GrenzStattMiteinander. Zivilgesellschaftliche Raumproduktionen eines grenzüberschreitenden deutsch-polnischen Gemeinwesens in Görlitz und Zgorzelec.
Full text
Geographisches Institut Bayreuth Professur für Raumbezogene Konfliktforschung Prof. Dr. Martin Doevenspeck Nicolai Teufel GrenzStattMiteinander Zivilgesellschaftliche Raumproduktionen eines grenzüberschreitenden deutsch-polnischen Gemeinwesens in Görlitz und Zgorzelec. Schriftliche Hausarbeit (Zulassungsarbeit) zur wissenschaftlichen Prüfung für das Lehramt an Gymnasien in Bayern im Frühjahr 2013 in der Fächerverbindung Geographie/Deutsch * * Inhaltlich leicht veränderte Fassung mit kleineren orthographischen und grammatikalischen Korrekturen
I Kurzbeschreibung Während Pressevertreter sowie Politiker Görlitz (D) und Zgorzelec (PL), die sich seit 1998 als Europastadt bezeichnen, zum „Modellfall des europäischen Einigungsprozess“ (FAZ, 10.06.2006) erklären, sind damit verbundene Visionen in ihrer Differenz zum Alltagsleben in den nach dem Zweiten Weltkrieg geteilten Grenzstädten deutlich spürbar. – Vollzieht sich die postulierte Konstruktion eines grenzüberschreitenden Gemeinwesens auch als bottom-up-Prozess innerhalb von Alltagswelten beiderseits der Staatsgrenze? Davon ausgehend folgt die Arbeit mit einer ethnographischen Forschungshaltung der Perspektive zivilgesellschaftlicher Akteure im Bereich von Kultur und Bildung, die für das sogenannte „borderwork“ (Rumford 2008), der Konstruktion, Verschiebung und dem Abbau von Grenzen, eine aktive Position einnehmen. Als Zugang dient die doppelte Triade der Raumproduktion, die Lefebvre in La production de l'espace (1974) formuliert und aufgrund der Prämisse „(sozialer) Raum ist ein (soziales) Produkt“ sowohl territoriale als auch soziale bordering-Prozesse berücksichtigen kann. Abstract After decades of continuous change to the border regime since the split-up of Görlitz into a German part west of the river Neisse, and a Polish part called Zgorzelec after the Second World War, both towns established the self-designated European City GörlitzZgorzelec in 1998. Although journalists and politicians maintain that Görlitz and Zgorzelec are a case model for European integration, differences between visions connected to the “European City” and experiences in everyday life are obvious. Following the research question “Is the ‘European City Görlitz-Zgorzelec also constructed from below by citizens on both sides of the border?”, my contribution to the field of border studies establishes a qualitative micro-level approach in regards to these processes in the fields of culture, leisure and education. For that aim, an ethnographic research design has been linked to Lefebvre’s theoretical framework of the double triad of spatial production developed in La production de l’espace (1974). From the perspective of actors in civil society in both towns, who are active in the construction, shifting and deconstruction of borders, the thesis aims to illuminate both territorial and social bordering processes.
II Vorwort Mich packt manchmal der Ernst, aber nicht lange, meine Verdauung leidet dann, auch krieg ich Kopfschmerzen, also dann lege ich mich einfach ins Bett and sleep it off (den Ernst, nämlich). – Paul K. Feyerabend 1979 an Hans Peter Duerr Freude ist nicht quantifizierbar 1 , sie ist in keiner Studienordnung vorgesehen und keine Universität wirbt für Geographie damit, dass sie großen Spaß machen kann. Glücklicherweise hatte ich dennoch Freude an meinem Studium und dieser Arbeit, auch wenn mich der Ernst zu ganz unerwarteten Zeiten überfallen hat. „But I won’t give in to that bastard“ (Paul K. Feyerabend in einem undatierten Brief). Sie ist die treibende Kraft hinter dieser Arbeit und beim Forschen ein guter Berater gewesen. Ebenso unerwartet wie einen der Ernst manchmal überfällt, habe ich Görlitz und Zgorzelec für mich entdeckt. Anders als der Ernst hat diese Entdeckung weder Kopfschmerzen verursacht noch ging sie über Nacht im Schlaf verloren. Erklären kann ich diese Faszination ebenso schwer wie unerwartet viele andere, die ich dort kennen gelernt habe. Seit meinem ersten Besuch im Jahr 2010 hat mich daher das Vorhaben gereizt, als Abschlussarbeit „irgendwas mit Görlitz und Zgorzelec“ zu machen. Prof. Dr. Martin Doevenspeck hat mich bei dieser erst vagen, dann immer konkreter werdenden Idee jederzeit auf angenehme Weise unterstützt, kritisch nachgefragt und die mir wichtigen Freiräume eröffnet. Die Offenheit der Menschen, denen ich in Görlitz und Zgorzelec begegnet bin, und das enorme Interesse an dem, was ich tue, haben mich im positivsten Sinne überrascht. Ich möchte mir an dieser Stelle nicht den Kopf damit zerbrechen, wer von diesen Personen besonders hervorgehoben werden muss. Selbigen wird mir deshalb auch niemand abreißen. Stattdessen hoffe ich, viele davon in Zukunft wieder zu sehen und wünsche ihnen Heiterkeit, Selbstbewusstsein und Zuversicht bei ihren Vorhaben. Ohne meine Eltern und meinen Bruder wäre vieles nicht möglich gewesen. Daher stehen sie in diesem kleinen Absatz und freuen sich wahrscheinlich darüber. Nun nur noch ein Wort: Vielen Dank! Dziękuję bardzo! (frei nach Horst Hrubesch) 1 Soziale Kompetenzen hingegen schon, glaubt man Vorlesungsverzeichnissen und Studienordnungen.
III Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung .....................................................................................................................1 2 Entwicklung der Fragestellung ...................................................................................4 2.1 Einordnung der Arbeit ............................................................................................. 4 2.2 Ausgangshypothese und Aufbau ............................................................................ 7 2.3 Fragestellung und weiterer Aufbau ........................................................................ 8 3 Raumproduktion .......................................................................................................11 3.1 Grundlagen einer trialektischen Raumproduktion nach Lefebvre ................... 12 3.2 Zeit und Raum als gesellschaftliche Produktionen ............................................. 14 3.3 Lefebvre lesen und verwenden .............................................................................. 15 3.4 Raumproduktion-Produkcja pokój ...................................................................... 16 4 Konzeptionelle Eingrenzungen ................................................................................18 4.1 Grenzen .................................................................................................................... 18 4.2 Territorium und Staat ............................................................................................ 22 4.3 Nation und Nationalstaat ....................................................................................... 24 4.4 Alltagsleben .............................................................................................................. 25 4.5 Kulturelle Differenz und Alltagskultur ................................................................ 26 4.6 Grenzregionen, Grenzstädte und Scale ................................................................ 28 4.7 Forschen an einer Staatsgrenze ............................................................................. 29 5 Hermetische Grenzen von 1945-1989 ......................................................................30 5.1 Polens Westverschiebung ...................................................................................... 30 5.2 Konfrontation und Kooperation ........................................................................... 32 5.3 Kulturelle Grenzen und nationale Identitätspolitik ........................................... 34 6 Sich öffnende Grenzen seit 1989 ..............................................................................37 6.1 Transformation ....................................................................................................... 38 6.2 Peripherisierung ...................................................................................................... 40 6.3 Europäische Integration ......................................................................................... 41 7 Methodische Vorgehensweise ...................................................................................44 7.1 Stufen des Feldzugangs .......................................................................................... 45 7.2 Many things go: Eine ethnographische Forschungsstrategie ............................ 46
IV 7.3 Implikationen der Interviewpartner und Beobachtungsorte ............................ 52 7.4 Auswertung und Interpretation der empirischen Daten ................................... 53 7.5 Reflexion der eigenen Position im Feld ............................................................... 54 8 Lokale Geschichte und die Etymologie der Orte .....................................................56 8.1 Erste Blüte und die Zeit bis 1815 ........................................................................... 58 8.2 Zweite Blüte als von 1815 bis 1945 ....................................................................... 60 8.3 Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg ......................................................... 61 8.4 Flucht und Neubeginn ........................................................................................... 63 8.5 Gemeinsam geteilt unter sowjetischer Herrschaft .............................................. 67 8.6 Nach der Wende ..................................................................................................... 69 8.7 Zwischenfazit ........................................................................................................... 71 9 Produktion durch Repräsentationen des Raumes ...................................................73 9.1 Nationale und supranationale Politik .................................................................. 74 9.2 Lokale Politik ........................................................................................................... 77 9.3 Vereine und Initiativen: „Auf dem Papier vielleicht das Gleiche“ ................... 83 9.4 Zwischenfazit ........................................................................................................... 87 10 Produktion durch räumliche Praxis .........................................................................89 10.1 Grenzüberschreitendes Konsumverhalten .......................................................... 89 10.2 Kultur und Freizeit ................................................................................................. 93 10.3 Bildung ................................................................................................................... 103 10.4 Private Kontakte .................................................................................................... 108 10.5 Die Bedeutung von Cultural Brokers ................................................................. 108 10.6 Die Bedeutung der Sprache ................................................................................. 110 10.7 Infrastruktur und gebaute Umwelt ..................................................................... 112 10.8 Zwischenfazit ......................................................................................................... 114 11 Produktion durch Räume der Repräsentation ..................................................... 116 11.1 „Eine Stadt“ ............................................................................................................ 116 11.2 „Görlitz in Schlesien“ ........................................................................................... 119 11.3 Heimat .................................................................................................................... 122 11.4 Die integrative Kraft der „schönen Stadt“ Görlitz ............................................ 125
V 11.5 „Zgorzelec, das ist Polen. Görlitz, das ist Deutschland.“ ................................. 127 11.6 Normalität des Unnormalen ............................................................................... 127 11.7 Jugend als Chance ................................................................................................. 128 11.8 Zwischenfazit ......................................................................................................... 130 12 Schlussbetrachtung ................................................................................................. 132 12.1 Methodisch-konzeptionelle Reflexion ............................................................... 132 12.2 Beantwortung der Ausgangsfrage ....................................................................... 134 12.3 Desiderate zukünftiger Forschung ...................................................................... 139 12.4 Nachwort ................................................................................................................ 142 13 Quellenverzeichnis ................................................................................................. 143 13.1 Interviewpartner ................................................................................................... 143 13.2 Beobachtungen und kürzere Gespräche ............................................................ 144 13.3 Untersuchungen Dritter und sonstige Dokumente .......................................... 145 13.4 Literaturverzeichnis .............................................................................................. 146 Erklärung laut LPO I (2002) §30 Abs. 6 .......................................................................... 163 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Altstadtbrücke als Verbindung zwischen Görlitz und Zgorzelec. ................ 1 Abbildung 2: Grenzüberschreitende Initiativen und Institutionen in Görlitz und Zgorzelec. .................................................................................................................................... 3 Abbildung 3: Die trialektische Produktion des Raumes nach Henri Lefebvre ................. 12 Abbildung 4: Vertreibung und Grenzverschiebungen nach 1945. .................................... 31 Abbildung 5: Entwicklungsphasen der deutsch-polnischen Grenze von 1944 bis 2011.. 37 Abbildung 6: StaLag VIIIa in Zgorzelec-Ujazd. ................................................................... 62 Abbildung 7: Bevölkerungsentwicklung von Görlitz und Zgorzelec. ................................ 70 Abbildung 8: Kooperationsbemühungen zwischen Görlitz und Zgorzelec seit 1980. .... 71 Abbildung 9: Schilderwald mit einer Informationstafel. ................................................... 119
1 1 Einleitung Abbildung 1: Die 2004 rekonstruierte Altstadtbrücke verbindet Görlitz (linkes, westliches Ufer) und Zgorzelec über den Grenzfluss Lausitzer Neiße hinweg, nachdem sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde. Sie wurde schnell in das Alltagsleben der Bevölkerung beider Städte integriert und ist zugleich zum baulich materialisierten Symbol europäischer Integration zwischen beiden Städten geworden. Quelle: Eigenes Photo. Nach jahrzehntelangen Wellen der Migration, veranlasst durch Verfolgung, Flucht und Vertreibung während und in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, Dekaden politischer Unsicherheit und Blockkonfrontation bis hin zu gesellschaftlichen Umwälzungen mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989, erhalten die Gebiete an Oder und Neiße, die erst 1945 zu einem Grenzgebiet wurden, besondere Beachtung als Nahtstelle für das Zusammenwachsen von Ost und West (Lentz et al. 2009: 125ff.). Die als Resultat der neuen Grenzziehung nach dem zweiten Weltkrieg zerschnittenen Städte Frankfurt(Oder)/Słubice, Guben/Gubin und Görlitz/Zgorzelec, werden dabei als „EuropaLabor“ (Neue Züricher Zeitung 02.02.2012) bzw. „Modellfall des europäischen Einigungsprozesses“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung 10.06.2006; vgl. auch Liebmann/Fröhlich 2009: 248) zum Kristallisationspunkt sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Integrationsprozesse für „das neue Europa“ (Neue Züricher Zeitung 13.04.2006) und zum „German ‚gate‘ to the new EU member state Poland“ (Welter et al. 2008: 3) erklärt. Ebenso widmen sich große europäische Tageszeitungen Themen wie grenzüberschreitenden Beschäftigungsverhältnissen (The Guardian 25.01.2012) und der damit verbundenen Intensivierung alltagsweltlicher Kontakte in Görlitz und Zgorzelec (El País 25.01.2012). Gleichzeitig müssen sich jedoch auf lokaler Ebene die Bewohner beiderseits der Grenze Problemkonstellationen durch die Akkumulation von Transformationsprozessen, Ar-
Einleitung 2 beitslosigkeit, demographischen Wandel und Peripherisierung stellen (Lentz et al. 2009: 131ff.). Diese bleiben häufig durch die Betonung der „europäischen Vision“ (Kreft 2011: 13) und in Görlitz zusätzlich durch das Diskursmuster der außergewöhnlichen baulichen Qualität als „schönste Stadt Deutschlands“ (Sächsische Zeitung 22.07.2010) 2 ebenso verdeckt wie gegenseitige Vorbehalte und erst langsam wachsende Vertrauensbeziehungen. Folgt man der Zielvision der gescheiterten Bewerbung zur gemeinsamen Kulturhauptstadt 2010, soll sich in Görlitz und Zgorzelec ein „transnationales, pluralistisches Gemeinwesen“ (Baumgardt 2004) entwickeln. Eine solche Vorgabe beinhaltet dabei den Abbau der trennenden Funktion einer ehemals starren und, mit der Ausnahme der Zeit von 1972 bis 1981, geschlossenen Staatsgrenze auf sozialer, wirtschaftlicher und politischer Ebene. Dieser Vorgang lässt sich als De-Konstruktion beschreiben, bei der „die Grenze“ demnach nicht dekonstruiert, abgebaut wird und verschwindet, sondern aus den Ergebnissen der Dekonstruktion verschiedener grenzbezogener Aspekte etwas Neues konstruiert wird. 3 Dabei erfolgt eine erneute und weiterhin andauernde Aushandlung räumlicher Konstellationen und Konfigurationen, die mit neuer Bedeutung gefüllt werden und zu neuen Grenzziehungsprozessen führen können. 4 Das „Neue“ kann normativ-abstrahierend unter der Vision einer Europastadt/Europamiasto 5 subsumiert werden; eine Selbstbezeichnung die sich beide Städte 1998 gegeben haben. Die Verwendung jener Worthülse erfolgt seitdem mit unterschiedlicher Füllung und wechselnder Intensität durch politische und zivilgesellschaftliche Akteure. 2 Dieser Ausspruch stammt von Gottfried Kiesow und wird in Görlitz gerne aufgegriffen. Er war von 1994 bis 2010 Vorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Ein solches Diskursmuster lässt sich dabei bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen (hierzu ausführlicher: Kemper 2011). 3 Oder wie Reuber (2001: 90) in Bezug auf Giddens (1988) allgemeingültiger formuliert: „Es gibt keine Dekonstruktion ohne eine erneute Rekonstruktion.“ 4 Paasi (1998: 70f.) beschreibt diesen Vorgang auf staatlicher Ebene als „de-territorialisation and reterritorialisation of the territorial system“. 5 Die Bezeichnung „Europastadt“ ist kein offizieller Titel oder geschützter Begriff. Um eine leichtere Lesbarkeit der Arbeit zu gewährleisten wird im weiteren Verlauf auf die parallele Nennung von Europamiasto als polnische Übersetzung von Europastadt verzichtet.
Einleitung 3 Die vorliegenden Arbeit ist dabei als ein transdisziplinärer Beitrag im Kontext europäischer Einigungsprozesse und der Europastadtidee in Görlitz und Zgorzelec zu verstehen, der dabei die Versuche zivilgesellschaftlicher Akteure, gemeinsame deutschpolnische Erlebnisräume im Bereich von Kultur, Bildung und Freizeit zu produzieren, in den Mittelpunkt rückt. Neben wissenschaftlichen Arbeiten, die die „integrative Kraft des Lebensalltags“ (Weiske et al. 2008) in Bezug auf Europäisierung und Grenzöffnungsprozesse betonen, legen auch die ehemaligen Bürgermeister von Görlitz und Zgorzelec, Rolf Karbaum und Miroslaw Fiedorowicz, eine Betrachtung der bottom-upSeite nahe, da für sie die Europastadtidee „nicht nur zwischen den Politkern und Verwaltungen beider Städte, sondern auch zwischen den Bürgern“ (Fiedorowicz/Karbaum 2005: 9) realisiert werden soll. Zu diesen vielfältigen Konstruktionsprozessen soll in den folgenden Kapiteln ein Zugang entwickelt werden. Abbildung 2: Grenzüberschreitende Initiativen und Institutionen in Görlitz und Zgorzelec. Entwurf: Nicolai Teufel, Kartographie: Michael Wegener.
Entwicklung der Fragestellung 10 Die Etymologie der Orte: Welche lokalen historischen Episoden werden für grenzüberschreitende Interaktionen relevant oder relevant gesetzt? Gibt es gesellschaftliche Prozesse und einen gesellschaftlichen Willen, die Geschichte gemeinsam aufzuarbeiten? Produktion durch Repräsentationen des Raumes: In welchen diskursiv-konzeptionellen Kontexten agieren zivilgesellschaftliche Akteure in Görlitz und Zgorzelec? Produktion durch räumliche Praxis: In welcher Art und in welchem Umfang bestehen grenzüberschreitenden Interaktionen, integrative Angebote und gemeinsame Erlebnisräume? Wie werden gemeinsame Erlebnisräume und integrative Angebote gestaltet und genutzt? Produktion durch Räume der Repräsentation: Welche narrativen Felder verbinden und trennen Görlitz und Zgorzelec? Meine Fragenkomplexe überlappen sich dabei mit einem Teil der Fragestellungen, die bei Waack (2000b) unter anderem in Bezug auf Görlitz-Zgorzelec untersucht wurden. Er rückt jedoch explizit den „Einfluss einer Staatsgrenze“ (ebd.: 24) in den Vordergrund, die sich seit dem Beitritt Polens zur EU und zum Schengenraum in ihrer materiellen Ausgestaltung wesentlich verändert hat, somit neue bordering-Prozesse hervorbringt und deshalb erneuter Betrachtung verdient. Eine gewisse Kontinuität der Fragestellung besteht auch zur Studie von Weiske et al. (2008), die ebenfalls vor diesen Veränderungen entstanden ist. Elżbieta Opiłowska hat mit ihrer 2008 erschienen Dissertation Kontinuitäten und Brüche deutsch-polnischer Erinnerungskulturen eine für aktuelle Kooperation ebenfalls bedeutsame Studie vorgelegt, die vor allem die Erinnerungen der älteren Generation im Kontrast zur offiziellen Geschichtspolitik in Görlitz und Zgorzelec in den Vordergrund rückt. Durch die genannten Publikationen ergibt sich an vielen Stellen die Möglichkeit, neben einer synchronen Perspektive auch eine diachrone Perspektive zur Verdeutlichung bestimmter Prozesse unter Berücksichtigung methodischkonzeptioneller Unterschiede anzuwenden. Als methodologischen Zugang verwende ich eine ethnographisch orientierte Forschungsstrategie, die ich im siebten Kapitel näher erläutere. Ethnographie verstehe ich nicht nur als ein offenes Verfahren zum Sammeln von empirischem Material, sondern als spezifische Forschungshaltung, als „a way of seeing“ (Wolcott 1999). Sie erfordert eine theoretische Rückbindung (Kapitel 3 und 4) ebenso wie eine Reflexion der eigenen Position im Feld (Kapitel 7.5) und des Status des Materials (Müller 2011: 4).
11 3 Raumproduktion Europastadt 9 als Idee der Entstehung eines grenzüberschreitendes Gemeinwesen fasse ich als sozialen Raum mit bestimmten Werten und Interessen auf, der gesellschaftlich produziert wird: „(social) space is a (social) product“ (Lefebvre 1991: 27). Europastadt ist demnach keineswegs ein Container-Raum, kein „space-in-itself“ (Lefebvre 1991: 299) in dem sich verschiedene gesellschaftliche Prozesse abspielen und ihn füllen, sondern wird über den Raum produziert. Der Begriff der Produktion ist dabei ein Schlüsselwort, das eine engere und eine weitere Bedeutung besitzt. Zum einen die weitere, von der Philosophie ererbte Bedeutung. Dort bedeutet Produktion Schaffen und gilt für die Kunst, die Wissenschaft, die Institutionen, den Staat selbst, sowie für die allgemein ‚praktisch‘ genannten Tätigkeiten. Zum anderen die engere und genaue, von den Ökonomen […] herkommende Bedeutung, die unter Produktion nur das Produzieren von Sachen, Gegenständen und tauschbaren materiellen Gütern versteht. (Lefebvre 1975: 34) In Bezug auf Raumproduktion soll in meiner Arbeit die weitere Bedeutung des Wortes verwendet werden. Die Art und Weise wie Raum „sich entwickelt, entlang welcher Normen und Interessen er produziert“ (Vogelpohl 2011: 234) wird steht demnach im Mittelpunkt der Analyse. Sie orientiert sich somit am Ziel einer Raumwissenschaft in Anlehnung an Henri Lefebevre: ‘Spatio-analysis’ […] is not directed at space itself nor does it construct models, typologies or prototypes of space; rather it offers an exposition of the production of space. A science of space […] would stress the use of space, its qualitative properties. (Lefebvre 1991: 404) If space is a product, our knowledge of it must be expected to reproduce and expound the process of production. The […] interest must be expected to shift from things in space to the actual production of space. (Lefebvre 1991: 37; Hervorhebung im Original) In La production de l'espace (1974) 10 entwirft Henri Lefebvre das Konzept einer trialektischen Raumproduktion, deren zentrale Begrifflichkeiten und Argumentationslogik in diesem Kapitel als Zugang zur Analyse der Produktion einer Europastadt entfaltet und diskutiert werden. Das Werk Lefebvres nimmt insbesondere innerhalb der englischspra9 Ebenso wie bei „Raum“ verzichte ich hier absichtlich auf den bestimmten Artikel vor „Europastadt“ um den offenen, prozessualen Charakter zu betonen. 10 In dieser Arbeit wird nicht mit der französischen Originalversion sondern mit der 1991 erschienen englischsprachigen Übersetzung The production of space gearbeitet.
Raumproduktion 12 chigen Stadtund Raumwissenschaften 11 einen „selbstverständlichen Platz“ (Vogelpohl 2011: 233) ein, wohingegen im deutschsprachigen Bereich nur zögerliches Interesse zu erkennen ist (ebd.: 234), das sich erst langsam in Publikationen und Forschungsvorhaben (Dörfler 2011; Vogelpohl 2011: 238) niederschlägt. Ein wesentlicher Beitrag für die Rezeption innerhalb der deutschsprachigen Geographie wurde dabei durch die Dissertation Stadt, Raum und Gesellschaft (2005) von Christian Schmid geleistet. 3.1 Grundlagen einer trialektischen Raumproduktion nach Lefebvre Der Kern, der von Lefebvre entworfenen Theorie einer trialektischen Raumproduktion, liegt in der Perspektive dreier dialektisch miteinander verbundener Dimensionen bzw. Prozesse, die er „moments or formants“ (Lefebvre 1991: 369) der Raumproduktion nennt (Schmid 2008: 29). Er formuliert eine „doppelte Triade“ (Macher 2007: 59) mit einer phänomenologischen Ebene aus räumlicher Praxis (spatial practice), Repräsentationen des Raumes (representations of space) und Räumen der Repräsentation (spaces of representations) sowie einer linguistisch-semiotischen Ebene mit den Elementen des wahrgenommenen (perceived), konzipierten (conceived) und gelebten (lived) Raums (Schmid 2008: 29). Räumliche Phänomene des Alltags, aber auch in staatlichinstitutionellen Zusammenhängen, lassen sich innerhalb der doppelten Triade analysieren (Dörfler 2011: 96; Schmid 2008: 37). Abbildung 3: Die trialektische Produktion des Raumes nach Henri Lefebvre. Quelle: Eigener Entwurf. 11 In den Stadtund Raumwissenschaften wird Lefebvres Ideen vor allem ein großer Einfluss auf die Überlegungen zu Raum von David Harvey und Edward Soja zugeschrieben.
Raumproduktion 13 Die einzelnen Dimensionen 12 charakterisiert Lefebvre (1991: 38f.) genauer: Räumliche Praxis bezeichnet die materielle Komponente gesellschaftlicher Aktivitäten, die aus gesellschaftliche Produktionsund Reproduktionsbedingungen hervorgehen (ebd.: 38). Sie zeigt sich in Form von Relationen, Körpern, Netzwerken und Beziehungen innerhalb der Lebenswelt (Dörfler 2011: 96). Die Klassifizierung als „räumlich“ verweist laut Schmid (2008: 36) auf die Gleichzeitigkeit dieser Aktivitäten. Die räumliche Praxis ist an den wahrgenommenen Raum gekoppelt, der an das Subjekt als Erfahrungsmedium gebunden ist und auf der Materialität des Raumes und den hiervon verursachten sozialen Praktiken beruht (Vogelpohl 2011: 238). Repräsentationen des Raumes sind „conceptualized space“ (Lefebvre 1991: 38) im Bereich der Wissenschaft, Planung, Kunst und zum Teil auch im Alltagsleben. Sie treten auf der Ebene des wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs sowie in Karten, Planungskonzepten, Stadtimages und Leitbildern als „system of verbal (and therefore intellectually worked out) signs“ (Lefebvre 1991: 39) auf und sind daher eng mit der Wissensproduktion verbunden (Schmid 2008: 37; ebd.: 40). Ein auf diese Weise konzipierter Raum ist notwendig um die räumliche Wirklichkeit verstehen zu können: „[…] who can grasp ‚reality‘ – i.e. social and spatial practice – without starting out from a mental space, without proceeding from the abstract to the concrete? No one“ (Lefebvre 1991: 415). Wahrgenommener und gelebter Raum können daher nur mit Hilfe des konzipierten Raums verstanden werden (Lefebvre 1991: 38). Dennoch bedeutet diese Aussage kein Primat des konzipierten Raumes: „Like all social practice, spatial practice is lived directly before it is conceptualized“ (Lefebvre 1991: 34). Die symbolische und metaphorische Dimension von Raum wird durch Räume der Repräsentation hervorgehoben (Lefebvre 1991: 39). Sie verweisen auf „gesellschaftliche Werte, Träume – und nicht zuletzt auch [auf] kollektive Erfahrungen und Erlebnisse“ 12 Als Dimensionen sind die jeweiligen Paare der Eckpunkte (vgl. Schema) der doppelten Triade zu verstehen. Beispielsweise entsteht der wahrgenommene Raum in der räumlichen Praxis und bildet so eine Dimension.
Raumproduktion 14 (Schmid 2005: 223). Räume der Repräsentation sind der gelebte Raum, der sich jedoch nicht durch theoretische Analyse erschöpfend erfahren lässt: „There always remains a surplus, a remainder, an inexpressible and unanalyzable but most valuable residue that can be expressed only through artistic means“ (Schmid 2008: 40). Schmid (2008: 33) betont, dass die Dialektik zwischen den einzelnen Dimensionen nicht in einer Synthese aufgehoben wird, sondern gerade im Spannungsverhältnis der Dimensionen der dreidimensionalen Dialektik, im „Kernaspekt ‚Differenzen‘“ (Vogelpohl 2011: 238), ein aktives Moment der Raumproduktion liegt. Daher muss berücksichtigt werden, dass Raum durch die Interaktion zwischen den drei Dimensionen produziert wird und gleichzeitig diese Dimensionen wiederum durch Raum produziert werden (Milgrom 2008: 269f.). Raum ist somit jedes mal „at once result and cause, product and producer“ (Lefebvre 1991: 142). 3.2 Zeit und Raum als gesellschaftliche Produktionen Raum und die formulierte trialektische Raumproduktion findet nach Lefebvre (1991: 67ff.) in erster Linie im Bereich des sozialen Raums statt. Dementsprechend zentral ist die Bedeutung von Gesellschaft: A society is a space and an architecture of concepts, forms and laws whose abstract truth is imposed on the reality of senses, of bodies, of wishes and desires. (Lefebvre 1991: 139) Alle genannten Parameter sind daher „grundsätzlich als historisch im Sinne von sozial hergestellten, räumlich und zeitlich spezifischen Momenten zu sehen“ (Vogelpohl 2011: 239). Raumproduktion als kontinuierlicher Prozess ist daher immer gesellschaftlich determiniert und verändert ihren Produktionsmodus auf die Art und Weise wie konzipierter, wahrgenommener und gelebter Raum sich gesellschaftlich verändern und durch Raumproduktion verändert werden (Milgrom 2008: 270). Wie viele andere Raumtheorien (vgl. Massey 2007: 111ff.) baut Lefebvre dabei auf dem Dualismus Raum und Zeit auf (Lefebvre 1991: 50), deren Verhältnis relational gleichberechtigt ist. Raum steht dabei für die Gleichzeitigkeit, die synchrone Ordnung sozialer Realität, während Zeit auf der anderen Seite auf die diachrone Komponente der Gesell-
Raumproduktion 15 schaft und somit auf den historischen Prozess sozialer Produktion verweist (Schmid 2008: 29). Raum und Zeit sind als soziale Prozesse weder als rein materialistische Faktoren zu verstehen noch können sie auf eine rein mentale Imagination reduziert werden (Macher 2007: 51). […] space and time are not only relational but fundamentally historical. This calls for an analysis that would include the social constellations, power relations, and conflict relevant in each situation. (Schmid 2008: 29) 3.3 Lefebvre lesen und verwenden Für Schmid (2005: 14) ist das „zentrale Problem der gegenwärtigen Rezeption der Theorie der Produktion des Raumes […] der spezifische Kontext, in dem sie zu situieren ist“ 13 und meint neben geistesgeschichtlichen Zusammenhängen auch die gesellschaftlichen Bedingungen der Entstehung des Werks während einer „spezifischen urbanen Situation in Paris“ (ebd.). Während Schmid (2005: 14) argumentiert, dass sich „diese Erfahrungen […] nicht ohne weiteres auf die Situation des frühen 21. Jahrhunderts“ übertragen lassen, sehen Kipfer et al. (2012: 172) gerade in einer Aktualisierung durch Deund Rekontextualisierung der Theorie „unterwartete[..] Möglichkeiten“. Eine exakte, rekonstruierende Leseart und Verwendung der Theorie unter starker Berücksichtigung der gesellschaftlichen Produktionsbedingungen 14 von La production de l'espace könnte das eigene Vorhaben einschränken. Vielmehr soll das analytische Potential der trialektischen Raumproduktion im Sinne eines von Feyerabend (2009: 13) vorgeschlagenen „heiteren Anarchismus“ bzw. „Dadaismus“ (ebd.: 37f.) mit einer aktualisierenden Lesart ausgelotet, verwendet und weiterentwickelt werden. „Ein komplexer Gegenstand, der überraschende und unvorhergesehen Entwicklungen enthält“, schreibt Feyerabend (2009: 15), „erfordert komplexe Methoden und entzieht sich der Analyse aufgrund von Regeln, die im vornhinein […] aufgestellt worden sind.“ Ziel ist es daher, die Implikati13 Ein weiterer zentraler Kritik an der Theorie der Produktion des Raumes ist die eurozentristische Konzeption von Raum, Zeit und Gesellschaft (Kipfer et al. 2012: 173, Dörfler 2011: 97). 14 Natürlich ist eine rekonstruierende Lesart im Sinne einer Hermeneutik nach Gadamer (1990) zum Verständnis der Theorie essenziell, jedoch erfordert die Anwendung auf ein gegenwärtiges empirisches Untersuchungsobjekt eine angesprochene Aktualisierung.
