Sozialphilosophie und Geldpolitik bei Friedrich August von Hayek, Walter Eucken, Joseph Alois Schumpeter, Milton Friedman und John Maynard Keynes
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Universität Bayreuth Kulturwissenschaftliche Fakultät Fachbereich Soziologie Dissertationsschrift zur Erlangung des akademischen Grades Doktor der Philosophie (Dr. phil.) Sozialphilosophie und Geldpolitik bei Friedrich August von Hayek, Walter Eucken, Joseph Alois Schumpeter, Milton Friedman und John Maynard Keynes Vorgelegt von Stephan Balling Diplom-Volkswirt Geboren am: 5. Februar 1979 in Nürnberg Bayreuth / Frankfurt im Juli 2012
„Ich versichere hiermit an Eides Statt, dass ich die vorliegende Arbeit ohne unzulässige Hilfe Dritter und ohne Benutzung anderer als der angegebenen Hilfsmittel angefertigt habe; die aus fremden Quellen direkt oder indirekt übernommenen Gedanken sind als solche kenntlich gemacht. Darüber hinaus versichere ich, dass ich weder bisher Hilfe von gewerblichen Promotionsberatern bzw. -vermittlern in Anspruch genommen habe noch künftig in Anspruch nehmen werde. Die Arbeit wurde bisher weder im Inland noch im Ausland in gleicher oder ähnlicher Form einer anderen Prüfungsbehörde vorgelegt und ist auch noch nicht veröffentlicht.“ Frankfurt / Bayreuth im Juli 2012, Stephan Balling
Abstract: Die globale Finanzkrise, die im Frühjahr 2007 begann und im September 2008 durch den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers eskalierte, begann im vierten Quartal 2008 weltweit auf die Realwirtschaft durchzuschlagen. Die deutsche Bundesregierung rechnete damit, dass im Jahr 2009 das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 6 Prozent einbrechen werde – so stark wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Es kam mit einem BIP-Rückgang von 4,9 Prozent dann zwar nicht ganz so schlimm, aber auch diese Rezession war die stärkste seit 1945. Für diese dramatischen Entwicklungen lieferten Ökonomen im Wesentlichen zwei Erklärungsmuster: Die einen gaben den Zentralbanken die Schuld, sie hätten in den zwei Jahrzehnten vor der Krise zu viel Liquidität geschaffen, die dann zu Preisblasen etwa auf dem amerikanischen Immobilienmarkt führte. Andere machten eine zu schlaffe Regulierung und die Liberalisierung der Finanzmärkte für die Entwicklungen verantwortlich. Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse entstand die Idee, nicht nur eine technische Analyse durchzuführen um zu erkennen, welches Erklärungsmuster plausibler sei. Stattdessen sollte analysiert werden, wie sich diese diametral wiedersprechenden Aussagen von Ökonomen ideengeschichtlich erklären lassen. Es erschien nötig, sich ideengeschichtlich mit Sozialphilosophie, der Rolle des Staates in der Wirtschaft sowie dem Wesen des Geldes und des Zinses in den wichtigsten ökonomischen Schriften des 20. Jahrhunderts zu beschäftigen. Dabei sollte es um die Frage gehen, ob bei Ökonomen und Sozialphilosophen zwischen den generellen gesellschaftsund wirtschaftspolitischen Vorstellungen einerseits und den geldpolitischen Vorstellungen andererseits ein Zusammenhang besteht. Diese Frage sollte durch einen Literaturvergleich verschiedener Staatsund Geldtheoretiker geklärt werden, die – bei allen Unterschieden im Detail – für sich das Attribut „liberal“ reklamieren. Die vorliegende Arbeit analysiert folglich die Werke von fünf großen Wirtschaftsund Sozialphilosophen, nämlich von Friedrich August von Hayek als Repräsentant der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, Walter Eucken als Vertreter der Freiburger Schule der Ordnungsökonomik, Joseph A. Schumpeter als Vertreter einer Unternehmertheorie, Milton Friedman als Begründer des Monetarismus und John Maynard Keynes als Vertreter einer expansiven Geldund Fiskalpolitik. Dabei wird ein Zusammenhang des Denkens in Bezug auf allgemeine staatsphilosophische Vorstellungen, wirtschaftspolitische Ziele und die Aufgabe sowie den Instrumentenkasten der Geldpolitik hergestellt. Dabei zeigt sich: Individualistische Vorstellungen über die Gesellschaft gehen mit Präferenzen für eine geringe Tätigkeit des Staates in der Wirtschaft sowie einer weitgehenden, teils sogar völligen Entkopplung der Geldpolitik von politischer Einflussnahme einher. Umgekehrt gehen Vorstellungen, die weniger einem negativen als einem positiven Freiheitsbegriff folgen und dem wirtschaftlichen Erfolg des Kollektivs den Vorzug vor der Freiheit des Einzelnen geben, mit einer stärkeren Rolle des Staates im wirtschaftlichen
Koordinationsund Allokationsprozess einher und fordern zugleich eine aktive Rolle der Geldpolitik bei der Steuerung des wirtschaftlichen Prozesses. Daraus ist wiederum zu schließen: Die Forderung nach einer expansiv ausgerichteten Geldpolitik zur Stimulierung von Konjunktur und Wachstum beruht ideengeschichtlich nicht nur auf technischen Überlegungen zur Effizienz, sondern stammt von einer grundsätzlich kollektivistischer – teils sozialistischer – ausgerichteten Grundüberzeugung. Die Argumentation zum Beispiel für oder gegen eine konjunkturstützende Geldpolitik leitet sich nicht nur aus theoretischen ökonomischen Modellen ab, deren Richtigkeit etwa durch empirische Methoden überprüft werden kann. Sie leitet sich auch aus grundsätzlichen Überzeugungen zum Beispiel über den Wert der individuellen Freiheit oder des Schutzes von Eigentumsrechten ab. In der politischen wie in der wissenschaftlich-ökonomischen Diskussion kommt dieser Aspekt allerdings zu kurz. The global financial crisis, which started in spring 2007 and escalated in September 2008 after the collapse of Lehman Brothers, began to affect the real economy in the fourth quarter of 2008. The German government at the time expected that gross domestic product (GDP) would shrink in 2009 by 6 per cent – more than at any time since World War II (finally, Germany´s GDP shrank by 4.9 per cent). Economists gave two different explanations for this dramatic development. One camp laid the blame with central banks, which had created too much liquidity during the two decades before the crisis, leading to price bubbles on the American housing market. Others argue that weak regulation and the liberalization of financial markets were responsible. Against that backdrop the idea was born to not simply conduct a technical analysis to find out which of those two explanations was more plausible. Instead there would be an analysis into whether these two diverging arguments of economists can be explained by the history of ideas. It seemed necessary to deal with the history of ideas in social philosophy, the role of government in the economy and the nature of money and interest as reflected in the main economic writings of the 20th century. The question is whether there is a connection in the writings of economists and political philosophers between the more general ideas about economics and society on the one hand and monetary policy on the other. The challenge of this thesis is to find an answer to this question by comparing the literature written by different monetary theorists and political philosophers, who – despite differences in details – claim to be “liberal” (the word “liberal in this thesis is used in its original sense which means basically business friendly and in favour of free markets). The thesis presented analysis the writings of five important political and economic philosophers: Friedrich August von Hayek who presents the Austrian School of Economics, Walter Eucken who presents the German Freiburg School of Ordnungsoekonomik, Joseph A. Schumpter who presents a theory of the entrepreneur,
Milton Friedman who is regarded as the founder of Monetarism and John Maynard Keynes who advocates an expansive monetary and fiscal policy to create jobs in the economy. Through this comparison there will be a connection of the thinking regarding broader ideas about political philosophy, the goals of economic policy and the instruments of monetary policy. The result: Individualistic ideas about a society coincide with preferences for small government and a high, sometimes fully decoupling of monetary policy from political influence. Conversely, ideas that follow less what is called “negative liberty” and more what is regarded as “positive liberty,” and emphasize the economic success of the society instead of individual freedom, go along with ideas of big government in the economic process of coordination and allocation. They ask for an active role of monetary policy to steer the economic process of a society, too. This leads to the following conclusion: The demand for an expansive monetary policy to stimulate business activity and economic growth descends – at least from the view of the history of ideas – not only from technical considerations about efficiency, but also from fundamentally more collectivistic – partly socialist – fundamental convictions. In other words, the argument for or against a monetary policy that stimulates economic activity is not only derived from theoretical economic models that can be verified or falsified by empirical methods. It starts with basic normative convictions about the value of individual freedom or the protection of property rights. However, this aspect gets scant notice in the current political and scientific economic discussion.
Die vorliegende Arbeit wurde von der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth am 7. November 2012 angenommen. Mein besonderer Dank gilt meinem Doktorvater, Herrn Prof. Dr. Michael Zöller, für seine wissenschaftliche Begleitung. Außerdem danke ich Herrn Prof. Dr. Martin Leschke, dass er für die vorliegende Arbeit das Zweitgutachten erstellt hat. Herrn Prof. Dr. Hermann Hiery und Herrn Prof. Dr. Georg Kamphausen danke ich für ihre Bereitschaft, am Wissenschaftlichen Kolloquium mitzuwirken. Frankfurt / Bayreuth im Dezember 2012 Stephan Balling
Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung............................................................................................................................ 1 2 Ein Vergleich von Freiburger und Österreichischer Schule...........................................5 2.1 Die Freiburger Schule.................................................................................................. 5 2.1.1 Die Gründungsväter der Freiburger Schule........................................................... 5 2.1.2 Gründungstext der Freiburger Tradition der Ordnungsökonomik: „Unsere Aufgabe“........................................................................................................................ 7 2.1.3 Grundideen des Ordoliberalismus....................................................................... 11 2.2 Die Österreichische Schule der Nationalökonomie.................................................... 17 2.2.1 Die Gründungsväter der Österreichischen Schule...............................................17 2.2.1.1 Carl Menger................................................................................................. 17 2.2.1.2 Eugen von Böhm-Bawerk............................................................................ 18 2.2.1.3 Ludwig von Mises........................................................................................ 18 2.2.1.4 Friedrich August von Hayek......................................................................... 18 2.2.2 Die geistig-philosophischen Ursprünge der Österreichischen Schule der Nationalökonomie.........................................................................................................19 2.2.2.1 Die geistigen Wurzeln der Österreichischen Schule in der Katholischen Denktradition........................................................................................................... 19 2.2.2.2 Die geistigen Wurzeln der Österreichischen Schule in der Schottischen Philosophie der Aufklärung...................................................................................... 22 2.2.2.3 Exkurs: Adam Smith und die kontinentaleuropäische Denktradition............25 2.2.3 Grundprinzipien österreichischen Denkens......................................................... 31 2.2.3.1 Kritik am Historismus................................................................................... 31 2.2.3.2 Die Grundlagen von Carl Menger................................................................ 31 2.2.3.3 Drei Wellen der Österreichischen Schule.....................................................34 2.2.3.4 Die Interpretation von Kapital und Zins bei den Österreichern.....................35 2.2.3.5 Der Konjunkturzyklus nach der Österreichischen Schule.............................37 2.2.3.6 Kernaussagen der Österreichischen Schule................................................38 2.2.3.7 Abgrenzung zur Neoklassik......................................................................... 41 2.3 Gemeinsamkeiten von Österreichischer und Freiburger Schule jenseits der Geldpolitik ........................................................................................................................................ 46 2.4 Unterschiede von Eucken und Hayek jenseits der Geldpolitik....................................54 2.5 Zwischenfazit: Unterschiedliche Präferenz für Staatseingriffe bei Eucken und Hayek ........................................................................................................................................ 59 2.6 Die Bewertung von Inflation und Deflation bei Hayek und Eucken.............................60 2.7 Geldpolitische Konzeptionen bei Hayek und Eucken................................................. 63 2.8 Exkurs: Historische Entwicklung der Geldordnung.....................................................70 2.9 Fazit: Beantwortung der Ausgangsfrage dieser Arbeit für den Fall der Österreichischen und Freiburger Schule.............................................................................................75 3 Schumpeter – Unternehmertheorie und Konjunkturablauf sowie die Frage nach Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie......................................................................77 3.1 Biographische Hinweise zu Schumpeter.................................................................... 77 3.2 Schumpeters Forschungsansatz................................................................................79 3.3 Schumpeters grundsätzliche Ansätze in Abgrenzung zu Eucken und Hayek.............82 3.4 Schumpeters Gesellschaftsbild in „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie”........83 3.4.1 Marxkritik ............................................................................................................ 83 3.4.2 Die Funktionsweise des Kapitalismus................................................................. 90 3.4.3 Der Übergang zum Sozialismus.......................................................................... 98
3.4.4 Der Sozialismus kann funktionieren.................................................................. 103 3.4.5 Sozialismus und Demokratie............................................................................. 108 3.5 Schumpeters Gesellschaftbild im Vergleich zu Hayek und Eucken..........................113 3.5.1 Freiheitsbegriffe bei Hayek, Eucken und Schumpeter.......................................113 3.5.2 Die sozialtheoretischen Grundlagen Schumpeters............................................119 3.6 Die Rolle des Geldes und der Kreditschöpfung bei Schumpeter im Vergleich zu Hayek und Eucken.................................................................................................................... 120 3.7 Zwischenfazit zu Hayek, Eucken und Schumpeter...................................................125 4 Milton Friedman – Freiheit und das Wachstum der Geldmenge.................................126 4.1 Milton Friedman: zur Person.................................................................................... 126 4.2 Friedmans Freiheitsbegriffe und seine Sicht auf die Rolle des Staates in der Wirtschaft....................................................................................................................... 128 4.3 Friedmans gesellschaftsund wirtschaftspolitische Vorstellungen im Vergleich zu Hayek, Eucken und Schumpeter....................................................................................138 4.4 Friedmans geldpolitische Vorstellungen................................................................... 140 4.5 Friedmans geldpolitische Forderungen im Vergleich zu Hayek, Eucken und Schumpeter.............................................................................................................................. 152 5 John Maynard Keynes................................................................................................... 156 5.1 John Maynard Keynes: Zur Person..........................................................................156 5.2 Keynes Weltanschauung......................................................................................... 158 5.2.1 Kritik am „Orthodoxen Liberalismus“................................................................. 158 5.2.2 Staatsund Marktwirtschaft bei Keynes............................................................163 5.2.3 Keynes: Bin ich ein Liberaler?........................................................................... 170 5.2.4 Keynes sozialphilosophische Ausführung in der „General Theory“....................174 5.3 Keynes Weltanschauung im Vergleich zu Hayek, Friedman, Eucken und Schumpeter .......................................................................................................................................177 5.4 Keynes geldpolitische Vorstellungen........................................................................179 5.5 Keynes geldpolitische Vorstellungen im Vergleich zu Hayek, Eucken, Schumpeter und Friedman........................................................................................................................184 6 Zusammenfassung und Fazit........................................................................................ 185
Abbildungsverzeichnis Abbildung: Entwicklung von Geldmengenaggregat M3 und Bargeldumlauf in der Eurozone...........Seite 142 Tabelle 1: Zusammenfassende Übersicht über die Grunderkenntnisse dieser Arbeit.......................Seite 187
Seite 6 hervorgebracht, die zu älteren 'Freiburger Tradition' vielfältige Bezüge aufweisen“ .21 Um die parallele Entwicklung von Freiburger und Österreichischer Schule darzustellen, werden im Folgenden zunächst die frühen Schriften der Freiburger Kerngruppe analysiert, deren gemeinsame Wirkungszeit allerdings zeitlich befristet war: Hans Großmann-Doerth fiel bereits 1944, Franz Böhm wechselte 1945 nach Frankfurt a.M.22 Walter Eucken wurde am 17. Januar 1891 in Jena geboren, er starb am 20. März 1950 und war von 1927 bis 1950 Professor für Nationalökonomie an der Universität Freiburg.23 Franz Böhm kam am 16. Februar 1895 in Konstanz zur Welt, seine Promotion und Habilitation im Fach Rechtswissenschaft erfolgten an der Universität Freiburg. Seine erste Professur an der Universität Jena wurde ihm im Jahr 1940 entzogen, nachdem er die nationalsozialistische Rassenpolitik kritisiert hatte. Im Jahr 1945 erhielt er einen Ruf nach Freiburg, wechselte aber ein Jahr später bereits nach Frankfurt. Nach dem Krieg betätigte sich Böhm politisch als Minister in Hessen, Verhandlungsleiter für die Aushandlung des Wiedergutmachungsabkommens mit Israel und in den Jahren 1953 bis 1965 als Mitglied des Deutschen Bundestages. Böhm war maßgeblich an der Ausarbeitung des 1957 verabschiedeten Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen beteiligt. Am 26. September 1977 starb er. Hans Großmann-Doerth wurde am 9. September 1894 geboren. Auf seine Studien in München und Hamburg und seine Promotion im Fach Rechtswissenschaften im Jahr 1923 folgten eine Anstellung als Richter sowie im Jahr 1929 die Habilitation. Im Jahr 1930 wurde Großmann-Doerth Professor für Bürgerliches Recht und Handelsrecht an der Universität Prag, 1933 wechselte er an die Universität Freiburg.24 21 Goldschmidt u. Wohlgemuth, S. 8 22 vgl. Goldschmidt u. Wohlgemuth, S. 8 23 vgl.http://www.walter-eucken-institut.de/freiburger-tradition/franz-boehm.html 24 vgl. für diesen und den vorhergehenden Absatz: http://www.walter-eucken-institut.de/freiburger-tradition/franz-boehm.html
Seite 7 2.1.2 Gründungstext der Freiburger Tradition der Ordnungsökonomik: „Unsere Aufgabe“ Den Text „Unsere Aufgabe“ der drei genannten Freiburger Protagonisten aus dem Jahr 1936 bezeichnen Goldschmidt und Wohlgemuth als das „Gründungsdokument“ der Freiburger Schule.25 Böhm, Eucken und Großmann-Doerth beklagen darin, dass Rechtswissenschaft und Nationalökonomie in Deutschland die grundsätzlichen rechtsund wirtschaftspolitischen Entscheidungen nicht mehr beeinflussen.26 Sie schreiben: „Verzichtet die Wissenschaft auf diese Rolle oder wird sie ihr aberkannt, dann treten andere, weniger berufene Ratgeber an ihre Stelle – die Interessenten. Sie sind sicherlich sachverständig für die technischen Details ihres Berufszweiges, aber sie sind ebenso sicher nicht sachverständig und können es nicht sein in der Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge; und sie sind außerdem durch ihre wirtschaftliche Interessenlage gebunden, was in aller Regel unbewußt dazu führt, daß sie das Wohlergehen ihres Berufszweiges mit der Gesamtwirtschaft verwechseln. Hört der Staat auf sie, dann treten an Stelle von wirtschaftspolitischen und rechtlichen Entscheidungen, die auf einer genauen Kenntnis der großen ordnenden Prinzipien des Wirtschaftslebens beruhen, sich in diese Gesamtordnung einfügen und von ihr aus ihren Sinn erhalten, Entscheidungen, die dem Systemgedanken der gegebenen Wirtschaft entgegenlaufen und aus einer geregelten Ordnung ein Chaos zu machen tendieren – ein Prozeß, der in den einzelnen Schriften dieser Reihe von verschiedenen Seiten beleuchtet wird.“27 Die Autoren warnen also im Kern vor Lobbyismus. Darüber hinaus prangern sie die Mainstream-Ökonomik des 19. Jahrhunderts in Deutschland an, den Historismus: „Romantik und historische Schule haben in beiden Wissenschaften den Glauben an ein natürliches System des Rechts und der Wissenschaft zerstört“.28 Als konkretes Beispiel kritisieren die Autoren von „Unsere Aufgabe“, dass Rechtsund Wirtschaftswissenschaft sich nicht gegen die Bildung von Kartellen gewehrt hatten: „Die Bildung von Kartellen z.B. wurde vom Reichsgericht seit der richtungsgebenden und verhängnisvollen Entscheidung vom 4.2.1897 als eine unabänderliche Tatsache hingenommen und gar nicht der Versuch gemacht, 25vgl. Goldschmidt u. Wohlgemuth, S. 21 26vgl. Böhm, F., Eucken, W. u. Großmann-Doerth, H.: Unsere Aufgabe, 1936, in: Goldschmidt u. Wohlgemuth (Hg): Grundtexte zur Freiburger Tradition der Ordnungsökonomik, Tübingen: 2008, S. 27 27Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 28 28Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 28
Seite 8 durch eine entschiedene Kartell-Rechtsprechung die Ordnungsgedanken der Gewerbeordnung zur Geltung zu bringen.”29 Aus dem Ansatz der historischen Schule der Nationalökonomie hat sich demnach ein „historischer Fatalismus“ entwickelt, wie die Autoren schreiben: „Wir sind Historiker genug, um den historischen Fatalismus als das zu nehmen, was er ist: Das Schwächezeichen gewisser Intellektueller. Weil ihr Geist sich unsicher fühlt, bringen sie nicht mehr die Kraft auf, an die Gestaltung der Dinge heranzugehen und ziehen sich deshalb in die Rolle des Beobachters zurück. Zur Begründung ihrer Haltung arbeiten sie regelmäßig mit historischen Konstruktionen und Doktrinen, die in höchstem Maße unrealistisch sind. Verkannt wird vor allem die ungeheure Vielheit der geschichtsbildenden Kräfte, und so ist es kein Zufall, daß sich die Prognosen der Fatalisten, auf die sie ihr ganzes Denken und Wollen richten, fast immer als unrichtig erweisen.“30 Doch auch den anderen Zweig, der sich aus der historischen Schule der Nationalökonomie entwickelt habe – von den Autoren „relativistisch“ genannt – und dessen Hauptvertreter Gustav Schmoller war, kritisieren die Autoren von „Unsere Aufgabe“: „Schmoller ist wesentlich daran mitschuldig, daß in Deutschland die Nationalökonomie ihre frühere Kraft verlor, wahrhaft gestaltend zu wirken.”31 Als Gründe für diesen Niedergang führen sie zum ersten an, dass Schmoller sich grundsätzlichen Aussagen verweigert und statt dessen nur zu Einzelfragen geäußert habe.32 Zweitens wird kritisiert, dass „Schmoller nichts mit dem abstrakten Denkapparat der nationalökonomischen Theorie anzufangen“33 gewusst habe.34 Böhm, Eucken und Großmann-Doerth folgern aus ihrer Analyse drei Aufgaben für die Rechtsund Wirtschaftswissenschaft. Erstens müsse die wissenschaftliche Vernunft wieder stärker genutzt werden als in der Historischen Schule.35 Zweitens fordern sie den Primat des grundsätzlichen Denkens:36 „Es besteht darin, die Einzelfragen der Wirtschaft als Teilerscheinung einer höheren Einheit zu sehen. Da sämtliche Gebiete der Wirtschaft aufs engste miteinander verknüpft sind, ist diese grundsätzliche Betrachtung die einzige, die der Sache gerecht wird. Die Behandlung aller konkreten rechtsund 29Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 30 30 Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 31 31 Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 32 32 vgl. Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 32f 33 Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 33 34 vgl. Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 33 35 vgl. Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 35 36 vgl. Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 35
Seite 9 wirtschaftspolitischen Fragen muß an der Idee einer Wirtschaftsverfassung ausgerichtet sein. Dadurch wird die relativistische Haltlosigkeit und das fatalistische Hinnehmen der Fakten überwunden“.37 Drittens legen die Autoren von „Unsere Aufgabe“ aber auch Wert darauf, dass der historische Kontext Ausgangspunkt der Analysen sein müsse, im Gegensatz zum Historismus müsse man aber mit grundsätzlichen Fragen an die Analyse der Geschichte herantreten.38 Ihr Credo: „Wirklichkeitsnah – und grundsätzlich zugleich; nur aus dieser Spannung heraus können die Probleme der Wirtschaftsverfassung erfaßt und einer Lösung zugeführt werden“.39 Viertens gelte: „Die Wirtschaftsverfassung ist als eine politische Gesamtentscheidung über die Ordnung des nationalen Wirtschaftslebens zu verstehen“.40 Der Jurist müsse, um die Rechtsordnung als Wirtschaftsverfassung zu begreifen und zu formen, die Ergebnisse der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung nutzen.41 Es gelte: „Wenn es z.B. der praktische oder wissenschaftliche Jurist mit einer Frage des unlauteren Wettbewerbs zu tun haben, genügt es keineswegs, daß er den ethischen Auffassungen des Kaufmannsstandes nachspürt und ausgehend von dem 'Anstandsgefühl aller billig und recht Denkenden' die eine Gruppe von Wirtschaftskampfmitteln für gerade noch erlaubt, die andere für eben noch rechtswidrig erklärt. Vielmehr ist gerade hier das wirtschaftsverfassungsrechtliche Durchdenken des Problems dringend nötig, denn der freie Wettbewerb ist ein wesentliches Ordnungsprinzip der heutigen deutschen Wirtschaft. Der freie Wettbewerb darf nicht etwa unter fälschlicher Berufung auf angebliche Unlauterkeit unterbunden werden, er darf andererseits aber auch nicht in wirklich unlauteren Wettbewerb entarten. Wie die Grenze zwischen unlauterem und erlaubtem Wettbewerb zu ziehen ist, wo freier Wettbewerb vorliegt, wo nicht, wo beschränkter Wettbewerb, wann Leistungswettbewerb, wann Behinderungswettbewerb gegeben ist, wann Preisunterbietungen dem Ordnungsprinzip widersprechen, wann nicht – kann nur auf Grund der Untersuchungen der verschiedenen Marktverfassungen entschieden werden, welche die Wirtschaftswissenschaft durchführt. Das 37 Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 35 38 vgl. Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 35 39 Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 36 40 Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 36 41 vgl. Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 36
Seite 10 Zusammenspiel beider Wissenschaften, das in dieser Hinsicht noch sehr viel zu wünschen übrig lässt, ist schlechthin notwendig“.42 Böhm, Eucken und Großmann-Doerth fordern zudem, dass die eng spezialisierten einzelnen Wissenschaften sich wieder enger miteinander verbinden, wenn es um die Lösung von Problemen geht; das gelte insbesondere für die Nationalökonomie und die Jurisprudenz.43 Zusammenfassend lassen sich aus dieser Analyse von „Unsere Aufgabe“ folgende Leitgedanken der Freiburger Gründungsväter heraus kristallisieren: •Rechtsund Wirtschaftswissenschaft müssen sich in den politischen Prozess einmischen •Sie dürfen das Feld nicht den Lobbyisten überlassen •Grundsätzliches Denken muss den Primat haben vor einem subjektiven fallbezogenen Rechtsempfinden, weshalb alle rechtsund wirtschaftspolitischen Entscheidungen an die Idee einer Wirtschaftsverfassung gekoppelt sein sollten •Die unterschiedlichen Zweige der Wissenschaft, besonders Jurisprudenz und Nationalökonomie, müssen sachbezogen eng zusammenarbeiten Damit sind in „Unsere Aufgabe“ die wesentlichen Ansätze der Freiburger Schule umrissen. Im Folgenden sollen diese Denkanstöße weiter vertieft werden. 42 Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 36f 43 vgl. Böhm, Eucken, Großmann-Doerth, S. 37
Seite 11 2.1.3 Grundideen des Ordoliberalismus Abelshauser beschreibt die neue Doktrin des deutschen Wirtschaftsliberalismus nach 1945: „Sie nahm Abschied von der Vorstellung des liberalen Staates und orientierte sich kritisch an der Realität des 'interventionistischen Wirtschaftsstaates', der nach dem Urteil Walter Euckens nur noch 'selten imstande' war, 'das reine Staatsinteresse zur Geltung zu bringen'. Nicht die Ablehnung des Interventionismus an sich, sondern die Entwicklung eines 'liberalen Interventionismus' sollte den Ausweg aus der von Eucken beklagten 'Versumpfung des Kapitalismus' weisen. Darunter verstanden er und andere Reformer, wie Alexander Rüstow, 'ein Eingreifen in genau der entgegengesetzten Richtung, als in der bisher eingegriffen worden ist, nämlich nicht entgegen den Marktgesetzen, sondern in Richtung der Marktgesetze, nicht zur Aufrechterhaltung des alten, sondern zur Herbeiführung des neuen Zustandes, nicht zur Verzögerung, sondern zur Beschleunigung des natürlichen Ablaufs. Also sozusagen ein liberaler Interventionismus (…)'. Rüstows Plädoyer gipfelte 1932 in der Aussage: 'Der neue Liberalismus jedenfalls, der heute vertretbar ist, fordert einen starken Staat, einen Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der Interessenten, da wo er hingehört'.“44 Vanberg weist auf Böhms spätere Aussage hin, dass das gemeinsame Anliegen der Gründer der Freiburger Schule darin bestanden habe, der Frage nachzugehen, wie die verfassungsmäßige Grundlage einer freien Wirtschaft und Gesellschaft aussehen solle.45 Eucken wollte in mehreren Aufsätzen eine Alternative zur Historischen Schule und zu prinzipienlosen diskretionären Ansätzen in der Wirtschaftspolitik bieten: Im Jahr 1932, also vier Jahre vor „Unsere Aufgabe“, hatte Eucken die beiden Aufsätze „Staatliche Strukturwandlungen“ und „Die Krise des Kapitalismus“ veröffentlicht, später folgten mit „Die Grundlagen der Nationalökonomie“ aus dem Jahr 1939 und „Die Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ im Jahr 1952 zwei weitere größere Arbeiten zu diesem Thema.46 Das letztere Werk wird in den Kapiteln 2.3 und 2.4 noch ausführlicher analysiert werden. Oft wird die ordoliberale Freiburger Schule mit den Gründungsvätern der Sozialen Marktwirtschaft gleichgesetzt. Das ist aber nicht richtig. Sally schreibt: 44 Abelshauser, W.: Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München: 2004, S. 95 45 vgl. Vanberg, V.: The Freiburg School: Walter Eucken and Ordoliberalism, in: Freiburg discussion papers on constitutional economics 04,11, Freiburg: 2004, Seite 1 46 vgl. Vanberg 2004, S. 5f
