zu lesen sei, um möglicherweise verstanden werden zu können“ – und wenn man den Forderungen nicht nachkommen könne oder wolle, solle man die Lektüre lieber ganz bleiben lassen (eine bloße „Durchlesung ohne Erfüllung der gemachten Forderungen“ könne nicht „fruchten“). Man müsse zwei seiner früheren Schriften kennen, man müsse außerdem Kant studiert und Platon gelesen haben, und Die Welt als Wille und Vorstellung müsse man „zwei Mal“ lesen. Um mitzuteilen, was er mitteilen wollte, hätte es keinen anderen Weg als „dieses ganze Buch“ gegeben, und selbst „der kleinste Theil“ könne „nicht völlig verstanden werden“, wenn nicht vorher eine vollständige, geduldige Erstlektüre erfolgt sei.
58 Samuel Thomsen Bei der zweiten würde dann „Vieles oder Alles in ganz anderm Lichte“ gesehen werden. Allerdings wird das nicht garantiert: Auch bei voller Beachtung dieser Forderungen werde man Schopenhauers Werk nur „möglicherweise“ verstehen. (WWV, 3–7.) Wenn Sie sich kurz eine Situation vorstellen, in der Sie unbedingt sicherstellen wollten, richtig verstanden zu werden, weil es um etwas ging, das Ihnen wichtig war – vielleicht können Sie dann Schopenhauers hohe Anforderungen an seine Leserschaft nachvollziehen. Vielleicht teilen Sie auch die Freude des Schriftstellers Franz Kafka: „Wenn es ihm besonders gut gelungen war, zu schildern, was ihm vorschwebte, dann erfüllte ihn das anscheinend mit der gleichen Genugtuung, die ein Handwerker bei einer gelungenen Leistung empfindet“ (Hodin, 1949, 91). Beides – Sich-verständlich-machen und Verstanden-werden – versteht sich nicht von selbst. Wo Verstehen erarbeitet werden soll, da ist Hermeneutik im Spiel. „Hermeneutik ist die Kunst des ἑρμηνεύειν, d.h. des Verkündens, Dolmetschern, Erklärens und Auslegens.“ So beginnt Hans-Georg Gadamer seinen Hermeneutik-Artikel (1974) im Historischen Wörterbuch der Philosophie. Es zeigt sich schon: es geht um die Überbringung, Übersetzung, Verständlich-machung von Botschaften. In diesem Text soll auf einige Aspekte der philosophischen Hermeneutik Hans-Georg Gadamers (1900–2002) eingegangen werden – und auf drei Denker der hermeneutischen Tradition, mit denen er sich in seinem Hauptwerk immer wieder auseinandersetzt: Friedrich Schleiermacher
Die hermeneutische Tradition 59 (1768–1834), Wilhelm Dilthey (1833–1911) und Martin Heidegger (1889–1976).1 Einen Text verstehen Die Hermeneutik war ursprünglich auf das Verständnis religiöser Texte bezogen, denen entsprechende Autorität und Relevanz zugeschrieben wurde. Noch heute sehen wir im theologischen Bereich, im juristischen Bereich (Auslegung von Rechtstexten) und überhaupt dort, wo es um ‚Klassiker‘ geht (Klassiker der Weltliteratur, Klassiker der Philosophie etc.), solche Bezogenheit der Hermeneutik auf Texte, die etwas zu sagen haben. Der hermeneutische Bedarf bestand bei Textstellen, die Verständnisprobleme bereiteten oder die man einfach nicht wörtlich nehmen wollte. Für solche Fälle standen als jeweilige „Hermeneutik“ dann Hinweise für die Interpretation bereit: etwa, dass man die Stelle allegorisch deuten möge (die Liebeslieder im biblischen Hohelied z. B. besingen dann nicht mehr die sexuelle Begegnung zweier Menschen, sondern bedeuten ‚eigentlich‘ die Vertrautheit zwischen Gott und der Kirche). Als Herzstück der Hermeneutik kann seit jeher der hermeneutische Zirkel2 angesehen werden, „ein Interpretati1 Zur weiteren Geschichte und Vorgeschichte sowie zu weiteren Vertretern und Impulsgebern der Hermeneutik vgl. die Wörterbuch-Artikel von Grondin (1996), Gadamer (1974) und Stieglitz (1996). 2 Zentrale Bezugspunkte vor Schleiermacher sind die antike Rhetorik sowie die hermeneutischen Beiträge von Flacius Illyricus (16. Jahrhundert) und Friedrich Ast (Anfang 19. Jahrhundert). Vgl. Stieglitz, 1996, Sp. 1374f.