Raumproduktion 16 onen meines Untersuchungsobjekts dazu zu nutzen, um den Entwurf einer trialektischen Raumproduktion auf meine Fragestellung zuspitzen zu können, sodass er genutzt werden kann, um „relevante Fragen zu stellen und die empirischen Ergebnisse entlang des Entwurfs kritisch zu reflektieren“ (Vogelpohl 2011: 239). 3.4 Raumproduktion-Produkcja pokój Getreu seinem dialektischen Ansatz entwickelte Lefebvre [...] seine theoretischen Konzepte in enger Wechselwirkung mit der Empirie, nicht im Sinne der klassischen Deduktion, sondern der dialektischen Transduktion. (Schmid 2005: 15) Bricht man Lefebvres Theorie herunter, geht es um das Identifizieren dreier Kernelemente: Materielle Produktion, Wissensproduktion und Bedeutungsproduktion (Schmid 2008: 41). Alle Elemente sind am Entstehen einer Europastadt beteiligt: Wie in der Fragestellung verdeutlicht, sind sowohl die Ausgestaltung und Nutzung integrativer Angebote, administrative und diskursive Kontexte, als auch die Perpetuierung von Symbolen und Narrativen relevant. Ein „transnationales, pluralistisches Gemeinwesen“ (Baumgardt 2004) ist gleichzeitig Planungsinstrument und eine kollektive Raumvorstellung, die durch gesellschaftliche Praxis eine bestimmte gesellschaftliche Ordnung produzieren soll. Das Fallbeispiel Görlitz-Zgorzelec unterscheidet sich jedoch als das zweier „bordercrossing cities“ (Buursink 2001) von anderen Studien, die sich an Lefebvre orientieren. Dabei ist der Umstand entscheidend, dass es sich administrativ um zwei unabhängige Städte in unterschiedlichen Staaten handelt. Das „Kipp-Spiel“ (Iser 1993: 439) beider Städte zwischen „independence and interdependence“ (van Houtum/Ernste 2001: 102), soll „eine neue Urbanität“ 15 (Baumgardt 2004) erzeugen. Lefebvre, der den Staat als eine institutionelle Verdichtung von sozialer Macht versteht, betont dessen Präsenz im Alltagsleben (Kipfer et al. 2012: 174) und seine Bedeutung im Rahmen der Produktion des Raumes (Brenner 2008: 231; Lefebvre 1991: 50). Die Konstellation von border-crossing cities ist daher nicht nur aus Sicht der Raumproduktion eine besondere: Es gibt nicht 15 Gleichzeitig der Untertitel der Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas 2010.
Raumproduktion 17 einen, sondern es treffen zwei unterschiedliche „state mode[s] of production“ (Lefebvre 1978) aufeinander. Für die Gesellschaft der border crossing cities bedeutet dieser Umstand, dass sie einerseits unterschiedlichen staatlichen Produktionsmodi unterliegen, die sich in Görlitz-Zgorzelec in unterschiedlichen Phasen der Transformation befinden, und dass sie andererseits ständig über physische Verbindungen, administrative Kooperationen und zivilgesellschaftliche Kontakte (Buursink 2001: 17) mit dem jeweils anderen Produktionsmodus konfrontiert werden. Die Produktion einer Europastadt ähnelt durch die Gleichzeitigkeit von Begegnung und Differenz dem Begriff des Urbanen 16 bei Lefebvre: „It is a mental and social form, that of gathering, of convergence of encounter […] It is a difference, or rather, an ensemble of differences“ (Lefebvre et al. 1996: 131; Hervorhebung im Original). Vogelpohl (2011: 236) betont, dass es Lefebvre wichtig sei, Differenzen und Begegnungen nicht genau zu charakterisieren, sie haben „keinerlei spezifischen Inhalt“ (Lefebvre/Roeckl 1972: 128). Bezogen auf mein Untersuchungsobjekt und meine Fragestellung lässt sich jedoch die Hypothese aufstellen, dass in Görlitz und Zgorzelec als border crossing cities insbesondere Grenzziehungen durch die Konzepte des Territoriums, des Staats und der Nation sowie kulturellen Unterschiede sowohl das „ensemble of differences“ als auch Begegnungen strukturieren. Görlitz und Zgorzelec als eine Art Kristallisationspunkt von Staatlichkeit und Territorialität durch die direkte Präsenz der Staatsgrenze zeigen die Wirkungsmechanismen und Wirkungsmächtigkeit solcher Konzepte, ihre Perpetuierung aber auch die Möglichkeit ihrer Subversion „von unten“. Für die Analyse und Interpretation der empirischen Daten ist es daher notwendig, sich mit diesen zentralen Konzepten im nächsten Kapitel auseinander zu setzen. 16 Kipfer et al. (2012: 176) weißen darauf hin, dass das Urbane keine Maßstabssinne im starren Sinn darstellt und ebenso wie eine allgemeine Makroebene und die Mikroebene Alltagsleben skaliert werden kann. Das Urbane bezeichnet eine „flüchtige Form von der Zentralität“ (ebd.).
18 4 Konzeptionelle Eingrenzungen Die Beschäftigung mit Lefebvres trialektischer Raumproduktion und insbesondere der Entwurf erster Hypothesen zu deren Aktualisierung für das empirische Fallbeispiel haben gezeigt, dass Görlitz-Zgorzelec sich als border crossing cities von anderen Städten durch das Vorhandensein einer Staatsgrenze unterscheiden und damit verbundene Konzepte von Grenze, Territorium, Staat, Nation und kultureller Differenz, im Alltagsleben und politischen Kontexten in besonderem Maße zur Raumproduktion relevant gesetzt werden. Es geht dabei nicht um eine erschöpfende Diskussion einzelner Konzepte, sondern ihren Zuschnitt auf mein Forschungsobjekt mit bestimmten Implikationen für das empirische Vorgehen. Dabei werde ich argumentieren, dass diese Konzepte im wissenschaftlichen Diskurs ähnlich der Hegelschen Dialektik in These und Antithese jeweils bipolar, in zwei sich augenscheinlich gegenseitig ausschließenden Paradigmen (ontologisch vs. konstruktivistisch) diskutiert werden. Ziel ist jedoch keine Synthese im Hegelschen Sinne, sondern die Aufrechterhaltung des Spannungsverhältnisses von These und ihrer Negation (Schmid 2005: 112). Vereinfacht ausgedrückt plädiere ich in Anlehnung an Henri Lefebvres Überlegungen zur Dialektik für eine Parallelführung sich scheinbar gegenseitig ausschließender Paradigma und somit für eine Beibehaltung der theoretischen Widersprüche dieser Konzepte, um die „Widersprüchlichkeit des Lebens“ (Schmid 2005: 100) in seinem „Werden“ (ebd.: 112) erfassen zu können. In Bezug auf das Alltagsleben und politisch-administrative Vorgänge müssen Prozesse der Naturalisierung und Kategorisierung, die alle vorgestellten Konzepte betreffen, offengelegt und ihre Funktion beschrieben werden (Jones 2009: 186). 4.1 Grenzen Überschreite niemals Grenzen / Das Überschreiten ist eine Erfindung von Philosophen / Deren Frauen durch Pariser Straßen schlendern / Und an den Marktständen von Belleville bittere Oliven kaufen. (Jan Jo Rabenda 1973 in Žadan 2012: 43) Ohne das Determinans „Staat“ bleibt „Grenze“ zunächst diffus und eröffnet mindestens drei Gruppen semantischer Füllungen mit zunehmender Metaphorisierung: als mathematisch-geometrische Grenze zwischen zwei räumlichen Elementen, als politisch-
Konzeptionelle Eingrenzungen 19 territoriale Grenzziehungen und als sozio-kulturelle Grenzziehungen. Rumford (2006: 155) bezeichnet Grenzen und Grenzziehungsprozesse als „nature of the social“, da sie bei der Erzeugung gesellschaftlicher Strukturmuster auf jeder Ebene beteiligt sind und Rückschlüsse über gesellschaftliche Prozesse zulassen (Newman 2006a: 172; Jones 2009: 174ff.). Border and boundaries are everywhere. Individuals and human communities define and structure the social world by making distinctions between groups, spaces, times, objects and meanings. We encounter borders constantly in our everyday lives, and know how to respect or transgress them by intuition, experience or reasoning. Broadly speaking, borders and boundaries represent and an immense area of research including almost everything that pertains to humans and societies. (Häkli 2008: 471) Eigmüller (2006: 9) hält „am Begriff ‚Grenze‘ bemerkenswert, dass er in den Sozialwissenschaften und im öffentlichen Diskurs weit häufiger metaphorisch als zur Bezeichnung territorialer Differenzierung verwendet wird“, womit auch auf einen Entwicklungszweig innerhalb geographischer Forschung verwiesen wird, der sich von staatlichen Grenzziehungen mehr zu Grenzziehungsprozessen jeglicher Art hinwendet (Jones 2009: 184f.; Newman/Paasi 1998: 186f.). Angesichts der unterschiedlichen, jedoch miteinander verflochtenen semantischen und funktionalen Füllungen ist eine vollständige Deterritorialisierung des Grenzbegriffs (Lamont/Molnár 2002: 183ff.) mit einer Reduktion auf sozio-kulturelle Grenzziehungsprozesse ebenso wenig angemessen wie eine von Grenze als „Haut des Staates“ (Ratzel 1892) ausgehende, ontologische politischterritoriale Betrachtungsweise 17 (Herb 2008: 23), die damit überwunden werden sollte. Grenzen als gesellschaftliches Produkt Eine gleichzeitige Beschäftigung mit politisch-territorialen Grenzen und mit Prozessen sozio-kultureller Grenzziehungen schließt sich jedoch keineswegs aus (Allen 2009: 158). Vielmehr stellen sie im Fall der deutsch-polnischen Staatsgrenze ähnlich wie Signifiant und Signifié zwei Seiten der Betrachtung dar, die untrennbar miteinander verbunden 17 In klassischer Weise handelt es sich dabei um deskriptive Analysen von Grenzen und Grenzräumen, die vor allem ihre historisch-politische Genese hervorheben. Grenzen sind dabei das bloße, statische Resultat dieser Prozesse (Newman 2006b: 145).
Konzeptionelle Eingrenzungen 26 4.5 Kulturelle Differenz und Alltagskultur Die deutsch-polnische Grenze wurde innerhalb der empirischen Erhebungen häufig als kulturelle Grenze zwischen Deutschen und Polen, die bestimmte Mentalitäten besitzen, bezeichnet. Belina (2008: 513) argumentiert, dass so definierte Gesellschaften („die Deutschen“, „die Polen“, etc.) das Produkt von Strategien der Identitätspolitik sind. Daher plädiert er für eine Analyse der Art und Weise der Konstruktion derartiger Gruppen und wie sie sich voneinander abgrenzen. Gehen wir gedanklich einen Schritt zurück, wird deutlich, dass Abgrenzung und kulturelle Differenz zur Aufrechterhaltung der eigenen kulturellen Identität existenziell sind. Kultur, so Eagleton (2009: 40), ist immer „die Idee vom Anderen“, die durch die Präsenz einer fremden Welt oder durch direkte Konfrontation mit einer anderen Gesellschaft oder Gruppe hervorgerufen wird. In einer Minimaldefinition kann man Kultur als „Komplex von Werten, Sitten und Gebräuchen, Überzeugungen und Praktiken, die die Lebensweise einer bestimmten Gruppe“ (Eagleton 2009: 51) steuern, zusammenfassen. Eine Koppelung einer Nation an eine bestimmte kulturelle Gruppe als „kollektive Bindung“ (Jäger/Januschek 2004: 5) ist dabei eine sehr präsente und umkämpfte Vorstellung (Greenfeld 1999: 46; Jäger/Januschek 2004: 5f.; Segal/Handler 2006: 57ff.). Kultur dient als Platzhalter für „Gemeinsamkeit der Sprache, des Erbes, des Bildungssystems, der Werte und dergleichen“ (Eagleton 2009: 40). Diese Vorstellung von Kultur als „Idee vom Anderen“ (Eagleton 2009: 40) ist notwendig, um die territoriale Ordnung aufrecht zu erhalten. Others are needed and therefore constantly produced and reproduced to maintain the cohesion in the formatted order of a territorially demarcated society. (van Houtum/van Haerssen 2002: 134) Eine zu enge Koppelung von Kultur an einen bestimmten Nationalstaat ist jedoch empirisch problematisch: Kulturelle Grenzziehungen finden auch innerhalb einer Nation statt, weshalb sie keineswegs kulturell homogene Gebilde sind (Engelstand 2009: 229).
Konzeptionelle Eingrenzungen 27 Kulturelle Grenzziehungen können ebenso dazu führen, dass auf anderer Ebene Personen unterschiedlicher Nationalität verbunden werden. 21 Entgegen der Suche nach nationalen Kulturen gibt es ebenso einen breiten Diskursstrang, der die gemeinsamen kulturellen Wurzeln innerhalb der Nationalstaaten Europas betont oder nach einer europäischen Kultur sucht (Büttner/Mau 2010: 274; Roudometof 2009: 312). Aus theoretischer Sichtweise lässt sich hinzufügen, dass ‚Kultur‘ neben einer solchen Bindung an Nation historisch zahlreiche weitere Abgrenzungsmechanismen bedingt (Eagleton 2009: 7). Neben der Unterscheidung von Kultur und Natur (Eagleton 2009: 123ff.) zählt hierzu die Unterscheidung von Hochkultur und Alltagskultur. Eine starre Dichotomie zwischen Hochund Alltagsbzw. Massenkultur aufrecht zu erhalten, scheint in Bezug auf das empirische Beispiel nicht sinnvoll. Vielmehr erfordert die durch Kultur ermöglichte Kritik an herrschenden Machtstrukturen, die Reformulierung von Wertehaltungen und die Etablierung neuer Ideen (Vogt 2006: 8), Interferenzen zwischen beiden Seiten. Auch wenn viele Impulse für eine Europastadt GörlitzZgorzelec aus den Bereichen bildende Kunst, darstellende Kunst, Literatur und Musik stammen, können sie nie losgelöst von der Alltagskultur und (Kultur-)Politik stehen. Eine Beschränkung auf Hochkultur wäre darüber hinaus eine Beschränkung emanzipativer Ideen auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen 22 (Clegg/Haugaard 2009: 230f.). Wichtig ist es daher, dass nicht nur „intellektuelle Pläne zählen, sondern die Wünsche, die Klagen, die Mittel, das Temperament jener Menschen, die eine Veränderung anstreben“ (Feyerabend 2008: 22) berücksichtigt werden, damit nicht nur ein exklusiver Kreis in die Bemühungen um grenzüberschreitende Interaktionen einbezogen wird und möglichst viele daran teilhaben können. 21 Beispielsweise bei einem Treffen von Liebhabern eines bestimmten Musikgenres, die unterschiedlichen Nationen angehören. Ein konkretes Beispiel aus diesem Bereich ist der Verein Philharmonische Brücken in Görlitz. 22 Möglicherweise werden so sogar verbindende Elemente erzielt, die nicht per se negativ bewertet sollten. Man könnte dabei z.B. an grenzüberschreitende Treffen von Theaterliebhabern denken. Derartige Initiativen haben ihre Berechtigung, jedoch führt eine bloße Beschränkung auf Angebote im Bereich der Hochkultur zum Ausschluss von weniger Interessierten Personen.
Konzeptionelle Eingrenzungen 28 4.6 Grenzregionen, Grenzstädte und Scale Auf den letzten Seiten habe ich meine Hypothese erläutert, dass die sozialräumliche Analyse der Produktion einer Europastadt in starkem Maße die in der Alltagsund politischen Kultur naturalisierten Konzepte der Grenze und kulturellen Differenz zwischen zwei Nationalstaaten berücksichtigen muss. Diskutiert wurde in Anlehnung an Brenner (2008: 238f.) und Brenner (1999) vor allem auf einer staatlichen Ebene, die die dominante skalare Ebene der Intervention darstellt. Insbesondere für grenzüberschreitende Kooperation muss jedoch laut Häkli (2008) die Rolle der Skalierung genauer berücksichtigt werden. Er bezeichnet Grenzregionen als „nested scales“ (Häkli 2008: 474) und verweist damit auf die Bedeutung der Skalierung, die als „pre-given spatial levels“ (ebd.) in Form von Skalierungsebenen verwendet werden, jedoch durch soziale Prozesse ständig in Bewegung sind (Heeg 2008: 252f.). Es ist somit notwendig, Prozesse aufzuspüren, die geographische Skalierungsebenen aushandeln und mit unterschiedlicher Stabilität und begrenzter Gültigkeit festlegen (Häkli 2008: 475). Cross-border cooperation typically cuts across various scales ranging from individual actors to local authorities to regional networks to national governments to international organizations. In this regard, borderland spaces are actually places where different scales of action become nested, forming hybrid bundles across the local, regional, national and international networks. (Häkli 2008: 475) Insbesondere grenzüberschreitende Interaktionen von lokalen Akteuren können so häufig zu Konflikten mit staatlichen Behörden führen, die ihre traditionelle Autorität nicht verlieren möchten (Häkli 2008: 475f.). 23 Hier wird deutlich, dass der Nationalstaat nicht nur auf nationaler Ebene, sondern zunehmend auch regulierend und steuernd auf städtischer und regionaler Ebene eingreift (Liubimau 2011: 60). Gleichzeitig befinden sich Görlitz und Zgorzelec an einer Binnengrenze der Europäischen Union, die Heeg (2008: 256) „nicht als eine bloße Maßstabsvergrößerung und territoriale Ausdehnung 23 Beispielsweise erzählte der ehemalige Bürgermeister Ulf Großmann von Interventionen durch den damaligen Außenminister Fischer, als die Feuerwehren in Görlitz und Zgorzelec eine gemeinsame Übung durchführen wollten. Begründet wurde das Einschreiten damit, dass es sich hierbei um Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland handeln würde.
Konzeptionelle Eingrenzungen 29 des Nationalstaats“ ansieht, sondern „ein Entscheidungssystem [repräsentiert], das über eine flexible Interaktion zwischen internationaler, nationalstaatlicher und lokalregionaler Ebene den Marktmechanismus stimuliert“ (ebd.). 4.7 Forschen an einer Staatsgrenze Sowohl die vorgestellte Theorie der trialektischen Raumproduktion nach Henri Lefebvre als auch die Diskussion im Zusammenhang mit meiner Fragestellung eng verbundener Konzepte haben die Bedeutung des Alltagsleben für das Verständnis der Bemühungen um eine Europastadt Görlitz-Zgorzelec und grenzüberschreitende Interaktionen gezeigt. Ein Fokus auf das Alltagsleben zivilgesellschaftlicher Akteure erfordert Feldforschung an und in der Nähe der Staatsgrenze, wie sie Nick Megoran fordert: […] an emphasis on discourse study means […] danger of becoming both repetitious and lopsided, relegating or even erasing people's experiences and everyday understandings of the phenomena under question. (Megoran 2006: 622) Bereits im zweiten Kapitel habe ich argumentiert, dass meine Perspektive eine sinnvolle Ergänzung zu diskursanalytischen Untersuchungen darstellt und über das bloße „remote sensing“ (Doevenspeck 2011: 130) und die Untersuchung von Meta-Narrativen hinausgeht. Letztere werden in meiner Analyse vor allem hinsichtlich des konzipierten Raumes eine Rolle spielen, sodass ich in gewisser Weise eine verbindende Perspektive einnehme, auch wenn der Fokus deutlich auf der Mikroebene liegt. Empirisch soll in Görlitz-Zgorzelec daher untersucht werden, wie sowohl territoriale Grenzziehungen gesellschaftlich relevant gesetzt und (re-)produziert werden, als auch der Frage nachgegangen werden, ob Grenzöffnungsprozesse möglicherweise nur bestimmte Gruppen inkludieren, andere hingegen exkludiert werden. Die Staatsgrenze dient dabei als Heuristikum diese Prozesse erfassen und analysieren zu können. Die Görlitz und Zgorzelec trennende deutsch-polnische Grenze ist dabei seit 1945 lediglich als Linie konstant, unterlag jedoch seitdem unterschiedlichen Deutungshoheiten und staatlichen Produktionsmodi und wurde zivilgesellschaftlich unterschiedlich (re-)produziert. Kapitel 5 und 6 beschreiben daher Kernprozesse der deutsch-polnischen Grenzregion im Kontext des Kalten Krieges und danach vor dem Hintergrund der Europäischen Integration.
30 5 Hermetische Grenzen von 1945-1989 Aktuelle Bemühungen der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen sind untrennbar mit der wechselhaften jüngeren Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg verbunden und können nicht ohne Berücksichtigung der spezifischen historischen Umstände betrachtet werden (Jajeśniak-Quast/Stokłosa 2000: 9; Lentz et al. 2009: 125). Each of the […] current land boundaries is unique and each is related in different ways to local, regional, state-bound and supranational (or even ‘global’) processes. (Paasi 2005a: 669) Im Fall der deutsch-polnischen Grenze wird besonders deutlich, dass nach 1945 nicht nur das polnische Territorium nach Westen verschoben wurde, sondern ein weitreichender Komplex von Flucht und Vertreibung ausgelöst wurde. In diesem Zusammenhang entstand eine trennscharfe sozio-kulturelle Grenze (Komornicki 2008: 133), indem ehemals kulturell heterogene Gebiete homogenisiert und die Idee einheitlicher Nationalstaaten forciert wurde. Schultz (2004: 171) bezeichnet die deutsch-polnische Grenze daher für die Zeit von 1945 bis 1989/90 als „hermetische Grenze“. 5.1 Polens Westverschiebung Auf den Konferenzen von Jalta und Potsdam wurde die östliche Verwaltungsgrenze Deutschlands von den Alliierten, bis zur Unterzeichnung eines Friedensvertrags zwischen Deutschland und den Kriegsgegnern, entlang Oder und Lausitzer Neiße festgelegt (Bös/Zimmer 2006: 167f.). Auch wenn ein Friedensvertrag nie unterzeichnet wurde, entstand aus dieser Verwaltungsgrenze eine de-facto Grenze, die im Görlitzer Abkommen zwischen der 1949 gegründeten DDR und der bereits 1944 entstandenen Volksrepublik Polen im Jahr 1950 anerkannt wurde (Jajeśniak-Quast/Stokłosa 2000: 63). Von der Bundesrepublik Deutschland wurde die Oder-Neiße-Grenze erst im Zuge der Wiedervereinigung mit dem sogenannten Zwei-plus-vier-Vertrag, der sich ausdrücklich auf das Görlitzer Abkommen bezieht, offiziell anerkannt (Lentz et al. 2009: 125). Es wurde jedoch nicht nur Deutschlands Ostgrenze nach Westen verschoben, sondern ein weitreichender „Komplex von Flucht und Vertreibung“ ausgelöst (Lentz et al. 2009: 125).
Hermetische Grenzen von 1945-1989 31 „Ethnische Deutsche“ wurden nach Kriegsende aus den ehemaligen deutschen Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie 24 vertrieben. Asher (2000: 129) beziffert deren Anzahl auf ca. 9-10 Millionen Personen und interpretiert die Vertreibungen vor allem als Mittel der Machtlegitimation einer neuen territorialen Ordnung, die staatsrechtlich umstritten blieb. Der späte Zeitpunkt der Anerkennung durch die Bundesrepublik ist vor allem auf das Wirken der Vertriebenenverbände zurückzuführen, deren Einfluss in der DDR unterdrückt wurde (Schultz 2009: 305), auch wenn der Anteil der Vertriebenen dort bei bis zu 43,3 Prozent lag (Schildt/Siegfried 2009: 22). Starke Konzentrationen gibt es vor allem in Görlitz und Teilen Mecklenburgs (Lammert/Pietsch 2011). Abbildung 4: Vertreibung und Grenzverschiebungen nach 1945. Quelle: Dariusz Przybytek per Email. Bereits auf der Konferenz von Teheran 1943 wurde eine Westverschiebung der Ostgrenze Polens zu Russland diskutiert (Ruchniewicz 2009: 191) und auf der Konferenz von 24 Betroffen waren weite Teile von Ostpreußen, Pommern, der Kurmark und Schlesien.
Hermetische Grenzen von 1945-1989 32 Jalta 1945 beschlossen (Ruchniewicz 2009: 194f.). Durch die neue Grenzziehung wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in den damaligen polnischen Ostgebieten historisch multiethnische Gebiete geteilt, ca. eine halbe Million in Polen lebende Ukrainer in die Sowjetunion deportiert und gleichzeitig eine ebenso große Zahl Polen aus den nun sowjetischen Gebieten, speziell aus Galizien 25 , nach Polen vertrieben (Weger 2009: 203ff.). Ziel war eine ethnische Entmischung der polnischen und sowjetischen Territorien im Zuge einer strengen Homogenisierungspolitik der nationalen Regierungen (Bös/Zimmer 2006: 169). Polen wurde so nach der nahezu vollständigen Vernichtung oder Vertreibung aller Ukrainer, Juden und Deutschen zu einem äußerst homogenen Nationalstaat mit einem Anteil von 98% Polen an der Gesamtbevölkerung (Bös/Zimmer 2006: 170). In den „wiedergewonnen Gebieten“ 26 im Westen Polens wurden vor allem Vertriebene aus den polnischen Ostgebieten, Bauern aus den überfüllten Dörfern Zentralpolens und Militärangehörige angesiedelt. Sie fanden die fluchtartig verlassenen Städte der vormals deutschen Ostgebiete vor. Aufgrund der Angst vor dem „deutschen Revanchismus“ und der erst 1990 erfolgten endgültigen Festlegung der deutsch-polnischen Grenze, herrschte dort lange Zeit große Ungewissheit, ob man in der neuen Heimat bleiben könne. Ebenso von Ungewissheit geprägt hielt sich bis in die späten 1970er hinein die Hoffnung der deutschen Vertriebenen, in ihre „alte Heimat“ zurückkehren zu können. Gemeinsam war für beide Gruppen neben der Ungewissheit die weitgehende Tabuisierung von Flucht und Vertreibung, sodass nur von „Umsiedlungen“ gesprochen werden durfte (Schultz 2009: 305). 5.2 Konfrontation und Kooperation Die Grenze zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Volksrepublik Polen war eine Grenze zwischen zwei formal unabhängigen Nationalstaaten, die sich jedoch unter dem allgegenwärtigen starken Einfluss der Sowjetunion befand. Trotz 25 Galizien ist die historische Bezeichnung für die Region um das frühere Lemberg, das als Lwiw in der heutigen Ukraine liegt. 26 Bezeichnung der ehemaligen deutschen Ostgebiete im offiziellen Sprachgebrauch der VR Polen.
Hermetische Grenzen von 1945-1989 33 gemeinsamer Blockzugehörigkeit der „sozialistischen Bruderstaaten“ und massiver Propaganda für die „Friedensgrenze“ (Märkische Volksstimme 29.07.1950, zitiert nach Jajeśniak-Quast/Stokłosa 2000: 65) und einer verordneten „Freundschaft mit Polen“ (Märkische Volksstimme 22.08.1950, ebd.) bleibt die deutsch-polnische Grenze entgegen ihrer Konzeption als „Friedensgrenze“ für über 45 Jahre eine hermetische Grenze. Wolczuk/Wolczuk (2002) sprechen daher sogar von einem zweiten Eisernen Vorhang zwischen der DDR und der VR Polen, bei dem Jajeśniak-Quast/Stokłosa (2000: 67) den stark militarisierten Charakter der Grenze hervorheben, die bis 1972 weitestgehend „undurchlässig für Personen, Informationen und Güter“ (Jajeśniak-Quast/Stokłosa 2000: 13) und „nur aufgrund spezieller Zertifikate und nach scharfen Kontrollen“ (ebd.) passierbar war. Die Grenze erfüllte hier eine doppelte Funktion: Sie hielt Polen in den im offiziellen Sprachgebrauch „wiedergewonnen“ Gebieten, die polonisiert werden sollten, und hielt Deutsche von ihren ehemaligen Gebieten fern (Asher 2000: 130). Kooperationen aufgrund zentraler parteipolitischer Abkommen wurden vor allem im wirtschaftlichen Bereich zwischen der DDR und der VR Polen ab Ende der 1950er etabliert. Sie begannen mit dem Tauschhandel jeweils knapper Güter und wurden später auf den Austausch von Arbeitskräften in Grenzregionen ausgeweitet (JajeśniakQuast/Stokłosa 2000: 74). Darüber hinaus bemühte man sich um eine Inszenierung der Friedensgrenze durch Veranstaltungen wie „Frühling an Oder und Neiße“ (Opiłowska 2009: 207; Jajeśniak-Quast/Stokłosa 2000: 74). Für Bürger beider Staaten war es hingegen sehr schwierig bis unmöglich, die Staatsgrenze zu passieren, wobei die Zeit zwischen 1972 und 1980 eine Ausnahme darstellt (Asher 2000: 130). Die Phase der „offenen Grenze“ mit visa-freiem Grenzverkehr war vor allem für alltagsweltliche Kontakte bedeutsam und wurde im Oktober 1980 einseitig durch die DDR-Regierung durch die Schließung der Grenze nach dem Entstehen der SolidarnośćBewegung und dem Ausrufen des Kriegszustandes in Polen beendet (JajeśniakQuast/Stokłosa 2000: 97f.). Man bediente sich der Metapher eines Solidarność-Bazillus, der nur durch das Schließen der Grenze von der DDR ferngehalten werden könne.
