Zur Notwendigkeit der historischen Bildung des Architektennachwuchses / J A. Schmoll gen. Eisenwerth
Abstract
UB Digital. Zur Notwendigkeit der historischen Bildung des Architektennachwuchses / J A. Schmoll gen. Eisenwerth. In: DerArchitekt im Zerreisspunkt : Vorträge, Berichte und Diskussionsbeiträge der Sektion Architektur auf dem Internationalen Kongress für Ingenieurausbildung (IKIA) in Darmstadt 1947 / IKIA, 1947, Darmstadt. [hrsg. vom ... Ernst Neufert]. 1948, S. 92-95
Full text
Universitätsbibliothek Paderborn Der Architekt im Zerreisspunkt Vorträge, Berichte und Diskussionsbeiträge der Sektion Architektur auf dem Internationalen Kongress für Ingenieurausbildung (IKIA) in Darmstadt 1947 Zur Notwendigkeit der historischen Bildung des Architektennachwuchses Schmoll, Josef A. Darmstadt, 1948 urn:nbn:de:hbz:466:1-37468
J.A.Schmoll gen .Eisenwerth Zur Notwendigkeit der historischen Bildung des Architektennachwuchses . In: Der Architekt im Zerreisspunkt .Vorträge ,Berichte und Diskussionsbeiträge der Sektion Architektur auf dem Internat .Kongreß für Ingenieurbildung (IKIA )Darmstadt 1947.Hrsg.von Ernst Neufert .Darmstadt 1948,S.92-95.
Sonderdruck aus »DER ARCHITEKT IM ZERREISSPUNKT« Verträge ,Berichte und Diskussionsbeilräge der Sektion Architektur auj dem InternationalenKongreß für Jncjer.ieurausbilduncl (IKIA ) in Darmstadt 1947 1948 EDUARD ROETHER VERLAG •DARMSTADT
J.A.SCHMOLL,GEN.EISENWERTH ZUR NOTWENDIGKEIT DER HISTORISCHEN BILDUNG DES ARCHITEKTENNACHWUCHSES Für den Nicht-Architekten und Kunsthistoriker entbehrt es nicht einer ge¬ wissen Heiterkeit ,zu bemerken ,daß in allen Referaten und Aussprachen , die sich mit dem Problem der Gefahr des historischen Unterrichts befassen , alle Architekten ,selbst diejenigen ,die ihrer Einstellung nach überspitzt als „anti-historisch "zu bezeichnen wären,sich fortwährend der Begriffe ,Beispiele und Fakten der Kunstgeschichte bedienen ,und dies um so mehr,je eindring¬ licher sie die Notwendigkeit der Einschränkung des historischen Unterrichtes an den Hochschulen begründen wollen .Es erscheint darum unnötig ,nach der Daseinsberechtigung der Kunstgeschichte innerhalb der Architektenausbildung zu suchen .—Dennoch muß auf einige Punkte des Problems eingegangen werden.Die Kritik an der historisierenden Verfälschung der schöpferischen Architektur trifft im wesentlichen das vergangene Jahrhundert und dürfte allgemein als erledigt gelten .Die Verfälschung selbst kam nicht von den Kunsthistorikern ,sondern von den Architekten !Sie begann mindestens bei Schinkel ,ganz deutlich bei Semper und seinen Nachfolgern .Die Kunsthisto¬ riker haben sich nur sporadisch zu den Fragen der zeitgenössischen Architek¬ tur im Sinne eines Hinweises auf bestimmte vorbildhafte Stilformen der Ver¬ gangenheit geäußert.Natürlich waren die älteren Kunsthistorikergenerationen —mit Winckelmann ,dem Begründer der neuen Kunstwissenschaft ,beginnend , bis hin zu Kugler ,Schnaase und Schmarsow—von bedeutendem Einfluß auf die Architekten ihrer Zeit.Aber die Ausprägung der kleinen handlichen Münzen zum schablonenhaften Umsatz historischer Stilformen ,zu ihrer schulmäßigen Verbreitung und zu ihrer Anwendung in Theorie und Praxis fand wohl ausschließlich durch Architekten statt.Als einer der letzten Hin¬ weise eines Kunsthistorikers von Rang auf vorbildhafte Stilformen der Ver¬ gangenheit kann die uns heute befremdliche Äußerung Georg Dehios gelten , die er im ersten Bande seiner großen „Geschichte der Deutschen Kunst" 3
Sdimo /I,Notwendigkeit der historischen 'Eildung desArCbitektennadbwudbses (geschrieben um die Zeit des ersten Weltkriegsbeginns )an sein Kapitel der romanischen Baukunst anfügt ,die er für formal fruchtbar in Hinsicht auf eine zukünftige Architektur hielt .— Im übrigen lehnten und lehnen die Kunsthistoriker eine solche Anwendbar¬ keit historischer Formkomplexe auf das Gegenwartschaffen strikt ab. Professor Neufert ,Darmstadt ,zitierte in seinem Kongreß -Referat eine Be¬ merkung des ehemaligen Ordinarius für Kunstgeschichte an der Universität Halle ,Paul Frankl (emigriert nach USA .),aus seiner Unterrichtszeit an der Weimarer Bauhochschule .Danach soll die Kunst -und Baugeschichte ein weites Beobachtungsfeld für den werdenden und schaffenden Architekten sein.So dürfte auch noch die Iheutige Meinung der die Architekten unter¬ richtenden Kunsthistoriker formuliert werden .Den Architekturstudenten soll keine Lehre in Kunstwissenschaft vermittelt werden (das ist Sache der Kunsthistoriker -Ausbildung an den Universitäten ),sondern Kenntnisse und Führung auf dem großen Beobachtungsfeld