Seite 12 „It is useful, from the start, to distinguish between at least two different groups of thinkers: the 'ordoliberal' economists and lawyers of the Freiburg School, centred around Walter Eucken and Franz Böhm; and the more sociologically inclined Alfred Müller-Armack, Wilhelm Röpke and Alexander Rüstow. All the above, and Ludwig Erhard, were associated with what was called 'social market economy'. Despite many unifying aspects, it is advisable to keep the terms 'ordoliberalism' and 'social market economy' conceptually apart, for there are substantial differences of emphasis, and some differences in content, between the Freiburg School and the 'sociological neoliberalism' of the others.“47 Vanberg verweist auf den Unterschied zwischen dem Ansatz von Böhm, Eucken und Großmann-Doerth einerseits und etwa Alfred Müller-Armack andererseits. So seien MüllerArmack und die Vertreter der Sozialen Marktwirtschaft, um wie Müller-Armack das große „S“ in der Schreibweise zu verwenden, eher am Ergebnis orientiert, also „outcome-oriented“48, gewesen, während für die Freiburger Schule die Marktwirtschaft an sich eine ethische Ordnung gewesen sei, wenn sie einen Wettbewerb frei von Privilegien – wie die Gewährung staatlicher Monopole – und Diskriminierung sicherstelle. Dagegen habe Müller-Armack in der Marktwirtschaft keine angeborene Ethik gesehen, sondern lediglich eine effiziente Ordnung. Die Marktwirtschaft bei Müller-Armack sei ein technisches Instrument, um Reichtum zu produzieren. Erst durch Sozialpolititk habe die Marktwirtschaft für Müller-Armack „ethisch“ werden können. Anders als die Freiburger Ordoliberalen sei Müller-Armack nicht der Meinung gewesen, dass die sozialen Regelungen keinesfalls in Konflikt geraten dürften mit der Abwesenheit von Privilegien, wenn es um die Spielregeln des Marktes gehe.49 Während also in der Freiburger Denktradition eine Regulierung des Marktes nur dann erlaubt sein soll, wenn sie nicht dazu führt, dass einzelne Gruppen dadurch bestimmte Privilegien erhalten, sah Müller-Armack hierin kein gravierendes Problem. Für ihn war es durchaus vertretbar, das Gebot einer Marktwirtschaft ohne Privilegien für einzelne zu verletzen, wenn dadurch die Gesamteffizienz des Systems gesteigert wird. Müller-Armack war durchaus ein Anhänger einer stark durch den Staat gelenkten Marktwirtschaft und befürwortete die Verbindung einer aktiven Sozialpolitik sowie einer sozialistischen Wirtschaftspolitik mit einer Marktwirtschaft.50 Wie Vanberg erläutert, standen die Freiburger Ordoliberalen in der Tradition der schottischen Ökonomen und betonten, dass die Interessen der Konsumenten das einzige legitime 47 Sally, R.: Ordoliberalism and the Social Market: Classical Political Economy from Germany, in: New Political Economy, Oxford: 1996, S. 233 – 257, S. 234 48 Vanberg 2004, S. 2 49 vgl. Vanberg 2004, S. 1f 50 vgl. Abelshauser, S. 93
Seite 13 ökonomische Interesse seien und die Kernaufgabe von Wettbewerb darin bestehe, das Ziel des Unternehmers, Gewinne zu erzielen, in den direkten Dienst des Konsumenten zu stellen.51 Böhm habe den Wettbewerb außerdem vor allem als ein „Entmachtungsinstrument“ gesehen.52 Entsprechend habe das Kernpostulat der Freiburger „Leistungswettbewerb“ gelautet, auch anstelle eines „Behinderungswettbewerbs“.53 Derjenige Unternehmer sollte erfolgreich sein, der für den Konsumenten das beste Produkt erzeugt, und nicht derjenige, dem es gelingt, durch andere Maßnahmen – wie die Bildung von Kartellen – die Konkurrenz zu reduzieren. Deshalb seien zum Beispiel Kartelle oder Monopole aus Freiburger Sicht unvereinbar mit einer wettbewerblichen Wirtschaftsverfassung, so Vanberg.54 Allerdings habe Eucken darauf hingewiesen, dass der Staat selbst Monopole fördere, zum Beispiel durch seine Patent-, Handelsund Steuerpolitik; so fördere er die Formierung von privater Macht, von der er dann abhängig werde.55 In anderen Worten: Die Freiburger Ordoliberalen erkannten ebenso wie die moderne Konstitutionenökonomik an, dass die Lösung des Problems von „Rent Seeking“56 letztlich durch die politische Verfassung gelöst werden müsste, allerdings ohne die Details zu diskutieren, jedoch mit dem klaren Hinweis, dass die Macht für Eingriffe in das Wirtschaftsleben nicht bei der Regierung und der Legislativen liegen dürfe.57 Nicht der Willkür von Regierung und Parlament wollten die Freiburger Ordoliberalen also den Kampf gegen Lobbyismus, Kartelle und Monopole überlassen, sondern dem Recht. Auch Sally weist darauf hin, dass das ordoliberale Leitbild einer funktionierenden Marktwirtschaft nicht nur Nutzenoder Effizienzüberlegungen entspringe, sondern der Markt vielmehr als Mittel zur Dezentralisierung der sozialen, politischen und ökonomischen Lebensbereiche diene.58 Ordoliberalismus steht also für ein Gesellschaftskonzept, nicht nur für eine Wirtschaftsordnung, wenngleich ökonomische Fragen im Vordergrund stehen. Dabei wird laut Sally eine Politik des Laissez-faire kritisiert, eine Politik also abgelehnt, welche die Entwicklung der wirtschaftlichen Ordnung unkontrollierten und spontanen Entwicklungen überlässt, und die im Ergebnis zum Wachstum von Monopolen und Oligopolen führt, die 51 vgl. Vanberg 2004, S. 12 52vgl. Vanberg 2004, S. 12 53vgl. Vanberg 2004, S. 13 54vgl. Vanberg 2004, S. 11 55 vgl. Vanberg, S. 14 56 Der Begriff geht auf Gordon Tullock zurück. Er umfasst zum Beispiel die Bildung von Kartellen, aber auch Lobbyismus, mit dem Ziel, der Regierung Subventionen oder Steuererleichterungen für die eigene Branche / den eigenen Betrieb zu entlocken. Unabhängig davon, ob die Rent-Seeking-Aktivitäten legal oder illegal sind, haben sie gemeinsam, dass sie gesamtwirtschaftlich hohe Kosten verursachen und keinen Wert schaffen. Sie dienen nur dem Wohl weniger (vgl. http://www.economist.com/research/economics/alphabetic.cfm?letter=R) 57vgl. Vanberg 2004, S. 16f 58vgl. Sally, S. 234
Seite 14 zunehmend sowohl den Markt als auch den rechtlichen Rahmen der Gesellschaft zerstören.59 Auch hier wieder: Es geht um die Frage der Macht.60 Bei Eucken hat Sally zufolge die Ordnung der Wirtschaft dazu beizutragen, die Unabhängigkeit und die Freiheit der Bürger gegenüber anderen Bürgern sowie gegenüber dem Staat zu sichern.61 Freiheit bedeutet bei Eucken also die Abwesenheit von Zwang. Er verwendet nicht den sozialistischen Freiheitsbegriff, der sich auch auf die materiellen Möglichkeiten des Einzelnen bezieht, die erst zur Freiheit ermächtigen, also von der „Freiheit zu“ ausgeht. Die Ordnung hat für Eucken ausschließlich die „Freiheit von“ sicherzustellen. Dass das Problem der Macht eine so große Bedeutung hatte, ist auf die Erfahrungen der Protagonisten im Deutschen Reich zurückzuführen, wo der Staat eben nicht oberhalb der Wirtschaft stand. In der Weimarer Republik etwa galt: „Die Verantwortung für den Wirtschaftsprozess und seine Resultate blieb damit in letzter Instanz bei der Wirtschaft, die den Kurs bestimmte, ihre Handlungsspielräume in konfliktreicher Kooperation mit Gewerkschaften und staatlichen Instanzen absteckte und darüber hinaus durch ihre Verbände an der Formulierung der Wirtschaftspolitik mitwirkte. So wichtig staatliche Wirtschaftspolitik über ihren Einfluss auf die Rahmenbedingungen auch für den wirtschaftlichen Erfolg gewesen sein mochte, ließ sie doch bis zur Katastrophe der Weltwirtschaftskrise den Primat der Wirtschaft unangetastet.“62 Dagegen bezeichnet Sally als Essenz der Ordnungspolitik: „In other words, it is incumbent on the state to set up and maintain the institutional framework of the free economic order, but it should not intervene in the price-signalling and resource allocation mechanisms of the competitive process.“63 Acht konsekutive Merkmale kennzeichnen demnach laut Sally die Politik der Ordnung:64 Erstens ein funktionierendes Preissystem ohne antizyklische Politik, ohne die Formung von Monopolen oder Devisenbeschränkungen; zweitens eine stabile Währung, weil etwa offene Inflation nicht nur das Preisniveau zum Schaden vor allem unterer Einkommensschichten erhöht, sondern auch die Preisrelationen der einzelnen Güter verzerrt, während versteckte Inflation – etwa durch Preisfestsetzungen wie unter den Nazis ab dem Jahr 1936 – den gesamten Preismechanismus zerstört, weshalb Eucken eine an Rohstoffe gebundene 59vgl. Sally, S. 237 60vgl. Sally, S. 238 61vgl. Sally, S. 238 62Abelshauser, S. 53f 63Sally, S. 239 64vgl. Sally, S. 239
Seite 15 Währungsordnung forderte und mit dem System von Bretton Woods nicht einverstanden war; die weiteren sechs konsekutiven Merkmale einer Politik der Ordnung sind offene Märkte, Privateigentum, Vertragsfreiheit, Haftung, Konstanz der Wirtschaftspolitik sowie die Unabhängigkeit dieser Prinzipien.65 Sally verweist zudem auf die regulativen Prinzipien der Freiburger Ordnungsökonomik. Wichtigstes regulatives Prinzip der Freiburger Ordnungsökonomik sei dabei die Wettbewerbspolitik, man könnte sicher auch sagen: Anti-Trust-Politik. Eucken geht damit von der Grundidee perfekten Wettbewerbs aus. Sally verweist auf Euckens Formulierung der vollständigen Konkurrenz. Wie im neoklassischen Grundmodell gehe Eucken dabei von einem Gleichgewichtspunkt aus, bei dem sich Angebotsund Nachfragekurve schnitten und bei dem der Preis den Grenzkosten entspreche. Eine Abweichung von diesem Gleichgewicht, wenn also der Preis zum Beispiel oberhalb der Grenzkosten liege, interpretiere Eucken als Monopolsituation, in der ein oder mehrere Marktakteure über Markmacht verfügten. Die Aufgabe der Regierung bestehe aus ordoliberaler Sicht nun darin, dass die Regierung in den Markt interveniere und dafür sorge, dass sich ein Marktgleichgewicht einstelle.66 Eucken ist damit in voller Übereinstimmung mit der neoklassischen Lehre, die in einem solchen Fall in der Regel den „wohlwollenden Diktator“ ins Spiel bringt. Auch Euckens Freiburger Kollegen Franz Böhm und Leonhard Miksch stimmen Sally zufolge mit dieser Sicht Euckens überein.67 Wettbewerbsbeschränkende Praktiken wie Boykotte, Preisdiskriminierung und Kartellverträge sollten nach Euckens Vorstellung nicht nur verboten werden, sondern die Wettbewerbsbehörden sollten auch die Macht haben, Preise für bestehende Monopole festzusetzen und sie dazu zu bringen, so zu handeln, als bestehe vollständiger Wettbewerb.68 Eucken sprach sich auch für eine progressive Einkommenssteuer aus sowie für ein soziales Basisnetz.69 Auf rechtlicher Ebene formulierte der Jurist Hans Böhm die Rolle des Privatrechts als ein generelles, abstraktes und negatives Recht, das also den Bürgern bestimmte Dinge verbietet, ihnen aber ansonsten freie Wahlmöglichkeiten überlässt und es ihnen erlaubt, ihre eigenen Interesse zu verfolgen; nur in dieser Weise sei das System für die künftige Evolution der Gesellschaft offen.70 65vgl. Sally, S. 239f 66vgl. Sally, S. 240 67vgl. Sally, S. 240 68vgl. Sally, S. 240 69vgl. Sally, S. 240 70 vgl. Sally, S. 243
Seite 22 häufig als Begründer der modernen Nationalökonomie bezeichnet werde, gewirkt, so de Soto:93 „Murray N. Rothbard hat darauf hingewiesen, dass Adam Smith das Gebiet der vor ihm entwickelten Beiträge, in deren Mittelpunkt die subjektive Werttheorie, der Unternehmer und der Zins stand und mit deren Hilfe Preise in realen Märkten erklärt wurden, verließ. Stattdessen ersetzte Adam Smith diesen Ansatz durch seine Arbeitswerttheorie, auf deren Fundament und als natürliche Folge, Marx später seine sozialistische Ausbeutungstheorie aufbauen sollte. Außerdem konzentrierte sich Adam Smith ausschließlich auf die Erklärung des langfristigen 'natürlichen Gleichgewichtspreises', ein Gleichgewichts-Modell, in dem die Funktion des Unternehmers durch Abwesenheit glänzt und in welchem man davon ausgeht, dass sämtliche notwendigen Informationen schon gegeben sind. Dieses Gleichgewichts-Modell sollte später von den Gleichgewichts-Theorien der neoklassischen Schule benutzt werden, um das angebliche 'Marktversagen' zu kritisieren und den Sozialismus und die Intervention des Staates in Ökonomie und Zivilgesellschaft zu rechtfertigen.”94 De Soto zufolge verschärfte sich der negative Einfluss der klassischen englischen Schule auf die Wirtschaftswissenschaft durch Smiths Nachfolger, besonders durch Jeremy Bentham und dessen eng verstandenen Utilitarismus.95 2.2.2.2 Die geistigen Wurzeln der Österreichischen Schule in der Schottischen Philosophie der Aufklärung De Soto verweist darauf, dass auch für Hayek in seinem in den Jahren 1973 bis 1979 in drei Bänden in englischer Sprache erschienen Werk „Recht, Gesetz und Freiheit” die theoretischen Prinzipien der Marktwirtschaft nicht von Calvinisten und schottischen Protestanten geschaffen worden seien, sondern das Ergebnis der intellektuellen Anstrengungen von Dominikanern und Jesuiten seien, die beide Mitglieder der Schule von Salamanca gewesen seien.96 Tatsächlich lehnte Hayek die Arbeitswerttheorie der klassischen Schule ab.97 Allerdings bezog sich Hayek in seinen früheren Werken überaus stark auf die schottischen Denker. Für ihn stand im Vordergrund der Konflikt zwischen der schottischen und der französischen Aufklärung. In seinem zunächst 1960 in englischer 93 vgl. für diesen Absatz: de Soto (2007), S. 50 94 de Soto (2007), S. 50 95 vgl. de Soto (2007), S. 50 96 vgl. de Soto (2007), S. 44 97 vgl. Hayek, F.: Dankadresse, in: Hoppmann, E. (Hg): Vorträge und Ansparachen auf d. Festveranst. d. Freiburger Wirtschaftswiss. Fak. zum 80. Geb. von. F. A. v. Hayek, Baden-Baden: 1980, S. 38, zitiert nach: Zöller: Ordnungen 2005, S. 205
Seite 23 Sprache erschienen Werk „Die Verfassung der Freiheit” hebt Hayek die Entwicklung des Freiheitsgedankens im 18. Jahrhundert hervor und unterscheidet dabei vor allem zwischen einer empirischen und unsystematischen Theorie der Freiheit einerseits und einer spekulativrationalistischen andererseits, wobei er letztere vor allem der französischen Aufklärung zuordnet und erstere die britische Überlieferung nennt:98 „Es ist dieses Sich-fügen in nicht bewußt geschaffene Regeln und Konventionen, deren Sinn und Wichtigkeit wir zum Großteil nicht verstehen, es ist diese Ehrfurcht vor dem Traditionellen, die die rationalistische Denkungsart so fremd findet, obwohl sie für das Funktionieren einer freien Gesellschaft unentbehrlich ist. Sie hat ihre Begründung in der Einsicht, die David Hume betont, und die von entscheidender Bedeutung für die antirationalistische, evolutionäre Tradition ist, daß nämlich 'die Moralregeln nicht Schlüsse der Vernunft sind'.99”100 Hayek kam zu dieser Erkenntnis als ein großer Kenner der antiken Denker. Er selbst führte den Widerspruch zwischen französischen Aufklärern und den Schotten auf die Antike zurück, genauer auf den Widerspruch zwischen Athen oder Rom einerseits und Sparta andererseits: „In der Antike wurden die Bedingungen der Freiheit besser verstanden. Cicero erzählt, daß Cato die römische Verfassung besser nannte als die anderer Staaten, weil sie 'aus dem Verstand nicht nur eines, sondern vieler Männer hervorging, nicht in einem Menschenleben begründet wurde, sondern in mehreren Jahrhunderten und Menschenaltern'. Denn, sagte er, es hat niemals einen Mann von solchem Geist gegeben, daß ihm nichts hätte entgehen können, und auch die vereinten Kräfte aller Menschen einer Zeit könnten unmöglich alle notwendige Vorsorge für die Zukunft treffen ohne die Hilfe der Erfahrung und der Erprobung durch die Zeit. Weder das republikanische Rom noch Athen – die zwei freien Staaten der Antike – konnten daher den Rationalisten als Vorbild dienen. Für Descartes, den Urheber der rationalistischen Tradition, war hauptsächlich Sparta das Beispiel; denn seine Größe '{war} nicht die Folge der Güte jedes einzelnen seiner Gesetze …, sondern {davon}, daß sie, alle von einem Einzigen erfunden, auch alle demselben Ziele zustrebten'. Und es war Sparta, das das Freiheitsideal sowohl für Rousseau als auch für Robespierre und Saint-Just und für die meisten der späteren Vertreter einer 'sozialen' oder totalitären Demokratie wurde.”101 98 vgl. Hayek (2005), S. 68 - 71 99 Hume, D.: Treatise, Band II, Buch III, Teil I, Abschnitt I, S. 235, zitiert nach: Hayek, F.A.: Die Verfassung der Freiheit, 4. Auflage, Tübingen: 2005, S. 84 100 Hayek (2005), S. 84 101 Hayek (2005), S. 74f
Seite 24 De Soto schreibt, dass Hayek später tatsächlich überzeugt worden sei, dass die Wurzeln der dynamischen und subjektiven Konzeption der Ökonomie in Kontinentaleuropa lägen und deshalb weniger in der Tradition der schottischen Philosophen des 18. Jahrhunderts und mehr im mediterranen Europa und in der Tradition des antiken Griechenlands, Roms und Thomas von Aquins zu suchen seien.102 Ob de Sotos Kritik an den Engländern (besser: Schotten) tatsächlich gerechtfertigt ist, muss allerdings vor dem Hintergrund der starken Sympathie Hayeks für die schottischen Liberalen bezweifelt werden. So schreibt Hayek selbst: „Es waren die Ideale der englischen Whigs, die die später in ganz Europa als liberale Bewegung bekannte Strömung angeregt haben und die Vorstellungen schufen, die von den amerikanischen Kolonisten mitgenommen wurden und sie in ihrem Kampf um die Unabhängigkeit und bei der Aufstellung ihrer Verfassung leiteten. Bis zu der Zeit, da der Charakter dieser Tradition durch die auf die Französische Revolution mit ihrer totalitären Demokratie und ihren sozialistischen Neigungen zurückgehenden Zusätze verändert wurde, war 'Whig' der Name, unter dem die Partei der Freiheit allgemein bekannt war. […] Die Whig-Parteien des neunzehnten Jahrhunderts brachten schließlich den Namen sowohl in Großbritannien als auch in den Vereinigten Staaten bei den Radikalen in Mißkredit. Aber da der Liberalismus erst an die Stelle des Whiggismus trat, nachdem die Freiheitsbewegung den groben und militanten Rationalismus der Französischen Revolution in sich aufgenommen hatte, und da es unsere Aufgabe sein muß, jene Tradition von den in sie eingedrungenen allzu rationalistischen, nationalistischen und sozialistischen Einflüssen zu befreien, gilt es immer noch, daß 'Whig' der historisch richtige Name für die Ideen ist, die ich vertrete. Je mehr ich über die Ideengeschichte lerne, desto bewußter wird mir, daß ich einfach ein unverbesserlicher Old Whig bin – mit der Betonung auf 'old'.”103 Auch andere Autoren sehen die Österreichische Schule eindeutig in der Tradition des klassischen Liberalismus. So schreibt Hank: „Für die dominierende Schule, den Historismus, hatten Mises und Hayek nur Verachtung übrig. Gegen den herrschenden Trend keimte bei den jungen österreichischen Ökonomen (auch Joseph Schumpeter zählte von Ferne dazu) eine Liebe zum als altmodisch geltenden klassischen Liberalismus wie er von 102 vgl. de Soto (2007), S. 44 103 Hayek (2005), S. 530f
Seite 25 Adam Smith bis John Stuart Mill im 18. und 19. Jahrhundert in Schottland und England erdacht wurde: Alle Wirtschaftswissenschaft muss beginnen beim Einzelnen und seinen in Freiheit getroffenen persönlichen und unvorhersagbaren Entscheidungen.” 104 Anders als De Soto nennt Recktenwald Anhaltspunkte dafür, dass die schottische Aufklärung sich durchaus der kontinentaleuropäischen Denktradition bewusst war. Recktenwald schreibt über Adam Smith, einen der bedeutendsten Schotten: „Über die geistigen Wurzeln von Smiths Ideen ist viel geschrieben und auch viel gestritten worden. Als umfassend gebildeter und kultivierter Mann mit humanistischer Ausbildung wurde er von der Klassik der Antike und der nachfolgenden Scholastik wesentlich geprägt; das spürt man bei der Lektüre seines Werkes beinahe auf jeder Seite. […] Von seinem philosophischen Weltbild her ist die Verwandtschaft zu Aristoteles und zu Thomas von Aquin, vermittelt durch Hutcheson, wohl die engste. So wie Thomas gleichsam die Kirche im Dorf läßt, indem er die falschen Gegensätze aufzuheben und den Menschen in seiner Gesamtheit zu begreifen sucht, so steht auch hinter Smiths Idee des Ausgleiches im Menschen selbst und in seinem sozialen Verhalten, also hinter der inneren und äußeren Selbststeuerung zu einem neuen Gleichgewicht hin, letztlich die Vorsehung, seine 'Unsichtbare Hand'.” 105 2.2.2.3 Exkurs: Adam Smith und die kontinentaleuropäische Denktradition Für den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist nicht entscheidend, wo im Einzelnen die geistigen Wurzeln der Österreichischen Schule liegen. Die Ausführungen an dieser Stelle sollen lediglich dem Verständnis der Österreichischen Denktradition dienen. Das wird auch nötig sein, um später die Schule mit der Freiburger Schule zu vergleichen. Trotzdem soll an dieser Stelle auch eine kurze Einordnung Adam Smiths stattfinden. Recktenwald ist zuzustimmen: Bei der Lektüre von Smiths „Theorie der ethischen Gefühle“ spürt man tatsächlich beinahe auf jeder Seite die umfassende humanistische Bildung Smiths. Doch in Smiths Werk finden sich auch eindeutig christliche Traditionen wieder. Beispiel 5. Gebot: Während es im biblischen Dekalog heißt: „Du sollst Vater und Mutter ehren“, schreibt Smith: 104 Hank:, in: FAZ.NET vom 17.10.2010 105 Recktenwald, H.: Adam Smith, in: Starbatty, J. (Hg): Klassiker ökonomischen Denkens. Von Platon bis John Maynard Keynes, Hamburg: 2008, S. 134 – 155, S. 138
Seite 26 „Die Gesetze aller zivilisierten Nationen verpflichten die Eltern, ihre Kinder zu erhalten, und die Kinder, für den Unterhalt der Eltern zu sorgen, und legen den Menschen noch viele andere Pflichten der Wohltätigkeit auf.“106 Doch Smith geht noch einen Schritt weiter und stellt die „Weisheit von Menschen“107 unter die „Weisheit Gottes“108. Auch Smiths Konzept des „unparteiischen Zuschauers“109 steht in Einklang mit dem christlichen Glauben. Die Moral der Menschen führt Smith auf den Schöpfungsakt eines höheren Wesens zurück: „Der allweise Schöpfer der Natur hat auf diese Weise den Menschen gelehrt, die Gefühle und Urteile seiner Brüder zu achten; sich mehr oder weniger zu freuen, wenn sie sein Betragen gutheißen, und sich mehr oder weniger verletzt zu fühlen, wenn sie es mißbilligen. Er hat den Menschen, wenn ich so sagen darf, zum unmittelbaren Richter der Menschen gemacht und hat ihn auch in dieser wie in mancher anderen Beziehung nach seinem Bilde geschaffen und ihn zu seinem Statthalter auf Erden bestellt, damit er das Verhalten seiner Brüder beaufsichtige.“110 Damit stimmt Smith auch der christlich-jüdischen Denktradition zu, nach der der Mensch die Krone der Schöpfung ist, wie es in der Bibel dargestellt wird.111 Smith formuliert in seinem Werk im Grunde ein eigenes kleines Glaubensbekenntnis. Dabei übt er allerdings auch Kritik an den Vertretern der Kirche: „Daß es eine künftige Welt gibt, in der jedermann volle Gerechtigkeit zuteil werden wird, in der jeder mit allen denen in eine Reihe gestellt werden wird, die ihm nach ihren sittlichen und geistigen Eigenschaften wahrhaft ebenbürtig sind, wo der Besitzer jener bescheidenen Talente und Tugenden, die in diesem Leben durch das Schicksal niedergedrückt worden waren und keine Gelegenheit hatten, sich zu erfüllen, die nicht nur der Öffentlichkeit unbekannt waren, sondern die zu besitzen auch er selbst kaum sicher sein konnte, und für die sogar der Mensch in seiner Brust kaum ein klares und deutliches Zeugnis abzulegen wagen konnte, wo dieses bescheidene, stille und unbekannte Verdienst in eine Linie, ja mitunter sogar höher gestellt werden wird, wie diejenigen, die in dieser Welt das höchste Ansehen genossen haben, und die durch die Vorteile ihrer Lage befähigt waren, die glänzendsten und blendendsten Handlungen zu vollbringen, das ist eine 106 Smith, A.: Theorie der ethischene Gefühle, Auf der Grundlage der Übersetzung von Walther Eckstein neu herausgegeben von Horst D. Brandt, Hamburg: 2010, S.129 107 Smith, Theorie, S.140 108 Smith, Theorie, S.140 109 Smith, Theorie, S.186 110 Smith, Theorie, S.205 111 vgl. Psalm 8, Verse 6 bis 9
Seite 27 Lehre, so verehrungswürdig in jeder Hinsicht und so trostreich für die Schwäche, so schmeichelhaft für die Größe der menschlichen Natur, daß der tugendhafte Mensch, der das Unglück hat, an ihr zu zweifeln, doch unmöglich umhin kann, den höchst ernsthaften und eifrigen Versuch zu hegen, an sie zu glauben.“112 Binswanger bezweifelt jedoch, dass Smith tatsächlich Christ war. Er verweist darauf, dass Smith in seiner „Theorie der ethischen Gefühle“ den Begriff der „unsichtbaren Hand“ eingeführt habe, um deutlich zu machen, dass eine gerechte, also gleichmäßige Aufteilung des Bodens nicht notwendig ist, schließlich seien die Armen, die also kein Eigentum an Boden haben, als Konsumenten beinahe genauso gut gestellt wie die Reichen, also die Grundeigentümer.113 Tatsächlich hat Smith argumentiert, dass reiche Menschen letztlich nicht mehr essen könnten als arme: „Von einer unsichtbaren Hand werden sie dahin geführt, beinahe die gleiche Verteilung der zum Leben notwendigen Güter zu verwirklichen, die zustandegekommen wäre, wenn die Erde zu gleichen Teilen unter alle ihre Bewohner verteilt worden wäre; und so fördern sie, ohne es zu beabsichtigen, ja ohne es zu wissen, das Interesse der Gesellschaft und gewähren die Mittel zur Vermehrung der Gattung.“114 Binswanger hebt hervor, dass Smith zwar den Eigennutz als böse qualifiziert, von „Selbstsucht und Raubgier“ spricht, also letztlich von der in der scholastischen Philosophie als Todsünde klassifizierten Habgier.115 Damit entstehe ein Widerspruch zur christlichen Religion, zumal die Realität im 18. Jahrhundert eine andere gewesen sei, nämlich eine Unterversorgung mit Nahrungsmitteln. Vor diesem Hintergrund bezeichnet Binswanger Smith als Zyniker. Da Smith aber offenkundig ein reines Gewissen gehabt habe, müsse er eine andere Quelle für seine ethischen Überzeugungen gehabt haben. Für Binswanger ist klar: „Diese Quelle ist die Philosophie der Stoa, welche die Bedeutung von Gut und Böse durch den Glauben an eine Weltoder All-Vernunft relativiert und damit die eigentliche Alternative zum Christentum war und ist.“116 Binswanger verweist darauf, dass die stoische Philosophie ein halbes Jahrtausend die Weltanschauung der gebildeten Römer war. Sie sei eine grundsätzlich optimistische Philosophie gewesen und habe Vorstellungen entwickelt, die sehr gut zu Smiths „unsichtbarer Hand“ passten. 112 Smith, Theorie, S.208 113 vgl. Binswanger, H.: Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen. Essays zur Kultur der Wirtschaft, München: 1998, S. 52 114 Smith, Theorie, S.297 115 vgl. Binswanger, S. 53 116 Binswanger, S. 54
Seite 28 Erst durch das Christentum und die Lehre der Erbsünde, die allein durch Christus überwunden werden könne, durch den Kirchenvater Augustinus habe sich dies geändert. Binswanger schreibt: „Das Christentum hatte zwar im Kampf mit der Stoa Teile der stoischen Lehre übernommen. Diese hat sich aber seit dem 17. Jahrhundert wieder selbständig gemacht unter dem Titel Deismus, der Aufklärung und des Fortschrittsglaubens, im Zusammenhang mit einem Wiederaufleben des Optimismus. Die 'unsichtbare Hand' von Adam Smith auf der Basis des 'homo oeconomicus' bzw. der Eigenliebe ist nichts anderes als die ökonomische Formulierung dieses Optimismus.“117 Binswanger weist darauf hin, dass Smith in der sechsten – der ersten überarbeiteten Auflage – der „Theorie der ethischen Gefühle“ alle Hinweise auf das Christentum gestrichen habe. Außerdem sei er der Bitte seines todkranken Freundes David Hume nicht nachgekommen, dessen letztes Werk zu publizieren, in dem Hume einen atheistischen Standpunkt vertrat. Binswanger schreibt: „Adam Smith war gläubig, allerdings nicht im Sinne des Christentums, sondern eben im Sinne der Stoa!“118 Die Konsequenz aus dieser Feststellung sei, dass die ökonomische Wissenschaft letztlich auf der Stoa gründe, zumindest insoweit, wie sie auf den Homo Oeconomicus und die Idee der „unsichtbaren Hand“ aufbaue. Binswanger: „Alle Ökonomen, die ihre Wissenschaft in diesem Sinne verstehen, bilden daher eine stoische Glaubensgemeinschaft und sind somit auch eine Werturteilsgemeinschaft par exellence.“119 Es gibt sicher eine Reihe von Belegen in Smiths Werk, die für Binswangers These sprechen. Allerdings wurden auch bereits Aspekte in der „Theorie der ethischen Gefühle“ aufgezeigt, die sehr starke Bezüge zum Christentum aufzeigen, und möglicherweise nicht allein mit stoischen Überzeugungen zu rechtfertigen sind. Es gibt sogar Hinweise in Smiths Werk, die ihn in einer katholischen Tradition erscheinen lassen. In jedem Fall wurde gezeigt, dass Smith eindeutig in jener Denktradition stand, in der die Philosophie auf dem Axiom der Existenz eines personalisierten Gottes aufbaut. Unterstellt man, dass er dabei auch in der Tradition der christlich-jüdischen Theologie stand, stellt sich die weitere Frage, ob Smith eher der protestantischen Lehre oder der katholischen näher 117 Binswanger, S. 54 118 Binswanger, S. 56 119 Binswanger, S. 56
Seite 29 stand. Dies ist vor allem bedeutend, um die unterschiedlichen Ansichten von De Soto und Recktenwald aus dem vorangegangenen Kapitel zu analysieren. Smith steht dabei zum ganz überwiegenden Teil in der katholischen Denktradition. Luthers Lehre, dass es für die „Gerechtigkeit Gottes“ allein auf den Glauben ankomme und nicht auf die Taten der Menschen, teilt Smith nicht. Stattdessen schreibt Smith: „Indem wir aber den Geboten unseres moralischen Vermögens gemäß handeln, gebrauchen wir gerade das wirksamste Mittel, um die Glückseligkeit der Menschen zu befördern, und man kann also in gewissem Sinne von uns sagen, daß wir Mitarbeiter der Gottheit sind, und daß wir, soweit es in unserer Macht steht, die Pläne der Vorsehung ihrer Verwirklichung näher bringen. Wenn wir anders handeln, dann scheinen wir dagegen den Plan gewissermaßen zu durchkreuzen, den der Schöpfer der Natur zur Herbeiführung der Glückseligkeit und Vollkommenheit der Welt entworfen hat, und scheinen uns, wenn ich so sagen darf, gewissermaßen als Feinde Gottes zu erklären. Darum gibt uns unser Verhalten im ersten Fall den Mut, auf seine außergewöhnliche Gunst und seinen Lohn zu hoffen, während wir in dem zweiten Fall seine Rache und Strafe fürchten müssen.“120 Anders als Luther spricht Smith also in der katholischen Denktradition von Lohn und Strafe Gottes. Es gibt auch wenig Gemeinsamkeiten mit dem Calvinismus. Die Prädestinationslehre wird sogar explizit zurückgewiesen. Smith zufolge bringen Fleiß und Klugheit sowie Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Menschenliebe zwar einen Lohn – erstere „Erfolg in jeder Art von Geschäften“121 und letztere „Das Vertrauen, die Achtung und die Liebe derjenigen, mit denen wir umgehen“122. Dieser ist aber nicht vorherbestimmt. Smith ist also nicht dem Protestantismus zuzuordnen. Aber auch gegenüber der katholischen Kirche zeigt er sich skeptisch. So kritisiert er es, wenn „wertlose Kirchengebräuche“123 unreflektiert und ohne Sinn gepflegt werden.124 Ob Smiths eigene Überzeugungen eher katholischer oder protestantischer Natur waren, ist für diese Arbeit nicht entscheidend. Gezeigt werden sollte mit diesem Exkurs aber, dass Smith sehr tief in den verschiedenen Lehren der christlichen Kirchen sowie in der gesamten abendländischen Philosophie verankert war. De Sotos Kritik, nach der es einen Widerspruch zwischen schottischer Aufklärung und kontinentaleuropäischer Denktradition gibt, erscheint vor diesem Hintergrund verfehlt. Nicht angebracht erscheint es deshalb auch, einen 120 Smith, Theorie, S.265 121 Smith, Theorie, S.265 122 Smith, Theorie, S.265 123 Smith, Theorie, S.273 124 vgl. Smith, Theorie, S.273
Seite 30 generellen Widerspruch zwischen Österreichischer Schule und schottischer Aufklärung auszumachen. Im Folgenden sollen nun ausgehend von Carl Menger die Grundprinzipien österreichischen Denkens dargestellt werden.