Hermetische Grenzen von 1945-1989 34 Diese Zeit von 1972-1980 mit über 100 Millionen Grenzübertritten zwischen der DDR und der VR Polen interpretiert Opiłowska (2009: 220ff.) als eine „Verifizierung der offiziellen Politik durch direkte Kontakte der Bürger“, die nun die Freundschaftspropaganda erfahren sollten. Das Knüpfen alltagsweltlicher Kontakte verlief allerdings nicht ohne Konflikte. Vor allem der Besuch der alten Heimatorte durch DDR-Bürger erregte angesichts der ungeklärten Grenzsituation das Misstrauen polnischer Bürger. Umgekehrt führten Hamsterkäufe von Polen, die selbst in einer Mangelwirtschaft lebten (Kortus 2000: 87), in der DDR zu Versorgungsengpässen, die Missgunst und die Gleichsetzung von Polen mit Plünderern zur Folge hatte (Opiłowska 2009: 233). Während offizielle Darstellungen positiv ausfielen, zeigen Forschungen des Westinstituts in Posen, „dass die Einwohner der Grenzgebiete in den siebziger Jahren den Polen gegenüber negativer eingestellt waren als DDR-Bürger in anderen Regionen“ (nach Opiłowska 2009: 224). Verlässt man das Prisma der Einkaufsschwierigkeiten, lässt sich jedoch auch feststellen, dass in dieser Zeit viele Kontakte (bis hin zu deutsch-polnischen Ehen) geknüpft wurden, die teilweise unter schwierigen Bedingungen auch während der Zeit der ab 1980 erneut geschlossenen Grenze weitergeführt werden konnten und zum Ausgangspunkt für grenzüberschreitende Kooperationen und der Wiederaufnahme privater Kontakte nach 1989 wurden (Jajeśniak-Quast/Stokłosa 2000: 99ff.). 5.3 Kulturelle Grenzen und nationale Identitätspolitik Durch die Entstehung eines ethnisch homogenen polnischen Staates (Bös/Zimmer 2006: 169) wurde die deutsch-polnische Grenze seit 1945 zu einer kulturell stark differenten Grenze, die durch unterschiedliche Geschichtsbilder und Identitätspolitik aufgeladen und verhärtet wurde (Schultz 2009: 305f.). Die deutsch-polnische Grenze ist somit nicht nur eine administrativ-territoriale Grenze, die bis 1990 nicht endgültig festgelegt war und nur für kurze Zeit weitestgehend problemlos überschritten werden durfte, sondern auch eine harte kulturelle Grenze (Knippschild 2008: 104). Sprache, Glauben, Kultur und Geschichte sind als wichtigste Elemente nationaler Identität dazu notwendig um den jeweils eigenen Nationalstaat zu festigen und ihn von
Hermetische Grenzen von 1945-1989 35 anderen abzugrenzen (Opiłowska 2009: 60; 102f.; Paasi 2001: 20). Je stärker derartige Gegensätze der Bevölkerungen zu beiden Seiten der Grenze sind, umso stärker ist umgekehrt der Zusammenhalt innerhalb eines Nationalstaat (Waack 2000a: 171). Die Oder-Neiße-Linie separiert nach dem Komplex von Flucht und Vertreibung trennscharf den germanischen vom slawischen bzw. den deutschen vom polnischen Sprachraum und wird von Matthiesen/Bürkner (2001: 45) als eine der härtesten Sprachgrenzen in Europa bezeichnet. Sie ist eine große Barriere, da Kenntnisse der Sprache des Nachbarlandes nicht nur zur Kommunikation, sondern auch als Zugang zum Wissen über das Nachbarland notwendig sind. Sprachunterricht in Polnisch war in der DDR ebenso wie Deutschunterricht in der VR Polen auch in den Grenzregionen jedoch dem Russischunterricht untergeordnet. Während für Polen nach dem Zweiten Weltkrieg von der „Flucht in die Geschichte“ die Rede ist und die Suche nach Eigenstaatlichkeit und Kämpfe um Unabhängigkeit, insbesondere die sogenannte piastische Theorie, wichtige Topoi darstellen, kann in Fall der DDR von einer „Flucht vor der Geschichte“ gesprochen werden (Opiłowska 2009: 102). Vor dem Hintergrund der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs wurde in der VR Polen der Leitspruch „Nie, solange die Welt besteht, wird der Deutsche dem Polen ein Bruder sein“ aus einem ca. 1670 geschriebenen Gedicht 27 aktualisiert und deutsche Geschichte, insbesondere die deutsche Geschichte der nach piastischer Theorie urpolnischen Westgebiete tabuisiert. Die deutsche Tradition wurde daher als deutsche Okkupation polnischer Gebiete interpretiert (Opiłowska 2009: 103). Die „Flucht vor der Geschichte“ in der DDR betrifft hingegen vor allem die mangelnde Auseinandersetzung und Tabuisierung der Vertreibung, da deren Unrecht nicht mit dem antifaschistischen Gründungsmythos der DDR zusammen passte. Daher fand keine Vermittlung der Geschichte der deutschen Ostgebiete im Geschichtsunterricht statt und es durfte allenfalls von „Umsiedlungen“ statt Vertreibung gesprochen werden. Dies führte dazu, dass die Generation 27 „Póki świat światem, nie będzie Niemiec Polakowi bratem“ in „Wojna Chocismka“ (Chocimer Krieg).
Sich öffnende Grenzen seit 1989 42 verankerten Raumvorstellungen. Staaten, die zuvor von „Europa“ ausgeschlossen wurden (Paasi 2001: 11), sollen nun wieder inkludiert werden, wobei der Diskurs über die „Gestalt“ Europas zunehmend durch die Europäische Union geprägt wird (ebd., Paasi 2005b: 581). 31 Polen, Ungarn und die Tschechische Republik werden durch die EU seit ihren Beitrittsverhandlungen wieder aktiv als Teil Mitteleuropas definiert (Paasi 2001: 12, Bös/Zimmer 2006: 180). Explizit vollzog sich diese Umdeutung und das Thematisieren der peripheren Lage im Motto der Görlitz-Zgorzelecer Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas 2010: From the middle of nowhere to the heart of Europe. Gleichzeitig bedient man sich im Rahmen des „Europa der Regionen“ eines Konstruktionsprozesses, der aktiv neue Raumbilder schaffen möchte, jedoch letztendlich auf das Handeln gesellschaftlicher Akteure angewiesen ist, die neue Regionalisierungen der topdown-Seite auch bottom-up mit Interaktionen füllen und ihnen Sinn verleihen: In the current debate on Europe, ‘regions’ are increasingly public representations […]. These regions are not so much historical and cultural entities, as products of regionalization processes. They exist at first […] in the namings, strategic definitions and proclamations of politicians, foreign policy experts and researchers, and may then be gradually transformed into representations on maps and texts […], and into sets of social […] institutions, practices and discourses. […] these ‘regions’ may finally have an effect on how people act in different situations and how they interpret and organize the mosaic of places, regions and boundaries that surrounds them. These regionalizations increasingly cross existing state borders. (Paasi 2001: 13) An der deutsch-polnischen Staatsgrenze wurde auf diese Weise durch die so genannten vier Euroregionen 32 bereits zu Beginn der 1990er nach westeuropäischen Vorbild eine Ausgangsbasis für Kooperationen im Bereich Wirtschaftsentwicklung, Transport, Bildung und Kultur geschaffen (Bös/Zimmer 2006: 179). Ziel ist es, kulturelle, mentale und sprachliche Barrieren innerhalb der Grenzgesellschaften zu überwinden, um ein Bewusstsein für gemeinsame Problemlösungen zu schaffen (Lentz et al. 2009: 128). 31 Außer Acht gelassen werden darf dabei nicht, dass der an den neuen EU-Binnengrenzen erreichte Grad der Inklusion und Grenzöffnung nur auf Kosten einer Exklusion und Grenzschließung der EUAußengrenzen erreicht wird (Heller 2011: 105, Waack 2000a: 174). 32 Die deutsch-polnischen Euroregionen (von Nord nach Süd) Pomerania (seit 1995), Pro Europa Viadrina (seit 1993), Spree-Neiße-Bober/Sprewa-Nysa-Bóbr (seit 1993) und die deutsch-polnischtschechische Euroregion Neisse-Nisa-Nysa (seit 1991), zu der Görlitz und Zgorzelec gehören.
Sich öffnende Grenzen seit 1989 43 Im Bereich der Strukturentwicklung wird die Strategie der Regionalisierung der EU ebenfalls mit dem Europäischen Fond für Regionale Entwicklung (EFRE) als wichtigstes Instrument zur Förderung von Grenzregionen deutlich. Von besonderer Bedeutung ist dort der Bereich Ziel 3 „Europäische territoriale Zusammenarbeit“, der dem bis 2006 durchgeführten INTERREG-Programm entspricht (Miosga 2008: 15f.). Sogenannte Ziel3-Projekte, die für die Förderperiode 2007-2013 als Programm SN-PL koordiniert werden, sind ebenfalls Förderrahmen für zahlreiche Kleinprojekte im Kulturund Bildungsbereich in Görlitz und Zgorzelec, ohne jedoch alle Fördermittel auszureizen. […] das bekannte Phänomen, daß die Begeisterung für eine Idee leicht ins gedankenlose Phrasendreschen umschlägt. Je populärer eine Idee, desto weniger denkt man über sie nach und desto wichtiger wird es also ihre Grenzen zu untersuchen. (Feyerabend 1984: 111) Angesichts der schwierigen historischen Ausgangssituation hält Buursink (2001: 13) den Grad an Integration und Zusammenarbeit zwischen den drei geteilten Städten an der deutsch-polnischen Grenze für bemerkenswert, der bereits vor dem NATO-Beitritt Polens 1999 und dem Betritt zur Europäischen Union 2004 an der damaligen EUAußengrenze durch politische und zivilgesellschaftliche Akteure erreicht wurde. Die Kooperation seit dem EU-Betritt bewerten Lentz et al. (2009: 125) ebenfalls als durchwegs positiv. Die Euphorie politischer Entscheidungsträger und gesellschaftlicher Pioniere auf dem Gebiet der europäischen Integration verdeckt jedoch auch Problembereiche wie die angesprochene hohe Arbeitslosigkeit mit der Folge einer fragmentierten Gesellschaft und eine starke Zunahme der gefühlten Grenzkriminalität auf deutscher Seite seit dem polnischen Schengenbeitritt (Knippschild 2008: 105), die auch einen idealen Nährboden für rechtsextreme und rechtskonservative Bewegungen bietet. Auf polnischer Seite sind Tendenzen einer Re-Ethnisierung und Re-Nationalisierung verortbar, die Waack (2000a: 175) als „Abwehrreaktion der geschwächten kollektiven Identität“ in Folge der Transformationsprozesse interpretiert. Matthiesen/Bürkner (2001: 44) und Waack (2000a: 175) warnen daher vor einer verstecken alltagsweltlichen, grenzüberschreitenden Dissoziation, die sich auf politischer Ebene fortsetzen kann.
44 7 Methodische Vorgehensweise Die Ausführungen zur Produktion des Raumes und konzeptionellen Überlegungen zu Grenzen haben gezeigt, dass die Ebene der Alltagswelt aufgrund ihrer unschuldigen „familiarity“ (Lefebvre 1991: 233; Lefebvre 2004: 94; Heinze 2001: 69) dazu geeignet ist, auf der Mikroebene des „(offenbar) Unbedeutenden“ (Schmid 2005: 116), die Mechanismen gesellschaftlicher Produktion zu analysieren. Das Alltagsleben wird von „größeren Prozessen“ (Kipfer et al. 2012: 168) beispielsweise im Bereich politischer oder staatlicher Intervention und Bedeutungsproduktion organisiert (Lefebvre 2004: 94) und abgeleitet, und bewahrt diese Interventionen und Bedeutungen durch deren Reproduktion (Lefebvre 2004: 33); zum Teil werden solche Schemata aber im Alltagsleben ebenso gezielt unterlaufen. Zivilgesellschaftliche Akteure, die sich für eine Intensivierung der Beziehung zwischen den Bürgern in Görlitz und Zgorzelec einsetzen, versuchen jene alltagsweltlichen Schemata aufzubrechen, die in starkem Maße historische Kontinuitäten und Brüche, Wissensdefizite sowie die suggestive Natürlichkeit der territorialen Grenze zwischen den Nationalstaaten Deutschland und Polen reproduzieren. Es liegt auf der Hand, dass für meine Fragestellung eine bloße Analyse diskursiver Praktiken und von Meta-Narrativen nicht ausreicht, sondern Feldforschung erforderlich ist, die Megoran (2006: 622) als bereichernde Perspektive zur Betrachtung internationaler Grenzen und Horschelmann/Stenning (2008: 340) als bedeutsames Element zur Untersuchung postsozialistischer Entwicklungen ansehen. Als Zugang zu alltagsweltlichen Prozessen und „durch ihre besondere Eignung, soziale Interaktionen und Praktiken zu beobachten“ (Müller 2011: 1) bietet sich eine ethnographisch orientierte Forschungsstrategie an, die mehrere qualitative Methoden miteinander ad hoc im Laufe der längeren Teilnahme im Feld flexibel kombiniert (Flick 2011: 53): [...] ethnography is a uniquely useful method for uncovering the processes and meanings that undergird sociospatial life. Humans create their social and spatial worlds through processes that are symbolically encoded and thus made meaningful. Through enacting these meaningful processes, human agents reproduce and challenge macrological structures in the everyday of place-bound action. Because ethnography provides singular insight into these processes and meanings, it can most brightly illuminate the relationships between structure, agency and geographic context. (Herbert 2000: 550)
Methodische Vorgehensweise 45 7.1 Stufen des Feldzugangs „Doing ethnography is fieldwork“ (Agar 1996: 54). Ein ethnographisch ausgerichteter Forschungsprozess und Forschungshaltung kennzeichnen sich wesentlich durch längere Feldaufenthalte (Horschelmann/Stenning 2008: 341). Die Dauer meines Kernaufenthaltes im Feld war durch äußere Umstände begrenzt, jedoch war aufgrund mehrerer kürzer Aufenthalte im Vorund Nachlauf eine tiefe Beschäftigung mit mittelfristigen Prozessen in Görlitz und Zgorzelec sowie eine gute Vorbereitung und Auswertung der Hauptphase der Feldforschung möglich. Das Verständnis vom „Feld“ habe ich von Anfang an offen gehalten und ständig neu definiert. Es befindet sich administrativ ausschließlich in den Stadtgebieten von Görlitz und Zgorzelec und ist häufig weniger als einen Kilometer von der Staatsgrenze entfernt, die das Rückgrat des Feldes bildet. Das Feld ist nicht als passiver Raum zu verstehen, sondern hat sich ständig verändert und wurde durch mein Handeln und meine Wahrnehmung, die ständig neue Eindrücke einbezogen haben, bestimmt. Das „Feld“ ist somit ständig in Bewegung, verändert seine territorialen und sozialen Grenzen und beinhaltet eine Vielzahl an Perspektiven und Handlungen (Best 2007: 81), von denen meine lediglich ein Teil waren. Der Erstkontakt mit dem Untersuchungsgebiet erfolgte auf einer Exkursion an der Universität Bayreuth im Mai 2010. Ein halber Tag wurde dabei Görlitz verbracht 33 und reichte offensichtlich um mich längerfristig an das „Faszinosum Görlitz“ (WGa 23.03.2012) zu fesseln. Es folgte aus eigenem Interesse ein erster Privataufenthalt vom 18.-22. April 2011 um meine mental map von Görlitz und Zgorzelec genauer zu zeichnen und ein weiterer Besuch im Oktober 2011 während der Landesausstellung via regia um Ideen zu einer Abschlussarbeit zu präzisieren. Es ging darum Orte, Projekte und Personengruppen zu finden, die von besonderer Dynamik hinsichtlich der Zusammen33 Der Titel der Exkursion war „Städte in Franken und Sachsen zwischen Wachstum und Schrumpfung“. Der Fokus lag dabei im offiziellen Teil fast ausschließlich auf Görlitz und städtebaulichen, stadthistorischen sowie demographischen Aspekten. Zgorzelec wurde nur am Rande erwähnt und in den Abendstunden von einigen Studierenden und einem Dozenten selbstständig erkundet.
Methodische Vorgehensweise 46 arbeit beider Städte gekennzeichnet waren. Daher erfolgten auch erste lose Gespräche mit Mitarbeitern des Europahaus Görlitz e.V., der Europastadt GmbH und in einem polnischen Kiosk nahe der Altstadtbrücke. Ferner erschien es mir sinnvoll, ab Januar 2012 die Görlitzer Nachrichten, eine Lokalausgabe der Sächsischen Zeitung, zu abonnieren, da das Blatt als einziges eine eigene Lokalredaktion in Görlitz unterhält, in dem Ressort „Nachbarland“ zumindest wöchentlich über Geschehnisse in Polen und Tschechien berichtet und als digitale Ausgabe verfügbar ist. Die Hauptphase des Feldzugangs lag im März 2012, den ich vollständig in einer WG in Görlitz, ca. 800m vom Grenzübergang „Stadtbrücke“ entfernt, verbrachte. In diesen 31 Tagen wurden fast alle empirischen Erhebungen durchgeführt. Die erste Woche verbrachte ich vor allem mit dem Knüpfen von Kontakten und dem Besuch erster relevanter Veranstaltungen und der systematischen Erkundung des Stadtgebiets. Anschließend folgte eine Phase stetiger Intensivierung durch die Verdichtung meines Netzwerks, Interviews mit Schlüsselpersonen (vor allem ab Ende der zweiten Woche) und weitere Beobachtung. Aufgrund mehrfacher Hinweise während meines Aufenthalts, eigenem Interesse und zum Verständnis vieler Kontexte schloss sich ein fünftägiger Aufenthalt in Wrocław an. Eine zusammen mit Prof. Martin Doevenspeck angebotene 3-tägige Exkursion (06.-08. Juli 2012) für Studierende am Geographischen Institut Bayreuth nach Görlitz-Zgorzelec zum Thema „Grenze“ bot mir die Gelegenheit, eigene Erfahrungen durch die Vermittlung an andere Studierenden zu überprüfen und interessante Diskussionen zu führen. Der letzte für diese Arbeit relevante Aufenthalt erfolgte vom 06. bis 10. September 2012. 7.2 Many things go: Eine ethnographische Forschungsstrategie Und liegt es nicht auf der Hand, daß eine erfolgreiche Teilnahme an einem solchen Vorgang [Anm.: Auflösung eines Labyrinths von Wechselwirkungen] nur einem rücksichtslosen Opportunisten möglich ist, der an keine bestimmte Philosophie gebunden ist und jede gerade geeignet erscheinende Methode anwendet. (Feyerabend 2009: 14) Wie Munévar (2000: 65ff.) zeigt, formuliert Paul K. Feyerabend in Against Method (1974) entgegen mancher Lesarten keinen forschungsfeindlichen Relativismus wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern verweist mit seinen Grundsatz Anything Goes darauf,
Methodische Vorgehensweise 47 dass Methodenund Theorienpluralismus „schlechthin notwendig für den Erkenntnisfortschritt“ (Feyerabend 2009: 21; Hervorhebung im Original) sind. Darüber hinaus, wird deutlich, dass für komplexe Probleme wie gesellschaftliche Fragestellungen durch den Forscher in Hinblick auf den Erkenntnisfortschritt jede gerade geeignete Methode angewendet werden kann und muss. Ethnographisch orientierte Forschung entspricht diesem Grundgedanken zum großen Teil, da sie einen recht offenen Zugang wählt. 34 Ethnography is thus distinguishable from surveys and tightly scheduled interviews, which require respondents to respond to fixed questions. […] order should emerge from the field rather than be imposed on the field. (Herbert 2000: 552; Hervorhebung im Original) Der vor meinem Aufenthalt als grobe Leitlinie konzipierte, offen gehaltene methodische Ansatz wurde, wie von Marcus/Okely (2007: 356) vorgeschlagen, durch neue Eindrücke im Feld ständig weiterentwickelt und verändert. Die Kombination verschiedener methodischer Zugänge diente so zum einen der Kompensation bestimmter Schwächen einzelner Zugänge und zum anderen um der Komplexität gesellschaftlicher Strukturen und Vorgänge gerecht zu werden (Knoblauch 2005). Die Verwendung mehrerer Methoden entsprach dabei nicht einer Validierungsstrategie (Flick 2011: 18), sondern hatte das Ziel, die Fragestellung möglichst multiperspektivisch beleuchten zu können. Der Einsatz problemzentrierter Interviews und teilnehmender Beobachtung wurde darüber hinaus von vielen Beforschten im Vergleich zu bisherigen Erfahrungen mit wissenschaftlicher Forschung in ihrem Arbeitsbereich als angenehmer betrachtet. Der Verein bekomme sehr viele Fragebögen, oft einfach nur per Email von Leuten, die das dann „von weit weg“ untersuchen. Das sei eine sehr arbeitsaufwendige Sache, die den Verein auch belaste. Sie ist sichtlich erleichtert, als ich erkläre, dass ich lieber den Menschen zuhören möchte und das für aufschlussreicher halte: „Ja, natürlich, erzählen das können wir sehr gerne. Das macht mehr Spaß, auch gerne mal eine Stunde oder länger.“ (VGg 05.03.2012) Auch der vergleichsweise lange Aufenthalt im Feld wurde mir stets positiv und als erkennbares, ernstes Interesse angerechnet und ermöglichte nicht nur größere zeitliche 34 Außer dem Schlusswort „What Kinds(s) of Ethnography Does Political Science Need?“ in Schatz 2009 finden sich kaum Arbeiten, die sich mit den erkenntnistheoretischen Überlegungen Feyerabends im Zusammenhang mit ethnographischer Forschung auseinandersetzen. Schatz (2009) argumentiert dort mit Feyerabend, dass Forscher (metaphorisch ausgedrückt) in der Lage sein sollten, mehrere methodologische „Sprachen“ zu sprechen, ohne deren „Grammatiken“ zu verletzen.
Methodische Vorgehensweise 48 Flexibilität, sondern auch einen behutsameren und vertrauensvolleren Umgang mit Kontaktpersonen 35 , die mich während des Forschungsprozess häufig um eigene Einschätzungen baten und auch die Möglichkeit einer Selbstreflexion suchten. Jedenfalls sei das interessanter als wenn jemand nur ein zwei Tage hier sei oder nur Fragebögen schicke. Auch, dass ich insgesamt mindestens 6 Monate für die Arbeit Zeit habe, findet er positiv. Er […] freut sich, dass er so „auch mal die Möglichkeit hat über seine Arbeit zu reflektieren und von jemand von außen vielleicht so sogar neue Impulse erhält.“ (VGe 07.03.2012) Problemzentrierte narrative Interviews Die von mir geführten Interviews lassen sich als problemzentrierte Interviews mit teilweise ausgedehnten narrativen Sequenzen charakterisieren, die sich ohne den Einsatz eines fixen Leitfadens durch einen größeren Grad an Offenheit als fokussierte Interviews auszeichnen (Reuber/Pfaffenbach 2005: 130). Diese Form ermöglicht es den Gesprächspartnern als gleichwertige Partner den Gesprächsablauf mitzusteuern, längere narrative Strukturen aufzubauen und eigene subjektive Deutungen und Meinungen zu äußern um zusammen mit dem „Interviewer“ eine Konversation aufzubauen (Heinze 2001: 153; Reuber/Pfaffenbach 2005: 131f.). Eine „tatsächliche Gleichstellung beider Partner freilich wird dadurch nicht erreicht“ (Heinze 2001: 154), weil die Situation nicht der Alltagskommunikation entspricht, da der Gesprächspartner „aus neutralem, wissenschaftlich gerechtfertigten [...] Interesse ausgehorcht“ (ebd.) wird, worüber er sich mehr oder weniger bewusst ist. Aufgrund eigener Recherchen im Vorfeld und der ständigen Weiterentwicklung eines eigenen Erwartungshorizont an die Interviews, der mehrere Themenfelder umfasste, die ich im Gespräch schneiden wollte, und individuellen Zuschnitten auf die Interviewpartner wurden die Interviews dennoch behutsam strukturiert und fokussiert (Reuber/Pfaffenbach 2005: 133). Als sinnvoller und fruchtbarer Ausgangspunkt für den weiteren Gesprächsverlauf erwies sich die Erzählaufforderung an die Gesprächspartner, etwas zur eigenen Biographie und zur Motivation für die von ihnen verfolgten grenzüberschreitenden Vorhaben zu erzählen. 35 Reuber/Pfaffenbach (2005: 131) erachten es als empfehlenswert, dass im Sinne einer vertrauensvollen Interviewsituation „das erste Zusammentreffen zwischen Interviewer und Interview-Partner nicht der Interviewtermin ist.“ Dies war in dieser Arbeit bei der vielen Interviews möglich.
Methodische Vorgehensweise 49 Die Interviews wurden mit zivilgesellschaftlichen Akteuren im Kultur-, Bildungsund Freizeitbereich geführt, die in unterschiedlicher Ausprägung gemeinsame Erlebnisräume produzieren und verschiedene Rahmen für grenzüberschreitende Interaktionen gestalten. Der Auswahl meiner Gesprächspartner für die problemzentrierten Interviews liegt kein pseudo-repräsentatives Sample wie der Studie von Weiske et al. (2008) zugrunde, sondern fußt auf der Basis von netzwerkartigen Weiterempfehlungen und Kontakten, die ich vor und vor allem während der Feldaufenthalte knüpfen konnte. Ein wesentlicher Unterschied zwischen polnischen und deutschen Gesprächspartnern bestand dabei in der Art der Kontaktaufnahme. 36 Während deutsche Gesprächspartner in der Regel bei Vortreffen und im Email-Verkehr nach meinen Konzepten und meinem spezifischen Interesse fragten, hatte ich bei polnischen Gesprächspartnern den Eindruck, dass die Bitte „Ich würde gerne mehr über das erfahren, was sie tun“ ausreichte und weitere Ausführungen als übertrieben empfunden worden wären. Wir sprechen manchmal von Mentalitätsunterschieden und z.B.: Wir treffen uns. Also sie haben mir eine Mail geschickt. Und ich habe ihnen eine zurück geschickt, weil sie nur bis zum 31. da sind. Um 9 - und wenn es nicht passt, würden sie mir schreiben. Und es ist okay und wir müssen nicht sonst da was für Schriftstücke austauschen. Also keine Post austauschen, usw. Wir sind viel einfacher. (IZa 28.03.2012) Während der Feldforschung wurden Interviews mit mehr als 20 Personen und einer Dauer von je 20 bis 100min Länge geführt, davon zu rund zwei Dritteln mit deutscher und einem Drittel mit polnischer Staatsbürgerschaft. 37 Diese Verteilung reproduziert zum einen die unterschiedliche Bevölkerungsverteilung zwischen Görlitz und Zgorzelec, sowie die quantitativ höhere Verbreitung von Vereinen und Bürgerinitiativen auf deutscher Seite, resultiert zum anderen aber auch aus mangelnden eigenen polnischen Sprachkenntnissen, die insbesondere die Kontaktaufnahme und Netzwerkbildung erschwerten. Nach einer kurzen Vorstellung auf Polnisch, wurden die Interviews mit 36 Man hat mich glücklicherweise mehrfach und relativ früh auf wichtige Unterschiede zwischen polnischer und deutscher Kommunikationskultur hingewiesen, die mir für meine Forschungen, aber auch zur Selbstreflexion eigener Kommunikationsmuster geholfen haben. 37 Eine vollständige Auflistung aller Interviewund Gesprächspartner befindet sich als Kapitel 13.1 und 13.2 im Quellenverzeichnis.
Methodische Vorgehensweise 50 polnischen Gesprächspartnern in den meisten Fällen auf Deutsch, bei einem Gesprächspartner auf Englisch und einmal mit Hilfe einer Übersetzerin geführt. 38 Die Interviews wurden bis auf vier Ausnahmen digital aufgenommen und anschließend transkribiert. Bei Gesprächspartnern, denen ein Mitschnitt unangenehm war, durfte ich Notizen anfertigen, die ich für ein anschließendes Gesprächsprotokoll nutzte. Zu den Interviewsituationen fertigte ich mir ebenfalls Notizen an um notwendige Kontextinformationen auch bei der Auswertung berücksichtigen zu können. Müller (2011: 4) bemerkt pointiert, dass „Subjekte doch oft im Sinne von ‚Talk left, walk right‘“ handeln; „anders als sie es in Interviews behaupten zu tun“. In Interviews werden zudem keine tatsächlichen Ereignisse vermittelt, sondern nur Geschichten, Deutungen und Meinungen über Ereignisse (Reuber/Pfaffenbach 2005: 144). Teilnehmende Beobachtung Aus diesen Gründen eignet sich teilnehmende Beobachtung gut zur Kombination mit qualitativen Interviews (Flick 2011: 42; Reuber/Pfaffenbach 2005: 125), da sie als überwiegend nicht reaktives Verfahren einen Zugangsweg zum „Handeln der Menschen“ darstellt (Reuber/Pfaffenbach 2005: 124). Teilnehmende Beobachtung wird häufig als Kernmethode ethnographisch orientierter Forschung bezeichnet (Madison 2005: 14; Hume/Mulcock 2004: VI). Innerhalb der (politischen) Geographie kommt sie jedoch eher selten zur Anwendung (Megoran 2006: 623) und fristet „ein Schattendasein“ (Müller 2011: 3). Von teilnehmender Beobachtung verspreche ich mir jedoch mehr als die bloße Beobachtung und anschließende Beschreibung von Handlungen, sondern einen Zugang zu „Performativität, Machttechniken, gelebter Praxis und verkörperten Subjekten“ (Müller 2011: 3) sowie zur Erfassung von Materialität“ (ebd.). These observations and interactions enable the ethnographer to understand how the group develops a skein of relations and cultural constructions that tie it together. As Ley (1988: 121) puts it, such research ‘is concerned to make sense of the actions and intentions of people as 38 Zahlreiche Aspekte des „Jonglierens“ zwischen mehreren Sprachen im Forschungsprozess und insbesondere zur Übersetzung werden hier nicht diskutiert. Daher sei auf den Artikel „What’s in a word?“ von Müller (2007) verwiesen.
Methodische Vorgehensweise 51 knowledgeable agents; indeed, more properly it attempts to make sense of their making sense of the events and opportunities confronting them in everyday life’. (Herbert 2000: 551) Die Beobachtung erfolgte ohne standardisiertes Beobachtungsschema 39 mit dem Vorteil eines weiten Rahmens mit unterschiedlichen Perspektiven, wobei die meiste Zeit aus verdeckt beobachtet wurde um Alltagssituationen nicht zu verkomplizieren. Bei Gesprächen im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung ergab sich das Aufdecken der eigenen Position als Forschender je nach Interesse der Gesprächspartner. Erforderte es die Situation, z.B. bei einem Workshop des Zgorzelecer Jugendrats, klärte ich die Anwesenden im Vorfeld über mein Vorhaben auf. Als Teil des Forschungsfeldes bewegte ich mich in charakteristischer Weise zwischen den Polen einer größtmöglichen Nähe („Teilnehmen“) und einer angemessenen Distanziertheit („Beobachten“) zu den Forschungssubjekten. Einerseits sollen going native-Effekte, die Übernahme der Perspektive der Forschungssubjekte, vermieden werden, andererseits kann zu große Distanz die Akzeptanz als Teil der Gruppe gefährden (Müller 2007: 4f.). Greve/Wentura (1997: 41ff.) nennen im Zusammenhang mit der bloßen Beobachtung von Handlungen das Problem „mentaler“ Begriffe. Gemeint ist damit die Schwierigkeit und Ungenauigkeit von wahrgenommenen physischen Ereignissen auf mentale Zustände und Bedeutung schließen zu können (ebd.). Um aber auch Aufschluss über direkte Begründungen, Deutungen, etc. bestimmter Ereignisse durch die involvierten Personen zu erreichen (Herbert 2000: 552), wurden im Rahmen der Beobachtung zahlreiche Gespräche im Feld geführt und ebenfalls mit Hilfe von Notizen aufgezeichnet. Das Feld der teilnehmenden Beobachtung setzte sich aus mehreren Komponenten zusammen. Zum einen der Beobachtung durch Erfahrungen im eigenen Alltagsleben und durch das Aufsuchen von Orten, an denen ich besondere Dynamiken vermutete wie ein absichtliches häufiges Überqueren der Grenzbrücken und zum anderen durch die teilnehmende Beobachtung an Ereignissen sowie Veranstaltungen, die einen Bezug 39 Selbstverständlich jedoch nicht ohne die nie vermeidbaren impliziten theoretischen Vorannahmen und bestimmten Gründen zur Beobachtung einzelner Orte.
