Von der Tragik eines Lebens in der Diktatur: Der Mediävist Ottokar Menzel (1912–1945)
Abstract
Der junge Mediävist Ottokar Menzel (1912-1945) habilitierte sich 1943 an der Universität Kiel und hätte nach dem Krieg eine glänzende Karriere…
Full text
| 15 Martina Hartmann Von der Tragik eines Lebens in der Diktatur Der Mediävist Ottokar Menzel (1912–1945) Als am 17. Dezember 1943 der Kriegsverwaltungsrat Dr. Ottokar Menzel1 an der Universität Kiel als letzte Leistung des Habilitationsverfahrens seine Lehrprobe absolviert hatte, bescheinigte ihm der Dekan, einen »gut aufgebauten und sprachlich gewandten Vortrag« gehalten zu haben und »ein eindrucksvolles Bild von der Persönlichkeit und dem Werke Karls IV. gegeben« zu haben. Seine Würdigung endet mit den Sätzen: »Die Lehrprobe zeigte die Begabung Menzels, die Grundlinien eines verwickelten politischen und geistigen Geschehens klar herauszuarbeiten und seine Hörer durch die eigene persönliche Verbundenheit mit seiner Aufgabe für die dargestellten Probleme zu interessieren und sie zu ihrer Beurteilung anzuregen. Auf Grund dieser Leistung verspricht Dr. Menzel eine fesselnde Lehrpersönlichkeit zu werden.« 2 Damit war Ottokar Menzel am Ziel seines langjährigen Strebens und hatte die Aussicht auf eine akademische Karriere nach Kriegsende, doch 13,5 Monate später war er tot. Allerdings fiel er nicht wie viele andere seiner Generation als Soldat an der Front: In seiner Wohnung in Berlin Wilmersdorf erschoss der junge Mediävist, der fünf Tage zuvor 33 Jahre alt geworden war, am Abend des 5. Februar 1945 zunächst seine 35-jährige Ehefrau Hildegund und dann sich selbst, nachdem beide in den Tagen und Wochen zuvor ihre Angelegenheiten mit Testamenten, Verfügungen und Briefen sorgfältig geordnet und diesen letzten Schritt offenbar genau geplant hatten 3 – eine Kurzschlussreaktion war es also nicht. Ich möchte zunächst Kindheit, Jugend und Werdegang Ottokar Menzels und seiner späteren Frau Hildegund Rogner, die ebenfalls eine promovierte Wissenschaftlerin war, behandeln und dann in einem zweiten Teil beleuchten, warum Ottokar Menzel offenbar im Laufe des Jahres 1944 die Hoffnung auf ein Leben nach dem Krieg verlor und den furchtbaren Ausweg wählte, der die Familien Menzel und Rogner verzweifelt, Freunde und Kollegen ratlos zurückließ. Die Gründe für seinen erweiterten Suizid blieben lange im Dunkeln und konnten erst in den vergangenen Jahren mit Hilfe der Familienarchive und anderer Quellen Kiel-UP • DOI: https://doi.org/10.38072/2701-5122/p22
16 | KSUW 4 (2024) geklärt werden. Abschließend möchte ich mich dann noch wenigstens kurz der Frage widmen, warum man außerhalb der Familie, insbesondere bei den Monumenta Germaniae Historica (MGH) in München und hier in Kiel, viele Jahrzehnte nichts von seinem Schicksal wusste und nicht einmal ein Foto von ihm besaß.4 Kindheit, Jugend und Werdegang von Ottokar Menzel und Hildegund Rogner Ottokar Menzel kam am 31. Januar 1912 als zweiter Sohn des Münchners Theodor Menzel und seiner Frau Luise geborene Hierburger, einer Russlanddeutschen, in Odessa zur Welt. 5 Ottokars Mutter war reich und sein Vater, der aus einer nur ›kinder-reichen‹ Familie stammte und in München Orientalistik sowie Jura studierte hatte,6 lebte seit der Heirat 1904 das Leben eines wohlhabenden Privatgelehrten in einem großen Haus an der Steilküste von Odessa, der Datscha Menzel, und trug mit Hilfe des Vermögens seiner Frau eine bedeutende Bibliothek zusammen. Abb. 1: Ottokar Menzel als Soldat, Weihnachten 1942. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten. Abb. 2: Hildegund Rogner 1931.Foto: privat, alle Rechte vorbehalten.
Von der Tragik eines Lebens in der Diktatur | 17 1904 promovierte er bei Georg Jacob in Erlangen, aber seine akademische Karriere kam nicht voran, wie er beklagte. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges endete das glückliche Leben der Familie, denn Theodor Menzel wurde interniert, seine Frau musste mit den Söhnen, dem 2, 5-jährigen Ottokar und dem 7-jährigen Theodor, die Datscha verlassen und folgte schließlich ihrem Mann in die Internierung nach Tschorny Jar und dann nach Saratow an der Wolga.7 Nach Ende des Krieges setzte Theodor Menzel alles daran, Russland zu verlassen und in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen, wobei er auf die Unterstützung seines Lehrers Jacob hoffte, der inzwischen Ordinarius für Orientalistik in Kiel war. Durch die Emigration aus Russland ging allerdings das Vermögen verloren8 und nach zweijährigem Tauziehen gelang es Theodor Menzel lediglich, seine wertvolle Bibliothek nach Deutschland überführen zu dürfen.9 Er wurde zunächst Lektor an der Universität Kiel, dann außerplanmäßiger Professor und 1929 schließlich der Nachfolger seines Lehrers als Ordinarius.10 Das Jahr seines größten akademischen Erfolges wurde allerdings überschattet vom Tod seines älteren Sohnes Theodor, der sich möglicherweise während der Internierung mit Tuberkulose infiziert hatte und trotz zwei Aufenthalten in Davos schließlich mit 22 Jahren an Masern starb, kurz bevor er ein Studium Abb. 3: Theodor Mezle als junger Gelehrter. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten. Abb. 4: Luise Menzel, geb. Hierburger als junge Frau. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten.
18 | KSUW 4 (2024) ↑ Abb. 5: Datscha Menzel in Odessa, Meerseite, vor 1914 . Foto: privat, alle Rechte vorbehalten. ← Abb. 6: Familie Menzel in Odessa, vor 1914. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten.
Von der Tragik eines Lebens in der Diktatur | 19 der Ornithologie hätte aufnehmen sollen. Nun ruhten alle Hoffnungen der Eltern auf Ottokar, der 1931 in Kiel ein glänzendes Abitur ablegte und schließlich mittelalterliche Geschichte und Slawistik in Berlin studierte.11 In seinem ersten Berliner Semester lernte er im Alter von 20 Jahren die am 2. März 1910 in Breslau geborene und in Berlin aufgewachsene Hildegund Rogner kennen, die hochbegabte Tochter eines Volksschullehrers, die vier Semester vor ihm mit dem Studium von Philosophie, Mathematik und Physik begonnen hatte und sich sofort leidenschaftlich in ihren Kommilitonen verliebte.12 Ottokar Menzel promovierte 1935 bei Robert Holtzmann, der ihn schließlich Wilhelm Engel, dem kommissarischen Leiter des neuen Reichsinstituts für ältere deutsche Geschichtskunde, wie die MGH im sog. Dritten Reich hießen, empfahl.13 Menzel gewann aufgrund seines Könnens bald die Anerkennung von Carl Erdmann, dem wichtigsten ›Monumentisten‹ dieser Jahre,14 und übernahm die Schriften des spätmittelalterlichen Denkers Engelbert von Admont als Editionsprojekt unter der Ägide von Hermann Heimpel.15 Hildegund Rogner wurde 1937 vom Berliner Philosophen Nicolai Hartmann mit einer Arbeit über den spätmittelalterlichen Kardinal Nikolaus von Kues promoviert,16 doch heiraten konnte das Paar, auch nachdem beide ihre Dissertationen abgeschlossen hatten, nicht. ↑ Abb. 7: Familie Rogner in Berlin, nach 1929. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten. → Abb. 8: Ottokar Menzel, 1935. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten.