Seite 31 2.2.3 Grundprinzipien österreichischen Denkens Wie bereits erwähnt wurde, gilt das von Carl Menger im Jahr 1871 veröffentlichte Werk „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre” als Geburtsstunde der Österreichischen Schule. Sein Denkgebäude soll nun zunächst erörtert werden. 2.2.3.1 Kritik am Historismus Butler weist darauf hin, dass der Ausgangspunkt österreichischen Denkens in der Kritik an der damals im deutschen Sprachraum vorherrschenden ökonomischen Schule des Historismus liege.125 Hier findet sich also ein wesentlicher gemeinsamer Ausgangspunkt zur Freiburger Schule (siehe Kapitel 1.1.2). Die Anhänger der Historischen Schule waren wie Butler betont der Ansicht, dass es in der Volkswirtschaftslehre keine allgemein gültigen Gesetze geben könne, weil die Ökonomik sich nun mal mit einzigartigen geschichtlichen Ereignisse beschäftige, die sich nie in exakt der selben Art und Weise wiederholten. Die frühen Österreicher hätten diese Sicht abgelehnt. Butler verweist darauf, dass sie die Überzeugung mit der Klassischen Schule Englands teilten, dass es allgemein gültige Gesetze in der Ökonomik gibt, die wie die Gesetze der Physik unabhängig von Zeit und Raum gelten. 2.2.3.2 Die Grundlagen von Carl Menger Butler zufolge ging auch Carl Menger davon aus, dass es Prinzipien gibt, die zu jeder Zeit und an jedem Ort gelten. Allerdings habe Menger ein anderes Verständnis als die britischen Klassiker in der Frage gehabt, wie diese Gesetze zu verstehen seien. Die Engländer hätten unter anderem versucht, in Handelsstatistiken ökonomische Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Menger sei jedoch überzeugt gewesen, dass Statistiken die tatsächlichen Geschehnisse verschleierten, nämlich dass Millionen von Individuen ständig Entscheidungen fällten. Während moderne Ökonomen heute zum Beispiel Verbindungen zwischen ökonomischen Aggregaten wie Nationaleinkommen, Sparrate, Investitionen, Konsum, Importe und Exporte, Steuern, Staatsausgaben oder Beschäftigung suchten, lehnten Ökonomen österreichischer Prägung diese Herangehensweise bis heute ab, weil ihrer Ansicht nach keine allgemein gültigen Gesetze zwischen diesen Statistiken existieren könnten.126 De Soto betont, dass Mengers Denkgebäude auf dem Menschen als kreativem Akteur und Vorreiter der sozialen Prozesse und Geschehnisse fuße, Menger sehe also den individuellen Menschen als bestimmendes Subjekt an, welches den Gütern und Ereignissen erst ihren 125 vgl. Butler, E.: Austrian Economics. A Primer, veröffentlicht von: Adam Smith Research Trust 2010, S. 6 126 vgl. für diese Seite bis hierher: Butler, E.: Austrian Economics. A Primer, veröffentlicht von: Adam Smith Research Trust 2010, S. 6 sowie S. 20f
Seite 38 dabei vor allem die Zentralbanken: Sie haben einen Anreiz, die Zinsen zu niedrig zu setzen, um so das Wachstum zu steigern. Dabei wird angenommen, dass der Leitzins einen Einfluss auf den langfristigen Zins hat. Lange Zeit kann es an der Oberfläche so aussehen, als sei alles in Ordnung, doch die künstlich niedrigen Zinsen destabilisieren die enge Verbindung zwischen der Investition in Kapitalgüter und der Zeitpräferenzrate der Menschen; so schafft die Zentralbank einen Boom auf Kredit, der die Unternehmer wiederum dazu treibt, in Anlagen zu investieren, die unter normalen Bedingungen unrentabel wären. Dieses Missverhältnis muss irgendwann enden, dann erweisen sich die Investitionen als verlustbringend, und Arbeitsplätze sowie Vermögen gehen verloren. Der künstlich niedrige Zins hat so zu einer Fehlallokation gesellschaftlicher Ressourcen geführt. Wenn also zu viel Kapital in Häusern gebunden ist, wird irgendwann die Bauwirtschaft massiv leiden und wegen ihrer Größe die gesamte Volkswirtschaft in eine Rezession stürzen. Aus der Krise führt dann nur ein Weg: Ein düsterer Abschwung mit fallenden Preisen und Löhnen, mit Fabrikschließungen und Firmenpleiten. Versuche, diese Anpassung zu verzögern, sei es durch fiskalische Konjunkturstimuli oder eine noch expansivere Geldpolitik, verlängern schlichtweg die Zeit der Fehlinvestitionen.158 Entscheidend für diese Erklärung des Boom-and-Bust-Cycles ist die Fähigkeit der privaten Geschäftsbanken, Geld zu schöpfen. Die aktive Geldschaffung erfolgt dabei durch das aktive Handeln der privaten Geschäftsbanken, die durch die Einräumung von Krediten an Nichtbanken Sichtguthaben in Form von Giralgeld als neues Geld schaffen, was die gesamte Geldmenge erhöht.159 2.2.3.6 Kernaussagen der Österreichischen Schule Butler nennt drei Kernerkenntnisse der Österreichischen Schule:160 •Alle ökonomischen Phänomene leiten sich von ökonomischen Entscheidungen ab und sind folglich von Natur aus persönlich und nicht vorhersagbar (jedoch lassen sich die menschlichen Entscheidungen, die auf Präferenzen, Werten und Absichten basieren, erklären, und diese Erklärungen lassen sich durch logische Überlegungen verbessern, etwa, indem wir besser erkennen, wie Märkte und der Austausch von Gütern funktionieren). •Werte existieren nicht in Sachen, sondern in den Köpfen der Menschen, die diese bewerten. Handel und Preise entwickeln sich genau deshalb, weil Personen Sachen unterschiedlich bewerten. Der Markt lenkt die Güter dorthin, wo sie am meisten 158 vgl. für dieses Unterkapitel: Butler, S. 62 bis 69 159 vgl. Anderegg, R.: Grundzüge der Geldtheorie und Geldpolitik, München: 2007, S. 71 160 vgl. Butler, S. 11
Seite 39 wertgeschätzt werden. Privateigentum ist essentiell, um das beste Resultat zu erreichen. •Der Eingriff des Staates und politische Fehler wie Inflation stören diesen hoch komplexen Marktprozess und produzieren stets widernatürliche Ergebnisse. Er führt darüber hinaus zehn methodische österreichische Grundprinzipien an:161 •Wirtschaftswissenschaft dreht sich rund um das Individuum. •Wirtschaftswissenschaft ist etwas völlig anderes als Naturwissenschaft. •Alles in der Wirtschaftswissenschaft dreht sich um den Wert, den Menschen den Gütern beimessen, es geht um subjektive Opportunitätskosten. •Preise helfen dabei, den Nutzen zu maximieren und die Kosten zu minimieren, weil sie als Maßstab für den Tausch von Gütern dienen und so den Marktteilnehmern ein wichtiges Signal senden. •Wettbewerb ist ein Entdeckungsverfahren; dabei werden Märkte anders als in der Neoklassik nicht als perfekt angenommen. Vielmehr sind es gerade die Unvollkommenheiten, die den Markt treiben und vor allem Unternehmern Handlungsmöglichkeiten eröffnen, etwa in Nischen vorzustoßen oder Innovationen voran zu bringen. •Privateigentum ist sowohl für Konsumgüter als auch für Produktionsstätten essentiell, weil die Alternative, also Kollektiveigentum, den Preismechanismus aushebelt und mit dem Preis ein bedeutendes Knappheitssignal verschwindet. •Die Produktion ist ein schwieriger Balanceakt und ein riskantes Geschäft, mit dem Risiko von Verlusten, vor allem, wenn Investitionsgüter nicht flexibel für die Produktion verschiedener Konsumgüter eingesetzt werden können. •Geld ist ein Gut wie jedes andere: Es gibt ein Angebot und eine Nachfrage; allerdings kann die Regierung diesen Marktmechanismus stören, wenn sie durch Fehler in der Geldmengensteuerung für Inflation sorgt; das wiederum kann tiefen Schaden mit sich bringen, weil nicht nur das Preisniveau, sondern auch die relativen Preise verzerrt werden und damit die Ressourcen falsch gelenkt werden, was wiederum die Entwicklung eines „Boom and Bust”-Zyklus fördert. •Handlungen haben unbeabsichtigte Folgen, und zwar gute und böse, weshalb man Institutionen generell nicht als ineffizient bezeichnen sollte, nur weil sie nicht bewusst geplant wurden. •Die Interventionen von Regierungen sind fast immer schädlich. 161 vgl. Butler, S. 12 bis 18
Seite 40 Der letzte Punkt ist heute sicherlich derjenige, der viele „Austrians” am stärksten drängt. Die Kernüberlegung ist dabei die bereits erwähnte Idee vom Wettbewerb als Entdeckungsverfahren. Der Staat kann nach österreichischer Lesart nicht wissen, wie die Präferenzen der Individuen aussehen. Ein Eingriff in den Preismechanismus führt deshalb unvermeidbar dazu, dass der Nutzen der Personen sich verringert. Butler zufolge können Regierungen vielleicht dazu beitragen, dass Märkte reibungsloser funktionieren, aber aus österreichischer Sicht ist es nicht ihre Aufgabe, in den Markt einzugreifen.162 Das trifft auch für die Geldpolitik zu. So tendieren etwa Zentralbanken dazu, die Zinsen zu niedrig zu halten, um Unternehmer zu ermutigen, Kredite aufzunehmen und so die Produktion zu erhöhen, aber wenn der Boom dann langsam von Sektor zu Sektor wandert und schließlich endet, sind produktive Ressourcen verschwendet und die Bevölkerung wird ärmer.163 Diese Analyse zeigt bereits die grundlegende Ablehnung der Österreicher gegenüber volkswirtschaftlichen Aggregaten. Dazu gehört auch das heute für alle wichtigen Zentralbanken der Welt als wichtigste Messgröße dienende Preisniveau. Butler schreibt: „Take a statistic like the consumer price index, which governments publish each month. It purports to show the level of prices, and how it changes. But Mises and other Austrians point out that there is no such thing as the ‘price level’. There are millions of specific prices, all fluctuating one against the other. (For an example, just look at the erratic daily movements of stock market prices.) Different people react to those prices in different ways – a rising price might convince some people it is time to buy, while others may think it is a good time to sell and cash in. So what is really going on is that millions of individuals are making choices – whether to buy or sell, whether to spend or save a pay rise, whether to invest in a new machine, whether to hire an extra employee, and all the rest. Their choices will depend on their views and their circumstances, and other people might decide quite differently. The economic aggregates simply conceal all that great variety under a single statistical number. They tell us little, and mislead us a lot – and that is the shaky foundation of mainstream economic ‘science’.”164 Die Aufgabe de Wirtschaftswissenschaft besteht also aus österreichischer Sicht nicht darin, aggregierte Daten zu analysieren, sondern zu erforschen, wie menschliche Entscheidungen zustande kommen.165 Butler weist darauf hin, dass damit keineswegs die Bedeutung der Existenz einer Gesellschaft verneint werden solle, sondern lediglich einer wissenschaftlichen 162 vgl. Butler, S. 18 163 vgl. Butler, S. 18 164 Butler, S. 21 165 vgl. Butler, S. 21
Seite 41 Methode der Vorzug gegeben werde gegenüber der Makroökonomik oder der mathematischen Techniken in Wirtschaftswissenschaft und Statistik.166 Die etwa von Karl Marx aufgestellte Hypothese, der Wettbewerb am Markt führe automatisch zu einem monopolistischen Kapitalismus, lehnen Österreicher ebenfalls ab. Marx argumentierte (und Ludwig Erhard nahm diese Argumentationsweise später auf), dass in einem wettbewerblichen System weniger erfolgreiche Unternehmer vom Markt verschwinden und so die übrig bleibenden Firmen immer größer werden, bis am Ende ein Anbieter übrig bleibt, der dann als Monopolist auftritt.167 Aus österreichischer Sicht ist das völlig anders: Große Unternehmen verschwinden, neue Anbieter treten auf: Der Markt ist ein ständiger Prozess von Drängeln und Veränderung.168 Deshalb sei auch die Gefahr gering, dass ein Monopolist am Ende den Preis dauerhaft diktieren kann, wenngleich die negativen Effekte von Monopolen gesehen werden. So schreibt etwa Ludwig von Mises: „Monopoly prices are an infringement of the sway of the consumers.”169 Als Beleg für die Fähigkeit des Wettbewerbs, dieses Problem zu lösen, dient etwa das Beispiel der US-Eisenbahngesellschaft. Schon Ludwig von Mises betonte, dass die monopolistischen Strukturen der Eisenbahn eben nicht verhindert hätten, dass Autos oder Flugzeuge als Alternative entstanden.170 Ohnehin entstehen die meisten Monopole und Kartelle aus Sicht der Austrians, weil sie vom Staat befördert werden.171 Auch Mises weist darauf hin, dass es den Klassikern vor allem darum ging, staatliche Barrieren zu beseitigen, die neuen Wettbewerbern den Zutritt zum Markt erschweren oder unmöglich machen.172 Mises hebt hervor, dass letztendlich alle Bemühungen der Unternehmer dem Konsumenten dienen, wenn er schreibt: „The captain is the consumer.”173 Allerdings hält er es nicht für nötig, dass der Staat gezielt versucht, den Nutzen des Konsumenten zu steigern, selbst im Fall eines natürlichen Monopols nicht.174 Hierin unterscheidet sich Mises massiv von der Herangehensweise der Neoklassik. Die Unterschiede zwischen Österreichern und Neoklassik werden im Folgenden vertieft. 2.2.3.7 Abgrenzung zur Neoklassik Österreicher lehnen auch das neoklassische Axiom des rationalen, seinen Nutzen maximierenden Homo Oeconomicus ab.175 Zwar können Ökonomen nach österreichischer 166 vgl. Butler, S. 22 167 vgl. Butler, S. 44 168 vgl. Butler, S. 44 169 Mises, L.: Human Action. A Treatise on Economics. Volume 2, Neuauflage, Indianapolis: 2007, S. 270 170 vgl. Mises, Human Action, S. 275 171 vgl. Butler, S. 45 172 vgl. Mises, Human Action, S. 270f 173 Mises, Human Action, S. 269 174 vgl. Mises, Human Action, S. 278 175 vgl. Butler, S. 23
Seite 42 Sicht nicht den Nutzen einzelner Personen direkt beobachten, aber durch die Wahlhandlungen dieser Personen lässt sich ein Bild über die Präferenzen zeichnen.176 Durch diesen Denkansatz konnte Menger das bis heute in der Ökonomik höchst bedeutsame Prinzip des Grenznutzens entdecken, so Butler.177 Mengers Konzept des Grenznutzens fußt dabei auf der Theorie der wirtschaftlichen Güter verschiedener Ordnung.178 Unter wirtschaftlichen Gütern erster Ordnung versteht Menger Konsumgüter, also Güter, welche subjektiv die menschlichen Bedürfnisse direkt befriedigen und die deshalb im subjektiven und spezifischen Kontext jeder Handlung das letztendliche Ziel darstellen, das der Handelnde erreichen will.179 Dieses Ziel ist jedoch nur auf Zwischenetappen erreichbar.180 Menger spricht von wirtschaftlichen Gütern höherer Ordnung, wobei gilt: je höher die Ordnung, desto weiter entfernt von den Konsumgütern.181De Soto erklärt: „Jeder Mensch, indem er handelt, versucht bestimmte Ziele zu erreichen, die er entdeckt hat und die aus irgendeinem Grund wichtig für ihn sind. Die subjektive Wertschätzung, psychologisch mehr oder weniger intensiv, die der Akteur einem Ziel verleiht, wird Wert genannt, Mittel ist alles, was der Akteur subjektiv für geeignet hält, um ein Ziel zu erreichen. Die subjektive Wertschätzung, die der Akteur dem Mittel in Abhängigkeit des Wertes des Ziels zuschreibt und mit deren Hilfe er glaubt sein Ziel zu erreichen, wird Nutzen genannt.”182 Im Unterschied zur Neoklassik betonen die Österreicher, dass der Nutzen immer höchst abhängig ist von den jeweiligen Umständen.183 Eine Regenjacke zum Beispiel dürfte von den meisten Menschen eine höhere Wertschätzung erhalten, wenn es regnet, als wenn die Sonne scheint. Das heute in den Lehrbüchern verwendete Prinzip von Indifferenzkurven ist aus österreichischer Sicht deshalb irreführend.184 Gegen diese Kritik kann man natürlich einwerfen, dass die neoklassische Sicht sich auf „Ceteris-Paribus-Aussagen” beschränkt und der Vorwurf der Österreicher deshalb nicht sticht. Dass Vertreter der Österreichischen Schule ihre Kritik an der Neoklassik trotzdem aufrecht erhalten, liegt an der grundsätzlich unterschiedlichen Herangehensweise bei der Analyse volkswirtschaftlicher Zusammenhänge. So lehnen sie etwa die Idee des „perfekten 176 vgl. Butler, S. 27 177 vgl. Butler, S. 28 178 vgl. De Soto (2007), S. 54 179 vgl. De Soto (2007), S. 54 180 vgl. De Soto (2007), S. 54 181 vgl. De Soto (2007), S. 54 182 De Soto (2007), S. 54f 183 vgl. Butler, S. 29 184 vgl. Butler, S. 29
Seite 43 Wettbewerbs”, welche die Basis der modernen Lehrbücher der Mikroökonomie bildet, ab.185 Wettbewerb funktioniere gerade deshalb, weil er nicht perfekt sei – weil Produzenten, Produkte und Konsumenten heterogen sind und eben nicht homogen.186 In der Regel geht die moderne Mikroökonomik wie folgt vor: Sie nimmt zunächst perfekten Wettbewerb als Basis an. Dann fragt sie, unter welchen Bedingungen dieser Wettbewerb gestört werden könnte. Als Beispiele dienen sogenannte externe Effekte, monopolistische Strukturen oder asymmetrische Informationen. Diese Hindernisse für den Wettbewerb dienen dann wiederum als Argumente für staatliche Eingriffe. Butler schreibt: „It makes people imagine that markets in the real world are somehow 'imperfect' and that steps must be taken to remove imperfections. It imagines that suppliers are identical, that there are no barriers to entry for new suppliers, and that profits will be whittled down by competition to some just-profitable level. So when people see that in the real world there are barriers to entry, that suppliers are not identical, and that some entrepreneurs enjoy large profits, they regard these as 'market failures' that have to be corrected.”187 So soll nach neoklassischer Auffassung der Staat als wohlwollender Diktator auftreten und etwa mithilfe einer so genannten Pigou-Steuer (benannt nach Arthur Cecil Pigou) externe Effekte wie Umweltverschmutzung internalisieren und auf diese Weise die Gesamtwohlfahrt erhöhen. Es kommt dabei nicht auf die Erzielung von Einnahmen für den Staat an, sondern auf die Lenkungswirkung der Steuer. Vor allem Ökosteuern, also Abgaben auf Benzin und Energie, können aus neoklassischer Sicht mit der Pigou-Steuer gerechtfertigt werden. Der Staat als wohlwollender Diktator führt also eine Steuer ein. Erst diese Steuer sorgt in diesem neoklassischen Modell dafür, dass der Markt effizient wird. Aus Österreichischer Sicht ist diese Denkart abzulehnen, denn der Markt gilt in dieser Denktradition gerade als höchst effektiv, weil er die Unterschiede der Marktteilnehmer koordiniert, und nicht von homogenen Produzenten und Nachfragern ausgeht.188 Staatliche Eingriffe in dem Markt sind aus österreichischer Sicht deshalb abzulehnen. Das unterschiedliche Verständnis des Preismechanismus beschreibt Butler wie folgt: „In a market with millions of products traded, there will be price avalanches coming from various directions, through which producers and consumers each have to navigate across a busy station concourse, when thousands of other people are all rushing in different directions. It is a very complex process, a social 185 vgl. Butler, S. 39 186 vgl. Butler, S. 47 187 Butler, S. 39 188 vgl. Butler, S. 39
Seite 44 process in which people's changing value judgements will be decisive – not a process that can be described and predicted mathematically.”189 Noch deutlicher wird der Unterschied in der Frage der Information. Neoklassische Mikroökonomen beschäftigen sich in zahlreichen Modellen mit der Frage unvollständiger Informationen, und wo diese zu Marktversagen führen und deshalb staatliche Eingriffe gerechtfertigt sind. Der Ökonom Joseph Stiglitz erhielt für seine Arbeiten auf diesem Gebiet zusammen mit George Akerlof und Michael Spence im Jahr 2001 den Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank in Gedenken an Alfred Nobel („Wirtschaftsnobelpreis“). Anwendung finden diese Modelle zum Beispiel auf dem Markt für Versicherungen. Für Österreicher liegt gerade in der Tatsache, dass das Wissen verteilt ist, also bei niemandem vollständig vorhanden ist, das wesentliche Argument für den Markt als Koordinationsmechanismus. Noch einmal Butler: „Much information is partial, fragmentary, inaccurate, conflicting, diffused, personal, costly to obtain and difficult to pass on. And it is because information is imperfect that markets work better than any other form of economic organisation.”190 Vor allem bei Hayek spiegelt sich in dieser Sicht der Bezug zur Klassik wider. In seinem Werk „Der Weg zur Knechtschaft” stellte er dem Kapitel „Planwirtschaft und Demokratie” folgendes Zitat von Adam Smith voraus: „Ein Staatsmann, der es sich einfallen ließe, Privatleuten darüber Vorschriften zu machen auf welche Weise sie ihre Kapitalien verwenden sollen, würde sich nicht allein eine höchst unnötige Sorge aufladen, sondern sich auch eine Autorität anmaßen, die keinem Senat oder Staatsrate, geschweige denn einem einzelnen Manne, ruhig anvertraut werden könnte und die nirgends so gefährlich sein würde wie in der Hand eines Mannes, der töricht und dünkelhaft genug wäre, um sich für fähig zu halten, sie auszuüben.”191 Während die neoklassische Mikroökonomie den Konsumenten statische und – im Basismodell – konvexe Präferenzen unterstellt, die der Konsument genau kennt, distanziert sich die Österreichische Schule von diesem Bild des Homo Oeconomicus: Die Präferenzen der Konsumenten sind bei Österreichern weder gegeben noch konvex. Nicht einmal der individuelle Verbraucher selbst mag sich dabei seiner eigenen Präferenzen völlig bewusst sein.192 Wie schon dargestellt, wird der Wettbewerb deshalb als Entdeckungsverfahren verstanden, auch in Bezug auf die eigenen Präferenzen. 189 Butler, S. 42 190 Butler, S. 58 191 Smith, Adam, zitiert nach: Hayek: Der Weg zur Knechstschaft, Neuauflage München: 2009, S. 82 192 vgl. Butler, S. 50
Seite 45 Folgerichtig besteht auch der Prozess der Investition von Kapital nicht darin, eine durch den Markt determinierte Rendite, einen „normalen Gewinn”, zu generieren; vielmehr wird Investition als sehr komplexes, riskantes Verfahren verstanden, indem die Zeit zeigt, ob ein Entrepreneur mit seinen Entscheidungen richtig lag, schließlich liegt zwischen dem Zeitpunkt der Investition und dem Zeitpunkt, an dem die ersten Gewinne eingefahren werden können, in der Regel eine gewisse Spanne.193 Für Nicht-Ökonomen mag es banal klingen, für Neoklassiker stellt es ihre Modellwelt in Frage: „However, the key thing about production, according to the Austrians, is that it takes time.”194 In diesem Sinn ist jede Produktion immer Spekulation.195 Es kann sogar noch einen Schritt weiter gegangen werden: Jede Handlung ist Spekulation.196 Die gesellschaftliche Funktion des Gewinns liegt nach Österreichischer Lesart darin, Anreize zu geben für die Übernahme von Risiken.197 Nur durch diese Übernahme von Risiken kann der Lebensstandard der Bevölkerung, der Konsumenten also, steigen.198 Ein weiterer fundamentaler Unterschied zwischen Österreichischer Schule und Neoklassik besteht in der Verwendung der komparativen Statik, wie sie in den grundlegenden neoklassischen Modellen angewandt wird. Hintergrund ist, dass es bei solchen Modellen keinen sequenziellen Ablauf von Entscheidungen gibt. In den grundlegenden mikroökonomischen Modellen wird in der Regel ein Gleichgewichtspunkt von Angebot und Nachfrage bestimmt. Für das Modell ist es aber völlig unerheblich, wie auf dem Markt dieser Punkt erreicht wird. Der sequenzielle Ablauf von Entscheidungen ist aber ein wesentliches Merkmal der Österreichischen Denkschule, die ja den Wettbewerb als Entdeckungsverfahren sieht und der zum Beispiel die Theorie eines Gleichgewichtspreises fremd ist.199 Kein Wunder, dass das walrasianische Gleichgewichtsmodell etwa bei Böhm-Bawerk wenig Anklang fand.200 Böhm-Bawerk lehnte auch die Zinstheorie eines John Bates Clark, die den Zins als Grenzprodukt des Kapitals versteht, entschieden ab: Damit könne nicht erklärt werden, warum die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Unternehmern nicht dazu führt, dass der Gegenwartswert der Kapitalgüter auf dem Markt dazu tendiert, identisch zu sein mit dem Wert des erwarteten Produkts, womit keine Wertdifferenz zwischen Kosten und Produkt im Verlaufe des Produktionsprozesses bestünde.201 193 vgl. Butler, S. 50f 194 Butler, S. 43 195 vgl. Butler, S. 51 196 vgl. Butler, S. 52 197 vgl. Butler, S. 51f 198 vgl. Butler, S. 53 199 vgl. De Soto (2007), S. 74 200 vgl. De Soto (2007), S. 68 201 vgl. De Soto (2007), S. 74
Seite 46 2.3 Gemeinsamkeiten von Österreichischer und Freiburger Schule jenseits der Geldpolitik Zwischen den Anfängen der Österreichischen und der Freiburger Schule liegen 65 Jahre, nimmt man wie in Kapitel 2.2.1 erwähnt Carl Mengers Werk „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre” aus dem Jahr 1871 als Geburtsstunde der Österreichischen Schule. Der Aufsatz „Unsere Aufgabe” aus dem Jahr 1936 markiert wie in Kapitel 2.1.2 dargestellt die Geburtsstunde der Freiburger Schule. Doch trotz dieser großen Differenz in der zeitlichen Entwicklung kann durchaus von einer parallelen Entwicklung gesprochen werden, in jedem Fall inhaltlich, aber teilweise auch zeitlich. So erschien Hayeks Werk „Der Weg zur Knechtschaft” im Jahre 1944, also acht Jahre nach „Unsere Aufgabe”. Das Buch ist ein massiver Angriff auf sozialistische Tendenzen in England, die Hayek mit den Entwicklungen in Deutschland vergleicht, bis hin zur Machtübernahme der Nationalsozialisten: „Wir meinen auch heute noch, daß wir uns bis vor ganz kurzer Zeit von Ideen leiten ließen, die man vage als Ideen des 19. Jahrhunderts oder als das Laissezfaire-Pinzip bezeichnet. Diese Meinung mag eine gewisse Berechtigung haben, wenn man einige andere Länder betrachtet und wenn man sich auf den Standpunkt derjenigen stellt, die die Wandlung in ihrer Ungeduld beschleunigt sehen möchten. Aber obwohl England bis zum Jahre 1931 nur zögernd auf der Bahn gefolgt war, auf der andere geführt hatten, so hatten wir uns doch schon damals so weit von dem alten Weg entfernt, daß nur diejenigen, die sich noch an die Zeit vor 1914 erinnern können, wissen, wie eine liberale Welt ausgesehen hat […] Nicht nur den Liberalismus des 18. und 19. Jahrhunderts geben wir Schritt für Schritt auf, sondern auch die Grundlagen der individualistischen Philosophie, die wir als Vermächtnis von Erasmus und Montaigne, von Cicero und Tacitus, von Perikles und Thukydides empfangen haben.”202 Hayek stellt dabei die Parallelität zwischen Sozialismus und Nationalsozialismus heraus: „Mancher Universitätsdozent in England hat während der dreißiger jahre englische und amerikanische Studenten vom Kontinent zurückkehren sehen, die selber nicht wußten, ob sie Kommunisten oder Nationalsozialisten waren, die aber eines sicher wußten, nämlich daß sie die abendländische liberale Kultur haßten.”203 202 Hayek, F.A.: Der Weg zur Knechtschaft, Neuauflage der Neuherausgabe 1971, München: 2009, S. 30ff 203 Hayek, Knechtschaft, S. 30ff
Seite 47 Hayek verteidigt in “Der Weg zur Knechtschaft” den Liberalismus, die indivdualistische Philosophie des Abendlandes, in deren Tradition, wie in Kapitel 2.2.2.1 gezeigt wurde, die Österreichische Schule der Nationalökonomie steht. Der Liberalismus kann dabei als einziger wirklicher Gegenpol zum Nationalsozialismus gesehen werden: „Das Hitlersystem stellt sich sowohl als echte Demokratie wie auch als echten Sozialismus hin, und die schreckliche Wahrheit ist, daß ein Kern von Berechtigung in diesen Behauptungen steckt – zwar nur ein winziges Körnchen, aber jedenfalls groß genug, um als Grundlage für phantastische Entstehungen dienen zu können. Das Hitlersystem geht sogar so weit, sich zum Beschützer des Christentums aufzuwerfen, und das Grauenvolle ist, daß selbst diese grobe Verdrehung geeignet ist, einen gewissen Eindruck zu machen. Aber eines ist in all diesem Meer des Irrtums sonnenklar: Hitler hat nie den Anspruch erhoben, den echten Liberalismus zu vertreten. So genießt der Liberalismus die Auszeichnung, die von Hitler bestgehaßte Lehre zu sein.”204 Goldschmidt und Wohlgemuth weisen darauf hin, dass Euckens Vorlesung in Freiburg während der Zeit der Nazi-Herrschaft ein Treffpunkt von Regimekritikern war.205 So stand auch „Unsere Aufgabe” im Widerspruch zur Nationalsozialismus. Goldschmidt und Wohlgemuth schreiben: „Sicher kann 'Unsere Aufgabe', abgefaßt drei Jahre nach Beginn der nationalsozialistischen Diktatur, zwar kaum als explizites politisches Memorandum im Geiste des Widerstands 'Freiburger Kreise' gewertet werden. Dies hätte zum sofortigen Verbot der Schriftenreihe geführt, die man ja gerade erst starten wollte. Dennoch enthält das Vorwort von Böhm, Eucken und Großmann-Doerth deutliche Kritik an geistigen Strömungen, die in der Ideologie des Nationalsozialismus eine wichtige Rolle spielten. Insofern ist Helge Peukert zuzustimmen, der 'Unsere Aufgabe' als 'latente Kritik am System' wertet, wofür neben dem Eintreten der Autoren für einen offenen Leistungswettbewerb auch spricht, 'daß sich ein gebildeter Nationalsozialist von den Ausführungen über Nietzsche, Savigny (das Recht wächst aus dem Volke), Spengler, Friedrich den Großen, den Tat-Kreis usw. deutlich negativ hätte angesprochen fühlen müssen'.”206 204 Heimann, E.: The Rediscovery of Liberalism, in Social Research (New York), Bd. VIII, Nr. 4, November 1941, zitiert nach: Hayek: Knechtschaft, S. 51 205 vgl. Goldschmidt, N u. Wohlgemuht, M.: Entstehung und Vermächtnis der Freiburger Tradition der Ordnungsökonomik, in: Goldschmidt, N. u. Wohlgemuth, M. (Hg): Grundtexte zur Freiburger Tradition der Ordnungsökonomik, Tübingen: 2008, S. 5 206 Goldschmidt, N u. Wohlgemuht, M.: Zur Einführung: Unsere Aufgabe, in: Goldschmidt, N. u. Wohlgemuth, M. (Hg): Grundtexte zur Freiburger Tradition der Ordnungsökonomik, Tübingen: 2008, S. 23