60 Samuel Thomsen onsverfahren, in dem Entwurf und Beleg des Textverstehens zirkelhaft ineinandergreifen“ (Stieglitz, 1996, Sp. 1374). Wir lesen Worte, Sätze und Abschnitte eines Textes permanent mit Vorentwürfen, wohin die Worte, Sätze und Abschnitte wohl führen. In der weiteren Lektüre bestätigen sich entweder die Vorentwürfe, indem sie sich am Text selbst belegen lassen, oder sie müssen durch angemessenere Entwürfe ersetzt werden, die dann wieder am weiteren Text zu überprüfen sind. Zum hermeneutischen Zirkel gehört auch, dass das Ganze aus dem Einzelnen und das Einzelne aus dem Ganzen verstanden wird: Der Satz wird also aus seinen Wörtern, der Abschnitt aus seinen Sätzen, das Werk aus seinen Abschnitten verstanden – alles Einzelne beeinflusst meine Vorstellung vom Werkganzen. Aber auch das bereits durchgelesene Buch – Sie erinnern sich an Schopenhauer – erhöht bei einer weiteren Lektüre mein Verständnis der Einzelheiten des Werkes. Vielleicht lässt sich das anhand Ihrer Erinnerung an einen guten Thriller veranschaulichen: Dass Sie das Ende kennen, heißt noch nicht, dass Sie den Film verstanden haben. Dass Sie den Film aber bereits einmal bis zum Ende angesehen haben, mag beim zweiten Ansehen schon für einige Aha-Momente sorgen. So wird das Einzelne aus dem Ganzen verstanden. Wenn an der Universität ein close-reading-Seminar angeboten wird, dann können Sie sich sicher sein, dass es dort in der Weise der Widmung zugehen wird: Sie werden vorbereitend kurze Textabschnitte eines Werkes studieren, sich kleinteilige Notizen machen und sich im Seminar über die Wörter, Sätze und Implikationen des jeweiligen Abschnitts
Die hermeneutische Tradition 61 austauschen. Welche Überschrift könnte man ihm geben? Was hat der Abschnitt mit dem vorhergehenden und dem nachfolgenden Abschnitt zu tun? Welche gut verständliche Textstelle ist eine Parallelstelle zu einer schwer verständlichen und kann sie erhellen? Warum verwendet der Autor oder die Autorin dieses Wort und kein anderes? Sie werden den Text also langsam und mehrfach lesen (Sie unterstellen dem Text ja, dass er die Mühe des Verstehens wert ist). Und – so schließt sich der Kreis – Sie werden sich selbst beim hermeneutischen Zirkulieren beobachten können. Schleiermacher: Einen Menschen verstehen Friedrich Schleiermacher, der unter anderem für seine Platon-Übersetzungen bekannt ist, wunderte sich darüber, dass es mehrere Spezialhermeneutiken gab, die nur für das Verständnis bestimmter Texte zuständig waren. Es müsste doch „etwas höheres Gemeinsames“ (KGA I/11, 605) geben. Es könne eine universale Hermeneutik erarbeitet werden, die für „alles Verstehen fremder Rede“ (KGA I/11, 602) geeignet sei – für die Interpretation aller mündlichen und schriftlichen Äußerungen. Dabei dürfe es nicht nur um Hilfsmittel für die Interpretation schwieriger Stellen gehen: auch bei scheinbar leicht verständlichen Stellen müsse der Sinn genau untersucht werden. Man dürfe nicht einfach davon ausgehen, dass das Verstehen der Regelfall und der Bedarf an interpretativer Arbeit die Ausnahme sei. Vielmehr müsse man annehmen, „daß sich das Mißverstehen
62 Samuel Thomsen von selbst ergiebt und daß Verstehen auf jedem Punkt muß gewollt und gesucht werden“ (KGA II/4, 127).3 Beim hermeneutischen Verstehen eines Textes waren für Schleiermacher zwei Dimensionen zu unterscheiden: eine sprachliche Dimension („grammatisch“) und eine personenbezogene Dimension („psychologisch“). Die sprachliche Dimension umfasste nicht nur die umfassende Beschäftigung mit dem Einzeltext ( herm. Zirkel), sondern auch die Beschäftigung mit der Textgattung. Denn auch hier ergibt sich ein hermeneutischer Zirkel: ich verstehe einen Text besser, wenn ich verstehe, in welche Art von Texten er sich einreiht. Ich kann durch Vergleichen erkennen, inwiefern