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Einige emendationen zu Quintilian, Inst. 10,1,35-41

Gregor Böhm, Richard

Abstract

Gregor Böhm, Richard

Full text

I EINIGE EMENDATIONEN ZU QUINTILIAN INST. 10,1,35-41 Richard Gregor Bohm A philosophomm uero lectione ut essent multa nobis petenda UITIA factum EST ORUMI (nut EST AL ORATORUM NLI~ EST ALIA ORATORUM), qui quidem ili is optima sui operis parte CENSENTER (art CENSENTUR). NAM et de iustis honestis utilibus, iisque quae sint istis contraria, et de rebus diuinis MAXIME d i c u n t, et argumentantur acriter, et altercationibus atque interrogationibus oratorem futurum optime SOCRATICI praeparant. Aus der Situation heraus ergab sich fiir den ersteren Satz, dap es Redner selbst waren, die den Philosophen auf dem edelsten Gebiet den Platz geriiumt haben. Ein anderes Zeitwort als cesserimt war dann wirklich nicht zu erwarten. Wenn die Schreiber auch der besten Handschriften dafiir CENSENTER schrieben oder noch schlechter, so ist das ein visibler Beweis dafur, daf3 das Die Handschrift G (= Supplementum des cod. Bambergensis lat. M. IV. 14 saecuii X) hatte urspriinglich ORUM, die zweite manus hatte daraus ORATORUM gemacht, aber ORUM war die Abkurzung per contractionem dafiir, denn OR stand fiir o(rato)r bzw. o(rato)r(es). Dazu s. A. CAPPELLI, Lexicon abbreviaturarum. Mailand 19616, 253: OR = orator, oratio, 254: ORE = oratore, ORI = oratori, 255: ORUM = oratorum, ORX = oratrix; Ulrich Friedrich KOPP, Lexicon Tironianum. Nachdruck aus Kopps apalaeographia critica, von 1817 mit Nachwort und einem Alphabetum Tironianum von Bernhard Bischoff, Osnabriick 1965, 4: A or = arator, 259: P(rae) or = praetor, 2: A or = auctor, 5: A(m) or = amor. Zeitwort in der Vorlage sehr stark abgekurzt geschrieben war, und zudem so, dap Mipverstandnisse nicht zu vermeiden waren. Schrieben sie CEN statt ces, dann schrieb sich dort wohl nur c, das fur ces-2 aber auch fur censtehen konnte3, schrieben sie SENTER (oder SENTUR), dann stand hier ein einziger Buchstabe als Abkiirzung markiert, aber der Buchstabe hiep nicht s (das auch fur senoder sentoder sentenusw. stehen konnte) sondem R, und zwar fur -nrnt (sonst auch fur -rutn oder -re usw4). Regius5 hatte die richtige Schreibform erraten, wir miipten heute aber so schreiben, dap sich allein aus unserer Schreibweise der Fehler der Paradosis erklart. ...q ui quidem illis optima sui operis parte c(es)ser(unt). Ein anderer Fehler dieses ersten Satzes ist ebenfalls relativ friih entdeckt und <<korrigiert>, worden, und zwar von dem Schreiber des cod. L(aurentianus 46.9 aus dem Jahre 1418), aber die c<Korrektur>, ist falsch. Denn die Vorlage hatte wohl auch fiir ihn ein UITIA. Diese Lesart haben namlich auch die sehr guten codd. G (= Supplementum des cod. Bambergensis lat. M. IV.14 saeculi X) und H(ar1eianus lat. 2664 saec. X), und diese Lesart ist nicht mehrganz richtig, aber der Schreiber des Laurentianus 46.9 hatte aus UITIA bekanntlich UITIO gemacht, und es wird sich zeigen, dap gerade das A das fast einzig Richtige an dem UITIA war und der im Laurentianus fiir einzig richtig gehaltene A nfang ganz falsch. URIA lesen auch andere Handschriften, so z.B. der T(uricensis Zu den Abkiirzungen fiir -es s. W. SUDEMUND, Gaii Institutionum commentarii quattuor. Codicis Veronensis ... apographum, Leipzig 1874, 267f.: F = fes, R = res, S = sess; W.M. LINDSAY, Notae Latinae, Cambridge 1915, 160: OMN = omnes, 273: R = res, 442: TT = teste; KoPP 61: CE@) = ces, 78: CP es = cespes, 51: C it = cessit, 172: IC tum = incestum. 3 Zu den Abkiirzungen fiir -en s. SUDEMUND, 259f.: c = cen, H = hen, M = men, T = ten, U = uen; UNDSAY, 331: c = cen, G = gen; D. BAINS, A Supplement to eNotae Latinae*, Cambridge 1936, 53: M = men; CAPPELLI, 66: CT = centum; Kopp, 87: CT = Centaurus. ZU R = -runt, -rum s. SUDEMUND, 299, LINDSAY, 358 und 369, BAINS, 60 und 61, CAPPELLI, 334: RR = rerum; A. PELZER, Abréviations latines médiévales, Louvain-Paris 1966*, 28: ER = erunt, 33: FUER = fuerunt; KOPP, 313: R(ut) = runt, 314: R(u) = Nm. S Dazu s. die ed. Veneta von 1493. 288 saec. XI), der L(assbergianus, nunc Friburgensis saec. XV saec. XV) und der S(=Argentoratensis, den Obrecht fur seine Ausgabe Strassburg 1698 benutzt hatte), aber ... sie lesen gleichzeitig und d.h. in demselben Satz auch, so jedenfalls LST und F (= Laurentianus 46.9), EST ALIA ORATORUM. Die neuesten Ausgaben verschweigen das ihrem Leser und nehmen das zudem auch irgendwie nicht zur Kenntnis und bringen sich damit deren Editoren um den Erfolg bei der Herstellung der ganzen Lesart. Auch ALIA lnlrp nicht ganz richtig sein, aber das ist schon das zwei te Wort, das mit einem n endet und somit hochstwahrscheinlich feminini generis ist, ein wichtiger Wink fur den Entzifferer und Editor, dap auch bei UITIA nicht an ein Wort in der Art von lritio gedacht werden darf. Nun lesen alle gedruckten Editionen und somit schon mehr als fünfhundert Jahre lang lritio ,fcrctlrm est orcrtonrm. Diese Lesart mup a limine abgelehnt werden, weil sie den Anforderungen an eine wissenschaftliche, kritische Ausgabe nicht genügt. Verschweigen wesentlicher Teile der Paradosis nützt den letzten Herausgebern nichts, wenn