Seite 54 2.4 Unterschiede von Eucken und Hayek jenseits der Geldpolitik Während die Österreicher, wie in Kapitel 2.2.3.2 dargestellt, die Ökonomik nicht als Naturwissenschaft begreifen wollten und deshalb die neoklassischen Modelle, vor allem die Idee eines Marktgleichgewichts, ablehnten, griffen die Freiburger durchaus auf diese Konzepte zurück, wie sich aus der Analyse von Monopolen bei Eucken schließen lässt.222 So spricht Eucken etwa von einem Gleichgewichtspreis, der erreicht wird, wenn Angebot und Nachfrage einen Preis ergeben, der gerade die Grenzkosten deckt.223 Das ist eine typisch neoklassische Argumentationsweise. Sie widerspricht Hayeks Idee des Wettbewerbs als Entdeckungsverfahren.224 Zwar wurde im vorangegangenen Kapitel gezeigt, dass auch Hayek durchaus eine staatliche Aufsicht von Monopolen nicht völlig ablehnt. (vgl. Seite 41). Doch die Entschiedenheit, mit der Eucken eine Kontrolle von Monopolen fordert, legt Hayek nicht an den Tag. Eucken fordert klar: „Die Monopolaufsicht sollte also einem staatlichen Monopolaufsichtsamt übertragen werden. Um es den stets gefährlichen (wenn auch in der Wettbewerbsordnung geschwächten) Einflüssen der Interessenten zu entziehen, sollte es ein unabhängiges Amt sein, das nur dem Gesetz unterworfen ist.”225 Eucken ging sogar so weit, sowohl die Wettbewerbsordnung als auch den Rechtsstaat bedroht zu sehen, wenn es kein zentrales Monopolamt gibt.226 Es sei ebenso unentbehrlich wie der Oberste Gerichtshof.227 Hierin zeigt sich auch der gesellschaftspolitische Anspruch Euckens. Monopolistisches Verhalten zeige sich etwa an Treuerabatten, Preisdifferenzierungen oder Kampfpreisen.228 Ziel der Monopolpolitik müsse sein, einen Zustand zu erreichen, welcher der vollständigen Konkurrenz entspreche, das Verhalten der Monopolisten habe also „wettbewerbsanalog”229 zu sein.230 Wie in Kapitel 2.2.3.6 gezeigt, lehnen Österreicher das Konzept des vollständigen Wettbewerbs ab. Dagegen geht Eucken sogar noch einen Schritt weiter und fordert, dass das Monopolamt auch auf den Produktionsapparat von monopolistischen Unternehmen einwirkt. Schließlich – so das 222 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 292f 223 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 297 224 vgl. Hayek, F.: Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren, Kieler Vorträge N.F. 56, Schriftleitung: Zottmann, A., Kiel: 1968 S. 3 225 Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 294 226 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 294 227 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 294 228 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 295 229 Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 295 230 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 295
Seite 55 Argument – besteht in der vollständigen Konkurrenz ebenfalls ein ständiger Rationalisierungsdruck.231 Eucken schreibt über das Monopolunternehmen sogar: „Unter Umständen – wenn mögliche Verbesserungen unterblieben sind – hat es mit einer Herabsetzung [des Preises] unter den Punkt, der oben bezeichnet wurde, und dadurch mit Verlusten zu rechnen. Das Monopolamt sollte sich davor hüten, den vorhandenen Produktionsapparat auf die Dauer als eine gegebene Größe anzusehen.”232 Eucken bezieht das auch auf den Arbeitsmarkt und kritisiert die Politik von Gewerkschaften.233 Letzteres tat auch Hayek.234 Eucken entgegnet dem Argument, dass ein Monopolamt, das so tiefgreifend in die Wirtschaft eingreift, wie von ihm gefordert, sich zu einer Mammutbehörde entwickle, damit, dass eine strenge Monopolaufsicht prophylaktisch wirke, dass also Unternehmen, die wissen, dass sie im Fall einer zu starken Marktstellung vom Monopolamt reguliert werden, eine zu starke Marktstellung vermeiden werden.235 Deshalb beschränke sich, so Eucken, die eigentliche Monopolkontrolle auf relativ wenige wirkliche Monopole.236 Vergleicht man Eucken und Hayek, ergibt sich eine fundamental unterschiedliche Sicht auf die Frage der Steuerpolitik. Während Hayek eine als Anteil des Einkommens progressive Steigerung der zu zahlenden Steuerlast ablehnt, verteidigt Eucken diese. Für Hayek war eine Progression des Steuersatzes auf die Dauer mit einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung nicht vereinbar, wobei er sich damit aber auf die gesamte zu zahlende Steuerlast eines Einzelnen bezog; eine Progression des Einkommensteuersatzes war für ihn dann gerechtfertigt, wenn sie dazu diente, dass die Summe aus direkten und indirekten Steuern bei allen Einkommensschichten bezogen auf das Einkommen prozentual gleich ist.237 Da ärmere Menschen einen höheren Teil ihres Einkommens für Konsum ausgeben als reichere und damit einen höheren Teil ihres Einkommens zum Beispiel in die Mehrwertsteuer fließt, während reichere Menschen sparen und damit relativ weniger indirekte Steuern zahlen, kann nach Hayek eine Progression der Einkommensteuer gerechtfertigt werden.238 Allerdings lehnt Hayek damit das Argument der Umverteilung durch progressive Steuersätze entschieden ab. Hayeks Kernpostulat beseht darin, dass die Tätigkeit des Staates von allgemeinen 231 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 297 232 Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 297 233 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 295 234 vgl. Hayek, Verfassung, S. 362 bis 383 235 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 299 236 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 299 237 vgl. Hayek, Verfassung, S. 416 238 vgl. Hayek, Verfassung, S. 416
Seite 56 Grundsätzen geleitet werden müsse, will sie gerecht sein.239 Deshalb seine Ablehnung der progressiven Steuerbelastung: „Wo, wie im Falle der Progression, das sogenannte Prinzip nichts anderes ist als eine offene Aufforderung zur Diskriminierung und, was noch schlimmer ist, eine Aufforderung an die Mehrheit, gegen eine Minderheit zu diskriminieren, muß das angebliche Gerechtigkeitsprinzip der Vorwand für reine Willkür sein.”240 Ganz anders die Sicht bei Eucken. Er gesteht zu, dass die Wettbewerbsordnung Mängel in sich habe, die Gefahren mit sich brächten, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die Preismechanik der vollständigen Konkurrenz trotz der Mängel immer noch zu einer besseren Verteilung führe als eine Zentralverwaltungswirtschaft.241 Eucken ist sich bewusst: „Die Ungleichheit der Einkommen führt dahin, daß die Produktion von Luxusgütern bereits erfolgt, wenn dringende Bedürfnisse von Haushalten mit geringen Einkommen noch Befriedigung verlangen. Hier also bedarf die Verteilung, die sich in der Wettbewerbsordnung vollzieht, der Korrektur.”242 Mithilfe der Steuerprogression könne diese Korrektur erwirkt werden.243 Allerdings distanziert sich Eucken ausdrücklich von einer Vollbeschäftigungspolitik, wie sie bereits seinerzeit in den USA und Großbritannien üblich war, und die mithilfe der Steuerprogression zu starkes Sparen verhindern wollte und stattdessen Gelder in den Konsum lenken wollte.244 Denn dies behindere Investitionen und so weit dürfe die Verteilungspolitik in der Wettbewerbsordnung nicht gehen; sie müsse sich auf einen sozialen Sinn beschränken, forderte Eucken.245 Sicher sind Eucken und Hayek in der Frage der Umverteilung unterschiedlicher Ansicht. Es wäre aber nicht richtig zu unterstellen, dass Hayek gänzlich gegen Sozialpolitik gewesen sei. Für Hayek war die Notwendigkeit sozialer Einrichtungen unbestritten.246 Allerdings plädierte er für eine Versicherungsund Vorsorgepflicht jedes Einzelnen gegen die großen Lebensrisiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Alter, damit das staatliche Unterstützungssystem nicht dazu führe, dass die Anreize zur Vorsorge versiegten.247 Der Staat solle dabei die Entwicklung entsprechender Organisationen unterstützen, ohne jedoch eine einzige Zwangsversicherung zu schaffen, die das Wettbewerbsprinzip aushebele.248 Es zeigt sich hier also durchaus auch eine Parallelität: Sowohl Eucken als auch Hayek sehen 239 vgl. Hayek, Verfassung, S. 425 240 Hayek, Verfassung, S. 426 241 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 300 242 Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 300 243 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 300f 244 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 301 245 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 301 246 vgl. Hayek, Verfassung, S. 386f 247 vgl. Hayek, Verfassung, S. 387 248 vgl. Hayek, Verfassung, S. 387 bis 389
Seite 57 Umverteilung als gerechtfertigt an, wenn sie dazu dient, etwa Hunger zu vermeiden oder Kranken zu helfen. Was Hayek deutlicher als Eucken ablehnt, ist die Idee der Einkommensumverteilung, etwa wenn er schreibt: „Wo das Ziel distributive Gerechtigkeit ist, können die Entscheidungen, zu welchen Tätigkeiten die verschiedenen Einzelnen geführt werden müssen, nicht aus allgemein gültigen Regeln abgeleitet werden, sondern müssen im Licht der besonderen Ziele und Kenntnisse der Planungsbehörde getroffen werden. Wie wir schon gesehen haben, wenn die Meinung der Gemeinschaft entscheidet, was verschiedene Leute bekommen sollen, muß dieselbe Behörde auch entscheiden, was sie zu tun haben. Dieser Konflikt zwischen dem Ideal der Freiheit und dem Wunsch, die Verteilung der Einkommen zu 'korrigieren', um sie 'gerechter' zu machen, wird gewöhnlich nicht deutlich erkannt. Aber jene, die distributive Gerechtigkeit erreichen wollen, werden sich in der Praxis bei jedem Schritt von der Herrschaft des Gesetzes behindert sehen.”249 In einem weiteren Punkt unterscheiden sich Österreichische und Freiburger Schule, nämlich der Frage der Internalisierung externer Effekte, um es neoklassisch zu formulieren. Österreicher stehen diesem Ansatz grundsätzlich skeptisch gegenüber. Ein externer Effekt ist schließlich eine Abweichung von einem vollkommenen Marktgleichgewicht. Jedoch lehnt die Österreichische Schule das Konzept des vollkommenen Marktgleichgewichts ab und damit auch die Idee des externen Effekts. Auch Hayek steht in dieser österreichischen Tradition: „Es gibt wahrscheinlich keinen Fall, in dem eine Behörde höheres Wissen von all den Tatsachen besitzen kann, die eine bestimmte Entscheidung beeinflussen sollten; und während es möglich ist, den Eigentümern bestimmter Naturschätze die allgemeineren Überlegungen zu übermitteln, die sie in Rechnung ziehen sollten, ist es nicht möglich, daß die Behörde all die verschiedenen Tatsachen erfährt, die die Einzelnen kennen.”250 Dagegen ist für Eucken klar, dass die Planungsfreiheit der Betriebe unter gewissen Umständen zu begrenzen sei; er forderte dies etwa in der Forstwirtschaft.251 Eucken verweist dabei auf das Beispiel der Zerstörung von Wäldern in Amerika, die den Boden und das Klima weiter Gebiete verschlechtert habe; dies sei nur deshalb möglich gewesen, weil diese gesellschaftlichen Wirkungen – anders formuliert: soziale Kosten oder externe Effekte – nicht 249 Hayek, Verfassung, S. 318 250 Hayek, Verfassung, S. 488 251 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 302
Seite 58 in die Kalkulation – Eucken schreibt “Wirtschaftsrechnung” – des Waldbesitzers eingeflossen seien.252 Als weiteres Beispiel nennt Eucken den in mikroökonomischen Einführungsvorlesungen typischen Fall einer Chemiefabrik, deren Abwässer häufig zu gesundheitlichen Schäden führen.253 Eucken geht aber auch auf den Arbeitsschutz ein. Zwar seien Kinderund Frauenarbeit, allzu lange Arbeitszeiten sowie ungenügender Schutz gegen Unfälle in den Betrieben vor allem im 19. Jahrhundert, als Marx diese Missstände anprangerte, häufig das Ergebnis lokaler Nachfragemonopole der Arbeitgeber gewesen, weshalb allein das Konkurrenzprinzip hier zu Verbesserungen führe.254 Doch Eucken konstatiert: „Die vollständige Konkurrenz auf den Arbeitsmärkten oder die Herstellung eines Zustandes, der in seinen Auswirkungen der vollständigen Konkurrenz entspricht, wird nicht ausreichen, um diese Probleme befriedigend zu lösen.”255 Der Staat dürfe seine Befugnisse aber nie dazu verwenden, die Konkurrenz zu beschränken, so Eucken.256 Eucken schloss auch Mindestlöhne nicht aus, wenn sich das Angebot auf einem Arbeitsmarkt anomal verhält, das Arbeitsangebot also bei sinkenden Löhnen steigt.257 Hayek dagegen war solchen Eingriffen in den Markt gegenüber äußerst skeptisch. Eine direkte staatliche Preiskontrolle sei mit einem freien System unvereinbar, so Hayek.258 Damit lassen sich folgende Unterschiede zwischen Hayek und Eucken zusammenfassen: •Eucken akzeptiert im Gegensatz zur Österreichischen Schule das neoklassische Gleichgewichtsmodell von Angebot und Nachfrage •Eucken fordert eine scharfe Monopolkontrolle, während zum Beispiel Hayek hier wesentlich zaghafter argumentiert •Eucken plädiert für eine mit dem Einkommen progressiv ansteigende Steuerbelastung, Hayek lehnt das ab •Eucken fordert die Internalisierung externer Effekte, Hayek lehnt das ab •Eucken akzeptiert Mindestlöhne, Hayek lehnt staatliche Eingriffe in den Preismechanismus kategorisch ab 252 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 302 253 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 302 254 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 302 255 Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 303 256 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 303 257 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 303f 258 vgl. Hayek, Verfassung, S. 313
Seite 59 2.5 Zwischenfazit: Unterschiedliche Präferenz für Staatseingriffe bei Eucken und Hayek Wie in Kapitel 2.1.3 beschrieben fordern die Freiburger den Primat des grundsätzlichen Denkens vor einem subjektiven fallbezogenen Rechtsempfinden, weshalb alle rechtsund wirtschaftspolitischen Entscheidungen an die Idee einer Wirtschaftsverfassung gekoppelt sein sollten. Soweit besteht Einigkeit mit Hayek, für den die Freiheit in der Wirtschaft eine Freiheit unter dem Gesetz war, die aber keinesfalls das Fehlen aller staatlichen Tätigkeit bedeutete.259 Dies und die vorangegangenen beiden Kapitel zeigen, dass sowohl Hayek als auch Eucken klare Vertreter des Liberalismus sind. Allerdings wird vor allem aus den in Kapitel 2.5 aufgeführten Unterschieden deutlich, dass der Ordoliberale Eucken dem Staat eine wesentlich größere Bedeutung beimessen wollte als der Österreicher Hayek. Während die Österreichische Schule wie in Kapitel 2.2.3.2 gezeigt, vor allem in der Tradition des schottischen Philosophen David Hume steht, was auch für Hayek gilt, kann man zu dem Schluss kommen, dass Eucken stärker auf John Locke zurückzuführen ist. Eucken kämpfte für eine Wirtschaftsverfassung. Das steht eher in der Tradition des expliziten Gesellschaftsvertrages von John Locke.260 Anders als Hume geht Locke von einem explizit geschlossenen Gesellschaftsvertrag aus: „Die einzige Möglichkeit, diese natürliche Freiheit aufzugeben und die Fesseln bürgerlicher Gesellschaft anzulegen, ist die, daß man mit anderen Menschen übereinkommt, sich zusammenzuschließen und in eine Gemeinschaft zu vereinigen, mit dem Ziel, behaglich, sicher und friedlich miteinander zu leben – in dem sicheren Genuß des Eigentums und in größerer Sicherheit gegenüber allen, die ihr nicht angehören.“261 Im Folgenden wird untersucht, in wieweit sich die unterschiedlichen Ansätze auch auf den währungspolitischen Rahmen bezogen. 259 vgl. Hayek, Verfassung, S. 304 260 vgl. Schulte, G.: Schnellkurs Philosophie, Köln: 2002, S. 95 261 Locke, J.: Über die Regierung (The Second Treatise of Government), hg. von Mayer-Tasch, P, übersetzt von Tidow, D., Stuttgart: 1992, S. 73
Seite 60 2.6 Die Bewertung von Inflation und Deflation bei Hayek und Eucken Sowohl Eucken als auch Hayek führen am Beginn ihrer währungspolitischen Kapitel Zitate an, welche die Bedeutung der Währungspolitik belegen sollen. Bei Eucken ist folgendes Zitat Lenins zu lesen: „Um die bürgerliche Gesellschaft zu zerstören, muß man ihr Geldwesen verwüsten.“262 Hayek scheut nicht davor zurück, ein Zitat seines großen Widersachers John Maynard Keynes anzuführen, das, wie Hayek in einer Fußnote anführt, durch obiges Zitat von Lenin veranlasst worden sei: „Es gibt kein feineres und kein sicheres Mittel, die bestehenden Grundlagen der Gesellschaft umzustürzen, als die Vernichtung der Währung. Dieser Vorgang stellt alle geheimen Kräfte der Wirtschaftsgesetze in den Dienst der Zerstörung, und zwar in einer Weise, die nicht einer unter Millionen richtig zu erkennen imstande ist.“263 Hayek selbst hebt ebenfalls die gesellschaftspolitische Bedeutung der Bekämpfung von Inflation hervor: „Jene, die die Freiheit erhalten wollen, sollten jedoch erkennen, dass die Inflation wahrscheinlich der wichtigste Einzelfaktor in einem circulus vitiosus ist, in dem jede Regierungsaktion immer mehr staatliche Lenkung notwendig macht. Aus diesem Grund sollten alle, die den Trend zu immer weitergehender staatlicher Lenkung aufhalten wollen, ihre Bemühungen auf die Währungspolitik konzentrieren. Es gibt vielleicht nichts Bedrückenderes, als daß es noch immer so viele gescheite und gut informierte Menschen gibt, die in den meisten anderen Belangen die Freiheit verteidigen, aber dann doch durch die unmittelbaren Vorteile einer expansionistischen Politik verleitet werden, etwas zu unterstützten, was mit der Zeit die Grundlagen einer freien Gesellschaft zerstören muß.“264 Die Politik der Wettbewerbsordnung fußt für Eucken auf der Herstellung eines funktionierenden Preissystems vollständiger Konkurrenz; dies sei das wirtschaftsverfassungsrechtliche Grundprinzip.265 Eucken stellt eine Vollbeschäftigungspolitik 262 Lenin, zitiert nach: Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 256 263 Keynes, J.: Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags, München und Leipzig: 1920, S. 192, in: Hayek, Verfassung, S. 437 264 Hayek, Verfassung, S. 454 265 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 254
Seite 61 durch eine lockere Geldpolitik auf die gleiche Stufe wie die Versuche einer zentralverwaltungswirtschaftlichen Politik.266 Er schreibt: „Es geht nicht an, eine Konjunkturpolitik zu treiben, welche unter dem Eindruck eines momentanen Notstandes die Funktionsfähigkeit des Preissystems behindert oder stillegt: wie durch Devisenbewirtschaftung, Kreditexpansion und dergleichen.“267 Als erstes Grundprinzip der Wettbewerbsordnung nennt Eucken die Währungspolitik. Er schreibt vom „Primat der Währungspolitik“ und vom „währungspolitischen Stabilisator“.268 Eucken ist überzeugt, dass eine Wettbewerbsordnung nur so lange funktionieren kann, wie die Stabilität des Geldwertes gesichert ist.269 Genauso sieht es Hayek. Die Methode der Kostenrechnung, auf der alle geschäftlichen Entscheidungen beruhten, sei nur so lange sinnvoll, wie der Geldwert einigermaßen stabil sei. Durch offene Inflation, wie nach dem Ersten Weltkrieg, verliere das Preissystem seine Lenkungsfähigkeit, da die Preise unterschiedlich stiegen.270 Mieten oder bestimmte Rohstoffpreise erhöhten sich langsamer als andere Preise.271 Eucken nennt damit ein Grundprinzip, dass bereits bei den Österreichern deutlich geworden ist, nämlich dass Inflation mehr ist als der Anstieg des Preisniveaus, sondern vor allem eine Verzerrung der relativen Preise bewirkt. Die selbe Sicht findet sich bei Hayek, der dies in der Denktradition von Knut Wicksell die „Neutralität des Geldes“ nennt.272 Anderegg betont, dass dieses Ziel der Neutralität des Geldes in krassem Gegensatz zum Ziel der Preisniveaustabilität stehen könne.273 Hayeks Konzept des neutralen Geldes geht also davon aus, dass wertstabiles Geld nur eine Vorbedingung für neutrales Geld ist, mit dem Ziel, eine Verzerrung der relativen Preise – Güterpreise, Löhne und Zinsen – weitestgehend zu verhindern.274 Inflation ist für Hayek vor allem auch ein ordnungspolitisches Problem, weil sie aus seiner Sicht ein Einfallstor für wachsende staatliche Eingriffe in das Wirtschaftssystem ist.275 Er schreibt: „Es ist kein Zufall, daß eine inflationistische Politik immer von jenen befürwortet wird, die mehr staatliche Lenkung wünschen – wenn auch leider nicht nur von diesen.“276 266 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 254 267 Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 254f 268 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 255 269 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 256 270 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 256 271 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 256 272 vgl. Anderegg, S. 282f 273 vgl. Anderegg, S. 284 274 vgl. Anderegg, S. 282f 275 vgl. Hayek, Verfassung, S. 453 276 Hayek, Verfassung, S. 454
Seite 62 Doch selbst wenn es diese Verzerrung der relativen Preise nicht geben sollte, sondern alle Preise proportional gleich stiegen, ergäbe sich Eucken zufolge bei einer anziehenden Inflation eine volkswirtschaftliche Verzerrung, denn die langfristigen Schulden der Betriebe blieben bei steigenden Preisen der Produkte und Produktionsmittel konstant, während die Vermögensseite der Bilanzen wachse.277 Somit entstehen Gewinne, die sich nicht aus betriebswirtschaftlichem Erfolg speisen, sondern aus der Inflation ergeben, wodurch wiederum Produktionsprozesse fortgesetzt werden, die bei richtiger „Wirtschaftsrechnung“ eingeschränkt oder beendet würden.278 Eucken sieht die Deflation, also das Sinken des Preisniveaus, als genauso schädlich an wie Inflation.279 Darin unterscheidet er sich von Hayek. Zwar wäre es falsch, zu behaupten, dass Hayek für die Deflation wirbt. Aber immerhin sieht er Deflation langfristig sogar als relativ positiv an: „Der Unterschied ist, daß bei Inflation die angenehme Überraschung zuerst kommt und die Reaktion später, während bei der Deflation die erste Wirkung auf das Geschäftsleben depressiv ist. Die Wirkungen beider kehren sich jedoch von selbst um.“280 Hayek führt dieses Argument allerdings nicht an, um für Deflation zu werben. Vielmehr akzeptiert er, dass es nicht möglich sei, die Preise völlig stabil zu halten.281 Er verwirft aber die bis heute unter Ökonomen weit verbreitete These, dass Deflation weit schlimmer sei als Inflation und deshalb ein gewisses Maß an Inflation hinzunehmen sei, damit sicherheitshalber deflationäre Tendenzen vermieden werden.282 Insofern kann hier kein Unterschied zwischen Hayek und Eucken gefunden werden. Beide propagieren Preisstabilität. Eucken hoffte, durch eine stabile Währung gar die Konjunkturschwankungen zu vermeiden.283 277 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 256 278 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 256 279 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 257 280 Hayek, Verfassung, S. 445 281 vgl. Hayek, Verfassung, S. 444 282 vgl. Hayek, Verfassung, S. 444 283 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 257
Seite 63 2.7 Geldpolitische Konzeptionen bei Hayek und Eucken Eucken wollte die Währungsverfassung, wie er den Rahmen der Geldpolitik nannte, so konstruieren, dass sie nicht nur den Geldwert möglichst stabil hält, sondern auch möglichst automatisch funktioniert.284 Er schrieb: „Unkenntnis, Schwäche gegenüber Interessengruppen und der öffentlichen Meinung, falsche Theorien, alles das beeinflusst diese Leiter [der Geldpolitik] sehr zum Schaden der ihnen vertrauten Aufgabe. Gerade in der heutigen Situation besteht eine große Gefahr, daß eine nicht automatisch konstruierte Währungsverfassung zur Inflation mißbraucht wird. Die Versuchung ist nämlich übergroß, Disproportionalitäten, die im Produktionsprozeß entweder als Folge einer 'Vollbeschäftigungspolitik um jeden Preis', oder aus den Machtkämpfen wirtschaftlicher Gruppen oder aus sonstigen Gründen entstehen, vorübergehend durch inflatorische Maßnahmen – Kreditexpansion, Abwertung, Politik des niedrigen Zinses und dergleichen – zu überdecken. Eine solche Geldpolitik verfährt wie ein Baumeister, der anstatt dem Gebäude ein solides Fundament zu geben, seine Aufmerksamkeit in erster Linie auf das Dach konzentriert.“285 Eucken diskutiert eine Reihe von Möglichkeiten einer Währungsverfassung, u.a. den 100Prozent-Reservesatz, den Goldstandard und die Warenreservewährung.286 Generell gehen die neoliberalen Ansätze der Geldordnung auf Irving Fisher zurück, wobei der Wert einer Währung an eine solide Wertbasis gebunden und die Geldordnung zweistufig aufgebaut werden soll, mit einer Notenbank, welche die monetäre Basis bereit stellt, und Geschäftsbanken, die Kredite vergeben.287 An der Universität von Chicago wurde der Plan weiter geführt und das Modell des 100-Prozent-Reservesatzes entwickelt. Dabei soll die Zentralbank nicht entscheiden, welche Unternehmen und Konsumenten Kredite erhalten, wohl aber die Geldschöpfung kontrollieren. Dazu sollen die Sichteinlagen bei den Banken zu 100 Prozent mit Bargeld oder Guthaben bei der Zentralbank gedeckt sein. Wenn eine Bank also die Einlage eines Kunden etwa in Form von Bargeld hereinnimmt, darf sie diese nicht weiterverleihen, sondern muss entweder die Geldscheine physisch im Tresor aufbewahren oder bei der Zentralbank anlegen, was faktisch einen Mindestreservesatz von 100 Prozent bedeutet. Den privaten Banken wäre so die Möglichkeit genommen, Geld zu schaffen. Die Kreditvergabe würde in diesem System nur durch solche Banken erfolgen, die keinen Zugang zur Zentralbank haben, also eher Investmentfonds als Banken gleichen. Es wäre 284 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 257 285 Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 257f 286 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 257 bis 263 287 vgl. Anderegg, S. 281
Seite 70 2.8 Exkurs: Historische Entwicklung der Geldordnung Anderegg beschreibt sechs verschiedene Geldordnungen, wobei in der Realität meist Mischformen zu finden seien: •Das frühe archaische Geldwesen •Die natürliche Geldordnung •Die geldwirtschaftliche Anarchie •Die gesellschaftsvertragliche Geldordnung •Die spontane Geldordnung •Die künstliche Geldordnung Das frühe archaische Geldwesen entstand bereits vor der Antike. Hier wurden bestimmte kostbare Güter, die zum Beispiel kulturellen oder religiösen Zwecken dienten, als Maßeinheit für Tauschgeschäfte verwendet. Ein Beispiel dafür könnten Muscheln sein. Eng verwandt mit dem archaischen Geldwesen ist das in der Antike entstandene System der natürlichen Geldordnung; hier bestand das Geld vor allem aus Metallmünzen. Später entstanden Goldwährungen. Basis der natürlichen Ordnung ist das Vertrauen der Menschen in die Wertstabilität des Goldes und anderer Metalle. In der reinen Form der natürlichen Ordnung sind keine Zentralbanken und auch keine Geschäftsbanken nötig, lediglich Institutionen, die das Prägen von Goldund Silbermünzen übernehmen, inund ausländische Währungen tauschen sowie die sichere Wertaufbewahrung übernehmen. Folgerichtig gibt es keine Konjunkturpolitik. Den Höhepunkt erreichte diese Ordnung im 18. Jahrhundert. Eine gesellschaftsvertragliche Ordnung beruht grundsätzlich auf der Fiktion eines hypothetisch geschlossenen Gesellschaftsvertrages zwischen den Bürgern eines Landes, wobei der Vollzug des Vertrages dem Staat übertragen wird. Wie bereits in Kapitel 2.5 dargestellt wurde, geht diese Idee auf John Locke zurück. Die Geldordnung ist in diesem Sinn Teil der gesellschaftsvertraglichen Ordnung. Da Geld die Einheit sei, in der im Handel alles gemessen werde, müsse der Wert des Geldes stabil gehalten werden, forderte Locke. Genauso sah es David Hume. Beide können als frühe Quantitätstheoretiker verstanden werden: Nach diesem Denkansatz führt eine Erhöhung der Geldmenge zu steigenden Preisen, wenn das Güterangebot konstant bleibt. Deshalb ist es nötig, die Geldmenge künstlich zu regulieren, entweder durch Koppelung an den Marktwert von Metallen oder die schlichte Verknappung des Angebots, wobei die erstere Variante wiederum stark an die natürliche Ordnung angelehnt ist. Generell kommt es zu einer Aufgabenteilung: Die Zentralbank stellt die monetäre Basis bereit, und die Geschäftsbanken schöpfen die Kredite. Dabei soll die private Geldemission möglichst unterbunden werden. Um den Geldwert zu
