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Grenzerfahrungen: Klaus Kordons Die Flaschenpost [1988]

Heinecke, Leonie

Abstract

Klaus Kordon wurde 1943 in Berlin geboren und ist ein bekannter und preisgekrönter Autor der deutschen Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart, dessen Werke in verschiedene Sprachen übersetzt worden sind. Eine Vielzahl seiner Werke beschäftigt sich mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie auch der Roman Die Flaschenpost (1988), der von dem Entstehen einer Kinderfreundschaft über die innerdeutsche Grenze hinweg in der Stadt Berlin erzählt. Das Konzept der Grenze ist eine der gegenwärtig hochaktuellen Forschungsfragen in der Literaturwissenschaft und wird in dem vorliegenden Artikel aus einem multiperspektivischen Blickwinkel heraus betrachtet. Kordon trägt mit seinem Roman Die Flaschenpost unfraglich zur Bewusstmachung des Konzeptes Grenze bei, womit er gleichzeitig einen Beitrag zur Sensibilisierung für die Bedeutung der geschichtlichen Aufarbeitung der deutsch-deutschen Teilung leistet.

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Rev. filol. alem. 31, 2023: 101-121 101 ESTUDIOS LITERARIOS Revista de Filología Alemana ISSN: 1133-0406 https:/dx.doi.org/10.5209/rfal.78369 Grenzerfahrungen: Klaus Kordons Die Flaschenpost [19881] Leonie Heinecke2 Recibido: 19 de diciembre de 2022 / Aceptado: 23 de febrero de 2023 Zusammenfassung. Klaus Kordon wurde 1943 in Berlin geboren und ist ein bekannter und preisgekrönter Autor der deutschen Kinderund Jugendliteratur der Gegenwart, dessen Werke in verschiedene Sprachen übersetzt worden sind. Eine Vielzahl seiner Werke beschäftigt sich mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie auch der Roman Die Flaschenpost (1988), der von dem Entstehen einer Kinderfreundschaft über die innerdeutsche Grenze hinweg in der Stadt Berlin erzählt. Das Konzept der Grenze ist eine der gegenwärtig hochaktuellen Forschungsfragen in der Literaturwissenschaft und wird in dem vorliegenden Artikel aus einem multiperspektivischen Blickwinkel heraus betrachtet. Kordon trägt mit seinem Roman Die Flaschenpost unfraglich zur Bewusstmachung des Konzeptes Grenze bei, womit er gleichzeitig einen Beitrag zur Sensibilisierung für die Bedeutung der geschichtlichen Aufarbeitung der deutsch-deutschen Teilung leistet. Schlüsselwörter: Klaus Kordon; Kinderund Jugendliteratur; DDR und BRD; Grenzen; Flaschenpost. [en] Border Experiences: Klaus Kordons Die Flaschenpost [1988] Abstract. Klaus Kordon was born in 1943 in Berlin and is a well-known, award-winning author of contemporary German child and youth literature whose work has been translated into several languages. A large number of his novels deals with German history of the 20th century, as does the novel Die Flaschenpost (1988) which narrates the emergence of a childhood friendship across the innerGerman border in the city of Berlin. The concept of the border is currently one of the research topics in literary studies to which lots of intention is drawn and which is approached from a multifaceted view in this article. With his novel Die Flaschenpost, Kordon undoubtedly contributes to the awareness of the concept of the border, thus making a contribution to sensitization for the importance of the historical processing of the German division. Keywords: Klaus Kordon; Child and Youth Literature; GDR and FRG; Borders; Message in a Bottle. _____________ 1 1988 ist das Datum der Erstveröffentlichung des Romans. Die für diesen Artikel verwendete Ausgabe stammt aus dem Jahr 1999. 2 Universidad de Granada (España) E-mail: [email protected] ORCID: 0000-0001-6109-0706 102 Heinecke, L. Rev. filol. alem. 31, 2023: 101-121 [es] Experiencias de frontera: Die Flaschenpost (1988) de Klaus Kordon Resumen. Klaus Kordon nació en 1943 en Berlín y es un conocido autor de la literatura infantil y juvenil alemana contemporánea, cuyas obras han sido traducidas a varios idiomas. Muchas de sus obras versan sobre la historia alemana del siglo XX, como la novela Die Flaschenpost (1988), que narra el nacimiento de una amistad infantil a través de la frontera interior alemana en la ciudad de Berlín. Actualmente, el concepto de frontera suscita un gran interés en el ámbito científico y se aborda en este artículo desde diversas perspectivas. Kordon aporta sin duda a la conciencia del concepto de frontera con su novela Die Flaschenpost, contribuyendo además así a la sensibilización acerca de la importancia del proceso histórico de la división alemana. Palabras clave: Klaus Kordon; literatura infantil y juvenil; RDA y RFA; fronteras; mensaje en una botella. Inhalt. 1. Einleitung. 2. Theoretische Grundlagen. 3. Kinderund Jugendliteratur über das geteilte Deutschland ab den 1980er Jahren. 4. Autor, Werk und Kontext im literarischen Panorama. 5. Flaschenpost: Verwendung des Begriffes in der Literatur. 6. Grenzerfahrungen: Klaus Kordons Die Flaschenpost (1988). 