die herrliche alte Ausgabe Halrns rnit ihrem fast petfekten Apparat immer noch verfiigbar ist. Daraus ergibt sich nun bekanntlich, dap die besten Handschriften (G und H) zwar sofort oder nach einer Korrektur UITIA,fcrc.tlr~n est lesen aber auch ALIA (oder AL) ORATORUM. Der fehlende oder fragliche Ausdruck bestand dann moglicherweise aus z w e i Wortem, und beide Worter waren moglichenveise feminini generis! Dann war natürlich nur eines dieser Worter S u b s t an t i v, und zwar, nach Lage der Dinge, das zweite, und das erstere war dann wohl ein dazu passendes A d j e k t i v. Unter diesen Umstanden wenden wir uns zuerst natürlich dem Hauptwort zu und somit dem zunachst fraglichen Ausdruck ALIA (bzw. AL als Abkürzung) und ORATORUM . Nach Lage der Dinge war es eine D u m m h e i t, den Philosophen auf dem edelsten Gebiet, das zum Wirken der Redner gehort (so übersetzt Helmut Rahn), den Platz zu raumen. Begann das fragliche Wort mit cr, ganz sicher ist das nicht, denn das vor ALIA (oder AL) stehende EST konnte (auf E) abgekürzt werden6, dann wissen wir bereits, wie diese Dummheit sich schrieb. Bei einem Wort, das mit stbegann ware es die st~rltitirr, Zu E = est s. SUDEMUND, 265, UNDSAY, 69, BAINS, 13, CAPPELLI, 113 und 452, KOPP, 114: E(s) = est. aber wir glauben nicht, dap der eine oder andere Schreiber unserer Handschriften so schnell u fur ein A genommen hatte. Diese Buchstaben sind nur in der romischen Kursive einander iihnlich. Halten wir A fur den richtigen Anfang des gesuchten Hauptworts, dann war das Wort abgekürzt geschrieben und diese Abbreviatur führte zu Mipverstindnissen, zu Verlesungen. Denn A war dann Abkürzung fur zunachst arn-', dann aber auch fur amen-, denn M war auf alle Falle Abkürzung fur men. Die noch intakte Vorlage unserer Handschriften hatte also wohl ATIA^, aber ein Librarius, auf den der Fehler zuriickgeht, las soeben UITIA, er m#te ATIA jetzt fur einen Fehler halten und akonigierten. Aus ATIA wurde so ALIA. Ein anderer Librarius hatte dieses quasi ausgeschriebene Wort noch abgekurzt, aus ALIA, das schon schlecht genug war, wurde das noch schlechtere, weil irrefiihrende AL (fur alia, alias, alibi usw.). Das von uns gefundene Wort war, wenn schon abgekürzt, lege artis als Abbreviatur markiert. Aber gerade die Markierungen fiihrten oft zu Verlesungen, weil sie je nach System der Abbreviaturen in verschiedene Richtung zeigten. Bei OM fur om(ni~)~ z.B. mup der Librarius erst hinter Merganzen, wenn er alles und richtig lesen will, bei EM fiir e(ni)m dagegen1° vor M. Unter diesen Umstinden dürfen wir uns nicht wundern, wenn z.B. AL ein Librarius fiir a(nima)l las und ein anderer fiir al(ius)ll. Lesen wir nun das H a up t w o r t des fraglichen Ausdruckes mit a(men)tia richting, dann ist auch schon klar, wie das in der Buchstabengruppe UITIA steckende A dj e k t i v urspriinglich geschrieben war. An dem A halten wir fest, denn es war eines von den weitgehend unverkennbaren Buchstaben, aber der Rest besteht aus lauter senkrechten Strichen, die das Lesen erschweren und zu Verlesungen führen. Aber wir wissen, wie man die amenZU den Abkurzungen fiir -m s. ~EMUND, 255: A 1 = arn, 265: E = em, 271: 1 = im, 310: U = um; ~JNDSAY, 342: AEN = amen; BAINS, 56; CAPPELLI, 1: A = amen, 429: A = amen; PELZER, 2: A k = amicus; KOPP, 4: A(m) = am, 22: AM = amen, amens, 101: D(e)M(e) = demens. . Zu einer anderen Abkurzung s. CAPPELLI, 16: AMTIE = amentiae. Zu OM = omnis s. ~EMUND, 283: OMB = omnibus; LINDsAY, 160; BAINS, 27; CWELLI, 249. l0 Zu EM = enim s. CAPPELLI, 120. Dies ist die regulare Abkürzung in den Handschriften Quintilians. 11 Dazu s. CAPPELLI, 12. tirr (oder stultiticr) damals bezeichnete, wenn der Ausdruck immer noch salonfahig bleiben sollte: mira 12. Unsere 'Lesart: A philosophorum uero lectione ut essent multa nobis petenda mira factum est a(men)tia oratorum, qui quidem illis optima sui operis parte c(es)ser(unt). Unsere Herausgeber lesen jetzt ~Nam et de iustis honestis utilibus, iisque quae sint istis contraria, et de rebus diuinis maxime dicunt,, aber: wer ist damit gemeint? Zuletzt fiel das Wort cesserunt und das waren die oratores. Die konnen hier und jetzt naturlich nicht mehr gemeint sein. Sehen das unsere Editoren nicht? Wenn aber andere jetzt, und d.h. bei dicunt gemeint sind, dann mupte sie Quintilian au s d rü c k 1 i c h genannt haben. Der Satz ist also auch falsch überliefert, in erster Linie aber schlecht ediert. Gemeint sind jetzt die Philosophen, aber Quintilian darf ihnen etwas bose sein, also nannte er sie schon einmal illi und so wird er sie auch hier bezeichnet haben. Da nam auf NA abgekurzt werden konnteI3, also halten wir das aus drei Strichen bestehende M (von NAM) fur eine Verlesung aus dem ebenfalls drei Striche breiten ILL als Abkürzung fur illiI4. Aber der jetzt erorterte Satz enthalt noch mehr Fehler. Denn wir begreifen nicht, wie Quintilian, der de iustis honestis ~rtilibus 1 asyndetisch und somit quasi in e ine m Atemrug hersagen kann, fur das doch dazu gehorende, thematisch ganz passende de rebus di~rinis getrennt auffuhrt und dazu noch mit dem hier bestimmt nicht zufalligen et (de rebus diuinis) quasi wie eine artsfremde Materie einfiihrt. Wenn