20 | KSUW 4 (2024) Theodor Menzel, der in Kiel recht selbstbewusst auftrat, hatte Hitlers Machtübernahme begrüßt und am 28. Februar 1933 eine Erklärung von Teilen des Lehrkörpers unterschrieben, in der es hieß, man sei »freudig bereit, zusammen mit der nationalen Studentenschaft die Arbeit der Reichsregierung am Aufbau des neuen Reiches mit allen Kräften zu unterstützen.«17 Bereits im Mai 1933 war Theodor Menzel in die NSDAP eingetreten, wie seine Mitgliedsnummer zeigt (2.733053). Er wurde Vorsitzender des Studentenwerks und Dekan der Philosophischen Fakultät, aber von 1935 an begann sein Stern zu sinken: Man nötigte ihn, erst den Vorsitz über das Studentenwerk niederzulegen und dann die Dekanswürde; schließlich gelang es dem Rektor, dem Juristen Georg Dahm, Menzel in den vorzeitigen Ruhestand zu schicken, angeblich aus »Einsparungsgründen«.18 Die von Hitler und Göring unterzeichnete Entlassungsurkunde hat sich im Familienbesitz erhalten. In der Tat gab es in der Orientalistik wenig Studenten, aber es ist die Frage, ob das der wahre Grund war für seine vorzeitige Emeritierung, denn Dahm war besonders daran gelegen, die Kieler Universität »judenfrei« zu bekommen und die juristische Fakultät zu vergrößern.19 Seit 1935 hatte Theodor Menzel sich bemüht, für seine Frau und seine vor vielen Jahren in Odessa verstorbenen Schwiegereltern Geburtsurkunden zu erhalten, die für den geforderten Ariernachweis die Voraussetzung waren.20 Abb. 9: Theodor Menzel als Professor in Kiel, nach 1929. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten. Abb. 10: Luise Menzel und ihr Sohn Ottokar, nach 1929. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten.
Von der Tragik eines Lebens in der Diktatur | 21 Obwohl er alle Hebel in Bewegung setzte, gelang ihm dies im Fall seiner Schwiegermutter nicht. Während es im Fall von nicht beschaffbaren Dokumenten aus dem Ausland üblich war, als Ersatz eine Erklärung zu unterschreiben, in der man eidesstattlich versicherte, nichts von einer jüdischen Herkunft der Eltern oder Großeltern zu wissen, erhielt Theodor Menzel dieses Formular erst Monate, nachdem er in den vorzeitigen Ruhestand getreten war.21 Im Schriftwechsel der Fakultät mit dem Reichsministerium ist von dem fehlenden Ariernachweis jedoch nicht die Rede und aus allen Briefen Theodor Menzels gewinnt man den Eindruck, als ständen nur die politischen Verhältnisse in Russland der Ausstellung der erforderlichen Dokumente entgegen und nicht eine jüdische Herkunft der Schwiegermutter und damit auch seiner Frau. Interessant ist nun, dass Theodor Menzels jüdischer Kollege, der Orientalist Karl Süßheim, dem es noch im letzten Moment gelang, mit seiner Familie aus München nach Istanbul zu emigrieren,22 in seinem Tagebuch zur Nachricht des Todes von Theodor Menzel im März 1939, den die Witwe ihm brieflich mitteilte, schrieb, Luise Menzel sei Jüdin gewesen.23 Für seine Behauptung konnte kein weiterer Beweis gefunden werden, weder im Familienarchiv noch in anderen Archiven, aber es ist wenig wahrscheinlich, dass Süßheim sich irrte, da er die Familie, auch Luise Menzel, persönlich kannte und sehr genau über die Familienverhältnisse Bescheid wusste, nicht zuletzt, weil er in gewisser Rivalität zu Theodor Menzel stand. Für Ottokar Menzel hatte der fehlende Ariernachweis jedenfalls die Konsequenz, dass er Hildegund Rogner erst 1938, also sieben Jahre nach ihrem Kennenlernen, heiraten konnte und für sie, dass sie nach der Promotion eine bezahlte Arbeit annehmen musste. Da sie zwar promovierte Philosophin aber auch eine begabte Mathematikerin war, fand sie bei der DVL, der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt, im August 1937 eine Anstellung, 24 denn die Nationalsozialisten förderten zur Kriegsvorbereitung die Luftfahrt mit viel Geld. Sie gab diese Stelle allerdings bald nach ihrer Heirat wieder auf, um sich wissenschaftlicher Arbeit zu widmen, nämlich der Übersetzung der mathematischen Schriften des Nikolaus von Kues für die Heidelberger Akademie. Der Projektleiter, Prof. Ernst Hoffmann, nach der Terminologie der Nationalsozialisten Halbjude, kannte Ottokar seit dessen Heidelberger Semester im Sommer 1931 und beide waren offenbar immer in Kontakt geblieben; 25 daher vermittelte Hoffman auch die Drucklegung von Hildegund Rogners Dissertation im Heidelberger Universitätsverlag. 26 Zum Ausscheiden bei der DVL am 31. Juli 1939 schenkte Ottokars Freund Ernst Schulz (1897–1944) ihr eine Urkunde des Nikolaus von Kues, 27 die er in seiner Zeit als Antiquar bei der Firma Rosenthal in München erworben hatte, und schickte sie ihr zusammen mit einem Brief, der die Freundschaft mit dem Ehepaar Menzel belegt. 28 Auch wenn hier ›der Kieler‹ Ottokar Menzel im Mittelpunkt stehen soll, wäre Hildegund Rogner einen eigenen Vortrag wert, wie ich kurz andeuten möchte: Über ihre Klassenkameradin Elisabeth Waldmann lernte sie während der Schulzeit den Jugend-
22 | KSUW 4 (2024) stilkünstler und Freund des Dichters Stefan George, Melchior Lechter,29 kennen, der sie förderte und den sie 1930 zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth begleiten durfte, wo der ›Stammgast‹ Lechter von der neuen Festspielleiterin Winifred Wagner empfangen wurde. 1929 und 1932 fuhr Hildegund Rogner mit Lechter nach Italien – die Wochen auf Ischia im August 1932 mögen die schönsten ihres Lebens gewesen sein, denn nie wieder sah sie auf Fotos so glücklich aus wie damals. Und auch Postkarten an die Eltern bezeugen dieses Glück, denn sie fand Ischia »schöner als in allen meinen Träumen«.30 Sie wünschte sich, 1933 zurückzukehren, aber diese Italienreise blieb ihre letzte. Noch im September 1943 erzählte sie einer Kollegin ihres Mannes, Marianne Feuersenger,31 mit der sie sich gut verstand, davon, als beide im September 1943 in Berlin darauf warteten, dass Ottokar Menzel aus dem Führerhauptquartier in der Wolfsschanze zurückkehrte. Am Ende der Italienreise 1932 hatte Lechter wie üblich Station in München gemacht und wohnte mit Hildegund bei seinem alten Freund Heinrich Heim. 32 Lechter verabscheute zwar die Nationalsozialisten – nicht zuletzt auch weil alle seine Gönner Juden waren, wozu unter anderem auch die Schwester des 1922 ermordeten Reichsaußenministers Walther Rathenau gehörte33 – aber das hielt ihn nicht davon ab, eine lebenslange Freundschaft Abb. 11: Hildegund Rogner, 1937. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten. Abb.12 : Hildegund Rogner auf Ischia, 1932. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten.