Lokale Geschichte und die Etymologie der Orte 58 rungskultur verstanden werden (Opiłowska 2009: 13). Er beschreibt das aktive Konstruieren von Geschichtsbeziehungen, die Vermittlung von Geschichtswissen und die Suche nach grenzüberschreitenden gemeinsamen Interpretationen. „Sekundäre Bezugnahmen“ zeigen sich zunächst im konzipierten Raum münden jedoch häufig in räumlicher Praxis durch Geschichtswerkstätten oder Treffen wie „Kaffee und Kultur – natürlich schlesisch“ (Bc 07.03.2012). Initiiert werden solche Prozesse durch Personen und Institutionen aus Görlitz und Zgorzelec, die sich darin weitestgehend einig sind, dass die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte notwendig ist, um gegenwärtiges und zukünftiges Handeln im Bereich grenzüberschreitender Interaktionen positiv zu gestalten. Albrecht Götze als Initiator des Meetingpoint Music Messiaen stellt dieses Denkmuster heraus, das dem Lefebvre’schen Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit ähnelt. VGc: Wir können nicht Planen ohne Erinnerung: das heißt, verantwortungsvolles Handeln basiert auf unseren Wissen darüber [...] Niemand würde sagen: „Vergiss, dass du als Kind auf eine heiße Herdplatte gefasst hast, fass ruhig wieder hin.“ Dass wir verantwortungsvoll Handeln können ist von der Evolution in die gleiche Hirnregion gelegt worden wie die Zukunftsplanung. I: Kein Dualismus also, sondern etwas, das gleichzeitig abläuft? VGc: Ja natürlich! Das gehört zusammen und deswegen ist die Stiftung mit dem genialsten Titel, meiner Meinung nach, „Erinnerung. Verantwortung. Zukunft.“ […] Das ist es. Ich kann nicht verantwortlich handeln, wenn ich mich nicht erinnere. Das ist unmöglich. (VGc 19.03.2012) Darüber hinaus findet man einen zweiten Strang sekundärer Bezugnahmen, die vor allem die in vergangenen Zeiten zentrale Lage der Stadt Görlitz oder ihre Blütezeiten im Hochmittelalter und in der Gründerzeit hervorheben, bei denen sich auch politischadministrative und stadtplanerische Akteure aktiv beteiligen. 8.1 Erste Blüte und die Zeit bis 1815 Görlitz wurde 1071 erstmals als villa gorelic urkundlich erwähnt und verdankt seine erste Blütezeit im Hochmittelalter unter böhmischer Krone vor allem der Lage an einem Flussübergang der via regia. Die via regia war eine der wichtigsten mittelalterlichen Fernhandelsrouten und verband als Hohe Straße Kiew über Görlitz mit Santiago de Compostela (Haslinger/Waack 2010: 9). Im Rahmen von Bemühungen zur europäi-
Lokale Geschichte und die Etymologie der Orte 59 schen Integration wird der historische Verlauf seit 2004 mit dem Projekt „VIA REGIA – Kulturstraße des Europarats“ wieder aufgegriffen um eine „Wiederentdeckung Europas durch die Europäer“ (Fischer 2004) zu erzielen. In Görlitz fand in diesem Kontext 2011 die Sächsische Landesausstellung „via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung“ statt, die, gemäß meiner Einschätzung als Besucher, den kulturellen Austausch in ostwest-Richtung hervorhebt. Obwohl der Verlauf entlang der ul. Lubańska und ul. Wrocławska in Zgorzelec noch nicht, wie in Görlitz an Unterund Obermarkt sowie Neißeund Brüderstraße, durch Schilder hervorgehoben wurde, sieht Ulf Großmann 43 im Aufgreifen der historischen via regia ein großes Potential als grenzüberschreitenden Identifikationspunkt für beide Städte, der jedoch bisher nur unzureichend genutzt wurde. Gleichzeitig soll damit gezeigt werden, dass Görlitz in der Vergangenheit eine zentrale Position besaß, die im Zuge der europäischen Einigung wieder erreicht werden soll und als historischer Anknüpfungspunkt genutzt wird (WGa 23.03.2012). Die 2004 wiedererrichtete Altstadtbrücke (siehe auch Kapitel 10.7) ist Teil der historischen via regia. In Görlitz wird der Name zudem von einem Restaurant und einer Buchhandlung genutzt, wohingegen in Zgorzelec auf die via regia bisher nur durch das Muzeum Łużyckie als Kooperationspartner der Landesausstellung 2011 Bezug genommen wurde. Eine Beschäftigung mit der „deutschen“ Vorgeschichte in Zgorzelec konnte aufgrund der Tabuisierung deutscher Geschichte in den „Wiedergewonnenen Gebieten“ (vgl. Kapitel 5.3) und dem Fehlen autochthoner Bevölkerung erst seit dem Zusammenbruch der VR Polen erfolgen (Opiłowska 2009: 9). In jüngster Zeit wird insbesondere der Theosoph Jakob Böhme (1575-1625) als verbindendes Element genutzt und aktiv angeeignet. Sein Geburtshaus wurde saniert, im Dom Jakuba Böhme ein Museum eingerichtet, ein Denkmal errichtet, eine Kneipe nach ihm benannt und das zeitgleich zum Görlitzer Altstadtfest stattfindende Jakuby-Fest etabliert. Ebenfalls deuten die Benennung der neu errichteten Straße ul. Scultetusa nach einem bedeutenden Görlitzer Kartogra43 Dezernent (seit 1990) bzw. Erster Bürgermeister (seit 1994) der Stadt Görlitz für Kultur, Jugend, Soziale, Sport und Tourismus von 1990 bis 2008.
Lokale Geschichte und die Etymologie der Orte 60 phen und Astronomen, eine wiedererrichtete Kursächsische Postmeilensäule und die historisierende Bebauung des Zgorzelecer Postplatzes gegenüber der Altstadtbrücke auf eine größere Offenheit zur Beschäftigung mit der älteren deutschen Vorgeschichte von Zgorzelec hin. 8.2 Zweite Blüte als von 1815 bis 1945 Im Zuge rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der durch die Zugehörigkeit zur preußischen Gewerbeordnung begünstigt wurde, wuchs die Bevölkerung von Görlitz von knapp 8000 Einwohnern um 1800 auf über 85.000 Einwohner vor Beginn des ersten Weltkriegs an (Kaiserliches Statistisches Amt 1880ff.). Hierdurch wurde eine Ausweitung des bisherigen Hauptsiedlungsgebiets, das sich, abgesehen von der historischen Neißevorstadt, westlich der Neiße befand, nach Süden und ab 1895 auch östlich der Neiße notwendig (Vater 2010: 23f.). Die gründerzeitlichen Erweiterungen in Görlitz-Ost auf Höhe der 1875 eröffneten Reichenberger Brücke 44 wurden im Zusammenhang mit dem Bau der Oberlausitzer Gedenkhalle und der dort stattfindenden Niederschlesischen Gewerbe und Industrieausstellung ab 1898 an das Straßenbahnnetz angeschlossen (Riedel 1997: 14). Zur Jahrhundertwende galt Görlitz als die an Grundbesitz reichste Stadt innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches und war ein bevorzugter Altersruhesitz preußischer Beamter (Haslinger/Waack 2010: 22). Auf letzteres beziehen sich insbesondere Zeitungsartikel und Stimmen, die von einer Zukunft von Görlitz als „Pensionopolis“ (brandeins 07/2008; Be 09.03.2012) sprechen, dabei jedoch unterschiedliche demographische und wirtschaftliche Bedingungen ausblenden (VGa 09.03.2012). Die frühere Oberlausitzer Gedenkhalle, das heutige Dom Kultury, die aus dieser Zeit stammt, wird von Görlitzern und Zgorzelecern übereinstimmend als wichtigste Sehenswürdigkeit von Zgorzelec und bedeutendster polnischer Akteur grenzüberschreitender Prozesse zwischen beiden Städten genannt. Gleichzeitig spiegelt es wie kein anderes Gebäude die Geschichte unterschiedlicher Herr44 Am Ort der heutigen Papst Johannes Paul II-Stadtbrücke (Most imienia Papieża Jana Pawła II).
Lokale Geschichte und die Etymologie der Orte 61 schaftsund Ideologieverhältnisse von deutscher Kaiserzeit, über Nationalsozialismus, Nachkriegszeit und Sozialismus in der VR Polen bis hin zur Demokratie in der Republik Polen wieder 45 , sodass es trotz vieler Bemühungen für Bürger von Görlitz die „Ruhmeshalle“ und für Bürger aus Zgorzelec das „Dom Kultury“ bleibt (Opiłowska 2009: 271). Mit der Zugehörigkeit zu Preußen seit 1815 und der Teilung der Oberlausitz beginnt darüber hinaus die schlesische Geschichte von Görlitz, die insbesondere nach der Wender erneut aufbricht, nachdem sie von 1945 bis 1989/90 tabuisiert wurde (Opiłowska 2009: 224ff.). Ihre Bedeutung wird im Kapitel 11.3 behandelt. Auffällig ist, dass dieser Teil der Vorgeschichte von Zgorzelec nicht angeeignet wird, da entweder Wissensbestände darüber fehlen (WGa 23.03.2012) oder wie im Fall des Dom Kultury eine Umkodierung stattgefunden hat, sodass die deutsche Vorgeschichte dahinter verschwindet. 8.3 Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg Die Zwischenkriegszeit zeigt eine Phase hoher Bevölkerungsdynamik mit jährlichen Zuund Abwanderungszahlen im Bereich von acht bis zwölftausend Personen mit einem leichten Zugewinn beim Wanderungssaldo, was pro Jahr in etwa zehn Prozent der damaligen Gesamtbevölkerung von knapp 95.000 Einwohnern entspricht (Kaiserliches Statistisches Amt 1880ff.). Neben der Gartenstadtsiedlung zielte der Kern der Bautätigkeiten auf den Ostteil der Stadt, der zu einer Garnisonsstadt mit zwei weiteren Kasernen und Frontkämpfersiedlung ausgebaut wurde (Waack 2000b: 63). Obwohl die Teilung der Stadt direkt mit dem durch den Nationalsozialismus ausgelösten Zweiten Weltkrieg zusammenhängt, findet nur im Schlesischen Museum zu Görlitz in dessen Dauerausstellung eine Darstellung der Rolle von Görlitz im NS-Staat statt. Während das Außenlager des KZ Groß-Rosen im heutigen Stadtteil Görlitz-Biesnitz weitestgehend in Vergessenheit geraten ist, widmet sich der Verein Meetingpoint Music Messiaen dem Ge45 Hierzu ausführlicher: Opiłowska 2009: 260ff.
Lokale Geschichte und die Etymologie der Orte 62 lände des früheren StaLag VIIIa 46 , auf dem ein europäisches Begegnungszentrum entstehen soll. Abbildung 6: StaLag VIIIa in Zgorzelec-Ujazd. Quelle: Eigenes Photo. In Zgorzelec erinnert an diese Zeit neben vielen Straßennamen 47 vor allem der Soldatenfriedhof der II Polnischen Armee mit 3000 Gräbern und einem Piastenadler, der auf einem Grenzpfahl sitzend nach Westen blickt. In Görlitz finden sich hingegen kaum „unbequeme“ Erinnerungsorte an den Zweiten Weltkrieg, während Zgorzelecer stolz auf diese Erinnerungsorte sind und von ihnen erzählen (Opiłowska 2009: 275). In Gesprächen mit deutschsprachigen Personen aus dem Kreis der sogenannten Vertriebe46 StaLag ist die Kurzbezeichnung für Stammlager. Fälschlicher Weise wird es häufig als Strafgefangenenlager oder Strafund Arbeitslager bezeichnet. In ihm wurden gemäß der Genfer Konvention Kriegsgefangene aufgenommen. Detaillierter wird in Kapitel 9.3 auf das StaLag VIIIa und den dort geplanten Meetingpoint Music Messiaen eingegangen. 47 Besonders deutlich durch die wichtige West-Ost-Achsen ul. Bohaterów II Armii Wojska Polskiego (Straße der Helden der II. Polnischen Armee und die ul. Bohaterów Getta (Straße der Helden des Warschauer Ghettos). Darüber hinaus wurden 1998 alle Straßennamen in der Sonnensiedlung nach Generälen aus dem 2. Weltkrieg benannt, später jedoch gegen neutrale Namen ausgetauscht.
Lokale Geschichte und die Etymologie der Orte 63 nengeneration wird vor allem betont, dass Görlitz im Zweiten Weltkrieg durch glückliche Umstände kaum zerstört wurde. Negative Aspekte werden ausgeklammert. Die Stadt Görlitz wird für die Zeit bis 1945 von Baumgardt (2006: 20) als „monokulturell“ charakterisiert, was hinsichtlich der fast ausschließlich deutschsprachigen Bevölkerung oberflächlich zutrifft, jedoch auch einem stark verkürzten Kulturbegriff geschuldet ist, der kulturelle Grenzen vorwiegend am Nationalstaatsdenken verankert. Erzählungen von der Idee aus einer ehemals monokulturellen eine binationale Stadt entstehen zu lassen verstärken ein derartiges Geschichtsbild. Vernachlässigt wird so jedoch die hohe Migrationsdynamik ebenso wie das stadtgesellschaftlich und wirtschaftlich überaus bedeutsame jüdisch und slawisch geprägte Leben in Görlitz, das während der NS-Zeit aus der Stadt vertrieben und vernichtet wurde (Czapliński 2009: 113). Die unzerstörte, aber sanierungsbedürftige Görlitzer Synagoge wird, aufgrund des Fehlens von Zeitzeugen und einer nur sehr kleinen jüdischen Gemeinde, durch den Verein „Förderkreis Görlitzer Synagoge“ als Kulturforum für jüdische Kultur, Toleranz und Zivilcourage, Musik, Literatur, Kunst sowie Traditionen und Perspektiven in Mitteleuropa genutzt (Görlitzer Synagoge 2009). Darüber hinaus bietet der in vielen Initiativen aktive Daniel Breutmann Führungen zum Thema „Jüdisches Leben: Einst und Heute“ an. In Zgorzelec wird dieses Thema ausgeblendet, das „Thema Görlitzer Juden überlassen sie lieber den Deutschen, die doch für den Holocaust die Verantwortung tragen“ (Opiłowska 2009: 281). 8.4 Flucht und Neubeginn Opiłowska (2009: 15) bezeichnet das Jahr 1945 als „Drehund Angelpunkt für das Gedächtnis der Stadt und deren Einwohner“. Diese stärkste Zäsur manifestiert sich in der Sprengung aller sieben Neißebrücken im Stadtgebiet durch die abrückende Wehrmacht in der Nacht vom 07. auf den 08. Mai 1945 (Haslinger/Waack 2010: 27). Zuvor steigern sich mit dem Heranrücken der Sowjetarmee die Ströme von Flüchtlingen, die von NS-Behörden gewaltsam aus den östlichen Reichsteilen vertrieben wurden, sodass die Bevölkerungszahl in Görlitz, einer der Hauptdurchgangsorte, auf über 100.000 im
Lokale Geschichte und die Etymologie der Orte 64 Januar 1945 ansteigt. Nach der Räumung der Stadt befinden sich im März 1945 noch 31.327 Personen in Görlitz (Pfeiffer/Opiłowska 2006: 36). Görlitz als Vertriebenenstadt Nach Kriegsende wurde Görlitz Teil der sowjetischen Besetzungszone (vgl. Kapitel 5). Aus dem ehemaligen östlichen Teil von Görlitz entstand die neu konstituierte Stadt Zgorzelec (bis 1946 Zgorzelice) auf dem Gebiet der Volksrepublik Polen. Über eine provisorische Pontonund Holzbrücke flüchteten nach Schätzungen etwa 100.000 deutschstämmige Schlesier nach zunächst „wilden“, später systematischen Vertreibungen aus den nun polnischen Gebieten nach Westen. In entgegengesetzter Richtung gab es zahlreiche im Krieg geflohene Schlesier, die in ihre Heimat zurückkehren wollten, dies aber aufgrund der Schließung der Grenze in östlicher Richtung am 02. Juni 1945 nicht konnten. Die hohe Konzentration Vertriebener führte dazu, dass „Görlitz wahrscheinlich nie so schlesisch war, wie es 1945 geworden ist“ (IGa 19.03.2012). Aufgrund zerstörter Versorgungsinfrastruktur und der Vernichtung aller Lebensmittelvorräte durch die abrückende Wehrmacht kam es in der Folge zu chaotischen Zuständen mit Hungerkatastrophen, Massensuiziden und Seuchen (Pfeiffer/Opiłowska 2006: 36). 1949 erreicht die Bevölkerungszahl ihren Höhepunkt mit 101.742 Einwohnern, unter denen sich aufgrund der Bedeutung von Görlitz als einer der Hauptdurchgangsorte rund 40% Vertriebene befinden (Lammert/Pietsch 2011: 52). Eine Auseinandersetzung mit der Erinnerung an diese Zeit kann erst seit der Wiedervereinigung erfolgen, da sie durch die SED und die sowjetische Besetzungsmacht unterdrückt wurde und nur heimlich möglich war (Lammert/Pietsch 2011: 52). Die traumatischen Erfahrungen aus dieser Zeit scheinen jedoch nie geheilt zu sein. In meinen Gesprächen mit Zeitzeugen wurde immer wieder ein großes Bedürfnis die eigenen Erinnerungen zu erzählen und an Jüngere weiterzugeben deutlich. Was Sie erleben, das ist natürlich auch dieses Mitteilungsbedürfnis der Vertriebenen und Geflüchteten aus Schlesien, dass sie vor allem Jüngeren ihre Geschichte mitteilen wollen. (IGa 19.03.2012)
Lokale Geschichte und die Etymologie der Orte 65 Hervorgehoben wurden dabei nicht nur die Flucht an sich, sondern vor allem der Verlust der Heimat (siehe auch Kapitel 11.2) und die Unsicherheit hinsichtlich einer möglichen Rückkehr, an die eine Frau aus dem ehemaligen Ostteil von Görlitz „bis weit nach 1949“ (Bc 07.03.2012) geglaubt hat. Diese Erfahrungen erschweren grenzüberschreitende Interaktionen für diese Gruppe, wie eine Weitere verdeutlicht; für sie sei es „immer noch nicht so einfach“ Polnisch zu ertragen, da man Geschehenes eben nicht so leicht vergesse (Bd 09.03.2012). Eine reflektierende Perspektive unter Einbezug der Herkunft der in Zgorzelec angesiedelten Personen entwickelt eine andere Frau: Sie sagt, dass vor allem die einfachen Bürger auch die Opfer der Politik seien. Seit jeher sei das so gewesen. „Die Leute in Zgorzelec können ja nichts dafür, dass Deutsche vertrieben worden sind“, meint sie, „die sind ja selbst vertrieben worden. Das Unrecht aufzuwiegen ist unmöglich, irgendwie absurd und das bringt ja jetzt auch nichts, wenn man einen Schuldigen finden will.“ (Bd 09.03.2012) Die Entstehung Zgorzelecs Aufgrund militärischer Restriktionen betrug die Einwohnerzahl von Zgorzelec im Januar 1947 lediglich 4300 Personen, wovon nur noch 17 ehemalige deutsche Einwohner waren, sodass von einem kompletten Bevölkerungsaustausch gesprochen werden kann. Die Neusiedler in Zgorzelec waren zu mehr als der Hälfte ebenfalls Vertriebene aus den nach der Westverschiebung Polens verlorenen polnischen Ostgebieten, vorwiegend aus den ländlichen Gebieten um Lemberg (Lwiw) in der heutigen Ukraine (vgl. Kapitel 5). Darüber hinaus bildeten Militärsiedler und Umsiedler aus Zentralund Südpolen eine zweite große Gruppe (Lammert/Pietsch 2011: 62) zu der zahlreiche Displaced People, ehemalige KZ-Häftlinge und Nachfahren von vertriebenen polnischen Auswanderern aus Bosnien-Herzegowina und Rumänien hinzukamen (Pfeiffer/ Opiłowska 2006: 46). Vor allem für die Gruppe der Vertriebenen kann eine ebenso große Bedeutung dieser Erinnerungen angenommen werden, wie eine Mitarbeiterin des Muzeum Łużyckie in Zgorzelec berichtet. We did a very interesting exhibition about these issues. And people remember where they came from, they remember everything. That they lost their houses, too. They lost practically everything. […] It's a huge trauma. I think for everyone here. About these people, who left here and who came here. (IZb 21.03.2012)
Lokale Geschichte und die Etymologie der Orte 66 Darüber hinaus schildern Pfeiffer/Opiłowska (2006: 44ff.) und WGa (23.03.2012) das Unbehagen der Neusiedler, komplett eingerichtete Wohnungen zu beziehen, in denen sie bis zur endgültigen Klärung der Grenzsituation 1990 mit der Furcht lebten, erneut ausziehen zu müssen. Hieraus erklärt sich auch das Unterbleiben von Reparaturen an den neu bezogenen Häusern (Opiłowska 2009: 19), das bei Deutschen ohne dieses Hintergrundwissen zu Irritationen bis hin zu Wut führt. Oft werde ich auf gefragt, warum es hier an der Grenze so dreckig aussieht, warum ist hier nix richtig gebaut, warum lassen die die Häuser zerfallen? – Einfach weil die sich nicht verantwortlich dafür gefühlt haben. Weil sie dachten, dass sie irgendwann wieder weg müssten. (VGb 19.03.2012) Auch wenn durch das Schlesische Museum sowie weitere gesellschaftliche Akteure eine Aufarbeitung stattfindet, ist sich ein Mitglied des Europahaus e.V. in Hinblick auf Beispiele im eigenen Bekanntenkreis, unsicher „ob das mit der Europastadt für diese Generation noch klappen wird“ (VGg 09.03.2012), was historisch bedingt sei. Gedächtnisgemeinschaften wie das schlesische Kaffeetrinken in Görlitz oder das Treffen der Sibirien Deportierten und Soldaten der Heimatarmee in Zgorzelec bieten nach langer Tabuisierung ein Ventil für Erinnerungen. Ein Austausch zwischen beiden Gruppen findet hingegen kaum statt; das darauf ausgerichtete deutsch-polnische Gesprächsforum „Görlitzer Mittwoch“ wurde vor geraumer Zeit eingestellt. Darüber hinaus bilden aus Schlesien Vertriebene eine große Gruppe unter den Touristen in Görlitz, wodurch sich auch ein nennenswerter Zweig darauf ausgerichteter touristischer Infrastruktur herausgebildet hat. Opiłowska (2009: 249) betont, dass nach 1990 durch Stadtpolitiker von Görlitz und Zgorzelec bisher kaum Beiträge zur Aufarbeitung und Entmythisierung der Geschichte geleistet wurden, obwohl die Geschichtsbilder der darauf folgenden Generationen in der DDR und VR Polen ideologiebelastet sind und diese Mythen bis heute etabliert sind (vgl. Kapitel 5.3). Das griechische Zgorzelec Görlitz-Zgorzelec unterscheidet sich von Frankfurt(Oder)/Słubice und Guben/Gubin wesentlich durch eine „griechische Komponente“. Nachdem im ersten Weltkrieg bereits
Lokale Geschichte und die Etymologie der Orte 67 6500 griechische Soldaten in Görlitz interniert wurden, von denen sich 200 permanent in Görlitz niederließen (Gerassimos-Alexatos 2010: 185ff.), nahm Zgorzelec 1949 bis zu 9000 griechische und makedonische Bürgerkriegsflüchtlinge auf (Haslinger/Waack 2010: 29). Von diesen wanderte der größte Teil bis Ende der 1950er wieder zurück. Einige Bürgerkriegsflüchtlinge und deren Nachkommen leben jedoch immer noch in Zgorzelec und besitzen in Form von Nikos Rusketos einen eigenen Stadtrat. Der Priester Marek Bonifatiuk erzählt von der Schwierigkeit, ein eigenes Gotteshaus zu erhalten und dem grenzüberschreitenden Charakter der griechisch-orthodoxen Kirchengemeinde. Es sei ein temporärer Bau, der im Jahr 2002 entstanden ist. 2012/2013 sei ein Neubau geplant, der ca. dreimal so groß sein soll. […]. Die Polen geben seiner Meinung nach nicht sehr gerne zu, dass Polen vor dem 2. Weltkrieg ein ethnisch und religiös sehr heterpgemer Staat war. Jeder 5. Soldat sei damals griechisch-orthodox gewesen. Nach Ankunft der griechischen Bürgerkriegsflüchtlinge sei die Messe zunächst durch die Machthaber verboten worden. Immer wieder habe man versucht, eine Kirche zu bauen, jedoch stieß man auch 2000 noch auf das Argument „es gibt doch keine Gläubigen mehr“. Bereits nach der Wende habe man im Jahr 1992 versucht, das politisch günstige Klima zu nutzen. 2000 haben sie dann jedoch „richtig zugepackt“ und es geschafft. Man sei eine sehr internationale Pfarrei aus 11 Nationen, vor Allem Griechen, Bulgaren, Russen) mit insgesamt ca. 100 Personen. Diese wohnen sowohl in Görlitz als auch in Zgorzelec, „deswegen integriert diese Pfarrei im vollsten Sinne die ganze Stadt“, sagt er, „sie ist eben einfach eine Pfarrei mit den Hauptsprachen Polnisch, Deutsch und Russisch.“ (SZa 11.03.2012) Darüber hinaus findet unter maßgeblicher Gestaltung von Nikos Rusketos das Festival des Griechischen Liedes in Zgorzelec statt und ein Abschnitt der Uferpromenade wurde als Bulwar Grecki mit einem Gedenkstein für die Bürgerkriegsflüchtlinge ausgewiesen. 8.5 Gemeinsam geteilt unter sowjetischer Herrschaft Auch wenn kaum Kriegsschäden zu beklagen waren, bedeutete die neue Grenzziehung einen schweren Eingriff in das Stadtgefüge durch die Teilung der Infrastruktur und einen Bedeutungsverlust der Stadt als Verkehrsknotenpunkt. Da das Territorium von Zgorzelec bis 1945 lediglich eine gründerund zwischenkriegszeitliche Erweiterung von Görlitz war, besaß und besitzt Zgorzelec bis heute kein städtebauliches Zentrum. Vielmehr wurden Bürgerhäuser – beispielsweise das Zgorzelecer Rathaus – umgenutzt und zahlreiche bis heute bestehende Provisorien eingerichtet (Haslinger/Waack 2010: 28). Die Situation einer weitestgehend hermetischen Grenze (vgl. Kapitel 5) besaß ebenso für
Produktion durch Repräsentationen des Raumes 74 9.1 Nationale und supranationale Politik Wie in Kapitel 4.6 dargelegt, sind Grenzregionen Nested scales, die neben lokalen bzw. kommunalen Einflussgrößen auch überregionale und (supra-)nationale Einflüsse aufweisen (Häkli 2008: 474f.). Hervorzuheben sind im Fall von Görlitz-Zgorzelec zum einen konzeptionelle Ideen auf Ebene der europäischen Union, aber auch auf Ebene der nationalen Regierungen sowie für Deutschland auch auf Ebene des Bundeslands Sachsen. 49 Zum anderen wird dem Handeln politischer Entscheidungsträger auf Staatsebene eine gewisse Bedeutung als Modellrolle für die Bürger beider Staaten zugemessen. 50 Modellcharakter von Politikern und anderen Grenzregionen Und die allgemeine Einstellung wird auch durch den neuen Präsidenten viel besser. Das hängt alles natürlich […] auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung insgesamt zusammen. Wie weit man sich auch immer ein wenig öffnen möchte. Das sind eben so unterschiedliche Phasen, aber ich denke, dass es jetzt schon immer besser wird. (SGZ 29.03.2012) In der Aussage einer polnischen Lehrerin wird damit der amtierende polnische Präsident Bronisław Komorowski angesprochen, der als Befürworter der europäischen Integration gilt, während sich sein Vorgänger Lech Kaczyński für eine stärkere Souveränität Polens gegenüber der EU einsetzte (Holesch/Birkenkämper 2008: 106ff.). Sie vermutet in diesem Zusammenhang auch indirekte Auswirkungen des offeneren politischen Diskurses auf die Bereitschaft polnischer Eltern, ihre Kinder auf eine bilinguale deutsche Schule zu schicken. Eine Person aus Görlitz maß der Tatsache, dass Joachim Gauck seinen ersten Staatsbesuch nach Polen tätigte (die tageszeitung 28.03.12: 6), große symbolische Bedeutung zu, die seiner Meinung nach von den Polen genau beobachtet werden würde und auch für Deutsche eine gewisse Vorbildfunktion haben könnte (WGe 28.03.2012). Die Nennung des symbolischen Handelns der Präsidenten lässt sich als pars pro toto für den politischen Diskurs auf nationaler Ebene interpretieren. Das Handeln der Präsidenten ist greifbarer, medial einfacher vermittelbar und wird daher deutli49 Die Woiwodschaft Niederschlesien, zu der Zgorzelec gehört ist, aufgrund der Anlage der Republik Polen als Zentralstaat weniger bedeutsam als das Bundesland Sachsen. 50 Der Aspekt, dass zivilgesellschaftliches Handeln erst durch demokratische Strukturen möglich geworden ist und zur Zeit des Sozialismus undenkbar war, taucht hingegen kaum auf.