7. Zusammenfassung und Ergebnisse. Cómo citar: Heinecke, L., «Grenzerfahrungen: Klaus Kordons Die Flaschenpost (1988)», Revista de Filología Alemana 31 (2023), 101-121 1. Einleitung Differenzen dürfen niemals zu Inseln der Identität werden; sie sind am nützlichsten und schönsten, wenn die metaphorische und begrifflich erfasste Fantasie sie als Archipele der Identifikation sieht - miteinander verbundene Systeme von Land und Meer, Inseln und Wasser, die ineinander fließen, Küste und Wellenkamm im intensiven Austausch miteinander. Inseln, Nationen, Communities, Gruppen, Individuen: Lebenswelten verschiedenartiger Ökologien und Ethikalitäten, verschiedene Kulturen und Sitten, gewaschen vom gleichen Wasser, doch tief, und zugleich fließend, verbunden durch das gemeinsame Meer der Geschichte. (Bhabha 2015: 35) Der vorliegende Artikel befasst sich inhaltlich mit der Grenzthematik in einem literarischen Kontext. Grenzen umgeben uns als omnipräsenter und integraler Bestandteil menschlichen Lebens und Erfahrens. Dem einleitenden Zitat Bhabhas (2015: 35) folgend, sind verschiedene menschliche Lebenswelten dennoch untrennbar – ungrenzbar? – miteinander verknüpft. Diese Beobachtung soll auch für die folgende Auseinandersetzung mit Kordons Die Flaschenpost interessant sein. Ebenfalls stützen wir uns bei dieser auf die theoretischen Annahmen Gersts et al. (2018: 3), welche Grenzen als komplex charakterisieren und von simplifizierenden Verständnissen, die in zwei konkret voneinander abzutrennende Bereiche teilen, Abstand nehmen. In einem abstrakten Verständnis sind Grenzen ein Konstrukt, das – bewusst und unbewusst – unseren Alltag formt und strukturiert. In der großen Zahl der mit dem Wortfeld Grenze verwandten Begriffe spiegelt sich dies auch auf linguistischer Ebene wider: Grenzgänger, grenzwertig, grenzenlos, grenzenfern, Grenzschutz, Grenzstreifen, Abgrenzung, Ausgrenzung, u.a. Mit einem Blick auf die Diversität der Bereiche, aus denen diese Termini stammen, lässt sich erahnen, Heinecke, L. Rev. filol. alem. 31, 2023: 101-121 103 wie tief verflochten eine Auseinandersetzung mit dem Aspekt Grenze sein kann und muss. Ebenso ermöglicht diese Vielzahl der Begriffsbereiche eine Analyse der Grenzthematik aus verschiedenen Perspektiven heraus, die wir im Folgenden vorstellen werden. Dazu wird eine Annäherung an den Begriff und eine Auswahl verschiedener theoretischer Ansätze vorgenommen, die für unsere Analyse zielführend erscheinen, da sie die Konstruktion und Präsenz der Grenze in Kordons Die Flaschenpost widerspiegeln. Anhand der Analyse des in dem literarischen Kontext des Romans dargestellten Grenzraums werden wir an verschiedenen Stellen auf die räumliche (territoriale), zeitliche, soziale, politische, kulturelle und schließlich mentale Dimensionen der Grenze eingehen und an ausgewählten Beispielen betrachten, inwiefern sich diese zudem als richtungsund aktionsabhängig (wird die Grenze gezogen oder akzeptiert, hinterfragt und überschritten?) präsentiert, um somit auf die Grenzthematik im Kontext deutsch-deutscher Geschichte aufmerksam zu machen. Bevor wir im folgenden Abschnitt nun auf die theoretischen Grundlagen der Grenzforschung eingehen werden, möchten wir kurz auf die Aktualität der Betrachtung der Grenzthematik hinweisen: „Noch nie [...] wurden so viele Grenzen verhandelt, festgelegt und bewacht wie jetzt. Rund 250.000 Kilometer Länge umfassen die Grenzen, die es derzeit gibt auf der Welt. Eine von ihnen ist die zwischen Mexiko und USA.“3 Eben diese Präsenz und Aktualität ist es schließlich, die eine Beschäftigung mit historischen Grenzsituationen auch in Retrospektive fordert. Das Ziel, das sie dabei beabsichtigt, ist es, einen Beitrag zur historischen Aufarbeitung zu leisten und somit zur Entwicklung eines historischen Gedächtnisses beizutragen. In diesem Sinne verfolgt die Auseinandersetzung mit Kordons Die Flaschenpost das Ziel, einen Beitrag zu diesem gegenwärtigen Interessensgebiet der Forschung zu leisten, da das Werk den Anspruch widerspiegelt, das Entstehen eines tieferen Bewusstseins für die Bedeutung der Grenzthematik im Kontext deutsch-deutscher Vergangenheit zu unterstützen und zum Dialog anzuregen, um schließlich auch eventuelle historische Kontinuitäten mentaler Grenzen zu unterbrechen. 2. Theoretische Grundlagen Wie bereits einleitend erwähnt, möchten wir die Ausarbeitung der theoretischen Grundlagen damit beginnen, eine Auswahl vorhandener Definitionen für den Grenzbegriff zu treffen und den Kontext aktueller Forschungstendenzen vorzustellen, auf den wir die Analyse von Die Flaschenpost schließlich stützen. Auf der Suche nach einer Antwort auf die vorweg zu klärende Frage Was ist eine Grenze? erachten wir es zur Kontextualisierung als sinnvoll, einen kurzen Hinweis auf die Etymologie des Begriffes zu geben, die die Existenz der Begriffsschreibung des Wortes belegt und seinen Ursprung im 13. Jahrhundert verortet _____________ 3 Kramatschek, Claudia. (07.12.2014). Ein Raum und keine Linie. Wie Literatur Grenzen erkundet. Interview. Zuletzt abgerufen am 15. Februar 2023: Deutschlandradio Kultur https://assets.deutschlandfunk.de/7038981218fe-45e8-99e0-2354214aa620/original.pdf Ab hier zitiert als (Kramatschek 2014). 104 Heinecke, L. Rev. filol. alem. 31, 2023: 101-121 (Kleinschmidt 2011: 10). Daraufhin wird schnell deutlich, dass sich bei der Suche nach einer Definition ein unermessliches Spektrum an Antwortmöglichkeiten mit jeweils verschiedenen Schwerpunktsetzungen öffnet: „Die Kategorie der Grenze ist eine Universalie, die ihre Anwendung und Reflexion in Alltag, Wissenschaft, Kultur, Politik, Kunst und Religion gleichermaßen erlebt“ (Kleinschmidt 2011: 9). Im Allgemeinen ist ein Leben ohne Grenzen, so Länge (2016: 52), eine Idealvorstellung der Menschen, die sich bis auf die Paradiesgeschichte zurückführen lässt. Wie bereits in der Einleitung angedeutet und wie auch aus dem vorangestellten Zitat hervorgeht, verstehen wir das Konzept der Grenze für den vorliegenden Artikel aus einem multiperspektivischen Winkel. Abseits der rein räumlichen Definition möchten wir daher auch auf die abstrakten Komponenten des Konzeptes Grenze eingehen und seine Komplexität in der Analyse berücksichtigen (Gerst et al. 2018: 4). In diesem Sinne definiert und charakterisiert Kramatschek (2014) Grenze wie folgt: „Eine Grenze trennt. Eine Grenze verbindet auch. Eine Grenze ist eine Linie. Und ein Raum. Die Grenze ist ein hochkomplexes Gebilde.