12. Kolloquium des Forums Sprachvariation & 13. Kolloquium des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung. 30.09. bis 02.10.2024, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel: Book of Abstracts
Abstract
Vom 30. September bis zum 2. Oktober 2024 finden das 12. Forum Sprachvariation der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie des Deutschen…
Full text
12. Kolloquium des Forums Sprachvariation 13. Kolloquium des VndS 30.09. bis 02.10.2024 Ort: Leibnizstraße 1 | Raum 106a Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Organisationsteam: Nicole Palliwoda (Kiel) Jeffrey Pheiff (Bern) Robert Langhanke (Flensburg) Kontaktadressen: [email protected]
12. Kolloquium des Forums Sprachvariation 13. Kolloquium des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung. 30.09. bis 02.10.2024, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Book of Abstracts Herausgegeben von Robert Langhanke (Europa-Universität Flensburg), Nicole Palliwoda (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) und Jeffrey Pheiff (Universität Bern). Kiel, August 2024 DOI: 10.38071/2024-00805-8 URN: urn:nbn:de:gbv:8:3-2024-00805-8 Zitieren als: Langhanke, Robert/Palliwoda, Nicole/Pheiff, Jeffrey (Hrsg.) (2024): 12. Kolloquium des Forums Sprachvariation. 13. Kolloquium des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung, 30.09 bis 02.10.2024, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Book of Abstracts. Kiel. This is an open access book licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International license (CC BY 4.0). This license allows anyone to download, share, reuse, reprint, adapt, distribute, and/or copy the work providing the original authors and source are credited. No permission is required from the authors or the publisher. Further details about CC BY licenses are available at https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Inhalt Call for Papers ......................................................................................................................................... 1 Programm ................................................................................................................................................ 3 Eröffnungsvortrag: Sarah Ihden (Kiel) – Variation in der niederdeutschen Flexionsmorphologie. Korpusbasierte Analysen zur Formenbildung des Partizips II vom Mittelniederdeutschen bis heute .... 5 Johanna Meyer (Münster): Was kann die Untersuchung literarischer direkter Rede über mittelniederdeutsche Syntax aussagen? Zur Methodenreflexion eines Übersetzungssprachvergleichs . 7 Lisa Dücker (Marburg) & Lena Schnee (Hamburg): Die satzinterne Großschreibung in mittelniederdeutschen Urkunden ............................................................................................................. 9 André Looijenga (Leeuwarden): Literatur auf Friesisch und auf Niederdeutsch im 17. Jahrhundert: eine komparative Analyse im Rahmen frühneuzeitlicher Mehrsprachigkei.......................................... 12 Robert Langhanke (Flensburg): Poetischer Realismus als regionaler Realismus. Zur Struktur und Sprachlichkeit von Landschaftsbildern in Klaus Groths niederdeutscher Prosa ................................... 13 Nikos Saul (Oldenburg): „entweder sind et grundslächte Lüde – aodder se sind varückt“. Darstellungen der Sozialdemokratie in niederdeutschen Texten des 19. Jahrhunderts ......................... 15 Johanna Hoppe (Kassel/Marburg): Pronominale Spaltung im Niederdeutschen – Stigmatisierung „von oben“ oder „von unten“? ....................................................................................................................... 17 Nobuharu Kakuchi (Kiel/Japan): Der to-Infinitiv und to’n + nominalisierter Infinitiv im Niederdeutschen .................................................................................................................................... 19 Nele Dresler (Osnabrück): Futurausdruck mit gehen – Wohin geht es bei „Ich gehe schlafen“? ......... 21 Heiko Kammers (Marburg): Lexikalisierungsmuster von PUT-Ereignissen in den deutschen Regionalsprachen .................................................................................................................................. 23 Alexandra Lieb (Marburg): Sprachliche Regionalität zwischen Repräsentation und Handlung ........... 26 Lisa Felden (Münster): Familiäre Sprachdynamiken und Identitätskonstruktion: Die Rolle sprachlicher Vielfalt im Familienkontext .................................................................................................................. 28 Gunilla Kaibel (Zürich): Identitätsstiftender Quell oder separatistische Gefahr? – Mediale Dialektdiskurse zur NS-Zeit .................................................................................................................. 30 Ella Wissenbach & Mareike Krause (Rostock): Sprachvariation@Schule – Innere und äußere Mehrsprachigkeit als Thema des schulischen Deutschunterrichts. Erste Einblicke und Zukunftsperspektiven ............................................................................................................................ 31
1 Call for Papers für das 12. Kolloquium des Forums Sprachvariation und das 13. Nachwuchskolloquium des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung vom 30.09. bis zum 02.10.2024 an der Christian-AlbrechtsUniversität zu Kiel Vom 30. September bis zum 2. Oktober 2024 finden das 12. Forum Sprachvariation der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie des Deutschen (IGDD) und das 13. Nachwuchskolloquium des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung (VndS) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel als Gemeinschaftstagung statt. Der Konferenzaufruf richtet sich an Nachwuchswissenschaftler*innen auf unterschiedlichen Qualifikationsstufen zwischen einem fortgeschrittenen Masterstudiengang und einem Habilitationsprojekt. Zur Vorstellung gelangen können sowohl abgeschlossene Studien als auch gerade begonnene oder laufende Projekte, die in eine Abschlussarbeit, Promotion oder Habilitation münden werden oder eine andere Form von Forschungsvorhaben betreffen. Kennzeichnend für das Forum und das Kolloquium ist eine offene und konstruktive Diskussionskultur, die einen gewinnbringenden kollegialen Austausch über Ideen und Ergebnisse, die an unterschiedlichen Stellen im Forschungsprozess stehen, verspricht. Neben dem bekannten Vortragsformat (20 Minuten Vortrag & 10 Minuten Diskussion) besteht dieses Jahr die Möglichkeit, Forschungsvorhaben, Projekte, Ergebnisse etc. in Form eines Posters zu präsentieren (PosterPitch ca. 5 Minuten). Das thematische Feld ist, orientiert an den Arbeitsgebieten der ausrichtenden Vereine, weit gesteckt. Willkommen sind Studien zu allen Teilgebieten der Regionalsprachenforschung, so dass das Spektrum zwischen Basisdialekt und standardnahem Regiolekt ausgeschöpft und methodisch vielfältig bearbeitet werden kann. Variationslinguistische Studien werden ebenso diskutiert wie wahrnehmungsdialektologische und sprachhistorische Ansätze, so dass auch Arbeiten zu den älteren Sprachstufen vorgeschlagen werden können. Sprachräumlich erstreckt sich das Themengebiet der Konferenz über den gesamten ober-, mittelund niederdeutschen Sprachraum und ermöglicht so einen Abgleich der Situationen in den mundartlichen Großräumen. Neben empirisch ausgerichteten Studien werden auch vornehmlich theoretische Ansätze aufgerufen. Unter methodischen Gesichtspunkten gilt die bereits angedeutete Vielfalt der Herangehensweise an das Sprachmaterial.