dies etwas damit zusammen hat, dap Quintilian etwas wider Erwarten dicunt sagt und dann quasi extra ... proeporant, so liegt das wohl daran, dap hier nicht alle alles zu tun hatten, dap de iustis honestis utilibus andere zu reden haben und de rebus diuinis wiederum andere, im ersteren Fall also die philosophi sensu stricto und sonst eine andere Menschengruppe. Mit et de rebus usw. waren dann schon die anderen gemeint. Quintilian hatte die . . . anderen ausdrücklich genannt, vielleicht l2 Zum Ausdmck vgl. CICERO, (~d F(/rn. XII, 14, 3, 4 (Lentulus an Cicero) mirast eorum amentia. l3 Dazu s. CAPPELLI, 231; PELZER, 50: NA = namque. l4 Zu dieser Abkiirzung s. UNDSAY, 428; CAPPELLI, 177: ILL = illis; PELZER, 38: le = ille, 1s = illis. sogar noch praziser als die ersteren, denn philosophoriim ist bei den damals schon so vielen Schulen oder Richtungen keine genaue Bezeichnung. Aber unsere Handschriften lesen - leider ubereinstimmend - oratorem fiturlrrn optime SOCRATICI praeparcrnt. Den friiheren Editoren machte es offenbar nichts aus, so zu lesen, und noch Car1 Halm wird in seiner Edition (Leipzig 1868-9) lesen: oratorem futurum optime Socratici praeparant, obwohl seit Jahren bekannt war, dap F. Meister den Socratici nicht alles geben wollte und deshalb et argurnentantirr acriter [Stoicd erganzen wollte. Aber dann kam die Ausgabe des zehnten Buches von W. Peterson mit der Lesart: et argirmentantirr acriter Stoici, et altercationibirs atque interrogationibus oratorem futirrum optime Socratici praeparant. Danach sind aber bereits drei Menschengruppen hier in Aktion. Anders wird die Situation H.E. Butler sehen, der in seiner Edition zwar so liest wie Meister es vorgeschlagen hatte, iibersetzt aber: aThe Stoics more especially discourse and argue with great keenness on what is just, honourable, expedient and the reverse, as well as on the problems of theology, w h i 1 e the Socratics give the future orator a first-rate preparation for forensic debates and the examination of witnesses,,. Nicht alles darf man hiervon ernst nehmen, denn schon Peterson, der wupte, dap die Erganzung in unserer Zeit und von F. Meister vorgeschlagen wurde, nennt sie dennoch (genauso wie das in allen Handschriften iiberlieferte SOCRATICI) eine (...) Glosse. Mehr noch: derselbe Peterson, der in seiner ersten Ausgabe beide diese <<Glossen,, in seinen Text aufgenommen hatte, schliept bald wieder nicht nur STOICI, das war richtig, aus sondem auch SOCRATICI. Die Diskussion verliert jetzt also an Niveau, denn unsere Editoren nehmen jetzt wichtige philologische Dinge eher auf die leichte Schulter. Butler z.B. übersetzt <<while the Socratics given usw., hat aber nichts dagegen, dap sein Text das <<while, gar nicht hat. Und müpte eigentlich haben, dürfte nicht einfach et crr,olrrnentcrntur haben, denn die zu vielen et dieses ganzen Satzes, aber eben nur wegen dieses et (arglrtnentantur) fuhren hier zu einem Chaos. Man darf sich als Leser also fragen, ob Quintilian hier so schrieb. ET kann namlich auf CT zuriickgehen und dies war die immer bekannte Abkürzung fur contrai5, sonst IS Zu CT = contra s. LINDSAY, 31; BAINS, 7; CAPPELLI, 66, KOPP, 88: C(on)T = contra. fur ceterum usw. Aber bleiben wir noch eine Weile bei den Socratici unserer Handschriften. Radermacher, dessen Ausgabe (des zweiten Bandes) zuerst 1935 erschien, hatte das hier nicht unbedingt unwichtige oder entbehrliche Gebilde einfach unter Berufung auf Peterson aus dem Text verbannt und las <mam et de iustis, honestis, utilibus (...) et de rebus diuinis maxime dicunt et argumentantur acriter, et altercationibus (...) oratorem futurum optime [Socraticil praeparant,,, und d.h. so, dap sich alldas auf diejenigen als Subje kt des ' ganzen Satzes bezieht, die in ... cessere bzw. cesserunt gemeint waren, d. h. . . . die oratores! Erstaunlicherweise ubernimmt diesen Text und somit auch die unmogliche Deutung jetzt auch M. Winterbottom. Dap er die Konsequenzen einer solchen Lesart eventuell gar nicht sieht, interessiert den Leser seiner Ausgabe gar nicht. Diese Lesart ist nicht zu verantworten. Helmut Rahn, der die natürlichsten Konsequenzen aus der Lesart <<qui quidem illis optima sui operis parte cessere. nam .. . dicunt et argumentantur acritern, die er zum Teil blindlings iibemimmt, gar nicht sieht, iibersetzt gegen seinen Text: c<denn sowohl uber das Gerechte, Ehrenhafte, Niitzliche und das dem Entgegengesetzte als auc h über das Gottliche reden vor al 1 em die Ph i 1 o s op he n und führen scharfsinnige Beweise, und durch ihre Wechselreden und Fragen bereiten die Schriften der Junger des Sokrates den kunftigen Redner aufs beste vot-,. Richtig ist hier nur, dap nach Rahn z wei Gruppen von Lehrern in Aktion sind. Auch J. Cousin lehnt die Konjektur Stoici ab, ubersetzt aber: <<En effet, les s t o i c i e n s traitent du juste, de I'honnete, de l'utile et de leurs contraires, ainsi surtout que des choses divines, et ils argumentent sur ces sujets avec pénétration. d'autre part, les Socratiques préparent remarquablement le futur orateur aux debats et aux interrogatoires de témoinsn. Er sieht bei de reblis diuinis eine unverkennbare S t e i g e r u n g oder Elativierung, die sein Text