“ In all dieser Komplexität präsentiert sich die Grenzthematik derzeit als ein hochaktuelles Forschungsfeld, das belegt, dass Grenzen auch im 21. Jahrhundert allgegenwärtig sind: „In der heutigen Zeit ist die Grenzthematik aktueller denn je [...]“ (Neussl 2021). Bei der Betrachtung verschiedenster Ereignisse der jüngsten Vergangenheit wird dies besonders deutlich: So hat beispielsweise die CoronaPandemie die Grenzthematik in einen weltweit bis dahin unerforschten Kontext gestellt und Grenzen sowohl geschaffen als auch sichtbar und real werden lassen. Einer wieder anderen Betrachtung der Grenze bedarf es in gegenwärtigen Kriegssituationen und in weiteren Grenzsituationen, die zwar keinen Krieg implizieren, aber dennoch existieren. Schließlich reiht sich auch die Aufarbeitung historischer Ereignisse, die sich im Rahmen einer Grenzsituation ereignet haben, in den Kontext der gegenwärtigen Interessensgebiete der Grenzforschung ein und soll für diese Arbeit im Vordergrund stehen. Ein Blick auf den gegenwärtigen Stand der Grenzforschung zeigt schnell, dass die Aktualität der Thematik und die stetige Auseinandersetzung das Aufkommen verschiedener Ansätze mit ebenso verschiedenen Schwerpunkten innerhalb kurzer Zeit hervorgerufen hat. Ebenso lässt sich beobachten, dass die Grenzforschung eines der sich gegenwärtig stark entwickelnden Arbeitsfelder der Sozialund Kulturwissenschaften ist (Wille 2021: 106). Das Verständnis neuerer Betrachtungen von Grenze als komplexes Konstrukt (Gerst et al. 2018: 4) ist in diesem Rahmen für die folgende Auseinandersetzung mit Kordons Die Flaschenpost zentral. Neben den vorgestellten Betrachtungen der Bedeutungen und Dimensionen einer Grenze tragen Überlegungen aus den border(land)studies dazu bei, uns dem Konzept Grenze für die Analyse in Kordons Die Flaschenpost in greifbaren Definitionen anzunähern: In den border(land)studies bilden, so Gerst et al. (2018: 3f.), territoriale Demarkationen den Schwerpunkt. In diesem Zuge definiert Kleinschmidt4 Grenzen als „[...] territoriale Markierungen zur Absicherung von Macht, an denen der Hoheitsbereich des einen Staates aufhört und der eines anderen an_____________ 4 Kleinschmidt, Cristoph (13.01.2014). „Semantik der Grenze.“ Bundeszentrale für politische Bildung. Konsultiert am 11.02.2023 unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/176297/semantik-der-grenze/ Ab hier zitiert als (Kleinschmidt 2014). Heinecke, L. Rev. filol. alem. 31, 2023: 101-121 105 fängt.“ Interessant ist in diesem Ansatz auch das Verständnis von Grenzen als relationale Prozesse (Gerst et al. 2018: 6). Denn klar ist: Grenzen können gezogen und wahrgenommen werden, gleichzeitig können sie aber auch etabliert, imponiert, akzeptiert und angefochten werden. Schließlich greifen wir auch die Definition der Grenze als „Schnittstellenphänomen“ auf, das Spanungsverhältnisse von Grenzsetzungen und Grenzüberwindungen berücksichtigt und die räumliche, zeitliche und soziale Eigentlichkeit der Grenze bezeichnet. Auch die Dynamik der Grenze (Gerst et al. 2018: 8) soll für die Analyse von Kordons Die Flaschenpost von Interesse sein. Bei der Betrachtung weiterer Beiträge zur Grenzforschung sticht Bhabha (2006) hervor, der die Idee der Grenze als dritten Raum vorschlägt und damit ideal auf Die Flaschenpost anwendbar ist. Bhabha bezeichnet damit den Raum der Grenze als etwas, aus dem neue Kombinationen hervorgehen. Dies lässt sich auch in Kordons Werk aufzeigen: Die Grenze führt in Die Flaschenpost nicht nur dazu, dass (zufällig) eine Freundschaft zwischen den beiden kindlichen Protagonisten entsteht, sondern ist auch gleichzeitig der Raum, an dem sie wächst. Ebenso wie Kordons Protagonisten im Verlauf der Handlung und durch diese Freundschaft zu einem authentischen Interesse und einer Reflexion über Geschichte, Politik und Verantwortung und nicht zuletzt über den Begriff Grenze angeregt werden, überträgt sich dies auch auf die Leser*innen des Romans, die die Konflikte der Figuren miterleben können. Diese Betrachtungen leiten zur Frage nach der Relation zwischen Grenzthematik und Literatur über. In konkretem Bezug zur Literaturwissenschaft lässt sich feststellen, dass die Auseinandersetzung mit dem Grenzbegriff derzeit ein hoch aktuelles Thema ist, das sich in diversen Teildisziplinen niederschlägt (Geulen und Kraft 2010: 1). Für die Darstellung der Grenzthematik in der Literatur lassen sich das Aufeinandertreffen und der Konflikt von Individuen und einer territorialen Grenze sowie die Präsenz eines bestimmten Ortes als wiederholtes Motiv zusammenfassen (ebd.: 3). Ebenso wie die zuvor erwähnten Konflikte der Protagonisten spiegelt sich auch die Bedeutung eines ausgewählten Ortes in Die Flaschenpost wider: Auch hier sind bestimmte Orte Berlins wieder und wieder Bezugspunkt. An Kordons Wahl dieses Ortes als Schauplatz der Handlung anknüpfend ist anzumerken, dass die Stadt Berlin durch ihre historische Bedeutung von Zweitem Weltkrieg bis hin zur Wiedervereinigung ein hervorragendes Beispiel