Seite 71 stabilisieren, ist eine regelorientierte, restriktive Geldmengensteuerung nötig, in der Regel verbunden mit der Festlegung von Mindestreserven. Eine bedeutende Rolle spielt in der gesellschaftsvertraglichen Ordnung die Bankenaufsicht, es kommen also auch künstliche Ordnungselemente zur Anwendung. Eine antizyklische Zinsund Geldmengenpolitik wird abgelehnt. Jedoch soll eine Steuerung der Geldmenge, der Zinsen oder der Wechselkurse eine etwas größere Flexibilität zulassen als bei den früheren natürlichen Geldordnungen wie etwa dem Goldstandard. Künstliche Elemente der Geldordnung sind nötig, um eine natürliche, gesellschaftsvertragliche oder auch spontane Geldordnung abzusichern. Beispiele hierfür sind die bereits erwähnte Bankenaufsicht, die Funktion der Zentralbank als zentraler Abwickler im Zahlungsverkehr, oder Maßnahmen zur Verhinderung von Betrug und Täuschung im Geldwesen. Mindestreservepflichten gehören ebenfalls zu den künstlichen Elementen, ebenso wie die anderen Mittel der Zentralbanken, die darauf zielen, mithilfe einer Steuerung der Liquidität der Banken die Inflationsrate zu begrenzen und gleichzeitig für möglichst gleichmäßiges Wachstum zu sorgen. Die konjunkturelle Steuerung mithilfe der Geldpolitik ist ebenfalls ein wichtiges künstliches Element. Auch die Funktion der Zentralbank als „lender of last resort“, die dann einspringt und Banken Liquidität (gegen Sicherheiten) zur Verfügung stellt, wenn aufgrund eines Schocks der Interbankenmarkt zusammenbricht, ist ein künstliches Element.342 Künstliche Geldordnungen können aber auch von Regierungen dazu genutzt werden, sich günstig und zu Lasten der Bürger zu finanzieren. Ein Beispiel dafür ist die Ausgabe minderwertigen Geldes zur Finanzierung von Kriegen.343 Bereits in der natürlichen Geldordnung zeigten sich künstliche Ordnungselemente, etwa die staatliche Regulierung der Münzprägung.344 Auch die Unterscheidung zwischen natürlichen und gesellschaftsvertraglichen Geldordnungen ist nicht immer ganz einfach. So sind bereits bei Platon und Aristoteles gesellschaftsvertragliche Erklärungen für die Entstehung des Geldes zu finden.345 Platon ging davon aus, dass Geld durch Menschenhand entstanden sei.346 Auch Aristoteles betont, dass das Geld nicht durch die Natur, sondern das Gesetz entstanden sei, vertritt also zumindest teilweise eine Konventionstheorie:347 Die Konventionstheorie besagt, dass das Geld durch die Rechtsordnung entsteht: Alle Mitglieder der Rechtsordnung sind verpflichtet, das vom Staat definierte Geld zu akzeptieren.348 In der 342 vgl. Kapitel bis hierher: Anderegg, S. 259 bis 276 343 vgl. Anderegg, S. 274 344 vgl. Anderegg, S. 259 345 vgl. Anderegg, S. 259 346 vgl. Anderegg, S. 259 347 vgl. Anderegg, S. 262 348 vgl. Meckenstock, G.: Wirtschaftsethik, Berlin / New York: 1997, S.265
Seite 72 Konventionstheorie sind sowohl gesellschaftsvertragliche als auch künstliche Ordnungselemente vorhanden. Anderegg weist jedoch darauf hin, dass in der Antike ein gesellschaftsvertragliches Verständnis kaum existierte.349 Die griechische Geldordnung sei deshalb als eine Mischung aus natürlicher und künstlicher Geldordnung zu verstehen. Die Entwicklung einer natürlichen oder auch frühen archaischen Geldordnung ist sehr eng verwandt mit einer spontanen Ordnung. Es gibt keine staatliche Instanz, die regelt, was Geld ist und als Geld verwendet werden darf. Statt dessen entsteht Geld durch das selbstinteressierte Verhalten von Menschen, die Güter gegen primitive Formen von Geld tauschen.350 Das erleichtert die Arbeitsteilung.351 So ist die Entstehung des Geldes also als evolutorischer Prozess in der Zivilisation zu verstehen. Als eigentliche Geburtsstunde der neueren Theorie der spontanen Geldordnung bezeichnet Anderegg die Idee des Währungswettbewerbs von Friedrich August von Hayek aus dem Jahr 1976.352 Hayeks Vorschlag wurde bereits in Kapitel 2.7 dargestellt. Anderegg weist darauf hin, dass spontane Elemente der Geldordnung nicht ausreichen, um eine voll funktionsfähige Geldordnung zu tragen; so habe die Emission von Papiergeld im 19. Jahrhundert nicht so sehr eine sich selbst tragende spontane Geldordnung, sondern vielmehr ein anarchisches Geldwesen erzeugt.353 Anarchische Geldwesen entstehen vor allem dann, wenn künstliche Elemente der Ordnung und damit eine stabile binnenwirtschaftliche Währung fehlen.354 Es kommt zum Naturaltausch, zur Verwendung ausländischer Währungen oder zum Tausch von Gütern, welche die Funktion von Geld wahrnehmen können.355 Anderegg nennt als Beispiel Edelmetalle, womit wiederum Elemente einer natürlichen Geldordnung zum Tragen kämen.356 Allerdings kann sicher auch der Handel gegen Zigaretten am Schwarzmarkt in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg dazu gezählt werden. Generell gilt: Zu einer anarchischen Geldordnung kommt es insbesondere in und nach Kriegen und in Zeiten exzessiv steigender Staatsausgaben. Eine etwas andere historische Entwicklung des Geldwesens zeigt Deutsche-BankChefvolkswirt Thomas Mayer.357 Er verweist auf den Anthropologen David Graeber, wonach die Wirtschaftsbeziehungen in primitiven und antiken Gesellschaften nicht auf Tauschhandel, sonder auf Kredit aufbauten. Tauschhandel hat es demnach nur in feindlichem Umfeld gegeben, also etwa bei wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Mitgliedern verschiedener 349 vgl. Anderegg, S. 260 350 vgl. Anderegg, S. 267 351 vgl. Anderegg, S. 267 352 vgl. Anderegg, S. 267 353 vgl. Anderegg, S. 267 354 vgl. Anderegg, S. 262 355 vgl. Anderegg, S. 262 356 vgl. Anderegg, S. 262 357 vgl. Mayer, T.: Willkommen in der ZBG-Wirtschaft, DB Research, 21. März 2012
Seite 73 Stämme. Erst in einem späteren Entwicklungsstadium hätten Machthaber Geld etwa in Form von Goldmünzen zur Bezahlung ihrer Soldaten emittiert und von der Landbevölkerung verlangt, Steuern in Form dieser Münzen zu entrichten. Auf diese Weise sei die Finanzierung militärischer Macht systematischer erfolgt als durch die Zulassung von Plünderungen. Erst später sei Geld als Mittel genutzt worden, um mehrfachen Tauschhandel unter Individuen, die ihr jeweils eigenes Interesse verfolgen, zu vereinfachen. Damit widersprechen Mayer und Graeber der Analyse Andereggs bezüglich der Entwicklung des Geldwesens. Der Akzent zur Entwicklung von Goldund Silbermünzen liegt stärker auf gesellschaftsvertraglichen bzw. künstlichen Elementen als auf natürlichen. Mayer hebt hervor, dass diese Art des Geldwesens – also Goldund Silbermünzen – der zentrale Punkt in Adam Smiths Analyse des Wohlstands der Nationen sei. Doch seit Smiths Zeiten hat sich einiges verändert. Mayer schreibt: „Durch die Informationsund Kommunikationstechnologie und durch Financial Engineering ist es gelungen, die Geldwirtschaft à la Smith zu überwinden und eine moderne Kreditwirtschaft aufzubauen: eine dialektische Synthese zwischen der vormodernen Kreditund der jüngeren Geldwirtschaft. Das Vertrauen, das für den Aufbau von Wirtschaftsbeziehungen notwendig ist, wurde durch technokratische Zentralbanken und sorgfältig ausgearbeitete Produkte und nicht mehr durch zwischenmenschliche Beziehungen wie in den vormodernen Gesellschaften geschaffen. In letzteren traten Kreditblasen immer wieder auf, und nach ihrem Platzen wurden die Schulden regelmäßig erlassen. Laut Michael Hudson fand in Babylonien zwischen 1880 und 1636 v. Chr. im Durchschnitt alle 16 Jahre ein Schuldenerlass statt. Dies hätte in der Expansionsphase der modernen Kreditwirtschaft als Warnung dienen sollen. Das Vertrauen in das moderne Finanzwesen und die moderne Wirtschaftswissenschaft war jedoch so groß, dass kein Raum für Zweifel blieb.”358 Seit dem Jahr 2007 – dem Zusammenbruch der globalen Kreditwirtschaft – hat sich Mayer zufolge ein neues Regime („Regime 2“) entwickelt, Mayer nennt dies „Die ZentralbankgeldWirtschaft“. Demnach pumpten die Zentralbanken reichlich Zentralbankgeld in die Wirtschaft, um wirtschaftliche Beziehungen zu stützen, die in Gefahr geraten waren, weil durch den globalen Vertrauensverlust an den Interbankenmärkten wie dem Kapitalmarkt überhaupt keine Kredite mehr gewährt wurden. Dabei wurde der rechtliche Rahmen zumindest getestet, wenn nicht überschritten und damit der gesellschaftsvertragliche Moment des Geldwesens teils verlassen. Mayer schreibt: 358 Mayer, ZBG-Wirtschaft, S. 3f
Seite 74 „Obwohl ernsthafte Besorgnis wegen der Grenzen ihrer institutionellen Befugnisse bestand, stellte die EZB letztendlich reichlich finanzielle Unterstützung bereit, zunächst in Form begrenzter Käufe von Anleihen in Schwierigkeiten geratener Länder am Sekundärmarkt und danach in Form von Liquiditätsspritzen in Höhe von einer Billion Euro für das Bankensystem des Euroraums. Daher weiteten sich die Bilanzen aller Zentralbanken beträchtlich aus, und die Risikoprämien am Interbanken-Kreditmarkt gingen zurück. Durch die beträchtliche Ausweitung der Zentralbankbilanzen trat die „ZentralbankgeldWirtschaft“ an die Stelle der gescheiterten Kreditwirtschaft.”359 Mayer hinterfragt die grundsätzliche Nachhaltigkeit dieses Systems. Das soll in dieser Arbeit nicht erörtert werden. Klar ist, dass das Geldsystem in der Europäischen Union, wie es sich im Frühjahr 2012 zeigt, stark von künstlichen Elementen und einigen gesellschaftsvertraglichen Elementen geprägt ist, aber kaum von spontanen und natürlichen, unabhängig davon ob man „natürlich“ im Andereggschen Sinn versteht, also geprägt von Realwerten, oder im Mayerschen/Graeberschen, dass es auf das Vertrauen der Teilnehmer und deren Bereitschaft, untereinander Kredite zu vergeben, baut. 359 Mayer, ZBG-Wirtschaft, S. 5
Seite 75 2.9 Fazit: Beantwortung der Ausgangsfrage dieser Arbeit für den Fall der Österreichischen und Freiburger Schule Anderegg verortet den geldpolitischen Ansatz des Ordoliberalismus von Walter Eucken in der gesellschaftsvertraglichen Geldordnung.360 Hayeks Ansatz des Währungswettbewerbs bezeichnet er wie bereits dargestellt als spontane Geldordnung.361 Tatsächlich billigt Eucken dem Staat sowohl in der allgemeinen Wirtschaftspolitik als auch insbesondere in der Geldpolitik eine deutlich größere Rolle zu als Hayek. Dasselbe gilt auch für die Gesellschaftspolitik. Ideengeschichtlich steht Eucken damit in der Tradition von John Locke. Hayek ist dagegen in der grundsätzlichen Gesellschaftspolitik eher David Hume zuzuordnen. Locke traut dem Bürger mehr zu als Hume, nämlich die explizite Entscheidung über das Handeln des Staates: „Da sich ein einziger Körper notwendigerweise nur in eine Richtung bewegen kann, muß sich der Körper notwendigerweise auch dorthin bewegen, wohin ihn die größere Kraft treibt – und das ist die Übereinkunft der Mehrheit. Anders kann sie unmöglich handeln oder als ein einziger Körper oder eine einzige Gemeinschaft handeln oder fortbestehen – wie es doch mit der Zustimmung jedes Einzelwesens, das darin vereint ist, beschlossen war –, und daher ist ein jeder durch diese Zustimmung verpflichtet, sich der Mehrheit zu unterwerfen. So können wir sehen, daß bei Versammlungen, die durch positive zu Handeln ermächtigt sind und denen jenes positive Gesetz, welches sie ermächtigte, keine bestimmt Zahl vorschreibt, der Beschluß der Mehrheit als der Beschluß aller gilt und somit entscheidet da er nah dem Gesetz der Natur und der Vernunft die Gewalt der Gesamtheit besitzt.“362 Anders Hume: Er sieht eine Regierung nicht in jeder Situation für nötig an und traut den Menschen zu, eine Zeit lang ohne Regierung die Gesellschaft zu erhalten, wenngleich dies nicht dauerhaft funktioniere.363 Die Hauptaufgabe der Regierung sieht Hume in der Aufrechterhaltung der Rechtsordnung.364 Von Gewaltenteilung und Mehrheitswillen spricht Hume nicht. Statt dessen fordert er Unterwerfung unter die Regierung, wobei Widerstand lediglich im Fall schwerer Tyrannei und Unterdrückung zulässig sei.365 Hayek hebt hervor, dass für Hume der wahre Sinn der englischen Geschichte in ihrer Entwicklung von einem 360 vgl. Anderegg, S. 277 361 vgl. Anderegg, S. 277 362 Locke, Regierung, S. 74 363 vgl. Hume, Traktat, S. 289 364 vgl. Hume, Traktat, S. 287 365 vgl. Hume, Traktat, S. 306
Seite 76 „Government of Will“ zu einem „Government of Laws“ gelegen habe.366 Locke traut also dem Bürger mehr zu als Hume. Andererseits spricht er sich für die klare Herrschaft der Mehrheit aus und begrenzt dabei die Rechte der Minderheit.367 Da Hayek wie gezeigt eher in Humes Tradition steht und Eucken eher in der von Locke, ergibt sich ein ähnliches Bild, wenn es um die grundsätzliche Gesellschaftspolitik geht. Dies zeigt sich auch konkret in der Wirtschaftspolitik. Wie gezeigt wurde, gewährt Eucken dem Staat wesentlich mehr Eingriffsrechte in der Wirtschaftspolitik als Hayek. Allerdings geht Hayek in der Geldpolitik weiter als Hume, denn er ist wie gezeigt sogar bereit, das Geld selbst dem Wettbewerb auszusetzen. Hume lehnte es ab, Geld als Subjekt des Handelsverkehrs zu sehen.368 Dagegen will Hayek mit seiner Idee des Währungswettbewerbs gerade dies erreichen. Eucken misst mit seinen Vorstellungen einer Währungsverfassung dem Staat ausdrücklich die Rolle zu, für Preisstabilität zu sorgen. Nicht nur die Bekämpfung von Inflation, sondern auch die Verhinderung von Deflation in konjunkturellen Abschwüngen ist damit für Eucken eine Aufgabe des Staates. Er traut dem Staat in der Geldpolitik damit deutlich mehr zu als Hayek. Damit kann die zentrale Frage der vorliegenden Arbeit für den Untersuchungsgegenstand dieses Hauptkapitels bejaht werden. Vergleicht man Hayek und Eucken als Hauptvertreter von Österreichischer und Freiburger Schule, so zeigt sich, dass eine kollektivistischere Gesellschaftsund Wirtschaftsordnung einhergeht mit einer größeren Rolle für den Staat in der Geldpolitik. 366 vgl. Hayek, Verfassung, S. 231 367 vgl. Schmidt, M.: Demokratietheorien. Eine Einführung, 5. Auflage, Wiesbaden: 2010, S. 63 368 vgl. Anderegg, S. 265
Seite 77 3 Schumpeter – Unternehmertheorie und Konjunkturablauf sowie die Frage nach Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie Der österreichische Ökonom Josef A. Schumpeter ist für diese Arbeit interessant, weil er sowohl von Neoliberalen als auch von Linksliberalen vereinnahmt wird. So schreibt der bekennende Keynesianer Flassbeck: „Der Name Keynes (aber auch die von Josef Schumpeter, Michal Kalecki oder Wilhelm Lautenbach) steht für eine Revolution im ökonomischen Denken, die tatsächlich eine Alternative geschaffen hat zu dem, was heute wieder herrschende Lehre ist.“369 Andererseits wird er immer noch häufig als „Österreicher“ gesehen, etwa in einer Studie von Deutsche Bank Research im September 2011.370 Anders als Hayek betonte Schumpeter jedoch die Notwendigkeit der Kreditschöpfung durch die Banken, um den Unternehmer Zugang zu Kapital zu gewährleisten; das sei wichtiger als die Spartätigkeit.371 McCraw geht so weit, zu behaupten, dass das heutige Denken über den Kapitalismus in weiten Teilen auf Schumpeter zurückgeht – insbesondere seine Betonung von Innovation, Unternehmergeist, Geschäftsstrategie und „schöpferischer Zerstörung“.372 Den Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ nutzte Schumpeter erstmals im Jahr 1942.373 Zunächst folgen nun einige biographische Hinweise. 3.1 Biographische Hinweise zu Schumpeter Joseph Alois Schumpeter wird am 8. Februar 1883 in der mährischen Stadt Trešt (Triesch) in der heutigen Tschechischen Republik (damals Habsburgerreich) geboren. 1887 folgt der Umzug nach Graz. Von 1893 bis 1901 besucht Schumpeter das Theresianum in Wien. Bis 1905 studiert Schumpeter Jura sowie Ökonomische Staatswissenschaft in Wien. Ein Jahr später folgt die Promotion zum Doktor der Rechte. Es folgen ein Studienaufenthalt in Gustav Schmollers Staatswissenschaftlichen Seminar in Berlin sowie an der London School of Economics. Nach seiner Heirat Ende 1907 geht Schumpeter als Anwalt nach Kairo. Im Jahr 1909 habilitiert sich Schumpeter in Wien und wird anschließend Professor für politische Ökonomie an der Universität Czernowitz. Im Jahr 1911 erscheint mit der „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ eines seiner bedeutsamsten Werke. Ab 1911 ist Schumpeter Professor in Graz mit Forschungsaufenthalten in den Jahren 1913 und 1914 an der 369 Flassbeck (2009), S. 26 370 vgl.: Mayer, T.: “I´m an Austrian in economics”, Deutsche Bank Research, Frankfurt: 2011, S. 2 371 vgl.McCraw, S. 96 372 vgl. McCraw, T.: Joseph A. Schumpeter. Eine Biographie. Übersetzt von Gerstner und Hein, Hamburg: 2008, S. 9 373 vgl. McCraw, S. 15
Seite 78 Columbia University in New York. Ab dem Jahr 1917 übernimmt er politische Aufgaben, unter anderem im Jahr 1919 für sieben Monate als Staatssekretär für Finanzen der Republik Deutsch-Österreich. In den Jahren 1921 bis 1925 ist Schumpeter Präsident der M. L. Biedermann & Co Bankaktiengesellschaft. Doch 1924 gerät die Bank in den Sog der Wiener Bankenkrise. Schumpeters Ausflug in die Privatwirtschaft endet, er ist hoch verschuldet. Im Jahr 1925 kehrt Schumpeter zurück in die Wissenschaft und nimmt einen Ruf der Universität Bonn an, wo er bis 1932 lehrt, allerdings mit Unterbrechungen durch einige Forschungsaufenthalte an der Harvard University und einer Vortragsreise nach Japan. 1932 wechselt Schumpeter endgültig nach Harvard, wo ihm im Jahr 1935 die George-BakerProfessur übertragen wird. Schumpeter wird in den Folgejahren Vizepräsident und dann Präsident der Econometric Society. 1942 erscheint sein wohl bedeutendstes Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ (zunächst auf Englisch). Im Jahr 1948 wird Schumpeter Präsident der American Economic Association, nachdem er bereits im Jahr 1939 die US-Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Schumpeter stirbt am 10. Januar 1950 infolge eines Gehirnschlags.374 374 vgl.für dieses Unterkapitel: http://www.schumpeter.info/biogra~1.htm (Stand: 20. März 2011)
Seite 79 3.2 Schumpeters Forschungsansatz Schumpeter hatte offenbar nicht das Bedürfnis, ein vollendetes in sich geschlossenes Theoriegebäude zu schaffen. In seiner Bonner Abschiedsrede im Jahr 1932 sagte er vor seinen Studenten: „Ich wünsche nie, Abschließendes zu sagen. Wenn ich eine Funktion habe, dann die, Türen nicht zusondern aufzumachen, und niemals habe ich das Bestreben gehabt, so etwas zustande zu bringen wie eine Schumpeterschule. Es gibt sie nicht, und es soll sie nicht geben, sondern ich will nur, wie es mir die Stunde zuführt, Anregungen geben – gute, wenn es geht, und schlechte, wenn es nicht anders geht.“375 Wie in Bonn, so scharte Schumpeter auch in Harvard, wo er ab dem Jahr 1932 lehrte und forschte, einen illustren Kreis von begeisterten post-graduate Studenten und jungen Wissenschaftlern um sich, unter anderem die späteren Nobelpreisträger Paul Samuelson, Wassily Leontief und James Tobin, aber auch „linke“ Ökonomen wie Paul Sweezy oder Richard Goodwin.376 Dabei war Schumpeter selbst – wie Seifert betont – ein erklärter Gegner der Politik von Präsident Franklin D. Roosevelt.377 Obwohl Schumpeters Werke überwiegend ökonomische Titel tragen und er an der Harvard University im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft lehrte, kann er nicht nur als Ökonom gesehen werden. Er übernahm Max Webers Konzept der „Sozialökonomik“, die bei Schumpeter vier Fundamente umfasste: Wirtschaftsgeschichte, Statistik, Theorie und Wirtschaftssoziologie.378 Schumpeter selbst sah dabei die Wirtschaftsgeschichte als am bedeutsamsten an.379 Schumpeter hat sich vor allem am Ende seines Lebens darum bemüht, anhand eines breiten geschichtlichen Verständnisses, das über die Wirtschaftsgeschichte hinausgeht, die verschiedenen Zweige der Sozialwissenschaften zu verbinden. Gegen Ende seines Lebens schrieb er: „Der geschichtliche Überblick darf nicht auf rein wirtschaftliche Fakten beschränkt bleiben, sondern muss unbedingt auch ‚institutionelle’ Fakten widerspiegeln, die nicht rein wirtschaftlicher Natur sind; damit erschließt er den besten Weg zum Verständnis dafür, wie wirtschaftliche und nichtwirtschaftliche 375 Schumpeter, A.: Bonner Abschiedsrede 1932, zitiert nach: Seifert, E.: Einführung. Joseph Alois Schumpeter: Zu Person und Werk, in: Schumpeter, J.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 8. Auflage, Tübingen: 2005, S. 13 376 vgl. Seifert, in: Schumpeter (2005), S. 11 377 vgl. Seifert, in: Schumpeter (2005), S. 10 378 vgl. Seifert, in: Schumpeter (2005), S. 13 379 vgl. Seifert, in: Schumpeter (2005), S. 13
Seite 86 Schumpeters geldpolitisches Konzept zu sehen, vor allem die Fähigkeit der Banken, Kredite zu schöpfen: „Die zum Beginn einer Unternehmung erforderlichen Mittel werden typischerweise dadurch beschafft, daß man anderer Leute Sparguthaben (ihr Vorhandensein in vielen kleinen Pfützen ist leicht zu erklären) oder die Depositen, welche die Banken für den Gebrauch dieses Möchtegernunternehmers schöpfen, entleiht.“411 Die Ansätze der Geldordnung, die Schumpeter vertritt, sollen im folgenden Kapitel tiefer erörtert werden. Zunächst soll weiter dargelegt werden, weshalb Schumpeter trotz seiner Prognose, dass der Sozialismus den Kapitalismus ablösen werde, nicht als typischer Sozialist gesehen werden sollte. So zeigte er zum Beispiel wenig Sympathien für die Einteilung der Bevölkerung in Klassen. Deutlich macht dies ein weiteres Zitat: „Die wasserdichte Scheidung zwischen Menschen, die (zusammen mit ihren Nachkommen) ein für allemal als Kapitalisten gelten, und anderen, die (zusammen mit ihren Nachkommen) ein für allemal als Proletarier gelten, ist nicht nur, wie schon oft gezeigt wurde, äußerst wirklichkeitsfremd, sondern übersieht den springenden Punkt in bezug auf die sozialen Klassen, – den unaufhörlichen Aufstieg und Niedergang einzelner Familien in die obere Sphäre hinein und aus ihr heraus.“412 Schumpeter argumentiert hier ganz ähnlich wie Hayek. Hayek bekundet zwar, dass eine Gesellschaft ohne großen Gegensätze zwischen Arm und Reich besser sei, als eine mit großen Diskrepanzen in der Einkommensund Vermögensverteilung. Aber er sieht es nicht als Aufgabe des Staates – und das ist durchaus eine Parallele zu Schumpeter – durch einen Eingriff, also die Ausübung von Zwang, für eine materielle Gleichstellung zu sorgen.413 Hayek beschreibt den Aufstieg von Familien in die Elite der Gesellschaft nicht nur, er lobt ihn sogar explizit: „Warum sollte man glauben, daß erwünschte Eigenschaften eines Menschen für die Gesellschaft weniger wertvoll sind, wenn sie das Ergebnis der Familientradition sind, als wenn er sie ohne solche Hilfe erworben hätte? Es gibt sogar gute Gründe, anzunehmen, daß es sozial wertvolle Eigenschaften gibt, die nur selten in einer einzigen Generation erworben werden, sondern sich gewöhnlich nur durch fortgesetzte Bemühungen von zwei oder drei Generationen herausbilden. Das bedeutet einfach, daß gewisse Bestandteile des kulturellen Erbguts einer Gesellschaft wirksamer durch die Familie übermittel werden. Wenn das zugegeben wird, wäre es unvernünftig zu leugnen, daß eine Gesellschaft es 411 Schumpeter (Kapitalismus), S. 35 412 Schumpeter (Kapitalismus), S. 39 413 vgl. Hayek, Verfassung, s. 113
Seite 87 eher zu einer besseren Elite bringen wird, wenn der Aufstieg nicht auf eine Generation beschränkt ist, die Einzelnen nicht absichtlich auf das gleiche Anfangsniveau gestellt werden und den Kindern die Möglichkeit genommen wird, die Vorteile einer besseren Erziehung und besserer materieller Verhältnisse zu genießen, die ihnen ihre Eltern bieten können.“414 Zwar weist Hayek damit den Klassengedanken nicht so ausdrücklich zurück wie Schumpeter. Aber im Grundsatz besteht doch Einigkeit bei Beiden, dass Aufstieg möglich ist, dass es also keine festen Klassen, in denen der Einzelne oder Familien für immer gefangen sind, gibt. Hayek schließt ja auch den Aufstieg eines Einzelnen innerhalb einer Generation in die gesellschaftliche Elite nicht aus. Ein Unterschied mag zwischen Hayek und Schumpeter darin bestehen, dass Schumpeter den gesellschaftlichen Abstieg und den Aufstieg gleich gewichtet, während Hayek lediglich den Aufstieg thematisiert. Entscheidend ist aber: Beide grenzen sich von sozialistischen und marxistischen Theorien fester Klassengesellschaften ab. Nicht nur dem Soziologen, sondern auch dem Nationalökonomen Marx gesteht Schumpeter durchaus richtige Analysen zu, billigt ihm gar „unter den Vätern der modernen Konjunkturforschung einen hohen Rang zu“415, etwa wenn er über Marx schreibt: „Er sagt sehr geschickt, daß 'die Oberflächlichkeit der politischen Ökonomie sich unter anderem darin zeigt, daß sie die Ausweitung und Einengung des Kredits, das bloße Symptom der Wechselperioden des industriellen Zyklus, zu deren Ursache macht'. […] All dies ist gesunder Menschenverstand und wirklich vernünftig. Wir finden praktisch alle Elemente, die je in einer ernsthaften Analyse der Konjunkturzyklen Eingang fanden, und im ganzen sehr wenig Irrtümer.“416 Doch entschieden tritt Schumpeter gegen die Prognose Marx ein, dass der Kapitalismus durch eine Revolution der verelendeten Massen sein Ende sehen werde. Auch dass eine solche Revolution in einer wirtschaftlichen Depression am besten durchzuführen sei, ist für Schumpeter ein Fehlschluss. Zwar widerspricht Schumpeter nicht der marxistischen Behauptung, dass es im Kapitalismus zu einer immer stärkeren wirtschaftlichen Konzentration kommt – seine diesbezüglichen Ausführungen werden noch dargestellt. Aber er stellt in Frage, dass dieser Konzentrationsprozess mit der „kapitalistischen Hülle“ nicht vereinbar ist. Marx Schlussfolgerungen folgten demnach nicht aus seinen Prämissen.417 Marx habe nicht bewiesen, dass die kapitalistische Wirtschaft aus rein wirtschaftlichen Gründen 414 Hayek, Verfassung, S. 115f 415 Schumpeter (Kapitalismus), S. 74 416 Schumpeter (Kapitalismus), S. 73 417 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 75f
Seite 88 unvermeidlich zusammenbrechen müsse, wenngleich er einige Faktoren des kapitalistischen Prozesses richtig beschrieben habe.418 Doch wenngleich er dem Marxismus Fehler in der Kausalkette zuweist, sei die finale Schlussfolgerung des Marxismus nicht falsch, nämlich dass die kapitalistische Wirtschaftsordnung untergehen werde: „Selbst wenn Marxens Tatsachen und Beweisführung noch irriger wären, als sie es sind, könnte nichtsdestoweniger sein Ergebnis insofern richtig sein, als es einfach versichert, daß die kapitalistische Entwicklung die Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft zerstören wird. Ich glaube, so ist es.“419 Einen Unterschied macht Schumpeter zwischen Marx und dem Marxismus. Eine sozialistische oder kommunistische Revolution, wie sie viele Marxisten fordern, sei bei Marx selbst so nicht zu finden, vielmehr der Glaube an eine Entwicklung hin zum Sozialismus. Schumpeter schreibt über Marx: „Die Evolution war für ihn die Mutter des Sozialismus. Er war viel zu sehr erfüllt von einem Gefühl der inhärenten Logik der sozialen Dinge, um zu glauben, daß die Revolution irgendeinen Teil des Werks der Evolution ersetzen könne. Die Revolution kommt dennoch. Aber sie kommt nur, um den Schlußsatz unter eine vollständige Reihe von Prämissen zu schreiben. Die Marxistische Revolution unterscheidet sich daher nach ihrer Natur und ihrer Aufgabe völlig von den Revolutionen sowohl der bourgeoiasen Radikalen als der sozialistischen Verschwörer. […] Sagt man, daß Marx von Phrasen entkleidet, eine Auslegung in konservativem Sinn zuläßt, so besagt dies nur, daß er ernst genommen werden kann.“420 Direkt anschließend an dieses Zitat findet sich, was Schumpeter mit einer konservativen Auslegung des Marxismus meint, nämlich den Glauben, dass der Kapitalismus nicht weiterleben kann.421 Bis heute findet sich diese Skepsis gegenüber dem Begriff Kapitalismus aber auch gegen die Funktionsweise des Kapitalismus vor allem in Kontinentaleuropa tief verwurzelt in der Bevölkerung, gerade auch in den bürgerlichen Schichten des Mittelstandes. Hier findet sich – wenngleich weitgehend unbewusst – eine konservative Auslegung der marxschen Lehre. Zwar lag Schumpeter mit seiner Prognose, dass der Kapitalismus noch im Lauf des 20. Jahrhunderts untergehen wird, falsch. Aber zu seiner Verteidigung ist anzumerken, dass er diese Prognose selbst für wenig bedeutend erachtete: 418 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 98 419 Schumpeter (Kapitalismus), S. 76 420 Schumpeter (Kapitalismus), S. 100f 421 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 105