er von Mustern abweicht und interpretieren, was diese Abweichungen zu sagen haben. Ich kann durch Vergleichen erkennen, ob Anspielungen auf einen anderen Text der Gattung vorliegen und interpretieren, was sie bedeuten. (Und freilich verstehe ich auch die Gattung durch den Einzeltext besser – zumal es ohne Einzeltexte keine Gattungen gäbe.) Die personenbezogene Dimension hatte mit der Individualität des Autors oder der Autorin zu tun. Betrachtete man sein oder ihr Leben als das Ganze und den Einzeltext als Teil, so konnten auch sie einander erhellen. (Die Biographie eines Autors kann etwa zum größeren Verständnis seines Textes beitragen – ein Roman, von dem wir wissen, dass er 1940 in Deutschland verfasst wurde, liest sich eben anders. Und die weiteren Äußerungen oder 3 Die größten Aufgaben würden aber „solche Werke“ bleiben, „welche jedes nach seiner Art ins unendliche gegliedert und zugleich im einzelnen unerschöpflich sind. Jede Lösung der Aufgabe erscheint uns hier immer nur als eine Annäherung.“ (KGA I/11, 630)
Die hermeneutische Tradition 63 Werke eine*r Schriftsteller*in können erhellende Parallelstellen zu fraglichen Stellen des jeweiligen Einzeltextes beinhalten – Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus liest sich anders, wenn man weiß, dass er in einem Brief geäußert hat, das Buch bestehe aus einem geschriebenen und einem ungeschriebenen Teil – und dass der ungeschriebene Teil der wichtigere sei.) Schleiermacher wollte verstehen, was für ein Mensch der Autor war, was ihn zu dem Text veranlasste, was in ihm vorging, wollte ihn gleichsam „in seiner Composition belauschen“ (KGA I/11, 632). Hierzu schreibt er selbst: ich ergreife mich sehr oft mitten im vertraulichen Gespräch auf hermeneutischen Operationen, wenn ich mich mit einem gewöhnlichen Grade des Verstehens nicht begnüge sondern zu erforschen suche, wie sich wol in dem Freunde der Uebergang von einem Gedanken zum andern gemacht habe, oder wenn ich nachspüre, mit welchen Ansichten Urtheilen und Bestrebungen es wol zusammenhängt, daß er sich über einen besprochenen Gegenstand grade so und nicht anders ausdrükt. (KGA I/11, 609) Es ist leicht einzusehen, dass die Richtigkeit der Ergebnisse dieses „Nachspürens“ schwierig zu beweisen ist – denn sie kommen auf einem Wege zustande, den Schleiermacher den „divinatorischen“ nennt, also Erraten oder Ahnen. Nicht zufällig hat Schleiermacher ein freundschaftliches Beispiel gewählt, denn das richtige Erraten wird auch dem gewandtesten Ausleger nur bei den ihm verwandtesten Schriftstellern, […] in die er sich am meisten hineingelebt hat am besten gelingen, wie es uns auch im Leben
64 Samuel Thomsen nur mit den genauesten Freunden am besten von statten geht (KGA I/11, 612). Es gibt also Grenzen der erwerbbaren „Gewandtheit“. Manches versteht ein Interpret nur bei denjenigen ‚verwandten Geistern‘, „die sich ihm am willigsten aufschließen“ (KGA I/11, 612). Aus Schleiermachers Ausführungen lassen sich folgende Orientierungen mitnehmen: a) Eine Interpretation muss nicht erschöpfend und endgültig sein. Sie ist eine Annäherung. b) Der hermeneutische Zirkel bezieht sich nicht nur auf den Einzeltext, sondern muss erweitert werden. Es kann notwendig sein, sich mit anderen Texten des Autors, mit der Textgattung (und überhaupt mit der Sprache der Zeit) und mit dem Leben des Autors (und seinem historischen Kontext) auseinanderzusetzen, um den einzelnen Text zu verstehen. c) Es kann vorkommen, dass jemand eine*n Autor*in besonders leicht oder besonders weitreichend versteht, weil eine „Verwandtschaft“ besteht. Diese Verwandtschaft kann man nicht einfach ,produzieren‘. (Daher empfiehlt Schleiermacher, dass die verschiedenen Interpret*innen einander unterstützen und ergänzen – weil die individuelle Versiertheit an Grenzen stößt.)