ist, „an der sich Überlegungen zur Grenzproblematik entzünden“ (ebd.: 3). Weitere Überlegungen in Bezug auf die Stadt Berlin während der deutsch-deutschen Teilung zwischen 1949 und 1990 sowie der Existenz der Berliner Mauer (1961-1989) stehen in engem Bezug zur Grenzsituation, die dem Werk Die Flaschenpost zugrunde liegt und die deutlich macht, dass Grenze eher als Raum zu verstehen und nicht als einzelne Linie oder als einzelner Punkt zu festzuschreiben ist (ebd.: 3). Abseits dieser räumlichen Annäherungen an das Konstrukt Grenze finden wir weitere Definitionen, die Bezug auf die abstrakte Ebene des Grenzempfindens nehmen und sie als Konstante des menschlichen Seins definieren (Kleinschmidt 2014). Dabei ist es wichtig, Grenzen als hochkomplexe Konstruktionen zu verstehen, die sich in einem stetigen Wandel und im Austausch mit anderen Faktoren des Umfeldes befinden. Am Beispiel der Berliner Mauer wird dies deutlich und weist damit auch einen Bezug zum Kontext des Romans Die Flaschenpost auf: 106 Heinecke, L. Rev. filol. alem. 31, 2023: 101-121 Grenzen müssen darüber hinaus als komplexe Konstruktionen verstanden werden, die einer variablen Konsistenz unterliegen. Denn was eine Grenze ist und welche Bedeutung sie hat, hängt von den historischen und gesellschaftlichen Umständen ab, in denen sie auftritt. Die Wirksamkeit von Limes oder Berliner Mauer etwa unterliegt einer historischen Halbwertszeit und mit ihr zugleich die kulturelle Relevanz, die man ihnen als Grenze beimisst. Was in einem bestimmten Zeitraum den äußersten Rand des politischen Einflussbereichs markiert und damit eine existenzielle Bedrohung darstellt, kann zu einer anderen Zeit ein touristischer Programmpunkt unter vielen sein. (Kleinschmidt 2014) Im weiter gefassten Sinne können wir auch psychologische Ansätze der Grenzerfahrungen, die diese als Herausforderung definieren, mit aufnehmen. Diese Herausforderung besteht darin, sich mit dem, was sich im Alltag als Grenze entgegenstellt, auseinanderzusetzen und damit zurecht zu kommen (Kolbe 2016: 46). Eine konkrete Frage, die dabei in den Vordergrund tritt und welche auch für unsere Analyse Gültigkeit besitzt, ist die nach der Akzeptanz oder aber der Überschreitung der Grenze: „Können wir diese Grenze, die sich uns soeben in den Weg stellt, akzeptieren? Ist es richtig, vor ihr zurückzuweichen? Oder sollten wir sie übersteigen?“ (Kolbe 2016: 46). Ein weiteres Merkmal der Grenze, aus psychologischem Standpunkt nach Kolbe (ebd.: 47), ist das der Angst. In Bezug auf Kordons Die Flaschenpost können wir diesen Aspekt der Angst auf duale Weise wiederfinden: zum einen in Bezug auf die mentalen Prozesse der Kinder über das Vorhandensein der Grenze und ihre Auswirkungen auf den Alltag und zum anderen auch in Bezug auf die tatsächliche, territoriale Grenze. Auch das Regulieren des Zusammenlebens und die Abgrenzung einer Gemeinschaft von anderen (Kleinschmidt 2014) ist ein weiterer Aspekt, den wir in Die Flaschenpost identifizieren können und welcher gleichzeitig für eine kritische Reflexion über eben diese Abgrenzung sorgt. Die kindlichen Protagonisten des Werkes sind zunächst voller Unverständnis für die Grenze, derer sie sich bis zum Zeitpunkt des Entstehens ihrer Freundschaft kaum bewusst waren und schließlich rebellieren sie dagegen, setzen sich darüber hinweg. In diesem Kontext wird deutlich, dass das Einführen (territorialer) Grenzen als Ausdruck von Machtdemonstration zu verstehen ist und dass das Brechen derselben das Erlangen eines Freiraums symbolisiert (ebd.: 10). Zusammenfassend können wir sagen, dass die vorgestellten theoretischen Grundlagen dieser Arbeit für das Konzept Grenze zum einen als Teil einer Raumtheorie verstanden werden können, die Grenze als physische Trennlinie markiert. Zum anderen sind der psychologische Sichtwinkel, die Komplexität und die Flexibilität zu nennen. Schließlich ist der Aspekt der ständigen Konstruktion ebenso wie die Reflexion über die Wechselwirkungen wichtig, die wir zwischen Gesellschaft und Grenze bzw. Grenzraum annehmen können. Heinecke, L. Rev. filol. alem. 31, 2023: 101-121 107 3. Kinderund Jugendliteratur über das geteilte Deutschland ab den 1980er Jahren Nach den theoretischen Annäherungen an das Konzept Grenze und seine knappe Situierung anhand einiger Beispiele in Bezug auf Kordons Die Flaschenpost möchten wir nun kurz auf die wichtigsten Grundlagen der Kinderund Jugendliteratur eingehen, der das Thema des geteilten Deutschlands zugrunde liegt. Für ein besseres Verständnis des historischen Kontexts der literaturtheoretischen Entwicklungen der vorliegenden Arbeit sind vor allem die Entwicklungen ab den 1970er Jahren, besonders aber ab den 1980er Jahren, bedeutend. Richter (2021a: 66) markiert die 1960er/1970er Jahre als Beginn der Wandlungen in der Kinderliteratur der DDR, die in den 1970er/1980er Jahren schließlich zu einem Paradigmenwechsel führten. Typisch sind ab diesem Zeitpunkt ungewöhnliche Konfliktgestaltungen, die Veränderung des Verhältnisses von Kind und Umfeld sowie die Rückkehr der Einsicht, dass ein glückliches und kindliches Leben möglich sein kann, wenn sich die gesellschaftlichen Bedingungen ändern. Damit verbunden ist die Aufforderung an die kindlichen Leser*innen, ihre Wünsche zu erkennen, zu vertreten und auch gegen Widerstand zu behaupten. Gleichzeitig richtet sich ein Appell an die erwachsenen Leser*innen, der sie dazu aufruft, soziale Beziehungen so zu formen, dass es wieder glückliche