Von der Tragik eines Lebens in der Diktatur | 23 mit Heinrich Heim34 und dessen Lebensgefährten Albert Jung zu pflegen.35 Heim hatte unter den Nationalsozialisten als Schulfreund von Rudolf Hess Karriere gemacht und protokollierte einen Teil von Hitlers sogenannten Tischgesprächen; Jung komponierte die Parteitagshymne der NSDAP. Ottokar Menzel und Hildegund Rogner traten beide nie der NSDAP bei und waren auch nicht in parteinahen Organisationen aktiv, obwohl beide Väter schon früh Parteimitglieder geworden waren. Dementsprechend schwierig wäre eine Habilitation von Ottokar Menzel an der Berliner Universität geworden, denn der gefürchtete NS-Dozentenbund äußerte erhebliche Vorbehalte wegen der »völligen politischen Passivität« und stellte fest, Menzel sei weder »nach Herkunft noch nach Veranlagung wahrhafter Nationalsozialist«; sollte er eine Dozentur anstreben, würde man dem nicht zustimmen. 36 Während man bei Hildegund Rogner davon ausgehen kann, dass ihr Mentor Melchior Lechter mit seiner Abneigung gegen die Nationalsozialisten von Einfluss auf die junge Frau war, mag es bei Ottokar Menzel die vorzeitige Emeritierung seines Vaters und die lange verwehrte Heirat wegen des fehlenden Ariernachweises gewesen sein, vielleicht auch der Einfluss seiner Freundin Hildegund. Nun soll hier allerdings nicht der Eindruck erweckt werden, wir hätten es bei Ottokar Menzel und Hildegund Rogner mit Gegnern des nationalsozialistischen Regimes zu Abb. 13: Hildegund Menzel, Weihnachten, 1942. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten. Abb. 14: Ottokar Menzel, Weihnachten 1942. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten.
30 | KSUW 4 (2024) Berliner nicht an einen schweren Angriff, weil das Wetter dafür eigentlich zu schlecht war, doch sie sollten sich täuschen: 700 Bomber zerstörten vor allem das sogenannte Hansaviertel und wieder war auch Charlottenburg stark betroffen. Die Löscharbeiten dauerten bis in die Abendstunden des 24. November an und alleine in Charlottenburg hatten über 40.000 Berliner ihre Wohnung verloren, die Zahl der Toten und Vermissten wurde auf 6.000 geschätzt, die der Verletzten auf 20.000. Während Ottokar in seinem Brief nur den Verlust seiner Bücher erwähnt, empfanden andere, die es miterlebten, diesen Bombenangriff als »Weltuntergang« oder »Hölle Berlin«. Abb. 18: Hildegund Menzel in der Rüdesheimer Str. 25a, September 1942 . Foto: privat, alle Rechte vorbehalten.
Von der Tragik eines Lebens in der Diktatur | 31 Auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wurde in dieser Nacht zerstört.61 Anfang Februar 1944 schlugen Ottokar Menzel und Marianne Feuersenger sich mit dem ›Kriegsalltag‹ herum und besichtigten in der Kurfürstenstraße ein ausgebranntes Bürogebäude, um zu klären, ob es als zukünftige Dienststelle in Frage käme. Derweil sorgten sich die beiden Chefs, Scherff und Scheidt, um das rechtzeitige Erscheinen der Militärwissenschaftlichen Rundschau, wie Marianne Feuersenger etwas bitter notierte.62 Ab Mitte Mai 1944 begann dann für Ottokar eine hektische Zeit, da er nach Bischofswiesen bei Berchtesgaden in die sogenannte Kleine Reichskanzlei abkommandiert wurde, da Hitler sich monatelang auf dem Obersalzberg aufhielt und Walter Scherff bei jeder Lagebesprechung und bei jedem Essen dabei zu sein hatte, um, wie Marianne Feuersenger es mit Ironie ausdrückte, das Genie des Führers zu beobachten.63 Als Wohnsitz diente Scherff wie auch seinem Adjutanten Scheidt und dem inzwischen einzigen verbliebenen Mitarbeiter Ottokar Menzel das Landhaus des Zeitungsverlegers Wolfgang Huck auf dem Boschberg bei Bischofswiesen, eine recht luxuriöse Adresse. 64 Dennoch war die Stimmung im Juli/August 1944 alles andere als gut, wie wir aus den Tagebuchaufzeichnungen von Marianne Feuersenger erfahren. In diesem Hochsommer in Berchtesgaden regnete es oft und viel und nach dem Attentat vom 20. Juli auf Hitler kippte die Stimmung dieser Schicksalsgemeinschaft in der Kleinen Reichskanzlei in Bischofswisen endgültig. Ottokar Menzel hatte sich noch am 11. Juli, als sich Oberst Claus von Stauffenberg in der Kaserne Strub nach der Morgenlage mit einigen Mitverschwörern wie General Erich Fellgiebel, Generalmajor Hellmuth Stieff und Oberstleutnant Bernhard Klamroth unterhielt, dazugestellt, denn ihn interessierte der hochdekorierte Stauffenberg vermutlich weniger als Offizier, sondern als Mitglied des George-Kreises, da seine Frau Hildegund eine große Verehrerin des Dichters Stefan George war. 65 Nach dem Scheitern des Attentats bewegte Ottokar Menzel, wie Marianne Feuersenger festhielt, die bange Frage, ob nun alle verhaftet würden, die mit Stauffenberg kurz vor dem Attentat gesehen worden waren, also auch er. Hitler war am 14. Juli, also sechs Tage vor dem Attentat, zusammen mit Walter Scherff in das Führerhauptquartier in Ostpreußen, die Wolfsschanze, geflogen und seine Mitarbeiter Ottokar Menzel und Marianne Feuersenger blieben erschöpft zurück, denn vor seinem Abflug hatte der inzwischen nervlich völlig zerrüttete Scherff seine Wut und seine Frustrationen über die katastrophale Lage an allen Fronten an seinem Mitarbeiter ausgelassen.66 An diesem 14. Juli wurde eine absolute Reisebeschränkung erlassen, die ab dem 17. Juli gelten sollte. Wohl aus diesem Grund machte sich in Berlin Hildegund Menzel auf den Weg zu ihrem Mann nach Berchtesgaden, da sie ihn seit Wochen nicht gesehen hatte und in Berlin in einer halbzerstörten Wohnung lebte, »in den primitivsten Verhältnissen«, wie Ottokar Menzel an den nach dem Krieg weltberühmten Paläographen Bernhard Bischoff schrieb.67
32 | KSUW 4 (2024) Dieser Besuch dürfte aber ihrem Ehemann kaum recht gewesen sein, denn wie erst vor kurzem in der Familie Menzel wiederentdeckte Briefe von Hildegunds Vater Fritz Rogner aus den Jahren 1945/46 belegen, war Ottokar in Berchtesgaden nicht allein:68 Die fünf Jahre ältere Schauspielerin Nora von Rautenberg (1907–?) hatte sich wohl schon im Mai krankschreiben lassen, um so der Truppenbetreuung zu entgehen und war ihm nachgereist – offiziell besuchte sie ihre ältere Schwester Barbara von Rautenberg, die Sekretärin von Generaloberst Alfred Jodl.69 Wann Ottokar »in die Netze der Schauspielerin« geraten war, wie Fritz Rogner es nach dem Krieg ausdrückte, wissen wir nicht, denn er bemühte sich wohl, das Ganze geheim zu halten, da Marianne Feuersenger es für einen »Flirt« hielt, aber seine Frau ahnte wohl etwas, verdächtigte jedoch die falsche Frau, wie aus dem Tagebuch Marianne Feuersengers hervorgeht, die schrieb: »Für mich beginnen jetzt die trüben Tage, denn Frau Menzels Einfluss macht sich immer mehr bemerkbar, eigenartigerweise geht es gegen mich, dabei flirtete er doch mit Nora. Abends Bauerntheater, auch das noch.« Und am nächsten Tag: Abb. 21: Fritz Rogner, 1938. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten. Abb. 22: Hildegund und Ottokar Menzel in der Wohnung, September 1942. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten.