2 Für den niederdeutschen Themenblock tritt die Auseinandersetzung mit altsächsischer, mittelniederdeutscher, frühneuniederdeutscher und neuniederdeutscher Literatur auch unter primär sprach-, literaturund kulturwissenschaftlichen Paradigmen hinzu. In Reaktion darauf können auch Studien zu dialektliterarischen Texten des mittelund oberdeutschen Raumes zum Vorschlag gebracht werden. Für Vortragsund Poster-Vorschläge aus dem umrissenen Themenfeld werden bis zum 1. Juni 2024 Abstracts im Umfang von maximal 500 Wörtern an die E-Mail-Adresse [email protected] erbeten. Auf die Vorschläge und die gemeinsame Tagung freuen sich Nicole Palliwoda (Kiel), Jeffrey Pheiff (Bern) und Robert Langhanke (Flensburg), 13.02.2024
3 Programm Montag, 30.09.2024 ab 18:00 Uhr Warm-up im JHKP – CRAFT BEER FOOD (Holstenbrücke 1, 24103 Kiel) Dienstag, 01.10.2024 (Ort: Leibnizstraße 1, Raum 106a) 09:00–09:15 Uhr Begrüßung durch Inger Petersen (Direktorin des Germanistischen Seminars) & Michael Elmentaler (Vorsitzender des VndS) sowie das Organisationsteam 09:15–10:15 Uhr Eröffnungsvortrag von Sarah Ihden (Kiel): Variation in der niederdeutschen Flexionsmorphologie. Korpusbasierte Analysen zur Formenbildung des Partizips II vom Mittelniederdeutschen bis heute 10:15–10:45 Uhr Kaffeepause Sektion: Mittelniederdeutsch (Moderation: Robert Langhanke) 10:45–11:15 Uhr Johanna Meyer (Münster): Was kann die Untersuchung literarischer direkter Rede über mittelniederdeutsche Syntax aussagen? Zur Methodenreflexion eines Übersetzungssprachvergleichs 11:15–11:45 Uhr Lisa Dücker (Marburg) & Lena Schnee (Hamburg): Die satzinterne Großschreibung in mittelniederdeutschen Urkunden 11:45–13:45 Uhr Mittagspause Sektion: Literatur (Moderation: Viola Wilcken) 13:45–14:15 Uhr André Looijenga (Leeuwarden): Literatur auf Friesisch und auf Niederdeutsch im 17. Jahrhundert: eine komparative Analyse im Rahmen frühneuzeitlicher Mehrsprachigkei 14:15–14:45 Uhr Robert Langhanke (Flensburg): Poetischer Realismus als regionaler Realismus. Zur Struktur und Sprachlichkeit von Landschaftsbildern in Klaus Groths niederdeutscher Prosa 14:45–15:15 Uhr Nikos Saul (Oldenburg): „entweder sind et grundslächte Lüde – aodder se sind varückt“. Darstellungen der Sozialdemokratie in niederdeutschen Texten des 19. Jahrhunderts 15:15–15:45 Uhr Kaffeepause Sektion: Syntax (Moderation: Jeffrey Pheiff) 15:45–16:15 Uhr Johanna Hoppe (Kassel/Marburg): Pronominale Spaltung im Niederdeutschen – Stigmatisierung „von oben“ oder „von unten“? 16:15-16:45 Uhr Nobuharu Kakuchi (Kiel/Japan): Der to-Infinitiv und to’n + nominalisierter Infinitiv im Niederdeutschen 16:45–17:15 Uhr Austausch Forum/Nachwuchskolloquium – Wahl Sprecher*innen Forum – Veröffentlichung des Tagungsbandes ab 18:30 Uhr gemeinsames Abendessen im LAGOM (Düsternbrooker Weg 38, 24105 Kiel)
4 Mittwoch, 02.10.2024 (Ort: Leibnizstraße 1, Raum 106a) Sektion: Semantik (Moderation: Jeffrey Pheiff) 09:00–09:30 Uhr Nele Dresler (Osnabrück): Futurausdruck mit gehen – Wohin geht es bei „Ich gehe schlafen“? 09:30–10:00 Uhr Heiko Kammers (Marburg): Lexikalisierungsmuster von PUT-Ereignissen in den deutschen Regionalsprachen 10:30–10:45 Uhr Kaffeepause Sektion: Sprachwahrnehmung & Sprachgebrauch (Moderation: Nicole Palliwoda) 10:45–11:15 Uhr Alexandra Lieb (Marburg): Sprachliche Regionalität zwischen Repräsentation und Handlung 11:15–11:45 Uhr Lisa Felden (Münster): Familiäre Sprachdynamiken und Identitätskonstruktion: Die Rolle sprachlicher Vielfalt im Familienkontext 11:45–12:00 Uhr Kaffeepause Sektion: Sprache in der Gesellschaft (Moderation: Robert Langhanke) 12:00–12:30 Uhr Gunilla Kaibel (Zürich): Identitätsstiftender Quell oder separatistische Gefahr? – Mediale Dialektdiskurse zur NS-Zeit 12:30–13:00 Uhr Ella Wissenbach & Mareike Krause (Rostock): Sprachvariation@Schule – Innere und äußere Mehrsprachigkeit als Thema des schulischen Deutschunterrichts. Erste Einblicke und Zukunftsperspektiven 13:00–13:15 Uhr Verabschiedung