aber nicht hat. Aber ET war auch Abkürzung fur etim 16. Vielleicht hatte Quintilian also geschrieben: '6 ZU ET = etiam s. ~UDEMUND, 267; LINDSAY, 77; BAINS, 15; CAPPELLI, 124 und 454. Na(m) ill(i) et de iustis, honestis, utilibus, iisque quae sint istis contraria, et(iam) de rebus diuinis (...) dicunt et argumentantur acriter. Aber dieser Satz klingt unnaturlich durch das maxime dicunt. SarpeI7 stiefi sich offenbar nur an maxime. Denn er schlug vor zu lesen de rebus diuinis magnifice dicunt et argumentantur acriter. Eine Verlesung dieser Art ist aber wenig wahrscheinlich, weil magnifice auch in Abbreviatur anders aussieht als maxime. Es kommt hinzu, dap auch dicunt hier falsch klingt. Und an maxime darf uns eigentlich nur die Endung storen, denn an einem maxima ware wohl nichts auszusetzen. Vielleicht íiegt bei MAXIME DICUNT also ein Fehler der Abtrennung vor. Allein MAXIM stand dann fur ma~ima'~ und es folgte diesem auf dem Fua EDICUNT oder CDICUNT fiir c(on)dicun t 19. In dem letzten Teil des jetzt diskutierten Satzes (<<et altercationibus atque interrogationibus oratorem futurum optime Socratici praeparant*) sieht Cousin mit Recht eine Situation, wo man von einem <<d'autre part>> ausgehen mup. Fur uns war das ein Grund, das et als eine Verlesung aus CT fiir c(on)t(ra) anzusehen. Aber, wie mans auch nimmt, die handelnden Personen sind dann ni c h t mehr Philosophen, ergo auch ni c h t Socratici. Dann ist die Buchstabengruppe Produkt einer Verlesung oder einer mifilungenen Korrektur, so oder so also eine lectio facilior. Die noch intakte Vorlage hatte hier etwas, was fur den Librarius eine echte lectio difficilior war. Nicht alles wird jetzt an der fraglichen Buchstabengruppe falsch sein, echt diirfte auf jeden Fall noch die absolute Lange des Gebildes sein, denn der Librarius wird gerade dann, wenn er nichts mehr verstand, die Form und die Zahl der Buchstaben genau betrachtet haben. Obwohl das vor SOCRATICI stehende optime abgekurzt werden konnte, nehrnen wir an, dap von dem fraglichen Wort nichts durch Verlesung verloren ging und dafi das Wort wirklich erst dort begann, wo unsere codd. solesen. l7 Zu G. Sarpe s. die Literatur bei Winterbottom oder im 6. Band der Ausgabe von Jean Cousin, 66. l8 ZU der Abkurzung vgl. CAPPELLI, 228: MXM = maximum, 214: MAX a = maxima; KOPP, 217: (x)M p = maxima parte, (x)M = maximus. 19 Zu c =, con s. SUDEMUND , 260; ~JNDSAY , 31 ; BAINS , 52; CAPPELLI, 68; PELZER, 15; KOPP, 52. Aóer -ATICI spricht fur eine Berufsbezeichnung, fur Berufslehrer also, eine Menschengruppe, die auperhalb der Gruppe F'hilosophen stand. Und wenn gerade diese den kiinftigen Redner aufs beste vorzubereiten imstande waren, dann waren es Lehrer, die in der O ff e n t 1 i c h k e i t Unterricht gaben. Interpretieren wir richtig, dann begann das gesuchte Wort mit AC. Ein Librarius, dem ein solches Wort, weil aus dem Griechischen stammend, nicht bekannt war, versuchte es mit ihm bekannten Wortern und kam auf die, wenn man an unsere Editoren denken darf, nicht ganz wilde Idee, hier Socratici zu lesen, denn dafur sprach ihm auf alle Falle die beruhigende Endung - cltici. Er hatte aus AC also zuerst wohl AO und dann so gemacht, RO dann das ccpassendeu CR, denn er nahm den ganzen Wortanfang fur einen Schreibfehler. Die Vorlage hatte aber ACROATICI. Unsere Lesart: Na(m) ill(i) et de iustis, honestis, utilibus, iisque quae sint istis contraria, et(iam) (au? contrar(ia) ia(m) et(iam)) de rebus diuinis maxim(a) edicunt et argumentantur acriter, C(on)t(ra) altercationibus atque interrogationibus oratorem futurum optime trc.roatici praeparant. 36. Sed hi s quoque adhibendum est simile iudicium, ut etiam cum in rebus uersemur isdem, non tamen eandem esse condicionem sciamus litium ac disputationum, fori et auditorii, praeceptorurn et PERICULORUM. Rahn, der zuletzt ccund durch ihre Wechselreden und Fragen bereiten die Schriften der Junger de s S o k rat e s den kiinftigen Redner aufs beste var,, las, iibersetzt den Plural his jetzt mit <caber auch bei d i e s em gilt es, entsprechend kritisch vorzugehenn. Butler wiederum, der zuletzt (coratorem futurum optime Socratici praeparant~ las, übersetzt die his-Stelle des neuen Satzes wie folgt: c<But we must use the same critica1 caution in studying the philosophers that we require in reading history or 20 Dazu s. GELLIUS XX 5,7 KEOS libros generis "acroatici" curn in uulgus ab eo editos rex Alexander cognouisset (...) litteras ad Aristotelem misit, non eum recte fecisse, quod disciplinas acroaticas, quibus ab eo ipse eruditus foret, libris foras editis inuolgasset. (...) Rescripsit ei Aristoteles ad hanc sententiam: <<Acroaticos libros, quos editos quereris et non proinde ut arcana absconditos, neque editos scito esse neque non editos, quoniam his solis cognobiles erunt, qui nos audiuerunt".~ ging viel zu weit und steckte et philosophos in eckige Klammern, was einer ersatzlosen Streichung gleicht und in einer Situation, wo dem Text doch so vieles fehlt, vom Standpunkt der Methode nicht erlaubt war. Einige Textkritiken von J.D.D. Claussen zum Anlq nehmend33 hatte G.T. A. Kriiger den Text eher erheblich erganzt, denn er las (<si et illos et qui postea fuerunt et Graecos omnes persequamur et poetas et historicos et philosophos?