Seite 89 „Was bei jedem Versuch einer sozialen Prognose zählt, ist nicht das Ja oder Nein, das die dazu führenden Tatsachen und Argumente zusammenfaßt, sondern diese Tatsachen und Argumente selbst. Diese enthalten alles, was am endgültigen Ergebnis wissenschaftlich ist. Alles andere ist nicht Wissenschaft, sondern Prophezeiung.“422 422 Schumpeter (Kapitalismus), S. 105
Seite 90 3.4.2 Die Funktionsweise des Kapitalismus Genau deshalb ist Schumpeter ein so überaus interessanter Ökonom. Er beschreibt die Funktionsweise des Kapitalismus, aber auch sein Versagen. Nicht alles muss man teilen. Aber Schumpeter steht repräsentativ für eine Kapitalismuskritik, der eben nicht der Wunsch nach gesellschaftlicher Egalität zugrunde liegt. Aus dem bisher gesagten kann vermutet werden, dass Schumpeters Gesellschaftsbild weniger freiheitlich-individualistisch war als das Euckens und erst recht als das Hayeks. Dieser Eindruck soll im Folgenden bestätigt werden, wenngleich Schumpeter eher als deskriptiver Analytiker auftritt denn als Kämpfer für eine bestimmte Gesellschaftsordnung, wie das beispielsweise bei Hayek der Fall war. Dies zeigt folgendes Zitat: „Die These, die ich zu begründen versuchen werde, ist die, daß die gegenwärtigen und künftigen Leistungen des kapitalistischen Systems dergestalt sind, daß sie die Vorstellung eines Zusammenbruchs unter dem Gewicht wirtschaftlicher Fehlschläge widerlegen und daß vielmehr gerade sein Erfolg die sozialen Einrichtungen, die es schützen, untergräbt und 'unvermeidlich' Bedingungen schafft, unter denen es nicht zu leben vermag und die nachdrücklich auf den Sozialismus als seinen gesetzmäßigen Erben deuten. Meine endgültige Folgerung unterscheidet sich deshalb nicht von jenen der meisten sozialistischen Schriftsteller und namentlich nicht von jener aller Marxisten, so anders auch meine Begründung ist. Um sie jedoch anzunehmen, braucht man kein Sozialist zu sein. Die Prognose enthält nichts über die Wünschbarkeit des Laufs der Dinge, die sie voraussagt. Wenn ein Arzt voraussagt, daß sein Patient demnächst sterben wird, bedeutet das nicht, daß er es wünscht. Man kann den Sozialismus hassen oder ihn zum mindesten mit kühler Kritik betrachten und doch seinen Aufstieg voraussehen. Viele Konservative haben dies getan und tun es heute.“423 Es wäre also grundfalsch, Schumpeter als überzeugten Sozialisten zu sehen. Er selbst zeigt keine philosophische Präferenz für den Sozialismus. Trotzdem: Seine Erklärungen, wie dieser Sozialismus funktionieren könne, seine Ablehnung einer Interdependenz der Ordnungen wie sie Eucken formulierte, zeigen, dass seine liberalen Überzeugen eben nicht so stark ausgeprägt waren wie bei den Freiburgern oder wie bei Hayek. Anders als diese hat sich Schumpeter nicht einer normativen Sache verschrieben, hat nicht leidenschaftlich für einen bestimmten Freiheitsbegriff geworben, sondern lediglich aus einem deskriptiven Ansatz Zukunftsszenarien entworfen. Selbst wenn er dabei nicht der Überzeugung war, dass 423 Schumpeter (Kapitalismus), S. 106
Seite 91 die von ihm prognostizierte Entwicklung wünschenswert sei, hat er sie dennoch im Gegensatz zu anderen liberalen Protagonisten als erträglich skizziert. Man kann also durchaus zu dem Urteil gelangen, dass Schumpeter den Sozialismus nicht so kategorisch abgelehnt hat, wie dies Eucken, Hayek oder auch Friedman taten. Dass Schumpeter das Funktionieren eines demokratischen Sozialismus nicht aus normativen Überzeugungen propagierte, zeigt sich daran, dass er selbst von einer interventionistischen Wirtschaftspolitik nicht begeistert war. So hat seiner Ansicht nach zum Beispiel die Politik des New Deal in den USA die konjunkturelle Erholung verzögert und nicht beschleunigt.424 Nach Schumpeters Auffassung hat „der kapitalistische Prozeß progressiv den Lebensstandard der Massen erhöht, und zwar nicht durch bloßen Zufall, sondern kraft seines Mechanismus“.425 Dieser Mechanismus ist für Schumpeter ein völlig anderer als in der neoklassischen Nationalökonomik, wo der Fall der vollkommenen Konkurrenz dazu führt, dass das Gewinnstreben der Produzenten zu einer maximalen Ausweitung der Produktion bis kurz vor die Verlustgrenze führt. Hier ist ein klarer Widerspruch Schumpeters zu Eucken zu erkennen, der wie beschrieben einen theoretischen Zustand vollständiger Konkurrenz oder zumindest die Bedingungen dieses Zustands als für die Wirtschaftspolitik wichtigstes anzustrebendes Ziel sah. Schumpeter sieht das völlig anders: „Weder Marshall noch Wicksell noch die Klassiker sahen, daß vollkommene Konkurrenz die Ausnahme bildet, und daß selbst wenn sie die Regel wäre, sehr viel weniger Grund sich zu beglückwünschen bestünde, als man vielleicht annimmt.“426 Dem Konzept der vollständigen Konkurrenz setzt Schumpeter das von Chamberlin und Robinson in der Zwischenkriegszeit entwickelte Konzept der monopolistischen Konkurrenz entgegen.427 Dieses charakterisiert er dadurch, dass die Anbieter der Produkte versuchen, sich durch Produktdifferenzierung und Werbung eine kleine Monopolstellung auf dem Markt für ihre Erzeugnisse zu verschaffen. In sämtlichen Fällen von monopolistischer Konkurrenz oder auch von Oligopolstrukturen herrsche nur selten ein Gleichgewichtsfall, wenngleich es in der Theorie solche Situationen gebe. Entscheidend dabei: „Unter den erwähnten Bedingungen garantiert das Gleichgewicht, selbst wenn es am Ende auf eine äußerst kostspielige Methode erreicht wird, nun nicht mehr Vollbeschäftigung oder maximale Produktion im Sinne der Theorie der 424 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 109f 425 Schumpeter (Kapitalismus), S. 115 426 Schumpeter (Kapitalismus), S. 130 427 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 131; Verweis auf E.S. Chamberlins Werk „Theory of Monopolistic Competition“ und Joan Robinisons Werk „The Economics of Imperfect Competition“
Seite 92 vollkommenen Konkurrenz. Es kann existieren ohne Vollbeschäftigung. Es muss, so scheint es, existieren bei einem Produktionsstand unterhalb der Maximalgrenze, weil die profiterhaltende Strategie, die unter den Bedingungen der vollkommenen Konkurrenz unmöglich ist, nun nicht nur möglich wird, sondern sich selbst aufdrängt.“428 Damit vertritt Schumpeter die Keynessche Idee eines volkswirtschaftlichen Gleichgewichts mit unfreiwilliger Arbeitslosigkeit. Wie jedoch noch gezeigt wird, zieht er daraus völlig andere Schlüsse. Er grenzt sich also sowohl von den Ideen Euckens als auch von denen Keynes ab. Zunächst bleibt er bei der Frage, welche Rolle Monopole und Oligopole in der wirtschaftlichen Entwicklung spielen und kommt dabei zu dem Schluss, dass die Großunternehmen mehr zur Erhöhung des Lebensstandards der breiten Massen beigetragen haben als dazu, ihn niedrig zu halten.429 In seiner Ablehnung des Euckenschen bzw. neoklassischen Konzepts ist dabei seine Verwurzelung in der Österreichischen Schule zu finden. Auch dort wird, wie gezeigt wurde, dieses Konzept abgelehnt. Entscheidend ist dort vielmehr, dass es keine staatlichen Regulierungen gibt, die verhindern, dass neue Spieler auf die Märkte treten. Ausreichend ist auch bei Schumpeter, dass es potenzielle Konkurrenz gibt, also eine ständige Bedrohung der bestehenden Produktionsstruktur durch mögliche andere Anbieter.430 Es geht bei beiden – Österreichern wie Schumpeter – darum, dass der Kapitalismus ein dynamisches Konzept ist. Schumpeter lehnt also wie die Österreicher und Hayek die komparativ-statischen Modelle, mit denen die Neoklassiker versuchen das marktwirtschaftliche System zu beschreiben, als zentrales Erklärungsmuster ab. Typische Beispiele für solche Gleichgewichtsmodelle sind die einfachen mikroökonomischen Diagramme, bei denen die Präferenzen der Konsumenten und Produzenten gegeben sind und dann ein Schnittpunkt von Angebotsund Nachfragekurve ermittelt wird, der – unter der Annahme vollständigen Wettbewerbs – den Gleichgewichtspreis ergibt. Dieser Preis verändert sich nur durch externe Schocks wie eine exogen gegebene Veränderung der Präferenzen der Konsumenten. Dann verschiebt sich die zum Beispiel die Nachfragekurve, es ergibt sich ein neuer Schnittpunkt für den Gleichgewichtspreis. Verglichen werden bei dieser Methode also lediglich die Endzustände, aber nicht der (dynamische) Übergang. Dies wäre wesentlich komplizierter darzustellen. Doch mit dieser Vereinfachung ignorieren die Neoklassiker genau das, was für den österreichischen Forschungsansatz so zentral ist, nämlich den dynamischen Suchprozess 428 Schumpeter (Kapitalismus), S. 132f 429 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 135 430 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 140
Seite 93 des Marktes. Folgendes Zitat Schumpeters zeigt, dass Schumpeter ähnlich wie die Österreicher und Hayek in ihren Grundüberlegungen nicht davon ausgingen, dass komperativ-statische Modele das marktwirtschaftliche System zutreffend beschreiben: „Der Kapitalismus ist also von Natur aus eine Form oder Methode der ökonomischen Veränderung und ist nicht nur nie stationär, sondern kann es auch nie sein. Dieser evolutionäre Charakter des kapitalistischen Prozesses ist nicht einfach der Tatsache zuzuschreiben, daß das Wirtschaftsleben in einem gesellschaftlichen und natürlichen Milieu vor sich geht, das sich verändert und durch seine Veränderung die Daten der wirtschaftlichen Tätigkeit ändert; diese Tatsache ist zwar wichtig und diese Veränderungen (Kriege, Revolutionen usw.) bedingen oft auch Veränderung der Industrie; sie sind aber nicht ihre primäre Triebkraft. Auch ist dieser evolutionäre Charakter nicht einer quasiautomatischen Bevölkerungsund Kapitalzunahme oder den Launen des Geldsystems zuzuschreiben, von denen genau das gleiche gilt. Der fundamentale Antrieb, der die kapitalistische Maschine in Bewegung setzt und hält, kommt von den neuen Konsumgütern, den neuen Produktionsoder Transportmethoden, den neuen Märkten, den neuen Formen der industriellen Organisation, welche die kapitalistische Unternehmung schafft. […] Die Eröffnung neuer, fremder oder einheimischer Märkte und die organisatorische Entwicklung vom Handwerksbetrieb und der Fabrik zu solchen Konzernen wie dem U.S.-Steel illustrieren den gleichen Prozeß einer industriellen Mutation – wenn ich diesen biologischen Ausdruck verwenden darf – , der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft. Dieser Prozeß der 'schöpferischen Zerstörung' ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum.“431 Schumpeter kritisiert, dass viele Ökonomen nur das Problem betrachten, wie der Kapitalismus mit bestehenden Strukturen umgeht, das wirklich relevante Problem aber darin bestehe, wie er diese Strukturen schaffe und zerstöre:432 „Alte Konzerne und eingesessene Industrien leben, ob sie nun unmittelbar angegriffen werden oder nicht, immer noch im ewigen Sturm. Im Prozeß der schöpferischen Zerstörung entstehen Situationen, in welchen manche Firmen 431 Schumpeter (Kapitalismus), S. 136ff 432 Schumpeter (Kapitalismus), S. 138f
Seite 94 untergehen müssen, die durchaus kräftig und nützlich hätten weiterbestehen können, wenn sie einem besonderen Sturmwind hätten trotzen können.“433 Diese Bemerkungen über den Forschungsansatz der neoklassischen Ökonomik dienen Schumpeter dazu, das Modell der vollständigen Konkurrenz, bei dem der Schnittpunkt von Angebotsund Nachfragekurve bestimmt, welche Menge eines Guts zu welchem Preis produziert wird und bei dem im besten Fall kein Anbieter eine Zusatzrente einfahren kann, grundsätzlich anzugreifen. Die vollständige Konkurrenz ist für Schumpeter weder wünschenswert noch realistisch. Er sieht gerade in der Großunternehmung und in monopolistischen Unternehmen Vorteile. Hierin zeigt sich auf den ersten Blick eine Nähe zu Hayek, der das Konzept der vollständigen Konkurrenz ja ebenfalls zurückgewiesen hat. Allerdings teilt Hayek nicht Schumpeters nahezu begeisterte Sicht auf Monopole. Aus Hayeks Sicht sind Monopole nicht wünschenswert, allerdings nur in dem Sinn, in dem generell die Knappheit nicht wünschenswert ist. Obwohl also beides unerwünscht sei – Monopole wie Knappheit – sei beides nicht einfach zu vermeiden, so Hayek.434 Zunächst scheint es also so, als ob Schumpeter libertärer auftritt als Eucken und näher bei Hayek steht. Doch es gibt einen fundamentalen Unterschied zu Hayek: Schumpeter argumentiert nicht aus einer freiheitlichen Ideologie heraus, sondern aus Effizienzgründen. Deshalb nimmt er auch keine saubere Trennung zwischen Staat und Privatwirtschaft vor, etwa wenn er schreibt: „Schließlich: es hat ja gewiss keinen Sinn, daß man eine veraltete Industrie auf unbestimmte Zeit hinaus zu erhalten sucht; es hat jedoch einen Sinn, daß man ihren plötzlichen Zusammenbruch zu vermeiden und eine wilde Flucht, die zum Ausgangspunkt kumulativer, depressiver Wirkungen werden kann, in einen geordneten Rückzug zu verwandeln sucht. Entsprechenderweise gibt es im Fall von Industrien, die sich ihre Hörner abgelaufen haben, doch noch immer an Boden gewinnen und nicht an Boden verlieren, auch so etwas wie einen geordneten Vormarsch.“435 Wer hier nun für einen geordneten Rückzug oder Vormarsch sorgen soll, ist nicht ganz klar. In einer Fußnote verweist Schumpeter auf die Autound Kunstseidenindustrie nach dem Ersten Weltkrieg. In der Autoindustrie seien nach einer Vielzahl von Unternehmen zu Beginn des Aufschwungs in diesen Branchen ab Mitte der 1920er Jahre drei Konzerne entstanden, auf die 80 Prozent des Gesamtabsatzes entfielen und die sich keinesfalls einen erbitterten Konkurrenzkampf lieferten. Schumpeter bezweifelt, ob im Fall einer Situation vollständiger 433 Schumpeter (Kapitalismus), S. 148 434 Vgl. Hayek, Verfassung, S. 360 435 Schumpeter (Kapitalismus), S. 148
Seite 95 Konkurrenz den Konsumenten bessere und billigere Autos angeboten oder den Arbeitern höhere Löhne gezahlt worden wären.436 In diesem Beispiel haben also die Konzerne in einer kartellähnlichen Kollusion für einen geordneten Vormarsch gesorgt. Noch viel deutlicher sei eine solche Form restriktiver Politik bei der Kunstseidenindustrie zu beobachten gewesen.437 Damit liegt für Schumpeter bereits in der Organisation des kapitalistischen Prozesse eine Form von Konjunkturglättung, die Keynes, wie noch gezeigt wird, dem Staat zuordnet. Obgleich Schumpeter also nicht aus einem Freiheitsargument heraus für einen Ordnungsrahmen plädiert, der im Euckenschen Sinn die Marktwirtschaft stärkt, sondern aus Effizienzgründen, greift er zunächst nicht auf den Staat zurück. Allerdings zeigt er sich gegenüber dem Marktprozess weniger positiv voreingenommen als Hayek, und sieht staatliche Eingriffe als nicht generell abzulehnen an, wenn er schreibt: „Es ist sicher ebenso denkbar, daß ein allumfassendes Kartellsystem jeglichen Fortschritt sabotiert, wie auch, daß es mit geringeren sozialen und privaten Kosten all das verwirklicht, was von der vollkommenen Konkurrenz erwartet wird. Darum läuft auch unser Argument nicht auf eine Anklage gegen die staatliche Regulierung hinaus. Es zeigt jedoch, daß es keine allgemeine Verteidigung für das unterschiedslose 'Sprengen von Trusts' oder für die Verfolgung von allem gibt, was unter 'Einschränkung der freien Konkurrenz' fällt.“438 Schumpeters Effizienzargument für monopolistische Strukturen geht sogar soweit, dass er bestehende Marktordnungen, die stark dezentralisiert sind, kritisiert: „Letzten Endes sind die amerikanische Landwirtschaft, der englische Kohlebergbau und die englische Textilindustrie für den Konsumenten viel kostspieliger und beeinflussen die Gesamtproduktion viel nachhaltiger, als sie es täten, wenn jede von einem Dutzend heller Köpfe kontrolliert würde.“439 Mit dieser Aussage nun offenbart sich Schumpeter. Er würde eine Wirtschaftsordnung akzeptieren, die staatlicher bzw. kollektivistischer geprägt ist als Hayek oder Eucken erträglich fänden. Denn er traut es einigen wenigen „hellen Köpfen“ zu, ganze Wirtschaftszweige zu steuern. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu Eucken und Hayek. Bei Eucken ergibt sich das bereits aus seinem Plädoyer für die vollständige Konkurrenz. Bei Hayek zeigt sich der Widerspruch darin, dass Hayek für dezentrale Entscheidungen eintrat, eben weil es eine Anmaßung von Wissen ist, wenn wenige die Planung übernehmen. Hayek hätte wohl nie kritisiert, dass eine dezentrale Steuerung der Landwirtschaft Ressourcenverschwendung ist. 436 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 148f 437 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 149 438 Schumpeter (Kapitalismus), S. 150 439 Schumpeter (Kapitalismus), S. 174
Seite 102 vermindert, die schützenden Schichten und Institutionen zerbricht und eine Atmosphäre der Feindseligkeit schafft, zersetzt somit auch von innen heraus die treibenden Kräfte des Kapitalismus. Dies zeigt in einzigartiger Weise, daß die kapitalistische Ordnung nicht nur auf Pfeilern ruht, die aus außerkapitalistischem Material bestehen, sondern daß sie auch ihre Energie aus außerkapitalistischen Mustern des Verhaltens bezieht, die sie zu gleicher Zeit zerstören muß. Wir haben wiederentdeckt, was von anderen Gesichtspunkten aus und – so glaube ich – mit unzulänglicher Begründung früher schon oft entdeckt worden ist: dem kapitalistischen System wohnt eine Tendenz zur Selbstzerstörung inne, die in ihren ersten Stadien sich sehr wohl in der Form einer Tendenz zur Verlangsamung des Fortschritts äußern kann.“462 Was aber folgt auf den Kapitalismus, wenn dieser seinen Selbstzerstörungsprozess vollendet hat? 462 Schumpeter (Kapitalismus), S. 261
Seite 103 3.4.4 Der Sozialismus kann funktionieren Für Schumpeter besteht unzweifelhaft die Perspektive eines funktionierenden Sozialismus, der den Kapitalismus ablöst: „Kann der Sozialismus funktionieren? Selbstverständlich kann er es. Kein Zweifel ist darüber möglich, wenn wir einmal annehmen, daß erstens die erforderliche Stufe der industriellen Entwicklung erreicht ist und daß zweitens Übergangsprobleme erfolgreich gelöst werden können.“463 Um diese Überzeugung zu begründen, unterscheidet Schumpeter zwei Typen von Gesellschaftsformen: die „kommerzielle“ und die „sozialistische“.464 Erstere definiert er als ein institutionelles System mit zwei wesentlichen Elementen: Privateigentum an den Produktionsmitteln und die Koordination des Produktionsprozesses durch private Verträge.465 Eine solche soziale Ordnung sei nicht ausschließlich bürgerlich, weil das Bürgertum in der Regel nicht fähig sei, ohne Symbiose mit einer nicht-bürgerlichen Schicht zu existieren.466 Entscheidend für diese Arbeit ist aber ein anderer bedeutender Unterschied, den Schumpeter macht: Er differenziert zwischen der kommerziellen und der kapitalistischen Gesellschaft: „Auch ist 'kommerzielle Gesellschaft' nicht identisch mit 'kapitalistischer Gesellschaft'. Die letztere, ein Spezialfall der ersteren, wird zusätzlich durch das Phänomen der Kreditschöpfung definiert, – durch die für so manche hervorstechenden Züge des modernen Wirtschaftslebens verantwortliche Praxis, Unternehmungen durch Bankkredite zu finanzieren, das heißt durch Geld (Noten oder Depositen), das für diesen Zweck fabriziert wurde.“467 Damit ist bereits ein wichtiger Hinweis auf das folgende Kapitel gegeben, in dem das geldpolitische Konzept Schumpeters dargestellt wird. Vorweg sei genommen: Im Gegensatz zu Eucken und Hayek sieht Schumpeter die Geldschöpfung der Banken für das Wachstum und die Entwicklung der Wirtschaft als wesentlich an. Weniger bedeutend ist die Unterscheidung zwischen kommerzieller und kapitalistischer Gesellschaft für die weitere Beurteilung von Schumpeters Gesellschaftsbild. Er selbst weist darauf hin, dass kommerzielle Gesellschaften in der Praxis immer kapitalistisch sind.468 Entscheidend ist also der Unterschied zwischen kommerzieller oder kapitalistischer Gesellschaft einerseits und sozialistischer Gesellschaft andererseits. Eine sozialistische 463 Schumpeter (Kapitalismus), S. 267 464 vgl Schumpeter (Kapitalismus), S. 267 465 vgl Schumpeter (Kapitalismus), S. 267 466 vgl Schumpeter (Kapitalismus), S. 267 467 Schumpeter (Kapitalismus), S. 267f 468 vgl Schumpeter (Kapitalismus), S. 268
Seite 104 Gesellschaft definiert Schumpeter als ein institutionelles System, in dem die Kontrolle über die Produktionsmittel sowie die Produktion selbst bei einer Zentralbehörde liegen, in dem also die wirtschaftlichen Entscheidungen der Gesellschaft in die öffentliche und nicht in die private Sphäre gehören.469 Mit dem kapitalistischen Produktionssystem wird demnach auch der traditionelle Staat verschwinden: „Der Staat, das Produkt der Zusammenstöße und Kompromisse zwischen Feudalherren und Bourgeoisie, wird einen Teil der Asche bilden, aus der der sozialistische Phoenix entstehen wird. Darum habe ich ihn nicht in meiner Definition des Sozialismus verwendet. Selbstverständlich kann der Sozialismus durch einen Akt des Staates einsetzen. Soweit ich sehe, bietet es aber keine Schwierigkeit, wenn man sagt, daß der Staat in diesem Akt stirbt, – wie dies von Marx gezeigt und von Lenin wiederholt worden ist.“470 Vielleicht zeigt sich hierin der deutlichste Unterschied des Österreichers Schumpeter zur Österreichischen Schule der Nationalökonomie, aber auch zum Freiburger Ordoliberalismus. Wenn Hayek und Eucken für klare Aufgaben des Staates plädieren, ihn oberhalb der Wirtschaft sehen, ist Schumpeter bereit, ihn aufzugeben. Es geht dabei aber nicht nur um die Rolle des Staates in der Wirtschaft. Schumpeter ist sich völlig bewusst, dass es um die gesamte soziale Sphäre menschlichen Lebens geht. So wie er selbst den Kapitalismus in einen größeren kulturellen Zusammenhang gestellt hat, so sei dies auch mit dem Sozialismus zu tun, wobei Schumpeter zugesteht, dass dies bis auf einige „Langweiler“ auch die meisten Sozialisten getan hätten:471 „Wir wollen uns vielmehr eingedenk bleiben, daß der Sozialismus nach höheren Zielen als vollen Bäuchen strebt, genauso wie das Christentum mehr bedeutet als die reichlich hedonistischen Werte des Himmels und der Hölle. In allererster Linie bedeutet der Sozialismus eine neue kulturelle Welt. Um derentwillen kann man begreiflicherweise ein glühender Sozialist sein, selbst wenn man glaubt, daß die sozialistische Ordnung hinsichtlich der wirtschaftlichen Leistung wahrscheinlich unterlegen sein wird. Deshalb kann ein noch so glückliches reinökonomisches Argument dafür oder dawider niemals entscheidend sein.“472 Doch für die Frage, ob der Sozialismus am Ende funktionieren kann, nimmt Schumpeter dennoch zunächst eine ökonomische Analyse vor. Er verwendet dabei Begriffe, die aus der marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung bekannt sind, schreibt beispielsweise von „Preisen“ 469 vgl Schumpeter (Kapitalismus), S. 268 470 Schumpeter (Kapitalismus), S. 271 471 vgl Schumpeter (Kapitalismus), S. 271f 472 Schumpeter (Kapitalismus), S. 272
Seite 105 und „Kosten“.473 Schumpeter verweist aber darauf, dass dies keine Termini sind, auf die der Kapitalismus einen alleinigen Anspruch habe: „Die Ursache jener Familienähnlichkeit ist unterdessen auch ohnehin deutlich sichtbar geworden: unser Sozialismus borgt nichts vom Kapitalismus, aber der Kapitalismus borgt vieles von der durchaus allgemeinen Logik der Wahl.“474 Um zu verstehen, wie sich aus dem Kapitalismus der Sozialismus entwickeln kann, ist wichtig, sich noch einmal Schumpeters grundsätzliches Bild des Kapitalismus vor Augen zu führen. Im Gegensatz zu Eucken verwirft Schumpeter den Gedanken der vollkommenen Konkurrenz. Er ist der Auffassung, dass der Kapitalismus seine volle Leistungsfähigkeit erst durch „Riesenunternehmungen“ entfalten konnte.475 Es ist also gerade die Verminderung von Wettbewerb, die bei Schumpeter den Erfolg des Kapitalismus bewirkt. Die Kritik vieler Sozialisten, dass die Marktwirtschaft nicht funktioniere, weil sie eine Tendenz zur Konzentration wirtschaftlicher Macht in sich habe und damit den Wettbewerb ausschalte, womit wiederum ihr wesentlicher Vorteil verlorengehe, dreht Schumpeter ins Gegenteil. Gerade diese Tendenz der Monopolisierung ist ein Vorteil!476 Insofern ist der Übergang zum Sozialismus also keine Umkehr des kapitalistischen Prozesses. Schumpeter verweist lediglich auf Effizienzgewinne durch den Übergang. So führe im Kapitalismus ein Konjunktureinbruch in einer Branche (zum Beispiel in Form von Überschusskapazitäten, die abgebaut werden oder durch wetterbedingte Produktionseinbrüche in der Landwirtschaft), zu einer Ansteckung in anderen Branchen. Der Sozialismus könne solche Konjunkturwellen beseitigen, ist Schumpeter überzeugt.477 Den Übergang zum Sozialismus sieht Schumpeter deshalb als Möglichkeit des Fortschritts an: „Und der Gesamtinhalt unseres Arguments kann in einer Nußschale Platz finden, wenn man sagt: die Sozialisierung bedeutet einen Schritt über die Großunternehmung hinaus auf dem Weg, der durch diese vorgezeichnet worden ist; oder, was auf das gleiche herauskommt: die sozialistische Leitung wird sich vermutlich dem Kapitalismus der Großunternehmung ebenso überlegen erweisen, wie der Kapitalismus der Großunternehmung sich jener Art von Konkurrenzkapitalismus überlegen gezeigt hat, dessen Prototyp die englische Industrie vor gut hundert Jahren war. Es ist sehr wohl möglich, daß künftige Generationen auf Beweise der Unterlegenheit des sozialistischen Planes ebenso 473 vgl Schumpeter (Kapitalismus), S. 289 474 Schumpeter (Kapitalismus), S. 291 475 vgl Schumpeter (Kapitalismus), S. 302 476 vgl Schumpeter (Kapitalismus), S. 310 477 vgl Schumpeter (Kapitalismus), S. 310-312
Seite 106 herabsehen werden, wie wir auf Adam Smith's Argumente gegen die Aktiengesellschaften herabsehen, die – auch sie – nicht einfach falsch waren.“478 Die nach Schumpeters Ansicht überlegene ökonomische Effizienz des Sozialismus soll anhand eines weiteren Zitats belegt werden, in dem Schumpeter auf unnötige Kosten in einer Marktwirtschaft eingeht: „Ein Element dieser Kosten sollte besonders erwähnt werden. Es besteht darin, daß viele Begabungen für reiche Schutz-Tätigkeiten absorbiert werden. Ein beträchtlicher Teil der gesamten Arbeit der Anwälte geht im Kampf der Geschäftswelt gegen den Staat und seine Organe auf. Es ist unwesentlich, ob wir dies eine verwerfliche Obstruktion gegen das Gemeinwohl oder eine Verteidigung des Gemeinwohls gegen jene verwerfliche Obstruktion nennen. Jedenfalls bleibt die Tatsache bestehen, daß in einer sozialistischen Gesellschaft weder Bedürfnis noch Raum für diesen Teil der juristischen Tätigkeit vorhanden wäre. Die resultierende Ersparnis wird durch die Honorare der auf diesem Gebiet arbeitenden Advokaten nur unzulänglich ausgedrückt. Das ist unbeträchtlich. Nicht unbeträchtlich ist jedoch der soziale Verlust aus solch unproduktiver Beschäftigung vieler der besten Köpfe. Bedenkt man, wie fürchterlich selten gute Köpfe sind, so könnte ihre Überführung in andere Beschäftigungen von mehr als infinitesimaler Bedeutung sein.“479 Wichtig für Schumpeters Sozialismus: Er will anders als die Marxisten keine Umerziehung des Menschen. Statt dessen attackiert er jene Sozialisten, die in der Tradition Rousseaus stehen.480 Diesen erachtet Schumpeter als nicht mehr zeitgemäß. Statt dessen lobt er die bürgerlichen Tugenden: „Denn jeder zivilisierte Sozialist, der etwas auf sich hält und von ernsten Leuten ernst genommen werden will, wird manche Tatsachen in bezug auf die Qualität und die Leistungen der bürgerlichen Schicht zugeben, die mit einer derartigen Lehre unvereinbar sind, und wird des weiteren argumentieren, daß die oberen Schichten überhaupt nicht geopfert, sondern im Gegenteil von den Fesseln des Systems befreit werden sollen, welches sie moralisch nicht weniger unterdrückt, als es die Massen wirtschaftlich unterdrückt. Von diesem Standpunkt aus, der mit der Lehre von Karl Marx übereinstimmt, ist der Weg nicht allzu weit zur Folgerung, daß eine Mitarbeit der bürgerlichen Elemente recht entscheidend für den Erfolg oder Mißerfolg der sozialistischen Ordnung sein könnte.“481 478 Schumpeter (Kapitalismus), S. 313 479 Schumpeter (Kapitalismus), S. 316f 480 vgl Schumpeter (Kapitalismus), S. 323 481 Schumpeter (Kapitalismus), S. 325f