5 Eröffnungsvortrag: Sarah Ihden (Kiel) – Variation in der niederdeutschen Flexionsmorphologie. Korpusbasierte Analysen zur Formenbildung des Partizips II vom Mittelniederdeutschen bis heute Die Formenbildung des Partizips II durchläuft in der Geschichte der niederdeutschen Varietäten eine vielschichtige Entwicklung. In mittelniederdeutscher Zeit kann das Partizip mit ge-Präfix (z. B. gekoft), mit reduziertem e- (z. B. ekoft) oder ganz ohne Präfix (z. B. koft) auftreten (vgl. Lasch 1914/1974: 125f., § 221 VI sowie 229, § 423; Sarauw 1924: 151–153). Hinsichtlich der Verbreitung werden in den Grammatiken zum einen gewisse räumliche Unterschiede angeführt (vgl. Lasch 1914/1974: 126, § 221 VI). Zum anderen ist ein diachroner Wandel zu beobachten, indem in der mittelniederdeutschen Schriftsprache zunehmend die Formen mit ge-Präfix vorkommen. Dieser Prozess wiederum wird mit dem Sprachkontakt zwischen Hochdeutsch und Niederdeutsch und dem Einfluss des Hochdeutschen auf die niederdeutschen Varietäten begründet (vgl. Lasch 1914/1974: 126, § 221 VI; Sarauw 1924: 153). Zum Neuniederdeutschen hin hat sich dagegen mit Ausnahme einiger südlicher Gebiete (vgl. Lindow et al. 1998: 67) die präfixlose Partizipbildung in der Mündlichkeit wie in der Schriftlichkeit durchgesetzt. Auch in der Gegenwart sind jedoch bedingt durch den Kontakt mit der hochdeutschen Standardsprache bei manchen Sprecher:innen Formen mit ge-Präfix zu beobachten. Im Vortrag soll die Variation in der Formenbildung des Partizips II in niederdeutschen Varietäten empirisch für drei verschiedene Zeitstufen untersucht werden: Erstens wird basierend auf den Daten des Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (vgl. ReNTeam 2021) das Mittelniederdeutsche in den Blick genommen. Zweitens erlauben die Karten und die Bögen aus dem Sprachatlas des Deutschen Reichs von Georg Wenker (1888–1923) einen Blick auf die niederdeutschen Varietäten um 1880. Drittens wird in den Sprachaufnahmen des Projektes Sprachvariation in Norddeutschland (Schröder et al. 2011) und des Projektes Regionalsprache.de (Schmidt u. a. 2020 ff.) das intendierte Niederdeutsch der Gegenwart betrachtet. Neben der Frage nach dem Einfluss des Hochdeutschen wird die Studie auch außersprachliche Faktoren wie Raum, Zeit und mögliche Präferenzen von Schreiber:innen bzw. Sprecher:innen sowie innersprachliche Faktoren wie Lexemspezifika in den Blick nehmen, um so ein umfassendes Bild des Phänomens zeichnen zu können.
6 Referenzen Lasch, Agathe (1914/1974): Mittelniederdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte A Hauptreihe 9). Tübingen. Sarauw, Christian (1924): Niederdeutsche Forschungen. Bd. 2: Die Flexionen der mittelniederdeutschen Sprache (Historisk-filologiske meddelelser 10,1). Kopenhagen. Lindow, Wolfgang/Möhn, Dieter/Niebaum, Hermann/Stellmacher, Dieter/Taubken, Hans/Wirrer, Jan (1998): Niederdeutsche Grammatik (Schriften des Instituts für niederdeutsche Sprache, Reihe: Dokumentation 20). Leer. Datenbasis ReN-Team (2021): Reference Corpus Middle Low German/Low Rhenish (1200–1650); Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (1200–1650). Version 1.1. http://doi.org/10.25592/uhhfdm.9195 (15.07.2024). Schmidt, Jürgen Erich/Herrgen, Joachim/Kehrein, Roland/Lameli, Alfred (Hrsg.) (2020 ff.): Regionalsprache.de (REDE III). Forschungsplattform zu den modernen Regionalsprachen des Deutschen. Bearbeitet von Robert Engsterhold, Hanna Fischer, Marina Frank, Heiko Girnth, Simon Kasper, Juliane Limper, Salome Lipfert, Georg Oberdorfer, Tillmann Pistor, Anna Wolańska. Unter Mitarbeit von Dennis Beitel, Lisa Dücker, Lea Fischbach, Milena Gropp, Heiko Kammers, Maria Luisa Krapp, Vanessa Lang, Salome Lipfert, Jeffrey Pheiff, Bernd Vielsmeier. Studentische Hilfskräfte. Marburg: Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas. URL: www.regionalsprache.de (15.07.2024). Schröder, Ingrid/Elmentaler, Michael/Gessinger, Joachim/Macha, Jürgen/Rosenberg, Peter/Wirrer, Jan (2011): Korpus Sprachvariation in Norddeutschland (SiN). Version 1.0. http://doi.org/10.25592/uhhfdm.12250 (15.07.2024). Wenker, Georg (1889–1923): Sprachatlas des Deutschen Reichs. Handgezeichnetes Original von Emil Maurmann, Georg Wenker und Ferdinand Wrede. Marburg. Publiziert als Digitaler Wenker-Atlas (DiWA). URL: www.regionalsprache.de (15.07.2024).