Von der Tragik eines Lebens in der Diktatur | 33 »Regen, Regen und die Frau Menzel. Ich beginne mich fortzusehnen.«70 Diese kleinen Momentaufnahmen zeigen, wie sehr die verheerende Lage an den Fronten sowie das Attentat auf Hitler bei allen an den Nerven zerrte, so dass auch das Ambiente der Bergwelt, das eigentlich im Vergleich zum kriegszerstörten Berlin und der durch ständigen Fliegeralarm stark beeinträchtigten Nachtruhe eine Erholung hätte sein müssen, nicht mehr wirkte. Und die Bewunderung, die Marianne Feuersenger im Jahr zuvor noch für Hildegund Menzel empfunden hatte,71 schlug in Abneigung um, weil sie sich zu Unrecht verdächtigt fühlte. Als im Herbst klar wurde, dass Hitler nicht mehr auf den Obersalzberg zurückkehren würde, wurde Ottokar Menzel wieder nach Berlin abkommandiert und auch Nora von Rautenberg dürfte ebenfalls Bayern den Rücken gekehrt haben, so dass der junge Kriegsverwaltungsrat in Berlin zwischen zwei Frauen stand, denn er hatte Nora wohl, wie Fritz Rogner sich ausdrückte, »weitgehende Versprechungen« gemacht, möglicherweise ein Heiratsversprechen; auch am 22. Dezember, seinem Hochzeitstag, war er mit der Schauspielerin zusammen.72 Wann genau Hildegund Menzel die für sie sehr schmerzliche Wahrheit erfuhr, wissen wir nicht, aber sie reagierte darauf mit Herzkrämpfen und wurde krank. An Heiligabend 1944, so notierte Robert Holtzmann in seinem Tagebuch, rief Ottokar Menzel »verzweifelt« an und teilte ihm mit, dass sein enger Münchner Freund Ernst Schulz tot sei,73 wie er am Tag zuvor durch einen Abschiedsbrief von Schulz, der einem Abschiedsgeschenk, vermutlich einem Buch, beigefügt war,74 erfahren hatte: Beim großen Angriff auf München am 17. Dezember war auch die Wohnung von Ernst Schulz in der Steinsdorfstraße in Brand geraten und obwohl seine geliebte Bibliothek gerettet werden konnte, ordnete er seine Verhältnisse, schrieb Abschiedsbriefe, unter anderem an Ottokar und Hildegund, und erschoss sich dann im Englischen Garten.75 Alle Quellenzeugnisse zu den letzten Lebenswochen von Ottokar und Hildegund, also Tagebücher, Erinnerungen und Briefe, lesen sich heute wie die Chronik eines angekündigten Todes, den niemand verhinderte:76 Den Tod von Ernst Schulz, der die Nationalsozialisten gehasst hatte, sah Ottokar Menzel, wie er am 26. Dezember seiner Mutter schrieb, als Gang in die Freiheit an und beschloss wohl daraufhin, den gleichen Ausweg zu wählen, nachdem er sich von seiner Geliebten getrennt hatte und seine kranke Frau pflegte. Hildegund Menzel wiederum beschloss nach der Trennung ihres Mannes von der Geliebten, ihn nicht zu verlassen, sondern mit ihm in den Tod zu gehen. Darüber sprach sie zwar nicht mit ihren Eltern, aber mit einer Nachbarin im Haus und einer Haushaltshilfe;77 auch Charlotte Holtzmann, der Ehefrau von Ottokars Doktorvater, vertraute sie sich gegen Ende Januar 1945 an. 78 Die schon erwähnte Marianne Feuersenger ist die einzige, von der wir wissen, dass Ottokar sie ins Vertrauen zog, und zwar am 27. Januar, als die Sekretärin sich mit einem selbst ausgestellten Urlaubsschein mit gefälschter Unterschrift auf den Weg nach München machte, um
34 | KSUW 4 (2024) den Russen zu entkommen, die kurz davor waren, Berlin einzuschließen.79 Robert Holtzmann versuchte mit einem Brief an Hildegund, zumindest sie von diesem Schritt abzuhalten, und suchte Ottokar am 2. Februar in seiner Dienststelle auf, doch war der in Begleitung seiner Frau und beide wollten nicht mit ihm reden, wie er in seinem Tagebuch festhielt.80 Bereits einen Tag zuvor, am 1. Februar 1945, war die kriegsgeschichtliche Abteilung aufgelöst worden, nachdem Ottokar bereits am 23. Februar erfahren hatte, dass er Abb. 23: Erste Seite des Testaments Ottokar Menzels vom 1. Februar 1945. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten.
Von der Tragik eines Lebens in der Diktatur | 35 an die Front abgegeben werde. In dem Abschiedsgespräch dürfte Walter Scherff am 1. Februar sein Missfallen über den Seitensprung ausgedrückt haben, denn nach den Erinnerungen seines Kollegen Claus Grimm kam Ottokar bereits nach fünf Minuten aus Scherffs Büro: »Aus seinem Gesicht schien jeder Blutstropfen gewichen zu sein. Er war weiß wie Kalk«.81 Am Nachmittag schrieb er sein Testament nieder, in dem die Haupterbin seine damals 16jährige Schwägerin Ingeborg Rogner (1928–2020) wurde, nur seine wissenschaftlichen Bücher sollte das Historische Seminar in Kiel und die von Hildegund die Heidelberger Cusanus-Arbeitsstelle erhalten.82 Hildegund ließ ihren Mann nun nicht mehr allein, sie war sowohl am 1. als auch am 2. Februar mit auf der Dienststelle, wie Claus Grimm und Robert Holtzmann bezeugen.83 Am Samstag, dem 3. Februar 1945, schrieb Hildegund einen dreiseitigen Brief an ihre enge Freundin Hedy Bühner,84 der genau wie Ottokars Briefe an seine Mutter und seinen Schwiegervater eine Art Abschiedsbrief sein sollte, auch wenn sie nicht aussprach, was ihr Mann und sie vorhatten. Sie legte der Freundin die Fürsorge für ihre Schwester ans Herz; dies war das Hauptanliegen des Briefes. Während Ottokar sich am 1. Februar bei der Niederschrift seines Testaments selbst bei seinem Geburtsdatum verschrieb und seine Schrift sehr fahrig wirkt, ist Hildegunds Schrift wie immer und man kann sich kaum vorstellen, dass sie an ihre Freundin schrieb, während die Bomben fielen: Am Samstagvormittag, dem 3. Februar gegen 11 Uhr, erfolgte nämlich einer der schwersten und verheerendsten LuftAbb. 24: Ingeborg Rogner, nach 1945. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten.