~ Auch M.C. Gert~~~ wollte mit seinem Vorschlag ((et Graecos omnes persequi uelis nec oratores tantum, sed etiam poetas et historicos et philosophosu (Übermapig) erganzen und streichen wollte er nicht einmal die philosophos, bei denen nach Quintilian fur den angehenden Redner nic ht s zu holen war. M. Kide~-lin~~ ging von einem noch groperen Fehler aus und wollte lesen (nach perseqlrcnnlrr, das er vorzog) et praeter hos oratores etiam ornnes poetcrs et historicos et philosophos. Nur J. Jee~~~ suchte einen Ersatz fur das hierher nicht passende et philosophos und versuchte da~, vollkommen richtig, auf dem Weg über die Palaographie. Er las dafür e.rplico nouos. Auf die Idee PHILOSOPHOS fur eine Verlesung aus HIsTORICOs zu nehmen, kam niemand. Niemand kam auch auf die naheliegende Idee, dort zu erganzen, wo die Überlieferung eine Verunsicherung der Librarii verrat, d.h. bei FUERUNT, fur das auch FUERINT gelesen worden ist, ein Beweis dafür, dap das Zeitwort wohl auf FUER abgekürzt war3'. In den weiteren Strichen, die dem Librarius nicht markant genug waren, so d$ die Neigung bestand, sie einfach dem Zeitwort zuzuschieben, steckt dann wohl das ... gesuchte Zeitwort, das dann aber weder e.ret~rrcrr hiep noch perseqlrarnrrr, dafür sind die hier gegebenen Buchstaben einmal zu markant und zum andern erheblich anders. Nach der Ausgabe Halms (quis crit tnodlrs, si et illos et qui postefr jiier~int et Grcrecos ornnis [et philosophos]?) kommt Peterson mit seiner Lesart quis erit tnodrrs si et illos et qui postea ,firerimt et Grcrec-os ornnes persequamur [et philosophos]?, dem Butler sich total angeschlossen hat. Nichts von der aufregungs33 Zur Diskussion s. PETERSON, 193. 34 Genauere Angaben bei Winterbottom, I, XIX und Cousin, VI, 65. 35 Zu M. Kiderlin s. COUSIN, VI, 65, VOT allem aber Winterbottom, I, XI% 36 ZU J. Jeep s. COUSIN, VI, 65 und WINTERBOTTOM, I, XIX. 37 ZU R = -mnt s. SUDEMUND, 299: PUGNAUER, ACCEPER, HABUER, EXISTIMAUER. DEDER vollen Diskussion merken wir dagegen bei Radermacher, dem es nichts ausmachte zu lesen quis erit modus, si et illos et qui postea firerlrnt et Graecos ornnis et philosophos? Nichts gegen die Misere der Überlieferung hatte auch Winterbottom unternommen, nichts natiirlich auch Rahn, der sich hier gar nicht entscheiden konnte. Denn er liest zwar et Graecos ornnis et philosophos, glaubt dann aber ubersetzen zu durfen: ccund noch alle Griechen [auch die ~hilosophen]>>. Unsere letzte Hoffnung war also Cousin, aber auch dieser sieht eher ruckwarts und liest et Graecos ornnis et philosophos e-uequar? Diese Lesart mup aber wie alle anderen abgelehnt werden. Denn in einer Situation, wie an FUERUNT gezeigt, wo auch der relativ kleine Fehler der Verlesung, der falschen Entzifferung in Frage kommen kann, durfen wir nicht a priori von dem groben Fehler der A u s 1 a s s u n g ausgehen. Wir miissen rucksichtsvoll handeln und zwar nicht nur dem antiken Librarius zuliebe, dem wir doch unsere Handschriften ve r d a nken, sondem aus purer Vernunft oder Egoismus. Bei Auslassungen geht das Fehlende namlich ins Uferlose, so dap wir eine durch Auslassung entstandene Textlucke, hier jedenfalls, nur noch fur einen locus desperatus erklaren konnten, und das in alle Ewigkeit. Die bisherigen Lesarten mussen aber natiirlich auch deshalb abgelehnt werden, weil sie allermeist die Wortgruppe et Graecos ornnis et philosophos mittragen, aber dieser Ausdruck ist unsinnig. Dap dies noch gar nicht gesehen worden ist, macht den Leser den bisherigen Lesarten gegeniiber nicht versohnlicher. Der Ausdruck ist aber unsinnig, denn Quintilian kann die Menschengruppe Graecos omnis gar nicht komplett und somit omnis machen, wenn die Philosophen ni c h t beriicksichtigt wurden und erst zudtzlich genannt werden miissen, und auf der anderen Seite kann er die Philosophen nicht quasi komplett genannt haben, wenn die griechischen davon nur und erst unter der Bezeichnung Graecos ornnis zu suchen waren. Man konnte fortfahren, weitere Seiten des Unsinns der bisherigen Lesarten aufzuzeigen. Mit Auslassungen ist ubrigens am ehesten dort zu rechnen, wo gleich oder ahnlich klingende Silben oder ganze Worter nebeneinander stehen, d.h. in unserem Fall dort, wo wir ccquis er(go) er(it) modus, si et illos et qui postea fuerunt~ envarten. Ein Librarius, auf den dieser eventuelle Fehler zuruckgeht, kann das erstere ER fur einen Fehler der Dittographie gehalten und gestri- chen haben. Es ist eine andere Frage, da$ IT auf ein aus zwei Strichen bestehendes E der romischen Kursive zuriickgehen kann, das Abkürzung fur e(rit)38 sein konnte. Evident ist aber erst der Fehler der Paradosis, bei dem aus FUER fiir fuer(unt), jetzt aber eher durch den kleinen Fehler der Verlesung, das FUERINT bzw. FUERUNT unserer Handschriften wurde. Hier dur fen wir das fehlende Zeitwort erwarten, von dem der Akkusativ et Graecos usw. abhangt. Aber das fehlende Zeitwort mupte dann wohl wie INT oder UNT ausgesehen haben, denn verwechselt werden nur ahnlich aussehende Buchstabengruppen, in diesem Falle also Striche mit Strichen (und nicht mit runden Buchstaben). War der erste Buchstabe des gesuchten