Produktion durch Repräsentationen des Raumes 75 cher wahrgenommen, während Veränderungen des Diskurses und gesellschaftlicher Einstellungen beider Länder schwerer zu greifen sind, auch wenn Vorbedingung und Einflussgegenstand des Handelns der Präsidenten sind. Die deutsch-französische Grenze wird von deutschen Interviewpartnern auffällig häufig als Beispiel mit Modellcharakter oder sogar „Inspirationsquelle“ (VGc 31.03.2012) für die deutsch-polnische Grenze genannt: „Man erlebt das auch mit Kehl und Straßburg, diese Grenzstädte, wo sich das wirklich wunderbar ergänzt. Eine Synergie und dass verschiedene Kulturen auch zusammenkommen“ (VGa 08.03.2012). Ein anderer schränkt jedoch ein, dass es sich um ein idealisiertes Bild handelt, da die Grenze mitnichten frei von Konflikten sei und nennt als Beispiel die deutsche Weinberglandschaft auf der einen Seite der Grenze und französische Atommeiler auf der anderen (WGa 23.03.2012). Rippl et al. (2009: 270) haben darüber hinaus festgestellt, dass das zivilgesellschaftliche transnationale Interesse an der deutsch-französischen Grenze ein „signifikant niedrigeres Niveau erreicht“ (ebd.: 271) als an der deutsch-polnischen Grenze, während das gegenseitige Vertrauen größer ist. Peripherisierung trotz Europäischer Integration und Rezentrierung Sowohl lokalpolitische Akteure als auch Vereine und Initiativen im Bereich grenzüberschreitender Zusammenarbeit definieren Görlitz und Zgorzelec nach der EUOsterweiterung als Schnittstelle zwischen Ostund West mit einer zentralen Lage in Europa. Wie in den Kapiteln 6.2 und 6.3 diskutiert, verfolgt die Europäische Union ebenfalls eine diskursive Rezentrierung der Grenzregionen entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs (Paasi 2001: 12; Bös/Zimmer 2006: 180). Dennoch wird die Lage von Görlitz und Zgorzelec von deutschen und polnischen Gesprächspartnern gleichzeitig als „Ende der Welt“ (IZa 28.03.2012) und „besonders peripherer Raum“ (VGe 28.03.2012) beschrieben. Eine ausgeprägte periphere Lage nennt Buursink (2001) als häufiges Kennzeichen von Grenzregionen und Grenzstädten. Hinweise auf eine weitere Verschärfung Peripherisierung liefert exemplarisch der Landesentwicklungsplan für das Land Sachsen, der eine Konzentration auf die Zentren
Produktion durch Repräsentationen des Raumes 76 Dresden, Leipzig und Chemnitz fordert. Sachsen soll demnach für die europäische Raumentwicklung vor allem die Vernetzung seiner Metropolregionen mit anderen europäischen Metropolregionen anstreben, während die Grenzregionen mit Polen und Tschechien als „Räume mit besonderem Handlungsbedarf“ mit „lagebedingten Problemen“ (LEP 2012: 12) pathologisiert werden. Görlitz-Zgorzelec soll wie einige weitere Grenzkommunen gestärkt werden, auch wenn dem Stadtraum keine „regionsspezifischen Potenziale“ (LEP 2012: 51) zugeschrieben werden. Die Staatsgrenze wird „trotz aller Durchlässigkeit“ (ebd.) als Erklärungsmuster für „lagebedingte Probleme“ (ebd.) genutzt, das sich zusammen mit der Konzentration auf die drei größten Städte Sachsens auch in den Interviews wiederfindet: „Wenn da nicht irgendwie dagegen gewirkt wird, dann ist Görlitz so eine Schwundregion weiterhin, weil diese Zentren wie Dresden, Leipzig, Berlin... Und wir sind eben an der Grenze, am Rand.“ (IGb 20.03.2012). Manche in Vereinen und Initiativen aktive Personen sehen allerdings Auswege aus der peripheren Lage und prognostizieren einen Rückgang des Froschsprungeffekts. Das war so, aber das ändert sich. Die müssen das halt nur alle verstehen. Görlitz hat eine super Position, denke ich. […] Der jetzige Stand ist sicherlich so, dass noch viele vorbeifahren. Aber das ist ein Trend, der sich ändern wird und sich auch schon ändert. (IGa 08.03.2012) Das, was „nur alle verstehen“ müssen, scheint die Denkweise zu sein, sich als gemeinsame Stadtregion zu definieren zu sein, von der Görlitz und Zgorzelec profitieren können. Zgorzelec ist zudem aufgrund der Anlage Polens als Zentralstaat mit geringen Kompetenzen auf Woiwodschaftsebene weiter von vielen Entscheidungsträgern entfernt als Görlitz und kann so auf Nationalstaatsebene betrachtet noch stärker profitieren. Der gegenwärtigen Lokalpolitik wird eine solche Denkweise jedoch abgesprochen. WGa: Was die Stadtorganisation im Rahmen der Landesentwicklung angeht. Zgorzelec ist da die […] letzte Stadt an der Westgrenze. Aber wenn wir gemeinsam auftreten, bekommen die auch einen anderen Status. I: Also eine Sichtbarkeit? Und Gewicht? WGa: Anderes Gewicht auch im Konzert der polnischen Städte. Das sind ja auch Wettbewerbe die da stattfinden. Und wenn wir immer gefragt wurden, wie viele Einwohner wir haben, da habe ich immer 100.000 gesagt. 60.000 Deutsche und 40.000 Polen. […] Wir haben uns sonst immer hingestellt: Niemand kümmert sich um uns, wir haben keine Sonderförderung für uns. Das ist auch ein allgemeines Problem aller Grenzstädte, egal welche Rechtsform und Gesellschaftsform. Also alle diese Grenzstädte, geteilte Städte, haben ja immer nur 180° Aktionsradius, wenn sie nicht zusammenarbeiten. (WGa 23.03.2012)
Produktion durch Repräsentationen des Raumes 77 9.2 Lokale Politik Ohne entsprechendes politisches und gesellschaftliches Umdenken und Handeln läuft Görlitz-Zgorzelec trotz einiger Pioniere Gefahr, eine Peripherie in der Mitte Europas (Vogt et al. 2009) zu bleiben; ein Stadtraum, der zwar in einer Region liegt, die durch Akteure der europäischen Union als neue Mitte von Europa propagiert wird, jedoch ein peripherer Raum oder Transitraum bleibt und als solcher wahrgenommen wird. Eine im Bereich grenzüberschreitender Bildung angestellte Person sieht hingegen eine weitaus größere Gefahr in der Reduktion der Europastadt auf den reinen Symbolcharakter (Bs 30.03.2012). Wie zu Beginn des Kapitels als Zwischenthese formuliert, liegt darin kein echter Fortschritt im Vergleich zum sowjetischen Duktus der Bruderstaaten. Zeichenproduktion Ausgehend von der Erneuerung der Städtepartnerschaft zwischen Görlitz und Zgorzelec, schrieb man 1995 Kultur und Europa als Leitbilder in der Stadtpolitik fest und wählte den Titel „Brückenstadt“, ehe 1998 die Umbenennung in Europastadt Görlitz/Zgorzelec erfolgte (Lück 2010: 61). Dies ist insofern bemerkenswert, da Görlitz und Zgorzelec zu diesem Zeitpunkt und für sechs weitere Jahre von einer EU-Außengrenze getrennt waren. Dennoch beanspruchte man für sich europäische Bedeutung bevor die europäische Union damit begann, Polen wieder als Teil Europas zu definieren. Während die Stadt Zgorzelec wenig „Europastadtsymbolik“ verwendet 51 und auch den Begriff Europamiasto nicht als Selbstbezeichnung auf ihrer Homepage führt, versucht die Stadtverwaltung Görlitz, an vielen Stellen prominent die Idee der Europastadt zu platzieren, was auf starke Ablehnung stößt, die jedoch nicht thematisch begründet ist. Kritisiert wird vielmehr die Intensität und Art und Weise wie die Stadtpolitik und das Stadtmarketing die Worthülse Europastadt möglichst häufig platzieren und die Europastadt bei Veranstaltungen und in ihren Veröffentlichungen beschwören. Dabei han51 In Zgorzelec befindet sich als sichtbarstes Zeichen der Gedenkstein zur Gründung der Europastadt Görlitz-Zgorzelec im Park vor dem Miejski Dom Kultury. Anders als in Görlitz nutzen fast keine Geschäfte und städtischen Einrichtungen Logos, die explizit auf eine Europastadt/-miasto hinweisen.
Produktion durch Repräsentationen des Raumes 78 delt es sich jedoch einerseits um eine von mehreren „Visionen, deren Entfernung vom Alltag täglich erlebbar ist“ (die tageszeitung 07.03.2003), andererseits widerspricht das tatsächliche Handeln von Stadtpolitik und Stadtmarketing deren Zeichenproduktion, wodurch sich die starke Ablehnung der symbolischen Politik erklärt, die eine Person aus dem Projekt Nowa Amerika deutlich macht. Sie freut sich sichtlich darüber, dass ich nicht die Politiker in den Fokus nehme. Sie habe ja schon überlegt hier wegzuziehen, weil das langsam nur noch frustrierend sei. „Das Wort Brücke, Brücke, Brücke, das kann ich einfach nicht mehr hören. Alles ist Brücke. Ich hab das satt“, sagt sie. Alles sei nur symbolische Politik. (Bb 06.03.2012) Angesprochen auf das stadtpolitische Projekt Europastadt finden sich ebenfalls häufig Aussagen wie „das klingt zwar alles ganz gut, was die da machen, aber das ist häufig nur so ein ‚Tun als ob‘“(Bd 09.03.2012). Ja, für die ist das alles Friede-Freude-Eierkuchen. Gut klingen muss das Ganze und wenn es dann vielleicht noch ein schönes Logo gibt, dann reicht das. (Bc 07.03.2012) Das beschriebene und häufig als unehrlich empfundene „Tun als ob“ und Gründe für drastische Kritik wie „erlogen, erstunken und schön fotografiert“ (Bp 27.03.2012) zeigen sich besonders deutlich am Beispiel der Europastadt Görlitz-Zgorzelec GmbH, die seit 2007 im öffentlichen Auftrag der Stadt Görlitz als privatrechtliche Gesellschaft agiert. Anders als der Name und das Logo der Gesellschaft suggerieren, ist sie nicht für grenzüberschreitende Kontakte zuständig und auch kein gemeinsames Organ der Städte Görlitz und Zgorzelec 52 , sondern übernimmt für Görlitz die Aufgaben Wirtschaftsentwicklung, Stadtmarketing und Tourismus mit aktuellen Projekten zum JugendstilKaufhaus, Einkaufszentrum, Berzdorfer See und Breitbandanbindung (Stadt Görlitz o.J.). Die Bezeichnung als Europastadt Görlitz-Zgorzelec GmbH ist in diesem Fall ein vollkommen vom ursprünglichen Sinn entleerter Signifikant, der mit grenzüberschreitender Zusammenarbeit de facto kaum etwas zu tun hat. Zgorzelec taucht entweder 52 Die Organisationsform als privatrechtliche Gesellschaft würde sich sogar als gemeinsames Organ anbieten, da sie weniger eng an nationale Vorgaben des öffentlichen Rechts gebunden ist eine Institution wie der Stadtrat. Der privatrechtliche Rahmen durch die DPFA erleichtert z.B. die Kooperation der Schulen Regenbogen und Tęcza laut den Aussagen von beteiligten Lehrkräften und Schulleitung.
Produktion durch Repräsentationen des Raumes 79 nicht auf oder wird als schmückender Zusatz verwendet; „Europastadt“ wird zum europäischen, weltgewandten Anstrich für Görlitz. Zgorzelec ist bisher nur am „gemeinsamen“ Handelsexposé, das durch die CIMA erarbeitet wurde, als Juniorpartner beteiligt. Die Europastadt GmbH betreibt ebenfalls die Görlitz-Information & Tourist-Service am Obermarkt. Von ihr werden an Besucher Stadtpläne herausgegeben, die entgegen der Bezeichnung als Europastadt nur Teile von Görlitz und einen winzigen Teil von Zgorzelec abbilden. Eine derartige Karte als Repräsentation des Raumes (Schmid 2005: 216) hat nicht nur Auswirkungen auf kollektive Vorstellungen des so konzipierten Raumes, sondern hat auch praktische Folgen. Für Besucher der Stadt Görlitz wird Zgorzelec aufgrund des Fehlens im Stadtplan zur doppelten Unbekannten, da sowohl Sprachund Wissensdefizite bestehen als auch die Orientierung erschwert wird. Über die Gründe kann nur spekuliert werden, da viele Touristen den Weg über die Altstadtbrücke wagen und die mittlerweile zahlreichen Restaurants und Cafés an der Uferpromenade in Zgorzelec gut besucht werden, was für ein generelles Interesse oder zumindest Neugier an Zgorzelec spricht. Geradezu grotesk erschien daher ein älteres Paar, bei dem der Mann mit dem Stadtplan in der Hand kurz nach der Altstadtbrücke fragte, ob die Stadt nun hier schon zu Ende sei oder es noch mehr zu sehen gäbe (Bt 08.07.2012). Ebenso wird Zgorzelec aus dem 2012 erschienen Imagefilm Brücken in die Zukunft 53 stark ausgeblendet, obwohl es laut Selbstbeschreibung um „Deutsch-Polnische Begegnungen an der Neiße“ geht. Mehrere Personen, die ich auf den Film angesprochen habe und zahlreiche Kommentare auf YouTube bemängeln, dass der Film zwar handwerklich gut produziert sei, aber außer Dom Kultury und einem Café nichts von Zgorzelec zu sehen ist. Zudem reproduziert der Imagefilm in der Interaktion zwischen deutschem, älteren Mann und einer jüngeren, polnischen Frau implizite Hierarchieverhältnisse und flüchtet sich in pathetische Aussagen und Allgemeinplätze wie „Wir verstehen uns ohne Worte, denn unsere Herzen sind unsere Dolmetscher“. 53 Online unter http://vimeo.com/42121009 verfügbar. Zuletzt geprüft am 15.08.2012.
Produktion durch Repräsentationen des Raumes 80 Europastadt – was ist das eigentlich? Ein Klärung der Frage, was „Europastadt“ außer einer Worthülse ist, erfordert Archivarbeit und lässt sich nicht mit dem Handeln gegenwärtiger Politik beantworten. Als Begründung ihrer Proklamation am 05. Mai 1998 findet man im Ratsarchiv Görlitz: Die Europastadt entstand als Konsequenz der historischen Umwandlungen und deren Auswirkungen auf die polnische und deutsche Bevölkerung aus der Tatsache eines gemeinsamen Kulturkreises, im Ergebnis der gemeinsamen Lösung der verschiedenen Probleme auf dem Gebiet der Kultur, der Bildung, der Wirtschaft und der kommunalen Ebene. (zitiert nach Opiłowska 2009: 251) Europa wird dabei als „Zukunft unserer Städte“ (ebd.) angesehen, für die allerdings eine enge Zusammenarbeit innerhalb von Stadtentwicklung und Stadtmarketing notwendig ist. Paradoxerweise bleibt die Europastadt nicht eine Worthülse, weil Konzepte zur Zusammenarbeit in diesem Bereich fehlen. Vielmehr wurden im Rahmen des BMBFProjekts „Stadt 2030“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter Einbezug beider Städte sowie Wissenschaftlern und Raumplanern aus Deutschland und Polen umfangreiche Gesamtkonzeptionen, Handlungsvorschläge, Leitbilder und Visionen entwickelt. Die damaligen Bürgermeister beschreiben sie als „zukunftsfähige Basis für die weitere Zusammenarbeit“ (Fiedorowicz/Karbaum 2005: 9). Als Ziel wurde formuliert: Im Zuge der fortschreitenden Europäischen Integration wachsen die deutsche Stadt Görlitz und die polnische Stadt Zgorzelec aus einer ehemals geteilten Grenzstadt zu einer gemeinsamen Europastadt zusammen. Dadurch werden die Chancen der Stadt im Europäischen Wettbewerb und die Lebensbedingungen der Bevölkerung verbessert. Die beschränkenden Bedingungen der Grenzlage werden überwunden, die Disproportionen der Stadtstruktur aufgelöst. Die Europastadt soll sich zu einem geistigen und wirtschaftlichen Zentrum der Region entwickeln und eine wichtige Rolle bei der Integration Polens in die Europäische Union übernehmen. Es soll ein Modell für vergleichbare Städte und Regionen geschaffen werden. Der Integrationsprozess wirft schwierige Fragen im Zusammenleben der Bevölkerung sowie komplizierte Handlungskonstellationen für die lokalen Akteure auf, und wird wahrscheinlich nicht konfliktfrei verlaufen. (Forschungsverbund zwischen Görlitz, Zgorzelec und dem IÖR 2002) Die Zielformulierung nennt den EU-Beitritts Polens im Jahr 2004 als Katalysator bzw. „Schlüsselmoment“ (Liubimau 2011: 64) der Zusammenarbeit. Görlitz-Zgorzelec wird dabei eine aktive, gewichtige Rolle bei der EU-Integration Polens zugesprochen, die Modellcharakter für andere Städte haben soll. Bemerkenswert ist zudem die erwünschte Überwindung der beschränkenden Bedingungen der Grenzlage, die somit die Staatsgrenze in ihrer trennenden Funktion aufweichen möchte. Geklärt werden sollte im Zuge
Produktion durch Repräsentationen des Raumes 81 von Stadt 2030 auch, „wie eine gemeinsame Identität und eine gemeinsame Organisationskultur für die Europastadt Görlitz/Zgorzelec generiert werden kann“ (Neumann 2005: 29) und letztendlich zu „gelebten Leitbilder“ (ebd.) führen. Ergebnisse des Projekts wurden unter dem Titel Zwei Grenzstädte wachsen zusammen (Friedrich et al. 2005) dokumentiert. Zahlreiche weitere Ergebnisse gab es auf einer gemeinsamen Homepage, die mittlerweile aus dem Internet verschwunden ist. Darüber hinaus sind im Rahmen der gemeinsamen Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas zahlreiche Beiträge zur Idee einer Europastadt geleistet worden (Kapitel 10.2.). Weitere Entwicklungskonzepte und Ideen wurden im Rahmen des Twin-Cities-Networks von 2004 bis 2007 und im von Rudolph/Jaeger (2008) herausgegeben Sammelband Görlitz-Zgorzelec. Strategien ohne Grenzen erarbeitet. Desinteresse seit 2007 In den Interviews wird insbesondere ein dramatischer Bruch der grenzüberschreitenden politischen Beziehungen mit einem Ausstieg aus fast allen grenzüberschreitenden Programmen im Jahr 2007 mit der Amtsübergabe des Oberbürgermeisterpostens von Rolf Karbaum an Joachim Paulick beschrieben. Zwar wurde von anderen Interviewpartnern teilweise relativiert, dass auch zuvor Reibungspunkte vorhanden waren und Fehler gemacht wurden oder Joachim Paulick auch Positives geleistet habe, dennoch fällt das Urteil tendenziell äußerst negativ aus. Ulf Großmann als Bürgermeister a.D. bewertet die gegenwärtige Politik als konzeptlos und verweist auf vergebene Chancen. WGa: Völlig klar, wenn man das eben nicht gut anpackt und im Moment wird ja nix gestaltet. Also das ist mein Eindruck zumindest. I: Das wäre auch meine Frage, wie das nun eigentlich ist, weil ich solche Sachen wie Brückenpark gelesen habe, die aber anscheinend irgendwie wieder verschwunden sind. WGa: Gehen sie ruhig mal kritisch damit um. I: Mittlerweile ist mein Eindruck so, dass von diesen grenzüberschreitenden Dingen weg geht. […] dass man irgendwie im Prinzip sagt „Wir können nicht mehr nur Kultur und Europastadt fördern“. Dass man da sich wieder wegbewegt hat. WGa: […] Das ist diese wirklich völlig destruktive, überhaupt nicht nachvollziehbare und auf den Holzweg befindliche Strategie. Wenn man überhaupt von einer Strategie reden kann. Das ist ja eigentlich nicht mal eine Strategie, es ist ja gar keine mehr erkennbar. Wenn man nun sagen würde: „Okay, Kultur nicht mehr aber dafür machen wir das und das und wir kämpfen mal um gemeinsame Gewerbegebiete oder Straßeninfrastruktur. Weil Kultur ist für uns abgelutscht, wir brauchen jetzt Hardware“. Könnte ja sein, ja, kann man ja dagegen sein. Das wäre
Produktion durch Repräsentationen des Raumes 82 ja wirklich was. Es geht aber im Moment um gar nichts. […] Das ist das was ich sagte: Die Gefahren der Normalität. Ja, das ist jetzt alles offen und jetzt kann ja jeder machen oder macht es nicht. Und die Politik nimmt ihren Gestaltungsauftrag und ihre Gestaltungsmöglichkeiten und vor allem die Chancen rauszuarbeiten überhaupt nicht wahr. Die Kommunikation ist ja fast auf einem Nullpunkt angekommen. Das hatte ja seinen Gipfelpunkt beim Hochwasser 2010 erreicht, die Stories kennen sie ja bestimmt. Wo der Görlitzer Oberbürgermeister sich hinstellt, weil ihn die Presse fragte, wieso denn die Polen schon Sandsäcke gelegt haben und in Görlitz alle noch spazieren waren. Und ob das denn nicht zur Verunsicherung beitragen würde. Man wusste ja dass da irgendwas kommt. Ja, er hätte die Telefonnummer von seinem polnischen Kollegen nicht gehabt.54 Da sage ich: „Wo sind wir denn?“ […] Nee, das ist einfach eine politische Haltung: „Wir haben kein Interesse.“ Und das kriegen die Polen sofort mit und dann machen die auch sofort zu. Vollkommen normal. Da sagen die „Okay, muss ja nicht sein, dann machen wir es eben nicht“. (WGa 23.03.2012) Die Aussage, dass das Fehlen von Görlitzer Interesse zu einem Glaubwürdigkeitsverlust und Desinteresse auf Zgorzelecer Seite führen kann, erscheint plausibel. Die Stadt Zgorzelec nimmt im Bereich grenzüberschreitender Kooperation zwar einen passiveren Part ein, hat grenzüberschreitende Projekte nach Aussagen der Interviewpartner jedoch stets unterstützt, während in Görlitz häufig von Desinteresse der dortigen Administration berichtet wurde. Die Aussagen von Ulf Großmann entsprechen weitestgehend meinen eigenen Eindrücke und fallen zum Teil noch drastischer aus. Es bleibt abzuwarten, ob der seit Juli 2012 amtierende neue Oberbürgermeister Siegfried Deinege die hohen Erwartungen aus der Zeit des Wahlkampfes umsetzen kann. In seiner Antrittsrede verspricht er auch eine Reaktivierung der Beziehungen zu Zgorzelec: Wir wollen außerdem eine echte Europastadt, eine Europastadt Görlitz/Zgorzelec sein, die mit Ihren weiteren tschechischen55 und polnischen Nachbarn zusammen lebt, zusammenarbeitet und sich austauscht. In dem Begriff Europastadt – und in dieser deutsch/polnischen Konstellation – liegt so viel Potential und so viel Möglichkeit, das müssen wir einfach nutzen. Gemeinsam sind wir stark. Das ist nicht nur ein Spruch – Europa wächst immer weiter zusammen. Und Brüssel vergibt seine Fördergelder schon lange am liebsten an grenzübergreifende Projekte. Aber ich will die Verbindung der Städte nicht nur wegen der Fördertöpfe aus Brüssel verbessern. Sondern ich will Sie verbessern, weil wir zusammengehören. So sehe ich das jedenfalls – und Herr Gronicz denke ich auch. Damit sind wir schon mal zwei. Und in Görlitz und Zgorzelec gibt es viele, die unserer Meinung sind. (Stadt Görlitz 26.08.2012) 54 Die Anekdote zum Neißehochwasser wurde ebenfalls vom Sächsischen Ministerpräsidenten Stanislav Tillich aufgegriffen, der auf einer Wahlkampfveranstaltung im März anmerkte, dass Deinege selbstverständlich die Telefonnummer seines Zgorzelecer Amtskollegen in der Tasche habe (Bq 29.03.2012). 55 Somit spricht er entgegen der ursprünglichen Idee einer deutsch-polnischen Europastadt auch vom Einbezug der tschechischen Nachbarn, auch wenn die Kooperation mit der Tschechischen Republik, insbesondere mit dem Liberecký kraj, im Süden des Landkreises Görlitz größere Bedeutung besitzt.
Produktion durch Repräsentationen des Raumes 83 Siegfried Deinege spricht vom Ziel einer „echte[n] Europastadt“. Dies impliziert, dass in der vorherigen Amtsperiode seiner Meinung nach eine unechte Europastadtpolitik betrieben wurde. Er trifft damit ziemlich genau den Kern, der in diesem Kapitel exemplarisch zusammengetragenen Befunde und Bewertungen durch die Aktiven der Stadtgesellschaft, indem er keine Zeichenproduktion, sondern Handlungsorientierung einfordert. Das Aufgreifen und die Reaktualisierung der Europastadtidee begründet er mit wirtschaftlichen, aber auch ideellen und sozialen Potentialen. Vorteilhaft gewählt ist häufige Verwendung von „zusammen“, sodass die Phrase „eine Stadt“ vermieden wird. Kapitel 11.1 widmet sich dieser vor allem in Görlitz populären und historisch schwierigen Vorstellung. „Zusammen“ impliziert hingegen die Gleichwertigkeit beider Städte. 9.3 Vereine und Initiativen: „Auf dem Papier vielleicht das Gleiche“ Es ist zum Zeitpunkt dieser Arbeit noch nicht möglich zu beurteilen, inwiefern der neue Oberbürgermeister die genannten, ambitionierten Ziele umsetzen wird. 56 Die Zustimmung zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit lag jedoch in beiden Städten bereits vor der Jahrtausendwende bei knapp unter 75% (Görlitz) bzw. knapp über 70% (Zgorzelec) (Waack 2000b: 135f.) und wurde von Pietroszek (2009: 150) mit über 90% bzw. fast 100% in einer Stichprobe von je 60 Personen angegeben. Wissenschaftliche Studien betonen ebenfalls die Notwendigkeit und Vorteile grenzüberschreitender Kooperation (Knippschild 2009; Waack 2000b; Lentz et al. 2009; Leibenath et al. 2008). Vor allem die in meiner Arbeit fokussiert betrachteten grenzüberschreitend aktiven Personengruppen orientieren sich an Zielen, die den bei der Proklamation der Europastadt formulierten Zielen in stark ähneln, wie eine polnische Mitarbeiterin am Schlesischen Museum anmerkt. 56 Siegfried Deinege scheint jedoch zumindest wieder einen politischen Willen zur Zusammenarbeit mit Zgorzelec demonstrieren zu wollen, da er sich beispielsweise beim fokus-Festival 2012 zusammen mit dem Zgorzelecer Bürgermeister Gronicz über das Gelände führen lies. Mit seinem Vorgänger Joachim Paulick sei selbst das undenkbar gewesen (VGe 09.09.2012).
Produktion durch räumliche Praxis 90 Das Feld grenzüberschreitender Interaktionen zwischen Görlitz und Zgorzelec im Alltagsleben lässt sich daran anknüpfend in die Bereiche „Einkaufen und Dienstleistung“ und „Kultur und Freizeit, Bildung“ sowie „Private Kontakte“ einteilen, die als unterschiedlich stark entwickelt bewertet werden. Umfang der Interaktionen und grenzüberschreitender Markt Das Einzelhandelsgutachten der CIMA (Donat et al. 2012) zeigt, dass lediglich 24% der befragten Görlitzer Zgorzelec als Einkaufsort nutzen, wobei die meisten einkaufsbezogenen Grenzübertritte zum Tanken genutzt werden. Im Vergleich zur Erhebung von Waack (2000b: 162) im Jahr 1995, die auf einen Wert von 46% kommt, bedeutet dies einen signifikanten Rückgang, der sich aufgrund von Preisangleichungen erklären lässt. Darüber hinaus zeigt sich eine fast vollständige Verdrängung der großen Polenmärkte 61 der 1990er hin zu großflächigen Einzelhandel am Stadtrand (Zgorzelec Plaza, real, Carrefour, Castorama, etc.), auf die direkt am Ortseingang von Zgorzelec an der Stadtbrücke teilweise deutschsprachig hingewiesen wird. Donat et al. (2012: 100) vermuten zudem, dass es für viele Görlitzer mittlerweile „quasi zum guten Ton gehört“ (ebd.) und sozial erwünscht ist, im eigenen Land einzukaufen, auch „wenn sie alle drüben Kippen kaufen und Tanken fahren“ (VGf 27.03.2012). Dennoch ist anzunehmen, dass der größte Teil der Grenzübertritte von Görlitzern nach Zgorzelec aufgrund des Einkaufsmotivs erfolgt, wobei viele Gesprächspartner während des Feldaufenthalts nicht nur Preisvorteile, sondern auch Qualitätsvorteile, insbesondere Serviceorientiertheit in der Gastronomie, hervorheben. Hierzu gehören im Bereich von Tankstellen, Einkaufen und Gastronomie auch deutschsprachiges Personal und die Akzeptanz von Euro. Bereits 1995 gaben 61% der Zgorzelecer an, in Görlitz einzukaufen (Waack 2000b: 162). Entgegen des enormen Marktpotentials für Görlitz von 456 Mio. Euro im polnischen Einzugsgebiet (BRD: 360 Mio. Euro) laut Donat et al. (2012: 29), finden sich bisher 61 Ein Görlitzer bemerkt dazu, dass man Polenmärkte fast schon unter musealen Schutz stellen müsse, da es im Umkreis von 100km nur noch am Grenzübergang in Bad Muskau einen gäbe (VGe 22.03.2012).
Produktion durch räumliche Praxis 91 deutlich weniger Kaufanreize und Erleichterungen für polnische Kunden in Görlitz als umgekehrt. Dołzbłasz/Raczyk (2011: 12) halten dies angesichts der angespannten Lage im Görlitzer Einzelhandel für verwunderlich und begründen die fehlende Nutzung des polnischen Marktpotentials zum einen mit dem nur unzureichend ausgebildeten Bewusstsein über dieses Potential, das Anstrengungen für Unternehmer auch ökonomisch sinnvoll macht, und zum anderen mit Stereotypen vom klauenden, armen Polen. Schilder mit Aufschriften wie „Mówimy po polsku“ 62 und polnische Beschriftungen finden sich insbesondere bei Reisebüros, dem H&M Modehaus und bei einigen Immobilienanbietern. Darüber hinaus finden sich auch derartige Hinweise im Bereich weiterer höherwertiger Dienstleistungen wie Rechtsanwälte und Unternehmensberatungen, die vermutlich eher auf in Görlitz lebende Polen ausgerichtet sind bzw. auf Polen, die in steigendem Maße in Görlitz unternehmerisch tätig sind oder dies planen. 63 Der Beitritt Polens zur europäischen Union und zum Schengenraum erleichtert in erster Linie den Austausch von Waren und Dienstleistungen, was der Anlage der EU als grenzüberschreitender Wirtschaftsraum entspricht. Grenzüberschreitendes Einkaufsverhalten ist laut Buursink (2001: 10) und Schultz (2004) ein häufiges Kennzeichen geteilter Städte und von Grenzgebieten in Europa, das auf ökonomischen Motiven beruht. Im Fall Görlitz-Zgorzelec spielen jedoch mindestens die Faktoren Vorurteile und Statusbewusstsein ebenfalls eine signifikante Rolle (Dołzbłasz/Raczyk 2011). Die integrative Kraft des Marktes Einige Interviewpartner werten die Tatsache ab, dass viele Görlitzer die Grenze „nur zum Einkaufen und Tanken“ (VGb 19.03.2012) überqueren. Sie vernachlässigen jedoch „die integrative Kraft des Marktes“ (Weiske et al. 2008: 243). Er stellt durch feste Rollen als Käufer und Verkäufer sowie das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium 62 Übersetzung: Wir sprechen Polnisch. Vorzufinden sind derartige Schilder vereinzelt, aber quer durch alle Branchen an einer Dönerbude, Sparkasse, Reisebüros, Immobilienmaklern und Rechtsanwälten. 63 Laut einer Mitteilung des Leibnitz-Instituts für Länderkunde vom 19.07.2010 entfiel bereits 2007 rund die Hälfte aller Gewerbeanmeldungen in Görlitz auf Unternehmer mit polnischer Staatsbürgerschaft.
Produktion durch räumliche Praxis 92 Geld das Funktionieren von Interaktionen und Kommunikation sicher und ist ein niederschwelliges Angebot zum Grenzübertritt. Eine Polin betont, dass „normalerweise alle Menschen von hier mal zum Einkaufen nach Görlitz gehen und die Görlitzer kommen nach Zgorzelec zum Einkaufen“ (SZa 29.03.2012), sodass eine gewisse Normalität erreicht wurde und es nicht mehr ungewöhnlich sei Deutsch in Zgorzelec zu hören. Die Vielzahl an Interaktionen und Begegnungen in diesem Gebiet kann daher auch zu einem Abbau mentaler Barrieren durch eine fortlaufende Gewöhnung an „das Andere“ führen. Der Markt bietet so die Chance zur Herausbildung von grenzüberschreitenden Alltagsroutinen. Eine Görlitzerin sieht daher im grenzüberschreitenden Konsumverhalten ebenfalls „eine gute Grundlage um sich anzunähern“ (IGb 20.03.2012). It's pretty normal, that Polish people are in Görlitz. Nobody thinks it's strange. And there are a lot of Germans who come here. They just come here. I know it is as normal for us as I feel, when I go to Görlitz. It's normal to hear German language on the streets or in the shops. Nobody thinks that it's something bad. Or something strange. We get used to each other. It's good. I know that it wasn't like that before. Ten years ago, or 15 years ago it was not like that. (IZb 21.03.2012) Grenzüberschreitende Einkäufe können Anstoßpunkt für den Fremdspracherwerb sein, wie ein Görlitzer im Seniorenalter erklärt. Er könne mittlerweile schon Gerichte nach polnischer Anleitung kochen und erzählt stolz, dass er sich in den polnischen Supermärkten mittlerweile selbst zu Recht finden kann und weniger häufig fragen muss (Bc 07.03.2012). Es handelt sich dabei allerdings um eine Ausnahme, denn die Bereitschaft deutscher Kunden, wenigstens ein paar Worte Polnisch zu sprechen, wird durchwegs als noch viel zu gering einschätzt. Bei Besuchen von Restaurants in Zgorzelec konnten zudem andere Tischgespräche und Gespräche vor den Restaurants mitgehört werden, die zeigten, dass die Besuche zum Überdenken einseitiger Stereotypen und negativer Erwartungshaltungen führen kann, da das Essen häufig als „sogar sehr lecker“ und die Restaurants als „sogar einladend und freundlich“ beschrieben werden, obwohl die Besucher dies anscheinend in Polen nicht erwartet haben.