gewordener Architektur .Prak¬ tisch ist zum Beispiel an der TH .Darmstadt angestrebt worden ,in Kolloquien den Allgemeineindruck bedeutender Bauwerke der Vergangenheit durch Be¬ schreibung und eigene Begriffsfindung in seine Wirkelemente zu präzisieren . So trägt die Kunstgeschichte zur Klärung der Begriffe bei,mit denen der Architekt gedanklich operieren muß . Ein größeres Ziel des historischen Unterrichts bleibt immer jede „ge¬ prägte Form ,die lebend sich entwickelt ",als ein Gewordenes erkennen zu lassen ,das seine eigenen Bindungen und Voraussetzungen besitzt —den ewigen Wandel aller Formen und das in allem Formwandel Ewige. Den überragenden Kunsthistorikern wie Burckhardt ,Dehio ,Wölfflin ,Pin - der ,Clemen ,Hamann ,Frankl (um nur einige deutscher Zunge zu nennen ) verdanken auch die Architekten ganz neue Gebiete des Sehens ,der künst¬ lerischen Anregung und Empfindung und des Schöpfertums .Ohne Burck¬ hardt und Wölfflin beispielsweise wäre uns die Renaissance ein fader Begriff, und wie blutleer blieben uns Barock und staufische Zeit ohne Pinder ,wie unklar das Raumdenken der Romanik ohne Frankl !Aber in Wahrheit stehen diese Leistungen der Kunstwissenschaft ja außer Frage ! Wichtig erscheint die Notwendigkeit des historischen Unterrichts auch, um zur Klärung der Begriffe beizutragen .Es herrscht hier eine unbeschreib - 4
5dimoII Notwendigkeit der historisdjen Bildung des Ardiitektennacbwudises liehe Verwirrung . Zum Beispiel wird mit der Kritik an der historisierenden Architektur im Sinne des vorigen Jahrhunderts zugleich alle „Historie " ab¬ gelehnt . Den historisch -rekonstruierenden Wiederaufbau unserer Städte etwa wird gerade auch derjenige ablehnen , der historisch besonders tief gebildet ist ! Denn nur er weiß , daß in der Geschichte jede Gegenwart ihre eigene Form - weit finden mußte , und daß nicht wiederholt werden kann , was geschehen ist, daß wir nicht zweimal in denselben Fluß steigen können . Andererseits wird der begeisterte Anhänger moderner Architektur nicht außer Acht lassen dürfen , daß unsere Städte organisch gewachsene Lebewesen von individuellem Charakter sind, gegen deren historische Grundstruktur nicht ohne Schaden auch für die Zukunft verstoßen werden kann . So gesehen wird die Frage¬ stellung beim Neuaufbau „historisch oder modern ?" zu einem Scheinproblem . Wir müssen wie der gute Arzt vorgehen , der zunächst die Krankengeschichte studiert , ehe er zur Behandlung und Operation schreitet . Wir müssen unsere alten Städte von Grund auf kennen , müssen die Geschichte eines Baudenkmals begreifen , ehe wir prüfen , wie ihnen zu helfen , wie sie zu neuem Leben zu erwecken sind. — Aber nicht nur zum Neuaufbau historischer Städte oder zur denkmalspflegerischen Tätigkeit im kleinen und großen benötigen wir das historische Wissen . Wir brauchen es letzten Endes auch für jede „freie " schöp¬ ferische Tätigkeit , wenngleich viel hintergründiger , unfaßlicher , transzendenter . Was uns hier insgeheim beschäftigt ist etwas ganz anderes : hinter jenen Problemen von „Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben " — auch Nietzsches Schrift war zeitbedingt und gegen den alles Leben überwuchernden und erstickenden Historismus seiner Epoche gerichtet , gegen einen Historis¬ mus also, der ebenfalls überwunden sein dürfte — hinter den heutigen Frage¬ stellungen steht das umfassendere Problem der Krise des abendländischen Bewußtseins ! Nach den Katastrophen und Zusammenbrüchen unserer Zeit erscheint vielen das späte , hohe Bewußtsein der europäischen Kultur frag¬ würdig . Es breitet sich ein Ressentiment gegen die Geschichte aus, denn Geschichte ist ja nichts anderes als „Selbstbewußtsein " der Gemeinschaft . Man fürchtet nach der Erschlaffung des Schöpferischen die Ertötung des Schöpfe¬ rischen durch das Bewußtsein und Geschichtsbewußtsein . Wir können uns jedoch nicht künstlich „bewußtlos " machen , jedenfalls nicht auf die Dauer . Das ist ja in Wahrheit hinter der Fassade pragmatischer 5
Sdbmoll,Notwendigkeit der historischenBildung des Ar dbitektennad )Wuchses Geschichtsverherrlichung in den totalitären Weltanschauungen der Fall.Wo diese Einengung des Bewußtseins und des Geschichtsbewußtseins hinführt , haben wir erlebt .Wir kommen nicht umhin ,in unserer heutigen Lage das hohe Bewußtsein zu entwickeln ,zu einem sdiarfen Instrument ,das wir zur Kontrolle benutzen .Das Geschichtsbewußtsein ist hiervon ein untrennbarer Bestandteil ,—und ohne das klare europäische Geschichtsbewußtsein gäbe es keine abendländische Kultur mehr ,wie es ohne Bewußtsein kein freies Leben geben kann .