Die hermeneutische Tradition 65 Dilthey vs. Heidegger: Objektiv verstehen? An Schleiermachers Universalisierung des Verstehens knüpfte Wilhelm Dilthey an. Für ihn waren nicht nur schriftliche und mündliche Äußerungen, sondern auch die Werke der Bildenden Kunst, die Musik, menschliche Geräusche und Gesten, menschliche Handlungen bis hin zu „wirtschaftlichen Ordnungen und Verfassungen“ Gegenstände des Verstehens (GS 5, 318f.). Das „menschliche Innere“, dessen Äußerungen sie sind, könne von Menschen verstanden werden (eine allgemeingültige Auslegung sei allerdings nur bei sprachlichen Werken möglich). Dilthey sah im Verstehen „das grundlegende Verfahren für alle weiteren Operationen der Geisteswissenschaften“ (GS 5, 333): die Hermeneutik hätte das Potenzial zu einem „allgemeingültigen Rückhalt“ der Geisteswissenschaften (Grondin, 1991, 118), um aufzuholen, was die Naturwissenschaften ihnen an Objektivität, an ‚Wissenschaftlichkeit‘ voraushatten. Ein Gemeinplatz ist inzwischen die Unterscheidung zwischen den erklärenden Naturwissenschaften und den verstehenden Geisteswissenschaften, an der sich Dilthey orientierte: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“ (GS 5, 144).4 Objektives Verstehen sei möglich. Einen völlig anderen Denkweg, dessen Tragweite sich in der Rede von der „existenziale[n] Wende der Hermeneutik“ (Grondin, 2009, 30) niederschlägt, schlug Martin Heidegger in den 1920er Jahren ein: es gehe nicht um Erkenntnis, „die vom Standort des Betrachters so unabhängig wäre wie 4 Es ist allerdings zu bedenken, dass Dilthey zwischen Verstehen und Erklären nur einen graduellen Unterschied sieht (vgl. GS 5, 334–337).
72 Samuel Thomsen Gespräch Dialog und Gespräch sind für Gadamer „[d]as Grundmodell aller Verständigung“.6 Problematisch ist, „wenn einer der Partner sich unbedingt in einer überlegenen Position glaubt“ (GW 2, 116). Beispiele dafür sind, wenn einer der Partner des Dialoges sich nicht wirklich für das Gespräch freiläßt. So ein Fall liegt z. B. vor, wenn einer im gesellschaftlichen Umgang den Psychologen oder Psychoanalytiker spielt und die Aussagen eines anderen nicht in ihrem Sinne ernst nimmt, sondern auf psychoanalytische Weise zu durchschauen beansprucht (GW 2, 116) oder ein Gespräch, das wir mit jemandem nur zu dem Zwecke führen, um ihn kennenzulernen, d. h. um seinen Standort und seinen Horizont zu ermessen. Das ist kein wahres Gespräch, d. h. es wird darin nicht die Verständigung über eine Sache gesucht, sondern alle sachlichen Inhalte des Gespräches sind nur ein Mittel, um den Horizont des anderen kennenzulernen. Man denke etwa an das Prüfungsgespräch oder bestimmte Fragen der ärztlichen Gesprächsführung. (GW 1, 308) 6 Insofern bestehen Verwandtschaften der philosophischen Hermeneutik mit der Philosophie des Dialogs (z. B. Martin Buber) oder mit der humanistischen Gesprächspsychotherapie (Carl Rogers).
Die hermeneutische Tradition 73 In solch einer Position der Überlegenheit ist man selbst „nicht antreffar“, begibt sich in „sichere Unerreichbarkeit“ (GW 1, 308), verunmöglicht ein echtes Gespräch. Gadamers philosophische Hermeneutik verfolgt ein radikal anderes Ziel als das der eigenen Überlegenheit: Die Hermeneutik ist deshalb Philosophie, weil sie sich nicht darauf beschränken läßt, eine Kunstlehre zu sein, die die Meinungen eines anderen ,nurʻ versteht. Die hermeneutische Reflexion schließt vielmehr ein, daß in allem Verstehen von etwas Anderem oder eines Anderen Selbstkritik vor sich geht. (GW 2, 116) Und auch die Überlieferung „verdiente gar nicht das Interesse, das wir ihr erweisen, wenn sie uns nicht etwas zu lehren hätte, was wir aus Eigenem nicht zu erkennen vermögen“ (GW 2, 445). Verstehen ist für Gadamer kein überlegenes Einordnenkönnen oder distanziertes Durchblicken, sondern ein Teilnehmen an einem Gespräch, dessen Ziel Einverständnis ist. Menschlichkeit Gadamers Staunen über das „Wunder des Verstehens“ richtet sich auch auf das Rätsel der Sprache. Sie ist „kein Instrument, kein Werkzeug“ (GW 2, 148), das wir benutzen und nach Gebrauch weglegen können – sondern wir leben und verstehen in ihr. Durch sie ist Einverständnis möglich: „gemeinsame Begriffe und vor allem diejenigen gemeinsamen Begriffe,