36 | KSUW 4 (2024) angriffe auf Berlin, der vor allem in Berlin-Mitte große Zerstörungen anrichtete, bei denen über 2.000 Menschen umkamen und viele verletzt und obdachlos wurden. »Die Apokalypse hat Einzug in Berlin gehalten« notierte einer, der das Inferno des Angriffs miterlebte, das ungefähr 50 Minuten dauerte. Rund 1.000 Bomber und 600 Jagdflugzeuge warfen über 2.000 Tonnen Bomben ab, hauptsächlich Sprengkörper. »Noch nie in diesem Krieg wurde ein Zielgebiet mit Bomben derartig gesättigt« titelte die Washington Post. 85 Abb. 25: Erste Seite des Testaments Hildegund Menzels vom 4. Februar 1945. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten.
Von der Tragik eines Lebens in der Diktatur | 37 Am Sonntag, dem 4. Februar schrieb dann auch Hildegund ihr Testament nieder,86 genau wie Ottokar in doppelter Ausfertigung, das heißt ein Exemplar für das Nachlassgericht in Charlottenburg und ein Exemplar für die Haupterbin, ihre kleine Schwester Ingeborg Rogner. Dies war wohl auch als Ersatz für Abschiedsbriefe gedacht, die beide nicht imstande waren zu schreiben. Ottokar verfasste außerdem einen Brief an seinen Freund und Vorgesetzten Wilhelm Scheidt mit Anweisungen, was nach ihrem Ableben zu tun sei und wer benachrichtigt werden sollte; darunter war auch der Präsident des Reichsinstituts der MGH, Theodor Mayer.87 Für den Suizid gab er »persönliche Gründe« an, so Robert Holtzmann in seinem Tagebuch.88 Außerdem sorgten Ottokar und Hildegund dafür, möglicherweise auch erst am Montag, dem 5. Februar, dass Ingeborg Rogner aus Berlin herauskam und bei Wilhelm Scheidts Mutter in Bad Cannstatt unterschlüpfen konnte.89 Als Ottokar Menzel am 6. Februar 1945 nicht in der Dienststelle erschien, schickte Walter Scherff am Abend seinen Adjutanten Wilhelm Scheidt in die Wohnung der Menzels an der Rüdesheimerstraße 25a. Was Scheidt dort vorfand, hat er Marianne Feuersenger und seiner Sekretärin erzählt und von dieser erfuhr es Ottokars Kollege Claus Grimm, der es in seinen Erinnerungen von 1964 festhielt. »Menzel …! Sein Tod hat Scheidt doch sehr bewegt«, so Marianne Feuersenger in ihren Aufzeichnungen, »Scherff hat ihn damals in Menzels Wohnung geschickt, um nachzusehen. Das Ehepaar muss Abschied gefeiert haben. Der gedeckte Tisch zeigte das. Sie war sorgfältig, liebevoll hingelegt. Menzel hatte 2 Meisterschüsse getan – durch die Schläfe, auch bei sich selbst«. 90 Un d, manche Details ergänzend, Claus Abb.26: Hildegund Menzel und ihre Schwester Ingeborg, ca. 1940. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten.
38 | KSUW 4 (2024) Grimm: »Das Ehepaar Menzel hatte all seine Angelegenheiten mit großer Genauigkeit geordnet und dann an einem kleinen Tisch in der Ecke ihres Wohnzimmers eine Art Abschiedsfeier gehalten. Zwei Gedichtbände von Rainer Maria Rilke, die Duineser Elegien und das Requiem, lagen auf dem Tisch. Sodann hatten sie sich auf ein vorbereitetes Lager auf dem Boden gelegt und den entscheidenden Schritt getan. (Auf welche Weise, habe ich nicht erfahren).«91 Eine aufregende Spurensuche Ottokars Mutter und vor allem Fritz Rogner trugen besonders schwer an dem Tod ihrer Kinder, aber auch in den nächsten Generationen fragte man nach dem ›Warum‹ und bewahrte Briefe, Fotos und andere Andenken an Ottokar und Hildegund auf. Als ich in der Coronazeit eine Geschichte der MGH-Mitarbeiter im sog. Dritten Reich schreiben wollte, stieß ich bald auf den Nachruf von Karl Jordan über Ottokar Menzel im Deutschen Archiv von 1951.92 Ich fand ihn merkwürdig, denn er schien mir mehr zu verschweigen als mitzuteilen. Ich fragte mich, was dessen »kriegswichtige Tätigkeit« gewesen war, von der Jordan raunte, der den Eindruck erweckte, als habe hier ein überzeugter Nationalsozialist seinem Leben ein Ende bereitet, weil er den Untergang des sog. Dritten Reiches nicht überleben wollte. Ich sollte bald feststellen, dass Jordan viel verschwiegen hatte, nicht nur Hildegund und ihren Tod, sondern auch die Schenkung der Bibliothek von Ottokar Menzel an das Historische Seminar Kiel. Mit Hilfe des Internets stieß ich auf Marianne Feuersengers 1982 erstmals erschienene Tagebuchaufzeichnungen, in denen sie Ottokar Menzel ein Denkmal setzen wollte, und ich konnte es kaum glauben, dass der Mitarbeiter der kriegsgeschichtlichen Abteilung, der Generaloberst Alfred Jodl vorgestellt worden war 93 und mit Oberst Claus von Stauffenberg wenige Tage vor dem Attentat zusammengestanden hatte, ›unser‹ MGH-Editor sein sollte. Bald war mir klar, dass ich neben den Archivrecherchen nur mit Hilfe von Familiennachlässen weiterkommen würde, um seine Lebensgeschichte aufzuhellen, und hier halfen mir der Zufall und das Internet mehrfach, 94 denn die Familien Menzel und Rogner begannen mit fast 80 Jahren, ihre Unterlagen zu ordnen und so stieß Hildegunds älterer Neffe Dietrich Rogner im Internet auf meinen Zoom-Vortrag zu Ottokar und Hildegund, den wir am 18. März 2021 aufgezeichnet hatten, nachdem ich mit Fotos und Briefen aus dem Familiennachlass Menzel sowie Marianne Feuersengers Buch einiges über das Schicksal unseres Editors berichten konnte. Damit begann ein lebhafter Mailwechsel und Dokumentenaustausch über Hildegund Rogner; bald kam der jüngere Neffe Rüdiger Rogner dazu und Peter Bühner in Mühlhausen, dessen Großmutter und Schwiegertochter im Testament der Menzels als Erbinnen genannt werden und der das schönste Foto von Ottokar und Hildegund besaß.