Sektion: Literatur 13 Robert Langhanke (Flensburg): Poetischer Realismus als regionaler Realismus. Zur Struktur und Sprachlichkeit von Landschaftsbildern in Klaus Groths niederdeutscher Prosa Klaus Groths erzählende niederdeutsche Dichtung entstand hauptsächlich in den vier Jahrzehnten zwischen 1853 und 1893 in Kiel, ist aber vornehmlich in Heide und Dithmarschen, einmal in Nordfriesland und einmal auf Fehmarn verortet, kriegsbedingte Mobilität der Protagonisten nicht eingerechnet. Wahrnehmung und Ausgestaltung von Regionalität können als Leitmotive dieser Texte gelesen werden, so dass ein explizit regionaler Realismus als relevante Teilmenge der Dichtung des poetischen Realismus von Groths Prosa ebenso eigenständig wie maßgeblich mitbestimmt wird. Im Gesamtwerk Klaus Groths tritt die Wirkung seine Prosa hinter die starke Rezeption seiner Lyrik zurück, und auch im Vergleich mit parallel entstehender niederdeutscher Prosa können die grothschen Texte nicht den Breitenerfolg der Erzähltexte Fritz Reuters oder die zumindest regionale Wirkung der Prosaarbeiten von Johann Hinrich Fehrs ebenbürtig erzielen. Die Erzählungen sind der zumeist unverstandene Komplex grothscher Dichtung. Dennoch sind sie nicht allein ein gelegentlich gewürdigter literaturgeschichtlicher Achtungserfolg des stilprägenden Lyrikers, sondern sie stellen vielmehr einen außergewöhnlich innovativen Beitrag zum poetischen Realismus vor, der spätestens mit Groths Texten auch als regionaler Realismus wirksam wird und den Einsatz dialektaler Literatursprachlichkeit bruchlos mit der Idee eines poetisch überhöhten Realismus vereint und dadurch sogar legitimiert. Als genuin bürgerliche Erscheinungsform reiht sich die Dialektdichtung in die literarische Hauptströmung der Epoche ein und kann ihr zugleich eigenständige literarische Spielarten abgewinnen. Regionalität ist der Dichtung des poetischen Realismus auch jenseits dialektaler Literatursprachlichkeit in besonderer Weise inhärent, wie die Verortungen und Themen unter anderem der Texte der literaturgeschichtlich wirksamen Vertreter Theodor Storm, Gottfried Keller, Wilhelm Raabe, Conrad Meyer und Theodor Fontane zeigen. In der Nutzung einer dialektalen Literatursprache liegt ein potenzielles Steigerungspotenzial des Regionalitätsfaktors bei gleichzeitiger Schwächung des Rezeptionsfaktors. Groths Prosa lässt sich auch über die bewusste Wahrnehmung der Region und ihrer Sprachlichkeit hinaus als Sonderweg des poetischen Realismus klassifizieren. Sie ermöglicht durch ihre Parallelität von Handlungsorten und -landschaften sowie von Literatursprache die Einordnung als dezidiert regionaler Realismus, erreicht ihre Sonderstellung aber weniger durch die Wahl der Literatursprache als durch die inhaltliche Durchführung und Fokussierung der Erzähltexte,
Sektion: Literatur 14 in denen äußere Handlungsstränge hinter umfassende Kontextualisierungen und Kontextwahrnehmungen zurücktreten, die aber dennoch ein ebenso strukturiertes wie poetisches Gesamtkunstwerk formen, obwohl die gewählte Austarierung der Erzählinhalte im Detail überraschend ist. Vergleichsweise umfassenden Raum erhalten unter anderem topografische Details und Bewertungen. Landschaften und Orte sowie deren Wirkung auf und deren Wahrnehmung von Protagonisten bilden eine Sinnstiftung der Erzähltexte. Daher nähert sich der Vortrag der grothschen Prosa über deren Einbindung und Ausgestaltung von Landschaftsund Ortsbeschreibungen, die sowohl in sprachlicher als auch in struktureller und inhaltlicher Hinsicht von Interesse sind. Aus der Feststellung, dass potenziell vordergründig wirksame Handlungsstränge und Spannungsbögen in den Erzählungen in den Hintergrund rücken, um anderen Schilderungen und Reflexionen, auch des Landschaftlichen, Platz einzuräumen, folgen mögliche Hauptrollen der regionenbezogenen Darstellungspassagen. Diesen Rollen ist nachzugehen. Aus dem im Vergleich überschaubaren Korpus grothscher Erzähldichtung werden zur aufgerufenen Fragestellung sowohl die Langerzählungen „Detelf“ (1855/1871/1881) und „Trina“ (1859) als auch kürzere Prosatexte konsultiert, um von den spezifischen Bedingungen der Einzelerzählungen abzurücken und wiederkehrende sowie ähnliche und vielleicht widersprüchliche Elemente der topografischen Wahrnehmungen und Ausgestaltungen in den Texten in den Blick zu nehmen. Der Vortrag behandelt ausgewählte Teilaspekte einer größeren Untersuchung zu Groths Erzähldichtung und erschließt dabei ein Teilcharakteristikum, das einen Schlüsselcharakter für die Struktur der Gesamttexte und für niederdeutschsprachige Prosa haben könnte.
Sektion: Literatur 15 Nikos Saul (Oldenburg): „entweder sind et grundslächte Lüde – aodder se sind varückt“. Darstellungen der Sozialdemokratie in niederdeutschen Texten des 19. Jahrhunderts Entgegen der dominierenden Rezeption niederdeutscher Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in zeitgenössischen literarischen Zeitschriften, die politische Themen als der niederdeutschen Sprache nicht gemäß ansah, gab es doch im gesamten 19. Jahrhundert niederdeutsche Literatur, die aktuelle politische Ereignisse aufgriff. In den 1860ern und 1870ern nahm diese Art von Literatur quantitativ zu und verengte sich gleichzeitig auf affirmative Darstellungen der Nationenbildung und der preußischen Führung. Dabei wurden die außenpolitischen Gegner der preußisch dominierten Reichsgründung – besonders Frankreich – zwar ausgiebig behandelt, die innenpolitisch agierende Opposition spielte allerdings kaum eine Rolle. Auffällig ist, dass ab den späten 1870ern in einigen Lyrikbänden zwar die Sozialdemokratie als Ganzes oder Repräsentanten ihrer erwähnt werden, dies aber zumeist nicht in den niederdeutschen, sondern in den hochdeutschen Teilen mehrsprachiger Sammlungen. Mögliche Gründe dieser thematisch-sprachlichen Zweiteilung werden im Vortrag diskutiert. In seinem Zentrum stehen allerdings Texte eines anderen Typs: auf regionale Wirkung ausgerichtete, in Periodika erschienene komplett dialogische oder jedenfalls stark dialoghaltige Kurztexte über politische Fragen. Zum einen die 1874 