Produktion durch räumliche Praxis 93 10.2 Kultur und Freizeit Auch wenn gezeigt wurde, dass grenzüberschreitendes Einkaufsverhalten zum Abbau von mentalen Grenzen führen kann und eine Trennung, wie sie Buursink (2001: 10) zwischen biculturist citizens und biculturist consumers formuliert, nicht trennscharf möglich ist, sind für den Aufbau einer grenzüberschreitenden Zivilgesellschaft über das Konsumverhalten hinaus gehende Interaktionen notwendig. Initiativen, Vereine und Institutionen geben in Görlitz und Zgorzelec zahlreiche Impulse zur Entwicklung grenzüberschreitender Kontakte und stellen Angebote als gemeinsame Erlebnisräume bereit. Transnationales zivilgesellschaftlichen Engagement verstehen Rippl et al. (2009: 261f.) als Ausgangspunkt auf dem Weg zum Ziel einer transnationale Zivilgesellschaft, die vor allem durch die Förderung des transnationalen Vertrauens und durch die Verbesserung transnationaler Integration erreicht werden soll. Strukturelle Unterschiede zivilgesellschaftlichen Engagements Während sich laut Borsig (2010a: 22) im Jahr 2006 13,6% der Polen in Vereinen und Initiativen betätigen, sind es in Deutschland rund 45%. Diese Werte sind jedoch nicht allein mit der sozialistischen Herrschaft zu begründen, die zu einer Zerstörung von Sozialkapital führte, sondern resultieren auch aus einem spezifisch westlichen Verständnis von sozialem Engagement in institutionalisierter Form in Vereinen. Obwohl Görlitz als auch Zgorzelec bis 1989 Teil des Ostblocks waren, zeigen sich große Unterschiede zwischen beiden Städten im Bereich grenzüberschreitender Initiativen. Während in Görlitz sehr viele Vereine und Initiativen gegründet wurden, sind es in Zgorzelec wesentlich weniger. Vor allem der Bereich der Kinderund Jugendarbeit wird dort, anders als in Görlitz, überwiegend von den Schulen und Kirchen übernommen. Es gibt eben auch in Polen diese kulturellen Zentren. Dom Kultury. Das findest du in jeder Stadt. Dort gibt es dann die Kulturangebote, so etwas dann wie Volkshochschule mit Keramikkurs und Tanzen. Das ist dann die Anlaufstelle, ist aber auch städtisch. Es ist jetzt nicht so ausgeprägt mit Eigenund Privatinitiativen. […] In der Kirche ist auch viel organisiert. Jugendarbeit wird in den Kirchen und Schulen gemacht, nicht in Vereinen. (VGb 19.03.2012) Und sie haben auch die Zusammenarbeit angesprochen. Bei uns gibt es viel weniger Vereine als auf der Görlitzer Seite. Bei uns gibt es das Lausitz Museum, das Jakob-Böhme-Haus. Das
Produktion durch räumliche Praxis 94 ist ein Verein. Ja, und hier das Kulturhaus. Das sind eigentlich zentrale Punkte wo verschiedene Veranstaltungen stattfinden. (IZa 28.03.2012) Darüber hinaus muss berücksichtigt werden, dass Zgorzelec eine deutlich geringere Einwohnerzahl als Görlitz aufweist, dortige Initiativen erst seit 2004 Zugriff auf Fördermittel der Europäischen Union besitzen und zunächst lernen müssen, wie man sie akquiriert und sinnvoll einsetzt (Br 30.03.2012). Kulturhauptstadtbewerbung als Wegbereiter Anders als vermutet, werden der direkte Einfluss des EUund Schengen-Beitritts Polens im Jahr 2004 bzw. 2007 auf grenzüberschreitende Kooperation meist aus pragmatischen Gründen wie dem einfacheren Grenzübertritt, aber nicht als wichtigste Meilensteine genannt. Für Görlitz und Zgorzelec wird vor allem die gemeinsame Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas 2010 64 betont. Auch wenn man hinter dem Ruhrgebiet und vor Städten wie Lücke, Bamberg, Karlsruhe, Potsdam und Köln lediglich den zweiten Platz erzielte (Baumgardt 2004: 15), wurde in vielen Interviews die besondere Bedeutung des Bewerbungsprozess, bei dem „viel los war“ (VGe 28.03.2012), als Katalysator grenzüberschreitender kultureller Aktivitäten hervorgehoben und von einer bisher nicht gekannten Dynamik innerhalb der Bevölkerung beider Städte gesprochen. Das hat nichts damit zu tun mit 2004 und 2007. Das hat viel mehr mit der Kulturhauptstadtbewerbung zu tun. Mit dem Prozess, das überlagert das. Natürlich gibt's auch Sachen, ganz klar eine Erleichterung dadurch, dass die Grenzkontrollen weggefallen sind. Mit dem Pässen, okay. Das sind dann ja fast eher kleine Sachen. Es gab ein Highlight. Das war die EUKulturhauptstadtbewerbung und das war halt Euphorie pur. Auf deutscher Seite und die Polen kamen halt dann auch dazu. Zgorzelec. Das ist jetzt blöd, eigentlich müsste man doch Zgorzelecer sagen. (VGe 28.03.2012) Auch wenn der Impuls aus Görlitz kam, lag die Zustimmung der Bewerbung in Zgorzelec und den umliegenden Orten laut einer Befragung aus dem Jahr 2005 bei knapp über 80% 65 , sodass von einer breiten und grenzüberschreitenden Unterstützung gesprochen werden kann. Die Planungen und ersten Ideen begannen im Jahr 1999 und wur64 Der Titel „Kulturhauptstadt Europas“ ist eine Kulturinitiative der Europäischen Union und wird jährlich vergeben. 65 Erhebungen im Rahmen einer Bachelorarbeit an der HS Zittau-Görlitz (KulturA). 15% äußerten sich neutral, nur 5% der Befragten sahen die Bewerbung negativ.
Produktion durch räumliche Praxis 95 den ab 2001 intensiviert, ehe ab 2003 ein Kulturhauptstadtbüro eingerichtet wurde (Lück 2010: 62). Ulf Großmann, der als einer der Väter der Bewerbung gilt, beschreibt die Blickrichtung der Bewerbung als Modellvorhaben mit Vorbildcharakter für andere Städte mit einem dezidierten Fokus auf nationaler Kultur im europäischen Kontext. […] diesen interkulturellen, europäischen Ansatz. Oder nicht nur die europäisch relevante nationale Kultur, sondern auch die Frage zu stellen: „Was ist an dieser nationalen Kultur, wie stellt die sich im europäischen Kontext“. Das war für uns der Anlass im Vornherein zu sagen: Also wir als Stadt Görlitz alleine, da haben wir keine Chance. Wenn dann nur gemeinsam mit Zgorzelec als gemeinsame Bewerbung um diesen europäischen Impetus da reinzubringen und darzustellen. Immer mit der Blickrichtung Modellvorhaben, Modellstadt, europäisches Laboratorium. Und die Idee haben wir dann wiederum in die Kulturhauptstadt aufgenommen, immer mit der Frage: Was kann Kultur dabei leisten? Die Erfahrung, dass Kultur eine ganz bedeutsame Rolle ist. (WGa 23.03.2012) Das Programm der Europäischen Kulturhauptstadt sollte jedoch nicht nur nach außen wirken und Görlitz-Zgorzelec „From the middle of nowhere to the heart of Europe“ befördern, sondern sah sich selbst als Versuch einer gelebten Europäisierung im Alltag, das über ein „Europa der Deklarationen“ (Baumgardt 2004: 85) hinaus geht. Strategisches Ziel war daher, über Projekte an einer gemeinsamen kulturellen Identität in den Bereichen Sprache, Erinnerung und Visionen zu arbeiten (Liebmann/Fröhlich 2009: 248). Bei einer Präsentation zur Bewerbung zum UNESCO Weltkulturerbe wurde explizit auf die Kulturhauptstadtbewerbung Bezug genommen (Bj 15.03.2012). Die Vorhaben, dieses Programm wieder als Motor und grenzüberschreitendes Vorhaben zu nutzen, stieß dabei auf breite Zustimmung unter den Anwesenden. Zentrale Akteure Der Meetingpoint Music Messiaen (siehe auch Kapitel 9.3) wurde von fast allen Interviewpartnern als wichtiges oder sogar wichtigstes deutsch-polnisches Projekt in GörlitzZgorzelec genannt, bei dem die Beteiligten „wirklich Herausragendes leisten“ (MW 28.03.2012). Laut übereinstimmenden Aussagen auf beiden Seiten der Neiße besitzen sie in Zgorzelec und Görlitz hohe Akzeptanz, auch wenn auf dem Gelände durch mutwillige Zerstörungen an Schildern (Bt 08.07.2012) und Schmierereien wie „Schlesien bleibt deutsch“ (Bg 11.03.2012) deutlich wird, dass es sich nicht nur, wie selbst definiert, um einen Begegnungsraum, sondern ebenfalls für andere um einen Konfliktraum handelt.
Produktion durch räumliche Praxis 96 Neben der bereits in Kapitel 9.3 angesprochenen guten Einbindung von polnischen und deutschen Partnern, zeichnet sich das Projekt auch durch zahlreiche weitere Aktivitäten aus, auf die bei der Exkursion und auch im Gespräch erst auf Nachfrage eingegangen wurde. Diese beinhalten nicht nur Geschichtswerkstätten und Workcamps, sondern auch das Bereitstellen des Netzwerks an andere Vereine und Hilfe bei Übersetzungen und Formalitäten wie im Fall der grenzüberschreitenden ACTA-Demo im Frühjahr 2012. Darüber hinaus integriert der Verein durch vielfältige Aufgabenbereiche verschiedenste soziale (Interessens-)Gruppen von der Pflege des Gelände des StaLag VIIIas über Graffiti und Musik am Marienplatz, bis hin zur hochkulturellen Musik Messiaens. Im Bereich der Kinderund Jugendarbeit sind zahlreiche Initiativen zu nennen, die mit unterschiedlichen Ansatzpunkten versuchen, deutsch-polnische Begegnungen und Zusammenarbeit zu ermöglichen. Zum einen ist dies die Koordinationsstelle für Internationale Kinderund Jugendarbeit unter der Dachmarke Wir°My in Trägerschaft des Europahaus e.V. und zum anderen der Verein Second Attempt mit dem jährlichen deutsch-polnischen Fokus-Festival, das 2012 verstärkt „deutsche und polnische Träger zusammenbringen und zusammenarbeiten“ (FOKUS) möchte. Von Second Attempt e.V. wurde auch mit dem Kulturzentrum in Bolesławiec (Bunzlau) der Workshop „Tonbilder“ durchgeführt. Unter der lokalen Trägerschaft von Ideenfluß e.V. und Nasze Miasto (Unsere Stadt) möchten der Zgorzelecer Jugendrat und das in den Kinderschuhen steckende Görlitzer Jugendparlament zusammenarbeiten. Gemeinsam haben sie die zehnte Konferenz des YEPP-Netzwerks (Youth Empowerment Partnership Programme) im Herbst 2011 veranstaltet. Ein Mitglied des Jugendrats in Zgorzelec erklärt mir, dass sie gerne die Zusammenarbeit intensivieren möchten, um voneinander zu lernen und auch vom Aufbruch der Görlitzer Jugend unter Trägerschaft des Second Attempt e.V. wissen, jedoch außer YEPP noch keine Vernetzung stattfand (VZa 30.03.2012). Partnerschaftlich von mehreren deutschen und polnischen Initiativen wird die Kinderstadt Görlitz-Zgorzelec veranstaltet, die sich an Görlitzer, Zgorzelecer und ukrainische Kinder richtet, die einige Tage eine eigene Mikrostadt gemeinsam entwickeln.
Produktion durch räumliche Praxis 97 Einer der ersten Vereine, der sich seit 1991 einer breiten Palette an Themen und Aktionen widmet, ist der Europahaus e.V. mit gleichnamigem Anlaufpunkt am Untermarkt. Andere wichtige Institutionen sind das Schlesische Museum Görlitz, das Theater Görlitz mit den Straßentheatertagen via thea und der Tierpark Görlitz. Sie treten zum Teil mit eigenen Veranstaltungen wie einer Exkursion nach Zgorzelec (Schlesisches Museum) in Erscheinung, übernehmen als Kultureinrichtung eine Brückenfunktion und werden von Zgorzelecern wahrgenommen und zunehmend genutzt. Das Schlesische Museum und der Tierpark Görlitz ermöglichen ein gemeinsames Erleben von Deutschen und Polen durch eine vollständig zweisprachige Beschriftung und dezidierte Ansprache an polnische Bürger, während im Theater Görlitz Vorstellungen zum Teil polnisch übertitelt werden und wie vom Schlesischen Museum an Litfaßsäulen in Zgorzelec geworben wird. Inklusion vollzieht sich hier vor allem durch Sprache (vgl. Kapitel 10.6) und beim Tierpark darüber hinaus durch die Annahme von Złoty oder ermäßigte Preise für polnische Staatsbürger im Theater. Letzteres wird als Anpassung an Kaufkraftunterschiede zwischen Deutschen und Polen begründet und von polnischen Bürgern erwünscht (KulturA) 66 . In den Interviews mit an diesen Institutionen beteiligten Personen wurde deutlich, dass man es einerseits aufgrund der Grenznähe als selbstverständlich erachtet, polnische Beschilderungen anzubringen, andererseits durch demographischer Veränderungen auf steigende Besucherzahlen aus Polen zur Existenzsicherung angewiesen ist. In Zgorzelec dominiert das Miejski Dom Kultury als städtisches Kulturhaus nicht nur optisch das Stadtbild, sondern wird sowohl für rein polnische als auch deutschpolnische Veranstaltungen als wichtigster Anlaufpunkt genannt. Darüber hinaus sind die Mitarbeiter am Dom Kultury gut mit Görlitzer Vereinen und Initiativen vernetzt und unterstützen diese bei Planungen grenzüberschreitender Veranstaltungen wie dem Straßentheaterfestival via thea. Wie der Name schon erklärt, ist das Kulturhaus in städtischer (miejski) Trägerschaft. Während des Aufenthalts im März 2012 fanden dort 66 Primärdaten aus einer Bachelorarbeit an der HS Zittau-Görlitz.
Produktion durch räumliche Praxis 98 unter anderem ein Medizinkongress, ein deutsch-polnisches Chortreffen, eine sehr stark frequentierte internationale Arbeitsmesse mit überwiegend deutschen Ausstellern und eine ins Polnische übersetzte Ausstellung des Görlitzer Senckenberg Naturkundemuseums statt. Das Haus wird vielfältig genutzt und besitzt ein Kino und Amphitheater und ist Anlaufpunkt für Ausstellungen, Tanzkurse und Workshops. Über die Geschichte des Hauses als ehemalige Ruhmeshalle wird anhand von Wandtafeln erinnert, wobei es weiterhin als überaus repräsentativer Ort für Empfänge von Politikern und gemeinsame Stadtratssitzungen genutzt wird. Darüber hinaus gibt es mit Euroopera einen polnischen Verein am Neißeufer, der das Dom Jakuba Böhme betreibt, das Muzeum Łużyckie zwei Häuser weiter, den bereits angesprochenen Jugendrat Zgorzelec, und den Interclub FEMINA, der sowohl in Zgorzelec als auch in Görlitz besteht. Im Bereich kirchlicher Zusammenarbeit konnte während des Feldaufenthalts an einem gemeinsamen Kreuzweg von Heilig Kreuz in Görlitz zu ihrer „Filialkirche“ St. Bonifazius in Zgorzelec teilgenommen werden, der zum sechsten Mal stattfand. Beide Pfarrer sprachen in ihren Predigten von der Bedeutung des gemeinsamen Glaubens, der Grenzen überschreiten und Völker, die sonst noch vieles trennt, verbinden könne (Bk 16.03.2012). Darüber hinaus konnte der frühere deutsche Friedhof in Zgorzelec-Ujazd besucht werden, der bis 2005 vollkommen verwüstet war und unter der Leitung von Pfarrer Slawomir Lewandowski zusammen mit einer evangelischen Kirchengemeinde ab 2007 wieder in einen guten Zustand gebracht wurde, „um in Würde zu erinnern“ (WZb 11.03.2012). Zum Einsatz kamen auch hier Mittel der EU und der Euroregion Neiße. Kirchliche Zusammenarbeit wurde in Gesprächen und Interviews kaum genannt und ist nur selten Netzwerkpartner von Vereinen und Initiativen, jedoch ist insbesondere für Zgorzelec eine große Bedeutung der kirchlichen Arbeit anzunehmen. Nutzung der Angebote Der Zuspruch der zahlreich vorhandenen integrativen Angebote durch Görlitzer ist ambivalent zu betrachten, da es zwar eine große Nachfrage nach derartigen Angeboten gibt, jedoch nur bestimmte gesellschaftliche Gruppen daran teilnehmen. Exemplarisch
Produktion durch räumliche Praxis 99 zeigt sich dies an einer Exkursion des Schlesischen Museums nach Zgorzelec am 11. März 2012. Sie war für 45 Personen geöffnet und bereits Ende Februar ausgebucht, sodass eine Warteliste angelegt wurde und am Tag der Exkursion mehrere Personen versuchten, Restplätze zu erhalten. Im Interview mit der Veranstalterin am 19. März 2012 berichtet diese, dass bereits 67 Anmeldungen für eine noch nicht angekündigte Wiederholung der Exkursion vorliegen (IGa 19.03.2012). Auch im Bereich der Kinderund Jugendarbeitet hat es seit Jahren nur in einem Fall Probleme gegeben, genügend Interessenten zu finden (VGe 28.03.2012). Lediglich das Interesse der Schulen in Görlitz, sich mit der regionalen Geschichte grenzüberschreitend auseinanderzusetzen wird von einer Person als unzureichend beschrieben (VGb 19.03.2012). Mit zunehmenden eigenen Besuchen von Veranstaltungen stellte sich jedoch auch heraus, dass es einen festen Stamm an Teilnehmern derartiger Angebote gibt. Und am Ende denke ich mir, sind es doch immer nur die gleichen, die Kontakt mit Zgorzelec haben. (VGb 19.03.2012) Diese Gruppe kann subjektiv als überwiegend kulturaffine, gut gebildete Mittelschicht mit einem hohen Anteil Zugezogener beschrieben werden, die zum Teil in hoher Frequenz an derartigen Angeboten teilnehmen. Während des Feldaufenthalts und der Teilnahme mehrerer grenzüberschreitender Veranstaltungen konnten dadurch zahlreiche Personen immer wieder angetroffen werden. Die Nutzung von Kulturangeboten in Görlitz durch Zgorzelecer ist hingegen weniger gruppenbezogen und von der Vereinsarbeit weitestgehend entkoppelt. Der Einbezug von Görlitz als Erweiterung des eigenen Handlungsraums vollzieht sich hier wesentlich eigenständiger und wird als ausgeprägter beschrieben. Natürlich kommen die polnischen Bürger auch ganz selbstverständlich hier her. Die kommen viel selbstverständlicher hier her als wir umgekehrt. […] Ja, ich denke, dass wirklich Zgorzelecer mehr zu uns kommen. Görlitz auch mehr nutzen als die Görlitzer Polen. (IGb 20.03.2012) Eine Mitarbeiterin des Dom Kultury beschreibt es ebenso als „vollkommen normal“ (IZa 28.03.2012), dass Zgorzelecer Görlitz als Kulturund Freizeitraum nutzen und bemerkt, dass es ganz selbstverständlich sei, dass man als Zgorzelecer Sonntagsbesuche
Produktion durch räumliche Praxis 106 Wichtig ist, dass man sich von Anfang an interkulturell begegnet, ohne dort groß Barrieren aufkommen zu lassen, die bei den Kindern noch gar nicht bestehen, sondern eher bei den Erwachsenen, bei den Eltern vorhanden sind und dann so subjektiv den Kindern gegenüber dargelegt werden, sodass die dann irgendwann eine Stereotypisierung entwickeln. Und das wollen wir eben nicht, sondern das aktiv verhindern, indem wir Begegnungstage machen. (SGb 22.03.2012) Die Hochschule Zittau-Görlitz ist die einzige Hochschuleinrichtung in Görlitz. Sie wird ihrem Slogan „Studieren ohne Grenzen“ nur durch die englisch-tschechisch-polnischen Übersetzer-Studiengänge und kleineren Projekten wie GÜSA (Grenzüberschreitende Vernetzung Sozialer Arbeit e.V.) gerecht, erreicht aber nicht den Status der Viadrina Europa-Universität in Frankfurt (Oder) mit dem Collegium Polonicum in Słubice. Sie ist Teil der Neisse-University, die als Netzwerk der Technischen Universität Liberec (Tschechien) und der Technischen Universität Wrocław den Studiengang Information and Communication Management (B.Sc.) anbietet. Somit knüpft man Kontakte zu weiter entfernten Zentren, aber nicht nach Zgorzelec. Auch wenn für 24% der Studierenden die Grenzlage ein Grund war, an der HS Zittau-Görlitz zu studieren und sie die Grenzlage zu zwei Dritteln positiv bewerten, wird die Lage des Görlitzer Hochschulstandorts in nächster Nähe zum Grenzübergang nicht aktiv genutzt (Thiele/Vogt 2011: 17ff.): „Die Hochschule hat weltweit Kooperationspartner, aber die, die 500m Luftlinie entfernt sind, fragt man nicht“ (WGa 23.03.2012). Ohne weitere Anreize, Kooperationen und Unterstützung steht die tatsächliche Anzahl von Grenzübertritten durch Studierende in starkem Kontrast zur Bewertung der Grenzsituation und den eigenen Ansprüchen. Ein eigener Forschungsbericht der Hochschule Zittau-Görlitz muss daher feststellen, dass der Slogan „Studieren ohne Grenzen“ „in der Praxis der von den Studierenden erlebten Wirklichkeit nicht stand [hält]. Mit den Angeboten, die die Grenzlage betreffen, könnten Hochschule und IHI an jedem beliebigen Ort in Sachsen stehen“ (Thiele/Vogt 2011: 27f.). Der Anteil der polnischen (und tschechischen) Studierenden ist trotz der Lage an der Staatsgrenze ebenfalls vergleichsweise gering (Thiele/Vogt 2011: 7). Eine polnische Lehrerin erklärt, dass die Hochschule Görlitz leider eine selten genutzte Option ihrer Absolventen ist und sich diese eher in Richtung der polnischen oder europäischen Zentren orientieren (SZb 30.03.2012).
Produktion durch räumliche Praxis 107 Netzwerkund Multiplikatorfunktion Deutsche und polnische Schulklassen sind wichtige Anlaufstellen für Akteure im Bereich grenzüberschreitender Initiativen, da sie eine kollektive Ansprache an größere Gruppen ermöglichen, die möglicherweise nicht von selbst aktiv werden. Alle Organisationen die im vorherigen Kapitel beschrieben wurden, versuchen daher auch Schüler in Form von Geschichtswerkstätten und Schülerprojekten direkt einzubinden oder als Besucher regulärer und spezieller pädagogischer Angebote in Museen, Tierpark und Theater zu erreichen. Auf diese Weise wird ein niederschwelliger Zugang zu Kulturangeboten und grenzüberschreitenden Projekten geschaffen, der dennoch vor allem Schüler der Gymnasien bzw. Gimnazja und der Licea erreicht. I: Wie erreicht man eigentlich die Passiven? Also nicht die Kulturaffinen und Interessierten. VGe: Die erreicht man in der Regel auch nur über Schulen, über Kollektivmaßnahmen, wo sie auch dabei sein müssen. Und deswegen ist das auch wichtig, dass man mit Schulen zusammenarbeitet. Da kriegt man auch fast alle Gesellschaftsschichten im Prinzip. Natürlich bewege ich mich da auch mehr im gymnasialen Milieu. Das ist ja auch schon nicht mehr repräsentativ. Die Mittelschulen, die müsste man eigentlich erreichen. (VGe 28.03.2012) Darüber hinaus können positive Erfahrungen der Schüler und Studenten möglicherweise auch dazu führen, dass deren Eltern ihre Einstellungen überdenken. Meine Eltern sind über 50 und die mögen die Deutschen. Vielleicht weil ich dort studiert habe, wer weiß, und dort hab ich auch gewohnt. Deswegen kann das gut sein. Weil die Eltern, die hören den Kindern ja auch zu. Deswegen, wenn diese gute Erfahrungen gemacht haben, dann freuen die sich doch und vielleicht denken die dann auch selbst anders. Vielleicht. (SZa 30.03.2012) Einer Lehrerin des bilingualen Zweiges sind zudem auch Fälle bekannt, in denen sich Kontakte der Schüler auf die Elternhäuser ausgeweitet haben und dazu geführt haben, dass die Eltern Polnischunterricht genommen haben (SGZ 29.03.2012). Die bedeutende Rolle der Schulen in Zgorzelec für die Jugendarbeit ist eine herausfordernde zusätzliche Aufgabe, bei der laut einer Lehrerin „Brutalisierung und Alkoholmissbrauch“ (SZb 30.03.2012) die größten Probleme seien. Dass die Jugendlichen in Zgorzelec aus ihrer Sicht sehr träge und teilweise desillusioniert sind, „darf aber kein Grund sein, ihnen keine Perspektive zu zeigen, sondern muss vielmehr ein Ansporn dazu sein“ (ebd.). Da in Görlitz ähnliche Problemkomplexe wie Kinderarmut und Per-
Produktion durch räumliche Praxis 108 spektivlosigkeit genannt werden (YEPP: 9ff.), bietet sich einerseits ein Austausch über Lösungsversuche an, andererseits können so grenzüberschreitende Perspektiven aufgezeigt werden. Ein derartiges Projekt ist jedoch zum jetzigen Zeitpunkt nicht bekannt. 10.4 Private Kontakte Mehrfach wurde darauf hingewiesen wurde, dass private Kontakte zwischen Görlitz und Zgorzelec noch wenig ausgebildet sind, da sie eine größere Entwicklungszeit benötigen. Für eine Zunahme grenzüberschreitender privater Kontakte und Interaktionen sprechen drei Faktoren. Einerseits führt die steigende Zahl deutsch-polnischer Ehen in Görlitz von unter 1% (1990) auf über 8% (2006) (Opiłowska 2009: 18) zu grenzüberschreitenden Verwandtschaftsbeziehungen, die Anlass für grenzüberschreitende Interaktionen geben. Andererseits lebt auch eine steigende Anzahl polnischer Bürger in Görlitz und besitzt eigene Verbindungen nach Zgorzelec oder in den Rest Polens; sie sind zusätzlich für andere Bevölkerungsteile potentielle Vermittler zwischen Görlitz und Zgorzelec, da sie häufig beide Sprachen beherrschen und Kenntnisse über Strukturen in Deutschland erwerben und über Polen bereits besitzen. Darüber hinaus betont eine polnische Lehrerin einer bilingualen Klasse am Augustum-Annen-Gymnasium, dass diese Klassen auch über die Institution Schule hinaus zu deutsch-polnischen Kontakten und Freundschaften führen können. Ich kann Ihnen sagen, ich sehe das bei Facebook [lacht]. Dass die ehemaligen Schülern aus den B-Klassen… die haben intensiven Kontakt. Die sprechen über bestimmte Tage, die man zusammen verbracht hat. Die kommentieren einander in beiden Sprachen ihre Einträge. Da merkst du dann, dass es wirklich funktioniert. (SGZ 29.03.2012) 10.5 Die Bedeutung von Cultural Brokers Mirwaldt (2010: 435f.) betont in Bezug auf die Kontakttheorie in Gordon Allports Studie The Nature of Prejudice (1954), dass Begegnungen zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen die Beziehungen zwischen den Gruppen verbessern und Vorurteile abbauen können, falls sie durch direkten Kontakt feststellen, dass ihre Vorurteile unbegründet sind. Es liegt auf der Hand, dass derartige Prozesse nicht ablaufen können, wenn keine Begegnungen stattfinden. Wie in Kapitel 10.1 argumentiert, liefert der
Produktion durch räumliche Praxis 109 Markt einen gewissen Teil solcher Begegnungen, der jedoch keine aufgrund fester Handlungsmuster keine komplexere Kommunikation erfordert. Das Ausbleiben weiterer grenzüberschreitender Interaktionen wird vor allem mit Wissensdefiziten über die jeweils andere Seite begründet und in Görlitz zusätzlich mit Ängsten und Unsicherheit. Ich treffe auch sehr viele Leute in Görlitz, die Angst haben nach Zgorzelec zu gehen, die auch nicht wissen, was sie dort sollen. Also ich glaube, die Leute sind schon offen, aber sie wissen nicht, wie sie an die Sache rangehen sollen. Manche sind auch ängstlich. (VGb 19.03.2012) Und weil man mich immer gefragt hat, was ist das? Und wie ist das? Tag des offenen Denkmals, wie funktioniert das? Woher sollen die das auch wissen. (IZa 28.03.2012) Akteure aus dem Bereich der Kultur, Freizeit und Bildung tragen durch ihre integrativen Angebote, aber vor allem durch ihr Wissen über beide Seiten zur Etablierung von Erstkontakten und der Intensivierung von Kontakten bei. Sie können daher als Cultural Brokers angesehen werden. Michie (2003) versteht darunter eine „person who facilitates the border crossing of another person or group of people from one culture to another culture“. Ihre Aufgaben bestehen im „linking or mediating between groups or persons of differing cultural backgrounds for the purpose of reducing conflict or producing change“ (Sotnik/Jezewski 2001). Sie stellen in Görlitz und Zgorzelec einerseits ihre eigenen Netzwerke und binationalen Kompetenzen für interessierte Personen zur Verfügung und vermitteln Wissen über die jeweils andere Hälfte. Andererseits – und dabei handelt es sich um die vermutlich schwierigere und größere Aufgabe – aktivieren sie bisher passive Personen, denen es selbst nicht gelingt, mehrere soziale, mentale und territoriale Grenzen zu überwinden oder gar keinen Anlass dazu sehen. Wir machen im Europahaus bis zum heutigen Tag so ein Programm, wo wir ganz gezielt Leute aus dem ländlichen Raum aus Zgorzelec herum abholen, die noch nie in Deutschland waren. Die keine Beziehung dazu haben und niemanden dazu haben, der sie animiert hat. Und die natürlich auch Vorbehalte haben. Und wenn die das so in der Gruppe machen – und da haben wir auch Partner in Polen, die das dann moderieren. Wenn die dann einmal hier sind, dann sind die natürlich total begeistert und sagen „warum haben wir das nicht schon eher gemacht?“ Aber die kommen eben nicht mal über die Grenze ihres Dorfes hinaus und schon gleich gar nicht über die Grenze ihres Landes Richtung Deutschland. (WGa 23.03.2012) Die großen Zustimmungswerte zur Zusammenarbeit beider Städte bei gleichzeitigen großen Wissenslücken und gering verbreiteten binationalen Kompetenzen deutet auf ein großes Aufgabenfeld lokaler Cultural Broker hin. Wie bereits Weiske et al. (2008:
