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Zu einigen Ungereimtheiten in Editionen des Bellum Hispaniense 4

Böhm, Richard Gregor

Abstract

Böhm, Richard Gregor

Full text

Faventia, 10 (1988), 47-52 ZU EINIGEN UNGEREIMTHEITEN IN EDITIONEN DES BELLUM HISPANIENSE 4 Richard Gregor Bohm . .. timore adductus Sex. Pompeius litteras fratri misit ut celeriter sibi subsidio ueniret, ne prius Caesar Cordubam caperet quam ipse i110 uenisset. Itaque FACIT UT (aut CN. POMPEZUS) Ulia prope CAPTA litteris fratris excitus CUM copiis ad CORDUBAM iter facere COEPZT. Auljer den Ungereimtheiten, von denen man übrigens nur eine gesehen hatte, die des Ausdruckes zwischen Itaque und Ulia, und nicht auch die des COEPIT, so dalj es zur Bereinigung des groljen Fehlers gar nicht kommen konnte, enthalt der letzte, hier zitierte Text weitere Formulierungen, die zumindest der hier gegebenen Situation nicht gerecht sind, so dalj wir sie fur falsch überliefert halten mufiten. Mit diesen fangen wir an, d.h. z.B. mit Ulia prope capta unserer Editionen. Sextus Pompeius hatte seinen Bruder Gnaeus natürlich nicht einfach gebeten, ut ueniret oder ut celeriter ... ueniret sondern ut celeriter sibi subsidio ueniret. Dies hatte nun Gnaeus auch dann schon vollends getan, wenn er mit einem beliebigen Teil der ganzen Armee gekommen ware. Die Belagerung der Burg Ulia muljte auf jeden Fall nicht (fur immer) aufgegeben werden. Aber die Situation zeigt, dalj es anders kam. Und zwar aus selbstverstandlichen Grün- den: Ein Befehlshaber einer selbst ganz groBen Armee geht nicht auf zwei Hochzeiten tanzen. Dies hier auch deshalb, weil die Sohne des Pompeius jetzt kaum noch die Moglichkeit haben, auf <<Rekrutenjagdn zu gehen, sie konnen ihre Armee nicht mehr beliebig vergroljern, anders ist das schon bei Caesar. Man mul3 erwarten, daB er Nachschub bekommt, und zwar aus dem Mutterland Italien, wo die andern jetzt nichts zu suchen haben, aber nur dort kann man wirklich noch rekrutieren. Mit Rücksicht auf die Ungewiljheiten muB Cn. Pompeius seine ganze Armee fast krampfhaft zusammenhalten. Eine Aktion bei Ulia und gleichzeitig bei Corduba war dann einfach nicht denkbar. Kann der Autor des Bellum Hispaniense also von einem ad Cordubam ... iter facere reden, dann war die Burg Ulia eo ipso schon aufgegeben. Weil das hier natürlich von groBer Bedeutung war, mufite es gesagt werden. Nicht prope capta war dann wichtig, sondern relicta! Interpretieren wir richtig, dann steckt in der Buchstabengruppe CAPTA unserer codd. ein furs Auge kleiner, sonst aber gravierender Fehler der Verlesung. Da namlich allein CA schon fur c(apt)a oder ca(pta) stehen konntel, hatte die noch intakte Vorlage unserer codd. nicht mehr PTA sondern RLA oder RTA fur relicta2. Auf der anderen Seite kann der Autor des Bell. Hisp. aus den schon genannten Gründen heraus nicht davon ausgehen, daB Cn. Pompeius --es ist Krieg und Caesar will den Kopf des Pompeius c~kriegemnie sine copiis auf die Reise gehen kann. Da er selbst auf die Eroberung der schon sturmreifen Burg Ulia verzichten muB, und ein pures cum copiis ware fast unwahr, weil nichts besagend, war es nur sinnvoll und richtig zu sagen cum omnibus copiis3. In- ' Zu der Abkiirzung s. U. FI. KOPP, Lexicon Tironianum. Nachdruck aus Kopps ((Palaeographia critican von 1817 mit Nachwort und einem Alphabetum Tironianum von B. Bischoff, Osnabriick 1965, 373: TC a = Taurocapta, 387: TY a = Tyrus capta, A. CAPPELLI, Lexicon abbreviarurarum, Mailand6 1961, 456: FA = facta. Zu den Abkiirzungen s. CAPPELLI, 329: RL = reliqua, RLCA = relicta, Kopp, 313: R(e) tus = relictus, 318: R(eh) E. = relictus heres, 313: R(e)a = reliqua. Zum Ausdruck vgl. Caesar, Bell. Gall. I, 2 ut ... cum omnibus copiis exirent; 26 cum omnibus copiis eos sequi coepit; 38 cum suis omnibus copiis ... contendere; 11, 29 cum omnibus copiis auxilio Neruiis uenirent; IV, 21 ipse cum omnibus copiis ... proficiscitur; VI, 10 cum omnibus suis sociorumque copiis; VII, 62 cum omnibus copiis ad Caesarem peruenit; VII, 79 cum omnibus copiis ad Alesiam perueniunt; Bell. ciu. I, 19 ad se cum omnibus copiis ueniret; 38 uti ... cum omnibus copiis ... proficiscatur; 11, 39 Curio cum omnibus copiis quarta uigilia exierat; 11, 44 (Iuba) se in regnum cum omnibus copiis recepit. terpretieren wir richtig, und cum pflegte man in der Regel auf C abzukurzen4, dann geht UM (von CUM) auf OM fur om(nibus) zuruck5. Und schlieljlich der Ausdruck fratris litteris excitus. Wenn G. Pascucci (Florenz 1965) die Buchstabengruppe EXCITUS mit Recht fur excitus liest, obwohl er es fur einen dermine scelto, di colorito arcaico, largamente usato anche dalla lingua poetica, ma estraneo a Cesare ed ai continuatori>> halten muJ3, so fragen wir, ob es richtig ware, Pascucci zu folgen. Fur ihn heiljt es namlich ala vitalita di excitus b assicurata dalla formazione dell'iterativo excito>>, wir denken dann aber eher an das <<a Cesare ed ai continuatori non estraneo,, excitatus6, zumal uns selbst auf jeden Fall bekannt ist, dalj die Silbe -tatauf T abgekurzt werden konnte7, so dalj EXCITUS unserer codd. zumindest in der noch einwandfreien Vorlage fur excit(at)us zu lesen war. Cn. Pompeius war namlich nicht einfach excitus sondern wirklich beunruhigt und vor Unruhe fast wutend, daJ3 er von Caesars schnellem Marsch nach Corduba erst von dem abseits allen Geschehens stehenden Bruder erfuhr und nicht, wie es sein sollte, von seinen eigenen Spahtrupps, die er gerade deshalb auf allen moglichen Wegen postieren liefi8. Und es kommt hinzu und mul3 hier hervorgehoben werden, dalj es Caesars Leuten gelungen war, ein Exemplar jenes Briefes abzufangen, so dalj Caesar noch vor9 Cn. Pompeius von der wilden Angst des Sex. Pompeius ZU C = cum s. W. STUDEMUND, Gaii Institutionum commentarii quattuor. Codicis Veronensis denuo collati Apographum, Leipzig 1874, p. '260, W. M. LINDSAY, Notae Latinae, Cambridge 1915, p. 41, D. BAINS, A Supplement to aNotae Latinaew, Cambridge 1936, p. 9, CAPPELLI, 39 und 440, A PELZER, Abréviatiom latines médiévales, ~ouvain-Parisz 1966, p. 15, KOPP, 52: C(u) = cum. Zu der Abkürzung per suspensionem s. LINDSAY, 160, BAINS, 27, CAPPELLI, 249: OM = omnem. Zum Ausdruck vgl. Caesar, Bell. Gall. VI, 14 tantis excitati praemiis; VII, 80 utrosque et laudis cupiditas et timor ignominiae ad uirtutem excitabant; Bell. ciu. I, 64 quorum (militum) studio et uocibus excitatus Caesar; 11, 4 precibus et fletu excitati; Bell. Alex. 9 omnium mentibus excitatis. ZU den Abkiirzungen fur -at s. LINDSAY, 81: MRIS = matris, PRIS = patris, CAPPELLI, 226: MRIS = matris, 289: PRE = patre, 365: STD = satis dat, KOPP, 104: D(p)O am = dat operam, 134: F(a) um = fatum, 241: N(e)G = negat, 204: L(t)ius = latius, L et = latet, 368: T(i) = tati, 364: ST(e)R a = statera. * Vgl. dazu Bell. Hisp. 2 tabellariis, qui a Cn. Pompeio dispositi omnibus locis essent, qui certiorem Cn. Pompeium de Caesaris aduentu facerent. Vgl. dazu Bell. Hisp. 18 eodem tempore tabellarii eius (Pompei) deprehensi, qui ad oppidum ueniebant; quorum litteras Caesar oppidanis abiecit. erfahren konnte. Nun aber zu den wirklichen Ungereimtheiten des ganzen Itaque-Satzes. Unsere codd. lesen mehrheitlich (vier gegen drei) ITAQUE FACIT UT . . . AD CORDUBAM ITER FACERE COEPIT. Wegen dieser Mehrheit der Überlieferung oder (auch) aus anderen Gründen wollten die Ausgaben früherer Jahrhunderte an dieser Lesart halten, obwohl das kaum ging. Und es ging eigentlich nur deshalb nicht, weil man quasi gleichzeitig auch COEPIT fur coepit las und diese Lesart wollte man nun primo loco halten. Und so wurden die Editoren, wenn nicht philologisch, dann eben akrobatisch oder direkt gewalttatig. Ganz milde war dabei Wilhelm Weissenborn (1803-1878), denn er hatte mit Rücksicht auf das indikatiwisch gelesene COEPIT aus UT ein et gemacht. Um einiges brutaler ging hier C. Nipperdey (Leipzig 1847) vor, denn er hatte, aus demselben Grund und d.h. um COEPIT fur coepit lesen zu konnen, das ihm dabei im Wege stehende UT (von ganzen vier codd.!) ersatzlos gestrichen. Ihm folgend wird dann z.B. Em. Hoffmann (Wien 1857) Itaque facit: Ulia usw. lesen, und dieselbe <<Lesart)> sehen wir dann leider auch in der Ausgabe von Fr. Dübner (Paris 1867), ehrlicher B. Dinter (Leipzig 1876) Itaque facit: ut Ulia prope capta . . . ad Cordubam iter facere coepit. Bei dieser <<Lesart)) ist es niemand aufgefallen, da13 man mit facit schon den Cn. Pompeius handeln 1a13t. Bei Itaque facit ut war es ccnoch)) der Sex. Pompeius. Bei den früheren Editionen darf man ferner davon ausgehen, da13 den Editoren wohl von Anfang an auch die andere Lesart der Stelle unmittelbar hinter ITAQUE bekannt war. Sie haben diese abgelehnt, obwohl sie nicht nur sinnvoll war sondern geradezu elegant. Ein Beweis hoher philologischer Kultur. Aber es kommt bald anders, ganz anders. Denn ganze drei codd. lesen ITAQUE CN. POMPEIUS . . . AD CORDUBAM ITER FACERE COEPIT, fur B. Kübler (Leipzig 1897) ein Grund genug, um zu lesen Itaque Cn. Pompeius Ulia prope capta litteris fratris excitus cum copiis ad Cordubam iter facere coepit. R. Du Pontet (Oxford 1901), der genauso liest, beruft sich dabei natürlich nicht auf Kübler, aber auch nicht auf die mit Abstand beste Handschrift des cod. Laurentianus Ashburnhamensis 33, saeculi x, sondern auf den cod. Mediceus Laurentianus 8 plut. 68 saec. XI-XII. Bei einer philologisch sauberen Arbeit hatte es hier zu einer Gigantomachia der codd. kommen müssen. So weit sind wir aber auch heute noch nicht. Sonst hatte A. Klotz (Leipzig 1927) sich dem Du Pontet nicht angeschlossen, aber bekanntlich las auch Klotz itaque Cn. Pompeius Ulia prope capta ... ad Cordubam iter facere coepit, allerdings .. . ohne den bei ihm moglichen und erwarteten Kommentar. Eine <<giustificazionea der neuen <<Lesart>>, die natürlich auch G. Pascucci (Florenz 1965) übernirnmt, gibt also erst Pascucci selbst, und zwar interessanterweise nicht in seinem Kornrnentar, wo sie hingehorte, sondern an der fast versteckten Stelle (S. 75) seiner ccintroduzione>>. Hier lassen wir Pascucci allein sprechen: <<fra itaque Cn. Pompeius . . . e itaque facit ut . . . niente c'i? di cornune, che possa spiegare la derivazione di una lezione dal17altra>>. So weit so gut. Aber Pascucci weiter: ccriteniamo pero che la prima sia vera, giacché la presenza del nuovo soggetto i? necessaria al contesto e perché l'accoglimento della seconda implicherebbe o 17espunzione di ut o l'integrazione di una completiva in dipendenza da esso,. Die Frage nach dem handelnden Subjekt ist hier natürlich von erstrangiger Bedeutung, aber wo, wann und fur was? Bei facit ut ist das alles noch nicht aktuell, denn bei Ztaque facit ut haben wir das Recht an Sex. Pompeius als Subjekt zu denken, erst bei ad Cordubum . . . iter facere . . . an Gn. Pompeius, aber auf den Personenwechse1 muljte nicht schon unrnittelbar hinter Ztaque hingewiesen werden, nicht einmal schon vor Ulia prope capta, und der hier irgendwo fallige