in erster Auflage erschienene erste Veröffentlichung des fehmarnschen Lehrers Louis Stabenow, Wordennig as Hinnerk un Krüschan op Fehmarn över de Socialdemokraten snackt (Stabenow 1876), die aus zuerst im Fehmanrschen Wochenblatt abgedruckten Texten besteht, zum anderen Texte Augustin Wibbelts, die in den 1890ern im münsterschen Ludgerus-Blatt erschienen (Wibbelt 2014). Für beide Autoren hatte die Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie entscheidende Bedeutung für das eigene Schreiben: Stabenow wurde zeitgenössisch vorrangig mit diesem Thema verbunden; anlässlich seines Todes 1906 hieß es über ihn, er sei „in ganz SchleswigHolstein durch seine plattdeutschen Schriften gegen die Sozialdemokratie bekannt geworden“ (Sass 1906: 88). Für Wibbelt bildeten die Texte im Ludgerus-Blatt den Beginn seines öffentlichen Auftretens als Autor niederdeutscher Texte (vgl. Taubken 2014). Auch in späteren Werken wie De Strunz (Wibbelt 1902) setzte er sich mit der Sozialdemokratie auseinander. Die Texte von Stabenow und Wibbelt ähneln in ihrer Ausrichtung auf regionale und aktuelle Wirksamkeit einigen niederdeutschen politischen Texten des Vormärz und der Märzrevolution (vgl. dazu Langhanke 2020: 635–637), doch favorisieren sie im Gegensatz zu diesen
Sektion: Literatur 16 konservative Positionen. Stabenows und Wibbelts Texte sollen im Vortrag nicht nur inhaltlich hinsichtlich der Darstellung der Sozialdemokratie verglichen werden, sondern auch dahingehend, wie sie politische Themen in den lebensweltlichen und literarischen Bereich integrierten, der dem Niederdeutschen zeitgenössisch vorrangig zugesprochen wurde: den mit Gemütlichkeit, Idylle und Humor verbundenen ländlichen Raum. Referenzen Langhanke, Robert (2020): Mundartliteratur. In: Vormärz-Handbuch. Hrsg. von Norbert Otto Eke im Auftrag des Forum Vormärz Forschung. Bielefeld: Aisthesis. S. 632–640. Sass, Joh[annes] (1906): Stabenow, Louis Karl Christian. In: Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog, IX. Band. S. 87 f. Stabenow, Louis (1874): Wordennig as Hinnerk un Krüschan op Fehmarn över de Socialdemokraten snackt. Kiel. Taubken, Hans (2014): Vorwort zur 1. und 2. Auflage. In: Wibbelt (2014). S. 5–10. Wibbelt, Augustin (1902): De Strunz. Eine Erzählung in münsterländischer Mundart. Essen. Wibbelt, Augustin (2014): Wat de aolle Drüke-Möhne daoto segg. Münsterländisches aus dem „Ludgerus-Blatt“ 1891-1896. 2. durchgesehene Auflage. Bielefeld: Edition Heckmann im Verlag für Regionalgeschichte (Gesammelte Werke in Einzelausgaben 22,1).
Sektion: Syntax 17 Johanna Hoppe (Kassel/Marburg): Pronominale Spaltung im Niederdeutschen – Stigmatisierung „von oben“ oder „von unten“? Im Rahmen des DFG-Projekts „Adaptionen deutscher Varietäten in deutschsprachigen Dramen (16.–19. Jahrhundert)“ (AdViD) wird die Verwendung dialektaler Merkmale für die Adaption unterschiedlicher Varietäten des Deutschen anhand eines Korpus aus Theaterstücken, in denen Figuren sprachlich durch ihre Abweichung von einer rahmengebenden Schriftsprache charakterisiert werden, untersucht (vgl. Schäfer 2023). Im Prozess der Indexikalisierung (vgl. Labov 1978, Silverstein 2003, Johnstone/Andrus/Danielson 2006) werden sprachliche Merkmale mit einer bestimmten Sprechergruppe assoziiert, wobei auf einer Skala von minimal bis maximal indexikalisiert zwischen Indikatoren, Markern und Stereotypen unterschieden wird. Vermittels der darin verwendeten Marker und Stereotype liefern Dialektadaptionen perzeptionslinguistische Einblicke in die historische Wahrnehmung sprachlicher Variation. Im Fokus des Vortrags steht die Spaltung von Pronominaladverbien (z. B. da weiß ich nichts von) als Stereotyp des Niederdeutschen. Der Vortrag setzt die Bewertung der Spaltungskonstruktion in historischen Grammatiken des Deutschen insb. des 17.–18. Jahrhunderts (s. dazu Fleischer 2008) in Bezug zur Verwendung der Konstruktion für die Adaption (nieder)deutscher Dialekte in Dramentexten dieser Zeit. Dabei ist u. a. das Stück Der Witzling (1745) von Interesse, in dem Luise Adelgunde Victorie Gottsched eine niedersächsische Figur mittels der Spaltungskonstruktion charakterisiert (vgl. Polenz 1994: 220–222, Fleischer 2008: 217–218), während die Konstruktion in der Grammatik ihres Mannes, Johann Christoph Gottsched, keine Erwähnung findet (vgl. Fleischer 2008: Fußnote 84). Vor diesem Hintergrund soll diskutiert werden, inwiefern die Stigmatisierung sprachlicher Merkmale „von oben“ – im Sinne gebrauchsunabhängiger Präskriptionen, die die Grammatiker aus sich heraus entwickeln und entgegen dem gängigen Sprachgebrauch durchsetzen – oder „von unten“ – im Sinne von in der Sprachgemeinschaft bereits angelegten Tendenzen und Stereotypen, die die Grammatiker lediglich nachträglich kodifizieren und weiter verbreiten – stattfindet. Damit fügt sich der Vortrag letztlich in einen übergeordneten Diskurs um die Frage nach dem Ausmaß des Einflusses der Grammatiker auf die Standardisierung des Deutschen bei gleichzeitiger Stigmatisierung bestimmter Varietäten und Strukturen ein.
Sektion: Syntax 18 Referenzen Fleischer, Jürg (2008): Die Syntax von Pronominaladverbien in der Sprachgeschichte des Deutschen: eine vorläufige Bestandsaufnahme. In: Desportes, Yvon/Simmler, Franz/WichReif, Claudia (Hrsg.): Die Formen der Wiederaufnahme im älteren Deutsch. Berlin. (Berliner Sprachwissenschaftliche Studien 10). S. 199–235. Johnstone, Barbara/Andrus, Jennifer/Danielson, Andrew E. (2006): Mobility, Indexicality, and the Enregisterment of ‘Pittsburghese’. In: Journal of English Linguistics 34(2), S. 77–104. Labov, William (1978): Sociolinguistic Patterns. Oxford: Blackwell. Polenz, Peter von (1994): Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. II: 17. und 18. Jahrhundert. Berlin/New York. Schäfer, Lea (2023): Diachrone Zugänge zur Stereotypenbildung am Beispiel alemannischer Dialekte der Schweiz. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik (90), S. 346–369. Silverstein, Michael (2003): Indexical Order and the Dialectics of Sociolinguistic Life. In: Language & Communication 23(3), S. 193–229.