Zeitwortes ein U, denn auch die Gruppe INT spricht ni c h t gegen eine solche Vermutung, dann schrieb sich das Zeitwort wohl UEL als Abkürzung fiir ~el(is)~~ oder uel(im). Die Vorlage der Handschriften, die FUERINT haben, hatte dann UIS ALS Abkürzung fiir u(el)is40. Aus dem kursiven s, das wie I oder T aussehen kann, wurde durch Verlesung oder durch falsche Kombinationen das T von FUERINT. Uelis wollte schon Gertz lesen, aber hinter einem nicht überlieferten (und überflüssigen) persequi und in einer Weise und an einer Stelle, wo sich das nicht rechtfertigen liefi. Viele Autoren waren der Meinung, da$ Quintilian in diesem Satz auch die Poeten und die Historiker erwahnt haben mufi, dagegen die Philosophen eher nicht. Wir erwarten die erste Autorengruppe hinter Graecos und das praktisch an der Stelle, wo unsere Handschriften OMNIS lesen. Dies mu$ nicht heipen, da$ Quintilian hier ohne das übertreibende omnis auskarn, denn er hat hier einen Grund zu Übertreibungen schon gehabt, aber Graecos war dann wohl auf GRAEC abgekÜrzt4l und das dazu gelesene os war hier Abkurzung fur das quasi obligate omnes41. Da poeta unter Stenographen jedenfalls auf P ta abgekürzt werden konnte 38 ZU E = erit s. CAPPELLI, 452 und 114: E' = erit; PELZER, 25: E' = erit. 39 Zu den Abkiirzungen fur -is s. CAPPELLI, 371: TAL = talis, 388: UEL = uelis, 212: MAL = matenalis; KOPP, 207: L(is) = lis, 377: TL(is) = talis, zu L = lim 216: L(i)X = limax, 213: L(e)P um = limiidum, Lymphaeum? ZU U = uel s. STUDEMUND, 309; LINDSAY, 310; BAINS, 49; CAPPELLI, 383. 41 ZU C = COS S. KOPP, 74: CO(s). 84: C(c)S = Coscus, Cosconius, cosca, 90: C(rt)U is = Costurgis Zu c = cus s. LINDSAY, 381; BAINS, 64, CAPPELLI, 67: CTOS = custos; KOPP, 53: C(u)tos = custos, 78: C(u)P is = cuspis. 42 ZU OS = omnis s. LINDSAY, 160; BAINS, 27; CAPPELLI, 255. und P nie wie o aussieht, nehmen wir an, d# der absolute ~nfa*~ der Gruppe OMNIS einem anderen Wort galt, dem ET, denn E sieht wie O aus. Statt IINIS hatte die Vorlage dann wohl PTAs fur p(~e)tas~~. Geht GRAECOS aber, wegen Veriesung, auf GRAECOR zuriick, das ein Librarius sehr wohl für einen Schreibfehler halten konnte und auch hielt, dann war OR Abkürzung fur o(raro)r(es). Hier schwebt uns in summa also die folgende Lesart vor: quis erit (NLII er(go) e(rit) aut er(go) Aueri)t) modus si et illos et qui postea fuer(unt) u(el)is (aut uel(is)) et Graec(os) o(raro)r(es) et p(oe)tas et historicos? 39. FUIT igitur breuitas ILLA TUTISSIMA QUAE apud Liuium in epistuia ad fiiium SCRIPTA, 1 e g e n d o s DEMOSTHENE atque Ciceronem, tum ita ut quisque esset Demostheni et Ciceroni simillimus. Da U fiir uer stehen kann4 und zwar auch in FUIT fur fu(er)it, mussen wir damit rechnen, da$ das auch in diesem Satzanfang der Fall war. Unsere Editoren hatten das immer übersehen, weil sie hier andere Sorgen hatten. Sie vermipten in der Fortsetzung des ersten Satzes namlich ein est und glaubten schlieplich, dieses Wort erst erganzen zu mussen, ausgerechnet an einer Stelle, wo ... es überliefert ist! Der editorische Fehler ist freilich schon uralt. Denn quae est las bereits die ed. Veneta von 1493. Trotzdem ist eine solche Lesart natürlich -vom Standpunkt der Methode gesehenfalsch. Falsch war es namlich auch zu behaupten, die guten codd. G und H, aber auch L(assbergianus) und S (= Argentoratensis), die alle hinter QUAE sofort apud Liuium lesen, hlten das erforderliche est nicht. Denn allein E konnte auch schon (als Abkürzung) fur e(st) stehen, dieses E haben aber alle Handschriften, die den ganzen Satz hier uberhaupt haben. QUAE ist also nichts weiter als ein moderner oder antiker Fehler der Abtrennung. Es kommt hinzu, 43 Dazu s. KOPP, 298 und 269: PC = poeticus. ZU den Abkiirzungen fiir -er s. SUDEMUND, 258f.: B = ber, H = her, P = per, T = ter, U = uer; UNDSAY, 333; BAINS, 53; CAPPELLI, 386: UBA = uerba, 146: FUT = füerit, FUIT = f~erit; SUDEMUND, 269: FUIT = f~erit. da$ wenn wir QUAE fiir qua und e(st) lesen, der ganze Satz sogar viel besser wird und fiir den echten Philologen auch interessanter. Denn qua bezieht sich zwar nach wie vor auf die zuvor genannte epistula, aber anders. Denn wir sind jetzt ccgezwungenn zu lesen, wie der ganze Satz von Quintilian gemeint war: Fuit (aut Fu(er)it) igitur breuitas illa (...) -utissima, qua e(st) (. . .) legendos Demosthenen atque Ciceronem. Der ganze Satz mufJ von Quintilian -anders als sich das unsere Editoren bisher immer gedacht habenso formuliert gewesen sein, da/3 der A k k u s a t i v cclegendos Demosthenen atque Ciceronern>> ni c h t unmotiviert dastand, wie er in unseren Editionen dasteht, was der aufmerksame Philologe als einen fast unverzeihlichen Fehler empfinden mufJ. Das ist erst dann anders, wenn wir den Akkusativ als von diesem unseren est abhiingig verstehen. Das est hat dann freilich mit ccin epistula ad fdium scripta,, unserer Ausgaben nichts zu tun! Hier müssen wir also lesen: breuitas (...), qua e(st) apud Liuiurn, in epistula ad filium scripta, legendos (aut qua e(st), apud Liuium in epistula ad fdium, scriptu(m)), legendos Demosthenen atque Ciceronem. Aber der ganze Satz hat weitere Fehler der Überlieferung und der Edition. Denn unsere Ausgaben lesen nach legendos