Hinweis auf Gn. Pompeius genügte, wenn er z.B. die Form eines ille oder frater oder alter hatte. Arn natürlichsten dafür ware die Stelle unrnittelbar hinter Cordubam, dies konnte namlich auf CORDUB abgekürzt werdenlO, so dalj AM (von CORDUBAM) auf ein weiteres Wort zurückging, das mit dem jetzt fast erwarteten a begann, bzw. unrnittelbar vor ITER, was per Haplographie eine Erklarung dafür geben kann, warum dieses fehlende Wort durch Verlesung verschwand: Es hatte genau dieselbe Endung wie ITER. Es hielj namlich aller Wahrscheinlichkeit nach ALTER (SC. frater). Pascucci scheint dem Klotz übelzunehmen, dalj er --.as ist wahrbeide Lesarten halten wollte, denn diesem schwebte ein Zta- 'O Zu den Abkiirzungen fur -am s. STUDEMUND, 275f.: L = lam, FORMUL, N = nam, PSON = personam, Q = quam, R = ram, LIBR = libram, LINDSAY, p. 322: D = dam, Q = quam, N = nam, R = ram, UER, FUTUR, BAINS, p. 35: Q quam, 23: N = nam, CAPPELLI, p. 229: N = nam, 240: NQ = numquam, PELZER, p. 67: Q = quam, KOPP, p. 42: B = bam, 72: C(p)N. = Campania, 90: D = dam, 134: F(a)es = fames, 207: L(am)B it = lambit, 238: N(am) = nam, 289: P(a)P um = Pampinum, 304: Q(am) = quam, 314: R(am) = ram, 330: S = sam. que Cn. Pompeius facit ut (frater uoluit et) ... ad Cordubam iter facere coepit vor. Beide, Klotz und Pascucci, müssen sich hier aber harte Kritik an den Manipulationen im Text gefallen lassen, denn der waschechte Philologe mufi zuerst versuchen, mit dem, was überliefert ist, fertig zu werden. Und das ist hier, anders als sich das Klotz oder Pascucci gedacht haben, sehr wohl moglich. Die bisherigen Editoren und sonstigen Textkritiker, falls so manche Editoren diese Bezeichnung uns schon wert sind, stieBen sich ja an dem sicher (vierfach) überlieferten UT nur deshalb, weil sie sich (mit Recht übrigens) nicht vorstellen konnten, daB ein Lateiner nach einem konsekutiven ut uns mit einem Indikativ kommt. Aber warum lasen sie dann COEPIT -das ist das Analphabetische an der ganzen Diskussion!- immer wieder indikativisch? Die Palaographen, selbst die mit profunden Kenntnissen in der Abbreviaturenkunde, lassen sich, zumindest im Scherz, Analphabeten nennen, aber sie sind den <<Alphabeten>> in einem Punkt vor, und das wird hier unter Beweis gestellt, daB namlich so ein P hier wie überall fur p(er) stehen kannl', sozusagen als eine Abbreviatur, eine ganz und gar regulare. Hatte es unter den Editoren der letzten über fünfhundert Jahre seit der editio princeps (Romae 1469) wirkliche Kenner der Abbreviaturenkunde gegeben, langst hatte der Leser die Lesart bekommen: .. . timore adductus Sex. Pompeius litteras fratri misit ut celeriter sibi subsidi0 ueniret, ne prius Caesar Cordubam caperet quam ipse i110 uenisset, itaque facit ut Ulia prope c(apt)a r(e)l(ict)a litteris fratris excit(at)us c(um) om(nibus) copiis ad Cordub(am) alter12 iter13 facere coep(er)it. " Zu den Abkürzungen fur -er s. STUDEMUND, 258f.: B = ber, LIB = liber, H = her, HES = heres, P = per, T = ter, U = uer, LINDSAY, p. 333 und 175: P = per, BAINS, p. 53 und 29: P = per, CAPPELLI, p. 256 f.: P = per, 357: SP = semper, PELZER, 57: P = per, KOPP, 401: UP. = uesper, U(i)P at = uituperat, U(ae)P a = uipera, 263: P(er)it = perit, P(er) = per, 245: N(u)P = nuper. l2 Zum Ausdruck vgl. Caesar, Bell. Gall. V,3 e quibus alter ... ad eum uenit; Bell. ciu. I, 35 neutrum eorum contra alterum iuuare (se debere); 42 qui (inimici), quod ab altero postularent, in se recusarent. l3 Zu der Verlesung konnte es auch kommen, wenn alter auf ALT abgekürzt geschrieben war. Zu der Abkürzung s. CAPPELLI, 14, LINDSAY, 334: INT = inter, IT = iter, SIMILIT = similiter, PAT = pater.