Kindheiten gibt. Interessant ist auch Richters Beobachtung der Kindsfigur in der Literatur, die Opfer und Erlöser zugleich ist (2021a: 66f.): Die Weltsicht des Kindes spiegelt das humanistische Ideal wider und steht der Realität der Erwachsenenwelt gegenüber. Mit dieser Konzipierung verfolgt die Literatur die Absicht, nicht nur Leser*innen selbst anzusprechen, sondern auch Einfluss auf die Öffentlichkeit zu nehmen und eine als notwendig erachtete Veränderung in der Gesellschaft herbeizuführen. In Bezug auf Kordons Roman Die Flaschenpost können wir unbestreitbar Parallelen zu diesen Annahmen finden. Auf stilistischer Ebene finden wir die zunehmende Präsenz personaler Erzähler. Typisch sind Erzählungen, die eine Ankunft in neuen und komplizierten Kommunikationsräumen sowie Reisen in die nähere Umwelt thematisieren und die zum Ziel haben, verschiedene Menschen und deren Erfahrungen kennenzulernen, das eigene Weltbild zu erweitern. Dabei wird das Kind als derjenige beschrieben, der unter den Beschränkungen der sozialen Realität leidet. Oft sind es dabei die Fehler Erwachsener, auf die dieser Mangel zurückgeführt wird und es wird versucht, einen positiven Ausweg zu finden (Richter 2021a: 67f.). Diese Wendung ohne Aufgreifen eines tatsächlich Schuldigen, ohne das Ansprechen tatsächlicher politischer Zustände ist zu begründen in der Sorge der aus der DDR stammenden Autoren, kontrolliert zu werden. Schließlich fasst die Verbindung von Familiengeschichten, Gesellschaftsdarstellung und Weltgeschichte die Konzeption der Kinderund Jugendliteratur aus der DDR dieser Epoche zusammen (Richter 2021b: 76). Weitere Merkmale, die das Ereignis der Wende zwischen 1990 bis 1994 in der Literatur markieren, sind der Fokus der Erzählungen auf die Zeit unmittelbar vor und nach der Wende und auf die Ereignisse, die zu dieser geführt haben, sowie das Darstellen der Elemente im Alltag, die diese begünstigt haben, wie z.B. das Gefühl des Eingeengt-seins (Richter 2021c: 77f.). All diese Merkmale können wir zweifelsohne mit Blick auf Die Flaschenpost identifizieren. 108 Heinecke, L. Rev. filol. alem. 31, 2023: 101-121 Schließlich ist auch Kannings (2018) Verweis auf die autobiografischen Züge der Literatur der Autoren aus den 1970er/1980er Jahren den Entstehungskontext von Die Flaschenpost hoch interessant: Kordon selbst wurde im Osten Berlins geboren und erlebte als Kind und Jugendlicher die Teilung der Stadt. Auch den Mauerbau und den Alltag in der DDR konnte er beobachten, erlebte die Trennung von Freundschaften und Familien, bis hin zu seinem eigenen Fluchtversuch aus der DDR, der Festnahme und Haft sowie der späteren Aussiedlung in den Westen.5 Es lässt sich feststellen, dass Die Flaschenpost zwar selbst kein autobiografisches Werk ist, jedoch durchaus geprägt durch den Lebenshintergrund des Autors und seine Erfahrungen mit der deutsch-deutschen Grenze erscheint. Ebenso bestätigt sich mit Blick auf Kordons Werk der Hinweis, dass seit jüngerer Vergangenheit neben der Behandlung des Nationalsozialismus auch die Epochen der DDR und der Wiedervereinigung in den Fokus der zeitgeschichtlichen Kinderund Jugendliteratur gerückt werden. Ziel der Verwendung dieses Stoffes in der Literatur ist das Gelingen einer möglichst wahrheitsgetreuen Abbildung des Lebens in der DDR, um somit ein Bewusstsein für diese Zeit zu schaffen (Kanning 2018). Es steht außer Frage, dass Kordons Werk zu diesem Ziel beiträgt. Um den Autor und sein Werk genauer einordnen zu können, wollen wir uns ihm im folgenden Abschnitt kurz zuwenden. 4. Autor, Werk und Kontext im literarischen Panorama Klaus Kordon, geboren 1943 in Berlin, ist ein zeitgenössischer bekannter Autor der deutschen Kinderund Jugendliteratur. Viele seiner bis heute veröffentlichen Werke wenden sich verschiedenen geschichtlichen Themen zu, wie auch der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Im Vordergrund dieser Werke steht oft ein kindlicher Protagonist, der sich in seinem Alltag mit ernsten, der Erwachsenenwelt entlehnten oder von dieser verursachten Problemsituationen beschäftigt und diese durch einen personalen Erzähler (Stanzel 1995: 15) für die Leser*innen reflektiert (Kordon 2016). Das Werk Die Flaschenpost, erstveröffentlicht im Jahr 1988, beinhaltet die Geschichte zweier Kinder, Lika und Matze, die während der Zeit des getrennten Deutschlands in einem jeweils anderen Teil der Stadt Berlin – Ost und West – aufwachsen und mittels Verwendung einer Flaschenpost trotz geteilter Stadt zufällig miteinander in Kontakt treten. Im literarischen Panorama deutschsprachiger Literatur können wir Kordons Die Flaschenpost im Prozess einer sich stetig weiterentwickelnden Entstehung und Vielfalt von Werken diverser Genres verorten, die sich ebenfalls mit der Grenzthematik im Kontext der deutsch-deutschen Geschichte auseinandersetzt. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen, finden wir im Bereich der Kinderliteratur Hübendrüben. Als deine Eltern noch kein und Deutschland noch zwei waren von Franziska Gehm und Horst Klein (2018). Für weitere Romane aus dem Bereich der Jugendliteratur können wir Und zwischen uns eine Mauer von Suza Kolb (2021) nennen. Zwei weitere Werke des Autors Klaus Kordon selbst, Krokodil im Nacken _____________ 5 Zwei Werke, in denen Kordon seine persönliche Lebensgeschichte direkt verarbeitet sind Krokodil im Nacken (2002) und Auf der Sonnenseite (2009). Heinecke, L. Rev. filol. alem. 31, 2023: 101-121 109 (2002) und Auf der Sonnenseite (2009), lassen sich sowohl der Jugendliteratur als auch der Crossover-Literatur zuordnen. Fern des Romans ist die Grenzthematik auch in sachlichen Werken präsent, wie z.B. in Getrennt und doch vereint. Deutsch-deutsche Geschichte 1945-1989/90 von Petra Weber (2020), in Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung von Klaus-Dietmar Henke (2011) oder in dem für die theoretischen Grundlagen dieser Arbeit zitierten wissenschaftlichen Beitrag Komplexe Grenzen. Aktuelle Perspektiven der Grenzforschung von Gerst et al. (2018). Die stetig wachsende Bandbreite der deutschsprachigen Literatur zur deutsch-deutschen Teilung und Grenze bestätigt die Notwenigkeit des Ziels, das diesem Artikel zugrunde liegt: die Bedeutung dieser historischen Tatsache hervorzustellen und in diesem Sinne einen Beitrag zur Forschung der literarischen Verarbeitung der innerdeutschen Grenze zu leisten. 5. Flaschenpost: Verwendung des Begriffes in der Literatur In der Literatur und in anderen künstlerischen Bereichen, wie dem Film oder der Musik, hat sich die Verwendung des Motivs der Flaschenpost durch die vergangenen Jahrzehnte hinweg großer Beliebtheit erfreut und dient oft als stilistisches Mittel, „das den (meist weit entfernt lebenden) Finder und den Absender einer Flaschenpost in ein Abenteuer verwickelt und auf diese Weise für den Verlauf der gesamten Handlung eine konstituierende Rolle innehat“ (Sauerborn-Ruhnau 2009: 17). Bereits bei Jules Vernes Die Kinder des Kapitäns Grant (2015), Die geheimnisvolle Insel (2016), Astrid Lindgrens Pippi in Takka-Tukka-Land (2019), bei Michael Endes Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (1984) und weiteren Klassikern sowie anderen Werken finden wir das Element wieder. Auch Filme, teilweise Adaptionen von Romanen, wie Message in a Bottle (1999) von Mandoki, greifen das Motiv auf. Interessant ist zu erwähnen, dass Kordons Protagonist Matze aus Die Flaschenpost eben über das Werk Die Kinder des Kapitän Grant von Jules Verne in die Thematik der Flaschenpost eintaucht, bevor er selbst seine Nachricht sendet. 6. Grenzerfahrungen: Klaus Kordons Die Flaschenpost (1988) Nachdem wir einleitend eine Auswahl theoretischer Annäherungen an das Konzept Grenze getroffen und ihre Situierung als Teil einer Raumtheorie vollführt haben, literaturtheoretische Aspekte betrachtet, mit Kordons Werk in Verbindung gebracht, sowie schließlich den Autor und den Roman Die Flaschenpost kurz vorgestellt haben, wenden wir uns nun dem Schwerpunkt dieses Artikels, der Analyse des Werks, zu. Beginnen wollen wir mit dieser Auseinandersetzung bei dem Titel Die Flaschenpost, gefolgt von der Arbeit mit zentralen Textfragmenten, anhand derer verschiedene Grenzerfahrungen in Anlehnung an die theoretischen Vorüberlegungen aufgezeigt und kommentiert werden. In diesem Kontext ist es wichtig, das Jahr der Erstveröffentlichung des Werkes (1988) und auch die persönliche Lebensgeschichte des Autors für ein breiteres Gesamtverständnis des Werkes, der Entstehung und Intention einzubeziehen: Die Flaschenpost wurde 1987 von Kor- 116 Heinecke, L. Rev. filol. alem. 31, 2023: 101-121 Kordon den Versuch, Grenzen aufzulösen, die allgegenwärtig scheinen und dabei stets abhängig von weiteren Faktoren in ihrem Umfeld sind (Kleinschmidt 2014). Ein weiteres Medium, das Telefon, wird zum Symbol der Grenzüberschreitungen und verdeutlicht die Komplexität der Grenze und ihrer räumlichen Dimension fern des Verständnisses einer simplen Linie. Die beiden Kinder sind sich bewusst, dass sie, obwohl sie keine territoriale Grenze passiert haben, einzig mit ihrer Freundschaft bereits eine Grenze überschritten haben und dass dies Konsequenzen haben kann, sollte es entdeckt werden. In diesem Moment lässt Kordon die kindliche Erfahrung mit der Grenze ernst werden: „Da sagte Lika auf einmal noch etwas, und zwar sehr leise, fast schon flüsternd: »Was meinste ’n«, fragte sie, »ob wir abgehört werden?«“ (Kordon 1999: 107). Im weiteren Verlauf des Prozesses, sich dieser Auswirkungen des (Grenz-) Raums auf ihr Leben (Kleinschmidt 2014) bewusst zu werden und die Grenze als Teil ihres Raumes wahrzunehmen, beginnen sowohl Matze als auch Lika, nach weiteren Informationen und nach Antworten auf ihre Fragen zu suchen, um die Komplexität des Raumes, der zwischen ihnen steht und sie gleichzeitig verbindet, zu verstehen (Bhabha 2015: 35, Gerst et al. 2018: 4). Die Kinder schmieden den Plan, sich persönlich kennenzulernen, und sich im Osten der Stadt zu treffen (Kordon 1999: 105): Sie brechen zu einer Reise auf, kommen in einer neuen Welt an (Richter 2021a: 67f.). Sie wissen mittlerweile, dass die Grenze richtungsabhängig ist: Sie ist von West nach Ost, jedoch nicht von Ost nach West, passierbar (Kordon 1999: 105f.). Erneut füllt Kordon die Lücken ihrer kindlichen Wahrnehmungen mit Wissen aus einer erwachsenen Sicht, in dem Fall der ihrer Väter. Abermals lässt Kordon Grenze als Schnittstellenphänomen (Gerst et al. 2018: 8) in die Handlung seines Romans einfließen: Matze möchte verstehen, wie es zu der Grenze innerhalb Berlins gekommen ist und fragt seinen Vater: »Weißte eigentlich noch, wie’s früher in Berlin war?« (Kordon 1999: 111). Dieser antwortet: „Aber dann überlegte er und sagte, dass er sich nur noch an das Nachkriegsberlin erinnern könne. »Damals gab’s auch schon zwei Berlins. Oder richtiger vier – den amerikanischen, den französischen, den englischen und den russischen Sektor. Aber die drei westlichen Sektoren waren bald die eine Hälfte und wir die andere.