Sektion: Syntax 19 Nobuharu Kakuchi (Kiel/Japan): Der to-Infinitiv und to’n + nominalisierter Infinitiv im Niederdeutschen In diesem Vortrag wird thematisiert, wie der niederdeutsche to-Infinitiv und das to’n, das einen nominalisierten Infinitiv nimmt, gebraucht werden. Im Standarddeutschen gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten für den Gebrauch von zu und zum: Der Infinitivmarker zu steht immer direkt vor dem Infinitiv und wird daher manchmal als verbales Präfix verstanden (1) (Pafel 2011: 22–23). Im Gegensatz dazu nimmt zum, das aus der Präposition zu und dem enklitischen bestimmten Artikel dem besteht, einen nominalisierten Infinitiv als Ergänzung und bildet eine Präpositionalphrase, die hauptsächlich den Zweck eines Gegenstandes oder einer Handlung ausdrückt (2). (1) um die Atmosphäre nicht zu zerstören/*zu nicht zerstören. (2) Ich brauche ein Auto zum Einkaufen. In den Dialekten zeigen zu und zum verschiedene Merkmale, die vom oben beschriebenen Gebrauch (Infinitivmarker zu vs. Präposition zum) abweichen. Im Oberdeutschen etwa geht der Status des zum-Infinitivs über den einer einfachen Präpositionalphrase hinaus. So wird im Alemanischen zum nicht nur als Komplementierer verwendet, der Infinitivsätze einleitet (3), sondern auch als Infinitivmarker (4). Auch im Bairischen zeigen sich Ansätze der Grammatikalisierung von zum als Infinitivmarker (5). (3) Ich bruuch s Auto, zum d Lea ufa Bahnhof tua. (Schallert 2013: 124) (4) I han vageassa a Fahrkarta zum koufa. (Schallert 2013: 121) (5) Er hod de Sei zum fiaden vagessn. (Bayer 1993: 55) Im Vortrag wird eine Analyse von Dialektaufnahmen aus dem Zwirnerkorpus vorgestellt. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass im Gegensatz zum Oberdeutschen das niederdeutsche to’n keine vergleichbare Entwicklung aufweist. Es scheint eine Präposition zu bleiben, die einen Zweck ausdrückt (6). Manchmal steht im Niederdeutschen jedoch ein to-Infinitiv, wo im Hochdeutschen ein zum erwartbar wäre (7). Während to’n keine großen Unterschiede zum standarddeutschen zum aufweist, erlaubt der to-Infinitiv im Niederdeutschen Elemente, die der standarddeutsche zu-Infinitiv nicht zulässt. Ein Beispiel dafür sind Vorsilben von trennbaren Verben, die zwischen to und Infinitiv stehen (8). (6) Un wat nu Wagenpeer sünd, nehmt wi to’n, nehmt wi to’n arbeiden. (ZW-- _E_04456, Kreis Rendsburg-Eckernförde)
Sektion: Syntax 20 (7) Dat Stroh, ne, dat worr eenfach to streien nomen för de Köh. (ZW--_E_04458, Kreis Rendsburg-Eckernförde) (8) Halvig Stünn hebbt wi dor to optanken un so wieder. (ZW--_E_04181, Kreis Plön) Referenzen Bayer, Josef (1993) Zum in Bavarian and Scrambling. In: Abraham, Werner/Bayer, Josef (Hrsg.): Dialektsyntax. Opladen. S. 50–70. Pafel, Jürgen (2011) Einführung in die Syntax. Stuttgart. Schallert, Oliver (2013) Infinitivprominenz in deutschen Dialekten. In: Abraham, Werner/Leiss, Elisabeth (Hrsg.) Dialektologie in neuem Gewand. Hamburg. S. 103–140.
Sektion: Semantik 21 Nele Dresler (Osnabrück): Futurausdruck mit gehen – Wohin geht es bei „Ich gehe schlafen“? In meiner Masterarbeit wurde die Möglichkeit der Grammatikalisierung von gehen zum Futurauxiliar im Gegenwartsdeutsch untersucht. Im Gegensatz zu anderen europäischen Sprachen ist das Deutsche diesen universal gut belegten Grammatikalisierungspfad bisher nicht gegangen, bei welchem das Bewegungsverb gehen als Spenderlexem für eine Futurauxiliar dient (vgl. Szczepaniak 2011). In einigen Kontexten scheint sich gehen im Deutschen jedoch ähnlich zu verhalten. Das gilt beispielsweise für Sätze wie (1) Ich gehe jetzt schlafen oder (2) Ich gehe joggen. Das Verb scheint in solchen Sätze Teile seiner lexikalischen Bedeutung verloren zu haben, was auf den Prozess einer Grammatikalisierung hinweist. Da diese deutsche Konstruktion mit zukunftsbezogener Bedeutung in der Forschung bisher sehr wenig diskutiert wurde, werden in diesem Vortrag das niederländische gaan (Fehringer 2017) und das englische be going to (Tagliamonte et al. 2014) herangezogen, in der Annahme, dass es Parallelen zur Entwicklung der deutschen Konstruktion gibt. Die Frage, welche Funktion gehen + Infinitiv in Kontexten wie (1) und (2) erfüllt, wurde in der Masterarbeit untersucht. Dafür wurde eine Korpusanalyse im Forschungsund Lehrkorpus Gesprochenes Deutsch, kurz FOLK, und darauf aufbauend eine Befragung durchgeführt. Das Ergebnis der Untersuchung ist, dass es eine auxiliare Verwendung von gehen im Gegenwartsdeutschen gibt, diese jedoch noch keine futuristische, sondern eine intentionale Bedeutung hat. Sprecher können die Konstruktion aus gehen + Infinitiv also nutzen, um ein Vorhaben auszudrücken. Bei der Betrachtung der Ergebnisse gab jedoch noch eine weitere Erkenntnis. Ungefähr die Hälfte aller Belege bei der durchgeführten Korpusanalyse hat eine habituelle Bedeutung. Die Beobachtung konnte im Rahmen der Masterarbeit nicht weiterverfolgt werden, bietet jedoch die Gelegenheit für weitere Forschung, bei der untersucht werden könnte, ob gehen im Deutschen möglicherweise einen Habitualitätsmarker darstellt.