Seite 107 Es ist die bereits erwähnte Rolle der Bürokraten, die im Schumpeterschen Sozialismus eine entscheidende Rolle spielt. Man beachte nochmals die enge Verzahnung zwischen soziologischer und ökonomischer Sicht: Insgesamt entwickelt sich die Gesellschaft weiter, schafft Voraussetzungen, auf denen der Kapitalismus sich entwickeln kann, doch dieser Kapitalismus wiederum schafft gesellschaftliche Gruppen und ökonomische Produktionsstrukturen, die wiederum die Voraussetzungen für die Entwicklung des Sozialismus schaffen. Eine sozialistische Wirtschaftsund Gesellschaftsordnung sei deshalb nur vorstellbar in einem gewaltigen bürokratischen Apparat, so Schumpeter.482 Diese Bürokratie ist für Schumpeter wiederum nicht das Ende der Demokratie, sondern eine Ergänzung.483 Zwei Vorteile schreibt Schumpeter dem Sozialismus zu: „Erstens: die sozialistische Ordnung wird vermutlich über jene moralische Gefolgschaft verfügen, die dem Kapitalismus immer mehr verweigert wird. […] Zweitens: eines der Hauptverdienste der sozialistischen Ordnung besteht darin, daß sie die Natur der wirtschaftlichen Phänomene mit unmißverständlicher Klarheit zeigt, während in der kapitalistischen Ordnung ihr Gesicht hinter der Maske des Gewinninteresses verborgen bleibt.“484 Der Kapitalismus, so schreibt Schumpter, habe seine Aufgabe erfüllt.485 Das zeige sich an einzelnen Branchen, die bereits unter Staatsverwaltung stünden oder aber reif dafür seien, etwa das Transportsystem, vor allem die Eisenbahn, oder das englische Banksystem.486 482 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 328 483 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 329 484 Schumpeter (Kapitalismus), S. 337 485 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 366 486 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 366f
Seite 108 3.4.5 Sozialismus und Demokratie Wie bereits angedeutet wurde, sieht Schumpeter den Sozialismus nicht im Widerspruch zur Demokratie. Anders als Hayek legt Schumpeter seinen Fokus auf Demokratie. Hayek geht in seiner Analyse im Gegensatz dazu immer von der individuellen Freiheit aus, der die Demokratie zu dienen habe. Es ist aber falsch, Schumpeter als den Vertreter einer Demokratietheorie zu sehen, in der es eine Diktatur der Mehrheit über die Minderheit gibt. Schon gar nicht spricht er sich dafür aus, dass der Sozialismus mit Gewalt durchgesetzt wird oder gegen den Willen der Mehrheit: „Jeder Versuch, die Menschen zu zwingen, etwas anzunehmen, was für gut und schön gehalten wird, was sie aber nicht tatsächlich wollen – obschon sie es vielleicht schätzen lernen würden, wenn sie die Ergebnisse kennten –, trägt den Stempel eines antidemokratischen Bekenntnisses.“487 Die Beziehung zwischen den Begriffen Demokratie und Freiheit ist für Schumpeter deutlich komplexer, als im allgemeinen Gebrauch dieser Termini oft unterstellt wird.488 Hier findet sich also eine Parallele zu Hayek. Schumpeter verwirft die Idee, nach der in demokratischen Systemen der Volkswille durchgesetzt wird, in dem eine Volksvertretung, also ein Parlament, als Repräsentant des Volkes gewählt wird: „Die Geschichte besteht indessen aus einer Folge von kurzfristigen Situationen, die den Lauf der Dinge endgültig verändern können. Wenn das ganze Volk kurzfristig 'zum Narren gehalten' und schrittweise zu etwas verführt werden kann, was es nicht eigentlich will, und wenn das kein Ausnahmefall ist, den wir übersehen dürfen, so wird noch so viel gesunder Menschenverstand rückschauend nichts an der Tatsache ändern können, daß in Wirklichkeit das Volk die Streitfragen weder stellt noch entscheidet, sondern daß diese Fragen, die sein Schicksal bestimmen, normalerweise für das Volk gestellt und entschieden werden. Gerade wer die Demokratie liebt, hat mehr Grund als irgend jemand sonst, diese Tatsache anzuerkennen, und sein Glaubensbekenntnis von dem Vorwurf zu befreien, daß es auf Spiegelfechterei beruht.“489 Wie Hayek den Wert der individuellen Freiheit mit der abendländischen Kulturgeschichte begründet, so sucht auch Schumpeter die Wurzeln für die Rechtfertigung der Demokratie in der Kultur. Ganz bewusst nimmt er keine rationale Begründung vor. Er schreibt: 487 Schumpeter (Kapitalismus), S. 376 488 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 366f 489 Schumpeter (Kapitalismus), S. 420
Seite 109 „Das Christentum birgt jedoch ein stark egalitäres Element. Der Erlöser ist für alle gestorben: er hat keinen Unterschied gemacht zwischen Individuen verschiedenen sozialen Standes. Dadurch hat er Zeugnis abgelegt für den inneren Wert der individuellen Seele, einen Wert, der keine Abstufungen zuläßt. Ist nicht dies eine Sanktionierung – und wie mir scheint, die einzig mögliche –, um 'jeden als einen, niemanden für mehr als einen zu zählen' – eine Sanktionierung, die Artikeln des demokratischen Glaubensbekenntnisses einen überirdischen Sinn einflößt, für die es nicht leicht ist, einen anderen zu finden? [...] Wir können unser Problem auch anders stellen und sagen, daß die Demokratie, wenn sie auf diese Weise motiviert wird, aufhört, eine bloße Methode zu sein, über die man rational wie über eine Dampfmaschine oder ein Desinfektionsmittel diskutieren kann. Sie wird nun tatsächlich zu etwas, wozu ich sie von einem andern Standpunkt aus für unfähig hielt, nämlich zu einem idealen oder richtiger zum Teil eines idealen Schemas der Dinge. […] Unter diesen Umständen bedeutet die demokratische Revolution den Anbruch der Freiheit und der Anständigkeit und der demokratische Glaube ein Evangelium der Vernunft und Verbesserung.“490 Schumpeter bekennt sich also als Demokrat, weist aber auf die Schwächen der klassischen Demokratielehre hin. In dieser klassischen Lehre werden der Wählerschaft fixe und rationale Ansichten über Einzelfragen zugebilligt. Diese Ansichten werden dann dadurch in politische Entscheidungen umgesetzt, indem die Wähler Repräsentanten wählen, die entsprechende Gesetze und Verordnungen erlassen und so den Wählerwillen durchsetzen. Doch Schumpeter dreht diesen Prozess ins Gegenteil. Er definiert: „Die demokratische Methode ist diejenige Ordnung der Institutionen zur Erreichung politischer Entscheidungen, bei welcher einzelne Entscheidungsbefugnis vermittels eines Konkurrenzkampfs um die Stimmen des Volkes erwerben.“491 Zusammengefasst funktioniert Demokratie nach Schumpeter folgendermaßen: Mehrere Bewerber um die Macht ringen um die Gunst der Wähler. Es kommt zu einer Konkurrenz um Wählerstimmen. Die Aufgabe des demokratischen Prozesses besteht also nicht mehr primär darin, dass Repräsentanten gewählt werden, die den Mehrheitswillen durchsetzen, sondern darin, dass es einen Wettbewerb um die Macht gibt. Für Schumpeter klärt diese 490 Schumpeter (Kapitalismus), S. 422-425 491 Schumpeter (Kapitalismus), S. 428
Seite 110 Herangehensweise und seine Erklärung von Demokratie auch das Verhältnis von Demokratie und individueller Freiheit. Dazu weist er zunächst darauf hin, dass keine Gesellschaft absolute individuelle Freiheit dulde – nicht einmal absolute Gewissensund Redefreiheit, wie er betont – aber auch keine Gesellschaft individuelle Freiheit völlig beseitigen könne. Dies sei letztlich eine Frage des Grades. Wenn die Demokratie aber so ausgestaltet sein soll, dass jeder die Freiheit besitzt, sich um die politische Führung zu bewerben und Wahlkampf zu betreiben, dann folgt für Schumpeter daraus, dass es auch ein beträchtliches Maß an Diskussionsfreiheit gibt beziehungsweise geben muss.492 Insbesondere die Pressefreiheit müsse dann normalerweise gewährt sein, so Schumpeter. Provozierend schreibt er: „Demokratie ist die Herrschaft des Politikers.“493 Schumpeter weist darüber hinaus darauf hin, dass in der Demokratie – selbst nach den klassischen Vorstellungen – nicht wirklich der Wille des Volkes durchgesetzt wird, sondern der der Mehrheit. Aus seiner Analyse der Demokratie folgt für Schumpeter die Frage nach dem Parlamentarismus, also der Zusammensetzung der gesetzgebenden Körperschaft nach Stimmanteilen: „Wenn die Anerkennung der Führung die eigentliche Funktion der Stimmabgabe der Wählerschaft ist, bricht die Verteidigung des Proporzes zusammen, weil ihre Prämissen nicht mehr bindend sind. Das Prinzip der Demokratie bedeutet einfach, daß die Zügel der Regierung jenen übergeben werden sollten, die über mehr Unterstützung verfügen als die anderen, in Konkurrenz stehenden Individuen oder Teams. Und dies wiederum scheint die Geltung des Majoritätssystems innerhalb der Logik der demokratischen Methode zu sichern, obschon wir es auf anderen Gebieten, die außerhalb dieser Logik liegen, immer noch verurteilen mögen.“494 Schumpeter zieht aus seinen Analysen den Schluss: „Zwischen dem Sozialismus nach unserer Definition und der Demokratie nach unserer Definition besteht keine notwendige Beziehung: sie können ohneeinander existieren. Gleichzeitig besteht keine Unvereinbarkeit: bei entsprechendem Stand der sozialen Umwelt kann die sozialistische Maschine nach demokratischen Prinzipien laufen.“495 492 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 431 493 Schumpeter (Kapitalismus), S. 452 494 Schumpeter (Kapitalismus), S. 433 495 Schumpeter (Kapitalismus), S. 451
Seite 111 Als eine Bedingung, dass die Demokratie erfolgreich funktioniert, nennt Schumpeter, dass die Sphäre politischer Entscheidungen begrenzt bleibt.496 Es geht Schumpeter also nicht darum, die Staatstätigkeit zu begrenzen, sondern die politische Tätigkeit. Bei vielen Sachfragen müssten die Politiker Spezialisten das Feld überlassen.497 Schumpeter nennt einige Beispiele, wie sich die Tätigkeit des Staates ausweiten lasse, ohne dass es zu einer Vergrößerung der politischen Sphäre kommt. Eines davon ist die Finanzierung der Universitäten in einigen US-Bundesstaaten. Der Staat finanziere die Hochschulen, dennoch blieben diese autonom und frei von staatlicher Einmischung.498 Die Beispiele zeigten: „So ist es denkbar, daß fast alle menschlichen Belange in die Sphäre des Staates einbezogen und doch nicht stärker Gegenstand des politischen Kampfes werden, als es bedingt ist durch die Durchbringung des Gesetzes, das die Vollmacht erteilt, die Behörde ernennt, die sie ausübt, und den Kontakt herstellt, der durch die Rolle der Regierung als allgemeiner Aufsichtsbehörde impliziert ist. Es ist natürlich richtig, daß diese Aufsicht zu einer verderblichen Beeinflussung ausarten kann. Die Macht des Politikers, das Personal nicht-politischer öffentlicher Stellen zu ernennen, wird, wenn hemmungslos ausgeübt, oft an sich schon genügen, um diese zu korrumpieren. Doch das berührt das fragliche Prinzip als solches nicht.“499 Schumpeter ist der Überzeugung, dass die gesamte Wirtschaft staatlich betrieben werden kann, dass dabei aber gleichzeitig der politische Bereich beschränkt werden kann.500 Die demokratischen Institutionen der kapitalistischen Ära müssen seiner Ansicht nach nicht mit dem Kapitalismus untergehen. Allgemeine Wahlen, Parteien, Parlamente, Kabinette und Ministerpräsidenten könnten sich auch in der sozialistischen Wirtschaftsordnung als passend und funktionstüchtig erweisen.501 Um dies zu wiederholen: Damit der Sozialismus überleben kann, ist für Schumpeter entscheidend, dass die Gesellschaft und vor allem die Wirtschaft eine gewisse Reife besitzt.502 Das bedeutet, dass im kapitalistischen System die Großunternehmen eine entscheidende Rolle im Produktionsprozess einnehmen und so der Grad der Bürokratisierung entsprechend weit fortgeschritten ist. Ganz zum Ende seines bedeutendsten Werkes räumt Schumpeter aber mit Illusionen über den Sozialismus auf: 496 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 463 497 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 464 498 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 464f 499 Schumpeter (Kapitalismus), S. 465 500 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 464f 501 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 477 502 vgl. Schumpeter (Kapitalismus), S. 478
Seite 118 Damit verfolgt Schumpeter unter den drei Protagonisten eindeutig ein am wenigsten an der Freiheit der individuellen Person ausgerichtetes Gesellschaftsideal, obwohl er individuell handelnde Personen gemäß seiner Unternehmertheorie auch in der Bürokratie für entscheidend hält. Er vertritt damit die kollektivistischste Gesellschaftstheorie.
Seite 119 3.5.2 Die sozialtheoretischen Grundlagen Schumpeters Allerdings lassen sich seine Vorstellungen nicht einfach einordnen. Wie gezeigt wurde, geht die Betonung der positiven Freiheit zum Teil auf Rousseau zurück, wenngleich Schumpeter wenig von Rousseaus Idee hält, den Staatsbürger erziehen zu müssen. Schumpeter will die Menschen im Grunde so nehmen wie sie sind. Grundsätzlich lässt sich Schumpeter viel schwerer als andere in eine Denkschule einordnen. McCraw weist darauf hin, dass auf Schumpeter Autoren wie Hegel, Comte, Nietzsche, Marx, Freud und Weber Einfluss ausübten.521 Vielleicht hat Schumpeter von allen Autoren etwas übernommen. McCraw schreibt jedoch, dass insbesondere Max Webers Ideen einen unmittelbaren Einfluss auf Schumpeter hatten. Er habe die in Webers Schriften enthaltenen Ideen neu formuliert und für seine eigenen Synthesen genutzt.522 Ein Aspekt in Schumpeters Denken, der sich bereits bei Weber findet, ist der der zunehmenden Bürokratisierung der Gesellschaft. Diese sieht Weber als „die Keimzelle des modernen okzidentalen Staaates“523. Darüber hinaus findet sich bereits bei Weber die Idee, dass Demokratie im Wesentlichen weniger die Herrschaft des Volkssouveräns ist, sondern der Wettstreit von Politkern, „weil alle Politik im Wesen nach Kampf ist“524. Webers Analyse von den Voraussetzungen des Kapitalismus – die Entwicklung seines Geistes – findet sich auch bei Schumpeter, wenngleich dieser sich nicht wie Weber auf den „Gott des Calvinismus“ bezieht, sondern die breitere Entwicklung des abendländischen Denkens berücksichtigt. Beide eint aber die Erkenntnis, dass der Kapitalismus letztlich auf Voraussetzungen aufbaut, die nicht aus der kapitalistischen Rationalität stammen. Weiter oben wurde erwähnt, dass Schumpeter das Programm der Historischen Schule (Gustav Schmoller) gar zum Programm der Zukunft erhoben hat. Schmoller wiederum wird von Winkel als Zwei-Fronten-Kämpfer des 19. Jahrhunderts dargestellt: einmal gegen die „Manchester-Liberalen“, zum anderen gegen die Sozialisten um Marx oder Lassalle.525 Er billigte dem Staat eine Mitwirkung an der Lösung der sozialen Frage zu. Zwar wurde gezeigt, dass Schumpeter zu seiner Zeit deutlich skeptischer in Bezug auf staatliche Eingriffe in den Marktprozess war – er kritisierte die Politik Franklin D. Roosevelts. Aber er schloss eben auch den Übergang zu einem demokratischen Sozialismus nicht aus. Schumpeter ist damit anders als Hayek oder auch Eucken viel weniger in der liberalen Philosophie etwa der schottischen Aufklärung verankert. 521 vgl. McCraw S. 188 522 vgl. McCraw S. 188 523 Weber, M.: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundrisse der verstehenden Soziologie, 5. Auflage, Tübingen: 1980, S. 128 524 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 861 525 vgl. Winkel, H.: Gustav von Schmoller, in: Starbatty, J. (Hg): Klassiker ökonomischen Denkens. Von Platon bis John Maynard Keynes, Hamburg: 2008, S. 97 – 118, S. 101
Seite 120 3.6 Die Rolle des Geldes und der Kreditschöpfung bei Schumpeter im Vergleich zu Hayek und Eucken Der deutlichste Unterschied Schumpeters zum Theoriegebäude Hayeks und Euckens findet sich in der Bedeutung von Banken und der Kreditschöpfung, also die Vergabe von Krediten durch die Banken aus nicht vorhandenen Spareinlagen. Schumpeter betrachtet die Kreditschöpfung „als das monetäre Ergänzungsstück zur Einführung einer Innovation“526. Dagegen wollte Eucken die Giralgeldschöpfung der Banken völlig beenden, ebenso Hayek.527 Schumpeter vergleicht die sozialistische mit der kapitalistischen Ordnung. In beiden müsse es eine Neuallokation der Produktionsmittel geben, um den Innovationsmechanismus in Gang zu setzen. Da diese in der kapitalistischen Ordnung, wo die Produktionsmittel in privater Hand liegen, nicht durch zentrale Anordnung umgewidmet werden können, muss dies folgerichtig über den Marktmechanismus, über Käufe und Verkäufe erfolgen.528 Schumpeter schreibt: „Die Ausgabe neuer hierfür geschaffener Zahlungsmittel entspricht, da unsere Unternehmer keine eigenen Mittel haben und – bisher – keine Ersparnisse vorhanden sind, in der kapitalistischen Gesellschaft den vom Zentralbüro des sozialistischen Staates gegebenen Befehl.“529 Es findet sich nichts von der Idee der Österreichischen Schule, dass nur investiert werden kann, was zuvor gespart worden ist, dass die wirtschaftliche Entwicklung also ein organisch wachsender Prozess ist, der sich so nicht nur realwirtschaftlich sondern auch auf der Seite der Kapitalbewegungen zeigt. Schumpeter überträgt die Entscheidung, wo investiert und damit auch was am Ende produziert wird, wie selbstverständlich den Banken.530 Zur Erinnerung: Bei Eucken und Hayek sollen dies die Konsumenten entscheiden! Schumpeter geht sogar noch einen Schritt weiter. Der Gefahr, dass durch eine zu hohe Geldschöpfung die Inflation steigt, bemisst er eine zweitrangige Rolle bei. Zu dieser Sicht passt, dass Schumpeter den Schotten John Law unter die „ersten Geldtheoretiker aller Zeiten“ einreihte.531 Law propagierte zu Beginn des 18. Jahrhunderts das Papiergeld. Edelmetallgeld sei nicht ausreichend vermehrbar und zu unpraktisch im Umgang, um damit kräftige Konjunkturaufschwünge zu finanzieren, lautete sein Argument. Law erarbeitete deshalb das Konzept eines durch Grund und Boden gedeckten Papiergeldes. Schumpeters Überzeugung, dass geschöpftes Geld und die Kreditvergabe der Banken Voraussetzung für die innovative Tätigkeit der Unternehmer sind, nahm Law gut 300 526 Schumpeter, J.: Konjunkurzyklen, Göttingen: 2008, S. 119 527 vgl. Seite 59f dieser Arbeit 528 vgl. Schumpeter (Konjunkurzyklen), S. 119 529 Schumpeter, J.: Konjunkurzyklen, Göttingen: 2008, S. 119 530 vgl. Schumpeter (Konjunkurzyklen), S. 121 531 vgl. Braunberger, G.: Aufstieg und Fall von John Laws Finanzsystems, in: FAZ vom 1.4.2008, Seite 25
Seite 121 Jahre voraus.532 Laws Idee, im Auftrag der französischen Krone mithilfe der Notenpresse die Erschließung des Gebiets um den heutigen amerikanischen Bundesstaat Louisiana voranzutreiben, endete allerdings im Platzen einer Aktienblase. Das Finanzsystem musste „abgewickelt“ werden.533 Schumpeter schreibt: „Der quantitätstheoretische Gesichtspunkt ist völlig sekundär. Verkehrt an John Law war nicht, daß er Zahlungsmittel in vacuo schuf, sondern daß er sie für Zwecke verwandte, die scheiterten. “534 Wesentlich für Schumpeters Theorie ist, dass er die Geldschöpfung nur als bedeutend bemisst, um die Innovationen von Unternehmern zu finanzieren, nicht aber, um im Sinne der Steigerung der allgemeinen Nachfrage durch Konsumentenkredite einen Aufschwung auf Kredit zu finanzieren.535 Schumpeter äußerte sich auch über die Frage einer Goldwährung bzw. des Goldstandards. Er schrieb über dieses Konzept: „Sie ist die Sicherheitsbremse, welche der Goldmonometallismus automatisch in die Maschinerie einbaut. Wenn in einem solchen monetären System Gesetz oder Gewohnheit weitere Beschränkungen auferlegen, so können sie keinen anderen Sinn haben, als diese Bremse zu verstärken und ihr Funktionieren zu sichern.“536 Deutlicher ist seine Kritik an der Idee, dass die Zentralbank rezessive oder depressive Phasen der konjunkturellen Entwicklung mithilfe der Zinspolitik bekämpfen könne: „Selbst eine durch kein Gesetz beschränkte Fähigkeit, Kredite zu schöpfen, bedeutet noch nicht die tatsächliche Fähigkeit, sie zu schöpfen, geschweige denn, sie wirksam werden zu lassen.“537 Für Schumpeter besteht folglich „im Verlauf der Depression kein großer Wirkungsbereich für die Initiative der Zentralbank.“538 Anders in Zeiten wirtschaftlicher Erholung. Hier hätten die Zentralbanken vor allem im 19. Jahrhundert mehr tun können, um bremsend zu wirken.539 Allerdings habe dies die öffentliche Meinung, wie Schumpeter schreibt, verhindert.540 Damit wiederum ist Schumpeter in der Nähe Hayeks und Euckens. Doch in Fragen der Geldpolitik bleibt ein Antagonismus zu den im ersten Hauptkapitel behandelten Protagonisten. Schumpeter unterscheidet zwischen den Wirkungen der 532 vgl. Braunberger, G.: Aufstieg und Fall von John Laws Finanzsystems, in: FAZ vom 1.4.2008, Seite 25 533 vgl. Braunberger, G.: Aufstieg und Fall von John Laws Finanzsystems, in: FAZ vom 1.4.2008, Seite 25 534 Schumpeter (Konjunkurzyklen), S. 122 535 vgl. Schumpeter (Konjunkurzyklen), S. 122-126 536 Schumpeter (Konjunkurzyklen), S. 129 537 Schumpeter (Konjunkurzyklen), S. 673 538 Schumpeter (Konjunkurzyklen), S. 677 539 Schumpeter (Konjunkurzyklen), S. 678 540 Schumpeter (Konjunkurzyklen), S. 678
Seite 122 Zentralbank auf die Vermögensmärkte und den dort stattfindenden Übertreibungen und dem Auf und Ab des Konjunkturzyklus. Er schreibt: „Innerhalb eines abgeschlossenen Bereichs ist das Verhältnis der Zentralbanken zu dem von uns so genannten leichtsinnigen Bankgeschäft, zu spekulativen Auswüchsen, betrügerischer oder verantwortungsloser Geschäftstätigkeit – besonders finanzieller Art – einer der beiden wichtigen Punkte und die Behandlung von Krisen und Paniken der andere. Eine wirklich wirkungsvolle Bekämpfung des erstgenannten würde eine Aufsichtsgewalt erfordern, die den Zentralbanken bis heute noch nicht zu Gebote stand. Diese Unfähigkeit des Kapitalismus, sich selbst zu beaufsichtigen, ist ebenso auffällig wie sein Unvermögen, sich selbst zu schützen – er braucht immer einen Polizisten und einen Protektor nicht-bürgerlicher Färbung, der ihn reguliert, schützt und ausbeutet. […] gerade dieses Unvermögen erzeugt Krisen zum Unterschied von bloßen Depressionen.“541 Schumpeter verwirft gleichzeitig die Idee, dass eine zu späte expansive Reaktion der Zentralbanken Wirtschaftskrisen hervorruft, gesteht aber zu, dass in der Vergangenheit die Zentralbanken durch ihre Maßnahmen zu einer zeitlichen Verkürzung von wirtschaftlichen Einbrüchen geführt haben.542 Damit lässt sich festhalten, dass zwischen den geldpolitischen Konzepten Hayeks und dem Schumpeters ein grundlegender Unterschied besteht. Das zeigt sich am auffälligsten, wenn man Hayeks Konzept des Währungswettbewerbs nimmt. Kaum etwas könnte diesem Konzept widersprüchlicher entgegenstehen als die Idee, dass die Banken in die Rolle eines zentralen Planers schlüpfen, der für die Umwidmung volkswirtschaftlicher Ressourcen sorgt. Schumpeter steht mit seiner Vorstellung der gesamten Österreichischen Schule der Nationalökonomie diametral entgegen. Natürlich gibt es auch Anknüpfungspunkte. Schumpeter ist grundsätzlich skeptisch, was den Einfluss der Zentralbank auf den Konjunkturablauf angeht, wenngleich er ihn nicht völlig abstreitet. Das gilt insbesondere für seine Kritik an den Möglichkeiten der Geldpolitik, durch Zinspolitik Depressionen zu verhindern. Ähnlich wie die Österreicher hat er hier das Bild vor Augen, dass eine Depression mitunter nötig ist, um eine Reallokation volkswirtschaftlicher Ressourcen zu erwirken. Damit zeigt sich auch ein Anknüpfungspunkt zu Eucken, der von einer Konjunktursteuerung ebenfalls wenig wissen wollte. Allerdings ist Eucken wie Hayek grundsätzlich wesentlich skeptischer als Schumpeter in Bezug auf die geldpolitische Steuerungsfähigkeit der 541 Schumpeter (Konjunkurzyklen), S. 679 542 Schumpeter (Konjunkurzyklen), S. 680
Seite 123 Konjunktur. Eucken und Hayek betonten vor allem die Inflationsgefahr, Schumpeter behandelt diese Frage dagegen untergeordnet. Die Geldschöpfung, die Eucken mittels eines hundertprozentigen Mindestreservesatzes allein der Zentralbank unterstellen will, bleibt bei Schumpeter bei den Banken. Man kann hieraus jedoch nicht ableiten, dass Schumpeter marktwirtschaftlicher gedacht hat als Eucken. Vielmehr hat er die Banken wie dargestellt als eine Art zentralen Planer angesehen, während Eucken genau solche Einrichtungen im Interesse einer dezentralisierten Marktwirtschaft verhindern wollte. Unzweifelhaft trat Schumpeter im Vergleich zu Eucken damit für eine Geldpolitik ein, bei der ein expansives Element – nämlich die Finanzierung von Investitionen über Kreditund Geldschöpfung – eine wesentliche Rolle spielte. Damit gilt: Schumpeter kann im Sinn der Frage dieser Arbeit als Vertreter einer Geldpolitik stehen, die expansiver ausgerichtet ist als es Eucken und erst recht Hayek für vertretbar hielten. Im vorangegangenen Hauptkapitel wurden die geldpolitischen Konzepte Euckens und Hayeks vor allem anhand des Maßstabs, welche Rolle dem Staat in der Geldpolitik zugeordnet wird, verglichen. Dabei zeigte sich, dass Eucken dem Staat in der Geldpolitik ein wesentlich stärkeres Gewicht zuordnet als Hayek, schon weil er für eine Bekämpfung von Deflation eintritt. Damit kann Eucken im Vergleich zu Hayek unzweifelhaft als Vertreter einer expansiveren Geldpolitik angesehen werden. Reiht man die drei bisher behandelten Ökonomen – Hayek, Eucken und Schumpeter – aneinander ergibt sich somit, dass Hayek das kontraktivste geldpolitische Konzept vertritt und Eucken in der Mitte steht. Spätestens mit seiner Forderung nach einer Privatisierung des Geldwesens hat sich Hayek eindeutig davon distanziert, dass die Geldpolitik etwa in Form der Kreditschöpfung durch die Banken nötig oder sinnvoll für den ökonomischen Prozess ist. Eucken gesteht zu, dass ohne diese Form der Kreditund Geldschöpfung die Industrialisierung langsamer fortgeschritten wäre, sieht darin aber zugleich die Ursache von Inflation und Deflation.543 Um beides – Inflation und Deflation – zu vermeiden, plädiert Eucken für eine Warenreservewährung in Verbindung mit einem 100-Prozent-Reservesatz der Banken. Sein Ziel ist dabei nicht die Stärkung der Rolle des Staates in der Wirtschaftspolitik, sondern im Gegenteil die Reduzierung staatlicher Tätigkeit. Er will ein unabhängiges stabiles Ordnungselement für die Marktwirtschaft schaffen und den Zusammenhang zwischen Sparen und Investition stärken, die Geldschöpfung der Banken reduzieren. Eucken ist also, auch dies wurde gezeigt, im Sinne Andereggs Vertreter einer gesellschaftsvertraglichen Geldordnung. Bei Schumpeter finden sich dagegen durch seine Betonung der Kreditschöpfung der Banken und der 543 Vgl. Eucken, Grundzüge der Wirtschaftspolitik, S. 258
Seite 124 Forderung nach Regulierung, um die spekulative Tätigkeit des Bankwesens einzudämmen, starke künstliche Elemente in der Geldordnung. Geld hat hier nicht mehr nur die klassischen Funktionen – Tauschmittel, Recheneinheit und Wertaufbewahrungsmittel – sondern wird eben auch zur Steuerung der Wirtschaft und des Innovationsprozesses geschöpft.
Seite 125 3.7 Zwischenfazit zu Hayek, Eucken und Schumpeter Auch für den dritten Protagonisten dieser Arbeit lässt sich die Frage dieser Arbeit positiv beantworten. Schumpeter hat wie gezeigt das kollektivistischste Gesellschaftsbild. Er plädiert zwar nicht für den Sozialismus und verteidigt eine weitgehende Laissez-faire-Politik im Kapitalismus, sagt aber dennoch den Sieg des Sozialismus voraus und beschreibt, wie er funktionieren könne. In einer sozialistischen Demokratie hält er die individuellen Freiheitsrechte durch die Sicherstellung des politischen Wettbewerbs für ausreichend garantiert – ein fundamentaler Unterschied zu Hayek und Eucken. Darüber hinaus steht er in einer Denktradition, die wenig Berührung mit der liberalen Philosophie der schottischen Aufklärung hat. Er steht vielleicht sogar Rousseau näher als Locke oder Hume. Seine geistigen Väter sind Schmoller und Weber, wobei vor allem ersterer durchaus staatliche Eingriffe in die Wirtschaft befürwortete. Gleichzeitig zeigt er zwar eine gewisse Skepsis bezüglich der Möglichkeit des Staates, durch Geldpolitik (und Haushaltspolitik) die Konjunktur positiv zu steuern. Er erteilt dieser Idee aber keine eindeutige Absage. Und vor allem: Schumpeter hält die Kreditschöpfung der Banken für nötig, um den gesellschaftlichen Produktionsprozess innovativ zu steuern – ein eindeutig expansives Element der Geldpolitik.