«“ (ebd.: 111). Mit dieser historischen Perspektive macht Kordon nicht nur Matze, sondern auch den Leser*innen deutlich, wie unnatürlich die Berliner Grenze ist (und auch die Grenze zwischen dem übrigen Ostund Westdeutschland), und dass es sich um ein Phänomen handelt, das als Konstrukt verstanden werden muss, das stetig mit externen Einflüssen im Austausch steht und, in diesem konkreten Fall, eine zeitlich historisch begrenzte Wirksamkeit hat (Kleinschmidt 2014): „»Und dann wurde die Mauer gebaut?« Der Vater nickte nachdenklich. »Als immer mehr wegliefen, hatte unsere Regierung keine andere Möglichkeit. Sonst wäre unsere Wirtschaft wohl zugrunde gegangen …“ (Kordon 1999: 112). In diesem Gespräch zwischen Matze und seinem Vater wird deutlich, dass die Grenze abseits der territorialen Markierung auch eine Linie in den Köpfen der Menschen bewirkt. Gegen eben diese Abschottung einzelner Identitäten drückt sich Bhabha (2015: 35) aus. „»Das ist es: Sie trauen einander nicht.« »Sind das nur die Regierungen – oder auch die Leute?« »In der Hauptsache sind es die Regierungen – aber ohne die Leute könnten die Regierungen nichts machen.«“ (Kordon 1999: 113). Kordon spricht mit diesen Überle- Heinecke, L. Rev. filol. alem. 31, 2023: 101-121 117 gungen die historische und politische Verantwortung des Einzelnen in seiner Gegenwart an und appelliert an seine Leser*innen, stets in einem Austausch zu stehen (Bhabha 2015: 35). Um diese persönliche Verantwortung hervorzuheben, lässt Kordon seinen Protagonisten Matze das volle Bewusstsein für die ernsten Auswirkungen der Grenze, die Gewalt des Staates (Kleinschmidt 2014), die Kontrolle und die Richtungsgebundenheit der Grenze durch die Antworten seines Vaters auf seine Fragen erlangen (Kordon 1999: 113). Eine weitere Überlegung Matzes ist schließlich die nach der (Un-)Endlichkeit der Grenze und somit nach der Verbundenheit des Ostens und des Westens durch ihre gemeinsame Vergangenheit (Bhabha 2015: 35): „»Also werden wir nie wieder eine Stadt?«, fragte er“ (Kordon 1999: 114). Ebenso wie Matze Gespräche mit seinem Vater führt, tut Lika dies auch mit ihrem Vater. Auch sie sucht nach Antworten und möchte den anderen Teil der Stadt kennenlernen: „»Und überhaupt, ich war noch nie im Osten, weiß gar nicht, wie’s da aussieht.« »Grau.« Der Vater lachte. »Grau sieht’s da aus«“ (ebd.: 119). In weiterem Verlauf des Gesprächs (eines der wenigen Male, dass es sich um ein Gespräch zwischen Erwachsenen handelt) wird deutlich, welche Konflikte die Grenze hervorruft: „»Was können denn die Leute drüben für die Mauer?«, empörte sich die Mutter. »Wenn du zufällig ein paar Straßen weiter östlich aufgewachsen wärst, würdest du ja heute auch zu ihnen gehören. Es ist ja nicht ihre Mauer.« »Unsere etwa?« »Ein bisschen ist es auch unsere Mauer«“ (ebd.: 120). Die Erfahrungen, die die Kinder mit der Grenze sammeln, werden im Verlauf des Romans immer realer und zeigen, dass der Begriff Grenze für sie mit Gefahr und negativen Erfahrungen, mit Angst besetzt ist: „Sie hatte ein bisschen Angst vor diesem Ost-Berlin hinter der Mauer. Immerhin sollte da ja ab und zu geschossen werden. Und Matze hatte während der letzten Telefongespräche manchmal so komisch gefragt: Ob sie in der Schule Politik hätten, richtige Politik? Und ob sie im Westen alles sagen durften, was sie dachten?“ (Kordon 1999: 132). Am Ende des Romans kommt es zur tatsächlichen Überschreitung der physischen Grenze zwischen dem östlichen und westlichen Teil Berlins und der Moment ist geprägt von Spannung und Abenteuer. Die Kinder möchten diese Reise in die nähere Umwelt in dem Bestreben machen, ihr Weltbild zu erweitern (Richter 2021a: 66): „Die S-Bahn näherte sich dem Bahnhof Friedrichstraße – sie hatten die Grenze erreicht. Alle vier sahen sie nun aus dem Fenster, einer neugieriger als der andere, und Lika auch ein bisschen ängstlich. Hoffentlich ging alles gut“ (Kordon 1999: 136). Als die Kinder sich bei ihrem Ausflug dann tatsächlich persönlich kennenlernen, stellen sie die Grenze erneut und offen in Frage: „Warum durften Matze und sie sich denn nicht treffen? Was war denn dabei, wenn sie im gleichen See badeten?“ (Kordon 1999: 159). Die Kinder versuchen, den Zusammenhang der politischen Lage zu begreifen und möchten verstehen, warum diese Grenze ihre Freundschaft verhindern soll: „Aber warum war das alles so? Was hatten sie denn mit der Politik der Politiker zu tun? Warum konnten die beiden Familien nicht einfach zusammenrücken und gemeinsam den Tag verbringen?“ (Kordon 1999: 161). Als Likas Vater ihr vermeintlich zufälliges Treffen enttarnt und Matze als den Briefkontakt seiner Tochter aus dem Osten identifiziert, lässt Kordon ihn eine Reflexion über die Rolle der Verantwortung der Erwachsenen für den Mangel der Freiheit 118 Heinecke, L. Rev. filol. alem. 31, 2023: 101-121 tätigen (Richter 2021a: 68): „»Eigentlich hat Lika Recht. Wir Erwachsene sind schon ein blöder Verein. Was haben wir nur aus unserer Welt gemacht! Überall Grenzen, Mauern, Misstrauen. Und dazu natürlich die entsprechenden Waffen … Wenn ich Kind wäre, würde ich uns auch für den Rest der Welt halten – für den letzten Rest, den allerletzten!