Sektion: Semantik 22 Referenzen Fehringer, C. (2017): Internal constraints on the use of gaan versus zullen as future markers in spoken Dutch. A quantitative variationist approach. Nederlandse Taalkunde 22(3), S. 359– 387. Szczepaniak, Renate (2011): Grammatikalisierung im Deutschen: eine Einführung. 2. Aufl. Tübingen. Tagliamonte, Sali A./Durham, Mercedes/Smith, Jennifer (2014): Grammaticalization at an early stage: Future be going to in conservative British dialects. English Language & Linguistics, 18(1), S. 75–108.
Sektion: Sprachwahrnehmung & Sprachgebrauch 29 Familien mit Dialekt als Nähesprache oder Familien mit einem Generationenbruch im Dialektgebrauch), die in der Dissertation als Fallbeispiele dienen. Alle im Korpus vertretenen 12. Kolloquium Forum Sprachvariation 13. Nachwuchskolloquium VndS Lisa Felden Familien leben in der Gemeinde Swisttal im ripuarischen Sprachraum. Zudem gehören die Gewährspersonen verschiedenen Generationen an, wodurch auch Kinder und Jugendliche Teil der Erhebungen sein werden. Fokussiert werden im Projekt nicht nur generationsübergreifende Sprach-veränderungen, sondern auch die Untersuchung der Rolle familiärer (Gesprächs- )Strukturen und Netzwerke. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Wahrnehmung des Dialekts als Identitäts-symbol und den damit verbundenen sozialen Dynamiken. Das Projekt trägt zur wissenschaftlichen Diskussion über Sprachwandel und Identität bei und soll zugleich praktische Einblicke für sprachliche Fördermaßnahmen sowie die kulturelle Arbeit in Dialektgemeinschaften bieten können. Im Rahmen des Nachwuchskolloquiums soll das Dissertationsprojekt vorgestellt werden, das auf den Daten des Projekts Huus für os Heematsproch basiert. Der Vortrag wird das Forschungsdesign, die Methodik und erste Erkenntnisse des im vergangenen September angelaufenen Projekts präsentieren. Referenzen Mattheier, Klaus J. (1980): Pragmatik und Soziologie der Dialekte. Einführung in die kommunikative Dialektologie des Deutschen. Heidelberg. Cornelissen, Georg/Stiel, Susanne (2004): Eifel 2002. Dialektverlust in einer „dialektstabilen“ Landschaft – das Beispiel Lammersdorf. In: Volkskultur an Rhein und Maas 22 (1–2), S. 47–52.
Sektion: Sprache in der Gesellschaft 30 Gunilla Kaibel (Zürich): Identitätsstiftender Quell oder separatistische Gefahr? – Mediale Dialektdiskurse zur NS-Zeit Der Diskurs über Sprachvariation und Sprachvarietäten befindet sich zur Zeit des Nationalsozialismus in einem Spannungsfeld. Auf der einen Seite werden Konzepte wie Volkstum, Heimat, Tradition und Brauchtum als positiv angesehen, was somit auch regionale Dialekte als fördernswert kategorisiert. Auf der anderen Seite steht das Streben nach einem „geeinten Volk“, dem regionale Dialekte als separatistisches Element entgegenstehen. Insbesondere auf organisatorisch niedrigeren Ebenen des NS-Regimes finden sich unterschiedliche Initiativen, die sich für die Erhaltung und Förderung der Varietätenvielfalt einsetzen (vgl. dazu bspw. Wirrer: 1994, 1989). Wie in diesem Zeitraum über Dialekte in Medien berichtet wird, gibt Rückschlüsse darauf, welche Argumentationen in der damaligen Gesellschaft präsent waren und wie die zwei oben genannten Widersprüche im Reden über Dialekte aufgelöst werden. Mithilfe eines mixed methods-Ansatzes untersuche ich alle Zeitungsartikel aus dem Deutschen Zeitungsportal der Deutschen Digitalen Bibliothek, die die Begriffe Dialekt oder Mundart enthalten. Auf einer quantitativen Ebene zeigt sich die zunehmende Wichtigkeit und Häufigkeit dieses Themas in Zeitungstexten während dem Beginn der NS-Zeit. Mit ausführlichen Kollokationsanalysen nähere ich mich daran an, was unter den Begriffen Dialekt und Mundart verstanden wurde. In einem zweiten qualitativen Analyseschritt zeige ich, wie unterschiedliche Topoi, Argumentationen und Begriffe in der Berichterstattung über Dialekte zwischen 1933 und 1945 angewendet werden und wie sie sich vom Diskurs in den Jahren davor und danach unterscheiden. In den Zeitungstexten gibt es unterschiedliche Strategien, um Varietäten positiv und fördernswert zu inszenieren, sei es die Betonung der politischen Nützlichkeit der Dialekte, die Nivellierung der Widersprüchlichkeiten zwischen der Forderung nach Einheitssprache und Dialektförderung oder die semantische Umdeutung des Dialektbegriffs zu einem weniger „tiefen“ Dialekt. Diese diversen Strategien knüpfen an Topoi an, die schon vor 1933 im Dialektdiskurs präsent waren. Auch bei den Kollokationsanalysen stelle ich im Laufe der Zeit keine starken konzeptionellen Unterschiede in der Begriffsnutzung fest. Die Topoi werden allerdings in Texten aus der NS-Zeit oft besonders zugespitzt oder leicht umgedeutet, was nur durch qualitative Analysen sichtbar wird. Ich zeige, dass das Reden über Dialekte stark mit Kulturpolitik und nationaler Identität verbunden ist und daher kulturpolitische und geistesgeschichtliche Einblicke in verschiedene zeitliche Epochen, unter anderem während der NS-Zeit, geben kann.