D. et C. noch tum ita ut quisque esset Demostheni et Ciceroni simillimus und Butler übersetzt ccwhere he writes that he should read Cicero and Demosthenes and then suc h orat ors as most resembled them,. Aber dies entspricht dem lateinischen Text mitnichten! Zu dem was Butler dem Autor unterstellt, hatte dieser wohl tum alios oratores usw. geschrieben. Denselben Fehler macht nun auch Rahn. Auch dieser liest nhlich: <<Gelesen zu werden verdienen Demosthenes und Cicero, danach dann jeder um so eher, je iihnlicher er Demosthenes und Cicero ists. Den Fehler macht jetzt auch Cousin: ccTite Live, qui, dans une lettre a son fils, écrit ccqu'il faut lire Démosthkne et Cicéron, puis les au tre s, dans la mesure ou ils ressemblent le plus i Démosthkne et Cicéron*. Das ist aber schon Totalausverkauf der klassischen Philologie oder noch genauer ein testhonium paupertatis philologicae! Denn ita ut bedeutet unter keinen Umstiinden ccpuis les autres,, und selbst wenn hier so etwas gemeint gewesen ware, hatte Quintilian keinen Grund, hier mit dem Konjun kt iv esset zu kommen. 1st aber ccut quisque esset Demostheni et Ciceroni simillimus>> nur ein pium desiderium, mit dem jeder Adept der Rhetorik sein Studium begann, und dafiir spricht der Superlativ simillimus, dann hatte es cdes autres, dans la mesure ou ils ressemblent le plus a Démosthkne et Cicéronn gar nicht gegeben. Auf jeden Fall ging es hier darum gar nicht! Sonst wüpten wir nicht, warum Quintilian in bezug auf die von Liuius dem Sohn gegebene Liste von Werken, die dieser zu lesen hatte, von einer breuitas spricht, und zwar von einer breuitns (wieder einmal) im S upe rl a t i v. Quintilian hatte aber, als er ecut quisque esset .. . simillimus>> schrieb, noch nicht vergessen, dap die Liste der legendi alle Rekorde der Kurze schlug. Allein aus diesen Relationen zeigt es sich, dap auper Demosthenes und Cicero kein anderer Autor zu lesen war. Und das war bei einem Autor, der Cicero vergotterte, eigentlich selbstverstandlich, d.h. auch dann, wenn wir das Wort simillimus hier nicht hatten. Haben wir es im Text, dann war fur Quintilian (wie zuvor fur Liuius) nur Cicero Demostheni simillimus, Ciceroni simillimrrs war dann ni em a n d. Nun hat unser Satz einen weiteren Fehler, diesmal auch Fehler der ~berlieferun~. Denn alle Ausgaben lesen, den Handschriften blindlings folgend, ccfuit igitur breuitas illa tutissima,,. Butler fand im Englischen nicht den genau passenden Ausdruck und las also sehr ungenau <<No, it was a safer course that Livy adopted in his letter to his son>>, erst bei Rahn lesen wir also ceso ware also die kurze Regel am sichersten, wie sie Livius in einem Brief an seinen Sohn gibt>>. Auch Cousin liest jetzt ccLa voie la plus siire dans sa brikveté fut donc celle de Tite Live,. Aber gerade jetzt sehen wir, dap tutissimn zu breuitas nicht papt. Tutissimn papt zu einem Fluchtweg, zu einem Arbeitsplatz im ... Staatsdienst oder zu Chancen eines Heldentodes an einem besonders gefahrlichen Abschnitt kriegerischer Aupeinandersetzungen. Die breuitns hier war dagegen eher in der Formulierung überspitzt, extrem scharf oder besonders geistreich. Interpretieren wir richtig, dann lieg bei TUTISSIMA ein Abtrennungsfehler vor. Die noch intakte Vorlage hatte namlich wohl CUTISSIMA. Ein Librarius, auf den der Fehler zuriickgeht, las es fur TUTIssIMA und trennte entsprechend ab. Aus ILLAA, das er fur einen Schreibfehler hielt, wurde dann durch eine kleine Korrektur ILLA. Oder die Vorlage hatte fur illa nur die Abkurzung ILL (oder IA). Der Librarius las das erstere Wort als ganz ausgeschrieben und das auf Kosten des nachsten Wortes. Aus ILL (oder IA) und ACUTISSIMA wurde so ILLA CUTISSIMA . Unsere Lesart: Fuit (aut Fu(er)it) igitur breuitas ill(a) acutissima, qua e(st) apud Liuium in epistula ad filium scripta (aut scriptu(m)), legendos Demosthenen atque Ciceronem, tum ita ut quisque esset Demostheni et Ciceroni simillimus. 40. Non EST dissimulanda nostri quoque iudicii summa: paucos enim uel potius uix ullum ex HIS qui uetustatem pertulerunt existimo posse reperiri QUI iudicium adhibentibus allaturus SUNT utilitatis aliquid, cum se Cicero ab illis quoque uetustissimis auctoribus, ingeniosis quidem sed arte carentibus, plurimum fateatur adiutum. An einer Stelle, wo nur quin richtig sein kann, lesen alle codd. QUI, nur der Korrektor des P(arisinus 7723) las dann quin, verwertet hatte die Erkenntnis aber erst Obrecht in seiner Ausgabe (Str$burg 1698). Unsere Editoren, die irnrner noch Obrecht zitieren und eigentlich nicht die Handschriften selbst, scheinen nicht zu wissen, dap I Abkurzung fur -in ~ar~~, QUI also eine solche fur cllrin. Einen Fehler hatte uns die Über~ieferun~ erst dort beschert, wo die add. G und H HIS lesen. Die friiheren Ausgaben lasen dann zwar ccpaucos enim uel potius uix ullum ex his, qui uetustatem pertulerunt, existimo posse reperiri*, aber Winterbottom und jetzt Cousin lesen eex iis qui,,, dies sicher in der Erkenntnis, dap diejenigen, die cuetustatem pertulerunt,,, einige Jahrhunderte spater fur Quintilian nicht mehr so prasent waren, dap ein hi angebracht ware. Aber 11s entspricht nicht der Palaographie. HIS mag Fehler sein, geht aber