Von der Tragik eines Lebens in der Diktatur | 39 Ein Ehepaar in Oyten, das von Hildegunds Freundin Hedy Bücher geerbt hatte, zwei mit Widmungen von Ottokar für Hildegund, besaß außerdem das Original von Hildegunds Abschiedsbrief vom 3. Februar 1945 und machte ihn mir zugänglich. So kam ein Quellenfund zum anderen und es war ein aufregendes und faszinierendes Erlebnis, immer mehr Details dieser Doppelbiographie herauszufinden, nachdem die MGH zuvor von diesem Editor nicht einmal ein Foto besaßen und über sein Leben nur die unzutreffenden und vagen Informationen aus dem Nachruf von Karl Jordan kannten. Warum nun hatte man in Kiel die Erinnerung an den jungen Gelehrten Ottokar Menzel, der dem Seminar seine Bibliothek vermacht hatte, nicht gepflegt? Ich denke, dass es vor allem Karl Jordan war, der in der Nachkriegszeit aus zwei Gründen mit seinem Nachruf ›eine Nebelkerze warf‹ und auch die Bücherschenkung verschwieg. Jordan vertrat bis zu seinem Tod wie viele Mediävisten seiner Generation die These, man habe im sog. Dritten Reich nur die ›reine‹ Wissenschaft betrieben und keinerlei Konzessionen an das Regime gemacht, das sich ja auch nicht für die Mittelalterforscher interessiert habe, weil das Mittelalter kirchlich geprägt gewesen sei.95 Inzwischen weiß man, dass dies Entlastungserzählungen waren, um die eigenen Verstrickungen zu kaschieren: Die in der Weimarer Republik finanziell fast ausgetrockneten MGH wurden zum Reichsinstitut erhoben, besser ausgestattet und an der Spitze mit Männern besetzt, die durchaus dem Regime nahestanden. Schon Carl Erdmann äußerte 1937 in einem Brief die Vermutung, Edmund Ernst Stengel sei Präsident des Reichsinstituts geworden, weil sein Adoptivsohn, Abb. 27: Familiengrabstein Menzel-Rogner, Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf, Sommer 2021. Foto: privat, alle Rechte vorbehalten.
46 | KSUW 4 (2024) 33 Vgl. zu Edith und Fritz Andreae und ihrer Beziehung zu Melchior Lechter Ursula von MangoldtReiboldt, Auf der Schwelle zwischen Gestern und Morgen. Begegnungen und Erlebnisse, Weilheim 1963, bes. S. 108f.; Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 26f. 34 Vgl. zu Heinrich Heim Peter Longerich, Hitlers Stellvertreter. Führung der Partei und Kontrolle des Staatsapparates durch den Stab Heß und die Parteikanzlei Bormanns, in: Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP. Rekonstruktion eines verlorengegangenen Bestandes. Regesten 3, München u.a. 1992, S. 11f.; und zu seinem Verhältnis zu Lechter Hartmann, WissenschaftlerEhepaar (wie Anm. 1) S. 44–46. 35 Vgl. zum Komponisten und Kapellmeister Albert Jung die Monographie von Ralph Philipp Ziegler, Das stille Tal. Der Komponist Albert Jung, Bad Orb und das 20. Jahrhundert, Hanau 2015. 36 Akte des NS-Dozentenbundes Ottokar Menzel (wie Anm. 5); vgl. auch Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 60f. 37 Vgl. zu Ottokar Menzels beruflichem Werdegang in diesen Jahren Hartmann, WissenschaftlerEhepaar (wie Anm. 1) S. 60–67; und zu Wolfgang Reichhardt und Elisabeth Waldmann ebd. S. 74. 38 Vgl. zum Folgenden ebd. S. 75–81. 39 Vgl. die Edition des Gutachtens ebd. S. 193f. und dazu ebd. S. 80. 40 Vgl. dazu ebd. S. 78f. 41 Vgl. ebd. S. 78; Anm. 25: Das Datum ist handschriftlich auf dem Schreiben des Reichsministeriums für Wissenschaft und Erziehung an die Akademie vom 6. Mai 1941 (Menzel, Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Leibniz-Ausgabe, Personalakte Nr. 776) vermerkt: »Am 19.V. wurde Herr Menzel eingezogen« und es wird bestätigt durch einen Brief Carl Erdmanns vom 25. Mai 1941 an Helmut Beumann, Menzel sei »seit acht Tagen« eingezogen »bei der Flak hier in Berlin«; Reichert, Fackel in der Finsternis (wie Anm. 14) Bd. 2 S. 249. 42 Marianne Feuersenger, Im Vorzimmer der Macht. Aufzeichnungen aus dem Wehrmachtführungsstab und Führerhauptquartier 1940–1945, München 1999 (zuerst erschienen unter dem Titel: Mein Kriegstagebuch. Zwischen Führerhauptquartier und Berliner Wirklichkeit, Freiburg im Breisgau 1982 [hier zitiert nach der Ausgabe von 1999: Im Vorzimmer der Macht]) das Zitat S. 197. 43 Vgl. zu Scheidt Wolfram Pyta, Hitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse, München 2015, S. 317f.; Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 98f. 44 Vgl. zu Elze Wolfgang Graf Vitzthum, Ein Preusse im George-Kreis, in: Theorie und Geschichte der Wirtschaft. Festschrift für Bertram Schefold, hg. von Volker Caspari, Marburg 2009, S. 331–357; Wolfram Pyta, Walter Elze und Preußen – Preußische Geschichte aus dem Geiste des GeorgeKreises, in: Das Thema »Preußen« in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik vor und nach 1945, hg. von Hans-Christof Kraus, Berlin 2013 (Forschungen zur Preußischen und Brandenburgischen Geschichte N. F. 12) S. 119–132. 45 Vgl. zu ihm unten S.XX 46 Vgl. zu Ottokar Menzel in der kriegsgeschichtlichen Abteilung Hartmann, WissenschaftlerEhepaar (wie Anm. 1) S. 93–122. 47 Pyta, Hitler (wie Anm. 42) S. 305–324. 48 Vgl. dazu Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 106–109. 49 Feuersenger, Im Vorzimmer der Macht (wie Anm. 42) S. 117f. 50 Claus Grimm, Vier Jahre als Forscher in der Kriegsgeschichtlichen Abteilung (München, Institut für Zeitgeschichte MS 417/1) [mit 8 Seiten korrigierenden Erläuterungen von Marianne Feuersenger, die im Exemplar des IfZ mitgezählt werden – nach diesem Exemplar wird hier zitiert]) S. 56 (auch im Bundesarchiv – Militärarchiv Freiburg, MSg. 1 705); vgl. zu Grimm Werner Dobras, Claus Grimm † (13. September 1904–4. Juni 1987), in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung 106 (1988), S. V–VII, der allerdings auf die Kriegszeit nicht eingeht. 51 Vgl. zu ihm die oben in Anm. 25 genannte Literatur sowie Jannis Wagner, »Man müsste sich ja unbedingt mit dem Tragischen in der Weltgeschichte beschäftigen.« Felix Hartlaubs Geschichte zwischen Historiographie und Literatur, in: Un/Ordnungen denken. Beiträge zu den Historischen Kulturwissenschaften. Festschrift für Reinhard Blänkner, hg. von Anne Gräfe und Johannes Menzel, Berlin 2017, S. 110–132; Jannis Wagner, Die Fatalität der Geschichte. Felix Hartlaub und Ernst Jünger als verstrickte Beobachter, in: Das Werk von Felix Hartlaub. Einflüsse, Kontexte, Rezeption, hg. von Nikola Herweg und Harald Tausch, Göttingen 2019