Produktion durch räumliche Praxis 110 430ff.) betonen, ist hier vor allem die Aktivierung der bisher passiven Bevölkerungsteile, die in Görlitz und Zgorzelec einen Großteil der Bürger ausmachen, eine entscheidende Aufgabe. Eine gute Ausgangsbedingung ist, dass von vielen Interviewpartnern das Engagement im Bereich grenzüberschreitender Kooperation mit der Motivation Wissen an andere zu vermitteln begründet wird. Für mich persönlich war es der Impuls die eigene Entdeckungen in Zgorzelec eben auch den anderen Görlitzern nahe zu bringen. Mit der relativ hohen Gewissheit, dass es sich lohnt für die Görlitzer. Dass das auf Interesse stößt. (IGa 19.03.2012) 10.6 Die Bedeutung der Sprache Gemeinsame Sprache gilt als eine der grundlegenden Bestandteile modernder Konzeptualisierungen von Nationalität (Asher 2000: 137). Gefragt nach trennenden Elementen zwischen Görlitz und Zgorzelec wird nicht nur von allen Gesprächspartnern eine Sprachbarriere genannt, sondern diese auch durchwegs als größtes Hindernis beschrieben. Sprache zeigt mit größter Genauigkeit die Zugehörigkeit zu einer nationalen Gruppe an (Asher 2000: 137) und ist gleichzeitig das häufigste Element, das zur wechselseitigen Inklusion genutzt wird. Erst durch das Beherrschen der Nachbarsprache ist grenzüberschreitende Kommunikation und die selbstständige Aneignung von Wissen über die jeweils andere Seite der Grenze sowie eigene grenzüberschreitende Mobilität möglich. It is always a big barrier. If you don't know the language you are like someone who can't speak or someone, who is deaf. You just can't communicate. (IZb 21.03.2012) Die institutionellen Anstrengungen auf dem Gebiet des Nachbarspracherwerbs sind dementsprechend in beiden Städten, wie im Kapitel 10.3 beschrieben, sehr ausgeprägt, wobei Zgorzelecer ihre Kinder häufiger in Bildungseinrichtungen mit Deutschunterricht schicken und selbst häufiger Deutsch sprachen als umgekehrt. Görlitzer mit Polnischkenntnissen sind selten und können den steigenden Bedarf an Personen mit dieser Qualifikation nicht decken. Also […] wir Deutschen, müssen uns da ein bisschen an die eigene Nase greifen. Und das ist ja das, dass wir viel zu wenig Polnisch sprechen. Aber die Bürger aus der Republik Polen sind
Produktion durch räumliche Praxis 111 da viel viel flexibler als wir. Ich denke es gibt viel viel mehr Polen, die Deutsch sprechen als Deutsche, die Polnisch sprechen, gerade hier in Görlitz und Zgorzelec. (VGa 08.03.2012) Im Auszug wird deutlich, dass der Gesprächspartner nicht länger nur von Polen erwartet, Deutsch zu lernen, sondern selbstkritisch einräumt, dass die Bereitschaft Polnisch zu lernen höher sein müsste. Er widerspricht der laut Asher (2000: 137) typischen Rechtfertigung von Deutschen, die auf die größeren wirtschaftlichen Vorteile für Polen durch Deutschkenntnisse verweisen und keine Notwendigkeit sehen, Polnisch zu lernen. Bemühungen zur Inklusion von Bürgern der jeweils anderen Nationalität, die nur die eigene Muttersprache beherrschen, konzentrieren sich daher in erster Linie auf bilinguale Beschriftungen und die Hilfe von Dolmetschern oder das Bereitstellen polnischbzw. deutschsprachiger Mitarbeiter. In allen deutsch-polnischen Veranstaltungen sind Übersetzungen notwendig, sodass die unterschiedliche Nationalität auch bei gemeinsamen Erlebnissen ständig präsent bleibt. Dies gilt auch für deutsch-polnisch beschriftete Einrichtungen wie das Schlesische Museum oder den Tierpark, öffentliche Gebäude wie das Augustum-Anne-Gymnasium, bei Festivals wie dem fokus und in Supermärkten. Inklusion durch zweisprachige Beschriftung findet man in Görlitz vor allem im Bereich der Kultur und Freizeit, in Zgorzelec hingegen fast ausschließlich im Konsumbereich. Die Rolle von Englisch als gemeinsame lingua franca, die Sprachdefizite überbrücken könnte, wird äußerst kontrovers diskutiert. Befürworter für den Erwerb von Deutsch bzw. Polnisch als Fremdsprache argumentieren vorwiegend mit einem regionalen, grenzbezogenen Fokus, während sich die Argumente für Englisch auf einer globaleren räumlichen Ebene befinden. Während ein Görlitzer bemerkt, dass man sich dann „doch eher meistens auf Deutsch trifft“ (VGe 28.03.2012), Englisch aber eine mögliche Komplementärsprache sei, sieht eine Polin keinen Grund, wieso Deutsche Polnisch lernen sollten: „Englisch ist die Weltsprache. […] Wozu sollen sie Tschechisch oder Polnisch lernen, wenn sie besser Englisch lernen können? Die ganze Welt spricht Englisch.“ (IZa 28.03.2012). Andere argumentieren hingegen, dass man „in der Grenzregion […] doch viel eher Deutsch und Polnisch als Englisch“ benötigt. Laut den Aussagen von mehreren Personen löst Englisch jedoch Deutsch als erste Fremdsprache im polnischen Teil der
Produktion durch räumliche Praxis 112 Grenzregion ab. Die zunehmende Bedeutung von Englisch, vor allem unter den Jüngeren, bestätigte sich während der Feldforschung, bei der es in Alltagsgesprächen mit Zgorzelecer Jugendlichen und in einem Workshop des Jugendrats wesentlich einfacher war, auf Englisch zu kommunizieren. Gleichzeitig nutzte eine Workshop-Gruppe diese Möglichkeit und gestaltete ihr Plakat für mich als Gast, der kein Polnisch verstand, auf Englisch um mich in ihr Vorhaben einzuschließen und mit ihnen zu diskutieren (Br 30.03.2012). 10.7 Infrastruktur und gebaute Umwelt Während in den 1990er und frühen 2000er Jahren Görlitz-Zgorzelec, wie alle Orte an der deutsch-polnischen Grenze, eine starke Ausweitung des grenzüberschreitenden Verkehrs erfuhren und dieser aufgrund fehlender bzw. mangelhafter Infrastruktur und langwierigen Grenzabfertigungen zu starker (Verkehrs-)Belastung führte (Schultz 2004; Waack 2000b: 119), verschwand dieses Problem mit dem Neubau von Brücken und dem Wegfall der festen Grenzkontrollen 2007 weitestgehend. Görlitz ist heute auf dem Stadtgebiet durch die Stadtbrücke für den lokalen Verkehr und die Altstadtbrücke (seit 2004) für Fußgänger mit Zgorzelec verbunden und durch den Neubau des Grenzübergangs an der A4/E40 bei Ludwigsdorf/Jędrzychowice nördlich der Städte vom Durchgangsverkehr entlastet. Ebenfalls im Stadtgebiet befindet sich das Eisenbahnviadukt, über das im Jahr 2012 jedoch nur noch drei Reisezüge zwischen Dresden und Wrocław verkehren und das für den innerstädtischen Verkehr keine Rolle spielt. Entgegen der Zahlen aus den 1990ern bei Waack (2000b), wird die grenzüberschreitende Buslinie P nur noch von sehr wenigen Fahrgästen genutzt. Der Taxiverkehr zwischen beiden Städten wird zudem von Einschränkungen durch das polnische Steuerrecht erschwert, sodass nur polnischen Taxen mit einer deutschen Sondergenehmigung nach Görlitz fahren dürfen, aber deutsche Taxen nicht nach Zgorzelec fahren, da sie sonst Steuern in Warschau anmelden müssen (Sächsische Zeitung 08.02.2012: 13; VGb 19.03.2012). Die Eröffnung der Altstadtbrücke nach zehnjähriger Verhandlungs-, Planungsund Bauphase im Jahr 2004 stellt laut übereinstimmenden Aussagen von deutschen und
Produktion durch räumliche Praxis 113 polnischen Aktiven einen wichtigen Meilenstein für grenzüberschreitende Interaktionen zwischen Görlitz und Zgorzelec dar. Dabei werden vor allem pragmatische Aspekte betont und die Brücke als verbindendes Element überaus positiv bewertet. 2004 kam ich im Juli und im Oktober wurde die Altstadtbrücke eröffnet. Das war super, ein riesen Fortschritt, das war toll. Das hat mich wirklich in den paar Monaten persönlich geärgert, dass es nur eine Brücke gab. Das ist schon mal phantastisch. (VGe 28.03.2012) Man macht oft Spaziergänge, also die Altstadtbrücke ist schon eine super Sache muss ich sagen. (IZa 28.03.2012) Innerhalb der Bevölkerung seien jedoch anfangs vor allem von deutscher Seite auch äußerst negative Bemerkungen gefallen, die die Zunahme der Kriminalität befürchteten und Investitionen in der eigenen Infrastruktur fordern. Die bin ich auch […] von einigen attackiert worden: „Das Geld soll lieber in Schulen oder Schwimmbäder gesteckt werden als da für die Polacken ne Brücke zu bauen“. Heftige Töne. Mittlerweile ist da schon vieles eingeebnet und vieles ist zur Normalität. (WGa 23.03.2012) Während die Stadtbrücke weiter südlich direkt am Zentrumsbereich von Zgorzelec anknüpft, jedoch vom Görlitzer Geschäftszentrum in der Innenstadt relativ ablegen ist, verbindet die Altstadtbrücke das historische und touristische Zentrum Görlitz-Altstadt mit der Zgorzelecer Neißevorstadt. Vor allem der Bereich der ul. Daszyńskiego entwickelt sich seitdem zu einem gastronomischen Anziehungspunkt für Deutsche und Polen, nachdem er durch die signifikant verbesserte Anbindung an Görlitz in seiner Lage aufgewertet und umfangreich saniert wurde (siehe auch Liubimau 2011: 60ff.). Wissen sie, vor vielen Jahren war die Straße sehr hässlich. Ja, abends durch die Straße zu gehen war auch nicht sehr angenehm. Aber jetzt vor ein paar Jahren hatte man die Revitalisierung […] durchgeführt. Und sie sieht jetzt wunderschön aus. Nach dem Bau der Altstadtbrücke ist das alles angemessen. Das ist auch sehr wichtig, […] für die Stadt Zgorzelec ein Anziehungspunkt an die Altstadt. Als erstes war dort die Dreiradenmühle. Man hat sich an den Kopf gefasst. Wieso die Gaststätte dort? Aber wie die Zeit sich ergeben hat, war das ein super Punkt bis zum heutigen Tag. Es entstehen natürlich, das ist ja normal, neue Gaststätten. Die Straße bietet sich geradezu dazu an, dass neue Cafés anziehen. Ein Anziehungspunkt. (IZa 28.03.2012) Symbolische Aspekte der Altstadtbrücke, die die politische Praxis immer wieder betont und wissenschaftlich analysiert wurden (Liubimau 2011; Opiłowska 2009: 293ff.), sind hingegen aus Sicht meiner Gesprächspartner eher „nettes Beiwerk“ (IGc 21.03.2012), die man „nicht überbetonen“ (Bm 22.03.2012) sollte. Aktionen wie die Installation „Abwä-
Produktion durch räumliche Praxis 114 gende Beobachter“ oder den „kulinarischen Brückenschlag“ gab es im Vorfeld des Brückenbaus, mittlerweile überwiegen jedoch alltagspraktische Motive. 10.8 Zwischenfazit Der größte Teil der Interaktionen zwischen Görlitz und Zgorzelec fällt wie in anderen geteilten Grenzstädten auf den Bereich des grenzüberschreitenden Konsumverhaltens. Wie bereits Dołzbłasz/Raczyk (2011) feststellen, sind wesentlich mehr Kauferleichterung durch die Akzeptanz von Fremdwährung und zweisprachige Beschriftungen in Zgorzelec für Deutsche Konsumenten vorzufinden, während Görlitz das größere Potential polnischer Kaufkraft noch unterschätzt wird. Diese Verteilung entspricht gängiger alltagsweltlicher Einschätzungen und Vorurteile, widerspricht aber dem tatsächlichen Konsumpotential. Konsumbeziehungen zwischen Görlitz und Zgorzelec wurden durch Polens Beitritt zur EU und zum Schengenraum weiter erleichtert und gelingen aufgrund der festen Handlungsschemata des Marktes, der zugleich eine integrative Kraft besitzt, da durch die Vielzahl der Grenzübertritte eine Gewöhnung an „das Andere“ stattfindet und mentale Barrieren abgebaut oder Vorurteile revidiert werden. Weniger die Staatsgrenze als die individuelle Kaufkraft begrenzen den Zugang zum Markt. Stärker noch als durch den EUund Schengen-Beitritt Polens haben sich durch die gemeinsame Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas in den letzten fünf bis zehn Jahren Initiativen, Vereine und Institutionen etabliert, die im Bereich von Kultur, Freizeit und Bildung gemeinsame Erlebnisräume schaffen oder als Cultural Brokers eine Vermittlungsposition zwischen beiden Stadtgesellschaften einnehmen. Im Gegensatz zum Konsumbereich sind derartige Angebote in Görlitz stärker vertreten als in Zgorzelec. Einrichtungen wie der Tierpark und das Schlesische Museum nehmen einerseits die Lage an der Staatsgrenze als selbstverständlichen Anlass durch Zweisprachigkeit auch polnische Besucher zu akquirieren, während andererseits durch Vereine und Initiativen gezielt deutsch-polnische Begegnungen auf Basis ähnlicher Interessen initiiert werden. Die Nutzung von Angeboten in beiden Städten ist für Zgorzelecer deutlich selbstverständlicher und erfolgt selbstständiger als durch Görlitzer. Die Erweiterung der
Produktion durch räumliche Praxis 115 eigenen Alltagswelt auf Zgorzelec ist in Görlitz sozial wesentlich selektiver und beschränkt sich auf einen noch relativ kleinen, aber festen und langsam wachsenden Stamm der kulturaffinen (oberen) Mittelschicht. Herausforderungen sind daher der Ausbau an integrativen Angeboten in Zgorzelec und die Schaffung niederschwelliger Angebote, die ein breiteres gesellschaftliches Spektrum einbeziehen und relativ harte soziale Grenzen überwinden. Die Kooperation zwischen deutschen und polnischen Initiativen und Institutionen hat bereits ein beachtliches Niveau erreicht, sie sind allerdings mit wenigen Ausnahmen hinsichtlich der Nationalität der Mitwirkenden relativ homogen besetzt. Als unzureichend wird darüber hinaus die Koordination der einzelnen Angebote in Görlitz untereinander beschrieben. Der Bildungsbereich besitzt eine wichtige Rolle als Vermittler von binationalen Kompetenzen, Netzwerkpartner der Initiativen und als gesellschaftlicher Multiplikator. Auch hier zeigt sich seit der Jahrtausendwende eine Intensivierung der Angebote, die jedoch ebenfalls stärker von Zgorzelecer Bürgern nachgefragt und genutzt werden und ebenfalls nur eine gut situierte, offenere soziale Schicht erreichen. Als Gründe für das asymmetrische Interesse werden unterschiedlich stark vermutete Vorteile durch binationale Kompetenzen angeführt, die auf erst langsam aufbrechenden Vorurteilen basieren. Seit dem Bau der Autobahnbrücke und Altstadtbrücke stellt die Infrastruktur keine Belastung oder Hindernis für grenzüberschreitende Interaktionen dar. Die „offene“ Staatsgrenze wird ebenso wenig als Hindernis wahrgenommen. Die unterschiedliche Sprache stellt hingegen weiterhin die größte Barriere zwischen Görlitz und Zgorzelec dar. Auch wenn man mittlerweile in allen Bildungsstufen die Nachbarsprache lernen kann, wird der Abbau der Sprachbarriere ein ebenso langfristiges Vorhaben bleiben, wie das Reduzieren von Wissensdefiziten, das Verständnis von Mentalitätsunterschieden, der Abbau von gegenseitigen Vorbehalten und der Aufbau von Vertrauen. Diese mentalen Grenzen sind unsichtbar, beeinflussen die räumliche Praxis jedoch stark.
Produktion durch Räume der Repräsentation 122 Görlitz und Zgorzelec spielen Überlegungen zur schlesischen Identität eine untergeordnete Rolle, da eher von einem mitteleuropäischen Kulturraum gesprochen wird, für den schlesische Geschichte allenfalls eine Komponente darstellt. 73 Eine Verbindung des historischen Schlesiens mit aktuellen EU-Diskursen (Best 2007: 257) ist ebenso nur im Bereich des Museums und deutscher politischer Akteure zu finden. Deutsche und polnische Aktive heben jedoch die Bedeutung des Schlesischen Museums als Akteur hervor, der Begegnungen in Veranstaltungen und durch die zweisprachige Ausstellung schafft. 11.3 Heimat Der diffuse Topos „Heimat“ verbindet und trennt nicht nur Görlitz und Zgorzelec, sondern, wie in der jüngeren historischen Aufarbeitung gezeigt, auch verschiedene Generationen. Dabei kann zwischen den Komplexen Heimatverlust und Erzeugung von Heimat unterschieden werden. Sie sind nicht separat zu denken, sondern bedingen sich gegenseitig. Heimat verlieren Angesprochen auf die Beweggründe ihrer Rückkehr nach Görlitz antwortet eine Frau der Vertriebenengeneration, die bis 1945 im Ostteil der Stadt lebte: „Da war ja meine Heimat, wissen sie, ich wollte ja zurück“ (Bc 07.03.2012). Eine weitere Frau dieser Generation beschreibt die Zuweisung der polnischen Nationalität als Verlust der Identität. […] Viele waren sehr sauer als sie dann in der DDR waren und der Geburtsort und die Nationalität auf einmal im Ausweis als „Polen“ drinstand. Verstehen sie das? Die sind doch in Deutschland geboren, die sprechen Deutsch und fühlen sich da zugehörig, das kann man denen doch nicht einfach wegnehmen. (Bc 07.03.2012) Wie bereits dargelegt ist das öffentliche und private Erinnern an den Verlust der schlesischen Heimat in Görlitz stark ausgeprägt und wird auch entsprechend institutionell gerahmt. Der Verlust der wesentlich heterogeneren Heimaten der in Zgorzelec angesiedelten Personen ist hingegen weniger öffentlich präsent. Einen Grund dafür sehen 73 Die Frage, ob Görlitz (nieder)schlesisch und/oder Teil der Oberlausitz sei, stellt sich für die meisten ebenfalls nicht, auch wenn sie bei einer Bürgerinformationsveranstaltung zur Welterbebewerbung hart diskutiert wurde (Welterbeb.). Beide Begriffe können komplementär zueinander stehen.
Produktion durch Räume der Repräsentation 123 Pfeiffer/Opiłowska (2006: 22) in der einhelligen Meinung in Zgorzelec „dass man die Vergangenheit auf sich beruhen lassen könne“ und nur betont werden müsse „dass die Deutschen nun keine Faschisten mehr seien und man sich daher auf die Zukunft konzentrieren solle“ (ebd.). Der Komplex von Flucht und Vertreibung dominiert Erzählungen um das narrative Feld des Heimatverlusts, wodurch die zweite Welle des Verlustes von Heimat mit dem Zusammenbruch von DDR und VR Polen verdeckt wird. Auch ohne öffentliche Thematisierung kann angenommen werden, dass zumindest in Görlitz neben dem Zugewinn an Freiheit auch ein Verlust bestimmter identitätsbildender Elemente steht. Die neuen Bundesländer hier und gerade Görlitz hat es ja enorm schwer gehabt, diesen Umschwung der Wende überhaupt aufgreifen zu können. Den Weg des Kapitalismus auch gehen zu können. Das ging ja allgemein alles sehr schnell. Wir haben zwar wunderbare Straßen bekommen, aber den Rest hat man uns genommen. Oder wurde uns vielleicht auch genommen, weil wir nicht gebildet genug dazu waren. (VGa 08.03.2012) Damit einher geht der Heimatverlust jener, die aufgrund der nach der Wende rapide steigenden Arbeitslosigkeit dazu gezwungen waren, Görlitz zu verlassen. Für Zgorzelec gilt diese Aussage aufgrund des Fortbestehens des Hauptarbeitgebers Túrow vorwiegend für den Bereich höher qualifizierter Absolventen, denen im Gegensatz zu den Görlitzern keine große Verbundenheit zur alten Heimat zugeschrieben wird. Die haben alle gute Jobs, die sind wegen dem Job weg, aber haben ein enormes Heimatgefühl. Das wird man bei einem Görlitzer weltweit finden; also egal welchen Görlitzer man trifft, das wage ich mal zu behaupten, der würde sagen: „Wenn meine Heimatstadt mir mehr Möglichkeiten für mein Berufsleben geben würde, dann würde ich zurückkommen“. (VGa 08.03.2012) Und das ist eigentlich eine Gruppe vom Alter 20 bis 40 Jahren. Also diejenigen die studieren und irgendwo in eine Großstadt von Polen, einen Job haben, die kommen nicht mehr zurück. (IZa 28.03.2012) Hinzu kommen jene, die nach der Wende freiwillig ihre alte Heimat verlassen haben und vor allem nach Görlitz, seltener nach Zgorzelec gezogen sind. Heimat erzeugen Diametral entgegen des Heimatverlustes der ersten Generationen in Zgorzelec steht der Aufbau einer neuen Stadt, die zwar eine gebaute Umwelt aber kein Sozialwesen besaß.
Produktion durch Räume der Repräsentation 124 Er ist der jüngste Punkt der Zgorzelecer Geschichte und daher besonders bedeutsam, da Zgorzelec im Gegensatz zu Görlitz auf keine älteren identitätsstiftenden Elemente wie die Wagonbautradition, Warenhaus, Straßenbahn zurückgreifen kann. These were the times that no one could ever forget. They do remember who this life was growing. How it was organized, how...you know...they could come from nothing to something. They had nothing and after that they had homes. They were alone and after few years they had friends, families. (IZb 21.03.2012) Erst mit der endgültigen Festlegung der deutsch-polnischen Grenze und dem Wegfall der langjährigen Unsicherheit wurde jedoch die Grundlage für den Aufbau einer eigenen Heimat in Zgorzelec geschaffen. Wichtig für das Selbstwertgefühl der Stadt ist daher auch der Basketballverein PGE Turów Zgorzelec, auf den viele Zgorzelec stolz sind, da man als kleine Stadt in der Peripherie schon große Vereine wie Alba Berlin geschlagen habe und 2006, 2009 und 2011 polnischer Vizemeister wurde (Bu 10.09.2012). Teilweise werden auch Elemente der alten Heimat integriert: Vor einem PlattenbauEinfamilienhaus in Zgorzelec steht beispielsweise nicht nur eine griechische Flagge, sondern es wurden auch griechische Säulen vor dem Eingang positioniert. Aus Einschätzung eines Görlitzers hat sich der Prozess der Heimatentwicklung in den letzten drei bis vier Jahren intensiviert, während eine Zgorzelecern die Bedeutung des EUBeitritts für Zgorzelec und die gesamtgesellschaftliche Situation in Polen hervorhebt. Fast jede Straße wird aufgerissen, neu gemacht, Fußgängerwege auch. Und jetzt fangen die Leute auch an, bewusst für ihr Wohnumfeld was zu entwickeln und die Vorgärten richtig liebevoll zu pflegen. Seit drei, vier Jahren ist das so. […] Das sind so viele Feinheiten, wer wie welche Häuser gebaut hat. Die Identität, das ist einfach ein Prozess. Naja, das wird sich weiter und weiter entwickeln. Die werden sich weiter emanzipieren. Und ihre Heimat, ihr Heimatbewusstsein entwickeln. (VGe 28.03.2012) A lot of money comes from the European Union, but I think our country is also changing. Not only here in Zgorzelec. It's still progress, if someone would come here after few years, he would see huge difference. (IZb 21.03.2012) Einen wichtigen Beitrag zur Erzeugung von Heimat leistet darüber hinaus die direkt im Zusammenhang mit der Altstadtbrücke stehende Aufwertung der ul. Daszyńskiego als Gegengewicht zur Görlitzer Altstadt, „worauf man stolz sein wird“ (VGe 28.03.2012).
Produktion durch Räume der Repräsentation 125 Innerhalb der Gruppe der Aktiven jüngeren Personen, die in Görlitz oder Zgorzelec geboren wurden, wurde darüber hinaus als Motiv für grenzüberschreitendes Engagement das Bedürfnis, etwas für die Heimat zu tun, hervorgehoben. Ich wollte halt gerne wieder nach Görlitz kommen. In meine Heimatstadt. Görlitz-Zgorzelec. Und hier auch was machen und bewegen. (VGb 19.03.2012) Zwei Mitglieder des Zgorzelecer Jugendrats sehen es sogar als Vorteil an deutschpolnisch aktiv sein zu können. Sie möchten zeigen, dass sie als junge Menschen etwas zur gemeinsamen Zukunft beitragen können. Probleme beider Städte betrachten sie aus einer gemeinsamen Perspektive. Sie haben die Hoffnung, dass dadurch mehr Menschen in beiden Städten bleiben, zurückkommen oder hinzuziehen (VZa 30.03.2012). In einem Workshop unter Jugendlichen in Zgorzelec wurde die „Grenze ohne Grenze“ als einer der Vorteile der Stadt mehrfach genannt (Br 30.03.2012). Bemühungen grenzüberschreitend eine Zukunft gemeinsam zu erarbeiten sind innerhalb der vielen Schauplätze um Heimat in Görlitz und Zgorzelec bisher die Ausnahme, da ansonsten Heimatverlust und die Erzeugung von Heimat nebeneinander, aber nicht gemeinsam ablaufen. 11.4 Die integrative Kraft der „schönen Stadt“ Görlitz Auch wenn Kemper (2011) richtiger Weise erkennt, dass der bereits zur Jahrhundertwende existierende Narrativ von der „schönen Stadt“ Görlitz über tatsächliche soziale Probleme hinwegtäuscht, entwickelt er und die damit verbundenen materiellen Strukturen eine enorme integrative Kraft für Görlitz und Zgorzelec. Görlitz, das rund 4000 von Kriegen verschonte Baudenkmäler besitzt, die zu einem Großteil nach der Wende saniert wurden, wird von deutschen und polnischen, von einheimischen und zugezogenen Gesprächspartnern übereinstimmend als sehr schöne Stadt beschrieben. Zahlreiche Gespräche und öffentliche Äußerungen machen überdeutlich, dass man in Görlitz auf das bauhistorische Erbe stolz ist. Es besitzt eine große Bedeutung für die Identität der Görlitzer, wirkt aber auch anziehend auf viele Zugezogene. Es sei „einfach das Beste was man so in Deutschland sehen könne“ (Bl 17.03.2012). Überraschender ist hingegen, dass Zgorzelecer nicht nur „Wissen über die Sehenswürdigkeiten, was für Schätze Görlitz
Produktion durch Räume der Repräsentation 126 eigentlich zur Verfügung stellt“ (IZa 28.03.2012), besitzen und die Stadt „weil es dort einfach schöner und sauberer ist“ (SZb 30.03.2012) zum Verweilen und Spazieren nutzen, sondern es scheint so, als könnte die bauliche Qualität von Görlitz auch ein Identitätsfaktor für Bürger aus Zgorzelec sein. Das habe ich auch festgestellt bei den Zeitzeugeninterviews, auch bei polnischen Zeitzeugen. Dass die Architektur von Görlitz ein sehr hoher Identifikationsfaktor ist. Eben auch für polnische Bürger. Und fand ich sehr schön, dass auch eine Stadt tatsächlich durch ihre Ästhetik auch so anziehend sein kann. (IGa 20.03.2012) Im Gegensatz dazu beschreiben beide Seiten Zgorzelec im Kontrast zu Görlitz meist als „nicht so schön“ (IGb 20.03.2012) oder als Plattenbauwüste. In Zgorzelec geht man damit zum Teil selbstironisch um und bezeichnet beispielsweise die von der Görlitzer Altstadt gut sichtbaren Plattenbauhochhäuser 74 als „Manhattan“. Mit der Sanierung der Gründerzeitbereiche, der Aufwertung der Neißevorstadt und der Rekonstruktion des Postplatzes gegenüber der Altstadtbrücke, die erst durch dem Zugang zu EUFördergeldern möglich wurden, wird Zgorzelec nicht nur selbst attraktiver, sondern schließt damit städtebauliche Lücken, die durch die Zeit der Teilung entstanden sind. Anders als die Mehrheit beschreibt ein deutscher Interviewpartner Zgorzelec hingegen als Aschenputtel, das er nicht auf das äußere Erscheinungsbild reduzieren möchte: Zgorzelec ist äußerlich das Aschenputtel. Das ist eigentlich das beste Bild. Zgorzelec ist die Königin, aber als Aschenputtel äußerlich, aber das, was für mich Kultur ist. Nämlich allein schon wie man miteinander umgeht, allein wie man den anderen wahrnimmt, da würden sie denken, sie kommen in eine ganz andere Welt. (VGc 19.03.2012) Die als sehr angenehm „menschlich“ (VGd 22.03.2012) empfundene Umgangsweise Zgorzelecer Bürger und Partner wird von einigen Görlitzer Aktiven hervorgehoben, jedoch sind in Alltagsgesprächen und vielen Interviews Probleme wie die hohe Verkehrsbelastung in Zgorzelec und die als chaotisch empfundene Stadtstruktur präsenter. 74 Die Osidle Zachod (Westsiedlung) wurde in den 1980er Jahren erbaut. Während meines Feldaufenthalts wurde ich darauf hingewiesen, dass die Hochhäuser durch ihre Sichtbarkeit von der Altstadt aus damals wie heute von einigen als massiver Eingriff in das Stadtbild von Görlitz gewertet werden. Menschen, die Görlitz nicht ohne diesen „Eingriff“ kennen, würden sich hingegen weniger daran stören.