Seite 126 4 Milton Friedman – Freiheit und das Wachstum der Geldmenge Vor allem die politische Linke hat sich kaum einen Ökonom so sehr als Lieblingsfeind ausgesucht wie den im Jahr 2006 verstorbenen Amerikaner Milton Friedman. Unzweifelhaft war Friedman einer der einflussreichsten Liberalen des 20. Jahrhunderts. Die Concise Encyclopedia of Economics bezeichnet Friedman als den „prominentesten Anwalt freier Märkte im 20. Jahrhundert“.544 4.1 Milton Friedman: zur Person Friedman wurde im Jahr 1912 als Sohn jüdischer Immigranten in New York geboren.545 Im Alter von 20 Jahren erwarb er an der Rutgers University seinen ersten akademischen Abschluss. Ein Jahr später, im Jahr 1933, schloss er sein Masterstudium an der University of Chicago ab. Im Jahr 1946 wurde er an der Columbia University in New York promoviert. 1976 wurde Friedman mit dem Ökonomie-Nobelpreis für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Analyse des Konsums, der Geschichte und Theorie des Geldes und für seine Demonstration der Komplexitität der Stabilitätspolitik ausgezeichnet. Zuvor war er Berater von Präsident Richard Nixon. Nach seiner Emeritierung an der University of Chicago im Jahr 1977 forschte Friedman bis an sein Lebensende an der Hoover Institution der Stanford University. 546 Seinen wissenschaftlichen Durchbruch hatte Friedman im Jahr 1945 mit dem Werk „Income from Independent Professional Practice“, das er zusammen mit Simon Kuznets veröfftentlicht hatte.547 Darin forderte er eine Stärkung des Wettbewerbs im medizinischen Bereich.548 Eine Wegmarke in Friedmans akademischem Leben war die Veröffentlichung „A Theory of the Consumption Function“ im Jahr 1957, in dem er die bis dahin vorherrschende These von Keynes widerlegte, dass die Bürger stets einen festen Teil ihres Einkommens sparen und einen festen Teil konsumieren.549 Friedman stellte in diesem Werk die bis heute in der Ökonomik verbreitete „Permanente Einkommenshypothese“ auf, die im Wesentlichen besagt, dass die Individuen ihren Konsum über ihre gesamte Lebenszeit versuchen zu glätten, also ihrem gesamten Lebenseinkommen anpassen. Die Concise Encyclopedia of Economics bezeichnet Friedmans Werk „Capitalism and Freedom“ als wichtigstes ökonomisches Buch der 1960er Jahre.550 Friedman plädiert darin für den klassischen Liberalismus und fordert unter anderem die Abschaffung der Wehrpflicht, 544 Vgl. The Concise Enzyklobedia of Economics, zitiert nach: www.econlib.org/library/Enc/bios/Friedman.html (Stand: 28. Juli) 545 Vgl. The Concise Enzyklobedia of Economics, zitiert nach: www.econlib.org/library/Enc/bios/Friedman.html (Stand: 28. Juli) 546 Vgl. The Concise Enzyklobedia of Economics, zitiert nach: www.econlib.org/library/Enc/bios/Friedman.html (Stand: 28. Juli) 547 Vgl. The Concise Enzyklobedia of Economics, zitiert nach: www.econlib.org/library/Enc/bios/Friedman.html (Stand: 28. Juli) 548 Vgl. The Concise Enzyklobedia of Economics, zitiert nach: www.econlib.org/library/Enc/bios/Friedman.html (Stand: 28. Juli) 549 Vgl. The Concise Enzyklobedia of Economics, zitiert nach: www.econlib.org/library/Enc/bios/Friedman.html (Stand: 28. Juli) 550 Vgl. The Concise Enzyklobedia of Economics, zitiert nach: www.econlib.org/library/Enc/bios/Friedman.html (Stand: 28. Juli)
Seite 127 flexible Wechselkurse, freien Zugang zu bisher lizensierten Berufen, eine negative Einkommensteuer sowie Bildungsgutscheine anstelle staatlicher Universitäten. Außerdem stellt er in einer späteren Auflage des Buches seine berühmte Regel vor, nach der die Geldmenge mit einer konstanten Rate zwischen drei und fünf Prozent wachsen solle – die Grundthese des Monetarismus. Diese These wurde vor allem durch das 1963 zusammen mit Anna Schwartz veröffentliche Buch „Monetary History of the United States, 1867 – 1960“ berühmt. Darin wird der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) eine Mitschuld an der Großen Depression zu Beginn der 1930er Jahre gegeben. Der Vorwurf lautet, dass die Fed kein Geldmengenziel verfolgte und deshalb dem Einbruch in der Geldnachfrage nicht gegensteuerte. Bereits im Jahr 1956 hatte Friedman in „Studies in the Quantity Theory of Money“ argumentiert, dass langfristig ein höheres Wachstum der Geldmenge zwar die Preise in einer Volkswirtschaft steigen lässt, aber wenig oder keinen Effekt auf den gesamtwirtschaftlichen Output hat:551 Kurzfristig könne allerdings ein höheres Geldangebot die Beschäftigung und das Wirtschaftswachstum steigern, während ein sinkendes Geldangebot den gegenteiligen Effekt habe. Mit seinem Werk hat Friedman die gängige These der keynesianischen MainstreamÖkonomie verworfen, dass es einen Trade-off gibt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit gibt, die sogenannte Phillippskurve. Diese Sicht kam in Deutschland durch ein berühmtes Zitat von Helmut Schmidt zum Ausdruck. Vor seiner Amtszeit als Bundeskanzler sagte Schmidt einmal: „Fünf Prozent Inflation sind leichter zu ertragen als fünf Prozent Arbeitslosigkeit.“552 Friedman argumentierte, dass die Arbeitslosigkeit, sobald die Menschen die höhere Inflationsrate antizipierten, wieder steigen würde. Nur durch eine immer höhere Teuerungsrate könne somit die Arbeitslosigkeit niedrig gehalten werden, so Friedman. Die Stagflation der 1970er Jahre überzeugte viele Ökonomen von dieser Sicht, es kam zur monetaristischen Gegenrevolution (nach der keynesianischen Revolution, die durch das Werk „The General Theory of Emplyoment, Interest and Money“ im Jahr 1936 ausgelöst worden war). 551 Vgl. The Concise Enzyklobedia of Economics, zitiert nach: www.econlib.org/library/Enc/bios/Friedman.html (Stand: 28. Juli) 552 Schmidt, H., zitiert nach: 2 Prozent = 5400, in: Der Spiegel Nummer 45, Hamburg: 1972, S. 98; Anmerkung: Schmidt war damals Doppelminister für Wirtschaft und Finanzen
Seite 134 Wie bereits angedeutet wurde, liegt Friedman bei der Frage, wie mit wirtschaftlichen Monopolen umzugehen sei, zwischen Hayek und Eucken. Das soll nochmals folgendes Zitat Friedmans verdeutlichen: „Ein Austausch kann nur dann als wirklich freiwillig bezeichnet werden, wenn es annähernd gleichwertige Alternativen gibt und eine echte Freiheit des Austauschs nicht durch Monopole unmöglich gemacht wird. In der Praxis entstehen Monopole häufig – wenn nicht sogar immer – durch Regierungssubventionen oder durch kollektive Absprachen der einzelnen Unternehmer. Die Schwierigkeit besteht also darin, die staatliche Begünstigung von Monopolen zu verhindern oder eine wirksame Gesetzgebung, wie sie die Anti-Trust-Gesetze darstellen, zu unterstützen. Ein Monopol kann auch entstehen, weil es aus technischen Gründen effizient ist, einen einzelnen Produzenten oder ein einzelnes Unternehmen zu haben. Ich wage zu behaupten, dass diese Fälle seltener sind, als man gemeinhin annimmt, aber zweifellos gibt es sie.“579 Was Friedman als technische Monopole bezeichnet, taucht in der modernen wirtschaftswissenschaftlichen Literatur eher unter dem Begriff natürliches Monopol auf. Beide Begriffe meinen aber dasselbe. Wie nun soll aus Friedmans Sicht mit Monopolen umgegangen werden? Er schreibt: „Henry Simons, der die öffentliche Kontrolle von Monopolen in den Vereinigten Staaten untersuchte, kam zu derart erschreckenden Erkenntnissen, dass er jetzt die Meinung vertritt, ein Staatsmonopol sei das kleinere Übel. Walter Eucken, der als deutscher Liberaler das Staatsmonopol der Eisenbahn in Deutschland untersuchte, kam seinerseits zu so erschreckenden Ergebnissen, dass er die öffentliche Kontrolle für das kleinere Übel hält. Nachdem ich aus beiden Beispielen gelernt habe, komme ich wider Willen zu dem Schluss, dass ein maßvolles Privatmonopol wohl das kleinste Übel ist.“580 Friedman legt sich hier nicht fest. Er konstatiert, dass es Fälle geben kann, in denen ein natürliches Monopol ein „de-facto-Staatsmonopol“ rechtfertigen kann, etwa, wenn die Güter, die das Monopol anbietet, unentbehrlich sind und gleichzeitig die Monopolstellung sehr stark ist. Er relativiert dabei die theoretische Idee des vollständigen Wettbewerbs: „Selbstverständlich ist Wettbewerb ein idealer Fixpunkt, so wie eine Euklidische Gerade oder ein Euklidischer Punkt.“581 579 Friedman, Kapitalismus, S. 52 580 Friedman, Kapitalismus, S. 52f 581 Friedman, Kapitalismus, S. 150
Seite 135 Monopole hält er in der Realität für „relativ bedeutungslos“. Er schreibt: „Die Begriffe, wie sie in der Wirtschaftstheorie angewandt werden, sind ideale Fixpunkte, die mehr zur Analyse bestimmter Probleme als zur Beschreibung bestehender Situationen geeignet sind.“582 Wie nun ist diese Sicht einzuordnen? Friedman liegt zwischen Hayek und Eucken. Während es bei Eucken Programm ist, gegen Monopole vorzugehen, ist Friedman skeptisch bezüglich staatlicher Kontrollen von Monopolen, sieht aber trotzdem mehr Handlungsbedarf als Hayek, wenngleich er durchaus Argumente der Österreichischen Schule Vorrang gibt vor denen der Neoklassik, nämlich dass die meisten Monopole vorübergehender Natur seien und im Zeitablauf verschwinden: „Ich neige daher zu der Ansicht, dass ein privates und unkontrolliertes Monopol, wo immer es möglich ist, das kleinste Übel ist. Dynamische Veränderungen werden es höchstwahrscheinlich auflockern, und es gibt zumindest eine realistische Möglichkeit, dass deren Auswirkungen spürbar werden könnten.“583 Anders als Hayek plädiert Friedman hier interessanterweise weniger prinzipientreu, sondern pragmatisch: „Unsere Prinzipien bieten keine festgelegte und bindende Richtlinie dafür, inwieweit es zweckmäßig ist, in Zusammenarbeit mit der Regierung Probleme als Gemeinschaftsaufgabe in Angriff zu nehmen, die man im freiwilligen Einsatz ohne den Staat nur schwer oder gar nicht lösen könnte. In jedem einzelnen Fall einer geplanten Intervention müssen wir eine Bilanz aufstellen, in der wir die Vorund Nachteile gegenüberstellen.“584 Friedman ist also skeptischer in Bezug auf staatliche Eingriffe in den Markt, lehnt diese aber nicht generell ab. Stärker ist seine Ablehnung dagegen, wenn der Staat aus paternalistischen Gründen in den Marktprozess eingreift. Friedman schreibt: „Freiheit ist nur für verantwortungsbewusste Menschen ein überzeugendes Ziel.“585 Auch hier zeigt sich wieder Friedmans grundliegendes Anliegen: Es geht ihm nicht zuallererst um Effizienz, sondern um individuelle Freiheiten. Er verfolgt damit einen normativen Ansatz. Sein Argument gegen Staatseingriffe ist also nicht, dass dies den Präferenzen der Mehrheit widerspricht, was ja in der Realität angesichts der hohen Staatsquoten in den Industrieländern offensichtlich nicht der Fall ist. Ökonomisch 582 Friedman, Kapitalismus, S. 151 583 Friedman, Kapitalismus, S. 159 584 Friedman, Kapitalismus, S. 56 585 Friedman, Kapitalismus, S. 57
Seite 136 gesprochen kritisiert er, dass durch die Staatstätigkeit die Präferenzen der Bürger manipuliert werden, so dass sie seinen normativen Vorstellungen nicht mehr genügen. Bei aller Skepsis wendet er sich dabei aber nicht generell gegen Eingriffe. Ein Paternalismus gerichtet auf jene, die nicht für verantwortungsvoll zu halten seien, sei unvermeidbar.586 Als Beispiel nennt Friedman geistig behinderte Menschen. Zwar ist auch Friedman in liberaler Tradition der Ansicht, dass es die beste Lösung wäre, wenn solche Menschen mit der freiwilligen Hilfe ihrer Mitmenschen rechnen könnten. Er glaube aber, dass nicht auszuschließen sei, dass ein solcher karitativer Einsatz nicht ausreichen könnte, allein schon wegen des Free-Rider-Problems: Wer sich nicht an der karitativen Arbeit beteiligt, erhält einen Nutzen aus dem sozialen Einsatz anderer, es handelt sich also um ein dem geschilderten Problem der Landesverteidigung verwandtes Problem. Friedman schreibt über den Umgang mit Behinderten: „Weder wollen wir ihnen die Freiheit gewähren, noch wollen wir sie töten. […] Aus diesem Grund werden wir damit einverstanden sein, die Obhut und Pflege dieser Menschen dem Staat zu überlassen.“587 Paternalismus gerichtet auf jene, die nicht verantwortungsvoll handeln könnten, sei unvermeidbar, so Friedman. Zusammenfassend schreibt er über die Rolle des Staates in einer freien Gesellschaft: „Eine Regierung, die für Ruhe und Ordnung sorgt, die die Eigentumsrechte definiert, die ein Instrument vorsieht, mit dem wir die Eigentumsrechte und andere Gesetze im Spiel der Wirtschaftskräfte ändern können, eine Regierung, die Kontroversen über die Auslegung der Gesetze entscheidet, die Einhaltung von Verträgen erzwingt, den Wettbewerb fördert, ein monetäres System schafft, sich für die Bekämpfung technischer Monopole und die Beseitigung ihrer Folgewirkungen einsetzt, wenn dies angebracht scheint, und die die private Wohlfahrt und die Familie bei der Fürsorge der Unzurechnungsfähigen, seien es Geisteskranke oder Kinder, unterstützt – eine solche Regierung hat zweifellos eine Reihe wichtiger Funktionen zu erfüllen. Der konsequente Liberale ist kein Anarchist.“588 Diesem positiven Moment des Staates setzt Friedman aber auch Grenzen, vor allem wenn es darum geht, welchen Anteil an der Wirtschaftsleistung eines Landes die Staatsausgaben haben sollten. Die Erfahrung der knapp 20 Jahre zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Erscheinen von „Kapitalismus und Freiheit“ widerlegt nach seiner 586 vgl. Friedman, Kapitalismus, S. 57 587 Friedman, Kapitalismus, S. 57 588 Friedman, Kapitalismus, S. 59
Seite 137 Ansicht die These, dass die Staatsausgaben stabilisierend auf den Konjunkturverlauf wirken. Vielmehr sei der US-Bundeshaushalt die Quelle für starke wirtschaftliche Störungen gewesen.589 Wenn überhaupt eine antizyklische Finanzpolitik betrieben werden soll, dann empfiehlt Friedman eher die Einnahmeseite zu verwenden als die Ausgabenseite, also bei Rezessionen die Steuern zu senken, statt die Ausgaben zu erhöhen. Doch grundsätzlich wendet er sich auch gegen diese Art von Globalsteuerung: „In der Finanzwie in der Geldpolitik – alle politischen Erwägungen einmal zur Seite gestellt – wissen wir einfach nicht genug, um gewollte, absichtliche, wohl überlegte Veränderungen in der Besteuerung oder den Ausgaben als wirksame Stabilisierungsmechanismen benutzen zu können. Wenn wir es dennoch versuchen, können wir fast sicher sein, die Dinge noch schlimmer zu machen.“590 Diese Idee der Unwissenheit über die Komplexität einer Volkswirtschaft erinnert an Hayeks Vorwurf der „Anmaßung von Wissen“. Friedman fordert, Abstand zu nehmen von einer Finanzpolitik, die auf die Steuerung der Konjunktur gerichtet ist, lehnt staatliche Ausgaben aber nicht grundsätzlich ab, sondern plädiert dafür, die Staatsausgaben allein an den Aufgaben auszurichten, die die Allgemeinheit lieber dem Staat überträgt als sie individuell zu tragen. Dabei dürfe es keine Rücksicht auf die kurzfristig schwankende wirtschaftliche Stabilität geben und die Steuerquote müsste sich danach richten, was der Staat leisten solle.591 589 vgl. Friedman, Kapitalismus, S. 100 590 Friedman, Kapitalismus, S. 101f 591 vgl. Friedman, Kapitalismus, S. 102
Seite 138 4.3 Friedmans gesellschaftsund wirtschaftspolitische Vorstellungen im Vergleich zu Hayek, Eucken und Schumpeter Im vorangegangenen Kapitel wurde bereits auf die wesentlichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten Friedmans mit den zuvor behandelten Protagonisten hingewiesen. Sie sollen nun noch einmal deutlich gemacht werden. Zu Beginn steht der Freiheitsbegriff. Anders als bei Schumpeter ist für Friedman eine Trennung von politischer und wirtschaftlicher Freiheit nicht möglich. Vielmehr sieht er in wirtschaftlicher Freiheit eine Vorbedingung für politische Freiheit. Er verneint die Möglichkeit, dass eine sozialistische Gesellschaft demokratisch sein kann. Damit ist Friedmans Menschenund Gesellschaftsbild eindeutig individualistischer als das Schumpeters. Politische Freiheiten wie die Redefreiheit genügen Friedman nicht. Er ist eindeutig auf der Seite von Hayek und Eucken. Wie Eucken, so sieht auch Friedman eine Interdependenz der Ordnungen. Wie im ersten und zweiten Hauptkapitel dargestellt wurde, kann Eucken etwas kollektivistischer eingestuft werden als Hayek, wenngleich beide deutlich stärker vom Individuum aus denken als Schumpeter. Bei der Betrachtung des Freiheitsbegriffs zeigt sich, dass Friedman zwischen Eucken und Hayek steht. Er beginnt anders als Hayek seine Ausführungen nicht mit dem negativen Freiheitsbegriff, bei dem es zur Wahrung der individuellen Freiheit ausreicht, wenn auf ein Individuum kein Zwang von außen ausgeübt wird, sondern folgt eher dem Euckenschen Ansatz und thematisiert das Problem der Macht. Sicher, auch Friedman sieht wie Hayek letztlich die Ballung von politischer Macht bei der Regierung als die Hauptbedrohung der individuellen Freiheit an. Aber anders als Hayek und eher wie Eucken sieht er eben auch wirtschaftliche Macht als Gefahr für die Freiheit an. Er geht bei der Frage, wie dieser Macht zu begegnen sei aber nicht so weit wie Eucken. Das zeigt sich vor allem an der Frage des Umgangs mit Monopolen. Während dies bei Eucken eines der entscheidenden Anliegen ist, bleibt Friedman unter expliziter Nennung Euckens skeptisch, will letztlich nur in wenigen Ausnahmefällen staatliche Eingriffe in den Markt zulassen, selbst wenn es zu technischen Monopolen kommt. Wie Eucken, so beschäftigt sich auch Friedman nicht nur mit der Monopolfrage, sondern auch mit externen Effekten. Auch das rückt ihn in Euckens Nähe. Allerdings traut er dem Staat oder staatlichen Behörden hier weniger zu als Eucken, steht also wieder zwischen Hayek und Eucken. Ein wesentlicher Unterschied besteht auch in der Frage des Steuersystems. Zwar hat auch Hayek einen progressiven Verlauf der Einkommensteuer nicht generell abgelehnt. Aus Hayeks Sicht wäre eine progressiv verlaufende Einkommensteuer dann gerechtfertigt, wenn
Seite 139 sie dazu dient, die gesamte Steuerbelastung aller Einkommen proportional gleich zu gestalten.592 Hayeks Zugeständnis: Da untere Einkommensschichten häufig im Vergleich zu hohen Einkommensbeziehern durch ihre stärkere Konsumquote überproportional viel Mehrwertsteuer bezahlen, hätten sie bei einem rein proportionalen Verlauf der Einkommensteuer eine höhere relative Steuerlast zu tragen als hohe Einkommen. Ein leichter Verlauf der Progression in der Einkommensteuer könnte das ausgleichen. Unterm Strich plädierte also auch Hayek für eine proportional gleiche Steuerbelastung aller Einkommen. Nur das war aus seiner Sicht gerecht, denn nur dann würde das Prinzip, dass für alle Menschen die gleichen Grundsätze angewandt würden, erfüllt.593 Auch Friedman vertrat im Wesentlichen Hayeks Position. Auch er war der Ansicht, dass eine progressive Einkommensteuer ein Zwangsmechanismus ist, der mit freiheitlichen Prinzipien nicht vereinbar ist und dem Postulat der persönlichen Freiheit widerspricht.594 Er gestand lediglich eine indirekte Progression zu, und zwar über die steuerliche Freistellung eines Mindesteinkommens. Außerdem plädierte er für die Einführung einer negativen Einkommensteuer als einziges Mittel zur Bekämpfung der Armut.595 Dieser Vorschlag weicht sicher nicht grundsätzlich von Hayek ab, der ebenfalls zugestand, dass eine minimale Versorgung der Ärmsten nötig ist, zumindest mit Nahrung und Obdach.596 Es mag Unterschiede in Fragen der Steuerpolitik zwischen Hayek und Friedman geben, aber sie sind marginal. Einen wesentlichen Unterschied gibt es zu Eucken. Er plädierte explizit für eine progressive Einkommensteuer, die das Ziel haben solle, die Verteilungsergebnisse der Wettbewerbsordnung zu korrigieren, und die nur dadurch begrenzt sein solle, dass die Höhe des Spitzensteuersatzes nicht negativ auf die Investitionstätigkeit wirkt.597 Zusammengefasst ergibt sich also, dass Friedman sowohl auf Basis seiner Gesellschaftssicht als auch seiner konkreten wirtschaftspolitischen Vorstellungen jenseits der Geldpolitik eine Mittelposition zwischen Eucken und Hayek einnimmt, in einigen Punkten aber deutlich näher an Hayek steht. Damit muss nun auf die Frage eingegangen werden, ob sich eine solche Einordnung auch in Bezug auf die geldpolitischen Vorstellungen Friedmans vornehmen lässt. 592 vgl. Hayek, Verfassung, S. 416 593 vgl. Hayek, Verfassung, S. 425 594 vgl. Friedman, Kapitalismus, S. 207 595 vgl. Friedman, Kapitalismus, S. 228 596 vgl. Hayek, Verfassung, S. 407 597 vgl. Eucken, Wirtschaftspolitik, S. 301
Seite 140 4.4 Friedmans geldpolitische Vorstellungen Friedman hat seine geldpolitischen Vorstellungen im Wesentlichen in einem Satz zusammengefasst: „[...] long-continued Inflation is always and everywhere a monetary phenomenon that arises from a more rapid expansion in the quantity of money than in total output.”598 Es ist deshalb kein Wunder, dass Friedman als einer der wichtigsten Vertreter der quantitätstheoretischen Gleichung gilt. Wie für Hayek und Eucken waren auch für Friedman stets die Regierungen Auslöser von Inflation: „In der Geschichte finden sich hinreichend Beispiele dafür, dass das durchschnittliche Preisniveau von der gesamten Geldmenge einer Volkswirtschaft und nicht von der Gewinnsucht der Unternehmer und Arbeiter bestimmt wird. Regierungen rufen die Tarifpartner zur Zurückhaltung auf, weil sie sich außerstande sehen, mit ihren eigenen Angelegenheiten – darunter auch die Steuerung der umlaufenden Geldmenge – fertig zu werden, ebenso wie mit dem typisch menschlichen Bestreben, Geld zu verdienen und auszugeben.“599 Friedman war der wichtigste Vertreter des Monetarismus. Er hat damit weitgehend das Verständnis der modernen Wirtschaftswissenschaft über den Zusammenhang von Geldpolitik und Inflation mitgeprägt. Grüner weist darauf hin, dass sich bis heute weitgehend die monetaristische Sicht auch gegen eine Reihe anderer Erklärungsversuche durchgesetzt habe, dass Inflation als ein monetäres Phänomen zu begreifen sei. Wenn dem so ist, folgt aber, dass allein die monetäre Autorität, also in erster Linie die Notenbank oder die Regierung, durch ihr Verhalten und ihre strategische Interaktion mit anderen Akteuren die Inflationshöhe bestimmen.600 Die Überzeugung, dass es stets die Regierungen und die von ihr abhängigen Währungsbehörden sind, die die Inflation treiben, teilt Friedman mit Hayek und mit Eucken. Trotzdem gibt es gehörige Unterschiede, wie Hayek selbst in einem Interview, das heute im Internet auf Youtube zu sehen ist, deutlich gemacht hat. Darin macht Hayek einen Unterschied aus zwischen der geldpolitischen Theorie und der Methode, wie Geldpolitik betrieben werden solle. Hayek: „In one respect Milton Friedman is still a Keynesian. Not on monetary theory but on methodology.“601 598 Friedman, M.: Essays on Inflation and Indexation, in: American Enterprise Institute for Public Research, Washington: 1974, zitiert nach: Anderegg, R.: Grundzüge der Geldtheorie und Geldpolitik, München: 2007, S. 214 599 Friedman, Kapitalismus, S. 166 600 vgl. Grüner, H.: Wirtschaftspolitik. Allokationstheoretische Grundlagen und politisch-ökonomische Analyse, Berlin: 2001, S. 141 601 Hayek, zitiert nach: Balling, S.: Stabilität vor Wachstum, in: Schwarz, G. und Wohlgemuth, M. (Hg): Das Ringen um die Freiheit. “Die Verfassung der Freiheit” nach 50 Jahren, Zürich: 2011, S. 180
Seite 141 Hayeks Vorwurf: Friedman ist Makroökonom. Das habe den Effekt, dass er, Hayek, mit Friedman zwar in der grundsätzlichen Wirtschaftspolitik vollkommen einer Meinung sei, aber eben nicht in Fragen der Geldpolitik. Hayek über Friedman: „He is convinced and he believes that he has historically demonstrated that there is a simple relationship between the total quantity of money and the price level. For me, my main difficulty is, that nobody knows what the total quantity of money is. Money has so many different meanings.“602 Es sei eines der größten Unglücke der Volkswirtschaftslehre, dass die Leute an die Quantitätstheorie des Geldes glaubten, wie es die meisten Ökonomen heute tun. Das monetaristische Ideengebäude, die einfache Quantitätsgleichung: all das passt nicht in Hayeks Denken über die spontane Ordnung. Friedman denkt in volkswirtschaftlichen Aggregaten. Hierin zeigt sich bereits ein fundamentaler Unterschied zu Hayek. Dieser Unterschied spiegelt sich auch in den Vorstellungen über die optimale Geldordnung wider. Zunächst sollen nun die entsprechenden Vorstellungen Friedmans skizziert werden. In seinem Werk „Kapitalismus und Freiheit“ widmet Friedman das dritte Kapitel unter der Überschrift „Die Kontrolle über das Geld“ der Frage der Währungsordnung. Darin bezeichnet er die Idee, dass die Regierung in die Wirtschaft eingreifen müsse, um Vollbeschäftigung und Wirtschaftswachstum zu sichern als „absolut irreführend“.603 Friedman schreibt: „Tatsache ist: Die große Depression – wie die meisten Perioden starker Arbeitslosigkeit – wurde mehr durch ein falsches Vorgehen der Regierung als durch eine der freien Marktwirtschaft innewohnende Labilität hervorgerufen. Eine von der Regierung eingerichtete Institution – das Federal Reserve System – war mit der Verantwortung für die Geldpolitik betraut worden. In den Jahren 1930 und 1931 führte das Reserve-System diesen Auftrag so ungeschickt aus, dass aus einer geringen Rezession eine größere Katastrophe wurde.“604 Seine Studien haben Friedman zu dem Schluss geführt, dass mindestens ein Drittel des Preisanstiegs in den USA während und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg der Einführung des Federal Reserve Systems (Fed) zuzuschreiben sei.605 Friedman schreibt: „Dieser Preisanstieg wäre nicht eingetreten, hätte man das frühere Banksystem beibehalten. Die Härte jeder der größeren Rezessionen – 1920/21, 1929/33 und 1937/38 – muss unmittelbar den Anordnungen und Unterlassungen der 602 Hayek, zitiert nach: Balling: Stabilität vor Wachstum, S. 180 603 vgl. Friedman: Kapitalismus und Freiheit, S. 61 604 Friedman: Kapitalismus und Freiheit, S. 61 605 vgl. Friedman: Kapitalismus und Freiheit, S. 68
Seite 142 Autoritäten des Reserve Systems zugeschrieben werden. Unter früheren geldund bankpolitischen Einrichtungen wäre es nicht so schlimm geworden.“606 Nicht nur die Inflation während und nach dem Ersten Weltkrieg war Ergebnis einer falschen Politik der Fed, so Friedman. Auch die Politik am Ende der 1920er Jahre war demnach verheerend. Friedman zufolge hätte die Fed nie zulassen dürfen, dass die Geldmenge von August 1929 bis Oktober 1930 um drei Prozent abnahm. Das sei eine stärkere Verminderung gewesen als während aller vorangegangenen Depressionen. Noch schlimmer seien die Fehler der Fed in den Folgemonaten gewesen. Im November 1930 kollabierten in den USA eine Reihe von Banken, weil die Kunden ihre Einlagen zurückforderten. Es kam zu Bankruns.607 Kommt es zu Bank-runs, sinkt gemäß der ökonomischen Theorie die Geldmenge. Das war auch während der jüngsten Krise nach dem Kollaps amerikanischer Banken zu beobachten, wie die Abbildung zeigt. 606 Friedman: Kapitalismus und Freiheit, S. 68f 607 vgl. Friedman: Kapitalismus und Freiheit, S. 70 – 72
Seite 143 Quelle: Europäische Zentralbank Als im sich Frühjahr 2008 die Finanzkrise abzeichnete, reduzierte sich in der Eurozone das Wachstum des Geldmengenaggregats M 3. Es sackte immer weiter ab, bis das Wachstum Ende 2009 völlig zum Erliegen kam. Zur Erinnerung: Im Frühjahr 2008 kam die USInvestmentbank Bear Stearns in massive Liquiditätsschwierigkeiten, als es erste Anzeichen für ein Ende des US-Subprime-Booms gab. Eine Pleite konnte nur abgewendet werden, indem der Konkurrent JP Morgan das Institut übernahm. Den Höhepunkt erreichte die Finanzkrise wenig später im Herbst 2008 mit der Insolvenz von Lehman Brothers. Die unmittelbare Folge war ein erhöhter Bargeldumlauf. Der Grund: Die Menschen horten aus Sicherheitsgründen in solchen Situationen Bargeld. Der entsprechende Abzug von Einlagen bei den Banken wiederum lässt die Kreditvergabe schrumpfen und die Geldmenge sinken. Genau dieser von Friedman für die Weltwirtschaftskrise beschriebene Effekte zeigte sich auch in der jüngsten Finanzkrise. Anders als zu Beginn der 1930er Jahre steuerten die Zentralbanken diesmal aber gegen. Ein Schrumpfen der Geldmenge ruft eine Deflation hervor, und das wiederum sorgt für einen Wachstumseinbruch, den die Weltwirtschaft auch diesmal wieder erlebte, der allerdings 2004Jan 2004Mar 2004May 2004Jul 2004Sep 2004Nov 2005Jan 2005Mar 2005May 2005Jul 2005Sep 2005Nov 2006Jan 2006Mar 2006May 2006Jul 2006Sep 2006Nov 2007Jan 2007Mar 2007May 2007Jul 2007Sep 2007Nov 2008Jan 2008Mar 2008May 2008Jul 2008Sep 2008Nov 2009Jan 2009Mar 2009May 2009Jul 2009Sep 2009Nov 2010Jan 2010Mar 2010May 2010Jul 2010Sep 2010Nov 2011Jan 2011Mar 2011May -5 0 5 10 15 20 25 30 Abbildung: Entwicklung von Geldmengenaggregat M3 und Bargeldumlauf in der Eurozone Monatliche Veränderung gegenüber Vorjahr in Prozent M 3 Bargeld