Von der Tragik eines Lebens in der Diktatur | 47 (Marbacherschriften N. F. 17), S. 89–111; außerdem Felix Hartlaub, Aufzeichnungen aus dem Führerhauptquartier, hg. und mit Anmerkungen versehen von Gabriele Lieselotte Ewenz, Nachwort Matthias Weichelt, Berlin 2022. 52 Vgl. David Thimme, Percy Ernst Schramm und das Mittelalter. Wandlungen eines Geschichtsbildes, Göttingen 2006, S. 476–482 und die Briefe von Hartlaub, in denen er über Schramm schreibt, bei Ewenz, In den eigenen Umriss gebannt (wie Anm. 25), bes. Brief Nr. 168 vom 20.5.1943 (Bd. 1 S. 623): »Percy schleppt bereits zwei große Persilkisten voll Bücher mit sich herum und kommt eben noch mit einem Haufen schmutziger Wäsche und verschiedenen dicken Bänden ›Monumenta Germaniae‹ an.« 53 Vgl. zum Verhältnis zwischen Hartlaub und Menzel Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 110–114. 54 Robert Holtzmann, Tagebuch 1941–1946 (Handschriftliches Manuskript im Deutschen Historischen Institut in Rom, Nachlass 12: Walther Holtzmann 91) zum 27.12. 1942: »Vormittags bei Menzel, der mich zur Habilitation kontaktiert; ich rate zu Kiel, wo Jordan willig ist« (S. 53). Holtzmanns umfangreiches Tagebuch ist ein wertvolles Quellenzeugnis für die fraglichen Jahre; eine Edition wird von mir vorbereitet. 55 Kiel, Personalakte Ottokar Menzel (wie Anm. 2); vgl. dazu Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 90. 56 Das Datum des Vortrags und der Vortragstitel werden nur von Feuersenger, Im Vorzimmer der Macht (wie Anm. 42) S. 154 überliefert. 57 Vgl. S. 63 mit Anm. 1. 58 Vgl. zu den Bombenangriffen auf die Reichshauptstadt Berlin Sven Felix Kellerhoff, Berlin im Krieg. Eine Generation erinnert sich, Berlin 2011, S. 226-229. 59 Feuersenger, Im Vorzimmer der Macht (wie Anm. 42) S. 157f.; dazu Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 124f. 60 Holtzmann, Tagebuch (wie Anm. 54) zum 2. März 1943: »Menzel telephoniert: bei ihm ist alles zerstört! Überall herrscht Entsetzen.« (S. 59) und zum 19. März 1943: »Zum Glück kommt ein Brief von Frau Menzel, wonach sie in ihrer Wohnung bleiben können (wir hatten ihnen für den Fall des Abbruchs unser Fremdenzimmer angeboten).« (S. 61). 61 Vgl. Kellerhoff, Berlin im Krieg (wie Anm. 58) S. 311-316; Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 126. 62 Feuersenger, Im Vorzimmer der Macht (wie Anm. 42) S. 195; Hartmann, WissenschaftlerEhepaar (wie Anm. 1) S. 126. 63 Feuersenger, Im Vorzimmer der Macht (wie Anm. 42) S. 125. 64 Ebd. S. 229f.; Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 112–114. 65 Diese Begebenheit hat Marianne Feuersenger nicht in ihrem 1982 erstmals erschienenen Buch (wie Anm. 41) berichtet, sondern in einem Aufsatz, der zwei Jahre nach der ersten Ausgabe ihres Buches in einem Sammelband über den 20. Juli erschienen ist und in dem Menzel im Mittelpunkt steht: Marianne Feuersenger. Es ist ein heißes Eisen geblieben. Nach Tagebuchaufzeichnungen und Briefen, in: Der 20. Juli 1944. Annäherung an den geschichtlichen Augenblick, hg. von Rüdiger von Voss, Rüdiger/Günther Neske, Pfullingen 1984, S. 63–68. 66 Feuersenger, Im Vorzimmer im Macht (wie Anm. 42) S. 229f. und 232f.; vgl. auch Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 114f. zu den Unterschieden zwischen der Darstellung im Buch und ihren Aufzeichnungen, die im Institut für Zeitgeschichte liegen (Nachlässe ED 344). 67 Edition des Briefes bei Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 195. 68 Die Briefe sind ediert ebd. Nr. 3-7, S. 208–215. 69 Leider ist über Nora von Rauttenberg wie auch ihre Schwester Barbara wenig in Erfahrung zu bringen; vgl. ebd. S. 117–119. 70 Feuersenger, Institut für Zeitgeschichte München Nachlass ED 344-25 Blatt 100. Bei der Auswahl für ihr Buch hat Marianne Feuersenger die Passagen in ihren Aufzeichnungen über Ottokar Menzels Flirt und Hildegund Menzels Verdacht ausgelassen; sie dürfte jedoch davon erfahren haben, allerdings noch nicht im Sommer 1944, sondern vielleicht erst nach seinem Tod. Um einen entscheidenden Grund für Menzels Suizid zu verschleiern, hat sie vermutlich dann die Beschreibung ihres letzten Gesprächs mit ihm gegenüber ihren Aufzeichnungen ausgeschmückt und die Angst vor den Russen in den Vordergrund gerückt; vgl. dazu Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 129f.
48 | KSUW 4 (2024) 71 Vgl. den Brief Marianne Feuersengers an ihre Mutter und Schwester vom 24./25. September 1943 ebd. S. 205–208 Nr. 2 (der Brief ist ein wichtiges Dokument zum Leben Hildegund Menzels). 72 Vgl. den Brief von Fritz Rogner bei Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 212f. Nr. 6. 73 Holtzmann, Tagebuch (wie Anm. 54) zum 24.12.1944: »Herr Menzel telephoniert verzweifelt: sein Freund Ernst Schulz beim letzten Angriff in München umgekommen« und zum 30.12.1944: »Nachmittags Menzels zum Thee da. Er berichtet näheres von Ernst Schulz, der sich nach Vernichtung aller seiner Sachen im Englischen Garten selbst erschoss;« (S. 133). 74 Brief Ottokar Menzels an seine Mutter Luise vom 26.12.1944 bei Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 195 Nr. 15. 75 V gl. ebd. S. 128 mit Korrekturen an der Darstellung bei Löffelmeier, Ernst Schulz (wie Anm. 28). 76 Vgl. die Abfolge der Ereignisse ebd. S. 127–136. 77 Brief von Fritz Rogner an Luise Menzel vom 23.10.1946 ebd. S. 212f. Nr. 6. 78 Holtzmann, Tagebuch (wie Anm. 54) vom 27. Januar 1945: »Nachm. mit Lotte bei Menzels zum Thee u. da abends um 7 Alarm, bleiben wir auch zum Abendessen. Traurig, sie haben Selbstmordgedanken« (S. 136) und ebd. vom 28. Januar 1945, S. 137: »Brief an Frau Menzel in Sachen Selbstmord (sie sprach Lotte davon)«. 79 Feuersenger, Im Vorzimmer der Macht (wie Anm. 41) S. 262. 80 Holtzmann, Tagebuch (wie Anm. 54) S. 137. 81 Grimm, Vier Jahre als Forscher (wie Anm. 50) S. 165–167; vgl. auch Hartmann, WissenschaftlerEhepaar (wie Anm. 1) S. 141f. 82 Die Edition der beiden Testamente bei Hartmann, ebd. S. 215–217 und dazu S. 136–139: Ottokar Menzel schrieb sein Testament am 1. Februar nieder und machte am 3. Februar noch einen Nachtrag, Hildegund Menzel schrieb ihre Ausfertigung am 4. Februar nieder. 