Produktion durch Räume der Repräsentation 127 11.5 „Zgorzelec, das ist Polen. Görlitz, das ist Deutschland.“ Sowohl in Görlitz als auch in Zgorzelec wird die jeweils andere Stadt häufig als totum pro parte durch die Nennung der Staatszugehörigkeit oder des Nationalstaats ersetzt. Wird von Zgorzelec gesprochen, ist meist die Rede von der „polnischen Seite“, auch wenn Zgorzelec aufgrund der Entstehungsgeschichte und Bevölkerungszusammensetzung „keine typisch polnische Stadt“ (VGe 06.03.2012) ist. Umgekehrt geht man als Zgorzelecer nicht nach Görlitz, sondern nach Deutschland. Kooperationen und Veranstaltungen werden explizit als „deutsch-polnisch“ gekennzeichnet, auch wenn sie, wie der deutsch-polnische Kreuzweg am 16.03.2012, nur in Görlitz und Zgorzelec stattfinden. Eine Reflexion des totum pro parte, das sich im Sprachgebrauch eingebürgert hat, findet in der Regel nicht statt. Durch die Verknüpfung der Städte mit dem jeweiligen Nationalstaat wird auch auf sprachlicher Ebene die Schnittstellenfunktion der Städte für die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen hervorgehoben. Zudem impliziert diese Verwendung, dass sich Interaktionen zwischen Görlitz und Zgorzelec nicht nur auf die Stadträume sondern sich mindestens auch auf das Umland beziehen können. Andererseits wird so ebenfalls deutlich, dass die Beziehung von Görlitz und Zgorzelec psycholinguistisch eng mit Deutschland und Polen verbunden ist und entsprechende nationale Stereotype und historische Konflikte unbewusst auf die jeweiligen Städte bezogen werden. Die Nennung des Nationalstaats an Stelle des Städtenamens scheint sich ebenfalls mit zunehmender Distanz zur deutsch-polnischen Grenze zu verändern. So erzählt ein Görlitzer von einer Schulklasse aus Dresden, in der viele eine „Gleichstellung von Görlitz mit Polen“ (WirMy 07/2012) als Vorurteil mitbrachten. 11.6 Normalität des Unnormalen Obwohl die deutsch-polnische Grenze erst seit 2007 für Personen und Waren frei passierbar ist, wird bereits jetzt von einer gewissen Normalität der neuen Situation gesprochen. Das gleiche gilt zum Teil auch für deutsch-polnische Kooperationen. Für mich ist das irgendwie verwunderlich, dass sich da immer noch so viele für das, was wir hier in Görlitz und Zgorzelec machen interessieren. Für mich ist das eigentlich schon alles normal. (VGg 05.03.2012)
Produktion durch Räume der Repräsentation 128 Dass die Grenze offen ist, das ist inzwischen für uns so selbstverständlich. (IGb 20.03.2012) Die so beschrieben Normalität und Selbstverständlichkeit des Grenzübertritts auf zivilgesellschaftlicher Ebene entspricht der Feststellung für den politischen Diskurs von Best (2007), der argumentiert dass Grenzüberschreitungen zwischen Deutschland und Polen von einer Ausnahme zur Regel wurden. Dem gegenüber stehen jedoch nicht nur eine signifikant geringere Anzahl an tatsächlichen Grenzübertritten, sondern auch Personen, die befürchten, dass durch die neue Normalität das bisher Erreichte abgewertet wird und eine zukünftige Verbesserung der Situation erschwert wird. Mittlerweile ist da schon vieles eingeebnet und vieles ist zur Normalität geworden. Mir ist manches schon zu normal geworden. Weil diese Normalität schon dazu führt, dass man es einerseits nicht wertschätzt, was da wirklich passiert ist in diesen 20 Jahren. Dass da wirklich Erhebliches in den Köpfen und Herzen der Leute passiert ist. […] Es ist so Normalität eingezogen; man kann ja da rüber und nüber und man kann da einkaufen gehen. Und ohne Ausweiskontrolle und man kann da ins Riesengebirge zum Skifahren gehen. Ist ja auch alles schön, aber ich denke dass solche Prozesse auch einer gewissen Steuerung bedürfen und sich mal Gedanken machen muss. (WGa 23.03.2012) Politische und zivilgesellschaftlich Aktive im Bereich der grenzüberschreitenden Interaktion befinden sich daher in einem Zwiespalt, da einerseits eine gewisse Normalisierung und Routinisierung von grenzüberschreitenden Alltagspraktiken erwünscht ist. Allerdings birgt sie auch die Gefahr wie „ein altes Ehepaar […], […] miteinander, nebeneinander und aneinander vorbei“ (Pfeiffer/Opiłowska 2006: 12) zu leben, sodass der Prozess der Entstehung eines grenzüberschreitenden Gemeinwesens stagniert, obwohl er nach Einschätzung der meisten noch mindestens zwei oder drei Generationen benötigen wird. Es ist daher notwendig, zwischen zwei Polen zu balancieren, so dass grenzüberschreitende Bemühungen „immer noch was Besonderes“ (VGe 28.03.2012) bleiben, dabei aber auch nach und nach „entexotisiert“ (VGc 19.03.2012) werden. 11.7 Jugend als Chance Aber das liegt vor allem bei den Kindern, wie diese erwachsen werden. Deswegen müssen wir das ändern und nicht die Älteren. (SZa 30.03.2012) Alle Gesprächspartner aus dem Kreis der Aktiven in Görlitz und Zgorzelec unterstreichen die Auffassung, dass in der Jugend eine Chance für ein grenzüberschreitendes
Produktion durch Räume der Repräsentation 129 Gemeinwesen liegt, da sie historisch unbelasteter agieren können und mit einer offenen Grenze aufwachsen. Und generell durch die offenen Grenzen. Das war ja vor 5, 6 Jahren auch noch nicht so - also ich als Kind kenne das auch noch: An die Grenze fahren, Ausweis zeigen und weiterfahren. Ist ja jetzt nichtmehr so. Und ein Kind, das das überhaupt nicht mehr so kennt und jetzt aufwächst und nur eine offene Grenze kennt, das denkt ja auch ganz anders als wenn es hinfährt und einen Polizisten sieht, der erst mal alles kontrollieren muss. […] Also ich denke schon, dass es sich in den nächsten 10, 20 Jahren entwickeln kann. (VGf 27.03.2012) Vor allem in Görlitz wird deutlich, dass damit auch ein Gegen-Narrativ zur Pensionopolis installiert wird. Bei der Veranstaltung „Stadt der Generationen“ der Jungen und Senioren-Union wurde deutlich, dass zahlreiche Entscheidungsträger in Görlitz vorwiegend das Alter als Chance sehen wollen und abgesehen vom neuen Oberbürgermeister Deinege 75 die Belange der Jugend nicht thematisiert haben. Ein Flashmob zahlreicher Jugendlicher mit verklebten Mündern und Handzetteln mit der Aufschrift „Noch sind wir hier!“ in einer Stadtratssitzung im Januar, stellt den bisherigen Eskalationspunkt dar. Mit dem „Aufbruch der Görlitzer Jugend“ 76 gibt es erstmalig seit der Wende eine Gruppe Jugendlicher, die sich nicht der berufsbedingten Abwanderung fügt, sondern Perspektiven vor Ort einfordert. Die betreuende Lehrkraft des Zgorzelecer Jugendrats fordert ebenfalls mehr Perspektiven für Jugendliche in Zgorzelec, die zwei Mitglieder damit ergänzen, dass sie zeigen möchten „dass es junge Menschen in der Stadt gibt, die die Stadt voranbringen wollen“ (VZa 30.03.2012). Trotz übereinstimmender Aussagen darüber, dass nur durch die Jugend ein grenzüberschreitendes Gemeinwesen aufgebaut werden kann und der Jugend Perspektiven gegeben werden müssen, findet eine Vernetzung zwischen Görlitz und Zgorzelec hier nur schleppend statt, auch wenn ein gemeinsames thematisches Fundament vorhanden ist. Ebenso wenig wird erkannt, dass eine Förderung der Jugend nicht die Belange anderer Gesellschaftsgruppen ausschließt. Das ist die Basis unserer ganzen Gesellschaft. Es ist ein riesiger Irrtum, dass das unter Fernerliefen abgehandelt werden darf. Darum denke ich, dass jede Sekunde, die man da investiert, eine Investition in die Zukunft der ganzen Gesellschaft ist. (VGc 19.03.2012) 75 Jugend war eines der zentralen Themen im Wahlkampf und wurde nur von Deinege besetzt. 76 Selbstbezeichnung der Aktivisten.
Produktion durch Räume der Repräsentation 130 11.8 Zwischenfazit Kapitel 8.7 hat gezeigt, dass eine Auseinandersetzung mit der kontingenten, lange tabuisierten und mit nationalen Mythen durchzogenen jüngeren Geschichte der beiden Städte bisher nur zögerlich stattfand. Der nahezu ausschließlich in Görlitz vorzufindende historisch begründete Narrativ von „einer Stadt“ kann daher trotz seiner Denotation ebenso wenig zur Produktion eines grenzüberschreitenden Gemeinwesens beitragen, wie der Narrativ von der schlesischen Identität. Der mehrmalige Verlust von Heimat prägt generationenübergreifend Erzählungen in Görlitz und Zgorzelec als gemeinsames narratives Feld. Narrative sind nicht nur Resultat individueller Erfahrungen, sondern „always linked to very real physical and material consequences“ (Doevenspeck 2011: 140). Heimatverlust resultiert aus den politischhistorischen Brüchen 1945 und 1989, während die entgegengesetzte Erzeugung von Heimat durch die endgültige Festlegung der Staatsgrenze und die nach der politischen Wende gewonnene Freiheit möglich wurde. Heimat zu erzeugen ist ein wesentliches Motiv der Aktiven, die versuchen, Heimat zunehmend auch grenzüberschreitend denken. Eine große integrative Kraft kommt dabei der städtebaulichen Anmutung der „schönen Stadt“ Görlitz zu, mit der sich auch Bürger aus Zgorzelec zunehmend identifizieren, die durch die Aufwertung der Uferpromenade an der ul. Daszyńskiego der Eigenund Fremdwahrnehmung als weniger schöne Stadt etwas entgegen setzen, das von Bürgern beider Städte ebenfalls angenommen wird. Aktive kommen übereinstimmend zur Auffassung, dass vor allem in der Jugend die Chance für eine gemeinsame Heimat als grenzüberschreitendes Gemeinwesen liegt. Die „offene“ Staatsgrenze wird bereits wenige Jahre nach dem Schengen-Beitritt als Normalität verstanden, die zum Abbau mentaler Grenzen Barrieren und Routinisierung, aber auch zum Stagnieren der grenzüberschreitenden Bemühungen führen kann. Die sehr präsente Gleichstellung von Görlitz mit Deutschland und Zgorzelec mit Polen verweist entgegen dem Bedeutungsverlust der Staatsgrenze als Barriere auf eine starke Verankerung nationalstaatlichen Denkens.
Produktion durch Räume der Repräsentation 131 Die beschriebenen narrativen Felder unterscheiden sich jedoch stark vom politischen Diskurs auf überregionaler und (supra-)staatlicher Ebene, wo immer wieder die Ideen der europäischen Zivilgesellschaft (Bieling 2010: 31) oder europäischer Identität (Paasi 2005b: 585) betont werden. Im europäischen Kontext versuchen politische und wirtschaftliche Akteure Regionen einen symbolischen, europäischen Mehrwert zu geben (Paasi 2001: 17), der im Erzählen in Görlitz-Zgorzelec nicht genannt wird. Wir leben nicht irgendeine „Idee Europa“, sie leben ja auch nicht die Idee des Grundgesetztes, sondern sie erleben die Möglichkeit, die dieses Grundgesetz seit 1949 eröffnet hat [...]. So ist das mit der europäischen Idee natürlich auch. Also hier wird keine Idee gelebt. […] In der Region hier leben Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen, die eine schwierige Vergangenheit haben, selber täglich erleben wie das tägliche Leben sich entwickeln und gestalten […]. Es käme ja auch niemand auf die Idee, dass wir die „Idee Deutschland“ leben, wenn wir uns hier unterhalten, obwohl wir woanders herkommen. (VGc 19.03.2012) Im lokalen Kontext sind hingegen die Möglichkeiten, die politische Prozesse eröffnen, von größerer Bedeutung als deren symbolische Komponente. Für Zgorzelec bzw. Polen bedeutet der EU-Beitritt jedoch nicht ausschließlich offene Grenzen und den Zugriff auf Förderprogramme der EU, sondern auch ein Zugehörigkeitsgefühl zu Europa (Wilkiewicz 2005: 14) um deutschen Partnern gleichwertig gegenüber zu stehen.
Schlussbetrachtung 138 einer vom Auswärtigen Amt untersagten gemeinsamen Feuerwehrübung in eine legale Schauveranstaltung. Sie weichen die nationalstaatliche Trennung auf und sind ebenso Normalität und Teil des Alltagslebens geworden wie die Möglichkeiten, die sich durch die für Personen und Waren geöffnete Grenze bieten. Die von Rumford (2006: 157) beschriebene Gleichzeitigkeit von „debordering and rebordering“ zeigt sich auch in Görlitz und Zgorzelec, wo die Staatsgrenze als soziale Konstruktion von unten kontinuierlich weiter konstruiert wird. Dieser Prozess ist am deutlichsten in der Bezeichnung von grenzüberschreitenden Vorhaben als deutschpolnische Projekte sichtbar und setzt sich in der Bezeichnung von Zgorzelec als Polen oder polnische Seite (und umgekehrt) fort. Wie im vierten Kapitel entfaltet und von Paasi (2001: 20f.) ebenfalls angeführt, besitzt die Vorstellung natürlich gegebener Nationalstaaten und nationaler Identitäten eine große Suggestivkraft, die nicht durch einen Wechsel des Grenzregimes verschwindet. Soziale Grenzziehungen Ein weites und umfangreiches Verständnis von Grenzen und Grenzziehungen hat nicht nur die Border studies bereichert (Johnson et al. 2011: 61), sondern ermöglicht in Görlitz und Zgorzelec die Beobachtung weiterer Grenzziehungen, die nicht der Linie zwischen Deutschland und Polen auf der Karte folgen. Die Gruppe derer, die grenzüberschreitende Interaktionen vollziehen oder sogar ermöglichen beschränkt sich in Görlitz auf eine verhältnismäßig kleine Gruppe, die als besser situierte, gut gebildete Schicht beschrieben werden kann. 78 Auch wenn zur Zeit mediales und lokalpolitischen Desinteresse beklagt wird, kann davon ausgegangen werden, dass aufgrund des prognostizierten Bedeutungszuwachs deutsch-polnischer Kooperationen (Lentz et al. 2009) der Einfluss und die Bedeutung dieser Gruppe wachsen wird. Nur schwer erreicht werden sozial schwächere Personen, die in beiden Städten eine große Gruppe bilden und von existenziellen 78 Verlässliche präzise Aussagen für Zgorzelec, die über die Feststellung, dass die Nutzung beider Stadthälften selbstverständlicher erfolgt, können leider nicht getätigt werden, da der gesellschaftliche Einblick während der Forschungsphase geringer ausgefallen ist (vgl. Kapitel 7.5).
Schlussbetrachtung 139 Problemen wie der beiderseits enorm hohen Arbeitslosigkeit betroffen sind. Durch städtebauliche Entwicklungen in Görlitz ist eine besonders hohe Konzentration von Personen, die von der Europastadtidee mehrfach ausgeschlossen sind, vor allem für die sukzessive dem Rückbau zugeführten Neubauviertel Königshufen, Rauschwalde und Weinhübel signifikant, während in der Alt-, Innenund Südstadt jüngere, häufig zugezogene und besser situierte Bevölkerungsschichten leben. Auch dort sind jedoch soziale Probleme und von der Europastadt aber auch vom gesellschaftlichen Leben marginalisierte Gruppen präsent, deren Inklusion eine bedeutende Aufgabe darstellt. Interkationen fördern Wie in Kapitel 10.5 argumentiert, sind nicht nur die unausweichliche, permanente Konfrontation mit dem „Anderen“, sondern auch eine Zunahme an Interaktionen zwischen beiden Städten notwendig um mentale Grenzen abzubauen. Für Görlitz und Zgorzelec wird vor allem die „Sprachbarriere“ zwischen beiden Städten hervorgehoben. Sie erschwert dieses Vorhaben und kann erst langfristig und mit einem Ausbau der bereits vorhandenen Bildungseinrichtungen und einer schon begonnenen Öffnung der Görlitzer Bevölkerung gegenüber polnischen Sprachunterricht erreicht werden. Hinzu kommen vielfach beschriebene Mentalitätsoder Kulturunterschiede, die nur durch direkte Kontakte relativiert werden können und als Lernanlässe dienen. Für die Intensivierung der Interaktionen sind Cultural Broker als Wissensvermittler und Moderatoren zwischen beiden Seiten des Neißeufers notwendig. Gleichzeitig muss versucht werden, bisher vom Integrationsprozess ausgeschlossene Gesellschaftsgruppen zu erreichen um bereits vorhandene soziale Grenzen nicht weiter zu verschärfen. Ebenso ist eine bessere Koordination im Kreis der Aktiven notwendig, um untereinander keine kontraproduktiven Grenzziehungen entstehen zu lassen. Durch ihr Wissen und ihre binationalen Kompetenzen sind Cultural Broker in einer Machtposition, die sie reflektieren müssen. 12.3 Desiderate zukünftiger Forschung Im Folgenden werde ich eine begrenzte Auswahl an möglichen Ansatzpunkten der weiteren Forschung an der deutsch-polnischen Grenze im Allgemeinen und Görlitz-
Schlussbetrachtung 140 Zgorzelec im Speziellen präsentieren. Dabei handelt es sich um Perspektivierungen im Spannungsfeld von politischer, ökonomischer und zivilgesellschaftlicher Handlungsarena und zwischen den Polen deutscher und polnischer Sichtweisen, städtischer und ländlicher Räume sowie kritischer und anwendungsbezogener Forschung. Sie sind als weiche Fokussierungen zu verstehen, die benachbarte Problembereiche einbeziehen. Wie Lentz et al. (2009), die von einer „German perspective“ sprechen, bin ich aufgrund sprachlicher Defizite, eigener nationaler Zugehörigkeit und Sozialisation (vgl. Kapitel 7.5) lediglich in der Lage, einen bestimmten „deutschen“ Blick auf Prozesse zwischen Görlitz und Zgorzelec zu haben. Dolińska/Niedźwiecka-Iwańczaks (2011) Monographie Zgorzelec jako miasto pograniczne w opiniach jego mieszkańców 79 zeigt hingegen eine komplementäre „polnische” Sichtweise, die die Autoren um eine deutsche Sichtweise ergänzt haben möchten. Eine Zusammenführung beider Perspektiven, die bisher noch nicht stattfand, kann nicht nur die blinden Flicken der jeweiligen Betrachtungsweise vermeiden, sondern auch der gemeinsamen Erarbeitung von Lösungsansätzen dienen. Die große Mehrheit der Arbeiten zu sozio-ökonomischen und politischen Fragestellungen an der deutsch-polnischen Grenze konzentriert sich auf die geteilten Städte Frankfurt (Oder)/Słubice (Jajeśniak-Quast/Stokłosa 2000), Guben/Gubin (Matthiesen/Bürkner 2001; Hoorn 2006) und Görlitz-Zgorzelec (Weiske et al. 2008; Waack 2000b, Dołzbłasz/Raczyk 2011). Eine Randerscheinung sind Untersuchungen zu diesen Themen im ländlichen Raum, in dem ein großer Teil der Bevölkerung entlang Oder und Neiße lebt. 80 Eine gewisse mediale Aufmerksamkeit haben in jüngster Vergangenheit Prozesse zwischen der polnischen Metropole Szczecin (Stettin) und der sehr ländlich 79 Eigene Übersetzung des Titels: Zgorzelec als Grenzstadt in der Wahrnehmung ihrer Einwohner. Leider liegt weder eine deutsche/englische Übersetzung der Publikation vor noch konnte bisher zu den Autoren Kontakt aufgebaut werden. 80 Diesen Hinweis hat mir eine Mitarbeiterin des Europahaus e.V. in Görlitz gegeben, die mich auf die grenzüberschreitenden Beziehungen und Prozesse zwischen Pieńsk (6000 Einwohner) und Deschka (303 Einwohner), die 13km nördlich von Görlitz und Zgorzelec liegen, aufmerksam gemacht hat.
Schlussbetrachtung 141 geprägten östlichen Uckermark und Vorpommern erhalten (Badische Zeitung 28.04.2012). Ebenso fehlt bisher eine vergleichende Betrachtung der drei geteilten Grenzstädte an der deutsch-polnischen Grenze, die klären könnte, wieso manches an einem Ort gelingt, aber anderswo im Bereich des Undenkbaren liegt. Vergleiche mit anderen geteilten Grenzstädten und Grenzregionen (Neumann/Friedrich 2005; Rippl et al. 2009; Buursink 2001) gibt es hingegen bereits. Aus einer Anwendungsperspektive ist es wünschenswert, dass Border studies nicht nur disziplinäre Grenzen überwinden, sondern, wie Leibenath et al. (2008: 193) fordern, auch transdisziplinär den Dialog mit politischen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren suchen, denn „Wissenschaftler lösen Probleme nicht darum, weil sie einen methodologischen Zauberstab schwingen“ (Feyerabend 1979). Einrichtungen wie das City Twins Network, dem Görlitz und Zgorzelec nur von 2004 bis 2006 angehörten, ermöglichen den Austausch mit anderen geteilten Grenzstädten zum gegenseitigen Lernen und der Diskussion zwischen Forschern, Anwendungsexperten und Bürgern. Ich folge der Argumentation von Best (2007: 264), der das neue Paradigma der Grenzüberschreitungen an der deutsch-polnischen Grenze als bestimmte Ideologie bezeichnet und daher auch dessen kritische Reflexion fordert. Damit meine ich jedoch nicht die Infragestellung grenzüberschreitender Kooperation oder deren breite Befürwortung in Politik und Wissenschaft, sondern die Untersuchung der Herausbildung neuer Machtbeziehungen und Grenzziehungen auf verschiedenen räumlichen Ebenen durch das neue Paradigma. Die kritische Reflexion kann ebenfalls beinhalten, dass die zunehmende Öffnung der EU-Binnengrenze zwischen Polen und Deutschland Resultat und Grund von Schließungsprozessen an Polens EU-Außengrenzen ist. Die aktuelle Forschung zu Görlitz und Zgorzelec weißt noch viele Lücken auf, sodass mein Forschungsvorhaben wesentlich explorativer ausfiel als zu Beginn angenommen. Neben den genannten Forschungsdesideraten sind daher Untersuchungen einzelner Projekte und Teilbereiche grenzüberschreitender Kooperationen vor Ort sinnvoll.
Schlussbetrachtung 142 12.4 Nachwort Der polnische Klassiker der Soziologie, Józef Chałasiński, hat ein Grenzgebiet als „Gebiet einer Bevölkerung“ definiert, „die auf beiden Seiten der Grenze lebt, über wirtschaftliche, familiäre und kulturelle Beziehungen miteinander verbunden ist und nur durch eine politische Grenze voneinander getrennt ist“ (nach die tageszeitung 07.05.2003). Von diesem Verständnis sind Görlitz und Zgorzelec im Jahr 2012 noch spürbar entfernt. Auch wenn heute vieles bereits als Normalität bezeichnet wird, kann niemand sagen, wie viel Zeit der Prozess, der gerne als Zusammenwachsen bezeichnet wird, noch benötigen wird. Dabei geht es vor allem um den Abbau der wesentlich stabileren mentalen Grenzen zwischen Görlitz und Zgorzelec als um die Staatsgrenze selbst. Angesichts der Entwicklungen der letzten siebzig Jahre, die die Durchlässigkeit, aber auch den verbindenden und trennenden Charakter der Grenze fast im Dekadenrhytmus verändert haben, sind Prognosen, über die ich mit vielen Personen diskutieren durfte, im Prinzip unmöglich. Möglicherweise sind ohnehin die Grenzen unserer Vorstellung über Zukünftiges seit jeher zu groß. Wie wäre wohl die Antwort, würde man sich als Zeitreisender in das Jahr 1945 oder in die Zeit des Kalten Krieges begeben und den Menschen östlich und westlich von Oder und Neiße erzählen, was heute möglich ist? Vermutlich würden dem Zeitreisenden nicht einmal die hartgesottensten Optimisten Glauben schenken. Wir wissen nicht, ob das viel beschworene Potential der Grenzüberschreitungen in Görlitz und Zgorzelec aber auch in anderen Grenzregionen genutzt oder weiterhin genutzt werden wird. Die Lage an der Staatsgrenze stellt trotz ihrer Öffnung eine Herausforderung dar, die man annehmen kann oder nicht. So offensichtlich manche Chancen auch erscheinen mögen, so anspruchsvoll sind sie häufig zu nutzen. Solange es diese Möglichkeiten gibt, sollte man versuchen sie zu nutzen oder eine bessere Alternative, die mir selbst nicht einfällt, nennen. Hierzu ist Geduld und Vertrauen notwendig, das erst langsam wachsen und von niemand erzwungen werden kann.
143 13 Quellenverzeichnis 13.1 Interviewpartner Da mit einigen Interviewpartnern mehrmals gesprochen wurde, sind an dieser Stelle keine Datumsangaben vorzufinden. Sie sind in der Arbeit entsprechend ergänzt. Schulenund Bildungseinrichtungen SGa Lehrerin Regenbogen-Grundschule Görlitz SGb Leiter DPFA-Akademiegruppe in Görlitz SGc Lehrerin am Augustum-Annen-Gymnasium Görlitz SGZ Polnische Lehrerin am Augustum-Annen-Gymnasium Görlitz SZa Lehrerin an der Grundschule Tęcza Zgorzelec SZb Lehrerin am Gimnazjum 1 in Zgorzelec, Betreuerin Jugendrat Zgorzelec Öffentliche Kulturinstitutionen IGa Mitarbeiterin am Schlesischen Museum Görlitz IGb Via thea Projektleiterin am Theater Görlitz IGc Pädagogin am Tierpark Görlitz IZa Mitarbeiterin am Miejski Dom Kultury in Zgorzelec IZb Mitarbeiterin am Muzeum Łużyckie und Verein Euroopera Vereine und Initiativen VGa Bundesfreiwilligendienstleistender bei Second Attempt e.V. VGb Mitglied bei Meeting Point Music Messiaen VGc Initiator des Meeting Point Music Messiaen VGd Initiatorin des Ideenfluß e.V. VGe Aktiver im Bereich internationale Kinder und Jugendarbeit VG f Zentraler Akteur des „Aufbruchs der Görlitzer Jugend“ VGg Mitglied des Europahaus e.V. VZa Sprecher und Sprecherin des Jugendparlaments Zgorzelec Weitere Personen WGa Ulf Großmann, 1. Bürgermeister für Kultur, Soziales und Tourismus in Görlitz von 1990 bis 2008
Quellenverzeichnis 144 WGb In Görlitz lebender, gebürtiger Oberschlesier WZa Priester der griechisch-orthodoxen Kirche in Zgorzelec WZb Pfarrer der Kirchengemeinde in Zgorzelec-Ujazd 13.2 Beobachtungen und kürzere Gespräche Bei den aufgelisteten Gesprächen und Beobachtungen handelt es sich um eine Auswahl, auf die in der Arbeit explizit Bezug genommen wird. Nicht an dieser Stelle aufgelistet, aber für die Arbeit ebenfalls sehr bedeutsam waren nichtintentionale Beobachtungen im Rahmen der eigenen Alltagswelt in deutschen und polnischen Supermärkten, Restaurants, Kulturund Freizeiteinrichtungen. Darüber hinaus wurden zahlreiche Rundgänge durch Görlitz und Zgorzelec getätigt, die das Stadtgebiet beider Städte abdecken. Ba Tag der offenen Tür am Augustum-Annen-Gymnasium (bilingualer Zweig) 03.03.2012 Bb Spaziergang mit VGe durch Zgorzelec. Kurzes Gespräch mit einem polnischen Mitglied von Nowa Amerika 06.03.2012 Bc Veranstaltung „Kultur und Kuchen – natürlich schlesisch“ im Schlesischen Museum. Gespräch mit zwei Frauen der Vertriebenengeneration. 07.03.2012 Bd Deutsch-polnisches Chortreffen in Dom Kultury. Gespräch mit mehreren Frauen im hohen Alter vor Dom Kultury 09.03.2012 Be Politische Diskussion „Stadt der Generationen“ der Jungen Union und Senioren Union in Görlitz 09.03.2012 B f Tag der offenen Tür an der Regenbogenschule Görlitz 10.03.2012 Bg Exkursion des Schlesischen Museums nach Zgorzelec 11.03.2012 Bh Spaziergang mit VGb von der orthodoxen Kirche zum Konsulplatz 11.03.2012 Bi Arbeitsmesse in Dom Kultury in Zgorzelec 13.03.2012 Bj Bürgerinformationsveranstaltung zur Welterbebewerbung in der Neissegalerie 15.03.2012 Bk Kreuzweg von Heilig Kreuz (GR) nach St. Bonifazius (DZG) 16.03.2012
Quellenverzeichnis 145 Bl Berzdorfer See, Gespräch mit zugezogenen Rentnerehepaar 17.03.2012 Bm Bachlauf zum Bachfest Görlitz-Zgorzelec über die Altstadtbrücke und Stadtbrücke 22.03.2012 Bn Finissage zur Ausstellung „Lebenswege ins Ungewisse“ im Schlesischen Museum Görlitz 25.03.2012 Bo Arbeitstreffen zur Kinderstadt Görlitz-Zgorzelec 27.03.2012 Bp Arbeitstreffen zum geplanten Jugendzentrum in Görlitz 27.03.2012 Bq Wahlkampfveranstaltung von Siegfried Deinege (aktueller Görlitzer Oberbürgermeister) „Suchet der Stadt Bestes“ in der Landskronbrauerei Görlitz 29.03.2012 Br Workshop des Zgorzelecer Jugendrats 30.03.2012 Bs Besuch bei der Sächsischen Bildungsagentur (Koordinierung der Ziel3-Projekte im Bildungsbereich) in Görlitz 30.03.2012 Bt Exkursion Görlitz-Zgorzelec der Uni v ersität Bayreuth 06.-08.07.2012 Bu Privataufenthalt (u.a. deutsch-polnisches fokus-Festival) 06.-10.09.2012 13.3 Untersuchungen Dritter und sonstige Dokumente Zahlreiche weitere gesammelte und zum Teil ausgewertete Dokumente, auf die jedoch nicht explizit in der Arbeit Bezug genommen wurde, erscheinen nicht an dieser Stelle. INSEK Integriertes Stadtentwicklungskonzept der Stadt Görlitz (Stand 2011) YEPP YEPP Situationsanalyse der Jugend in Zgorzelec und Görlitz KulturA Primärdaten einer Bachelorarbeit zur Nutzung von deutschen Kulturangeboten durch polnische Bürger in nächster Nähe zur deutsch-polnischen Grenze von Claudia Pust (B.A. Tourismus) aus dem Jahr 2005. ExP1-5 Gruppenposter zur Exkursion „Europastadt Görlitz-Zgorzelec“ am Geographischen Institut der Universität Bayreuth Fokus Protokoll zum Arbeitstreffen des fokus-Festivals am 15.06.2012 WirMy Infobriefe zur Internationalen Kinder und Jugendarbeit MMM Imagebroschüre des Meetingpoint Music Messiaen
Quellenverzeichnis 146 13.4 Literaturverzeichnis Adamczuk, Franciszek (2008): Wirtschaftliche Transformationsprozesse in Polen - ausgewählte Probleme. In: Eckehard Binas (Hg.): Hypertransformation. Frankfurt: Lang, S. 277–286. Agnew, John (1994): The territorial trap: The geographical assumptions of international relations theory. In: Review of International Political Economy 1 (1), S. 53–80. Allen, John (2009): Powerful geographies: Spatial Shifts in the Architecture of Globalization. In: Stewart Clegg und Mark Haugaard (Hg.): The SAGE handbook of power. London: SAGE, S. 157–173. Antonsich, Marco (2011): Rethinking territory. In: Progress in Human Geography 35 (3), S. 422–425. Armbruster, Heidi; Rollo, Craig; Meinhof, Ulrike; Meinhof, Ulrike H. (2003): Imagining Europe: Everyday Narratives in European Border Communities. In: Journal of Ethnic and Migration Studies 29 (5), S. 885–899. Asher, Andrew D. (2000): A Paradise on the Oder? ethnicity, europeanization, and the EU referendum in a Polish-German border city. In: City & Society 17 (1), S. 127– 152. Bach, Maurizio (2010): Die Konstitution von Räumen und Grenzbildung in Europa. Von verhandlungsresistenten zu verhandlungsabhängigen Grenzen. In: Monika Eigmüller und Steffen Mau (Hg.): Gesellschaftstheorie und Europapolitik. Sozialwissenschaftliche Ansatze zur Europaforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 153–178. Barthes, Roland (1964): Mythen des Alltags. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Baumgardt, Peter (2004): From the middle of nowhere to the heart of Europe: eine neue Urbanität. Gesamtkonzeption. Görlitz: Europa-Haus Görlitz e.V. Baumgardt, Peter (2006): Kulturhauptstadtbewerbung Görlitz-Zgorzelec. In: Jörg Sulzer (Hg.): Revitalisierender Städtebau. Kultur. Dresden: TUDpress (Stadtentwicklung und Denkmalpflege, 2), S. 30–39. Belina, Bernd (2008): Geographische Ideologieproduktion – Kritik der Geographie als Geographie. In: ACME: An International E-Journal for Critical Geographies, 7 (3), S. 510–537. Bergmann, Jens (2008): Oldies but Goldies. In: brandeins, 2008 (7), S. 112–117.
Quellenverzeichnis 147 Best, Ulrich (2007): Transgression as a rule. German-Polish cross-border cooperation, border discourse and EU-enlargement. Berlin: LIT. Bieling, Hans-Jürgen (2010): Konturen und Perspektiven einer europäischen Zivilgesellschaft. In: Johannes Wienand und Christiane Wienand (Hg.): Die kulturelle Integration Europas. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 31–50. Borsig, Agnes (2010a): Social capital - The missing link in small town research. In: Agnes Borsig (Hg.): Small towns in Eastern Europe. Local networks and urban development. Leipzig: Leibniz-Institut für Länderkunde (Beiträge zur regionalen Geographie, 64), S. 15–25. Borsig, Agnes (Hg.) (2010b): Small towns in Eastern Europe. Local networks and urban development. Leipzig: Leibniz-Institut für Länderkunde (Beiträge zur regionalen Geographie, 64). Bös, Matthias; Zimmer, Kerstin (2006): Wenn Grenzen wandern: Zur Dynamik von Grenzverschiebungen im Osten Europas. In: Monika Eigmüller und Georg Vobruba (Hg.): Grenzsoziologie. Die politische Strukturierung des Raumes. 1. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Brenner, Neil (1999): Beyond state-centrism? Space, territoriality, and geographical scale in globalization studies. In: Theory and Society 28, S. 39–78. Brenner, Neil (2008): Henri Lefebvre's critique of state productivism. In: Kanishka Goonewardena, Stefan Kipfer, Richard Milgrom und Christian Schmid (Hg.): Space, difference, everyday life. Reading Henri Lefebvre. New York: Routledge, S. 231–249. Brenner, Neil; Elden, Stuart (2009): Henri Lefebvre on State, Space, Territory. In: Internation Political Sociology (3), S. 353–377. Brym, Michelle (2011): The enduring importance of national identity in cooperative European Union Borderlands: Polish university students' perceptions on crossborder cooperation in the Pomerania euro-region. In: National Identities 13 (3), S. 305–323. Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) (Hg.) (o.J.): grenze | welche grenze? – granica | jaka granica? menschen an oder & neiße – Ludzie nad Odrą i Nysą. Büttner, Sebastian; Mau, Steffen (2010): Horizontale Europäisierung und Europäische Integration. In: Monika Eigmüller und Steffen Mau (Hg.): Gesellschaftstheorie und