«“ (Kordon 1999: 164). Wenig später fasst Kordon erneut über die Figur des Vaters das globale Ziel zusammen, welches hinter der Überwindung der Grenze steht und gleichzeitig Bedingung und Folge ihres Niederganges ist: „»Frieden ist mehr. Frieden ist, was ihr vier heute getan habt. In unserer Welt gibt es noch keinen wirklichen Frieden«“ (ebd.: 165). Der Roman endet mit einem Gedankenzitat Matzes, einem positiven, hoffnungsvollen Ausblick und dem Bewusstsein, dass menschlichen Werten, wie dem der Freundschaft, auch eine künstlich gezogene Grenze nicht im Wege stehen kann und dass auch aus diesem Raum etwas Neues hervorzugehen vermag (Bhabha 2006): „Zufrieden legte er sich wieder hin und dachte daran, was er Lika alles sagen würde, wenn sie ihn morgen anrief. Und wie schön das war, dass er dort Freunde hatte – auf der anderen Seite der Mauer“ (Kordon 1999: 172). 7. Zusammenfassung und Ergebnisse Nach einer kurzen Einführung in die theoretischen Annäherungen an das Konzept Grenze, sowie an die für den Kontext des Romans Die Flaschenpost wichtigen literaturtheoretischen Entwicklungen der Kinderliteratur haben wir den Autor Klaus Kordon, unter Hervorhebung des autobiografischen Wertes seiner Werke, und seinen Roman Die Flaschenpost vorgestellt. Im Hauptteil dieser Arbeit haben wir daraufhin beobachten können, dass Die Flaschenpost eine Analyse der Präsenz und Bedeutung des Phänomens Grenze aus verschiedenen Perspektiven heraus ermöglicht. Wir können erneut zusammenfassen, dass Grenze sich über die Protagonisten als relationaler Prozess (Gerst et al. 2018: 6) präsentiert, ihr Leben strukturiert und sich über verschiedene Phänomene des Alltags ausdrückt (ebd.: 4). Auch wird eine deutliche und unidirektionale Dynamik der Grenze (ebd.: 8) gezeigt, welche wiederum zu Überwindungen der Grenze (Kolbe 2016: 46) führt. Ferner ist Grenze in Kordons Die Flaschenpost als Universalie (Kleinschmidt 2014) präsent und zeigt sich als Herausforderung im Alltag (Kolbe 2016: 46) der Protagonisten. Schnell ist deutlich geworden, dass die offensichtliche, territoriale Grenze die Protagonisten des Werkes für die Komplexität der Grenzen (Gerst et al. 2018: 3), d.h. für weitere, metaphorische Grenzen sensibilisiert und ihnen die Augen für den Zusammenhang zwischen territorialen Strukturen und den Auswirkungen, die diese Grenze auf das soziale Umfeld hat, öffnet. Kordon schildert durch die Augen der Kinder und mittels der Verwendung eines personalen Erzählers den Verlauf eines ersten Grenzkontaktes im Kontext deutschdeutscher Geschichte – von der Kontaktaufnahme bis hin zum persönlichen Treffen – aus dualer Perspektive: aus dem Westen und aus dem Osten. Die Grenzerfahrungen, die die Kinder machen, sind dabei vielfältig und erstrecken sich von offiziellen Kontexten bis hin in ihr privates Familienleben. Das kindliche Unwissen der Protagonisten und ihr Drang, die politischen Zusammenhänge, aus denen die Grenze innerhalb ihrer Stadt entstanden ist, zu verstehen, gestaltet die Lektüre für kind- Heinecke, L. Rev. filol. alem. 31, 2023: 101-121 119 liche Leser*innen einfach, da eventuelle Wissenslücken durch die Antworten, die Lika und Matze erhalten, gefüllt werden. Kordons Die Flaschenpost verbindet die Grenzthematik mit einem Appell an seine Leserschaft, zu verhindern, dass Grenzen Inseln der Identität werden (Bhabha 2015: 35) und spiegelt die bei Länge (2016: 52) angesprochene Idealvorstellung der Menschen von einem Leben ohne Grenze wider. Im Nachwort des Autors aus dem Jahr 1999 wird deutlich, dass das Zielpublikum des Romans eindeutig nicht nur Kinder waren und sind. Kordon schreibt über Flaschenpost: Die Mauer in Berlin ist ja immer noch nicht ganz weg. In vielen Köpfen existiert sie weiter. Und das in Ost und West. Außerdem war die Berliner Mauer ja auch nicht die einzige Mauer, die es zu beseitigen galt. Als ich meine Geschichte über Matze und Lika schrieb, dachte ich auch an all die anderen »Mauern« in unserer Welt [...] Diese »Mauern« sind noch lange nicht weg. Und werden wir sie jemals wegbekommen? Wir müssen weiter hoffen. (Kordon 1999: 178) Im Anklang an diese Reflexion des Autors selbst möchten wir unseren Artikel mit einem Zitat Lessings abschließen: „Ich warf eine Flaschenpost ins Eismeer der Geschichte“ (Lessing 1986). Es steht außer Frage, dass Kordon mit seinem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung eine literarische Flaschenpost sendete, bei der ungewiss war, wohin sie und mit welcher Strömung sie treiben würde. Die Hoffnung, dass diese Flaschenpost jedoch (s)ein Zielpublikum erreichen und zu einer sozialpolitischen Veränderung in Bezug auf die Situation der beiden koexistierenden deutschen Staaten beitragen würde, ist zwischen den Zeilen abzulesen. Mit Die Flaschenpost lässt Kordon die Leser*innen einen multiperspektivischen Zugang zu einer durch persönliche Erfahrungen geprägten literarischen Verarbeitung einer hoch komplexen Epoche deutsch-deutscher Geschichte finden. 8. Bibliografie Bhabha, Homi K. „Grenzen. Differenzen. Übergänge.“ Grenzen, Differenzen, Übergänge. Spannungsfelder interund transkultureller Kommunikation, herausgegeben von Antje Gunsenheimer, transcript Verlag, 2015, S. 29-48. Bhabha, Homi K. „Cultural Diversity and Cultural Differences.“ The Post-Colonial Studies Reader, herausgegeben von Ashcroft, Bill, Gareth Griffiths und Helen Tiffin, Routledge, 2006, S. 155-157. http://monumenttotransformation.org/atlas-oftransformation/html/c/cultural-diversity/cultural-diversity-and-cultural-differenceshomi-k-bhabha.html [11.02.2023]. Ende, Michael. Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer. Stuttgart, ThienemannEsslinger Verlag, 2017. 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