83 Grimm, Vier Jahre als Forscher (wie Anm. 50) S. 165 und Holtzmann, Tagebuch (wie Anm. 54) S. 137. 84 Edition bei Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 201–203 Nr. 4. 85 Kellerhoff, Berlin im Krieg (wie Anm. 58) S. 311 ff. 86 Vgl. Anm. 82. 87 Der Brief von Wilhelm Heinrich Scheidt an Theodor Mayer vom 9. Februar 1945 liegt im MGH-Archiv München unter der Signatur B 704/ II. Mayer antwortete am 27. Februar; vgl. Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 159 zu seinem Antwortbrief. 88 Holtzmann, Tagebuch (wie Anm. 54) S. 139: »Menzel hat am 6. d.M. seine Frau und sich erschossen, gab in einem rückgelassenen Brief ›persönliche Gründe‹ dafür an; über diese hatte seine Frau der meinen am 27. I. Confidenzen gemacht (Vorfälle vom Sommer in Berchtesgaden, die sich dann auch in Berlin wiederholten).« 89 Edition des Briefes von Fritz Rogner an Luise Menzel am 20.2.1945 bei Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 208f. Nr. 3, hier S. 209. 90 Feuersenger, Im Vorzimmer der Macht (wie Anm. 42) S. 278f. 91 Grimm, Vier Jahre als Forscher (wie Anm. 50) S. 168f. 92 Vgl. oben Anm. 4. 93 Vgl. Feuersenger, Im Vorzimmer der Macht (wie Anm. 42) S. 235: »Ich frage Menzel, ob er …Hitler zu Gesicht bekommen habe … Jodl ist er vorgestellt worden.« 94 Im Nachwort meines Buches habe ich geschildert, wie durch den Kontakt mit den Familien Menzel und Rogner und etlichen anderen Nachkommen von Bekannten die Bausteine für die Biographie zusammengetragen werden konnten (S. 176–179). 95 Vgl. zu Karl Jordan Hartmann, WissenschaftlerEhepaar (wie Anm. 1) S. 163–168. 96 Carl Erdmann an Gerd Tellenbach am 25.12.1937, hg. von Folker Reichert (wie Anm. 14) Bd. 2 S. 174; vgl. zu Stengel auch MentzelReuters, Reichsinstitut (wie Anm. 13) S. 32–40 und 42–48. 97 Vgl. dazu Mentzel-Reuters, Reichsinstitut (wie Anm. 13) S. 52f. 98 Vgl. zu Scheel und seiner Sorge um den Nachlass der Menzels Hartmann, WissenschaftlerEhepaar (wie Anm. 1) S. 164f. 99 Vgl. zu diesen Ausgaben Wolfhard Raub, Melchior Lechter als Buchkünstler. Darstellung, Werkverzeichnis, Bibliographie, Köln 1969: Die genannten Ausgaben haben in seinem Werkverzeichnis die
Von der Tragik eines Lebens in der Diktatur | 49 Nummern A 67, A 97, A 122, A 129 und 130. Nur für das mit Fotos und einem Rosenblatt vom Grab Rilkes ausgestattete Lechter-Werk wies Raub auf die Widmung an Hildegund Rogner hin; auf die Widmungen in den anderen Werken machte Hansjürgen Linke, Das Kultische in der Dichtung Stefan Georges und seiner Schule, München und Düsseldorf 1969, Bd. 2 S. 57f. aufmerksam. 100 Vgl. Jörg-Ulrich Fechner, »Der alte Meister und mein sehr früher verehrter Lehrer der Mönch von Fiesole«. Überlegungen zu Stefan Georges Sonett »Ein Angelico«, in: Il Cacciatore di silenzi. Studi dedicati a Ferrucio Masini a cura di Paolo Chiarini 2, Rom 2003, S. 387–408: Fechner fand 1985 »in dem Kieler Teilnachlass von Melchior Lechter aus dem Zwischenbesitz von Hildegund Rogner eine umfängliche Handschrift« (S. 404). 101 Vgl. dazu Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 34 und 37. Der Band der UB Kiel hat die Signatur: Kj 2777. 102 Vgl. S. 69. 103 Einzelheiten bei Hartmann, WissenschaftlerEhepaar (wie Anm. 1) S. 166f. 104 So lautet der Titel einer Publikationsreihe des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, deren zuletzt erschienener Band ebenfalls Briefe aus Privatbesitz in Edition mit umfangreichem Kommentar zugänglich gemacht hat: Johannes Hürter/Thomas Raithel/Reiner Oelwein, »Im Übrigen hat die Vorsehung das letzte Wort … «: Tagebücher und Briefe von Marta und Egon Oelwein 1938–1945, Göttingen 2021. 105 Ein interessantes Zeitdokument für das Leben in Berlin in der Nachkriegszeit sind die Briefe, die Hildegunds Vater Fritz Rogner an seine Schwiegertochter Susi Rogner schrieb und die sich ebenfalls im Besitz der Familie Rogner befinden. 106 Einzelheiten dazu bei Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 147–163. 107 Uri Toeplitz, Und Worte reichen nicht. Von der Mathematik in Deutschland zur Musik in Israel. Eine jüdische Familiengeschichte 1812–1998, Konstanz 1999, S. 29f.; vgl. auch Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) S. 22–24. 108 Vgl. zu Elisabeth Waldmann bzw. Elisabeth SteilBeuerle Hartmann, Wissenschaftler-Ehepaar (wie Anm. 1) bes. S. 23f., 27–29 und 162f. 109 Vgl. Matthias Weichelt, Der verschwundene Zeuge. Das kurze Leben des Felix Hartlaub, Berlin 2020, S. 46. 110 Martin Doerry, Mein verwundetes Herz: Das Leben der Lilli Jahn 1900–1944, ²Stuttgart 2002. 111 Mark Roseman, In einem unbewachten Augenblick. Eine Frau überlebt im Untergrund, Berlin 2002 (englisch: The Past in Hiding, London 2000). 112 Wibke Bruhns, Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie, Düsseldorf 2004. 113 Susanne Wiborg/Jan Peter Wiborg, Glaube, Führer, Hoffnung. Der Untergang der Clara S., München 2015. 114 Ein Bericht über die Veranstaltung sowie Flyer zum Thema sind zugänglich unter: https:// www.ifz-muenchen.de/aktuelles/themen/familienerinnerungen (25.9.2024). Federführend bei der Veranstaltung waren Esther-Julia Howell vom Archiv des IfZ und die wissenschaftliche Mitarbeiterin des IfZ, Dr. Maren Richter, die ihre Biographie »Aber ich habe mich nicht entmutigen lassen«. Maria Daelen – Ärztin und Gesundheitspolitikerin im 20. Jahrhundert (Veröffentlichung zur Geschichte der deutschen Innenministerien nach 1945), Göttingen 2019, auch auf der Grundlage von Nachlässen verfasst hat; vgl. auch den Artikel über die Veranstaltung in der Süddeutschen Zeitung unter https://www.sueddeutsche.de/muenchen/ institut-fuer-zeitgeschichte-opas-offenbarung-1.3558321 (25.9.2024). 115 Ein besonderes Problem sind die in Privatbesitz befindlichen Nachlässe von Protagonisten des Regimes, die höchst selten zugänglich gemacht werden; eine Ausnahme stellen Dokumente zu Hitlers Adjutant Nicolaus von Below dar, die dessen Sohn der Historikerin Heike B. Görtemaker zugänglich macht; vgl. dies., Hitlers Hofstaat. Der innere Kreis im Dritten Reich und danach, München 2019, bes. S. 9f.