74 Samuel Thomsen durch die das Zusammenleben der Menschen ohne Mord und Totschlag […] möglich ist“ (GW 2, 146). Er stellt fest: So ist die Sprache die wahrhafte Mitte des menschlichen Seins, […] in […] dem Bereich menschlichen Miteinanderseins, dem Bereich der Verständigung, des immer neu anwachsenden Einverständnisses, das dem menschlichen Leben so unentbehrlich ist wie die Luft, die wir atmen. (GW 2, 154)7 In dem Buch Ist das ein Mensch?, das Primo Levi über seine Zeit als Gefangener in Auschwitz schrieb, berichtet er von einem Mitgefangenen, der sich mit seiner Gewandtheit Vorteile zu verschaffen wusste. Levi schreibt über ihn: Nach allen Unterhaltungen mit Henri, auch nach den herzlichsten, empfand ich stets einen leichten Nachgeschmack von Niederlage; und den ungewissen Verdacht, daß auch ich in irgendeiner Weise und unbemerkt nicht ein Mensch vor ihm gewesen sei, sondern ein Werkzeug in seiner Hand. Wenn es gelingt, sich einem menschlichen Werk, menschlicher Mitteilung, menschlicher Wahrheit zu öffnen und zu widmen – nicht als Gegenstand, sondern als Gegenüber –, dann mag es hermeneutisch zugehen. 7 Den hier zitierten Aufsatz über die Sprache beschließt Gadamer mit dem Satz: „Alles, was menschlich ist, sollen wir uns gesagt sein lassen.“ Möglicherweise hat er hier an einen Vers des römischen Dichters Terenz gedacht, den auch Seneca und Augustinus zitiert haben: Homo sum, humani nihil a me alienum puto. Wer ein Mensch sei, dem sei nichts Menschliches fremd.
Die hermeneutische Tradition 75 Literatur Dilthey, W. (1990). Die geistige Welt. Einleitung in die Philosophie des Lebens. Erste Hälfte: Abhandlungen zur Grundlegung der Geisteswissenschaften. In G. Misch (Hrsg.), Gesammelte Schriften (8. Aufl., Bd. 5). V&R. Gadamer, H.-G. (1974). Hermeneutik. In J. Ritter (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie. Abgerufen am 13.09.2024, doi.org/10.24894/HWPh.1523. Gadamer, H.-G. (1990). Hermeneutik I: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik (6. Aufl., Bd. 1). Mohr Siebeck. Gadamer, H.-G. (1993). Hermeneutik II: Wahrheit und Methode. Ergänzungen, Register (2. Aufl., Bd. 2). Mohr Siebeck. Grondin, J. (1991). Einführung in die philosophische Hermeneutik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Grondin, J. (1996). Hermeneutik. In G. Ueding (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik (Bd. 3, Sp. 1350– 1374). Niemeyer. Grondin, J. (2009). Hermeneutik (U. Blech, Übers.). V&R. Heidegger, M. (2006). Sein und Zeit. Max Niemeyer. Hodin, J. P. (1949). Erinnerungen an Franz Kafka. DER MONAT 8/9, 89–96. Levi, P. (2023). Ist das ein Mensch? (13. Aufl., H. Riedt, Übers.). Dtv. Schleiermacher, F. D. E. (2002). Akademievorträge. In M. Rössler (Hrsg.), Kritische Gesamtausgabe, Abt. I: Schriften und Entwürfe (Bd. 11). De Gruyter.
76 Samuel Thomsen Schleiermacher, F. D. E. (2012). Vorlesungen zur Hermeneutik und Kritik. In W. Virmond (Hrsg.), Kritische Gesamtausgabe, Abt. II: Vorlesungen (Bd. 4). De Gruyter. Schopenhauer, A. (2020). Die Welt als Wille und Vorstellung. In M. Koßler, W. Massei Junior (Hrsg.), Kritische Jubiläumsausgabe der ersten Auflage von 1819 mit den Zusätzen von Arthur Schopenhauer aus seinem Handexemplar. Meiner. Stieglitz, U. (1996). Hermeneutischer Zirkel. In G. Ueding (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik (Bd. 3, Sp. 1374–1377). Niemeyer. Siglen: GS (mit Bandangabe): Gesammelte Schriften (Dilthey) GW (mit Bandangabe): Gesammelte Werke (Gadamer) KGA (mit Abteilungsund Bandangabe): Kritische Gesamtausgabe (Schleiermacher) SZ: Sein und Zeit (Heidegger) WWV: Die Welt als Wille und Vorstellung (Schopenhauer)