eher auf ein Wort zuruck, das vor S drei Striche hatte. Der Fall liegt vor, wenn wir eine leichte Verlesung annehmen und HIS fur NIS lesen, das Abkürzung fur 45 ZU I = in s. ~UDEMUND, 271: [DE = inde, ISTITUTUS, IIUNGIT = iniungitur; UNDSAY, 11 1 ; BAINS, 57; CAPPELLI, 168: I = in, 3 17: QUlYO = quinimo; KOPP, 303: Q(i)tus = Quintus. n(ostr)is ~ar~~. Denn Quintilian meinte wie Cicero nur romische Autoren. Auch den Nutzen aus einer solchen Lektüre sollen die Romer haben, vom Standpunkt eines Quintilian aus gesehen (ccallaturus sit nobisv). Wenn die codd. G H und T nicht SIT lesen sondem SUNT, SO ist das nur zu begrüssen, und zwar als Beweis dafür, dap die Vorlage mehr las als nur das Zeitwort sit, um drei Striche mehr, wenn sit ausgeschrieben war, um vier Striche mehr, wenn fur sit nur ST geschrieben stand4'. Bestand das zusatzliche Wort grundsatzlich aus senkrechten Strichen, dann schrieb es sich NB und war Abkürzung fur n(~)b(is)~~. Der jetzt diskutierte Satz ist dem vorangehenden schlecht angehangt. Butler liest namlich dtill, I must not conceal my own personal convictions on this subject~, und das mit Recht. Mit Recht übersetzt auch Rahn (~Dennoch darf ich nicht verheimlichen, was fur mein eigenes Urteil hier entscheidend isb, mit Recht auch Cousin {Cependant, je n'ai pas a dissimuler non plus mon opinion en genéral,,. Aber die entsprechende (adversative) Partikel wird dann auch Quintilian selbst schon angewandt haben. Wir miissen sie dort erwarten, wo ein ausgeschriebenes Wort steht, das oft abgekürzt worden ist, und zwar hinter EST. War es abgekürzt, dann mup die Partikel einem ST sehr ahnlich gewesen sein, und praktisch ebenfalls abgekürzt. Sehr ahnlich ist eigentlich nur AT als Abkürzung fur n(~)t(em)~~. Wie s kann auch die Sigle fur conaussehensO, aber ein c(on)t(ra) envartet hier niemand, es ist auch noch nicht enviesen, dap diese Sigle in Quintilians Handschriften vorkam oder dort anzunehmen ware. Unsere Lesart: Non e(st) cr(u)t(ern) dissimulanda nostri quoque iudicii summa: 46 ZU der Abkurzung s. QUDEMUND, 282: N~ = nostra; LINDSAY, 146: NA. NO = nostra, nostro, NI = nostri; BAINS, 25: NI = nostri, NM = nostrum, NIS = nostris; CAPPELLI, 235: NI = nostri, NIS = nostris. 47 ZU S = si S. QUDEMUND, 301: SP = si paret, SNP = si non paret; LINDSAY, 286: SC = sicut, 290: SM = simul, 291: SN = sine, su = siue; BAINS, 46: SN, su = sine, siue; CAPPELLI, 338: St = sit; KOPP, 330: S(¡) it = sit, 331: S(¡) ta = sita. 48 Zu NB = nobis s. ~JNDSAY, 134; BAINS, 24; CAPPELLI, 232 und 483; PELZER, 50; KOPP, 239: N(o)B. 49 ZU AT = autem s. %UDEMUND, 257; ~NDSAY, 13; BAINS, 3; CAPPELLI, 25f. Dazu s. QUDEMUND, 260. paucos enim uel potius uix ullum ex n(ostr)is qui uetustatem pertulerunt existimo posse reperiri qui@) iudicium adhibentibus allaturus s(i)r n(o)h(is) utilitatis aliquid, cum se Cicero ab illis quoque uetustissimis auctoribus, ingeniosis quidem sed arte carentibus, plurimum fateatur adiutum. 41. Nec multo aliud de nouis sentio: QUOT enim quisque inueniri tam demens potest qui ne minima quidem alicuius CAETERI (rrrrt CETERE) fi d u c i a partis memoriam posteritatis sperauerit? Qui si quis est, intra primos statim uersus deprehendetur, et citius nos dimittet quam ET eius nobis magno temporis detriment0 constet experimentum. Einer sehr spaten Handschrift (dem Par. lat. 7723) folgend lesen alle Ausgaben <<et citius nos dimittet quam utr, das gut überlieferte ET spricht aber eher fur et(inm) oder fur CT = c(on)t(ra). Dort wo unsere codd. (nur) QUOT lesen, las die ed. Colon. von 1527 bereits qlrotlrs. Wenn unsere Editionen aber diese Ausgabe zitieren und nicht die besten codd., so scheinen die Herausgeber nicht gemerkt zu haben, dap T Abkürzung fur -tlrs5' war und QUOT also eine solche fur quotus. Einen wirklichen Fehler der Paradosis hat unser Satz erst dort, wo der G CAETERI liest. Campano hatte stattdessen in seiner Ausgabe (Rome 1470) certe gelesen. Ihm folgend lesen seitdem alle Ausgaben qui ne minima quidem alicuius certe fiducia partis memoriam posteritatis sperauerit und das ist jetzt ein Fehler der Edition. Denn die Editoren haben nie erklart, wie aus dem angeblich richtigen certe das CAETERI oder CETERE unserer Handschriften werden konnte. Und es kommt hinzu, dap certe hierher gar nicht papt. Was der Text hier noch braucht ist eigentlich eine Charakterisierung der fidlrc.irr. Der Optimismus ist bei den allermeisten Autoren v o re i 1 i g, er ist schnellfü@ig. Interpretieren wir richtig, so glaubte der Librarius, auf den der Fehler zurückzuführen ist, in der Vorlage ein CETERI sehen zu konnen und hatte c<korrigiert,,. Aber die Vorlage hatte CELERI. Unsere Lesart: ZU den Abkurzungen fur -us s. S~UDEMUND, 258f.: B = bus, I = ius, M = mus, P = pus, pos, U = uus; UNDSAY, 381: T = tus; BAINS, 64; T = tus; CAPPELLI, 315: QW = qhaestus, 190: IT = iustus; KOPP, 237: N(t) = natus. Nec multo aliud de nouis sentio: quot(us) enim quisque inueniri tam demens potest qui ne minima quidern alicuius celen fiducia partis memoriam posteritatis sperauerit? Qui si quis est, intra primos statim uersus deprehendetur, et citius nos dimittet quam et(iam) eius nobis rnagno temporis detriment0 constet experirnentum.