Sektion: Sprache in der Gesellschaft 31 Ella Wissenbach & Mareike Krause (Rostock): Sprachvariation@Schule – Innere und äußere Mehrsprachigkeit als Thema des schulischen Deutschunterrichts. Erste Einblicke und Zukunftsperspektiven Sprachliche Variation und Sprachkontakt sind in der Lebenswelt von Schüler*innen allgegenwärtig. Ob Dialekte, Jugendsprache, Sprachwandel, Anglizismen oder Mehrsprachigkeit – sprachliche Vielfalt ist grundlegender Bestandteil ihrer Kommunikationssituationen. In der schulischen Vermittlung ergibt sich jedoch überwiegend ein anderes Bild. Es entsteht der Eindruck, dass die Thematisierung sprachlicher Variation nur sehr wenig Aufmerksamkeit bekommt oder auf Grundlage veralteter Gegenstandsbereiche erfolgt. Dabei ergeben sich insbesondere in der modernen Regionalsprachenund Mehrsprachigkeitsforschung viele Anknüpfungspunkte zur unterrichtlichen Umsetzung dieser. Diese Potenziale im Themenbereich der inneren und äußeren Mehrsprachigkeit sollen zentraler Bestandteil des Vortrags sein. Es erscheint sinnvoll, beide Teilbereiche gemeinsam zu thematisieren, um einerseits Gemeinsamkeiten aufzuzeigen und andererseits der Tatsache Rechnung zu tragen, auf diese Weise Schuler*innen mit intraund/oder interlingualer Sprachkompetenz gleichermaßen adressieren zu können. Zudem erfolgt eine soziolinguistische Einbindung, da Spracheinstellungen zu innerer und äußerer Mehrsprachigkeit immer Teil der Sprachpraxis sind. Hierbei werden fachwissenschaftliche und fachdidaktische Impulse berücksichtigt. Anschließend an diese theoretische Rahmung sollen erste Ergebnisse von Erhebungen im Rahmen zweier Abschlussarbeiten zu Sprachvariation im schulischen Kontext vorgestellt werden. Dafür wurden einerseits hessische Lehrkräfte zur Thematisierung von innerer und äußerer Mehrsprachigkeit im Deutschunterricht befragt. Andererseits fand eine kriteriengeleitete inhaltliche Analyse eines hessischen Schulbuchkorpus statt. Die Ergebnisse beider Untersuchungen bieten die Möglichkeit, Potenziale und Schwierigkeiten der schulischen Thematisierung von sprachlicher Vielfalt aufzuzeigen und dadurch Schlüsse für weiterführende Arbeiten zu ziehen. Insgesamt deuten die Ergebnisse auf einen Bedarf an bildungspolitischen und fachdidaktischen Maßnahmen hin, um Dialekt und Mehrsprachigkeit angemessen im Unterricht zu berücksichtigen und die vorhandenen Interessen und Lebensrealitäten der Schüler*innen und Lehrkräfte anzuerkennen. Diesem Bedarf soll mit dem aktuell in der Planung befindlichen Projekt der Referentinnen Rechnung getragen werden, welches im Rahmen des Vortrags vorgestellt werden soll. Geplant ist eine Erhebung im schulischen Kontext, für die aktuelle fachwissenschaftliche und
Sektion: Sprache in der Gesellschaft 32 fachdidaktische Forschungsergebnisse in Form eines wissenschaftlich fundierten Materials in der Schule Umsetzung finden sollen. Es soll untersucht werden, inwiefern sich diese Thematisierung positiv auf die sprachreflexive und sprachkritische Kompetenz von Schüler*innen auswirkt. Damit soll eine Möglichkeit des Wissenstransfers von der Universität in die Schule aufgezeigt werden. Referenzen Androutsopoulos, Jannis (2017): Soziolinguistische Mehrsprachigkeit. Ressourcen, Praktiken, Räume und Ideologien mehrsprachiger Kommunikation. In: Der Deutschunterricht, 4/2017. Seelze. S. 53–63. Budde, Monika Angela/Martinez, Hélène (2023): Sprachbewusstheit aus der Sicht von Fremd- , Zweitund Mehrsprachigkeitsdidaktik. In: Wildemann, Anja/Bien-Miller, Lena (Hrsg.): Sprachbewusstheit. Perspektiven aus Forschung und Didaktik. Wiesbaden. Fachmedien. S. 83–114. DOI: doi.org/10.1007/978-3-658-39229-1. Clark, Romy/Fairclough, Norman/Ivanič, Roz/Martin-Jones, Marilyn (1991): Critical language awareness part II: Towards critical alternatives. In: Language and Education 5:1, S. 41–51. Efing, Christian (2023): Sprachkontakt, Mehrsprachigkeit und Interkulturalität. In: Eva Neuland (Hrsg.): Soziolinguistik der Deutschen Sprache. Eine Einführung. Unter Mitarbeit von Christian Efing. Tübingen. S. 233–260. Hochholzer, Rupert (2009): Innere Mehrsprachigkeit. In: Ferstl, Christian (Hrsg.): „Dem Dorfschullehrer sein neues Latein…“. Beiträge zu Stellenwert und Bedeutung des Dialekts in Erziehung, Unterricht und Wissenschaft. Regensburg (Jahrbuch der Johannes-AndreasSchmeller-Gesellschaft 2008). S. 49–59. Kultusministerkonferenz (KMK) (2012): Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife. Berlin/Bonn, abrufbar unter: https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_10_18Bildungsstandards-Deutsch-Abi.pdf [letzter Zugriff am 30.07.2024]. Kultusministerkonferenz (KMK) (2022): Bildungsstandards für das Fach Deutsch Erster Schulabschluss (ESA) und Mittlerer Schulabschluss (MSA). Berlin/Bonn, abrufbar unter: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/202 2/2022_06_23-Bista-ESA-MSA-Deutsch.pdf [letzter Zugriff am 30.07.2024]. Langhanke, Robert (2020): Dialektdidaktik und Regionalsprachdidaktik. Über die gesteuerte Vermittlung dialektaler und regiolektaler Varietäten am Beispiel des norddeutschen Sprachraums. In: Hundt, Markus/Kleene, Andrea/Plewnia, Albrecht/Sauer, Verena (Hrsg.):
Sektion: Sprache in der Gesellschaft 33 Regiolekte. Objektive Sprachdaten und subjektive Sprachwahrnehmung. Tübingen (Studien zur deutschen Sprache 85). S.435–459. Spitzmüller, Jürgen (2022): Soziolinguistik. Eine Einführung. Berlin.